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Paul Lockhart: Mathematik in der Schule (Fortsetzung)

3. Februar 2014

Auszugsweise Übersetzung aus „A Mathematician’s Lament“, von Paul Lockhart (Siehe Vorwort zum 1.Teil)

Wie sollen wir also unsere Schüler Mathematik lehren? – Indem wir begeisternde und natürliche Probleme finden, die ihrem Geschmack, ihrer Persönlichkeit und ihrem Mass an Erfahrung entsprechen. Indem wir ihnen Zeit geben, Entdeckungen zu machen und Vermutungen zu formulieren. Indem wir ihnen helfen, ihre Argumente zu verfeinern, und eine Umgebung gesunder mathematischer Kritik schaffen. Indem wir flexibel sind und offen für plötzliche Richtungsänderungen je nach der Neugier der Schüler. Kurz, indem wir eine ehrliche intellektuelle Beziehung eingehen mit unseren Schülern und unserem Unterrichtsfach.

Natürlich ist das aus mehreren Gründen unmöglich. Abgesehen davon, dass die standardisierten Prüfungen dem Lehrer praktisch keinen Freiraum mehr lassen, bezweifle ich auch, dass die meisten Lehrer überhaupt eine so intensive Beziehung zu ihren Schülern eingehen wollen. Das erfordert zuviel Verletzbarkeit und zuviel Verantwortung – kurz, es ist zuviel Arbeit!

(…)

Mathematik ist aber tatsächlich harte kreative Arbeit, ebenso wie Malerei oder Dichtung. Deshalb ist sie sehr schwer zu lehren. Mathematik ist ein langsamer, gedankenvoller Prozess. Es braucht Zeit, ein Kunstwerk herzustellen; und nur ein geübter Lehrer kann ein solches erkennen. Es ist einfacher, eine Liste von Regeln aufzustellen, als werdende junge Künstler anzuleiten.
Mathematik ist eine Kunst, und Kunst sollte von tätigen Künstlern gelehrt werden, oder zumindest von Menschen, welche die Kunstform wertschätzen und sie erkennen können, wenn sie sie sehen. Warum akzeptieren wir Mathematiklehrer, die nie in ihrem Leben ein eigenes originales Stück Mathematik produziert haben, nichts über die Geschichte und Philosophie ihres Faches wissen, nichts über die neusten Entwicklungen, nichts, was über das hinausgeht, was sie ihren unglücklichen Schülern vorsetzen müssen? Was für ein Lehrer ist das? Wie kann jemand etwas lehren, was er selber nicht ausübt?

(…) Lehren hat nicht mit Informationsvermittlung zu tun. Es bedeutet, eine ehrliche intellektuelle Beziehung zu den Schülern zu haben. Es erfordert keine Methode, keine Hilfsmittel, und keine Ausbildung. Nur die Fähigkeit, echt zu sein. Und wenn Sie nicht echt sein können, dann haben Sie kein Recht, sich unschuldigen Kindern aufzunötigen.
Insbesondere kann man das Lehren nicht lehren. Lehrerseminare sind ein völliger Unsinn. Ja, Sie können Entwicklungspsychologie und alles mögliche lernen, und Sie können darauf trainiert werden, eine Wandtafel „effizient“ zu benützen und einen geordneten „Lektionenplan“ zu erarbeiten (was übrigens sicherstellt, dass Ihre Lektionen geplant sein werden und somit nicht mehr echt); aber Sie werden nie ein wirklicher Lehrer sein, wenn Sie nicht dazu bereit sind, als Person echt zu sein. Lehren bedeutet Offenheit und Ehrlichkeit, die Fähigkeit, Begeisterung zu teilen, und eine Liebe zum Lernen. Wenn Sie dies nicht haben, dann werden Ihnen alle Lehrertitel der Welt nicht helfen; und wenn Sie diese Dinge haben, dann sind Lehrertitel völlig unnötig.

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SIMPLICIO: Gut, ich verstehe, dass Mathematik mit Kunst zu tun hat, und dass wir diese nicht gerade gut vermitteln. Aber ist das nicht zuviel verlangt von unserem Schulsystem? Wir wollen ja keine Philosophen ausbilden, wir wollen nur, dass die Leute die grundlegenden Rechenfertigkeiten erlernen, die sie in unserer Gesellschaft brauchen.

SALVIATI: Aber das ist nicht wahr! Die Schulmathematik beschäftigt sich mit vielen Dingen, die nichts zu tun haben mit der Fähigkeit, in der Gesellschaft klarzukommen – z.B. Algebra oder Trigonometrie. Diese sind völlig irrelevant für das Alltagsleben. Ich schlage einfach vor, dass wenn wir solche Dinge einführen, dass wir es auf organische und natürliche Weise tun. (…) Wir lernen Dinge, weil sie uns jetzt interessieren, nicht weil sie später nützlich sein könnten. Aber genau das verlangen wir von den Kindern in Mathematik.

SIMPLICIO: Aber sollten Drittklässler nicht rechnen können?

SALVIATI: Warum? Möchtest du sie trainieren, dass sie 427 + 389 zusammenzählen können? Das ist nicht die Art von Fragen, die Achtjährige normalerweise stellen. Sogar viele Erwachsene verstehen den Stellenwert im Dezimalsystem nicht wirklich, und du erwartest von Achtjährigen, eine klare Vorstellung davon zu haben? Oder kümmert es dich nicht, ob sie es verstehen? Es ist einfach zu früh für diese Art von technischem Training. Man kann es natürlich tun, aber letztlich schadet es den Kindern mehr, als es ihnen nützt. Es wäre viel besser zu warten, bis ihre eigene natürliche Neugier über Zahlen erwacht.

SIMPLICIO: Was sollen wir dann mit kleinen Kindern im Mathematikunterricht tun?

SALVIATI: Lasst sie spielen! Lehrt sie Schach und Go, Hex und Backgammon, Nim, oder was immer. Erfindet eigene Spiele. Löst Puzzles und Rätsel. Konfrontiert sie mit Situationen, wo sie deduktiv überlegen müssen. Sorgt euch nicht um Notationsweisen und Techniken. Helft ihnen, zu aktiven und kreativen mathematischen Denkern zu werden.

SIMPLICIO: Das scheint mir ein schreckliches Risiko zu sein. Wenn unsere Schüler dann nicht einmal mehr zu- und wegzählen können, was dann?

SALVIATI: Ich denke, es ist ein viel grösseres Risiko, die Schulen von jedem kreativen Ausdruck zu entleeren, wo die Schüler nur noch Daten, Formeln und Wörterlisten auswendig lernen. (…)

SIMPLICIO: Aber es gibt doch ein gewisses mathematisches Grundwissen, das ein gebildeter Mensch kennen sollte.

SALVIATI: Ja, und das wichtigste davon ist das Wissen, dass Mathematik eine Kunstform ist, die die Menschen zu ihrem eigenen Vergnügen ausüben! Ja, es ist gut, wenn die Menschen etwas über Zahlen und Formen wissen. Aber das gewinnt man nicht durch stures Auswendiglernen. Man lernt Dinge, indem man sie tut, und du behältst im Gedächtnis, was dir wichtig ist. Millionen von Erwachsenen haben mathematische Formeln in ihren Köpfen, aber sie haben keine Ahnung, was sie bedeuten. Sie hatten nie die Gelegenheit, solche Dinge selber zu entdecken oder zu erfinden. (…) Sie hatten nicht einmal Gelegenheit, über einer Frage neugierig zu werden, denn die Frage wurde beantwortet, bevor sie gestellt wurde.

SIMPLICIO: Aber wir haben nicht so viel Zeit, dass jeder Schüler die ganze Mathematik selber erfinden könnte! Die Menschheit brauchte Jahrhunderte, um den Satz von Pythagoras zu entdecken. Wie soll ein durchschnittliches Schulkind das schaffen?

SALVIATI: Das erwarte ich gar nicht. Verstehe mich recht. Ich beklage mich darüber, dass Kunst und Erfindung, Geschichte und Philosophie, Zusammenhang und Perspektive überhaupt nicht vorkommen im Mathematiklehrplan. Damit sage ich nicht, Notierung, Techniken und Kenntnisse seien unwichtig. Natürlich sind sie wichtig. Wir brauchen beides. (…) Aber die Menschen lernen besser, wenn sie am Prozess beteiligt sind, der die Ergebnisse hervorbringt.

(…)

Der Mathematiklehrplan

(…) Das Auffälligste am Mathematiklehrplan ist seine Starrheit. Überall werden genau dieselben Dinge in genau derselben Weise und Reihenfolge gesagt und getan. Das hat zu tun mit dem „Leitern-Mythos“ – die Idee, Mathematik könne als eine Reihe von „Themen“ angeordnet werden, von denen jedes ein wenig fortgeschrittener oder „höher“ sei als das vorhergehende. Dadurch wird die Schulmathematik zu einem Wettrennen – einige Schüler sind den anderen „voraus“, und die Eltern anderer fürchten, ihr Kind könnte „zurückbleiben“. Aber wohin genau führt dieses Rennen? Worin besteht die Ziellinie? Es ist ein trauriges Rennen nach Nirgendwo. Am Ende bist du um eine mathematische Bildung betrogen worden, und du weisst es nicht einmal.
Echte Mathematik wird nicht in Konservenbüchsen geliefert. Probleme führen dich dahin, wohin du ihnen folgst. Kunst ist kein Wettrennen. (…)

Anstelle von Entdeckungsreisen haben wir Regeln und Reglemente. Wir hören nie einen Schüler sagen: „Ich war neugierig, was geschieht, wenn man eine Zahl in eine negative Potenz erhebt, und fand heraus, dass es Sinn macht, wenn man darunter den Kehrwert versteht.“ Stattdessen präsentieren Lehrer und Schulbücher die „Regel für negative Exponenten“ als fait accompli, ohne etwas über die Ästhetik dieser Wahl zu sagen, oder wie man darauf kommen kann.

(…) Anstelle eines natürlichen Problemzusammenhangs, in welchem die Schüler selber entscheiden können, welchen Sinn sie ihren Worten geben wollen, werden sie einer endlosen Folge von unbegründeten A-Priori-„Definitionen“ unterworfen. Der Lehrplan ist besessen von Nomenklatur, anscheinend zu dem einzigen Zweck, dem Lehrer Prüfungsstoff zu liefern. Kein Mathematiker in der ganzen Welt würde solche sinnlosen Unterscheidungen machen: 2 1/2 ist eine „gemischte Zahl“, während 5/2 ein „unechter Bruch“ ist. Die beiden Zahlen sind ganz einfach gleich! Es handelt sich um genau dieselbe Zahl mit genau denselben Eigenschaften. Wer, ausser einem Viertklasslehrer, benützt solche Worte?
Natürlich ist es einfacher, die Schüler über ihre Kenntnis einer sinnlosen Definition zu prüfen, als sie zu inspirieren, etwas Schönes zu schaffen und selber den Sinn darin zu finden. Auch wenn wir darin übereinstimmen, dass ein grundlegender gemeinsamer mathematischer Wortschatz wichtig ist, diese Beispiele gehören nicht dazu. Wie traurig, dass Fünftklässler gelehrt werden, statt „Viereck“ oder „vierseitige Form“ „Quadrilateral“ zu sagen (im Englischen), aber dass sie nie in eine Situation kommen, wo sie Wörter wie „Vermutung“ oder „Gegenbeispiel“ gebrauchen könnten.

Anmerkung meinerseits: Hier noch ein etwas exotischeres Beispiel: Wissen Sie, was eine „kodifizierte Zahl“ ist? Nein? Gut, wenn Sie nicht zufällig ein Schulbuchautor für das peruanische (oder irgendein anderes) Erziehungsministerium sind, dann sind Sie entschuldigt, denn niemand sonst gebraucht diesen Begriff. Diese Autoren verstehen unter einer „kodifizierten Zahl“ eine Zahl, die mit den entsprechenden Abkürzungen für „Einer“, „Zehner“, „Hunderter“ usw. geschrieben wird, also z.B. „3T 4H 1Z 8E“.
Und was ist dann eine „dekodifizierte Zahl“? Der gesunde Menschenverstand würde annehmen, es handle sich um die normal geschriebene Zahl, also z.B. „3418“. Aber nein, gemäss den Schulbuchautoren ist eine „dekodifizierte Zahl“ eine „kodifizierte Zahl“, wo statt der Abkürzungen der effektive Stellenwert der Ziffern geschrieben wird, also z.B. „3000 + 400 + 10 + 8“.
Wozu müssen die Kinder derart absurde Begriffe lernen, als ob es sich um äusserst wichtige mathematische Konzepte handle? (Echte Mathematiker gebrauchen diese Begriffe jedenfalls nicht.) Ich hege den Verdacht, solche Wörter seien speziell zu dem Zweck erfunden worden, die völlig unvernünftige Zunahme der Schulstunden während der letzten Jahre zu rechtfertigen.
Rücken wir die Dinge in ihre Perspektive: Diese willkürlich erfundenen Wörter werden in die Gehirne von Zehnjährigen gequetscht, die noch nicht einmal die Namen der häufigsten Pflanzen- und Tierarten ihrer Umgebung kennen, und auch nicht die Namen von allgemein gebräuchlichen Küchengeräten und anderen Haushaltgegenständen. Wahrscheinlich werden sie letztere während ihrer ganzen Schullaufbahn nie kennenlernen, denn sie sind derart beschäftigt mit Schulstunden und Hausaufgaben, dass sie keine Zeit haben, ihren Eltern zuhause etwas zu helfen, oder einen Ausflug aufs Land zu unternehmen und die Natur kennenzulernen. Und ihre Gehirne sind völlig ausgelastet damit, sinnlose Begriffe und Definitionen zu lernen. So denken sie, es sei viel wichtiger zu wissen, was eine „kodifizierte Zahl“ ist, als was ein Salatsieb oder ein Schraubenzieher ist und wozu man diese Dinge benützt.

Sprachlehrer wissen, dass Rechtschreibung und Aussprache am besten im Zusammenhang mit dem Lesen und Schreiben gelernt werden. Geschichtslehrer wissen, dass Namen und Daten uninteressant sind, wenn man den Hintergrund der Ereignisse nicht kennt. Warum ist der Mathematikunterricht im 19.Jahrhundert zurückgeblieben? Vergleichen Sie Ihre Erfahrung des Algebra-Lernens mit Bertrand Russells Erinnerung:

„Ich musste auswendiglernen: ‚Das Quadrat der Summe von zwei Zahlen ist gleich der Summe ihrer Quadrate plus zweimal ihr Produkt.‘ Ich hatte nicht die entfernteste Vorstellung, was das bedeutete, und als ich mich nicht an die Worte erinnern konnte, warf mir mein Lehrer das Buch an den Kopf, was meinen Intellekt in keiner Weise förderte.“

Sind die Dinge heute wirklich so anders?

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Ersetzt jeden Lehrer durch einen Computer und eine Grossmutter!

4. August 2013

Der Softwareingenieur und Lehrer Sugata Mitra aus New Delhi hat in indischen Armenvierteln und entlegenen Dörfern ein äusserst interessantes Bildungsexperiment durchgeführt. Er wollte herausfinden, wie viel Kinder von sich aus lernen können, wenn man nicht viel anderes tut, als ihnen Zugang zu einem Computer mit vorbereiteten Inhalten zu verschaffen. Vereinfacht gesagt, hat sein Experiment gezeigt, dass die Kombination von einem Computer und einer Grossmutter einen viel grösseren Bildungserfolg verspricht als der Unterricht durch einen Lehrer.

Sugata Mitra, „Build a School in the Cloud“ (auf Englisch, deutsche Untertitel verfügbar)

Alternativpädagogen wissen das schon lange. Kinder sind Lerner von Natur aus, und die stärkste Antriebskraft zum Lernen ist ihre eigene Neugier. Wenn sie genügend interessante Materialien zum Untersuchen und Experimentieren zur Verfügung haben – sowie die Freiheit, diese gemäss ihren eigenen Interessengebieten zu nutzen -, dann lernen sie fast von selber. Das war die Erfahrung von Maria Montessori, John Holt, Raymond Moore, Rebeca Wild, und vielen anderen.

Nun fand ich es bemerkenswert, wie Mitra dieses Konzept des Selbst-Lernens ergänzt mit der Grossmutter, die die Kinder ermutigt, weiter voranzugehen, und sich echt für ihre Tätigkeiten interessiert, indem sie neugierige Fragen stellt, statt selber den Kindern erklären zu wollen, „wie man es macht“. Im Gegensatz zu einem Lehrer braucht die Grossmutter also selber gar nichts von Computern usw. zu verstehen. Allein ihre Anteilnahme, ihre Ermutigung und ihre Fragen tragen bereits wesentlich zum Lernerfolg bei.

Bedenken habe ich allerdings, wenn Mitra meint, es gehe genauso gut mit einer „virtuellen Grossmutter“, die Tausende von Kilometern entfernt wohnt und nur auf dem Computerbildschirm zu sehen ist. Meiner Meinung nach ist der nahe persönliche Kontakt zwischen Kindern und Erwachsenen unerlässlich. Wobei es anstelle der Grossmutter natürlich die Eltern sein können, oder evtl. auch ein anderer den Kindern nahestehender Erwachsener.

Falls diese und ähnliche Ideen für die Zukunft der Bildung richtungsweisend sind – und für den konstruktiven, nicht-bürokratischen Flügel der Pädagogen sind sie das bestimmt -, dann dürfte das insbesondere für berufsmässige Lehrer ein schwerverdauliches Thema darstellen. Manche Lehrer reagieren äusserst allergisch, wenn sie mit Untersuchungsergebnissen konfrontiert werden, die nahelegen, dass ihr eigener Berufsstand für den Lernerfolg der Kinder gar nicht so notwendig ist. Insbesondere sehen sie sich zwei grossen Schreckgespenstern gegenüber:
1. Die Möglichkeit, die Kontrolle zu verlieren,
und 2. Die Möglichkeit, ihre Arbeit zu verlieren.

Zu 1: Für mich persönlich war es eine grosse Befreiung, als ich entdeckte, dass ich gar nicht die Kontrolle zu behalten brauche über das Lernen meiner Kinder und meiner Nachhilfeschüler. Zum Lernen ist es keineswegs notwendig, dass Programme und Lektionenpläne eingehalten werden, oder dass alle Kinder zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort sein müssten und ein bestimmtes Thema auf bestimmte Weise lernen müssten. Im Gegenteil, Kinder können gerade dann spektakuläre Fortschritte machen, wenn ihnen erlaubt wird, selber zu entscheiden, wo, wann, was und wie sie lernen möchten. (Siehe z.B „Ein kleines Englisch-Wunder“.) Gerade die heutzutage über Internet verfügbare Informationsvielfalt bietet eine Chance, dass jeder Schüler sein eigenes Lernprogramm zusammenstellen und zu einem selbständigen Lerner werden kann.

Natürlich meine ich damit nicht, dass den Kindern jegliche Art von schlechtem Benehmen, Gewalttätigkeit, Unlauterkeit, etc. erlaubt sein solle. (Solches Benehmen wird ja gerade durch das Zwangsschulsystem indirekt gefördert.) Aber was den Inhalt, den Schwierigkeitsgrad und die Art und Weise ihres Lernens betrifft, da dürfen wir ihnen getrost ein weitgehendes Mitbestimmungsrecht einräumen. Der Erfolg wird einem solchen Vorgehen Recht geben.

Zu 2: Im Zuge einer solchen Bildungsrevolution wird tatsächlich in Zukunft eine geringere Nachfrage nach Lehrern bestehen. Und jene Lehrer, die Teil dieser Zukunft sein möchten, werden ihre eigene Arbeit auf radikale Weise neu erfinden müssen. Sie werden kaum noch „Wissensvermittler“ sein; sie werden aber auch keine „Raubtierdompteure“ mehr sein müssen, die mit allen Kräften eine wilde Bande von dreissig ungezogenen Kindern im Zaum halten müssen. Stattdessen wird ihre Arbeit wahrscheinlich aus Tätigkeiten wie den folgenden bestehen:

– Den Kindern einen Freiraum zum Lernen verschaffen, in welchem es keine Lehr- und Lektionenpläne mehr gibt, keine obligatorischen Aufgaben, und natürlich auch keine Pflicht zum Schulbesuch. Stattdessen werden Lehrer lernen müssen, in die Rolle der ermutigenden Grossmutter zu schlüpfen.

– Die Kinder in ihren eigenen Lernprojekten beraten, und ihnen dabei helfen, die dazu erforderlichen Materialien und Informationen zu finden. Ein Lehrer, der die Interessen und Talente sowie den persönlichen Lernstil eines Kindes kennt, kann ihm helfen, jene Materialien und Lernmethoden zu finden, die am besten zu seiner Eigenart passen.

Nach Bedarf der Kinder Fragen beantworten, beim Lösen von Problemen helfen, und neue Ideen vorschlagen. Das wird viel Flexibilität und ein grosses Verständnis für die Wesensart von Kindern erfordern.

– Informatives Material schaffen (z.B. für auf Internet abrufbare „Wissensbanken“ oder Fernkurse), welches das Lernen erleichtert; oder den Spezialisten in den verschiedenen Wissensgebieten dabei helfen, solches Material herzustellen. Diese Materialien sollten nicht ein „programmiertes Lernen“ darstellen (wie gewisse Computerprogramme, die vorprogrammierte Antworten auf vorprogrammierte Fragen abfragen), sondern im Gegenteil ein Angebot, aus dem die Lernenden auswählen können. Ein solches Vorgehen würde es dann auch ermöglichen, die Tauglichkeit der Materialien in der Praxis zu überprüfen: Wenn die Kinder Wahlfreiheit haben, werden sie häufiger jene Materialien auswählen, die ihren Bedürfnissen angemessen sind; und ein grösserer Prozentsatz wird die Lernziele dieser Materialien erreichen.

All dies wird ein grosses Mass an Erfindergeist, Originalität und Kreativität erfordern. Ich fürchte, dass die meisten Lehrer hierzu am wenigsten vorbereitet sind, da sie in ihrer Ausbildung eher dazu vorbereitet werden, systemkonform zu unterrichten und die obrigkeitlichen Richtlinien zu befolgen. Eine Bildung der Zukunft in der Richtung, wie Sugata Mitra sie andeutet, wird an Lehrer die grosse Herausforderung richten, die Beschränkungen zu überwinden, denen sie von ihrer eigenen Berufsausbildung unterworfen wurden.

Manche Lehrer und Schulplaner üben ihren Beruf nur aus, weil sie sich auf irgendeine Weise den Lebensunterhalt verdienen müssen, aber sie haben keine Berufung dazu. Diese Lehrer und Funktionäre würden der Gesellschaft einen grossen Dienst leisten, wenn sie abträten und Platz machten für echte Pädagogen. Das mag hart klingen; aber ich glaube, dass die meisten dieser Lehrer in ihrem Beruf gar nicht glücklich sind und sich deshalb sogar selber einen Dienst erweisen würden, wenn sie sich einen anderen Beruf suchten.

Andererseits wird ein Lehrer, der seine Arbeit aus echter Berufung heraus tut, auch die Anstrengung unternehmen, die erforderlichen Änderungen durchzuführen und „sich selber neu zu erfinden“. Hauptsächlich deshalb, weil er seine Schüler wirklich liebt und aus dieser Liebe heraus auch dazu bereit ist, neue und ungewohnte Wege zu gehen, um des Wohles der Kinder willen.

John Taylor Gatto: Das Prinzip des gefangenen Flohs

5. Juli 2013

Aus: John Taylor Gatto, „Weapons of Mass Instruction“ (2009)

 

Woher kommt die unheimliche, unmenschliche Passivität von Schulkindern gegenüber den Dingen, die die Erwachsenenwelt von jeher als wichtig angesehen hat? Und die noch unerklärlichere Gleichgültigkeit armer Kinder gegenüber ihrer ominösen Zukunft, die sich ihnen unaufhaltsam nähert?

Als ich noch als Lehrer arbeitete, hatte ich meine Theorien darüber; aber keine, die mich wirklich überzeugte. Bis mir ein elfjähriger taiwanesischer Einwandererjunge namens Andrew Hsu erklärte, wie man den Willen von Flöhen zerbricht, sodass sie dressiert werden können. Seine Erklärung wurde in einer autobiographischen Notiz gedruckt, die er für die Feier schrieb, wo er und ich denselben Preis erhielten; aber die materielle Anerkennung, die ich erhielt, verblasste im Vergleich zu der Lektion, die ich von Andrew an jenem Tag lernte.

Er hatte soeben die Wissenschafts- und Technikausstellung des Staates Washington gewonnen, indem er ein Gen entschlüsselt hatte, das Menschen und Mäuse gemeinsam haben: COL201A. Mit seinen elf Jahren war Andrew bereits ein hervorragender Schwimmer, der viele Trophäen gewonnen hatte. Er sprach fliessend Chinesisch, Französisch und Englisch. In seiner Freizeit arbeitete er als Assistent für professionelle Dokumentarfilme. Und er war nie zur Schule gegangen; er war ein „Homeschool-„Kind.
Als er gebeten wurde, die wichtigste Lektion zu beschreiben, die er in seinem Leben gelernt hatte, und die seine Entscheidungen am meisten beeinflusste, da sagte er, es sei eine Geschichte, die ihm sein Vater erzählt hatte darüber, wie Flöhe dazu dressiert werden, an Trapezen zu schaukeln, kleine Wägelchen zu ziehen, und all die anderen wunderbaren Dinge, die Flöhe seinerzeit lernten, um Könige und ihren Hofstaat zu unterhalten. Diese Geschichte war so:

Wenn man Flöhe in ein niedriges Gefäss setzt, dann springen sie heraus. Aber wenn man das Gefäss eine Zeitlang mit einem Deckel zudeckt, dann stossen sie am Deckel an bei ihren Versuchen, hinauszuspringen; und sie lernen bald, nicht mehr so hoch zu springen. Sie geben ihre Bemühungen um Freiheit auf. Wenn man dann den Deckel wegnimmt, bleiben die Flöhe Gefangene ihrer selbstauferlegten Beschränkungen. So ist auch unser Leben. Die meisten von uns erlauben es unseren eigenen Ängsten, oder den von anderen Personen auferlegten Bedingungen, uns gefangenzuhalten in einer Welt niedriger Erwartungen.

Als ich das las, zog mein ganzen Leben als Lehrer vor meinen geistigen Augen vorüber. Ich war dazu angestellt worden, der Deckel zu sein auf der Petrischale, an dem die Kinder ihre Köpfe anstossen würden bei ihren Versuchen, ihren eigenen Weg zu verfolgen, bis sie es eines Tages erschöpft aufgeben würden. Und damit wurden sie zu geeigneten Dressurobjekten.

Lernen Lehrer, wie Schüler lernen, oder lernen Lehrer, wie Lehrer lehren? (Anhang)

11. Mai 2013

In meiner Artikelfolge habe ich eine Unterlassung begangen. Ich habe nicht klar definiert, was ich unter „Lernen“ verstehe. Ich denke, ich sollte das nachholen, denn es ist wesentlich zum Verständnis meiner These, dass Lehrer nicht lernen, wie Schüler lernen.

Aus meiner Sicht schliesst „Lernen“ folgende Aspekte ein:

– Aneignung von Kenntnissen in einem logischen und sinnvollen Zusammenhang.
– Entwicklung des selbständigen Denkens und Schlussfolgerns; und der Fähigkeit, dieses Denken zu formulieren und anderen Menschen zu kommunizieren.
– Aneignung von praktischen Fähigkeiten mit dem Ziel, diese selbständig ausüben zu können und zu verstehen wie, warum und wozu es getan wird.

Alle meine Ausführungen in der Artikelserie beziehen sich auf das „Lernen“ in diesem Sinn. Der geneigte Leser wird aus meiner Definition zwei Schwerpunkte heraushören, die mir wichtig sind: 1. Das Wort „selbständig“. 2. Es geht nicht nur darum, das Was und das Wie zu wissen, sondern ebenso das Warum und das Wozu.

Ich möchte dies klarstellen, weil von einer anderen Warte aus argumentiert werden könnte, das Schulsystem bringe viel bessere Lernerfolge hervor als ich behaupte – nämlich wenn „Lernen“ auf andere Weise definiert wird. Versteht man unter „Lernen“ die mehr oder weniger gedankenlose Wiedergabe von zuvor aufgenommenem Stoff, oder die ebenso gedankenlose mechanisierte Wiederholung antrainierter Vorgänge und Verhaltensweisen, dann „lernen“ Schüler doch einiges in der Schule. „Gute“ Lehrer (im Sinne des normierten, „korrekten“ Lehrens) bringen es fertig, dass ihre Schüler zum Prüfungstermin einen recht grossen Anteil des durchgenommenen Stoffs wiedergeben können; und dass sie bestimmte Vorgänge (z.B. mechanisierte Methoden zur Lösung spezifischer mathematischer Problemstellungen) wiederholen können. Aber haben sich die Schüler damit wirklich Kenntnisse und Fähigkeiten „angeeignet“? Um dies zu überprüfen, müssten einige Kontrollfragen gestellt werden:

– Wieviel von diesem Stoff beherrschen die Schüler auch noch drei, sechs oder zwölf Monate nach dem Prüfungstermin?
– Können die Schüler auch erklären, was sie tun und warum sie es so tun (z.B. bei mathematischen Methoden)?
– Können die Schüler ihr Wissen auch in anderen Zusammenhängen ausserhalb der Prüfungssituation anwenden – insbesondere in praxisorientierten Problemstellungen? (Können sie z.B. ihre Geometriekenntnisse anwenden, indem sie Pläne eines Hauses zeichnen? Können sie ihre Biologiekenntnisse beim Gärtnern oder in der Tierhaltung anwenden? usw.)

Bei den Schülern, die in unsere Aufgabenhilfe kommen, stelle ich manchmal solche Kontrollfragen bzw. entsprechende Aufgaben. Dabei stelle ich regelmässig eine grosse Diskrepanz fest zwischen (guten) Prüfungsnoten und tatsächlich vorhandenen Kenntnissen und Fähigkeiten. Insbesondere in der Mathematik (dieses Fach nimmt den Löwenanteil an „Nachhilfebedürfnissen“ ein): Wenn die Schüler wissen, was an der Prüfung kommt, und diese nur ein eng umschriebenes Thema umfasst, dann ist es für sie relativ einfach, mit auswendiggelernten Methoden oder Formeln zu den richtigen Lösungen zu kommen. (Erst recht wenn, wie meistens heutzutage, lediglich unter vorgegebenen Mehrfachantworten ausgewählt werden muss – da muss man nur gut raten können.) Sie können aber nicht erklären, warum die Methode funktioniert, was die Formel bedeutet, oder wie man deren Richtigkeit zeigen kann. Sie verstehen auch die Zusammenhänge nicht zwischen ihrem augenblicklichen Prüfungsthema und früher durchgenommenen Themen. Deshalb vergessen sie nach der Prüfung alles wieder. Das ist kein „Lernen“; das ist nur Prüfungstraining. (Siehe „Mathematikunterricht: Eine Frage der Bürokratie oder der Prinzipien?“)

Nun stellt sich natürlich die Frage, welche Art von „Lernen“ vom Schulsystem bezweckt wird. Nehmen wir an, das Schulsystem sei einigermassen effizient, d.h. es erreiche einigermassen das, was es sich vorgenommen hat. Dann können wir vom Ergebnis auf die Absicht schliessen: Das Schulsystem bezweckt anscheinend, in den Schülern die zweitgenannte Art des „Lernens“ zu bewirken, also das gedankenlose Wiedergeben und Nachmachen. Das Schulsystem dient nicht dazu, selbständiges Denken und Arbeiten zu fördern. Im Gegenteil, es bezweckt die Formung von abhängigen, gedankenlosen Befehlsausführern. (Früher wurden solche Personen „Sklaven“ genannt.)
Falls dies zutreffen sollte, dann ist auch klar, warum Lehrer sich nicht dafür interessieren, wie Schüler lernen. In einem solchen System sind ja auch die Lehrer nur gedankenlose Befehlsausführende. Auch sie wurden nur daraufhin trainiert, den Richtlinien ihrer Vorgesetzten Folge zu leisten, ohne nach dem Warum und Wozu zu fragen. Konformität ist alles; ob es dem Schüler etwas nützt, ist unwesentlich.
Ich weiss, das ist eine unfreundliche Schlussfolgerung. Aber sie drängt sich auf; denn die einzige Alternative dazu wäre, unsere Vorannahme zu widerrufen und zu behaupten, das Schulsystem sei völlig ineffizient und unfähig – und dann müssten wir uns doch fragen, warum es überhaupt noch existiert.

Lernen Lehrer, wie Lehrer lehren, oder lernen Lehrer, wie Schüler lernen? (2.Teil)

6. Mai 2013

In einem ersten Teil haben wir gesehen, dass rund die Hälfte der Schüler in der Schule kaum etwas lernen. Das wird sowohl durch Statistiken wie auch durch unsere eigenen Beobachtungen von Einzelfällen bestätigt. Wir haben zudem gesehen, dass in der Lehrerausbildung offenbar das Thema „Wie Kinder lernen“ weitgehend übergangen wird (zumindest hier in Perú). Es wird einfach stillschweigend angenommen, wenn die Lehrer „nach Vorschrift“ lehrten, dann würden die Kinder automatisch lernen – was aber, wie gezeigt, nicht der Fall ist.

Wie lernen also Kinder? Im folgenden einige Punkte, auf die ich bei meinen Nachforschungen gestossen bin, und die anscheinend den meisten Lehrern unbekannt sind:

– Die Fähigkeit zum abstrakten Denken entwickelt sich in der Regel erst in der Pubertät. Abstrakte Übungen, die nicht mit konkreten Gegenständen oder einer konkreten Handlung verbunden sind, und zu denen sich der Schüler auch keine konkrete Vorstellung machen kann, sind deshalb für durchschnittliche Primarschüler sinnlos. Dazu gehören z.B: Definitionen aus dem Wörterbuch abschreiben; Synonyme zu zusammenhanglos ausgewählten Wörtern finden; Satzglieder bestimmen; Rechnen mit Zahlen, die zu gross sind, als dass der Schüler sich eine konkrete Vorstellung davon machen könnte; Auswendiglernen mathematischer Formeln und Definitionen; Rechnen mit algebraischen Ausdrücken; Beschreibungen naturwissenschaftlicher Gegebenheiten, die nicht der Erfahrungswelt des Kindes entstammen; usw.
Stattdessen braucht ein Primarschulkind konkrete Anschauungen, Erfahrungen und Handlungen, um etwas zu lernen. (Siehe dazu auch: „Wenn das Gehirn keine Hände hat“.) Also z.B. besser einen Froschteich besuchen oder Kaulquappen züchten, statt einen Text über Frösche ins Heft schreiben. Besser mathematische Operationen mit konkreten Gegenständen ausführen (Bohnen, Holzstäbe, Münzen, …) statt nur mit Zahlen im Heft. Besser die unterschiedlichsten Gegenstände messen, als seitenweise Meter in Zentimeter umrechnen und umgekehrt. (Ich hatte Schüler, die letzteres jahrelang getan hatten und immer noch keine Ahnung hatten, wie lang ein Meter wirklich ist.) Besser Geschichten lesen und nachspielen, oder konkrete Alltagstätigkeiten ausführen und darüber sprechen, um sich einen grösseren Wortschatz anzueignen, statt Definitionen neuer Wörter zu lernen.
Über diesen Punkt wissen Lehrer eigentlich Bescheid – auch hier in Perú wissen sie zumindest, dass Jean Piaget in der kindlichen Entwicklung eine „Phase der konkreten Operationen“ beobachtet hat. Aber sie wissen anscheinend nicht die Konsequenzen daraus zu ziehen; oder das Schulsystem erlaubt es ihnen nicht. Sie „müssen“ ihre Schüler dazu zwingen, während eines Schuljahres mehrere fünfhundertseitige Arbeitsbücher durchzuarbeiten; und es wird kontrolliert, ob sie bis zum Tag X das Thema Y im Lehrplan erreicht haben. Da bleibt natürlich keine Zeit mehr für wirklich lehrreiche Tätigkeiten wie z.B. die obenerwähnten.

– Formeller Unterricht, wie er in der Schule abgehalten wird, ist für Kinder im Primarschulalter überhaupt nicht geeignet zum Lernen. Kinder in diesem Alter lernen hauptsächlich auf „informelle“ Weise, z.B. indem man zusammen etwas tut und darüber spricht und nachdenkt. Sei es nun Kuchen backen, einen Garten zu bestellen, eine Reise zu planen und durchzuführen, eine Schreiner-, Glaser-, Metall- oder Strickarbeit – alles ist lehrreich und mit bleibenden Eindrücken verbunden, wenn man als Eltern oder Lehrer die Kinder zum Nachdenken und Austauschen über diese Tätigkeiten bringt. Der wichtigste „Motor“ zum Lernen ist die eigene Aktivität des Kindes – und gerade dieser „Motor“ wird im herkömmlichen Schulunterricht stillgelegt, indem die Kinder zum Stillsitzen und zum passiven Zuhören angehalten werden.

– Die emotionelle Umgebung hat einen bestimmenden Einfluss auf die Lernfähigkeit eines Kindes. Ob ein Kind vor einer Prüfung Angst hat oder gelassen und zuversichtlich darangehen kann, beeinflusst das Ergebnis stärker als das effektive Wissen des Kindes. Was mit Freude und Begeisterung getan wird, bleibt eher im Gedächtnis, als was mit Widerwillen oder Langeweile verbunden ist. Eine gute persönliche Beziehung zwischen Lehrer und Kind hat einen grossen Einfluss darauf, ob und wieviel ein Kind von diesem Lehrer lernen wird.
Wir hatten schon mehrere Nachhilfeschüler, die neben ihren Schulschwierigkeiten auch grosse persönliche oder familiäre Probleme hatten. Nachdem wir diese persönlichen Probleme seelsorgerlich aufgearbeitet hatten, verringerten sich auch die schulischen Schwierigkeiten drastisch. (Eine dieser Schülerinnen holte innerhalb von drei Wochen den Mathematikstoff des ganzen letzten Sekundarschuljahres nach.)
Manchmal kommen neue Schüler, die zunächst gar nichts zu verstehen scheinen. Aber nach ein paar Wochen verschwindet dieser Eindruck, und wir sehen, dass sie normal intelligent sind. Aber während der ersten Wochen konnten sie die meisten unserer Fragen nicht beantworten, weil sie noch kein Zutrauen zu uns hatten. Sobald das Vertrauen da war, konnten sie auch unsere Erklärungen verstehen und auf unsere Fragen antworten.
Wo Kinder von Erwachsenen lernen sollen, da ist die persönliche Nähe zu einer erwachsenen Vertrauensperson unerlässlich. Die Zuteilung zu einer Schulklasse und der weitgehend unpersönliche Schulunterricht können eine solch persönliche Nähe nicht bieten. Etwas besser wäre eine Alternativschule mit Kleinklassen – sofern den Lehrern wirklich etwas an der persönlichen Betreuung ihrer Schüler gelegen ist. Aber noch viel besser ist die von Gott ursprünglich eingesetzte Erziehungs- und Bildungseinrichtung: die eigene Familie.

– Damit zusammenhängend: Die beste Lernmotivation sind nicht Noten oder Belohnungen und Strafen; eine viel grössere Motivationskraft hat das eigene Interesse des Kindes, seine Begeisterung und seine Neugier. Das konnte ich bei meinen eigenen Kindern aus erster Hand beobachten.
Z.B. sind sie ausgesprochene Leseratten. Als sie etwa neun oder zehn Jahre alt waren, hatten sie bereits alle für Kinder einigermassen geeigneten Bücher fertig gelesen, die wir im Haus hatten, und ich musste dringend neuen Lesestoff suchen für sie. Wir hatten sie nie zum Lesen gezwungen; aber sie lieben spannende Geschichten und hatten schnell herausgefunden, dass der beste Zugang dazu darin besteht, selber zu lesen. Im Gegensatz dazu interessieren sich Schulkinder, die gezwungenermassen in einem bestimmten Alter lesen lernen mussten, kaum je für ein Buch.
Mein jüngerer Sohn hatte in dem Alter, in dem Schulkinder die fünfte oder sechste Primarklasse besuchen, etwa seinem Alter entsprechende Mathematikkenntnisse. Aber er war ein begeisterter Modellbogenbauer und fing auch an, eigene Modellbogen zu entwerfen. (Siehe „Modellbogen-Geometrie“.) Nun brauchte er für seine Flugzeug- und Raketenmodelle immer wieder gerade und schiefe Kegel. Die ersten konstruierte ich für ihn, aber mit der Zeit lernte er selber, Kegel und Kegelschnitte zu zeichnen und zu konstruieren – ein Thema, das erst in höheren Schuljahren behandelt wird. Aber sein Interesse motivierte ihn, dieses für sein Alter sehr fortgeschrittene Thema zu studieren, bis er es beherrschte.
Mein älterer Sohn war lange Zeit nicht für Geschichte zu begeistern und lernte deshalb auf diesem Gebiet kaum etwas. Dann bekam er das Computerspiel „Age of Empires“ geschenkt und begann plötzlich begeistert über die alten Griechen und Römer zu lesen, über die Hunnen und die Völkerwanderung, über die Kreuzzüge, über die Mayas und die Azteken, usw…

– Jedes Kind lernt anders. Jedes Kind hat seinen eigenen „Entwicklungsfahrplan“ und seinen eigenen Lernstil. Einige Kinder erreichen im Alter von vier Jahren die nötige Reife, um das Lesen zu lernen; andere erst im Alter von neun Jahren. Wenn man diesen Zeitpunkt geduldig abwartet, dann lernt das Kind viel besser und mit viel weniger Stress, als wenn man es unter einen starren Lehrplan zwängt, der voraussetzt, dass alle Kinder im selben Alter dasselbe lernen sollen. Gegenwärtig werden die allermeisten Kinder in einem viel zu frühen Alter dem formellen akademischen Unterricht unterworfen. (Siehe „Besser spät als früh“ und „Diese falsch verschalteten Gehirnzellen…“.) Am anderen Ende des Spektrums befinden sich die hochbegabten Kinder, die von der Schule gebremst und gelangweilt werden, weil man sie zwingt, sich dem mühsamen Schrittempo ihrer Mitschüler anzugleichen.
Einige Kinder sind „sequentielle“ Lerner, d.h. sie müssen Inhalte und Gedankengänge in einer klaren, geordneten Reihenfolge vor sich haben, um sie nachvollziehen und im Gedächtnis behalten zu können. Andere Kinder springen gedanklich von einem zum anderen, lösen Aufgaben in einer wahllosen Reihenfolge und kommen immer wieder auf unerwartete Assoziationen – etwa nach dem Motto: „Der Durchschnittsmensch hält Ordnung, aber das Genie überblickt das Chaos.“ Keine Frage: das Schulsystem bevorzugt einseitig die sequentiellen Lerner – und verliert die Genies.
Einige Kinder achten vor allem auf die Details, andere auf das „grosse Ganze“. Einige Kinder sind eher sprachlich orientiert, andere eher mathematisch-technisch, andere eher mitmenschlich. Einige Kinder lernen besser allein, andere in einer Gruppe. Keine dieser Eigenheiten ist „besser“ oder „schlechter“ als eine andere. Wichtig ist, dass dem Kind erlaubt wird, seinem eigenen „Stil“ gemäss zu lernen. Dann wird es viel schnellere Fortschritte machen, als wenn es einem Einheitsprogramm unterworfen wird, wo alle zur selben Zeit dieselben Dinge auf dieselbe Art tun müssen.
Einige Kinder nehmen Informationen vor allem über die Augen auf, also auf graphische und anschauliche Weise; andere nehmen das meiste im persönlichen Gespräch auf; und wieder andere über die Hände und mittels körperlicher Bewegung. (Ja, man hat herausgefunden, dass es Kinder gibt, die nicht richtig zuhören können, wenn sie dabei stillsitzen müssen – sie müssen einen Gegenstand in ihren Händen drehen und wenden oder sonstwie in Bewegung sein, damit sie zuhören können!) Diese letzteren Kinder sind natürlich in der Schule äusserst benachteiligt: Sie werden als „Unruhestifter“, „ungehorsam“ oder „hyperaktiv“ etikettiert, und im „Programm“ kommt kaum etwas vor, was ihrer Wesensart entspräche und ihnen so die Gelegenheit gäbe, einen Lernerfolg zu verbuchen. Deshalb bekommen diese Kinder oft schlechte Noten und werden dadurch zusätzlich entmutigt. In einer alternativen „aktiven Schule“ oder in einem flexiblen, auf ihre Bedürfnisse zugeschnittenen Homeschooling-Programm könnten sie viel besser (und glücklicher!) lernen.

Das wären also ein paar Themen aus dem Kurs „Wie Kinder lernen“, den wir autodidaktisch mittels unserer eigenen Erfahrungen und Beobachtungen, sowie zusätzlicher Lektüre zum Thema, studiert haben. Eigentlich sollte jeder Lehrer einen derartigen Kurs absolvieren – und vor allem dessen Ergebnisse in die Praxis umsetzen. Dann fände er vielleicht heraus, dass das Lernen der Schüler gar nicht so sehr am Lehren der Lehrer hängt, wie man es ihm in seiner Ausbildung beigebracht hat.

Lernen Lehrer, wie Lehrer lehren, oder lernen Lehrer, wie Schüler lernen? (1.Teil)

1. Mai 2013

Während der letzten Jahre hatte ich Gelegenheit, Dutzende von Schülern zu beobachten, die in der Schule offenbar (fast) nichts lernen. Das sind nicht nur Ausnahmefälle, und das ist auch nicht nur mein subjektiver Eindruck, sondern das ist statistisch bestätigt worden:

„In Mexico machte die OECD vor einigen Wochen bekannt, dass 66% der 15jährigen in Mathematik ungenügend sind, und 52% haben ungenügende Fähigkeiten im Lesen. Die Bildungs- und Kulturzeitschrift „La Tarea“ veröffentlichte die folgende Reportage:
„In der Primarschule wird der Anteil von Kindern, die keinerlei oder nur minimale Leistungen erbringen, mit 31,1% angegeben. Es besteht dabei eine umgekehrte Korrelation zwischen dem Schuljahr und dem Lernniveau. Das erklärt sich dadurch, dass das Kind jedes neue Schuljahr mit einem enormen Rückstand anfängt, welcher sich jedes Jahr kompliziert. In späteren Erhebungen wurde gefunden, dass in der sechsten Klasse das niedrigste Leistungsniveau der ganzen Primarschule herrscht…“
(Aus Kathleen McCurdy, „Die Neuronen, die von der Schule vergessen wurden“, 2006)

Also: Zwischen einem und zwei Drittel aller Schüler haben trotz (oder wegen?) langjährigem regelmässigem Schulbesuch so gut wie nichts gelernt. Woran liegt das? Darüber gibt die Statistik keinen Aufschluss, aber die Beobachtung einiger Einzelfälle kann uns vielleicht auf die Spur führen.

Ein Viertklässler bringt als Hausaufgabe eine Liste von zehn Wörtern, deren Definitionen er im Wörterbuch nachschlagen und abschreiben soll. (Eine Aufgabe, die Schülern hierzulande ziemlich oft und routinemässig aufgegeben wird.) Ich frage ihn, ob ihm diese Wörter bekannt sind. Nein, nur von einem oder zwei hat er eine ungefähre Vorstellung, was es bedeutet; die anderen sind ihm völlig unbekannt. Das erste Wort ist „Phänomen“. Im Wörterbuch steht dazu: „Jegliche Manifestation der Materie oder der Energie. – Aussergewöhnliche oder überraschende Erscheinung.“ – Der Schüler schreibt brav die Definition ab. Dann frage ich ihn: „Kannst du mir jetzt sagen, was ein Phänomen ist?“ – „Hm… so etwas ähnliches wie ein Gespenst.“ – Offenbar hat er die soeben abgeschriebene Definition nicht verstanden. Kein Wunder, denn sie enthält mindestens drei weitere ihm unbekannte Wörter. Ich versuche ihm zu erklären, was es bedeutet, aber der Schüler hat keine Geduld mit mir: „Machen wir schnell weiter, ich möchte fertigwerden, ich habe nachher noch eine Mathematikaufgabe.“

So verbringt der Schüler einen ganzen Nachmittag mit Hausaufgaben, aus denen er nicht das Geringste lernt. Er könnte ebensogut chinesische Schriftzeichen abzeichnen. Kinder im Primarschulalter, deren Denken noch völlig auf das Konkrete ausgerichtet ist, können neue Wörter nicht mit Hilfe abstrakter Definitionen lernen. Sie müssen sie im Zusammenhang einer konkreten Erfahrung oder einer für sie verständlichen Erzählung kennenlernen. Ich frage mich, ob der Lehrerin dieser Sachverhalt bekannt ist?

Viele Primarschüler berichten, sie würden von ihrer Lehrerin geschlagen, wenn sie die Hausaufgaben nicht gemacht hätten oder an einer Prüfung eine schlechte Note hätten. (Ich weiss, das gibt es in Europa in der Regel nicht mehr. Aber ich muss annehmen, dass europäische Lehrer einfach andere, raffiniertere Methoden finden, um „schlechte Schüler“ zu demütigen.) Kein Wunder, dass diese Schüler vor jeder Prüfung (oder sogar vor jedem Schulmorgen) Angst haben und deshalb erst recht versagen. Kümmert das irgendeinen Lehrer?

Seit ein paar Jahren haben peruanische Schüler jeden Morgen fünf bis sieben(!) Stunden Schule – am Stück, mit nur einer halbstündigen Pause zwischendrin. Und allmählich werden jetzt auch die Nachmittage mit jeweils zwei bis drei Schulstunden besetzt; dazu kommen noch zwei bis vier Stunden Hausaufgaben. (Schüler, die in einem Fach Mühe haben, brauchen u.U. noch länger.) Dabei haben Untersuchungen herausgefunden, dass das menschliche Gehirn – sogar bei erwachsenen Studenten – nach spätestens vier Stunden Studium nicht mehr aufnahmefähig ist und dann eine längere Pause benötigt. Was dem gesunden Menschenverstand schon von sich aus klar sein sollte: Ein Kind ist keine Lernmaschine, die man ununterbrochen laufen lassen könnte. Es braucht genauso auch Zeiten der Erholung, der körperlichen Betätigung, der praktischen Arbeit und des Spiels. Wenn man dem Kind diese Zeiten wegnimmt in der Meinung, es würde dann mehr lernen, dann ist das äusserst kontraproduktiv. Haben die Lehrer und Schulplaner irgendwann einmal davon gehört?

Nach einer Reihe solcher und ähnlicher Beobachtungen drängt sich unweigerlich die Frage auf, die ich im Titel gestellt habe: Hören die Lehrer in ihrer pädagogischen Ausbildung eigentlich auch etwas darüber, wie Kinder lernen? Oder wird ihnen nur beigebracht, wie sie nach den Vorstellungen staatlicher Schulplaner lehren sollen?

Da mehrere Mütter unserer gegenwärtigen Nachhilfeschüler selber Lehrerinnen sind, stellte ich diese Frage an einem Elternabend: „Wieviel Zeit wurde in Ihrer Berufsausbildung darauf verwendet, zu studieren, wie Kinder lernen?“ – Sie sahen mich nur gross an und verstanden die Frage gar nicht. Ich musste mich näher erklären: „Sicher haben Sie in Ihrer Ausbildung vieles gelernt über Unterrichtsplanung, Vorbereitung von Lektionen, Didaktik, Lehrmethoden, und wie Sie den ganzen bürokratischen Papierkram ausfüllen müssen. Das sind alles Dinge, die der Lehrer tut und die vom Lehrer erwartet werden. Haben Sie aber auch etwas gelernt darüber, was in den Kindern vorgeht: wie der Lernprozess von seiten des Kindes aussieht; was für eine Umgebung der Entwicklung der kindlichen Intelligenz förderlich ist; was für Arten des Lernens oder Lernstile es gibt, usw.?“ – Nun bekam ich ein paar Antworten, die aber alle auch wieder auf das Lehren abzielten, also auf die Tätigkeit des Lehrers: „Wie man Schulstunden interessant gestalten kann.“ – „In welcher Reihenfolge der Stoff aufgenommen werden soll.“
Ich muss daraus schliessen, dass durchschnittliche Lehrer – zumindest hier in Perú – so gut wie unwissend sind darüber, wie Kinder lernen. (Wie es in anderen Ländern ist, weiss ich nicht; ich schreibe hier aus der Warte meiner eigenen Umgebung.) Und wahrscheinlich interessiert es sie auch nicht besonders, denn sie werden in erster Linie daraufhin kontrolliert, ob sie „richtig“ (d.h. nach den staatlichen Richtlinien) lehren.
Dabei wird jeweils als selbstverständlich vorausgesetzt, dass bei „richtigem“ Lehren der Lehrer automatisch der Lernerfolg der Schüler einträte. Oder wie Ivan Illich sinngemäss sagte: „Das ganze Schulsystem beruht auf der irrigen Annahme, Lernen sei das Ergebnis von Lehren.“ – Diese Annahme wird schon durch die oben angeführten Statistiken widerlegt: Rund die Hälfte der Kinder, die solchem „Lehren“ ausgesetzt sind, lernen kaum etwas. (Und bei weiterem Nachforschen stellt sich heraus, dass jene, die wirklich etwas lernen, sich ihr Wissen zum grössten Teil nicht in der Schule aneignen, sondern von ihren Eltern oder durch selbständiges Lernen. Darüber vielleicht ein anderes Mal…)
Ausserdem gibt es dank der amerikanischen Homeschooling-Bewegung inzwischen tausende von Gegenbeispielen: Kinder, die mehr lernen als durchschnittliche Schulkinder, obwohl (oder weil?!) sie nur selten auf schulmässige Weise „belehrt“ werden. (Ein beträchtlicher Anteil der Homeschooling-Familien benützt keine starren Lehrpläne oder Schulbücher, sondern hat ein flexibles und praxisorientiertes Programm, das hauptsächlich durch die Interessen der Kinder selbst motiviert wird. Siehe „Die Moore-Formel“.)

Wie also lernen Kinder? Dieser Frage wollen wir in einem zweiten Teil nachgehen.

Was ich am Bildungssystem ändern würde

18. April 2013

In einem Blog fand ich diese Frage: „Was würdest du am Bildungssystem ändern?“ – Ich fand die Frage interessant und schrieb eine Antwort, und ich denke, sie würde auch in mein eigenes Blog gut hineinpassen:

Was ich am Bildungssystem ändern würde? (Ich nehme an, der Verfasser der Frage meint „Schulsystem“.) Nun, nichts. Ja, im Ernst! Ich würde es nicht einmal versuchen. Ich würde einfach mich selber und meine Familie davon fernhalten, und mich nicht weiter darum kümmern. (Das ist es ja, was ich effektiv tue – weitgehend.)

Warum? – Weil Bildung und Erziehung kein „System“ ist. Es ist vielmehr etwas, was wir natürlicherweise in unseren täglichen persönlichen Beziehungen tun, wann immer wir mit Menschen zusammen sind, die etwas von uns lernen können (und wollen). Das gilt natürlich zuallererst für Eltern ihren Kindern gegenüber; und dann für alle Menschen, die irgendwelche besonderen Kenntnisse oder Fähigkeiten haben, von denen andere Menschen lernen können. Das einzige „Problem“, das hierbei möglicherweise auftritt, besteht darin, wie die beiden miteinander in Kontakt kommen können: derjenige, der sich eine bestimmte Fähigkeit aneignen möchte, und derjenige, der das nötige Wissen und die nötige Erfahrung anbieten kann, um diese Fähigkeit zu lernen.

So hat Erziehung und Bildung schon immer – und gut – funktioniert, in den meisten Kulturen und Gesellschaften bis um die Mitte des 19.Jahrhunderts. Zuerst bildeten die Eltern ihre Kinder in den grundlegenden Fähigkeiten und Werten des Lebens aus. Wenn diese ins Teenageralter kamen, suchten sie einen „Lehrmeister“, der sie in einen Beruf, ein Handwerk oder ein akademisches Wissensgebiet einführen würde.
Das funktionierte für die griechischen Philosophen und ihre Schüler; es funktionerte für das alte Israel und für Jesus mit seinen Jüngern; es funktionierte für die mittelalterlichen Handwerker und Universitätsstudenten; es funktionierte für die Gründer und Pioniere der USA; und es funktionierte für die meisten grossen Wissenschafter, Entdecker, Staatsmänner, Prediger, Künstler, und alle möglichen berühmten Leute der Vergangenheit. (Siehe „Genies ohne Schule“.)

Es ist also überhaupt nicht nötig, Bildung und Erziehung in ein „System“ einzuschliessen, zu normieren und Gesetze darüber aufzustellen, staatliche Aufseher darüber einzusetzen und Steuergelder dafür auszugeben. Das alles tötet nur die wirkliche Bildung.

Was wir wirklich brauchen, sind wiederum „Meister“, die tatsächlich wertvolle Fähigkeiten und Kenntnisse anzubieten haben, sodass andere von ihnen lernen können – und das auf persönliche und unterschiedlichste Arten. (Wusstest Du, dass es bis zum frühen zwanzigsten Jahrhundert niemand gewagt hätte zu sagen, er sei „Lehrer von Beruf“? Es war einfach unannehmbar, dass jemand „nur Lehrer“ wäre und nichts weiter. Man musste zusätzlich zumindest eine wirklich sinn- und wertvolle Fähigkeit beherrschen; und dann wurde es als selbstverständlich angesehen, dass man auch in der Lage war, diese Fähigkeit andern zu vermitteln.)
Wir hätten dann tausende von Menschen, die andere auf tausend verschiedene Arten lehren würden; und so hätte jeder Schüler die Chance, einen Lehrer oder Meister zu finden, der ihn auf eine wirklich seinen persönlichen Bedürfnissen angemessene Weise lehren könnte. Damit wäre es überhaupt nicht mehr nötig zu diktieren „wie gelehrt werden soll“; es wäre nicht mehr nötig, sich die Haare zu raufen über Schüler mit „Lernstörungen“ (welche durch genau dieses Diktieren und Normieren überhaupt erst verursacht werden); es wäre auch nicht mehr nötig, Lehrer dazu „auszubilden“, die Forderungen der Bürokratie zu erfüllen (diese Fähigkeit ist so etwa das einzige, was offiziell ausgebildete Lehrer vor nicht offiziell ausgebildeten auszeichnet).
Einige dieser „Meister“ werden ihre Schüler oder Jünger in Klassenzimmern versammeln wie eine traditionelle Schule. Andere werden sie individuell im persönlichen Kontakt lehren. Andere werden sie zu Reisen, Exkursionen, praktischen Experimenten und Arbeitserfahrungen mitnehmen. Andere werden ihnen anspruchsvolle Aufgaben zum Selber-Erarbeiten geben und werden sie nicht zum voraus „lehren“, ausser als Antwort auf die Fragen und Hilferufe des Schülers. Andere werden wieder andere Methoden anwenden, oder eine Kombination von all diesen, oder werden neue erfinden. Falls einer von diesen „Meistern“ wirklich unfähig sein sollte, seine Kenntnisse und Fähigkeiten weiterzuvermitteln, dann würde er das mit der Zeit selber herausfinden, denn er hätte bald keine Schüler mehr.

Natürlicherweise würde dieses „Lehren“ und „Lernen“ (in den Teenager- und frühen Erwachsenenjahren) zum grössten Teil am Arbeitsplatz stattfinden. Das ist es ja, was sogar das gegenwärtige Bildungssystem zu tun vorgibt (obwohl es dies in Wirklichkeit kaum tut): junge Menschen auf ihre zukünftige Arbeit vorzubereiten. Warum also sollen wir sie nicht gleich von Anfang an arbeiten lassen – während sie aber gleichzeitig von einem „Meister“ lernen? (Die Schweiz hat z.Z. immer noch ein so ähnliches System der Berufslehren für die meisten nicht-akademischen Berufe; und ich hoffe sehr, diese Idee kapituliert nicht so bald vor der Verschulung der Gesellschaft.) Dann würden sie selber sehen, was für Fähigkeiten und Kenntnisse sie für ihre spezifische Arbeit benötigen; und dies wiederum würde sie zum Lernen motivieren. Ganz anders als wenn man in einem Klassenzimmer sitzt, von der wirklichen Welt isoliert, und über Dinge lesen und schreiben muss, die man noch nie im Leben gesehen hat, nur weil man „dies später (wann?) brauchen wird“.

Warum fangen wir nicht einfach an, jeder von uns da, wo wir gerade sind? Suche „Meister“, von denen du lernen kannst, und bitte sie inständig, dich zu lehren. Und lehre die Menschen, mit denen du natürlicherweise zusammen bist, jene Fähigkeiten, die Du bereits beherrschst. Ich weiss, daraus wird sich kein Bildungs“system“ ergeben; aber es würde eine Menge von Bildungsangeboten, -alternativen und -innovationen schaffen. Und wenn sich diese Art der Bildung durchsetzt, dann wird sie möglicherweise das ganze Bildungssystem überhaupt unnötig und überflüssig machen.

Wer rettet die Familie?

27. Februar 2013

Anmerkung: Dies ist die nur unwesentlich geänderte Übersetzung eines Artikels, den ich im Jahre 2011 auf meiner spanischsprachigen Website veröffentlichte. Soweit ich aus der Ferne feststellen kann, treffen die meisten hier gemachten Beobachtungen auch auf den deutschsprachigen Raum zu, weshalb ich mich entschloss, eine deutsche Fassung zu erstellen. Einen kulturellen Unterschied glaube ich jedoch zu sehen: Es scheint mir, dass im deutschsprachigen Raum die staatliche Bevormundung und Beinahe-Abschaffung der Familie hauptsächlich von den Regierungen und von politischen Ideologen ausgeht, die zunächst einige Widerstände von seiten der Familien selbst zu überwinden hatten. Hier in Lateinamerika dagegen werden die staatlichen Eingriffe von den Familien selber gewünscht und als wichtige Schritte zur „Bekämpfung der Armut“ angesehen, weshalb es so gut wie keine Stimmen gibt, die sich dagegen aussprechen. Die Familien hierzulande schaffen sich selber ab! Deshalb schreitet der Familienzerfall hier noch viel rasanter voran als in Europa. Noch vor zwanzig Jahren galt Perú als ein Land, das den Familienzusammenhalt gross schrieb (während es in Europa bereits erhebliche Scheidungsraten gab); und viele Jugendliche lernten ihr Handwerk im elterlichen Familienbetrieb. Heute aber wird in den meisten Familien, die ich kenne, nicht einmal mehr gemeinsam gegessen; und Kinder, die bei ihrem Vater und ihrer Mutter wohnen, sind in der Minderheit.


Gott hat uns so geschaffen, dass wir in einer Familie geboren werden, dass ein Vater und eine Mutter nötig sind, damit ein Kind zur Welt kommt, und dass dann Vater und Mutter das Kind erziehen. Das ist die Ordnung der menschlichen Gesellschaft seit der Erschaffung der Welt, und diese Ordnung wird in vielen Bibelstellen bestätigt. Hier nur einige wenige Beispiele:

„Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollen auf deinem Herzen sein; und du sollst sie deinen Kindern einschärfen, und sollst davon reden, wenn du in deinem Haus bist, und wenn du auf dem Weg gehst, und wenn du dich niederlegst, und wenn du aufstehst…“
(5. Mose 6,6-7)

„…Aber ich und mein Haus (Familie) werden dem Herrn dienen.“ (Josua 24,15)

„Hört, Kinder, die Lehre eines Vaters, und achtet darauf, damit ihr Einsicht lernt. Denn ich gebe euch gute Lehre; verlasst mein Gesetz nicht. Denn auch ich war ein Sohn bei meinem Vater, zart und einzig in der Obhut meiner Mutter. Und er lehrte mich, und sagte zu mir: Dein Herz halte meine Gründe fest, halte meine Gebote, so wirst du leben.“
(Sprüche 4,1-4)

„Und ihr Eltern, reizt eure Kinder nicht zum Zorn, sondern erzieht sie in der Disziplin und Ermahnung des Herrn.“
(Epheser 6,4)

Ein Vater ist das „Bild Gottes“ par excellence:

„Deshalb beuge ich meine Kniee vor dem Vater unseres Herrn Jesus Christus, von dem jede Familie (wörtlich: Vaterschaft) im Himmel und auf Erden ihren Namen hat.“
(Epheser 3,14-15)

Deshalb ist es lebenswichtig, dass ein Kind in seiner Kindheit Vaterschaft erfährt. Andernfalls wird es ernsthafte Schwierigkeiten haben, Gott als Vater zu verstehen und kennenzulernen.

Ein anderer Aspekt der Familie ist das Zusammenleben mit Geschwistern. Da ist es natürlich, dass es ältere und jüngere Geschwister gibt, und dass jeder anders ist. Niemand findet es verwunderlich, dass z.B. ein Kind künstlerisch veranlagt ist, während ein anderes ein Bücherwurm ist und ein drittes ein Sportler. Es verwundert auch niemanden, dass das kleine Brüderchen noch nicht so viele Dinge weiss wie seine ältere Schwester.
Die jüngeren Geschwister lernen von den älteren, und die älteren lernen, den jüngeren zu helfen und Geduld zu haben mit ihnen. Das ist ein natürliches und sehr wirksames pädagogisches Modell, das von Gott selber eingerichtet wurde und über viele Jahrhundert erprobt ist.

Warum dann hat es die Menschheit während der letzten 150 Jahre unternommen, dieses göttliche Modell auf den Kopf zu stellen und „Erziehung“ durch „Schule“ zu ersetzen?

Die Originalausgabe von 1828 des Wörterbuchs von Webster, das für die englische Sprache massgebend ist, definiert „erziehen/bilden“ („to educate“) folgendermassen:

„Ein Kind aufziehen; instruieren; den Verstand informieren und erleuchten; den Sinn erfüllen mit den Prinzipien der Künste, der Wissenschaft, der Moral, der Religion und des guten Benehmens. Kinder gut zu erziehen ist eine der wichtigsten Pflichten der Eltern und Tutoren (Hauslehrer).“

Wir stellen fest, dass diese Definition die Schule mit keinem Wort erwähnt!

Aber die gegenwärtige Gesellschaft hat alles auf den Kopf gestellt: wenn von „Erziehung“ oder „Bildung“ gesprochen wird, dann denkt jedermann an „Schule“, und niemand spricht von der Familie.

Hier in Perú waren vor kurzem (2011) die Präsidentschaftswahlen. Etwas vom Betrüblichsten am Wahlkampf war für mich, dass keiner der Kandidaten irgendeinen Vorschlag zum Schutz und zur Stärkung der Familien hatte. Keinem fiel es ein, z.B. den vielen Müttern zu helfen, die aus finanziellen Gründen ausser Haus arbeiten müssen, damit sie etwas weniger arbeiten müssten und ihren Kindern mehr Zeit widmen könnten. Viele Kandidaten versprachen Schulfrühstücke und Schulmittagessen, aber keiner machte einen Vorschlag, der dazu beitragen könnte, dass die Kinder zuhause frühstücken und zu Mittag essen könnten, und so ein wenig Familienleben haben könnten, statt den ganzen Tag in der Schule oder auf der Strasse zu verbringen. Keiner schlug vor, den Alkoholismus zu bekämpfen, oder irgendeinen der anderen Faktoren des allgemeinen Zerfalls der Familien. (Laut Statistiken gehört Perú zu den Ländern mit dem weltweit höchsten Anteil an Alkoholikern.) Und soweit ich sehen und hören konnte, fiel es auch keinem Journalisten ein, entsprechende Fragen zu stellen.

Nun, wenn diese Dinge ein bedeutendes Bevölkerungssegment interessierten, dann hätte sich sicher irgendein Politiker damit befasst. Aber anscheinend interessiert sich niemand dafür, die Familien zu retten. Anscheinend möchte jedermann Kinder zeugen, nur um sie sogleich nach der Geburt dem Staat zu überlassen. So wächst eine ganze Generation heran, die nicht mehr weiss, was Vaterschaft ist, was Geschwister sind, was Zuneigung und Liebe ist, und wer Gott ist.

Eltern möchten, dass ihre Kinder „gebildet“ werden; aber sie vergessen, dass sie selber das wichtigste Element einer wirklichen Bildung sind. Was die Wissensvermittlung betrifft, so haben zwar manche Eltern Hilfe von ausserhalb der Familie nötig – aber ich beobachte täglich in meiner Arbeit, dass die Schule gerade auf diesem Gebiet erbärmlich versagt. Die meisten Kinder verstehen gar nicht, was die Lehrer ihnen beizubringen versuchen!
Kürzlich sagte mir eine erschöpfte Mutter: „Den ganzen Nachmittag bin ich beschäftigt mit den Hausaufgaben meines Sohnes, weil die Lehrerin von mir verlangt, dass ich ihm dieses und jenes beibringe…“ – Ich fragte sie: „Aber wird denn nicht die Lehrerin dafür bezahlt, Ihren Sohn zu unterrichten?“ – „Doch, aber die Lehrerin sagt, sie hätte so viele Kinder in ihrer Klasse, dass sie sich nicht wirklich um alle kümmern kann, und dass ich das zuhause viel besser kann, wo ich nur zwei Kinder habe.“ – „Wozu schicken Sie sie dann überhaupt noch zur Schule?“
Tatsächlich beweist das Schulsystem bereits seine Unfähigkeit, Kinder zu lehren; aber statt seine Niederlage zuzugeben, verlangt es jetzt von den Eltern, sich zu seinen Sklaven zu machen. Jetzt wird auch die wenige Zeit, die die Familie noch zusammen verbringen könnte, von den Hausaufgaben beansprucht.

Ein anderer Elternwunsch ist es, dass ihre Kinder „sozialisiert“ würden. Was bedeutet das?
– Wahrscheinlich wissen viele Eltern nicht, was die meisten Pädagogen und Schulplaner unter „Sozialisierung“ verstehen: nämlich die Anpassung des Kindes an die Forderungen der Gesellschaft (bzw. der Schul- und Gesellschaftsplaner). Mit anderen Worten: dass das Kind sich dem Gruppendruck unterwirft und sich der Mehrheit angleicht. Von daher kommen z.B. die normierten Lehrpläne, die verlangen, dass alle Kinder im selben Alter dasselbe lernen und tun.
In der schulischen Umgebung darf es keine „älteren und jüngeren Geschwister“ geben; keine unterschiedlichen Interessen, Talente, und persönliche Entwicklungsgeschwindigkeiten; alle müssen gleich sein. Das Kind hat keine Geschwister mehr, nur noch „Kameraden“. (Im Spanischen ist das dasselbe Wort wie „Genossen“.) Anstelle der mitmenschlichen Beziehungen einer Familie kennen diese Kinder nur noch institutionalisierte Beziehungen. Statt der Zuneigung liebender Eltern erhalten sie nur noch die Aufmerksamkeit eines/r Angestellten, der/die diese Arbeit nur tut (oft lustlos), um sich damit den Lebensunterhalt zu verdienen. Und da verwundert es uns noch, dass die Familien auseinanderfallen?

Nun denken die meisten Leute an etwas anderes, wenn sie das Wort „Sozialisierung“ hören. Sie denken z.B. daran, ein friedliches Zusammenleben zu lernen, miteinander zu teilen und einander zu helfen, sich gegenseitig zu respektieren, usw. Das wäre eine gute und positive Bedeutung des Wortes „Sozialisierung“. Aber geschieht dies in der Schule? In Tat und Wahrheit, kaum – trotz der Bemühungen einiger wohlmeinender Lehrer. In einer Gruppe von dreissig (oder auch nur zwanzig) Kindern herrscht natürlicherweise das Recht des Stärkeren; und ein Lehrer kann nicht viel tun, um diese Gruppendynamik zu durchbrechen (wenn er es überhaupt will). Somit wird das Schulkind durch das schlechte Benehmen seiner Kameraden „sozialisiert“ statt durch die (vielleicht) guten Absichten des Lehrers.

Wer ist jetzt ein besseres Beispiel für ein Kind: seine gleichaltrigen Kameraden, die ebenso ihren Eltern entfremdet sind wie es selber; oder seine eigenen Eltern?
Die Eltern befinden sich natürlich in einer viel besseren Ausgangslage, um dem Kind ein gutes Beispiel zu geben im Benehmen, im Zusammenleben, und in allem, was zur „Sozialisierung“ (in ihrem guten Sinn) gehört. Natürlich mit Ausnahme jener traurigen Fälle, wo die Eltern ihre Kinder völlig ablehnen oder Kriminelle oder gewalttätige Alkoholiker sind. Aber ebenso gibt es auch Lehrer, die ihre Schüler ablehnen oder Kriminelle oder Alkoholiker sind.
Beobachten Sie eine Gruppe von Schulkindern auf dem Schulhof während der Pause, oder auf der Strasse bei Schulschluss: Die Kinder behandeln einander vorwiegend mit Aggressionen, Flüchen, Hänseleien und Schlägen. Wollen wir wirklich, dass unsere Kinder auf diese Weise „sozialisiert“ werden?
In einer Familie dagegen, wo die Eltern (oder zumindest ein Elternteil) anwesend sind, können die Beziehungen zwischen Geschwistern und zu Freunden (wenn sie nach Hause eingeladen werden) viel besser beobachtet und „moderiert“ werden. Die Gegenwart und das Beispiel der Eltern haben mehr Gewicht, und das Kind hat ein Vorbild, an dem es sich orientieren kann.

Natürlich ist Kindererziehung nicht einfach. Es ist eine Arbeit, die Zeit und Vorbereitung erfordert. Aber Eltern, die ihre Kinder lieben, werden ohne weiteres zu diesem „Opfer“ bereit sein, zum Wohl ihrer Kinder. (In Wirklichkeit bereichert dieses „Opfer“ die Eltern selber: an Erfahrung, Reife, und mit einer besseren Beziehung zu ihren Kindern.) Ich kann wirklich nicht verstehen, warum so viele Eltern ihre Kinder vom Babyalter an und möglichst ganztags fremden Personen zur Betreuung überlassen wollen, und sich damit zufriedengeben, sie einige wenige Minuten pro Tag zu sehen. Verwundert es uns da, dass die Familienstreitigkeiten zunehmen, die Trennungen und Scheidungen, die psychologischen Störungen bei Kindern? Und dass in der Folge die ganze Gesellschaft auseinanderzufallen beginnt?

Traurigerweise haben auch die christlichen Kirchen anscheinend nicht erkannt, was vorgeht. Im Gegenteil, soweit ich sehe, machen sie diese Demontierung der Familien fröhlich mit. Statt Familien zu vereinen, trennen sie sie noch mehr mit ihren Programmen von „Sonntagschule“, „Jugendgruppe“, „Männer-“ bzw. „Frauentreffen“, usw. Und in allem was ich oben beschrieben habe, sehe ich, dass die Kirchen den Strömungen der Welt folgen, ohne eine Alternative anzubieten. Gut, es gibt einige evangelische Schulen – aber leider haben auch diese keine christliche Sicht von Erziehung und Familie. Gibt es da überhaupt noch jemanden, der aufstehen würde zur Rettung dieser vom Aussterben bedrohten Art, der FAMILIE?

Gott dienen ohne Namen, ohne „Dienst“, ohne Anerkennung

15. September 2012

Dies ist ein ziemlich persönlicher Artikel. Ich schreibe ihn nach sieben Jahren „Gemeindelosigkeit“, d.h. sieben Jahre ausserhalb der traditionellen Institutionen, die gewöhnlich mit dem „Christentum“ verbunden werden; sieben Jahre in der „Wüste“.

Mein Ausstieg aus den institutionellen Kirchen war nicht vorgeplant. Er begann mit einer Notsituation: Wir mussten entdecken, dass die Sicherheit unserer damals noch kleinen Kinder nicht mehr gewährleistet war an der evangelikalen Institution, wo wir damals als Familie lebten und arbeiteten; und die Leiter der Institution und der Denomination hatten keinerlei Interesse daran, uns in dieser Situation zu helfen oder zu schützen oder auch nur eine Untersuchung in die Wege zu leiten. Deshalb mussten wir jenen Ort fluchtartig verlassen, ohne zu wissen, wohin wir gehen würden, was wir arbeiten würden oder wovon wir leben würden.

Während einer Fastenretraite als Familie zeigte der Herr uns klar, dass nicht nur unsere Zeit an jener Institution zu Ende ging, sondern unsere Zeit im traditionellen evangelikalen Kirchensystem überhaupt. Nicht nur aufgrund der Geschehnisse in jener Institution, die uns schliesslich zum Ausstieg nötigten, sondern auch weil wir schon zuvor verschiedene Unvereinbarkeiten zwischen dem gegenwärtigen Kirchensystem und dem neutestamentlichen Christentum beobachtet hatten. (Verschiedene Artikel in diesem Blog behandeln dieses Thema.)

Es war gar nicht einfach, dieses Wort zu akzeptieren. Wir fühlten uns keineswegs als „Revolutionäre, die alles umstürzen wollen, um ihr eigenes System aufzurichten“ (wie wir von einigen Kirchenleitern dargestellt wurden). Im Gegenteil, wir fühlten uns wie Waisenkinder, die soeben am selben Tag Vater und Mutter verloren hatten. Dieses Gemeindesystem, das während so vielen Jahren unser Arbeitsort, unsere geistliche Familie und unsere gesellschaftliche Umgebung gewesen war, bot uns kein geistliches Leben mehr. Fast von einem Tag auf den anderen erwies sich dieses System als unfruchtbar, leer, feindlich gesinnt – tot. Während manchen Monaten trugen wir einfach nur Trauer um diese toten Kirchen. Damit begann unsere Wüstenwanderung.

Während der ersten Jahre hatten wir noch recht viele Kontakte zu Freunden innerhalb der Kirchen, und besuchten verschiedene Kirchen – einige, weil sich Freunde von uns dort versammelten; andere, weil sie uns noch einluden zu lehren, trotz all der bösen Dinge, die die Leiter über uns verbreiteten. Während dieser Kirchenbesuche hegten wir jedesmal insgeheim die Hoffnung, vielleicht einige Geschwister zu finden, die den Wunsch nach echter persönlicher geistlicher Gemeinschaft hätten, oder nach einer echten Erweckung und geistlichem Leben. Aber unsere Hoffnungen wurden jedesmal enttäuscht. Regelmässig gingen wir deprimiert und mit einem leeren Gefühl von diesen Anlässen nach Hause: routinemässige Programme; lächelnde, aber leere Gesichter; die Erfüllung einer institutionellen Pflicht – damit scheint sich der Durchschnittschrist zufriedenzugeben.

So hörten wir auf, Kirchen zu besuchen. Es blieben einige wenige Kontakte zu Glaubensgeschwistern, die sich auf einer ähnlichen Wüstenwanderung befanden wie wir selbst. Einige von ihnen besuchten weiterhin eine institutionelle Gemeinde, aber sie waren sich bewusst, dass ihr geistliches Leben nicht dort angesiedelt war, sondern in ihrer persönlichen Gemeinschaft mit Gott im stillen Kämmerlein, und vielleicht in einem unscheinbaren Dienst, den sie aus persönlicher Hingabe an den Willen Gottes erfüllten, ohne jede Unterstützung oder „Abdeckung“ durch die Gemeinde.

Wir sind dankbar für diese wenigen Kontakte, die Gott uns gab, und für jene wenigen treuen Geschwister, die uns weiterhin unterstützten und unterstützen, auch nachdem alle Verbindungen zu den organisierten Kirchen zerrissen waren. Aber diese Kontakte waren (und sind) nur sporadisch; unser Weg war und ist weiterhin ein sehr einsamer Weg.

So reduzierte sich unser christliches Leben auf das Allerwesentlichste, und auf den kleinstmöglichen Kreis: unsere persönliche Gemeinschaft mit Gott im Gebet und Bibellesen; die Gemeinschaft zwischen uns als Ehepaar und Familie; und der Dienst für Gott in den kleinen Angelegenheiten des Alltags.

Und wir fanden, dass es tatsächlich diese kleinen Dinge sind, auf die das Neue Testament Gewicht legt: Da lesen wir wenig oder nichts davon, Institutionen und Anlässe zu organisieren, ein „effizientes Management“ zu haben, oder die neusten „evangelistischen Strategien“ einzusetzen. Aber wir lesen viel über unsere Gemeinschaft mit Gott und untereinander, und darüber, Gott treu zu sein im täglichen Leben.

Ich kannte einen Pfarrer, der mir sagte: „Ich ziehe es vor, dass die jungen Leute meiner Kirche nicht zuviel Zeit bei mir zuhause verbringen. Sie könnten da einige Dinge sehen, die sie schockieren, und sie haben noch nicht die nötige Reife, damit umzugehen.“ – Jener Pfarrer nahm sein öffentliches Image sehr wichtig und träumte von mächtigen Institutionen, die grosse evangelistische, soziale und politische Wirksamkeit hätten (obwohl sich sehr wenig davon verwirklichte). Aber er fühlte sich unwohl angesichts der Möglichkeit, dass ihn einige „gewöhnliche Gemeindeglieder“ allzu nahe kennenlernen könnten, in seinem eigenen Heim und im Kreis seiner eigenen Familie.

Ich glaube, da liegt genau der Kern dessen, was schiefgeht im institutionellen und pfarrerzentrierten System der traditionellen Kirchen. Organisation, Leiterschaft, Anlässe und Image werden betont; aber die persönliche Echtheit geht verloren. Damit befindet sich dieses System auf dem Weg in Richtung dessen, was Jesus von den Schriftgelehrten und Pharisäern sagt: „… denn ihr reinigt das Äussere des Bechers und des Tellers, aber inwendig seid ihr voll von Raub und Ungerechtigkeit.“ (Matth.23,25)

Persönlich haben meine Frau und ich immer gespürt, dass unser Leben bereichert wurde durch die Menschen, die über kürzere oder längere Zeit mit uns zusammenlebten – von einigen Tagen bis zu mehreren Jahren. Und es waren auch diese Personen, in denen wir das meiste geistliche Wachstum gesehen haben. Tatsächlich glaube ich, dass dies die einzige wirksame Form des „Betreuens“ bzw. der „Jüngerschaft“ ist: das Leben miteinander zu teilen. Die anderen Dinge, die normalerweise als „pastorale Betreuung“ angesehen werden – eine kirchliche Organisation verwalten, predigen oder Bibelunterricht geben, Befehle erteilen, Seelsorgegespräche führen ohne nähere persönliche Beziehung – sind sehr künstlich und bringen wenig geistliches Wachstum hervor; und ausserdem ermöglichen sie es dem Pfarrer, seine wirkliche Persönlichkeit hinter einer professionellen Maske versteckt zu halten.

Das Leben miteinander zu teilen, ist natürlich eine grosse Herausforderung. Man reibt sich aneinander; wir können den Anschein des „professionellen Christen“ nicht aufrechterhalten; die Menschen sehen uns nicht immer lächelnd, sondern auch manchmal erschöpft, schlechtgelaunt, unkontrolliert… und so können wir die fiktive „Hirte-Schafe-Beziehung“ nicht aufrechterhalten. Wir (als Leiter) erkennen, dass wir selber auch geistliches Wachstum nötig haben. Wir müssen gezwungenermassen anerkennen: „Einer ist euer Meister, der Christus; und ihr alle seid Geschwister“ (Matth.23,8). Im Herrn gibt es nicht „Hirten“ („Pastoren“) und „Schafe“: es gibt einen einzigen Hirten (Jesus), und wir Christen sind alle seine Schafe. Einige Geschwister sind reifer als andere und verdienen es deshalb ernster genommen zu werden; aber wir alle (soweit wir zu Christus gehören) sind Geschwister, die einander gegenseitig helfen zu wachsen. In der neutestamentlichen Gemeinde gibt es nicht „Geistliche“ einerseits und „Laien“ andererseits.

(Eine Anmerkung hier: Ich habe früher auch in christlichen Wohngemeinschaften junger Erwachsener gewohnt, da kann man ähnliche Erfahrungen machen. Aus meiner Erfahrung würde ich aber von solchen Wohngemeinschaften eher abraten: es fehlt dort der tragende „Kern“, der aus einer Familie bzw. einem Ehepaar reifer Christen besteht. Nach Gottes Willen ist die Familie der Kern, aus dem die weiterreichende Gemeinschaft herauswächst. Auch die biblische Ältestenschaft wächst aus der Familiengemeinschaft heraus; siehe 1 Tim.3,4-5.)

Deshalb haben wir als Familie in den letzten sieben Jahren davon abgesehen, uns einen „Namen“ zu geben, einen „Dienst“ zu gründen oder ein „Amt“ einzunehmen. Wir entschieden uns, täglich Gott zu suchen und die kleinen Dinge zu tun, die er uns zeigen würde. Eines Tages stach uns dieser kleine Vers in die Augen:

„Alles was dir vor die Hände kommt, das tu nach deiner Kraft…“
(Prediger 9,10)

Diese Worte sind seither unser Leitvers gewesen. Wir sahen die Kinder einer Nachbarfamilie allein, ohne dass jemand zu ihnen sah: so anerboten wir uns, sie zu hüten. Wir erfuhren, dass ein armer Nachbar krank war: so besuchten wir ihn, beteten für ihn und besorgten Medizin für ihn. Die Grossmutter von Nachbarskindern war gestorben: so gingen wir die Kinder und ihre Eltern trösten, und sprachen zu ihnen von Gott, der ewiges Leben anbietet. Wir haben ein offenes Haus für alle, die uns kennen, und besonders für die Kinder.

Während dieser Zeit erlebten wir eine unerwartete Freiheit, mit ungläubigen Nachbarn und Verwandten über unseren Glauben zu sprechen. Erst da wurde mir bewusst, dass mein christliches Zeugnis vorher immer unter dem Gewicht einer „geheimen Agenda“ gelitten hatte: Ich muss Mitglieder für „meine“ Gemeinde gewinnen. Ich muss „Punkte gewinnen“ vor den Leuten, die mich bewundern und unterstützen, und vor meinen Leitern. Ich muss „Erfolg“ haben. – Jetzt muss ich für niemanden mehr Mitglieder gewinnen. Ich darf einfach ein Mitarbeiter des Herrn sein, bereit dazu, seiner Stimme zu folgen; aber die Ergebnisse sind seine Sache, nicht meine. Er ist es, der seine Gemeinde baut; nicht ich muss „meine“ Gemeinde bauen.

Auf diese Weise dauert es wohl länger, bis jemand sich bekehrt. Es ist nicht einfach, Geduld zu haben, bis der Herr mit seinem Heiligen Geist Überführung von der Sünde wirkt. Es ist viel einfacher, grosse Versammlungen zu organisieren mit viel Werbung und Manipulation, und hundert Menschen ein Übergabegebet nachsprechen zu lassen. Aber unter diesen hundert ist möglicherweise nicht einer, der sich wirklich und von Herzen bekehrt. Ich ziehe es vor, mit einigen wenigen echten Christen Gemeinschaft zu haben, als einer grossen Kirche voller Namenschristen vorzustehen.

Während all dieser Zeit stellten wir uns nie als „Pastoren“, „Lehrer“ o.ä. vor. Wenn jemand nach unserer Religion fragt, dann sagen wir, dass wir keiner Religion oder „Kirche“ (im Sinne einer religiösen Institution) angehören, aber dass wir Christen sind, Nachfolger von Jesus Christus. Wir glauben, dass echte geistliche Autorität darauf beruht, wer wir sind; nicht auf einem Titel oder einer Leiterschaftsstellung. Deshalb sagen wir: Wenn wir echte geistliche Autorität haben, dann werden die Menschen das von selber merken aufgrund dessen, was sie in uns sehen; und wenn sie nichts sehen in uns, dann wissen wir, dass wir keine Autorität haben und noch viel mehr Gott suchen müssen.

Unter den vielen kleinen Dingen, die wir tun, hat sich während der letzten Jahre als Haupttätigkeit die Hausaufgabenhilfe (und z.T. Familienberatung) für Kinder bzw. Familien der Nachbarschaft herauskristallisiert. Schon nach den ersten Nachmittagen, als wir einigen Kindern halfen, begannen sie uns „Lehrer“ bzw. „Lehrerin“ zu nennen und andere Kinder mitzubringen. Dann begannen auch Eltern zu kommen, die um Hilfe für ihre Kinder baten. So bestätigte sich, dass die Menschen uns tatsächlich als das anerkennen, was wir sind und was wir gut tun – in Kürze, für unsere „Früchte“ -, nicht für Titel oder Stellungen, die wir innehaben könnten. (Ein „Lehrer“ z.B. ist nicht der, der ein Lehrerdiplom hat, sondern der, der anderen tatsächlich etwas beibringt und sie in ihrem Verständnis weiterbringt.)

Alle diese Tätigkeiten waren immer integraler Bestandteil unseres Familienlebens. Auch als die Zahl der Kinder zunahm, versuchten wir unserer Arbeit so weit wie möglich keinerlei „schulische“ Strukturen aufzuerlegen (obwohl einige Kinder und Eltern uns „Akademie“ nennen, wie hierzulande solche ausserschulischen Bildungsangebote genannt werden). (Siehe dazu: „Sie sehnen sich nach Familie …“)
Wir haben zwar jeweils eine „Kreiszeit“ zusammen, während der wir z.B. einige Lieder singen, eine biblische Geschichte hören oder lesen, manchmal zusammen spielen, und manchmal Dinge besprechen, die mit allen besprochen werden müssen – aber das ist nicht so verschieden von der Art, wie wir schon immer unsere Familienandacht hielten. Im übrigen teilen wir unser Familienleben, unser Wohnzimmer, und oft auch unseren Mittagstisch mit den Kindern; und wir möchten ganz einfach authentisch sein. Alle schulische oder geistliche Hilfe, die wir ihnen bieten können, fliesst aus diesem Familienleben.

Wenn ich das jetzt mit dem Neuen Testament und mit der jüdischen Kultur vergleiche, dann glaube ich, dass wir tatsächlich ein wesentliches Element des Urchristentums wiederentdeckt haben: Alles geistliche Leben und alle Gemeinschaft konzentrierte sich auf das Heim und entsprang der Familie. Die ersten Christen hatten weder institutionelle Namen noch Organigramme; sie identifizierten sich einfach als „das Haus (=die Familie) von Soundso“, oder wenn ihre Zahl grösser wurde, „die Gemeinde im Haus von Soundso“. Das Volk Israel war immer nach Stämmen, Sippen und Familien organisiert; und das wichtigste jüdische Fest, das Passah (von dem das christliche Abendmahl herstammt), wird in den Familien gefeiert.

Wir hoffen, dass der Herr uns behüten möge, sodass wir auf diesem Weg bleiben, auch wenn diese Arbeit eines Tages grössere Ergebnisse zeitigen sollte. Die Wüste ist ein schwieriger Ort, aber der Erfolg und die Bekanntheit können noch grössere Versuchungen bergen.

Skurrile Nachrichten aus Perú

6. Juni 2012

Im folgenden eine kleine Sammlung von Merkwürdigkeiten, die im Lauf der letzten Jahre über Radio, Zeitungen oder Internet berichtet wurden:

Was alles gestohlen wird…

In einem Bezirk der Hauptstadt Lima wurden in einer Nacht 34 Schachtdeckel aus den Strassen gestohlen.

Aus einer medizinischen Ausstellung in Lima wurde ein wichtiges Ausstellungsstück, eine Lunge, gestohlen. Der Diebstahl machte im ganzen Land Schlagzeilen. Schliesslich kam aus, dass eine Mitarbeiterin der Ausstellung die Schuldige war: Sie wollte, wie sie sagte, für Aufsehen in den Medien sorgen, um mehr Besucher für die Ausstellung zu gewinnen.

In einer grösseren Stadt war eines Morgens die gesamte Trinkwasserversorgung zusammengebrochen. Der Grund: Diebe hatten in der Nacht zuvor mehrere hundert Meter Stromkabel einer Überlandleitung entwendet. Die Leitung gehörte zur Stromversorgung einer Pumpe, die Wasser aus einem See pumpte zur Versorgung der Stadt. Einer der Diebe bezahlte die Tat mit seinem Leben: er wurde von einem Stromschlag getötet.

Was der Alkohol bewirkt

Ein Schuldirektor versuchte einem von der Schulbehörde angeordneten Alkoholtest zu entgehen, indem er die Schulhofmauer zu überklettern versuchte. Dies misslang ihm aber, und er fiel ins Innere des Hofes zurück. Die Eltern der Schüler hatten seit drei Monaten den Rücktritt des Direktors verlangt, da er regelmässig betrunken zur Arbeit kam.

Radiomeldung:
„Ein betrunkener Mann, in Begleitung einer weiblichen Person, versuchte mitten in der Nacht samt seinem Auto in ein schlichtes Privathaus einzudringen, angeblich um Schnaps zu kaufen. Er verursachte dadurch beinahe den Einsturz des Hauses. Als er von der Polizei festgenommen wurde, sagte er nur: ‚Caramba, verkauft mir Schnaps, ich will weitertrinken mit meiner Geliebten!'“

Ungebildete Lehrer

Ein Fernsehprogramm beauftragte Schüler, ihren Lehrern im Unterricht bestimmte Fragen über den gerade behandelten Stoff zu stellen, oder über Themen des Allgemeinwissens, und die Antworten mittels einer versteckten Kamera zu filmen. Die einhellige Antwort der Lehrer war fast jedesmal: ‚Such es im Internet!‘
Fragen wie: ‚Wer hat Machu Picchu entdeckt?‘ [hier in Perú allgemein bekannt], oder ‚Wie heisst der gegenwärtige Bildungsminister?‘, konnten von der grossen Mehrheit der Lehrer nicht beantwortet werden.

Freudscher Versprecher

Ein neugewählter Bürgermeister schwor seinen Amtseid „bei Gott und dem Geld“.
(Auf Spanisch hat das Wort für „Geld“ – „plata“ – einen gewissen Anklang an „Vaterland“ – „patria“ -, bei dem er hätte schwören sollen.)

Nachträglich korrigierte Nachricht

Radiomeldung:
„Der Jugendfürsorge wurden drei Jungen übergeben, die sich den ganzen Tag auf dem Hauptplatz der Stadt herumgetrieben hatten und angeblich Arbeit suchten. Sie sagten, sie würden von ihren Eltern vernachlässigt und bekämen nicht einmal zu essen. Die Eltern werden dringend ersucht, sich zu melden.“

Am nächsten Tag:
„Die Eltern der drei Jungen, über die wir gestern berichteten, konnten ausfindig gemacht werden, und die wahre Geschichte ist ans Licht gekommen: Die Jungen, die auf dem Land lebten, hatten mit Streichhölzern gespielt und dabei einen kleineren Brand verursacht. Aus Angst vor der elterlichen Strafe waren sie in die Stadt geflüchtet und kamen auf die Idee, sich als von ihren Eltern verlassene Kinder auszugeben.“