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Die Haltung Davids gegenüber Saul: ein Beispiel bedingungsloser Unterordnung?

21. Juli 2012

Die biblische Geschichte von Saul und David wird oft von institutionellen religiösen Leitern dazu benutzt, den Christen zu sagen, sie müssten sich ihrem Leiter unterordnen, selbst wenn dieser im Irrtum ist. Die meistzitierten Stellen in diesem Zusammenhang sind die zwei Begebenheiten, wo David die Möglichkeit gehabt hätte, Saul zu töten, aber sich dazu entschied, ihn zu verschonen (1. Samuel Kapitel 24 und 26). David sagte: „Da sei Gott vor! Nie werde ich meinem Gebieter, dem Gesalbten des Herrn, das antun, dass ich Hand an ihn legte; denn er ist der Gesalbte des Herrn.“ (1.Sam.24,7) Und: „Wer könnte Hand an den Gesalbten des Herrn legen und bliebe ungestraft?“ (1.Sam.26,9).

Von daher sagen diese Leiter: „David ordnete sich Saul unter, obwohl Saul schlecht handelte. So müssen sich auch die Christen ihren Leitern unterordnen, selbst wenn diese im Irrtum sind oder sündigen.“ Und ebenso: „Man darf einen Leiter nie kritisieren, denn das bedeutete, an den Gesalbten des Herrn Hand anzulegen.“

Entspricht diese Auslegung dem Inhalt und der Lehre der erwähnten biblischen Geschichten?

Erinnern wir uns, dass David ein Diener Sauls war. Aber als er verstand, dass Saul ihn töten wollte, floh er zu Samuel (1.Sam.19,11-19). Da er im Dienst Sauls stand, hatte er kein Recht, davonzulaufen! – Nach diesem blieb David vorsätzlich dreimal dem königlichen Bankett fern, an dem er hätte teilnehmen sollen. (1.Sam.20,5-7, 24-30). Das würde bereits als eine höchst „rebellische“ Haltung eingestuft von manchen heutigen „Pastoren“, die von ihren Dienern (Mitarbeitern) verlangen, dass sie an allen Gemeindeveranstaltungen teilnehmen.

Erinnern wir uns auch, dass David in den Augen Sauls eindeutig ein Rebell war. Andernfalls hätte er ihn nicht verfolgt. (Andere Personen sahen den Fall ebenso. Nabal z.B. nannte David „einen Knecht, der seinem Herrn davonlief“, 1.Sam.25,10.) Auch nachdem David sein Leben verschont hatte, betrachtete Saul dies offenbar noch nicht als ein genügendes Zeichen seiner Unterordnung, und verfolgte ihn wiederum. Beim zweiten Mal sagte Saul zu David, er solle mit ihm zurückkehren, und versprach ihm, ihm kein Leid mehr anzutun (1.Sam.26,21). Aber David ging nicht mit Saul zurück. Auch in diesem Fall gehorchte er also Saul nicht.
Dennoch geht aus der ganzen Geschichte klar hervor, dass Gott auf der Seite des rebellischen David stand, entgegen „seinem Gesalbten“ Saul.

Sehen wir jetzt, was die Worte bedeuten, „Hand an den Gesalbten des Herrn zu legen“. Es ging darum, dass die Männer Davids ihm anrieten, Saul zu töten. Aber gewisse heutige „Pastoren“ ertragen es nicht einmal, dass jemand sie mit Worten kritisiert: sofort beklagen sie sich, man versuche, „Hand an den Gesalbten des Herrn zu legen“. Zwischen Kritisieren und Töten besteht ein himmelweiter Unterschied!
David kritisierte Saul sehr wohl, und das in aller Öffentlichkeit: „Warum hörst du auf das Gerede der Leute, die da sagen: ‚Siehe, David sinnt auf dein Verderben‘? … Wen verfolgt doch der König von Israel? wem jagst du nach? Einem toten Hund! einem Floh! So sei der Herr Richter und entscheide zwischen mir und dir; er sehe zu und führe meine Sache und schaffe mir Recht gegen dich!“ (1.Sam.24,9.14-15)
Dem Beispiel Davids folgend, haben wir also alles Recht dazu, einen Leiter zu kritisieren, der schlecht handelt. Und wir haben auch das Recht, einem solchen Leiter ungehorsam zu sein, wenn ihm zu gehorchen bedeuten würde, eine Sünde zu begehen oder Schaden zu erleiden.

Ein letzter Aspekt: Wenn ein Leiter seinen Nachfolgern die „Unterordnung“ Davids als Beispiel vorhält, mit wem vergleicht sich dann dieser Leiter selber? Offensichtlich mit Saul, dem Verfolger, dem König, der selber in Ungehorsam gegen Gott lebte. Dieser selbe Saul verleumdete David und seinen eigenen Sohn, und verdrehte die Tatsachen, als er zu seinen Dienern sagte: „… dass ihr euch alle gegen mich verschworen habt und niemand es mir offenbarte, als mein Sohn sich mit dem Sohne Isais verbündete, und dass niemand unter euch Mitleid mit mir hatte und es mir offenbarte, dass mein Sohn meinen Knecht angestiftet hat, mir nachzustellen, wie es jetzt am Tage ist?“ (1.Sam.22,8)
So stellte Saul sich selber als Opfer dar und David als den Angreifer, während es in Wirklichkeit genau umgekehrt war. So machen es auch viele dieser missbraucherischen Leiter: Wenn jemand sich beklagt, weil er von ihnen schlecht behandelt wurde, oder wenn jemand sie zurechtweist wegen einer Sünde, die sie begangen haben, dann sagen sie, sie seien Opfer einer „Verschwörung“ des „Murrens“, und verlangen, dass der „Rebell“ zensuriert werde, oder sie rufen die Strafe Gottes auf ihn herab und schliessen ihn aus.

Weit davon entfernt, ein Beispiel bedingungsloser Unterordnung darzustellen, lehrt uns die Geschichte von Saul und David vielmehr manches über das Verhalten von Leitern, die geistlichen (und anderen) Missbrauch begehen, und über das Leiden der Opfer solcher Leiter. Das Beispiel Davids zeigt uns dabei, was solchen Leitern gegenüber getan werden soll oder kann:
– Sich von ihnen fernhalten.
– Wenn nötig ihre schlechten Handlungen konfrontieren, aber aus einer sicheren Distanz heraus.
– Die Sache Gott anheimstellen und vertrauen, dass er gerecht richten wird.
– Keine Rache gegen solche Leiter planen noch versuchen ihnen zu schaden; sich ihnen aber auch nicht unterordnen.
– Ihnen keinerlei Vertrauen schenken, auch dann nicht, wenn sie versprechen sich zu ändern und eine „Versöhnung“ anbieten. Ein „Saul“ ist durchaus imstande, Reue zu heucheln, nur um danach wieder seinen alten Wegen gemäss zu handeln. (Siehe auch 1.Sam.15,17-35).

Die Opfer von Leitern im Stil Sauls müssen viel leiden. Aber sie dürfen wissen, dass Gott auf ihrer Seite steht und sie wiederherstellen wird, wenn sie fortfahren, ihm zu vertrauen.

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Das Neue Testament – Amtliche Version (Anhang)

11. April 2012

Anhang zur Artikelserie: Vergleichstabelle zur Übersetzung verschiedener Amtsbegriffe in der Lutherübersetzung von 1912 und in der Zürcher Bibel von 1931.

Wortfamilie „diákonos“, „diakonía“, „diakoneo“,

Griechisches Wort: Übersetzt als: Bezieht sich auf: Stellen in LÜ 1912: Stellen in ZB 1931:
diákonos „Diener“ Diener, der bei Tisch bedient; und im ganz allgemeinen Sinn. Matthäus 20,26, 23,11, Markus 10,43, Johannes 2,5.9 Matthäus 20,26, 23,11, Markus 9,35, 10,43, Johannes 2,5.9
„Knecht“ Markus 9,35
diákonos „Diener(in)“ Diener(in) Gottes, des Evangeliums, der Gemeinschaft der Heiligen. Johannes 12,26, 1.Kor.3,5, 2.Kor.6,4, 11,23, Eph.3,7, Phil.1,1, Kol.1,7.23.25, 1.Thess.3,2, 1.Tim.3,8.12, 4,6 Johannes 12,26, Röm.16,1, 1.Kor.3,5, 2.Kor.3,6, 6,4, 11,23, Eph.3,7, Phil.1,1, Kol.1,7.23.25, 1.Tim.4,6
„im Dienste“ Röm.16,1
„das Amt zu führen“ 2.Kor.3,6
„Diakon“ 1.Tim.3,8.12
(Wort ausgelassen) 1.Thess.3,2
diákonos „Diener“ Bezüglich des Dienstes Jesu Christi Röm.15,8
Diener des Teufels 2 Kor.11,15
Helfer der Apostel Eph.6,21, Kol.4,7
Helfer im weitesten Sinn Gál.2,17
diákonos „Dienerin“ die Regierung als Dienerin Gottes Röm.13,4
diakonía „dienen“ Hausarbeit Lukas 10,40
„Bedienung“ Lukas 10,40
diakonía „Dienst“ Dienst (im weitesten Sinn) 1.Kor.16,15, 2.Tim.4,11, Hebr.1,14, Offb.2,19
„Dienstleistung“ Röm.12,7
„Amt“ Röm.12,7
diakonía „Dienst“ Geistlicher Dienst; Ankündigung der Botschaft Gottes Apg.1,25 Apg. 1,17.25, 6,4, 20,24, 21,19, Röm.11,13, 2.Kor.4,1, 5,18, 6,3, 11,8, 1.Tim.1,12
„Amt“ Apg.1,17, 6,4, 20,24, 21,19, Röm.11,13, 2.Kor.4,1, 5,18, 6,3, 1.Tim.1,12
„predigen“ 2.Kor.11,8
diakonía „Handreichung“ Hilfeleistung (finanziell, Nahrungsmittel, usw.) Apg. 6,1, 11,29, 12,25, 2.Kor.8,4, 9,12
„Dienst“ Röm.15,31 Röm.15,31, 2.Kor.8,4, 9,1.13
„Dienstleistung“ 2.Kor.9,12
„Versorgung“ Apg. 6,1
„Unterstützung“ Apg.11,29
„Hilfeleistung“ Apg.12,25
„Steuer“ 2 Kor.9,1.13
diakonía „Dienst“ Dienst als Ergebnis einer Gabe des Heiligen Geistes Eph.4,12 1.Kor.12,5, Eph.4,12, Kol.4,17, 2.Tim.4,5
„Amt“ 1.Kor.12,5, Kol.4,17, 2 Tim.4,5
„Dienst“ Dienst für Gott (des Neuen Bundes) 2 Kor.3,7-9
„Amt“ 2 Kor.3,7-9
diakonéo „(be-)dienen“, „die Bedienung besorgen“, „Dienst tun“ Am Tisch bedienen Matthäus 8,15, Markus 1,31, Lukas 10,40, 12,37, 17,8, 22,26-27, Johannes 12,2, Apg. 6,2 Matthäus 8,15, Markus 1,31, Lukas 12,37, 17,8, 22,26-27, Johannes 12,2, Apg. 6,2
„helfen“ Lukas 10,40
diakonéo „dienen“, „Dienste leisten“(*) allgemein: helfen Matthäus 20,28, 25,44, Markus 10,45, Apg. 19,22, 2.Tim.1,18, Phlm.13, Hebr.6,10 Matthäus 20,28, 25,44, Markus 10,45, 2.Tim.1,18(*), Phlm.13, Hebr.6,10
„Gehilfe“ Apg.19,22
diakonéo „Handreichung tun“ Finanzielle Hilfe leisten Lukas 8,3
„(für jemanden) sorgen“ Lukas 8,3
„zu/im Dienst“ Röm.15,25
„besorgen“ 2 Kor.8,19-20
„ausrichten“ 2.Kor.8,19.20
diakonéo „zubereiten“ Einen Brief schreiben oder senden 2 Kor.3,3
„ausfertigen“ 2 Kor.3,3
diakonéo „dienen“ Dem Herrn (Jesus) dienen Matthäus 4,11, 27,55, Markus 1,13, 15,41, Johannes 12,26
„dienen“ Der Gemeinschaft der Heiligen dienen 1.Tim.3,10
„den Dienst übernehmen“ 1.Tim.3,10
„dartun“ Eine Gabe des Heiligen Geistes ausüben 1 Petrus 1,12
„dienen“ 1 Petrus 4,10 1 Petrus 1,12, 4,10
„Dienste leisten“ 1 Petrus 4,11
„ein Amt haben“ 1 Petrus 4,11

Wortfamilie „hyperetes“, „hypereteo“

Griechisches Wort: Übersetzt als: Bezieht sich auf: Stellen in LÜ 1912: Stellen in ZB 1931:
hyperétes „Diener“ Diener der Priester; Tempelpolizei; Gefängniswärter Matthäus 5,25, Johannes 18,3.12.18.22, Matthäus 26,58, Markus 14,54.65, Johannes 7,32.45, 18,3.12.18.22, Apg.5,22.26
„Knecht“ Matthäus 26,58, Markus 14,54.65, Johannes 7,32.45, Apg.5,22.26
„Gerichtsdiener“ Matthäus 5,25
hyperétes „Diener“ Diener Jesu (als König) Johannes 18,36
(Paulus als) Zeuge und Diener des Herrn Apg. 26,16, 1.Kor.4,1
Diener/Helfer der Apostel Apg. 13,5
Synagogendiener Lukas 4,20
Zeugen des Lebens und der Auferstehung Jesu Lukas 1,2
hyperetéo „dienen“ David (als König) Apg. 13,36
„dienen“ Mit den eigenen Händen arbeiten Apg. 20,34
„(für jemanden) sorgen Apg. 20,34
„dienen“ Hilfe leisten (dem gefangenen Paulus) Apg. 24,23
„Dienste leisten“ Apg. 24,23

Wortfamilie „leitourgós“, „leitourgía“, „leitourgeo“,

Griechisches Wort: Übersetzt als: Bezieht sich auf: Stellen in LÜ 1912: Stellen in ZB 1931:
leitourgós „Diener“ die Regierung als Diener Gottes Röm.13,6
„Diener“ Engel Hebr.1,7
„Pfleger“ Jesus als Hoherpriester Hebr.8,2
„Diener“ Hebr.8,2
„Diener“ Diener, der das Evangelium ankündigt Röm.15,16
„Diener (meiner Notdurft)“ Diener/Helfer, der finanzielle Hilfe überbringt Phil.2,25
„Überbringer (meines Bedarfs)“ Phil.2,25
leitourgía „Dienst“ Priesterdienst (nach der alttestamentlichen Ordnung) Lukas 1,23,
Hebr.8,6
„Amt“ Lukas 1,23, Hebr.8,6
„Gottesdienst“ Hebr.9,21
„Gottesdienst“ Opfer (im übertragenen Sinn) Phil.2,17
„priesterliche Darbringung“ Phil.2,17
„Steuer“ Finanzielle Hilfe 2 Kor.9,12
„dienen“ Phil.2,30
„Dienstleistung“ 2 Kor.9,12, Phil.2,30
leitourgéo „Dienst beweisen/leisten“ Finanzielle Hilfe leisten Röm.15,27
„Gottesdienst pflegen/verrichten“ Als Priester dienen (nach der alttestamentlichen Ordnung) Hebr.10,11
„dienen“ dem Herrn dienen (mit Fasten) Apg. 13,2
„Gottesdienst halten“ Apg. 13,2

Wortfamilie „poimén“, „poimaino“,

Griechisches Wort: Übersetzt als: Bezieht sich auf: Stellen in LÜ 1912: Stellen in ZB 1931:
poimén „Hirte“ Viehhirte Matthäus 9,36, 25,32, Markus 6,34, Luc.2,8.15.18.20
Jesus (der sich mit einem Hirten vergleicht) Matthäus 26,31, Markus 14,27, Johannes 10,2.11.12.16, Hebr.13,20,
1 Petrus 2,25, (5,4)
„Hirten“ (MEHRZAHL) eine Gabe zur Auferbauung der Heiligen Epheser 4,11
poimaino „weiden“ Vieh weiden Lukas 17,7, 1 Kor.9,7
„weiden“ Jesus, der das Volk „weidet“ Offb.2,27, 7,17, 12,5 Matthäus 2,6, Offb.2,27, 7,17, 12,5, 19,15
„ein HERR sein“ Matthäus 2,6
„regieren“ Offb.19,15
„weiden“ „die Schafe Jesu weiden“ Johannes 21,15-17, Apg. 20,28, 1 Petrus 5,2
„weiden“ essen Judas 12

Wortfamilie „epískopos“, „episkopeo“, „episkopé“,

Griechisches Wort: Übersetzt als: Bezieht sich auf: Stellen in LÜ 1912: Stellen in ZB 1931:
epískopos
(wörtlich „Aufseher“)
„Hüter“ Jesus ist „Hirte und Aufseher unserer Seelen“ 1 Petrus 2,25
„Bischof“ 1 Petrus 2,25
„Vorsteher“ Aufseher in der Gemeinschaft der Heiligen (in der MEHRZAHL nach Apg. 20,28 und Phil.1,1) Apg. 20,28, Phil.1,1
„Bischof“ Apg. 20,28, Phil.1,1, 1.Tim.3,2, Titus 1,7 1.Tim.3,2, Titus 1,7
episkopeo
(wörtlich „Aufsicht üben“)
„darauf sehen“, „zusehen“ aufeinander achtgeben Hebr.12,15
„wohl zusehen“ auf die „Herde Gottes“ achtgeben 1 Petrus 5,2
(Wort ausgelassen) 1 Petrus 5,2
episkopé
(wörtlich „Aufsicht“)
„heimsuchen“, „Heimsuchung“ Eingreifen Gottes Lukas 19,44 Lukas 19,44, 1 Petrus 2,12
„an den Tag kommen“ 1.Petrus 2,12
„Bistum“ Aufsichtsfunktion Apg.1,20
„Vorsteheramt“ Apg.1,20
„Bischofsamt“ 1.Tim.3,1

„Hägoúmenos“

ACHTUNG: Lukas 22,25-26 zeigt uns den Standpunkt Jesu hinsichtlich aller „Leiterschaft“ in seinem Volk:
„Die Könige der Völker üben die Herrschaft über sie aus, und ihre Gewalthaber lassen sich Wohltäter nennen. Ihr dagegen nicht so! Sondern der Grösste unter euch soll werden wie der Jüngste, und der Hochstehende (=Leiter) wie der Dienende.“
Griechisches Wort: Übersetzt als: Bezieht sich auf: Stellen in LÜ 1912: Stellen in ZB 1931:
hägoúmenos
(wörtlich „Führer“, „Leiter“)
„Fürst“ Hoher Beamter (Joseph in Ägypten) Apg. 7,10
„Regent“ Apg. 7,10
„Herzog“ Jesus als Messias Matthäus 2,6
„Herrscher“ Matthäus 2,6
„der Vornehmste“ Leiter in der Gemeinschaft der Heiligen Lukas 22,26
„der Hochstehende“ Lukas 22,26
„Lehrer“ Apg. 15,22
„führende Männer“ Apg. 15,22
„Lehrer“ (MEHRZAHL) Hebr. 13,7.17.24
„Vorsteher“ (MEHRZAHL) Hebr. 13,7.17.24

Weitere Begriffe, die in der Lutherübersetzung mit „Amt“ wiedergegeben werden:

Griechisches Wort: Übersetzt als: Bezieht sich auf: Stellen in LÜ 1912: Stellen in ZB 1931:
oikonomía
(Verwaltung, Ordnung, „Ökonomie“)
„Amt“ Stellung eines (Guts-)Verwalters Lukas 16,3-4
„Verwaltung“ Lukas 16,3-4
„Amt“ „Verwaltung“ der Offenbarung Gottes, die Paulus anvertraut wurde 1.Kor.9,17, Eph.3,2
„Predigtamt“ Kol.1,25
„Haushalteramt“ 1.Kor.9,17
„Veranstaltung“ Eph.3,2, Kol.1,25
„Gemeinschaft“ der Heilsplan Gottes, bzw. dessen Verwirklichung Eph.3,9
„[göttliche] Veranstaltung“ Eph.3,9
„Besserung“ 1.Tim.1,4
„Dienstleistung im Haushalt“ 1.Tim.1,4
hieratéuo
(von „hiereus“=Priester, also wörtlich „priestern“)
„des Priesteramtes pflegen“ Dienst des Zacharias im Tempel Lukas 1,8
„Priesterdienst tun“ Lukas 1,8
apostolé
(Aposteldienst; wörtlich „Sendung“)
„Apostelamt“ Tätigkeit der Apostel Apg.1,25, Röm.1,5, 1.Kor.9,2, Gal.2,8 Apg.1,25, Röm.1,5, 1.Kor.9,2, Gal.2,8
allotri(o)epískopos
(wörtlich etwa „Fremdaufseher“)
„der in ein fremdes Amt eingreift“ In einer Liste zusammen mit „Mörder“, „Dieb“ und „Übeltäter“ aufgeführt.
Gemäss Anmerkung der Zürcher Bibel: Es ist wohl eine gewerbsmässige, gewinnsüchtige Angeberei vor den Gerichten gemeint, die so gut wie Mord, Diebstahl usw. unter das Strafgesetz fiel.
Bauer/Aland, „Wörterbuch zum Neuen Testament“ (6.Auflage): ein Wort mit noch nicht genügend geklärter Bedeutung, vielleicht Hehler, auch wohl Spitzel, Denunziant (…) oder allg. jemand, der sich in fremde Dinge einmischt.
1.Petrus 4,15
„einer, der in fremde Sachen eingreift“ 1.Petrus 4,15

Das Neue Testament – „Amtliche Version“ (Teil 2)

31. März 2012

Andere Ausdrücke für „Diener“

Es gibt im Griechischen des Neuen Testamentes einige andere sinnverwandte Wörter für „Diener“. Eines davon ist „hypäretäs“, das u.a. für Synagogen-, Gerichts-, u.ä. „offizielle“ Diener gebraucht wird. In den beiden von mir hier verwendeten Übersetzungen ist dieses Wort an keiner Stelle „amtlich“ übersetzt worden; aber vielleicht gibt es andere Übersetzungen (so gesehen z.B. im Spanischen), die das tun.

Ein anderes solches Wort ist „leitourgós“. Davon abgeleitet ist „leitourgía“ (Dienst); ein Ausdruck, der im Neuen Testament vor allem für zweierlei Dinge verwendet wird: für finanzielle Dienstleistungen, und für den Dienst eines jüdischen Priesters nach der Ordnung des Alten Testaments. Von daher kommt unser Wort „Liturgie“. Hier fällt mir auf, dass dieses Wort seinen Ursprung im alttestamentlichen Priestertum hat, welches mit dem Kommen Jesu hinfällig geworden ist. Der neutestamentliche Gläubige braucht keinen Priester oder Mittler mehr, um sich Gott zu nähern, denn die Mittlerschaft von Jesus Christus genügt dazu völlig (1.Tim.2,5, Hebr.10,19-22). Andererseits ist jeder Christ ein Priester vor Gott (1.Petrus 2,5.9). Der ursprüngliche Sinn von „Liturgie“ bezieht sich also auf etwas, was wir als Christen gar nicht mehr nötig haben!

Luther übersetzt „leitourgía“ in Lukas 1,23 und Hebräer 8,6 mit „Amt“ (es geht hier um den alttestamentlichen Priesterdienst), während die Zürcher Übersetzung an diesen Stellen „Dienst“ sagt. In Hebräer 9,21 haben dagegen beide Übersetzungen „Gottesdienst“. (Was ist „Gottesdienst“? Eine rituelle Verrichtung, oder ein Leben im Gehorsam Gott gegenüber? Das Problem liegt hier nicht so sehr in der Übersetzung, als vielmehr in unserem heutigen (Miss-)Verständnis des Wortes „Gottesdienst“.)
– In Philipper 2,30 sagt Luther „dienen“ und in 2.Korinther 9,12 „Steuer“ (in diesen beiden Stellen geht es um finanzielle Hilfe); die Zürcher Bibel übersetzt in beiden Stellen „Dienstleistung“. – Ein besonderes Problem scheint den Übersetzern Philipper 2,17 gewesen zu sein: „Und wenn ich auch als Trankopfer ausgegossen werde über dem Opfer und Dienst (leitourgía) eures Glaubens, so freue ich mich und freue mich mit euch allen.“ Die Lutherübersetzung hat hier „Gottesdienst“ (statt einfach „Dienst“); die Zürcher Übersetzung sagt „priesterliche Darbringung“ (wohl aus der Überlegung heraus, dass „leitourgía“ in anderem Zusammenhang für den Priesterdienst verwendet wird). Aber diese Übersetzungen bringen bereits ein bestimmtes Vorverständnis über die Auslegung mit hinein. Natürlich ist diese Stelle nicht so einfach zu verstehen, weil Paulus hier neutestamentliches christliches Leben in alttestamentlichen Begriffen ausdrückt. Aber warum nicht diese Verständnis- und Auslegungsarbeit dem Leser überlassen, indem man einfach das neutrale Wort „Dienst“ als Übersetzung gebraucht? – Dasselbe gilt für die anderen angeführten Stellen.


Hierarchische Stellung, oder einfache Beschreibung einer Funktion?

Untersuchen wir jetzt einige Ausdrücke, die für spezifische „Ämter“ (Dienste) verwendet werden.

Beginnen wir mit dem „Bischof“ – ein Ausdruck, der bereits im zweiten Jahrhundert so gebraucht wurde, als handelte es sich um die „höchste Stufe in der kirchlichen Hierarchie“. „Bischof“ ist eine verballhornte Form des griechischen „epískopos“, was wörtlich „Aufseher“ bedeutet. Genauso wie „diákonos“, handelt es sich um einen Begriff, der ursprünglich kein bestimmtes „Amt“ bedeutete. Er bezeichnete einfach die Tätigkeit der Fürsorge und Wachsamkeit für andere. Es würde keineswegs schaden, „epískopos“ mit „Aufseher“, „Fürsorger“ o.ä. zu übersetzen, statt des künstlichen Wortes „Bischof“.
Dieses Wort kommt fünfmal im Neuen Testament vor (Apg.20,28, Phil.1,1, 1.Tim.3,2, Titus 1,7, 1.Petrus 2,25). Von diesen Stellen gibt uns jene in der Apostelgeschichte eine besondere Information: Paulus spricht hier zu den versammelten Ältesten von Ephesus (Apg.20,17), und zu ihnen sagt er, dass „euch der Heilige Geist gesetzt hat zu Bischöfen (Aufsehern)„. Somit ist „Bischof“ (Aufseher) kein „Amt“ für sich; es handelt sich einfach um eine der Funktionen der Ältesten.

Von „epískopos“ abgeleitet ist das Verb „episkopéo“ (Aufsicht üben; achtgeben). Es kommt zweimal vor im Neuen Testament: In 1.Petrus 5,2 wird es als eine Funktion der Ältesten genannt (Luther übersetzt „wohl zusehen“; während die Zürcher Übersetzung das Wort auslässt). Und in Hebräer 12,15 wird es als eine der Funktionen aller Mitglieder der christlichen Gemeinschaft genannt, und wird übersetzt mit „darauf sehen“ oder „zusehen“.

Dann gibt es noch das Wort „episkopé“ (Aufsicht), welches in diesem Sinn vorkommt in Apg.1,20 und 1.Tim.3,1. In der Timotheusstelle wird es einhellig als „Bischofsamt“ übersetzt (obwohl es sich in Wirklichkeit, wie wir gesehen haben, um eine der Funktionen der Ältesten handelt.) In der Apostelgeschichte, wo gesagt wird, jemand müsse die „episkopé“ des Judas übernehmen, sagt die Zürcher Übersetzung „Vorsteheramt“ (auch in Apg.20,28 und Phil.1,1 übersetzt diese Version „Vorsteher“, nicht „Bischof“). – Es gibt aber keinen Wortbestandteil in „episkopé“, der „Amt“ bedeutet. – Luther sagt dagegen in Apg.1,20 „Bistum“. (Was für einem „Bistum“ ist Judas vorgestanden??)
Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass „episkopé“ noch einen anderen Sinn hat, nämlich den der „Aufmerksamkeit“ Gottes oder seines Eingreifens. In diesem Sinn kommt das Wort in Lukas 19,44 und 1.Petrus 2,12 vor und wird normalerweise mit „Heimsuchung“ übersetzt.

Wenn wir nun zu dem Begriff des „Ältesten“ (presbýteros) kommen, so habe ich keine Probleme mit der Übersetzung. Wörtlich handelt es sich zwar um einen Komparativ („die Älteren“) – was bedeutet, dass in dem Fall, wo eine Gemeinde ausschliesslich aus Jugendlichen und jungen Erwachsenen besteht, die „Älteren“ weniger als dreissig Jahre alt sein könnten. Aber von mir aus gesehen macht es keinen grossen Unterschied, ob man „die Älteren“ oder „die Ältesten“ sagt. Es ist ein Begriff, der weitgehend seinen normalen Wortsinn beibehalten hat. „Alt“ oder „Ältester“ zu sein, ist keine hierarchische Stellung; es ist eine Anerkennung aufgrund der (v.a. geistlichen) Reife, die von den übrigen Geschwistern im Leben dieser Personen festgestellt wird.
Einige Gemeinden haben zwar auch die Funktion der Ältesten zu einem hierarchischen „Amt“ gemacht. Dabei sind in den meisten dieser Gemeinden die „Ältesten“ dem „Pastor“ untergeordnet, wodurch sie faktisch zu „Zweitältesten“ degradiert werden. Ein solches Zweistufenschema (Älteste-Pastor) ist in der Bibel nicht zu finden.
Ein kleines Problem habe ich mit der Übersetzung von 1.Timotheus 4,14, wo die Kollektivform „presbytérion“ (Gemeinschaft der Ältesten) vorkommt. Die Zürcher Übersetzung macht daraus einen „Rat der Ältesten“, was dem Begriff sofort einen Beigeschmack von „Amtlichkeit“ und „Parlamentssitzung“ gibt. Luther sagt dagegen schlicht – und richtiger – „unter Handauflegung der Ältesten„.
Es gibt Denominationen, die auch diesen Begriff in ihre eigene Sprache aufgenommen haben und die Behörde des „Presbyteriums“ eingeführt haben (so gibt es z.B. die „Presbyterianische Kirche“). Ich denke, deutschsprachige Leser werden schnell die Künstlichkeit dieses Begriffs erkennen.

Sehen wir uns jetzt das Wort an, das die Evangelischen bzw. Evangelikalen normalerweise für ihre Gemeindeleiter gebrauchen: „Pastor“ (oder davon abgeleitet „Pfarrer“).
Es handelt sich dabei um das Wort „Hirte“ auf lateinisch; im Griechischen des Neuen Testamentes heisst es „poimén“ und wird durchwegs richtig und natürlich mit „Hirte“ übersetzt. Auffallend ist jetzt aber, dass dieses Wort im Neuen Testament nur ein einziges Mal im Zusammenhang mit geistlichem Dienst vorkommt: in Epheser 4,11, fast am Ende einer Liste von fünf verschiedenen „Gaben zur Auferbauung der Heiligen“. Ausserdem kommt es in sieben neutestamentlichen Versen in seinem eigentlichen Sinn vor (Viehhirte); sowie in neun Versen, in denen sich Jesus selber mit einem Hirten vergleicht.
Natürlich hatten die Christen jener Zeit keinerlei „amtliche“ oder „hierarchische“ Vorstellung, wenn sie das Wort „Hirte“/“Pastor“ hörten! Sie hatten niemals einen gutgekleideten Mann auf einer Kanzel stehen sehen, der sich „Hirte“/“Pastor“ nennen liess. Die einzigen Hirten, die sie kannten, waren eben die Kuh- und Schafhirten ihrer ländlichen Umgebung. Wenn sich also Jesus mit einem Hirten verglich, dann war das ein Ausdruck äusserster Demut. Er verglich sich mit einer der einfachsten und ärmlichsten Tätigkeiten, die in seinem Umfeld ausgeübt wurden!

Es gibt ausserdem das abgeleitete Verb „poimaino“ (weiden; als Hirte hüten). Dieses Wort kommt zweimal in seinem eigentlichen Sinn vor (Vieh weiden), und fünfmal als Beschreibung von Jesus. Als Funktion in der christlichen Gemeinschaft kommt es an drei Stellen vor (Johannes 21,6, Apostelgeschichte 20,28, und 1.Petrus 5,2). In Johannes 21 handelt es sich um den Auftrag Jesu an Petrus. In der Apostelgeschichte und im 1.Petrusbrief geht es um eine Funktion der Ältesten. (In diesem Zusammenhang nennt sich auch Petrus selber im vorangehenden Vers „Ältester“.)
Der „Hirtendienst“ bzw. das „Pfarramt“ ist also, ebenso wie das „Bischofsamt“, in Wirklichkeit kein gesondertes „Amt“. Es ist einfach eine der Funktionen der Ältesten in der Gemeinde.

Dann gibt es noch ein griechisches Wort, das in verschiedenen Übersetzungen, und sogar an verschiedenen Stellen innerhalb derselben Übersetzung, ganz unterschiedlich wiedergegeben wird. Es erstaunt mich eigentlich, dass noch niemand auf die Idee gekommen ist, aus diesem Wort eine kirchlich-hierarchische „Amtsbezeichnung“ zu machen. Es handelt sich um das Wort „hägoúmenos“, das wörtlich „Führer“ oder „Leiter“ bedeutet. Von allen neutestamentlichen Begriffen ist das also derjenige, der unserem heutigen Konzept von „Leiterschaft“ am nächsten kommt.

Im Neuen Testament kommt „hägoumenos“ siebenmal vor. In Apostelgeschichte 7,10 wird es mit „Fürst“ bzw. „Regent“ übersetzt und bezieht sich auf die Regierungsstellung Josefs in Ägypten. In Matthäus 2,6 wird es mit „Herzog“ bzw. „Herrscher“ übersetzt und spricht von der Stellung des verheissenen Messias. In Lukas 22,26 spricht es von Leiterschaft im allgemeinen und wird mit „der Vornehmste“ bzw. „der Hochstehende“ übersetzt. In Apg.15,22 werden massgebende Männer in der christlichen Gemeinde und Reisebegleiter von Paulus und Barnabas so genannt. Die Zürcher Bibel übersetzt hier mit „führende Männer“; Luther – ziemlich unangebracht – mit „Lehrer“. Es ist interessant, dass das Neue Testament gerade hier, wo es um das Eigentliche von „Leiterschaft“ und Einfluss in der Gemeinde geht, keine spezifische „Amts-“ oder Funktionsbezeichnung gebraucht, sondern ein Wort, das eben nur gerade dies spezifisch ausdrückt: Leiterschaft.
Die meistzitierten (und am meisten missbrauchten) Stellen über „haegoúmenoi“ sind aber Hebräer 13,7 und 17 (und dazu am Rande noch Vers 24). Insbesondere Vers 17 wird oft als Begründung für die berühmt-berüchtigte Lehre von der „Unterordnung unter die Leiterschaft“ zitiert. Die Zürcher Bibel übersetzt hier mit „Vorsteher“, Luther wiederum mit „Lehrer“.
(Luther sah im Lehrdienst die wichtigste Aufgabe eines reformierten Pfarrers. Er hat damit leider das katholische Priester- und Sakramentssystem nicht wirklich überwunden, sondern ihm lediglich einen anderen Akzent gegeben. Er hat zwar dem Pfarrer seine priesterliche Mittlerfunktion genommen, die nur Jesus allein zukommt; aber dafür hat er ihm eine nicht weniger gefährliche andere Macht- und Monopolstellung verschafft: Er machte aus dem Pfarrer einen gelehrten Akademiker, der aufgrund seiner Studien über „geheimes Wissen“ verfügt, das gewöhnlichen Laien nicht zugänglich ist. „Wissensvermittlung“ ist aber nicht das Eigentliche am neutestamentlichen Lehrdienst, wie wir in der nächsten Folge sehen werden.)

Rechtfertigt nun Hebräer 13,17 den autoritären Leitungsstil, den allzuviele „Pastoren“ heutzutage ausüben? – Dieser Frage im Detail nachzugehen, würde hier zu weit führen. Ich hoffe mich ein anderes Mal damit befassen zu können. Hier nur stichwortartig drei Gründe, warum das nicht der Fall ist:

1. Dieser Vers identifiziert die „hägoúmenoi“ in keiner Weise mit den „Hirten“/“Pastoren“. Wir haben bereits gesehen, dass ein spezifisches „Pastorenamt“ (im heutigen Sinn) im Neuen Testament gar nicht existiert.
2. Die „hägoúmeoi“ werden in der Mehrzahl genannt; d.h. es gibt nicht nur einen einzigen von ihnen in der Gemeinde. Die Gemeinden im Neuen Testament wurden immer von einem Team von mehreren Leitern geleitet, nie von einem allein.
3. Die lehrreichste Stelle über die Rolle eines „hägoúmenos“ in der Gemeinde finden wir in Lukas 22,25-26. Da sagt Jesus, der Herr:

„Die Könige der Völker üben die Herrschaft über sie aus, und ihre Gewalthaber lassen sich Wohltäter nennen. Ihr dagegen nicht so! Sondern der Grösste unter euch soll werden wie der Jüngste, und der Hochstehende (=Leiter, hägoúmenos) wie der Dienende (diakonéo).“

In der christlichen Gemeinde darf sich also auch ein „hägoúmenos“ (Leiter) nicht anmassen, mehr zu sein als ein „diákonos“ (Diener). Er muss sogar umso mehr Diener werden, je wichtiger er sein möchte.

(Fortsetzung folgt)

Eine argentinische Zumutung

24. Mai 2011

Vor einiger Zeit fand ich im Internet einen Artikel eines (anscheinend) bekannten argentinischen Leiters, unter dem Titel: „Wie du mittels deiner Pastoren Gott ehren kannst!“ Zuerst dachte ich, es handelte sich um eine Satire – aber nein, es war alles todernst gemeint. Der Artikel begann so:

„Die Art, Gott zu ehren:

Den anderen vorzuziehen bedeutet: Wenn wir gleich sind, dass wir den anderen zuerst nach vorne lassen; und wenn zwei sich setzen sollen, aber es gibt nur einen Stuhl, dass wir den anderen sich setzen lassen.

Der Pastor, der Apostel, muss das beste Auto fahren, muss sich auf den besten Platz setzen. Das System hat uns gelehrt, diese Dinge als schlecht zu betrachten und uns selber vorzuziehen.

Aber jetzt kommt Gott mit der Ehre.

Gott möchte uns beibringen, Ehre zu erweisen, und es ist nötig, das zu lehren. Wenn Sie Leute haben, die Gott ehren, dann werden Sie Leute haben, die von Gott geehrt sind.

Es muss ein Unterschied gemacht werden mit jenen, die Träger der Salbung Gottes sind. (…) Dann wird die Salbung Gottes (auch) über Sie fallen.“

Etwas weiter unten heisst es:

„Du bist eine wichtige Person, du bist das Wichtigste, was es auf der Erde und in deiner Stadt gibt; und dein Pastor ist das wichtigste, was es in deinem Leben gibt. Denn wenn du lernst, ihn zu ehren, dann ehrst du Gott.“

(…)

„Möchtest du mehr Ehre erhalten? Dann werde nicht müde, deinem Pastor (Geld) zu geben, mache eine Gewohnheit daraus, gewöhne dich an den Wohlstand, und werde zu einem von Gott geehrten Menschen. – Wiederholen Sie: ‚Ich werde von Gott geehrt sein.'“

Der Leser möge mir verzeihen, dass ich die Quelle nicht angebe: ich tue das normalerweise nur bei positiven Beispielen. (Anmerkung zur Übersetzung: Die stilistischen Unebenheiten, wie z.B. die sprunghaften Wechsel von „Wir“ zu „Du“ zu „Sie“, habe ich möglichst originalgetreu übernommen. Nur da, wo die Übersetzung ganz unverständlich geworden wäre, habe ich Satzstrukturen etwas geglättet.)

Bei dem Autor dieser Zeilen handelt es sich offenbar nicht um den Anführer einer in irgendeinem Winkel versteckten Sekte, sondern um einen international bekannten evangelikalen Leiter. Das ist die Lehre, die heutzutage in der Mehrheit der evangelikalen Kirchen verbreitet wird: Der Pastor ist der spezielle „Gesalbte Gottes“, und der Weg zu Gott führt über ihn und nur über ihn. Man hat ausserdem noch einen persönlichen Vorteil davon, denn wer dem Pastor Geld gibt, bekommt von Gott noch mehr Geld zurück.

Im deutschen Sprachraum habe ich noch keine derart „starken“ Worte gehört. Der Sache nach habe ich aber diese falsche Lehre schon in vielen Gemeinden und Organisationen angetroffen: „Dich Gott unterzuordnen, bedeutet in erster Linie, dich deinem Leiter unterzuordnen.“ – „Gott spricht zu dir in erster Linie durch deine Leiter.“ – Oder auch: „Wer sich der Leiterschaft nicht unterordnet, verliert seine geistliche Abdeckung (bzw. den Schutz Gottes).“
Wenn deutschsprachige Pastoren sich noch nicht so extrem ausdrücken wie der zitierte Argentinier, dann liegt das m.E. nur daran, dass im deutschsprachigen Kulturkreis die Schmerzgrenze niedriger liegt für alles, was nach Diktatur riecht. Ein Pastor wird sich deshalb hüten, diese Schmerzgrenze zu überschreiten. Hier in Lateinamerika ist man sich eher an Diktaturen gewöhnt, und deshalb haben die hiesigen Pastoren auch weniger Hemmungen, in dieser Hinsicht offen zu sprechen.

Der Sinn dieser Veröffentlichung ist deshalb folgender: Die karikaturistische Überzeichnung einer Sache bringt oft Merkmale ans Licht, die in der Sache selbst bereits vorhanden sind, aber ohne die Überzeichnung nicht ohne weiteres erkannt würden. Der oben zitierte Artikel wirkt für deutschsprachige Leser sicherlich wie eine solche Überzeichnung. Er stellt aber dar, was viele deutschsprachige Gemeindeleiter im Kern auch lehren. Ich wünsche mir, dass viele Gemeindeglieder (und wer weiss, vielleicht sogar einige Leiter?) an diesem Beispiel erkennen mögen, auf was für Zustände ihre Gemeinde zusteuert, wenn sie solchen autoritären Lehren des geistlichen Missbrauchs weiterhin Raum gibt.

Pfarrherrliche Statussymbole habe ich sowohl in Europa wie in Lateinamerika zur Genüge gesehen. In einer Gemeinde waren die Büros der untergeordneten Pastoren klein und hatten einen gewöhnlichen Betonfussboden; das Vorzimmer des Hauptpastors hatte einen Spannteppich; und sein eigenes Büro war das grösste von allen und hatte einen dicken, flauschigen Teppich. In einer anderen Gemeinde wurde die Hierarchie durch die unterschiedliche Qualität der Bürostühle ausgedrückt: für den Stuhl des Hauptpastors war mehr Geld ausgegeben worden, als ich im Monat verdiene. Nur für einen Stuhl! – Wieder in einer anderen Gemeinde achtete der Hauptpastor streng darauf, dass er immer „standesgemäss“ angezogen war; d.h. dass ihn nie ein Gemeindeglied anders als in Anzug und Krawatte überraschen konnte; und dass er nie anders als mit „Herr Pfarrer“ angesprochen wurde.

Falls es jetzt tatsächlich jemanden geben sollte, der dies (oder andere Aspekte des zitierten Artikels) gut finden sollte, dann möchte ich nur kurz zitieren, was Jesus dazu sagt:

„Sie (die Pharisäer) lieben den obersten Platz bei den Mahlzeiten und den Vorsitz in den Synagogen und die Begrüssungen auf den Märkten und dass sie von den Leuten ‚Meister‘ genannt werden. Ihr dagegen sollt euch nicht ‚Meister‘ nennen lassen; denn einer ist euer Meister, ihr alle aber seid Brüder. Nennt auch niemanden auf Erden euren Vater; denn einer ist euer Vater, der himmlische. Auch sollt ihr euch nicht Lehrer nennen lassen;denn einer ist euer Lehrer, Christus. Wer aber unter euch grösser ist, soll euer Diener sein.“
(Matthäus 23:6-11)

„Sie, die die Häuser der Witwen aufzehren und dabei zum Schein lange Gebete sprechen, sie werden ein umso strengeres Gericht empfangen.“
(Markus 12,40)

Wenn das so empfangene Geld wenigstens zur Unterstützung bedürftiger Menschen oder zur Verkündigung des Evangeliums eingesetzt würde! Gegen eine legitime finanzielle Unterstützung echter Diener Gottes will ich gar nichts sagen. Aber nein, dieses Geld muss dazu dienen – wie im eingangs zitierten Artikel ganz offen und schamlos gesagt wird -, dass die „Pastoren/Apostel“ die besten Sitzplätze einnehmen und das beste Auto fahren können.

– Als die Apostel Petrus und Johannes vor den religiösen Leitern standen, sagten sie:

„Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“
(Apostelgeschichte 5,29)

Und der Apostel Paulus schreibt:

„Denn ich halte dafür, Gott habe uns, die Apostel, als die Geringsten hingestellt, wie zum Tode Verurteilte; denn ein Schauspiel sind wir der Welt geworden, sowohl Engeln als Menschen. Wir sind töricht um Christi willen, ihr aber seid klug in Christus; wir sind schwach, ihr aber stark; ihr seid geehrt, wir aber verachtet. Bis zur jetzigen Stunde leiden wir Hunger und Durst und Blösse und werden geschlagen und haben keinen festen Wohnsitz und mühen uns ab in der Arbeit mit unseren eigenen Händen. Werden wir geschmäht, so segnen wir; werden wir verfolgt, so dulden wir es; werden wir gelästert, so begütigen wir; wie Kehricht der Welt sind wir geworden, ein Abschaum aller bis jetzt.“
(1.Korinther 4,9-13)

Paulus tadelt sogar die Korinther dafür, dass sie missbraucherische Leiter (solche wie den Autor des eingangs zitierten Artikels) überhaupt aufgenommen hatten:

„Ihr ertragt ja gern die Toren, ihr, die ihr klug seid. Ihr ertragt es ja, wenn jemand euch knechtet, wenn jemand euch aufzehrt, wenn jemand euch einfängt, wenn jemand sich überhebt, wenn jemand euch ins Gesicht schlägt. Zur Schande sage ich es: dafür sind wir zu schwach gewesen.“
(2. Korinther 11,19-21)

Noch bedenklicher ist, dass diese falschen Leiter sich als Mittler zwischen Gott und den Menschen aufspielen. In der Reformationszeit wurde einst die grosse Wahrheit auf den Leuchter gestellt, dass jeder Christ seinen eigenen freien Zugang zum Thron Gottes hat, ohne auf das Dazwischentreten eines Priestertums angewiesen zu sein:

„Da wir nun einen grossen Hohenpriester haben, der durch die Himmel hindurchgeschritten ist, Jesus, den Sohn Gottes, (…) so lasst uns nun mit Zuversicht zum Thron der Gnade hinzutreten, damit wir Barmherzigkeit erlangen und Gnade finden zu rechtzeitiger Hilfe!“
(Hebräer 4,14.16)
„Denn einer ist Gott, und einer ist Mittler zwischen Gott und den Menschen, der Mensch Christus Jesus …“
(1.Timotheus 2,5)

Aber die heutigen Evangelikalen, die sich als Erben der Reformation ausgeben, kehren in dieser Hinsicht zu einem mittelalterlichen Katholizismus zurück, indem sie wieder ihre Priesterkaste auf den Thron erheben. Ja, noch schlimmer: diese neuen Priester nennen sich sogar „der Gesalbte Gottes“. „Gesalbter“ ist nichts anderes als die wörtliche Übersetzung des griechischen Wortes „Christus“. Da stehen also heute sterbliche Menschen auf der Kanzel und verkünden: „Ich bin der Christus Gottes; wenn du Gott ehren willst, musst du zuerst mich ehren!“ Tatsächlich erfüllt sich hier die Vorhersage Jesu:

„Denn es werden falsche Christusse und falsche Propheten auftreten und werden grosse Zeichen und Wunder vollbringen, sodass sie, wenn möglich, auch die Auserwählten irreführen. Siehe, ich habe es euch vorhergesagt.“
(Matthäus 24,24-25)

Wer Ohren hat zu hören, der höre!