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Steht fest in der Freiheit, für die uns Christus frei gemacht hat! – Teil 5

17. März 2019

Galater 5,1

Eine Untersuchung autoritärer Lehren und Praktiken in evangelikalen Kirchen und Organisationen

Untersuchung einiger spezifischer Lehren des Autoritarismus

Die Vertreter des Autoritarismus benützen verschiedene Bibelstellen, um ihre besonderen Lehren zu begründen. Aber wenn wir ihre Argumente untersuchen, finden wir oft, dass diese Zitate aus dem Zusammenhang gerissen sind, oder dass sie nicht wirklich das aussagen, was der Autoritarismus behauptet. Betrachten wir einige Beispiele.

– „Der Leiter ist die Stimme Gottes für dich.“

Einige Gruppen lehren, die Leiter seien beauftragt, den Christen die Wegweisung Gottes für persönliche Entscheidungen zu vermitteln, z.B. betreffend Wohnort, Arbeit, Wahl ihrer Freunde, Heirat, usw. Sie begründen das mit einigen biblischen Geschichten, wo Gott tatsächlich durch besonders beauftragte Personen Weisungen erteilte.
In der Bibel finden wir zwei Arten von Menschen, die von Gott beauftragt wurden, Menschen sein Wort zu vermitteln: die alttestamentlichen Propheten, und die neutestamentlichen Apostel. Sie waren die einzigen, die mit voller Autorität sagen konnten: „So spricht der Herr.“
Wenn wir zu den Propheten des Neuen Testaments kommen, sehen wir bereits nicht mehr dasselbe Mass an Autorität: die Propheten des Neuen Testaments mussten von der ganzen Gemeinde geprüft werden (1.Kor.14,29; 1.Thess.5,20-21). Heute gibt es niemanden mehr, der anderen Weisungen erteilen könnte „im Namen Gottes“.
In der Ordnung des Neuen Testamentes möchte Gott vielmehr zu jedem Gläubigen persönlich sprechen und ihn persönlich führen, ohne die Einmischung eines Leiters: „Meine Schafe hören meine Stimme…“ (Joh.10,27). Gottes Kinder sind „von Gott gelehrt“ (Joh.6,45) und „vom Heiligen Geist geleitet“ (Röm.8,14).
Ein reifer, weiser Christ kann anderen Rat geben; aber er kann nicht „im Namen Gottes“ Befehle erteilen, die über das hinausgehen, was in der Bibel ausdrücklich geboten ist.

– „Man darf den Pastor nicht kritisieren. Taste den Gesalbten Gottes nicht an.“

Hierzu wird oft Psalm 105,15 zitiert: „Tastet meine Gesalbten nicht an, und tut meinen Propheten kein Leid!“ (ZÜ) Es lohnt sich, den Zusammenhang zu lesen. Der Psalm spricht von Gottes Bund mit Jakob (Israel) und seinen Nachkommen. Von ihnen heisst es, vor dem Auszug aus Ägypten: „Da sie noch wenige Männer waren, erst kurz im Lande und Fremdlinge dort, wanderten sie von Volk zu Volk, von einem Königreiche zum andern. Er liess sie von niemand bedrücken und wies Könige um ihretwillen zurecht: Tastet meine Gesalbten nicht an…“ (v.12-14, ZÜ)
Die „Gesalbten“ sind hier also das ganze Volk Gottes! Nicht ein autoritärer Leiter, sondern das demütige Volk, das als Fremdling „von einem Volk zum andern“ wandert. Und zu wem sagt Gott: „Tastet meine Gesalbten nicht an“? Zu den Königen der anderen Völker! Wir haben hier also keine Grundlage für den Autoritarismus. Im Gegenteil, es ist eine Verheissung Gottes, dass er auch das einfachste Glied seines Volkes in Schutz nimmt vor den Misshandlungen der „Könige“.
Im Reich Gottes gilt kein Ansehen der Person, es gibt keine hierarchischen Privilegien. Jeder Christ, unabhängig von seiner Funktion im Leib Christi, ist nicht mehr als ein Bruder unter Brüdern (Mat.23,8). So soll er auch brüderlich zurechtgewiesen werden, wenn er sündigt oder falsch lehrt.

– „Man darf nie über einen Leiter schlecht reden.“

Zur Begründung werden biblische Warnungen vor Klatsch und Verleumdung genannt (Ps.15,3; Spr.16,28; 26,20). Autoritäre Leiter lehren, dass jeder, der etwas Schlechtes über sie sagt, die Sünde des „Klatsches“ oder der „Verleumdung“ begeht. Damit verhindern sie, dass Opfer von Missbrauch Hilfe suchen, und dass die Probleme offen diskutiert werden.
Die Wahrheit ist, dass die Wahrheit nie Verleumdung ist! Böse Taten sollen getadelt und ans Licht gebracht werden (Eph.5,11), ob der Täter ein „gewöhnliches Mitglied“ oder ein Leiter ist. – Paulus schreibt an Tiimotheus: „Alexander, der Schmied, hat mir viel Böses zugefügt; der Herr wird ihm nach seinen Werken vergelten. Und auch du hüte dich vor ihm! denn er hat unsern Worten grossen Widerstand geleistet.“ (2.Tim.4,14-15). Ist das „Klatsch“ oder „Verleumdung“? Nein, Paulus gibt Timotheus eine nötige Warnung. Auf ähnlich Weise spricht Johannes in seinem dritten Brief „schlecht“ von Diotrephes. Wenn jemand eine Gefahr für andere darstellt (z.B. weil er ein Sexualstraftäter oder ein Psychopath ist), dann müssen diese anderen gewarnt werden.

Ein ähnlicher Trick missbrauchender Leiter besteht darin, darauf zu bestehen, dass jede Konfrontation „privat“ zu erfolgen habe. Manchmal stellen sie sogar eine Menge von Vorbedingungen auf, bevor sie jemandem überhaupt erlauben, sie zur Rede zu stellen: „Bist du sicher, dass du selber ohne Schuld bist? – Hast du genau überprüft, ob alles, was du sagst, exakt den Tatsachen entspricht? – Ist deine Motivation rein, oder handelst du aus Bitterkeit?“ (Als ob es Sünde wäre, sich wegen einer erlittenen Misshandlung erbittert zu fühlen …)
Wenn diese Leiter selber alle diese Bedingungen erfüllen müssten, dann kämen sie nie dazu, ihre Leiterschaft auszuüben; denn sie selber konfrontieren, fordern, kritisieren und beschuldigen ihre „Untergebenen“ ständig, und aus ziemlich fragwürdigen Motiven. Aber in der Weltanschauung des Autoritarismus gelten die Regeln nur für „Untergebene“; die Leiter können tun, was sie wollen. Im Widerspruch zu allen biblischen Ermahnungen, die Person nicht anzusehen.

Ja, in Mat.18,15-17 heisst es, man solle den Täter zuerst privat konfrontieren, „wenn dein Bruder gegen dich sündigt“. Aber das gilt nicht in Fällen wie den folgenden:
– Wenn die Sünde öffentlich ist. Private Sünden sollen privat behandelt werden, aber öffentliche Sünden in der Öffentlichkeit. Deshalb musste Paulus Petrus vor allen Anwesenden zurechtweisen (Gal.2,14), weil dessen Heuchelei alle beeinflusst hatte. Dasselbe gilt für jemanden, der öffentlich falsche Lehren verbreitet: In diesem Fall ist es richtig, ihn öffentlich zu widerlegen.
– Wenn der Sünder ein Leiter ist, und es mindestens zwei oder drei Zeugen gibt. (1.Tim.5,19-20). In diesem Fall soll er öffentlich zurechtgewiesen werden.
– Wenn das Opfer sich in einer verletzbaren Situation dem Täter gegenüber befindet. Es ist ein wichtiges biblisches Prinzip, die Schwachen und Verletzlichen zu schützen. „Öffne deinen Mund für die Witwe, schaffe Recht allen verwaisten Kindern. Öffne deinen Mund zu gerechtem Spruch, und schaffe Recht den Elenden und Armen.“ (Spr.31,8-9, ZÜ). „… damit die Glieder alle sich umeinander kümmern“ (1.Kor.12,25). Es wäre unverantwortlich und nicht dem Geist Gottes gemäss, wenn z.B. verlangt würde, eine junge Frau solle den Mann, der sie vergewaltigt hat, privat und hinter verschlossenen Türen zurechtweisen. Keine Bibelstelle verbietet einem Opfer von Missbrauch irgendeiner Art, die Hilfe anderer Menschen in Anspruch zu nehmen, um sich gegen weitere Fälle von Missbrauch zu schützen.

– „Man muss dem Leiter gehorchen, auch wenn er im Irrtum ist.“

Zur Begründung wird oft die Geschichte von David und Saul zitiert. Als David sich in der Wüste versteckt hielt, hatte er zwei Gelegenheiten, Saul zu töten; aber er entschied, ihn zu verschonen (1.Samuel Kap.24 und 26). David sagte: „Nie werde ich meinem Gebieter, dem Gesalbten des Herrn, das antun, dass ich Hand an ihn legte; denn er ist der Gesalbte des Herrn.“ (1.Samuel 24,6 ZÜ). Und: „Denn wer könnte Hand an den Gesalbten des Herrn legen und bliebe ungestraft?“ (1.Samuel 26,9 ZÜ) Von daher lehren autoritäre Leiter: „David ordnete sich Saul unter, obwohl Saul böse handelte. So müssen sich auch die Christen ihren Leitern unterordnen, auch wenn die Leiter im Irrtum sind.“ Und: „Man darf einen Leiter nicht kritisieren; er ist der Gesalbte des Herrn.“

Entspricht diese Auslegung der Botschaft dieser biblischen Geschichten?

Erinnern wir uns, dass David ein Diener Sauls war. Aber als er verstand, dass Saul ihn töten wollte, floh er zu Samuel (1.Sam.19,11-19). Als Diener Sauls hätte er nicht weglaufen dürfen!
Erinnern wir uns auch, dass David eindeutig ein Rebell war in den Augen Sauls. Sonst hätte er ihn nicht verfolgt. Auch nachdem ihn David zum ersten Mal verschont hatte, sah Saul das offenbar nicht als ein Zeichen der Unterordnung an, denn er verfolgte ihn von neuem. Das zweite Mal sagte Saul: „Komm zurück, mein Sohn David, ich will dir forthin kein Leid mehr tun …“ (1.Sam.26,21 ZÜ). Aber David ging nicht mit Saul. Auch bei dieser Gelegenheit gehorchte David Saul nicht.
Trotzdem zeigt die ganze Geschichte klar, dass Gott auf der Seite des „rebellischen“ David stand und gegen „seinen Gesalbten“ Saul.
Betrachten wir nun die Worte „Hand anlegen an den Gesalbten des Herrn“. Es ging darum, dass Davids Leute Saul töten wollten. Aber einige heutige „Pastoren“ ertragen es nicht einmal, dass jemand sie mit Worten kritisiert: sofort beklagen sie sich, man „lege Hand an den Gesalbten des Herrn“. Zwischen Kritisieren und Töten ist ein riesiger Unterschied!
David kritisierte Saul sehr wohl, und das öffentlich: „Warum hörst du auf das Gerede der Leute, die da sagen: ‚Siehe, David sinnt auf dein Verderben‘? … Wen verfolgt doch der König von Israel? wem jagst du nach? einem toten Hund! einem Floh!“ (1.Sam.24,10.15-16 ZÜ)
Wenn wir also David als Beispiel nehmen, dürfen wir sehr wohl einen Leiter kritisieren, der verkehrt handelt. Und wir haben auch das Recht, einem solchen Leiter nicht zu gehorchen, wenn wir sonst sündigen oder Schaden erleiden müssten.

Ein letzter Aspekt: Wenn ein Leiter die angebliche „Unterordnung“ Davids als Beispiel darstellt, mit wem vergleicht er sich selber? Offenbar mit Saul, dem Verfolger, der selber Gott ungehorsam war. Wer also diese Geschichte benützt, um „Unterordnung“ zu lehren, verrät sich selbst als ein Rebell gegen Gott. Dieser selbe Saul verleumdete David und verdrehte die Tatsachen, als er zu seinen Dienern sagte: „…dass ihr euch alle wider mich verschworen habt und niemand es mir offenbarte, als mein Sohn sich mit dem Sohne Isais verbündete, und dass niemand unter euch Mitleid mit mir hatte und es mir offenbarte, dass mein Sohn meinen Knecht aufgestiftet hat, mir nachzustellen, wie es jetzt am Tage ist?“ (1.Sam.22,8 ZÜ)
So stellte Saul sich selbst als Opfer dar und David als den Angreifer, während es in Wirklichkeit umgekehrt war. So machen es auch viele autoritäre Leiter: Wenn jemand sich darüber beklagt, dass er von ihnen misshandelt wurde, oder sie zurechtweist wegen einer Sünde, dann sagen sie, sie seien Opfer einer „Verschwörung“ und des „Murrens“, und verlangen die Bestrafung des „Rebellen“, oder rufen die Strafe Gottes auf ihn herab und schliessen ihn aus.

Andere gebrauchen das Beispiel Sarahs, die auf Geheiss Abrahams lügen musste (1.Mose 12,11-13; 20,13). Das sei ein „gutes Beispiel der Unterordnung unter ihren Ehemann“. Sie sagen, „in diesem Fall verurteilt Gott Sarah nicht, denn sie war gehorsam; nur Abraham trägt die Verantwortung, weil er die Autorität ist.“ – Aber das Wort Gottes sagt nirgends, dass Sarah richtig gehandelt hätte mit ihrer Lüge! Dass eine Tat in der Bibel berichtet wird, bedeutet noch lange nicht, dass Gott diese Tat gutheisst. Und erst recht nicht, dass es eine Norm für das christliche Leben sei. Die Gebote Gottes sind klar: „Du sollst kein falsches Zeugnis geben“ – egal, wer einem das aufträgt. Und: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ – Das Wort Gottes ist auch klar darin, dass jeder gerichtet wird nach dem, was er selber getan hat: „Denn wir alle müssen vor dem Richterstuhl Christi erscheinen, damit jeder erhält nach dem, was er mittels des Körpers getan hat, sei es gut oder böse.“ (2.Kor.5,10). Vor dem Thron Gottes kann sich niemand herausreden: „Mein Mann hat mich geheissen“, oder „Mein Gemeindeleiter hat mich geheissen.“
Wohin dieser Autoritarismus in letzter Konsequenz führt, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg offenbar. Viele Nazi-Kriegsverbrecher verteidigten sich damit, sie hätten auf Befehl ihrer Vorgesetzten gehandelt. So tötet der Autoritarismus das Gewissen des Einzelnen ab und verwandelt ihn in ein willenloses Folterwerkzeug.

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