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Lateinamerikanische Migranten und die Nachrichten darüber

26. November 2018

Liebe Blog-Leser,

während den letzten Monaten liessen mir meine Aktivitäten keine Zeit mehr zum Blog-Schreiben. Doch nun möchte ich mich zurückmelden, mit einem aktuellen lateinamerikanischen Thema.

Ab und zu lese ich aus Neugier einige Nachrichten aus deutschsprachigen Medien im Internet. Was Lateinamerika betrifft, scheint es da in den letzten Wochen nur ein Thema gegeben zu haben: eine sogenannte „Migrantenkarawane“, die aus einigen mittelamerikanischen Ländern ausgezogen ist und es anscheinend auf die USA abgesehen hat. Dabei werden regelmässig die Regierungen Mexikos und der USA für ihren „Mangel an Mitmenschlichkeit“ gerügt. Meldungen wie die folgende scheinen es dagegen nicht auf die andere Seite des Atlantiks zu schaffen. (Auszugsweise von mir übersetzt) :

Politische Motive in der Karawane von Honduranern beklagt

Der Präsident von Guatemala, Jimmy Morales, (…) erklärte, diese Karawane sei „politisch motiviert. Sie hat zum Ziel, die (Landes-)Grenzen gewaltsam zu durchbrechen. Zu diesem Ziel nützen sie das Wohlwollen der Staaten aus, und bringen damit natürlich das Wichtigste, die Menschen, in Gefahr.“
Angesichts dieses Betrugs, sagte seinerseits der honduranische Präsident, Juan Orlando Hernández, hätten viele Teilnehmer der Karawane ihre Entscheidung bereut, und etwa 2’000 Personen seien in ihr Land zurückgekehrt, während 486 sich noch auf dem Weg befänden. (… Für die Rückkehrer) gebe es in Honduras eine Arbeitsgruppe, um sie zu empfangen, und ein Paket von Angeboten, damit die Personen ihre Lebensqualität verbessern können. (…)“

Tageszeitung „La República“, Lima, 20.Oktober 2018

(„La República“ ist übrigens keineswegs eine „rechtsradikale“ Zeitung, sondern im Gegenteil sozialdemokratisch ausgerichtet. Nur dass sie es nicht für nötig hält, sämtliche Meldungen zu zensurieren, in denen ein anderer Standpunkt zum Ausdruck kommt.)

Doch gibt es daneben eine Tragödie unvergleichlich grösseren Ausmasses, die in den deutschsprachigen Medien völlig zu kurz kommt. Allein in Perú sind während den letzten Jahren über eine halbe Million Venezolaner eingewandert, und täglich kommen etwa tausend dazu. Andere südamerikanische Länder melden ähnliche Zahlen. In Grossstädten wie Lima trifft man inzwischen überall auf Venezolaner. Warum interessieren sich die Nachrichtenmacher in Europa anscheinend nicht dafür? Über die Gründe kann ich nur spekulieren:

Die Venezolaner veranstalten keine gewalttätigen Protestaktionen. Sie kommen auch nicht mit überheblichen Forderungen nach staatlichen Sozialleistungen – die ein Land wie Perú sowieso nicht erbringen könnte. Auch ist die Kriminalität unter ihnen nicht wesentlich grösser als unter der einheimischen peruanischen Bevölkerung. Nein, die meisten kommen bescheiden, gewillt sich anzupassen, und dankbar. Dankbar, dass sie eine Bleibe finden dürfen in einem Land, wo sie nicht auf der Strasse nach Hunden und Ratten jagen müssen, um etwas zu essen zu haben. Deshalb sind sich selbst Ingenieure, Ärzte und Anwälte nicht zu schade, erst einmal in öffentlichen Verkehrsmitteln oder auf der Strasse Imbisse zu verkaufen, solange sie keine Arbeit finden können, die ihrer Ausbildung eher entspricht. – Es zieht sie auch nicht mehrheitlich in die USA. Lieber gehen sie in Länder, wo sie nicht so grosse sprachliche und kulturelle Schranken überwinden müssen. Und wohin die Reise nicht so teuer ist. Ihnen finanziert ja keine internationale Organisation die Reisekosten. – Und natürlich haben sie nicht die Absicht, den Regierungen und Einwohnern ihrer Gastländer bewusst Schwierigkeiten zu bereiten. Kurz, es handelt sich mehrheitlich um ganz normale, friedfertige Migranten „alten Stils“. Und es ist klar, dass es sich bei ihnen um die Opfer einer Notsituation in ihrem Land handelt, und nicht um die Schuldigen. Deshalb hat auch die peruanische Regierung kein überaus grosses Problem damit, ihnen erleichterte Bedingungen für den Grenzübertritt und die Niederlassung zu gewähren. Z.B. wird ihre nationale Identitätskarte als gültiger Ausweis anerkannt, denn die venezolanischen Behörden sind gegenwärtig ausserstande, der Nachfrage nach Pässen nachzukommen. Ob mit Absicht oder aus tatsächlichem Mangel an Kapazität, bleibe dahingestellt.

Diese Art von Migranten dienen nicht als Kanonenfutter für politische Propaganda. Insbesondere weil es etwas schwierig wäre, die Leser davon zu überzeugen, dass auch hier die Prügelknaben der „politisch korrekten“ Medien, Trump und Putin, daran schuld seien. Aus all diesen Gründen sind die Millionen venezolanischer Migranten anscheinend für deutschsprachige Nachrichtenmedien längst nicht so interessant wie die paar tausend Radaumacher aus Mittelamerika. Die Situation der Venezolaner könnte ja dem Leser bewusst machen, was das Wort „Migration“ eigentlich (früher einmal) bedeutete: eine friedliche Auswanderung, oft ausgelöst durch eine echte Notsituation, und mit der Absicht, sich durch eigene Arbeit im Gastland eine neue Existenz aufzubauen und sich an die dortigen Bedingungen anzupassen. So wie vor Jahrzenten z.B. Tamilen, Tibeter, Ungaren, und noch früher Juden in Länder wie die Schweiz flüchteten. – Ja, Fremdenfeindlichkeit hat es immer gegeben; doch sie hielt sich in Grenzen, weil jene Einwanderer in der Regel keine grösseren Probleme verursachten. Wenn sich heute in manchen Teilen Europas eine feindseligere Stimmung den „Migranten“ gegenüber breitmacht, dann muss man sich doch fragen, ob das nicht auch mit dem Verhalten und den Absichten dieser Migranten selber zu tun hat (und den Drahtziehern dieser Migrationen), die sich von früheren Migrationen wesentlich unterscheiden. Das Beispiel der Venezolaner könnte aufzeigen, dass auch heute noch eine Masseneinwanderung möglich ist, ohne dass es zu grösseren politischen Krisen und Zusammenstössen kommen muss. Sofern die Einwanderer die nötigen Voraussetzungen erfüllen.

Und nicht zuletzt muss man sich fragen, angesichts der unausgewogenen Gewichtung der Nachrichten im deutschsprachigen Raum, was für politische Motive bei diesen Medien dahinterstehen.

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Das Gemeindewachstum, das keine Erweckung war

27. April 2013

Europäische Evangelikale schauen manchmal bewundernd oder neidisch auf die Gemeindewachstumsstatistiken in anderen Kontinenten – z.B. in Lateinamerika: „Dort wachsen die Gemeinden! Was machen die bloss anders als wir? Ist dort eine Erweckung ausgebrochen?“

Nun, ich wohne in einem solchen „Gemeindewachstumsland“. Insbesondere in den 90er Jahren sind die evangelikalen Kirchen in Perú zahlenmässig stark gewachsen. Waren die Evangelischen vor 1990 noch eine verschwindend kleine Minderheit in diesem offiziell katholischen (in Wirklichkeit aber mehrheitlich heidnischen) Land, so sprechen Statistiken heute von 15 bis 20% Evangelischen/Evangelikalen. Hat Perú also Erweckung erlebt?

Ich würde mich freuen, wenn es so wäre. Aber nachdem ich eine grosse Zahl von Kirchen näher kennengelernt habe, muss ich leider sagen, dass gerade das Gegenteil der Fall ist. Die Entwicklung der letzten Jahrzehnte wird besser durch das folgende, John Stott zugeschriebene Zitat ausgedrückt:

„Die christliche Kirche hat sich enorm ausgebreitet. Sie ist jetzt tausend Kilometer breit, hat aber nur noch einen halben Zentimeter Tiefgang.“

Die blosse Tatsache, dass viele Menschen sich jetzt „evangelisch“ bzw. „evangelikal“ statt „katholisch“ nennen, sagt noch nichts über ihren Herzenszustand aus. Hätten wir wirklich 15 bis 20% wiedergeborene Christen in Perú, dann sähe dieses Land anders aus!

Wenn ich mich umsehe, sehe ich nicht viel christlichen Einfluss. Mit Ausnahme der Aushängeschilder über den Türen von Kirchengebäuden, und ab und zu der Stimme eines evangelischen Predigers oder Sängers im Radio. Aber ich sehe in den Zeitungen keine Nachrichten über die grossen Taten Gottes. Ich sehe nichts davon, dass die Fernsehserien weniger unmoralisch wären als früher. Ich sehe nichts davon, dass die Politik sauberer und ehrlicher geworden wäre – obwohl es seit etwa zehn Jahren eine politische Partei gibt, die sich „evangelisch“ nennt, wenn es ihr gerade passt; aber diese Partei hat bis jetzt nicht gerade ein gutes Zeugnis gegeben. Ich sehe nichts davon, dass die Leute im allgemeinen, oder die Evangelischen im besonderen, ehrlicher oder grosszügiger oder zuverlässiger geworden wären. Ich sehe in dieser Hinsicht auch keinen Unterschied zwischen den Evangelischen und der übrigen Bevölkerung. Parallel zum Wachstum der evangelischen Gemeinden hat auch die Korruption und die Kriminalität zugenommen.

Andere lateinamerikanische Länder erleben ähnliches. In Guatemala z.B. jubelten die Evangelischen, als mit Elias Serrano erstmals ein Evangelischer zum Präsidenten gewählt wurde. Aber einige Jahre später musste er wegen Korruption seine Präsidentschaft abgeben.

Vergleichen wir damit, was z.B. während der Erweckung in Wales (1904-1905) geschah: Viele Richter und Polizisten hatten keine Arbeit mehr, weil kaum noch Verbrechen begangen wurden. Viele Bars schlossen, weil es kaum noch Trinker gab. Die Zeitungen waren voll von Nachrichten über Gottes Wirken in der Erweckung. Sogar die Pferde in den Bergwerken spürten die Veränderung, weil die Bergwerksarbeiter sie jetzt mit Liebe behandelten statt mit Flüchen und Schlägen. Die Menschen hatten nicht nur ihre Religion geändert, sondern ihre Herzen.
– Ähnliches wird auch von anderen historischen Erweckungen berichtet, z.B. von der methodistischen Erweckung in England, von der koreanischen Erweckung anfangs des 20.Jahrhunderts, u.a. Was für ein Kontrast zur Situation in Lateinamerika!

Das führt zu einer wichtigen Schlussfolgerung: Zahlenmässiges Wachstum ist noch keine Erweckung. Das zahlenmässige Wachstum kann sogar gerade die Abwesenheit von Erweckung verschleiern.

In einer echten Erweckung erhöht sich das Mass der Heiligkeit, und Bekehrungen sind mit radikalen Lebensveränderungen verbunden.
Aber im gegenwärtigen Wachstum werden die meisten neuen „Bekehrten“ mit einer Predigt der „billigen Gnade“ gewonnen, und haben nie wirklich ihre Sünden bereut.

In einer echten Erweckung gewinnen die Prediger und die Christen im allgemeinen Mut, um gegen die Unmoral in ihrem eigenen Leben, in der Gesellschaft, und innerhalb der Kirchen anzugehen. Der Kontrast zwischen den echten Christen und der unbekehrten Welt tritt viel schärfer zutage.
Aber im gegenwärtigen Wachstum passt sich die Kirche der Welt an und biedert sich bei den Regierungen an. Für die Menschen ist es einfacher, ihre Religion zu wechseln, weil es jetzt salonfähig geworden ist, evangelisch zu sein.

In einer echten Erweckung nehmen die Christen wieder das Wort Gottes als Leitlinie, Grundlage und Autorität für ihr Leben ernst.
Aber im gegenwärtigen Wachstum wird der liberalen Theologie mehr und mehr Raum gegeben, welche das Wort Gottes anzweifelt und verachtet.

In einer echten Erweckung werden Christen aus verschiedenen Hintergründen eins; nicht weil sie nach ökumenischer Manier ihre Überzeugungen aufgeben würden, sondern im Gegenteil, weil sie gemeinsam Jesus näherkommen und ihre Hingabe an ihn radikaler wird.
Aber im gegenwärtigen Wachstum nimmt das Konkurrenzdenken zwischen Gemeinden und Denominationen zu, und es entstehen immer neue Spaltungen und Splittergruppen.

In einer echten Erweckung steht Gott und sein lebensveränderndes Wirken im Mittelpunkt.
Aber im gegenwärtigen Wachstum stehen Pastoren und andere Leiter, sowie von Menschen gemachte Programme, Methoden und Kampagnen im Mittelpunkt.

Die solcherart gewachsenen und aufgeblähten Kirchen hätten selber eine echte Erweckung am nötigsten. Das gegenwärtige Gemeindewachstum in Lateinamerika ist leider mit Sicherheit keine Erweckung. Umso notwendiger ist es, immer wieder darauf hinzuweisen, was Kennzeichen einer echten Erweckung sind.