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Die neutestamentliche Gemeinde in Matthäus 23 (3.Teil)

3. Dezember 2016

In der neutestamentlichen Gemeinde wird „Leiterschaft“ durch Dienst ersetzt.

Das sehen wir in Vers 12 unseres Kapitels Matthäus 23:

„Aber der grösste von euch sei euer Diener. Und jeder, der sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden, und jeder, der sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.“

Wir können mehrere Parallelstellen zitieren:

„Ihr wisst, dass die Machthaber der Völker über sie herrschen, und die Grossen missbrauchen ihre Macht über sie. Unter euch soll es nicht so sein; sondern wer unter euch gross sein will, der sei euer Diener, und wer unter euch wichtiger sein will, sei euer Sklave; wie auch der Menschensohn nicht gekommen ist, um bedient zu werden, sondern um zu dienen und sein Leben als Lösegeld zu geben für viele.“ (Matthäus 20,25-28)

„Die Könige der Völker knechten sie, und die über sie herrschen, lassen sich Wohltäter nennen. Aber ihr sollt nicht so sein; sondern der Grösste unter euch soll werden wie der Jüngste, und der Leitende wie der Dienende. Denn wer ist wichtiger, der am Tisch sitzt oder der bedient? Nicht der, der am Tisch sitzt? Aber ich bin mitten unter euch wie der, der bedient.“ (Lukas 22,25-27)

„Ihr nennt mich ‚Meister‘ und ‚Herr‘, und das sagt ihr gut; denn ich bin es. Wenn also ich, der Herr und Meister, eure Füsse gewaschen habe, dann sollt auch ihr einander die Füsse waschen; denn ein Beispiel habe ich euch gegeben, damit auch ihr so tut, wie ich euch getan habe.“ (Johannes 13,13-15)

Ein „Leiter“ in der neutestamentlichen Gemeinde hat keine Privilegien. Jesus beanspruchte keine Privilegien vor seinen Jüngern und behandelte sie auch nicht autoritär. Sie anerkannten ihn als ihren Meister, weil sie in ihm eine echte Weisheit, Geistlichkeit und Autorität sahen, die sich in seinen Worten und in seinem Beispiel manifestierte. Deshalb war er es würdig, dass sie ihm nachfolgten. Und deshalb konnte er seinen Jüngern dienen, ohne seine Autorität zu verlieren.
Das ist das Beispiel, das Jesus allen Leitern unter seinen Jüngern nach ihm hinterliess. Ein echter christlicher Leiter sucht nicht ein „Amt“, eine „höhere Stellung“, oder Privilegien. Er knechtet seine Glaubensgeschwister nicht. Im Gegenteil, er übt seine Verantwortung zum Wohlergehen seiner Glaubensgeschwister aus. Ein echter christlicher Leiter wird immer ein Beispiel dieser Haltung geben, die auch im Herrn selber war: „Wir sollen (…) nicht uns selber zu Gefallen leben. Jeder von uns lebe dem andern zu Gefallen, indem er das Gute tut und ihn auferbaut. Denn auch der Christus hat nicht sich selber zu Gefallen gelebt …“ (Römer 15,1-3)

Aus der nichtchristlichen Welt sind wir es gewohnt, dass „Leiterschaft“ gleichbedeutend ist mit „herrschen“ oder „andere knechten“. Deshalb musste Jesus sehr klar sagen, dass in seinem Reich die Dinge anders sind. Ja, es gibt eine Vielfalt von Gaben und Funktionen in der Gemeinde (Römer 12,4-5, 1.Korinther 12,4-6); und einige dieser Funktionen schliessen das ein, was wir gemeinhin „Leiterschaft“ nennen. Aber in der christlichen Gemeinde begründet diese Vielfalt der Funktionen keine hierarchische Struktur und keine Unterscheidung zwischen „Geistlichen“ und „Laien“ (Siehe die vorhergehenden Betrachtungen.) Wer eine „Leiterschaftsfunktion“ innehat, steht deswegen nicht „über“ seinen Glaubensgeschwistern.

Es ist interessant zu beobachten, wie sorgfältig sich die Schreiber des Neuen Testaments in dieser Hinsicht ausdrücken: In einem weltlichen Kontext haben sie kein Problem zu sagen, ein Leiter sei „über“ anderen. Aber sie gebrauchen dieses Wort „über“ nicht, wenn sie sich auf einen christlichen Leiter beziehen. Betrachten wir nochmals genau Matthäus 20,25-27: „… die Grossen missbrauchen ihre Macht über sie. Unter euch soll es nicht so sein; sondern wer unter euch gross sein will, (…) und wer unter euch wichtiger sein will …“

In vielen gegenwärtigen Kirchen ist „Leiterschaft“ zu einer Machtposition geworden, verbunden mit viel Einfluss und manchmal auch finanziellem Gewinn. Infolgedessen fühlen sich jene Personen zu diesen Positionen hingezogen, die genau das suchen: Macht, Einfluss, und Reichtum. Das heisst, die Leiterschaftsstellungen werden allmählich von den ungeistlichsten Menschen eingenommen; von jenen, die in Bibelstellen wie den folgenden beschrieben werden:
„… Menschen mit verdorbenem Sinn, die die Wahrheit nicht haben, die fälschlich denken, die Gottesfurcht sei ein Mittel, Geld zu gewinnen …“ (1.Timotheus 6,5)
„… Feinde des Kreuzes Christi, deren Bestimmung das Verderben ist, deren Gott der Bauch ist, und deren Ehre in ihre Schande ist; die [nur] an das Irdische denken.“ (Philipper 3,18-19)
(Über die falschen Apostel): „… wenn jemand euch knechtet, wenn jemand euch aufzehrt, wenn jemand das Eure nimmt, wenn jemand sich selbst erhöht, wenn euch jemand ins Gesicht schlägt.“ (2.Korinther 11,20)
„… der es liebt, der Erste von ihnen zu sein, Diotrephes, nimmt uns nicht auf. (…) und nicht zufrieden damit, nimmt er auch die Brüder nicht auf; und jene, die [sie aufnehmen] wollen, hindert er daran und schliesst sie aus der Versammlung aus.“ (3.Johannes 9-10)

So entstehen Kirchen, die dem Anschein nach aufblühen, aber in geistlichem Elend leben; die voll von Habsucht, Intrigen, Lügen, Betrug, und weltlichem Ehrgeiz sind. Wo solche Dinge zu beobachten sind, und die Versammlung ergreift keine Massnahmen, um diese schlechten Leiter zu korrigieren und sie durch echte geistliche Leiter zu ersetzen, da können wir wissen, dass es sich nicht um neutestamentliche Gemeinde handelt.

Die Situation ist ganz anders an Orten wie China, wo die echte Gemeinde unter ständiger Bedrohung lebt. In China muss ein Gemeindeleiter damit rechnen, in Armut zu leben, und er geht ein erhöhtes Risiko ein, Verfolgung und Tod zu erleiden. Einige der wichtigsten christlichen Leiter in China können nicht einmal einer Gemeinde vorstehen, weil sie sich versteckt halten müssen; ihr ganzer Dienst besteht aus Fasten und Gebet, und Beratung anderer Leiter, die aktiv das Evangelium verkünden.
Dieselbe Situation – oder sogar noch schlimmer – besteht in vielen islamischen Ländern.
In solchen Umständen ist es viel wahrscheinlicher, dass tatsächlich die geistlicheren Christen Leiterschaft anstreben. Sie werden auf dieser Erde nicht belohnt werden dafür; deshalb wird ihre Belohnung vom Herrn umso grösser sein.

Es wäre traurig, wenn die Gemeinde nur in Verfolgungszeiten geistlich aufblühen könnte. Aber in Zeiten der Freiheit könnten wir zumindest die Leiter nach diesem Kriterium prüfen: Wäre diese Person auch unter den Umständen der chinesischen Gemeinde ein Leiter? Ist er in Leiterschaft, weil er dienen will, oder weil er herrschen will?

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Die neutestamentliche Gemeinde in Matthäus 18 (Teil 3)

22. Oktober 2016

Die christliche Versammlung ist der Ort, wo Sünde konfrontiert und korrigiert wird, und Gerechtigkeit hergestellt wird.

In der vorhergehenden Betrachtung sprachen wir über den Konsens, der entsteht, wenn alle ernsthaft und aufrichtig die Führung des Heiligen Geistes suchen. Damit möchte ich nicht den Eindruck erwecken, nur eine Gemeinde ohne Sünde und Konflikte sei eine neutestamentliche Gemeinde. Aber die neutestamentliche Gemeinde geht mit ihren Sünden und Konflikten auf biblische Weise um. Genau darüber spricht die erste Hälfte unseres Abschnitts Matthäus 18,15-20:

„Wenn dein Bruder gegen dich sündigt, geh und weise ihn unter vier Augen zurecht. Wenn er auf dich hört, hast du deinen Bruder gewonnen.“ (Vers 15)
Der erste Schritt besteht darin, dass eine private Sünde privat zurechtgewiesen werden sollte. Sie sollte noch nicht vor andere Personen getragen werden. Aber der Herr sagt auch nicht: „Vergib und vergiss!“, wie in vielen Kirchen fälschlich gelehrt wird. Nein, die Sünde muss konfrontiert werden. Die neutestamentliche Gemeinde unternimmt die nötigen Schritte, um sich von Sünde rein zu halten. So heisst es auch in Epheser 5.11: „Und nehmt nicht an den unfruchtbaren Taten der Finsternis teil, sondern weist sie zurecht.

Wir stellen fest, dass hier, in Matthäus 18,15, der Herr über private Sünden spricht. Eine öffentliche Sünde sollte von Anfang an öffentlich und vor Zeugen konfrontiert werden, wie Petrus in Apg.5,3-4 und 8,20-23 zeigt, sowie Paulus in Galater 2,11-14.

Wenn der fehlbare Bruder nach der privaten Konfrontation nicht umkehrt, dann soll er mit einem oder zwei weiteren Zeugen konfrontiert werden (Matthäus 18,16). Und „wenn er auf sie nicht hören will, dann sage es der Versammlung (Gemeinde) …“ (Vers 17)

„Gemeinde“ bedeutet hier „Versammlung“. Es bedeutet nicht „nur die Leiter“! Dieser Punkt muss betont werden, weil einige Kirchen und Gruppen erklären, Matthäus 18,15-17 zu praktizieren, aber in Wirklichkeit die (tatsächlich oder vermeintlich) fehlbaren Mitglieder vor die Leiter der Organisation bringen, welche dann nach ihrem eigenen Ermessen einen „Schuldspruch“ fällen. Das ist es nicht, was die Worte des Herrn bedeuten. Wenn eine Sache vor die „Versammlung“ gebracht wird, dann bedeutet das, dass sie öffentlich gemacht wird. Das ganze Volk Gottes wird informiert; und wenn eine Art „Gerichtsprozess“ durchgeführt wird, dann hat das ganze Volk Gottes das Recht, daran teilzunehmen. Dadurch wird verhindert, dass einzelne Leiter sich zu exklusiven Richtern aufschwingen, die oft Richter und Partei zugleich sind, und die hinter verschlossenen Türen Urteile fällen, ohne dass jemand kontrollieren oder Rechenschaft fordern könnte, ob es dabei mit rechten Dingen zuging. Solche willkürlichen Schuldsprüche werden in heutigen kirchlichen Organisationen allzu oft gefällt. Genau um dies zu verhindern, stellt der Herr hier ein Prinzip auf, das sogar in der weltlichen Justiz beachtet wird (und wieviel mehr sollte es im Volk Gottes beachtet werden!), nämlich dass Gerichtsprozesse öffentlich sein sollen. Noch mehr: Das Wort „ekklesia“ (Gemeinde / Versammlung) bedeutete im damaligen Griechisch ursprünglich „die Versammlung aller stimmberechtigten Bürger“. Jeder Bürger des Reiches Gottes hat ein Mitspracherecht, wenn es darum geht, einen Mitbürger zu konfrontieren und wiederherzustellen, der gesündigt hat.

Dasselbe finden wir in Galater 6,1: „Ihr Brüder, wenn jemand von einer Übertretung überrascht wird, dann sollt ihr, die geistlichen, ihn zurechtbringen in einem demütigen Geist; und achte auf dich selber, dass nicht auch du versucht wirst.“ Auch hier richtet sich der Aufruf, den fehlbaren Bruder zurechtzubringen, nicht nur an einige wenige Leiter, sondern an alle geistlich Gesinnten. (Gemäss Römer 8,1-16 und 1.Korinther 2,12-15 sollten wenn möglich alle Christen „geistlich“ sein!)

Beachten wir, dass das Ziel dieses Prozesses darin besteht, den Fehlbaren zurechtzubringen. Nicht ihn zu erniedrigen, nicht ihn zu verwerfen und zu verdammen. Aber beachten wir auch, dass dieses „Zurechtbringen“ nur dann geschehen kann, wenn der Fehlbare umkehrt. In Lukas 17,3 (Parallelstelle zu Matthäus 18,15) heisst es: „Wenn dein Bruder gegen dich sündigt, weise ihn zurecht; und wenn er umkehrt, vergib ihm.“ Wenn ein Sünder nicht umkehrt, nicht einmal nachdem er vor der Versammlung konfrontiert und überführt wurde, dann muss der Geschädigte ihm nicht vergeben. „Und wenn er auch auf die Versammlung (Gemeinde) nicht hören will, dann sei er dir wie ein Heide und ein Zöllner.“ (Matthäus 18,17). Im Gegensatz zu einer weitverbreiteten Lehre ist die Umkehr notwendig, damit Vergebung, Wiederherstellung und Versöhnung geschehen kann.

Das sollte uns nicht seltsam erscheinen, da ja dasselbe für die Beziehung zum Herrn selber gilt. Nur wer von seiner Sünde umkehrt, kann in eine persönliche Beziehung zu Jesus eintreten und gerettet werden. Das war die Botschaft, die Jesus vom Anfang bis zum Ende seiner irdischen Mission verkündigte (Matthäus 4,17; Lukas 24,47); und das war auch die Botschaft, die seine Apostel verkündeten (Apostelgeschichte 2,38; 3,26; 14,15; 26,18; usw). Der Herr gab zwar sein Leben für alle Menschen; aber seine Vergebung erreicht nur diejenigen, die umkehren.

Zurück zum Thema „Versammlung“. Unglücklicherweise ist dies ein Punkt, der heute fast unmöglich durchzuführen ist, weil wir gegenwärtig in einer nach biblischen Massstäben sehr irregulären Situation leben. An den allermeisten Orten finden sich die Christen unter verschiedene Konfessionen und Gemeindeverbände zerstreut, während die Mehrheit der Mitglieder dieser Verbände gar keine Christen nach biblischen Massstäben sind. Deshalb ist eine Versammlung der Mitglieder einer konfessionellen Kirche oder eines Gemeindeverbandes in keiner Weise eine Versammlung des Volkes Gottes. Um wieder eine „Versammlung“ im Sinne des Neuen Testamentes haben zu können, müssten alle echten Christen ihre jeweiligen Kirchen verlassen, und sich zusammen mit den echten Christen aus den anderen Kirchen versammeln.

Das ist gar keine so weit hergeholte oder revolutionäre Idee, wie es scheinen mag. Das ist nämlich tatsächlich schon geschehen, an Orten, wo es Erweckung gab. Wenn es gegenwärtig unmöglich scheint, dann liegt das daran, dass wir gegenwärtig sehr weit von einer Erweckungssituation entfernt sind, und dass die gegenwärtigen Kirchen sehr weit davon entfernt sind, „Gemeinde“ im Sinne des Neuen Testaments zu sein. In einer echten Erweckung zieht der Heilige Geist selber die Trennlinien: Nicht zwischen den verschiedenen Denominationen, sondern zwischen den echten und den falschen Christen in jeder Denomination. „Dann werdet ihr wieder den Unterschied sehen zwischen dem Gerechten und dem Bösen; zwischen dem, der Gott dient, und dem, der ihm nicht dient.“ (Maleachi 3,18)

Aber auch in der gegenwärtigen irregulären Situation bin ich der Meinung, dass wir zumindest folgendes fordern dürfen: Dass Sünden und Konflikte, die innerhalb einer Kirche oder eines Gemeindeverbandes nicht auf eine für beide Seiten zufriedenstellende bzw. gerechte Weise gelöst werden können, nicht als „interne Angelegenheiten“ der betreffenden Kirche oder des betreffenden Verbandes betrachtet werden dürfen. Dass solche Fälle – insbesondere wenn Leiter involviert sind – vor eine „Versammlung“ von Glaubensgeschwistern gebracht werden, die nicht demselben Gemeindeverband angehören, und die in der Lage sind, die Angelegenheit unparteiisch zu untersuchen. Wenn ein Gemeindeverband nicht dazu bereit ist, seine Probleme auf diese Weise behandeln zu lassen, dann können wir sicher sein, dass da keine neutestamentliche Gemeinde ist, sondern ein sektiererischer Geist.

Das Wort „Versammlung“ schliesst auch ein, dass es da keine Rangunterschiede gibt. In unserer Stelle in Matthäus 18 ist nirgends die Rede von irgendeinem Unterschied zwischen „Leitern“ und „Geleiteten“, oder zwischen „Geistlichen“ und „Laien“. Wo es um das Konfrontieren von Sünde geht, da gilt kein Ansehen der Person. Um es noch klarer zu sagen: Auch das einfachste Gemeindemitglied darf (und soll!) auch den mächtigsten „Leiter“ wegen einer Sünde zurechtweisen, und ihn sogar vor die „Versammlung“ bringen, wenn er nicht umkehrt. Matthäus 23,8-12 bekräftigt, dass es tatsächlich das ist, was der Herr sagen will.
Dabei muss „Sünde“ natürlich der Bibel gemäss definiert werden. Allzu viele religiöse Organisationen definieren fälschlich als „Sünde“ eine ganze Reihe von Handlungen, die u.a. genau das einschliessen, was der Herr hier ausdrücklich gebietet, nämlich einen Leiter zurechtzuweisen, wenn er sündigt.

Das einzige, was in der Versammlung des Volkes Gottes einen Unterschied macht, ist die geistliche Reife bzw. Weisheit jedes Mitglieds. In 1.Korinther 6,5 tadelt Paulus die Gemeinde in Korinth, weil es „keinen einzigen Weisen unter euch gibt, der zwischen seinen Brüdern Recht sprechen könnte“. Die korinthische Gemeinde war nicht in der Lage, im Konfliktfall die Gerechtigkeit wiederherzustellen.

Leider müssen wir dasselbe von den meisten heutigen Kirchen sagen. Einfachste Rechtsgrundsätze, die sogar in der weltlichen Rechtsprechung gelten, werden einfach übergangen. Entweder gilt das ungeschriebene Gesetz, dass Sünde toleriert werden muss, und den Opfern von Sünde, Betrug und Missbrauch wird gesagt: „Du musst vergeben und vergessen“. Oder die „Gemeindezucht“ wird hauptsächlich dazu eingesetzt, die Machtstellung der Leiterschaft auszubauen und Kritik an den Leitern zum Schweigen zu bringen. Schuldsprüche und „disziplinarische Massnahmen“ werden zum voraus abgesprochen von einem Klüngel von „Eingeweihten“, die als Kläger und Richter zugleich fungieren. Dem Angeklagten wird keine ordentliche Gelegenheit zur Verteidigung gegeben; die Verhandlungen finden unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt; Aussagen von Belastungszeugen werden anonym vom Kläger-Richter vorgetragen („Uns ist bekanntgeworden …“, „Es wurde über dich gesagt …“); Entlastungszeugen werden nicht angehört; Schuldsprüche werden nicht gesetzmässig begründet; und es gibt keine Möglichkeit der Apellation an eine höhere Instanz.
In den meisten evangelikalen Kirchen und Organisationen, in denen ich während meines Lebens aktiv mitarbeitete, wurde all dies als normal angesehen. Aber das Wort Gottes sagt, dass eine solche Situation sehr weit von der Normalität entfernt ist. Eine Kirche, die nicht gerecht urteilt, fällt selber unter das Urteil Gottes.

Möchtest du WIRKLICH Erweckung? (Teil 4)

7. Juni 2016

In einer Erweckung ist alle Ehre für Gott, nicht für dich oder für deine Gemeinde.

Einige Christen, insbesondere Leiter, beten um Erweckung, weil sie denken, damit würde ihre Gemeinde mehr Mitglieder gewinnen, oder sie selber würden dadurch bekannt werden. („Wir sind die schnellstwachsende Gemeinde in unserer Stadt!“) Nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein.

Heute werden Männer der Vergangenheit wie Martin Luther, John Wesley, William Carey, und viele andere als Glaubenshelden gepriesen. Aber zu Lebzeiten hatten diese Prediger keinen guten Ruf. Luther wurde exkommuniziert und geächtet, und seine Feinde taten alles, um zu erreichen, dass sein Ruf wenig besser war als des Teufels. – Über Wesley und die frühen Methodisten sagten die zeitgenössischen christlichen Leiter: „… Er und seine unbeholfenen Laien – seine zerlumpte Legion von Kesselflickern, Kutschern und Strassenwischern – schreiten voran und vergiften das Denken der Menschen.“ – An einer Pastorenkonferenz wurde der Missionspionier William Carey „ein erbärmlicher Schwärmer“ genannt, als er vorschlug, der Missionsbefehl (Matthäus 28,18-20) könnte für die gegenwärtige Kirche weiterhin gültig sein.

Jesus sagte: „Kein Prophet ist willkommen in seiner eigenen Heimat“ (Lukas 4:24). Ähnlich könnten wir sagen: „Kein Prophet ist willkommen, solange er lebt.“ Wenn du Erweckung wünschst, so bereite dich darauf vor, abgelehnt, verleumdet, verfolgt, misshandelt und aus der Kirche ausgeschlossen zu werden. Weder in der Welt noch in der Kirche wirst du einen guten Ruf haben, ausser vielleicht nach deinem Tod.

Jesus kümmerte sich nicht darum, was er vor den Menschen für einen Ruf hatte:
„Aber ich suche nicht meine eigene Ehre; es gibt einen, der sie sucht, und richtet.“ (Johannes 8,50)
„Ehre von Menschen nehme ich nicht an … Wie könnt ihr glauben, die ihr Ehre voneinander annehmt, aber nicht die Ehre sucht, die vom einzigen Gott kommt?“ (Johannes 5,41.44)

Und Paulus sagte:
„… Denn wenn ich noch den Menschen gefiele, wäre ich kein Diener Christi.“ (Galater 1,10)
„Denn ich denke, Gott hat uns Apostel als die Letzten ausgestellt, als zum Tod Verurteilte; denn wir sind vor der Welt, vor den Engeln und vor den Menschen zum Schauspiel geworden. … Wir mühen uns ab, indem wir mit unseren eigenen Händen arbeiten; wir werden verflucht, und segnen; wir werden verfolgt und ertragen es. Wir werden verleumdet und beten; wir sind bis jetzt wie der Abschaum der Welt geworden, der Kehricht aller.“ (1.Korinther 4,9-13)

Was das Ansehen der Gemeinde betrifft, so kann keine Erweckung kommen, ohne dass zuvor ein Zerbruch der Gemeinde stattfindet. Ein Sünder muss zuerst „sein Leben verlieren“, um errettet zu werden. Er muss sich bewusst werden, wie schrecklich und abscheulich seine Sünde in den Augen Gottes ist; er muss diese ganze Hässlichkeit seines Lebens ans Licht bringen und bekennen; und es ist gut möglich, dass er seinen guten Ruf verliert, wenn er das tut.
Die Gemeinde, welche die Sünde in ihrer eigenen Mitte zugelassen hat, wird durch denselben Prozess gehen müssen, wenn sie Erweckung erleben will. Sie wird zulassen müssen, dass ihre Lauheit ans Licht kommt, der Mangel an Gottesfurcht in ihren Mitgliedern und Leitern, die Falschheit ihrer Worte und Taten, die Missbräuche und Betrügereien, die von ihren Leitern begangen werden, usw. Die Gemeinde wird „ihr Leben verlieren“ müssen und ihr Ansehen, damit Gott ihr vergeben und sie reinigen kann, und sie so tauglich wird für eine Erweckung.
Sowohl eine Einzelperson wie auch eine christliche Gemeinschaft muss zuerst durch einen Zerbruch gehen, bevor Gott von neuem in ihrer Mitte wirken kann.

Da die meisten Gemeinden unfähig dazu sind, in diesem Sinn „ihr Leben zu verlieren“, bringt Gott normalerweise „neue Weinschläuche“ hervor, wenn er eine Erweckung bringen will. Er sieht, dass die existierenden Gemeinden niemals eine Erweckung innerhalb ihrer eigenen Ordnungen und Traditionen aufnehmen könnten, und deshalb beginnt er etwas völlig Neues. Wenn du also Erweckung wünschst, dann denke daran, dass eine solche mit grösster Wahrscheinlichkeit NICHT in „deiner Gemeinde“ beginnen wird.

Und auch wenn eine Gemeinde wirklich geistlich erneuert wird und eine Erweckung beginnt, so wird Gott eifersüchtig über seiner Ehre wachen. Er wird nicht erlauben, dass die Leute sagen: „Wie tiefsinnig sind doch die Predigten von Pfarrer Soundso!“, oder: „Wie beeindruckend sind doch die Versammlungen in der Gemeinde XY!“, wo sie sagen sollten: „Wie barmherzig und gnädig ist unser Gott!“

Hören wir noch einmal Finney:
„Der Geist kann betrübt werden, wenn Menschen sich der Erweckung rühmen. Manchmal, wenn eine Erweckung beginnt, wird sie in den Zeitungen angepriesen. Sehr oft wird sie dadurch getötet.
Bei einer gewissen Gelegenheit begann eine Erweckung. Sofort kam ein Brief des Pfarrers an, in welchem er die Erweckung rühmte. Ich sah den Brief und sagte zu mir: ‚Das wird das letzte sein, was wir von dieser Erweckung hören.‘ Nach wenigen Tagen war die Heldentat zu Ende. Das ist nicht aussergewöhnlich. Die Leute veröffentlichen Dinge, die die Gemeinde stolz machen, und dann kann nichts mehr getan werden, um die Erweckung zu retten.
Unter dem Vorwand, etwas zur Ehre und zum Lob Gottes zu schreiben, veröffentlichen einige von uns Dinge, die uns selbst erhöhen, indem wir unseren eigenen Anteil an der Sache hervorheben. Das ist nicht hilfreich, sondern hat im Gegenteil eine schlechte Wirkung.“

Zusammengefasst: Wenn Gott eine Erweckung sendet, dann wird sich kein Leiter und keine Gemeinde dessen rühmen können. Viel wahrscheinlicher ist es, dass viele Leiter und viele Gemeinden ihren guten Ruf und ihr Ansehen verlieren werden. Gott gibt seine Ehre niemandem sonst (Jesaja 42,8).
Bist du bereit, diesen Preis zu bezahlen?


Schluss

Ich begann diese Artikelserie mit der Ankündigung, mich auf einige „negative“ Aspekte von Erweckungen zu konzentrieren. Ich nannte sie „negativ“, weil viele Gemeindechristen heute denken, diese Dinge seien negativ. Wir haben so viele Predigten darüber gehört, dass man sich der Leiterschaft und der Ordnung der Gemeinde unterordnen solle (insbesondere unserer eigenen Denomination); dass es nie Spaltung geben solle in der Gemeinde (während seltsamerweise viele Pastoren, die das sagen, „ihre Schafe“ eifersüchtig vom Einfluss anderer christlicher Denominationen absondern); dass Gott nicht zulassen wird, dass ein Christ leidet; und dass wir uns für das Wachstum „unserer Gemeinde“ einsetzen sollen. Angesichts derartiger Lehren werden die vier Aspekte von Erweckungen, die ich hier beschrieben habe, unweigerlich „negativ“ erscheinen.

Wir haben gesehen, dass in Wirklichkeit alle diese Aspekte dem Willen Gottes gemäss sind. Alle diese Aspekte waren im Dienst Jesu und der Apostel zu beobachten. Jesus und die Apostel verursachten Unordnung und Spaltung; sie erlitten Verfolgung und sogar den gewaltsamen Tod; und sie erhielten für ihr Werk keinerlei Ehre oder Ansehen von Menschen. Was für ein Recht haben wir, „negativ“ zu nennen, was eindeutig der Wille Gottes ist?

Es möge mich also niemand missverstehen. In keiner Weise möchte ich sagen, Erweckung sei etwas „Negatives“. Vielmehr möchte ich dieses sagen: Wenn die Ordnungen und Traditionen deiner Gemeinde dir noch „heilig“ sind; wenn das Ansehen und das Wachstum „deiner“ Gemeinde und „deines“ Dienstes dir noch wichtiger sind als die Ehre Gottes, dann denke nochmals darüber nach, ob es dir wirklich ernst ist mit dem Wunsch nach einer geistlichen Erweckung.

Die Autorität in der Grossfamilie Gottes

27. Juni 2013

Die evangelischen und evangelikalen Kirchen haben in ihrer grossen Mehrzahl das Amt eines „Pfarrers“ oder „Pastors“ geschaffen, der über die Gemeinde regiert. Dieses Modell ist nicht biblisch. Das Wort „Pastor“ (Hirte) im Sinn eines geistlichen Dienstes erscheint im Neuen Testament nur ein einziges Mal, und zwar zusammen mit vier anderen Diensten: „Und er selber gab die einen, Apostel, andere, Propheten, andere, Evangelisten, andere, Hirten und Lehrer“ (Eph.4,11).

Das evangelische Pfarramt kommt vom römisch-katholischen Priesteramt her. Es war eine römische Idee, einen einzelnen Menschen an die Spitze der Kirche zu setzen und ihn als einen Mittler zwischen Gott und den Menschen zu betrachten. Das ist ein doppelter Ungehorsam gegen die biblischen Prinzipien:

1. Weil es einen einzigen Mittler zwischen Gott und den Menschen gibt, Jesus Christus (1.Tim.2,5). Kein Mensch darf sich anmassen, „Gottes Sprachrohr“ zu sein für seine Geschwister, oder andere Menschen von sich abhängig zu machen inbezug auf ihr geistliches Leben. Durch Jesus Christus hat jeder Christ direkten und unmittelbaren Zugang zum Thron Gottes (Hebräer 4,14-16, 10,19-22). Ein Leiter, der sagt: „Wenn ihr Jesus nachfolgen wollt, dann gehorcht mir“, masst sich eine Stellung an, die nur Jesus selber zukommt.

2. Weil die Leiterschaft der neutestamentlichen Gemeinde plural ist. Bei allen im Neuen Testament erwähnten Gemeinden, von denen wir Näheres über ihre Leiterschaftsstruktur wissen, sehen wir, dass sie von einem Team aus mehreren Personen geleitet wurden:
– Jerusalem: die elf Apostel, die in den ersten Kapiteln der Apostelgeschichte ständig erwähnt werden.
– Antiochien: fünf „Propheten und Lehrer“ (Apg.13,1).
– Die ersten von Paulus gegründeten Gemeinden: Älteste (Apg.14,23).
– Ephesus: Älteste (Apg.20,17) – die im selben Kapitel (V.28) auch „Bischöfe“ („Aufseher“) genannt werden.
– Die Gemeinden im allgemeinen: „Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer“ (Eph.4,11).
– Philippi: „Bischöfe (Aufseher) und Diakone (Diener)“ (Phil.1,1).
– Die Gemeinden im allgemeinen: „Leiter“ oder „Führer“ (Hebr.13,7.17.24).
– Die Gemeinden im allgemeinen: „Älteste“ (Titus 1,5, Jak.5,14, 1.Petrus 5,1).
(Jemand hat mir eine Bemerkung geschrieben, dass es in 1.Tim.3,2 heisst „der Bischof“, in der Einzahl. Aber es handelt sich hier offensichtlich um einen generischen Ausdruck, so wie wenn ich sage: „Der Student muss viele Bücher lesen“ – darunter versteht auch niemand, es gebe nur einen einzigen Studenten in der Klasse. Ebensowenig darf also aus 1.Tim.3,2 geschlossen werden, es gebe nur einen einzigen Bischof in einer Gemeinde. – Ausserdem haben wir oben in Apg.20 gesehen, dass „Bischof“ gleichbedeutend ist mit „Ältester“.)
Für eine genauere Untersuchung der neutestamentlichen Begriffe, mit denen „Ämter“ oder „Leiterschaftspositionen“ beschrieben werden, siehe „Das Neue Testament, Amtliche Version“.

Der am häufigsten verwendete Ausdruck in dieser Liste ist „Ältester“. Wir müssen also untersuchen, was genau ein Ältester ist.

Die Urgemeinde ging aus dem jüdischen Volk hervor. Alle Apostel waren Juden und drückten sich in jüdischen Begriffen aus. Wir müssen also vom Alten Testament her an die Frage herangehen: Wer oder was war ein Ältester in Israel?

Wir finden, dass die Stellung eines „Ältesten“ eng verbunden ist mit der Organisation des Volkes nach Stämmen, Sippen und Familien, wie wir im vorhergehenden Artikel gesehen haben. Es sollte uns also nicht überraschen, dass auch die Autorität eines echten Ältesten sich von seiner Familienumgebung ableitet.

Mike Dowgiewicz schreibt:

„Die Ältesten waren immer die bevollmächtigten Leiter des Volkes Gottes, sowohl im alten Israel wie in der Urgemeinde. Ein Ältester zu werden, ein zakén (das hebräische Wort), war der Höhepunkt im Leben eines weisen Mannes. Lasst uns näher ausführen, wie jemand zu einem Ältesten wurde:
Israelitische Männer, die in der Ausübung ihrer Leiterschaft aussergewöhnliche Weisheit zeigten, wurden zu Stellungen höherer Autorität befördert. Besonders weise Familienväter wurden zu Ältesten ihrer erweiterten Familie (Sippe). Die besonders weisen Ältesten einer Sippe wurden Älteste ihres Stammes. Einige von diesen wurden schliesslich zu Beratern des Königs, zum Wohl des ganzen Volkes. Die Weisheit war ein Schlüsselelement in ihrem Fortschritt.
Auf jeder Stufe war die Leiterschaft persönlich. Auf jeder Ebene standen die Menschen in engem persönlichem Kontakt mit den Männern, die Autorität hatten. Jeder Älteste war sich bewusst, dass er seine eigenen Nachfolger ausbildete. – Im gegenwärtigen nikolaitischen System stellt eine Kommission einen auswärtigen Kleriker an, zu dem niemand in der Gemeinde zuvor je irgendeine persönliche Beziehung hatte!“
(Mike Dowgiewicz, „I hate the Nicolaitans“)

So ging die Leiterschaft auf natürliche Weise aus den Familien hervor, und von da zu den Grossfamilien und Sippen, und so weiter bis auf nationaler Ebene. Jeder Älteste war von einem „Sicherheitsnetz“ von ihm nahestehenden Menschen umgeben, die ihn persönlich seit langer Zeit kannten. Aufgrund dieser persönlichen Nähe konnten sie die Autorität des Ältesten bestätigen und bestärken; sie konnten ihn aber auch zurechtweisen, wenn er im Irrtum war.
Im biblischen Konzept von Autorität gibt es keine „Immunität“: Ein Leiter muss Korrektur und Zurechtweisung von seinen Volksgenossen und Glaubensgeschwistern annehmen, genauso wie jedes „gewöhnliche Mitglied“. Grundlage für jede Zurechtweisung ist das Wort Gottes; und jedes Mitglied des Volkes Gottes kann das Wort Gottes anwenden, um jedes andere Mitglied zu beurteilen und zurechtzuweisen, auch einen Leiter. Um dieses Prinzip zu illustrieren, berief Gott als Propheten oft Menschen, die keinerlei „Leiterschaft“ innehatten, und sandte sie, um Könige und Leiter zurechtzuweisen.

Das Herzstück biblischer Autorität ist die Vaterschaft. Vaterschaft ist ein Abbild Gottes auf dieser Erde: Gott ist der Vater par excellence. Mehrere Bibelstellen bringen die Autorität Gottes, und Gottes Versorgung für sein Volk, mit irdischer Vaterschaft in Verbindung:

Matth.7,9-11: „Wer unter euch, wenn sein Kind ihn um Brot bittet, wird ihm einen Stein geben? Oder wenn es ihn um einen Fisch bittet, wird er ihm eine Schlange geben? Wenn also ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben geben könnt, wieviel mehr wird euer Vater im Himmel denen Gutes geben, die ihn bitten?“
Eph.3,14-15: „Deshalb beuge ich meine Kniee vor dem Vater unseres Herrn Jesus Christus, von dem jede Vaterschaft (so die wörtliche Übersetzung) im Himmel und auf Erden ihren Namen hat.“
Hebr.12,7-9: „Andererseits hatten wir unsere irdischen Väter, die uns disziplinierten, und wir ehrten sie. Warum gehorchen wir nicht noch viel mehr dem geistlichen Vater, damit wir leben? Und jene (die irdischen Väter) disziplinierten uns während kurzer Zeit, wie es ihnen gut schien; aber dieser (Gott) zu unserem Besten, damit wir an seiner Heiligkeit Anteil haben.“

Gott möchte, dass die irdischen Familien von einem Vater „regiert“ werden. So kann jeder von Kind an verstehen, was Vaterschaft ist; und so wird man auch verstehen können, wie Gott ist. (D.h. wenn der Vater seine Vaterschaft in Übereinstimmung mit dem Willen Gottes ausübt.) Am Beispiel des Volkes Israel sehen wir, wie Gott möchte, dass diese Familienstruktur auf das ganze Volk Gottes ausgeweitet wird. Dasselbe gilt für das neutestamentliche Gottesvolk, die Gemeinschaft der (echten) Christen.

„Ältester“ zu sein ist deshalb kein „Amt“, das man aufgrund eines institutionellen Reglements erhalten und ausüben könnte. Noch viel weniger können Älteste abwechselnd eingesetzt und abgesetzt werden je nach den Launen eines „Pastors“ oder einer Gemeinde – so wie auch eine Familie nicht alle paar Jahre einen anderen Vater einsetzen kann.
Ein biblischer Ältester wird weder vom Volk „gewählt“ noch von einer übergeordneten Leiterschaft „bestimmt“; ein biblischer Ältester wird anerkannt. Schon das Wort „Ältester“ sagt uns, dass (geistliche) Reife das Wichtigste ist für eine solche Aufgabe. In der Bibel ist fortgeschrittenes Alter normalerweise gleichbedeutend mit Weisheit und breiter Erfahrung. Und diese Weisheit und Erfahrung kommt in erster Linie von vielen Jahren der Ausübung von Vaterschaft in der eigenen Familie. Ein Ältester ist im Wesentlichen ein erfahrener Vater, sodass er jetzt ein „Vater für andere Väter“ sein kann.

Ironischerweise hat ausgerechnet die römisch-katholische Kirche die Erinnerung an diese Wahrheit besser bewahrt als andere Kirchen, da sie ihre Priester „Vater“ („Pater“) nennt. Es scheint, dass man sich da anfangs noch dessen bewusst war, dass „geistliche Autorität“ gleichbedeutend ist mit „Vaterschaft nach dem Willen Gottes“. Nur verleiht die katholische Kirche diesen Titel den am wenigsten dazu Geeigneten, da ein katholischer Priester ja die grundlegende Bedingung für biblische Ältestenschaft nicht erfüllen kann, als Familienvater ein gutes Beispiel zu sein.

Tatsächlich war im alten Israel und in der Urgemeinde die oberste Priorität für jeden Vater seine eigene Familie. Aus biblischer Sicht ist es viel wichtiger, ein guter Ehemann und Vater zu sein, als ein guter Mitarbeiter, Vorgesetzter, Gemeindemitarbeiter oder Gemeindeleiter zu sein. Im Leben eines gottesfürchtigen Vaters wird die Welt ausserhalb der Familie (wozu auch die Gemeindemitarbeit gehört) nie wichtiger werden als die Familie selbst. Nach den biblischen Leiterschaftsprinzipien könnte jemand, der kein guter Ehemann und Vater ist, niemals in irgendeinem anderen Lebensbereich als Autorität anerkannt werden, sei es in der Arbeitswelt, in der Politik, oder in der Kirche. Und auch wenn jemand im alten Gottesvolk zu einer wichtigen Stellung in einem dieser Bereiche kam, wäre es ihm nicht in den Sinn gekommen, deswegen seine Familie zu vernachlässigen. Täte er das, so würde er seine Autorität verlieren, oder er könnte sogar unter das Gericht Gottes fallen wie der Priester Eli (1.Samuel 2,12-36, 4,11-18).

Deshalb ist es eine wichtige Voraussetzung für jeden, der irgendeine Leiterschaft in der christlichen Gemeinschaft anstrebt, dass er „seinem Haus gut vorsteht, seine Kinder in Gehorsam hält in aller Ehrbarkeit (denn wer seinem eigenen Haus nicht vorstehen kann, wie wird er für die Gemeinde Gottes sorgen?)“ (1.Tim.3,4-5).

Ich hoffe, dass wir jetzt die Tragweite dieser Bibelstelle besser verstehen. Nach biblischem Muster ist die christliche Gemeinschaft tatsächlich eine Familie von Familien, und die Autorität innerhalb dieser Gemeinschaft geht aus der Vaterschaft hervor.

DieTäufer – Teil 2: Der Glaube der Täufer

21. März 2013

Wie wir gesehen haben, waren die Täufer keine einheitliche Bewegung. Aufgrund ihres freiheitlichen Verständnisses hatten sie keine zentrale Organisation und kein einigendes Glaubensbekenntnis. (Sie formulierten zwar später verschiedene Glaubensartikel, die aber jeweils nur regionale Verbindlichkeit erhielten.) Deshalb konnten ihre Lehrüberzeugungen von einer Gruppe zur anderen variieren.

Natürlich hatten sie alle die reformierte Überzeugung gemeinsam, dass die Heilige Schrift die oberste Autorität im Leben eines Christen und in der Kirche ist. Einige Gruppen betonten zudem, dass Gott zu jedem Gläubigen persönlich spricht. Es gab einige Extremisten, die so weit gingen, dass sie ihre persönlichen Eingebungen wichtiger nahmen als die Bibel selbst. Aber die meisten Täufer lehnten diese Extreme ab und gründeten sich auf das geschriebene Wort Gottes.

Die Ablehnung der Staatskirche war eine gemeinsame Überzeugung der Täufer. Sie betonten, dass die Kirche die Gemeinschaft der wahren Gläubigen ist, die sich freiwillig dazu entschieden haben, Jesus nachzufolgen. Deshalb traten sie für eine strikte Trennung zwischen Kirche und Staat ein. Die weltliche Regierung hatte kein Recht, sich in die Angelegenheiten der Kirche einzumischen; und die Kirche hatte kein Recht, über den Staat zu herrschen. Deshalb verurteilten sie die Haltung der Reformatoren, die die weltliche Regierung dazu gebrauchten, die Sache der Reformation voranzutreiben. Nach einer Überlieferung antwortete der Täufer Michael Sattler auf die Idee, den Schutz eines wohlgesinnten Fürsten zu suchen: „Wenn ein Tuch einen einzigen falsch gewobenen Faden enthält, dann verdirbt dieser einzige Faden das ganze Tuch. Ebenso wird die ganze Kirche verdorben, wenn sie auch nur einem einzigen falschen Prinzip folgt.“ Eine weltliche Autorität über die Kirche zu setzen, wäre ein solcher „falsch gewobener Faden“.
In diesem Zusammenhang ist auch ihre Ablehnung der Säuglingstaufe zu sehen: Wenn ein Baby getauft wird, dann wird es ohne seine eigene Einwilligung und ohne eigenen Glauben zu einem Kirchenmitglied gemacht. In anderen Worten, es wird gezwungen, sich als Christ zu identifizieren, ohne persönlich Christ zu sein. Deshalb ist eine solche Taufe nicht die biblische Taufe.

Ein weiterer wichtiger Gegensatz zu den Reformatoren bestand darin, dass die Täufer den Missionbefehl Jesu (Matth.28,18-20 und Parallelen) als für alle Zeiten gültig verstanden. Deshalb stellten sie auch sich selber mit aller Selbstverständlichkeit unter diesen Auftrag. Die Reformatoren dagegen sagten, Jesus hätte diesen Auftrag nur den Aposteln persönlich erteilt, und es sei anmassend, den Missionsbefehl auf gegenwärtig lebende Christen anzuwenden. Diese reformatorische Auffassung sollte während langer Zeit als Hemmschuh der Weltmission nachwirken: Noch Jahrhunderte später musste der Missionspionier William Carey unter seinen Glaubensgeschwistern einen heftigen Kampf gegen ebendiese Auffassung führen, bis ihm schliesslich zugestanden wurde, es könnte tatsächlich der Wille Gottes sein, eine Missionsgesellschaft zur Evangelisierung Indiens zu gründen.

Die meisten Täufer waren Pazifisten und betonten das Prinzip des „Nicht-Widerstehens“. Sie gaben den Worten Jesu grosses Gewicht: „Widersteht dem Bösen nicht; sondern wer dich auf die rechte Wange schlägt, dem biete auch die andere dar…“ (Matthäus 5,39-41). Deshalb lehrten sie, dass ein Christ keine Waffen tragen soll, nicht Soldat sein kann, und gegen niemanden gerichtlich vorgehen soll. Viele sagten auch, ein Christ könne kein Regierungsamt übernehmen. Das begründeten sie mit dem Gebot: „Du sollst nicht töten“ (da die weltliche Regierung nach Römer 13,4 „das Schwert trägt“), und auch mit der Trennung von Kirche und Staat.
Persönlich meine ich, dass in der gegenwärtigen Welt diese Haltung nicht mehr sehr sinnvoll wäre: Die meisten modernen Staaten haben die Todesstrafe abgeschafft, sodass ein Regierungsamt nicht mehr automatisch den Bruch des sechsten Gebots mit sich bringt. Auch haben die Kirchen im allgemeinen nicht mehr viel politische Macht. Ein Christ von entsprechender Integrität und Fähigkeit könnte in der Politik viel Gutes tun. – Andererseits besitzen leider nur wenige Christen diese Integrität, während viele christliche Politiker von den Versuchungen der Macht verdorben worden sind. Aber das begründet noch kein Prinzip, sondern ist eine Angelegenheit des persönliches Charakters.
In der Reformationszeit war die Situation ganz anders. In jener Zeit machten sich die Regierenden tatsächlich vieler Tötungen schuldig; und wer ein solches Amt übernahm, musste damit rechnen, an religiösen Verfolgungen mitwirken zu müssen. Deshalb ist es verständlich, dass viele Täufer jede Mitwirkung in der Politik und Regierung ablehnten.
Sie weigerten sich auch, Eide zu schwören, gemäss Matthäus 5,33-37. Somit wären sie zu vielen Regierungsstellen gar nicht zugelassen worden, selbst wenn sie es gewünscht hätten. Andererseits zeigte diese Haltung an sich in späteren Jahrhunderten einen politischen Einfluss: Viele Regierungsstellen in Gegenden mit starkem täuferischem Einfluss, z.B. in der Schweiz, akzeptieren heute ein Gelübde (Versprechen) anstelle eines Eides, und anerkennen damit die Freiheit, aus Gewissensgründen den Eid abzulehnen.

Fast alle täuferischen Gruppen lehrten auch die Notwendigkeit, sich von der Welt abzusondern und ein heiliges Leben zu führen, gemäss Hebräer 12:14-16: „Strebt nach dem Frieden mit allen, und nach der Heiligkeit, ohne die niemand den Herrn sehen wird…“ Dadurch unterschieden sie sich von den Reformierten – insbesondere von den Lutheranern -, welche die Erlösung „allein aus Glauben, ohne Werke“ betonten. (Diese reformierte Lehre ist an sich richtig; aber bald wurde sie in eine „billigen Gnade“ verkehrt, wie Jahrhunderte später der lutherische Theologe Dietrich Bonhoeffer klagte.) Deshalb warfen die Reformierten den Täufern manchmal vor, sie wollten zu einer katholischen Werkgerechtigkeit zurückkehren. Die Täufer antworteten, dass sie das heilige Leben nicht als ein Mittel zum Erwerb des Heils ansahen, sondern als eine notwendige Konsequenz und Frucht der Bekehrung; und da die Reformierten mehrheitlich diese Frucht nicht zeigten, müsse bezweifelt werden, ob sie wirkliche Christen seien. So schreibt z.B. Menno Simons:

„Alle die dies für gewiss und wahrhaftig in ihren Herzen glauben können, und sind durch Gottes Wort in ihren Herzen und Geist versiegelt, die werden an dem innerlichen Menschen verändert, empfangen die Furcht und Liebe des Herrn, gebären aus ihrem Glauben, Gerechtigkeit, Frucht, Kraft, ein unsträfliches Leben und ein neues Wesen, wie Paulus sagt, nämlich, mit dem Herzen glaubt man zur Gerechtigkeit. Durch den Glauben, sagt Petrus, reinigt Gott unsere Herzen. Und also folgen die Früchte der Gerechtigkeit stets aus einem aufrichtigen, ungefälschten, frommen Christen Glauben. Habt darauf acht. (…)
Alle, sage ich, die dieses in ihrem Herzen mit Bestimmtheit glauben, werden sicherlich vor aller Ungerechtigkeit fliehen wie vor dem Zahn der Schlange, sie wenden sich von allen Sünden ab, und scheuen sie viel mehr als ein brennendes Feuer oder ein schneidendes Schwert (…)“
(In: „Von dem wahren christlichen Glauben“.)

Und:
„Die Lutherischen lehren und glauben, dass uns der Glaube allein selig mache, auch ohne irgend welches Zutun der Werke. Diese Lehren halten sie mit solcher Strenge aufrecht, als ob Werke ganz und gar unnötig wären; ja, als ob der Glaube von solcher Art und Natur sei, dass er keine Werke neben sich zulassen oder leiden könne. Und darum muss auch Jacobi hochwichtiger, ernster Brief (weil er eine solche leichtfertige, eitle Lehre und solchen Glauben straft) als strohern von ihnen angesehen und erachtet werden. O stolze Torheit! (Menno bezieht sich hier auf eine Bemerkung Luthers, der den Jakobusbrief eine „stroherne Epistel“ nannte.)
Ein jeder sehe wohl zu, wie und was er lehrt; denn gerade mit dieser Lehre haben sie das unbedachte, dumme Volk gross und klein, Bürger und gemeinen Mann, in ein solches fruchtloses, wildes Leben geführt und so weit den Zaum gelassen, dass man unter den Türken und Tartaren (vermute ich) kaum ein so gottloses, greuliches Leben, wie das ihre ist, finden könnte. Die offenbare Tat gibt Zeugnis; denn das überflüssige Essen und Trinken, die übermässige Pracht und Hoffart, das Huren, Lügen, Betrügen, Fluchen, Schwören bei des Herrn Wunden, Sakramenten und Leiden, das Blutvergiessen und Fechten etc., welches leider bei vielen von ihnen gefunden wird, hat weder Mass noch Ende. Lehrer und Jünger handeln in vielen fleischlichen Dingen einer wie der andere, wie man sehen kann.“
(In: „Von dem lutherischen Glauben“.)

Um das heilige Leben der Brüder zu bewahren, wandten viele Gemeinden eine strenge Gemeindezucht an. Aber im Unterschied zu den Katholischen und Reformierten, und aufgrund von Matthäus 18,15-17, wurde diese Gemeindezucht nicht durch eine autoritäre Leiterschaft auferlegt. Im Gegenteil, jeder Bruder hatte das Recht und die Pflicht, seine Mitbrüder zurechtzuweisen, wenn sie in Sünde lebten.

Die Hutterer pflegten auch die Gütergemeinschaft nach dem Vorbild der Urgemeinde (Apostelgeschichte 2,44), aber die übrigen Täufer hatten diese Praxis nicht.

In der Organisation der Gemeinde behielten die Täufer weiterhin das Pfarramt bei, in der Tradition der katholischen und reformierten Kirche. D.h. sie gelangten nicht zu einer pluralen Leiterschaft von Ältesten wie in der frühen Kirche, und auch nicht zu einer konsequenten Praxis des allgemeinen Priestertums in der gegenseitigen Auferbauung unter Mitwirkung aller Gemeindeglieder gemäss 1.Kor.14,26. Ihre „Pastoren“ waren vorwiegend „Prediger“, genau wie in den reformierten Kirchen. In diesem Punkt blieb auch die Reformation der Täufer unvollendet.

Aber in allen übrigen Belangen waren die Täufer die konsequenteste Gruppe ihrer Zeit, was die Rückkehr zur frühen Kirche angeht. Keine andere Gruppierung jener Zeit folgte so treu dem Wort Gottes als oberste Autorität der Kirche. Obwohl Luther, Zwingli und Calvin in der Theorie dieses selbe Prinzip lehrten, vermischten sie doch in der Praxis die Leiterschaft der Kirche mit der weltlichen Regierung. So sahen sie sich ständig gezwungen, mit den Mächten dieser Welt Kompromisse zu schliessen, und deshalb konnten sie in ihren Reformen nicht völlig konsequent sein.

Als Folge ihres Glaubens waren die Täufer auch die meistverfolgte Gruppierung jener Zeit. An ihnen erfüllten sich die Worte von Paulus:

„Denn wie ich denke, hat Gott uns, die Apostel, als die Geringsten hingestellt, wie zum Tod Verurteilte; denn wir sind ein Schauspiel geworden vor der Welt, den Engeln und den Menschen. (…) Bis zu dieser Stunde leiden wir Hunger und Durst und Blösse, werden wir geschlagen, und haben keine feste Wohnstatt. Wir mühen uns ab mit unserer eigenen Hände Arbeit; wir werden verflucht, und wir segnen; wir werden verfolgt, und ertragen es; wir werden verleumdet, und beten; wir sind bis jetzt wie der Kehricht der Welt geworden, ein Abschaum aller.“ (1. Korinther 4,9-13).

Die Haltung Davids gegenüber Saul: ein Beispiel bedingungsloser Unterordnung?

21. Juli 2012

Die biblische Geschichte von Saul und David wird oft von institutionellen religiösen Leitern dazu benutzt, den Christen zu sagen, sie müssten sich ihrem Leiter unterordnen, selbst wenn dieser im Irrtum ist. Die meistzitierten Stellen in diesem Zusammenhang sind die zwei Begebenheiten, wo David die Möglichkeit gehabt hätte, Saul zu töten, aber sich dazu entschied, ihn zu verschonen (1. Samuel Kapitel 24 und 26). David sagte: „Da sei Gott vor! Nie werde ich meinem Gebieter, dem Gesalbten des Herrn, das antun, dass ich Hand an ihn legte; denn er ist der Gesalbte des Herrn.“ (1.Sam.24,7) Und: „Wer könnte Hand an den Gesalbten des Herrn legen und bliebe ungestraft?“ (1.Sam.26,9).

Von daher sagen diese Leiter: „David ordnete sich Saul unter, obwohl Saul schlecht handelte. So müssen sich auch die Christen ihren Leitern unterordnen, selbst wenn diese im Irrtum sind oder sündigen.“ Und ebenso: „Man darf einen Leiter nie kritisieren, denn das bedeutete, an den Gesalbten des Herrn Hand anzulegen.“

Entspricht diese Auslegung dem Inhalt und der Lehre der erwähnten biblischen Geschichten?

Erinnern wir uns, dass David ein Diener Sauls war. Aber als er verstand, dass Saul ihn töten wollte, floh er zu Samuel (1.Sam.19,11-19). Da er im Dienst Sauls stand, hatte er kein Recht, davonzulaufen! – Nach diesem blieb David vorsätzlich dreimal dem königlichen Bankett fern, an dem er hätte teilnehmen sollen. (1.Sam.20,5-7, 24-30). Das würde bereits als eine höchst „rebellische“ Haltung eingestuft von manchen heutigen „Pastoren“, die von ihren Dienern (Mitarbeitern) verlangen, dass sie an allen Gemeindeveranstaltungen teilnehmen.

Erinnern wir uns auch, dass David in den Augen Sauls eindeutig ein Rebell war. Andernfalls hätte er ihn nicht verfolgt. (Andere Personen sahen den Fall ebenso. Nabal z.B. nannte David „einen Knecht, der seinem Herrn davonlief“, 1.Sam.25,10.) Auch nachdem David sein Leben verschont hatte, betrachtete Saul dies offenbar noch nicht als ein genügendes Zeichen seiner Unterordnung, und verfolgte ihn wiederum. Beim zweiten Mal sagte Saul zu David, er solle mit ihm zurückkehren, und versprach ihm, ihm kein Leid mehr anzutun (1.Sam.26,21). Aber David ging nicht mit Saul zurück. Auch in diesem Fall gehorchte er also Saul nicht.
Dennoch geht aus der ganzen Geschichte klar hervor, dass Gott auf der Seite des rebellischen David stand, entgegen „seinem Gesalbten“ Saul.

Sehen wir jetzt, was die Worte bedeuten, „Hand an den Gesalbten des Herrn zu legen“. Es ging darum, dass die Männer Davids ihm anrieten, Saul zu töten. Aber gewisse heutige „Pastoren“ ertragen es nicht einmal, dass jemand sie mit Worten kritisiert: sofort beklagen sie sich, man versuche, „Hand an den Gesalbten des Herrn zu legen“. Zwischen Kritisieren und Töten besteht ein himmelweiter Unterschied!
David kritisierte Saul sehr wohl, und das in aller Öffentlichkeit: „Warum hörst du auf das Gerede der Leute, die da sagen: ‚Siehe, David sinnt auf dein Verderben‘? … Wen verfolgt doch der König von Israel? wem jagst du nach? Einem toten Hund! einem Floh! So sei der Herr Richter und entscheide zwischen mir und dir; er sehe zu und führe meine Sache und schaffe mir Recht gegen dich!“ (1.Sam.24,9.14-15)
Dem Beispiel Davids folgend, haben wir also alles Recht dazu, einen Leiter zu kritisieren, der schlecht handelt. Und wir haben auch das Recht, einem solchen Leiter ungehorsam zu sein, wenn ihm zu gehorchen bedeuten würde, eine Sünde zu begehen oder Schaden zu erleiden.

Ein letzter Aspekt: Wenn ein Leiter seinen Nachfolgern die „Unterordnung“ Davids als Beispiel vorhält, mit wem vergleicht sich dann dieser Leiter selber? Offensichtlich mit Saul, dem Verfolger, dem König, der selber in Ungehorsam gegen Gott lebte. Dieser selbe Saul verleumdete David und seinen eigenen Sohn, und verdrehte die Tatsachen, als er zu seinen Dienern sagte: „… dass ihr euch alle gegen mich verschworen habt und niemand es mir offenbarte, als mein Sohn sich mit dem Sohne Isais verbündete, und dass niemand unter euch Mitleid mit mir hatte und es mir offenbarte, dass mein Sohn meinen Knecht angestiftet hat, mir nachzustellen, wie es jetzt am Tage ist?“ (1.Sam.22,8)
So stellte Saul sich selber als Opfer dar und David als den Angreifer, während es in Wirklichkeit genau umgekehrt war. So machen es auch viele dieser missbraucherischen Leiter: Wenn jemand sich beklagt, weil er von ihnen schlecht behandelt wurde, oder wenn jemand sie zurechtweist wegen einer Sünde, die sie begangen haben, dann sagen sie, sie seien Opfer einer „Verschwörung“ des „Murrens“, und verlangen, dass der „Rebell“ zensuriert werde, oder sie rufen die Strafe Gottes auf ihn herab und schliessen ihn aus.

Weit davon entfernt, ein Beispiel bedingungsloser Unterordnung darzustellen, lehrt uns die Geschichte von Saul und David vielmehr manches über das Verhalten von Leitern, die geistlichen (und anderen) Missbrauch begehen, und über das Leiden der Opfer solcher Leiter. Das Beispiel Davids zeigt uns dabei, was solchen Leitern gegenüber getan werden soll oder kann:
– Sich von ihnen fernhalten.
– Wenn nötig ihre schlechten Handlungen konfrontieren, aber aus einer sicheren Distanz heraus.
– Die Sache Gott anheimstellen und vertrauen, dass er gerecht richten wird.
– Keine Rache gegen solche Leiter planen noch versuchen ihnen zu schaden; sich ihnen aber auch nicht unterordnen.
– Ihnen keinerlei Vertrauen schenken, auch dann nicht, wenn sie versprechen sich zu ändern und eine „Versöhnung“ anbieten. Ein „Saul“ ist durchaus imstande, Reue zu heucheln, nur um danach wieder seinen alten Wegen gemäss zu handeln. (Siehe auch 1.Sam.15,17-35).

Die Opfer von Leitern im Stil Sauls müssen viel leiden. Aber sie dürfen wissen, dass Gott auf ihrer Seite steht und sie wiederherstellen wird, wenn sie fortfahren, ihm zu vertrauen.

Das Neue Testament – „Amtliche Version“ (Teil 2)

31. März 2012

Andere Ausdrücke für „Diener“

Es gibt im Griechischen des Neuen Testamentes einige andere sinnverwandte Wörter für „Diener“. Eines davon ist „hypäretäs“, das u.a. für Synagogen-, Gerichts-, u.ä. „offizielle“ Diener gebraucht wird. In den beiden von mir hier verwendeten Übersetzungen ist dieses Wort an keiner Stelle „amtlich“ übersetzt worden; aber vielleicht gibt es andere Übersetzungen (so gesehen z.B. im Spanischen), die das tun.

Ein anderes solches Wort ist „leitourgós“. Davon abgeleitet ist „leitourgía“ (Dienst); ein Ausdruck, der im Neuen Testament vor allem für zweierlei Dinge verwendet wird: für finanzielle Dienstleistungen, und für den Dienst eines jüdischen Priesters nach der Ordnung des Alten Testaments. Von daher kommt unser Wort „Liturgie“. Hier fällt mir auf, dass dieses Wort seinen Ursprung im alttestamentlichen Priestertum hat, welches mit dem Kommen Jesu hinfällig geworden ist. Der neutestamentliche Gläubige braucht keinen Priester oder Mittler mehr, um sich Gott zu nähern, denn die Mittlerschaft von Jesus Christus genügt dazu völlig (1.Tim.2,5, Hebr.10,19-22). Andererseits ist jeder Christ ein Priester vor Gott (1.Petrus 2,5.9). Der ursprüngliche Sinn von „Liturgie“ bezieht sich also auf etwas, was wir als Christen gar nicht mehr nötig haben!

Luther übersetzt „leitourgía“ in Lukas 1,23 und Hebräer 8,6 mit „Amt“ (es geht hier um den alttestamentlichen Priesterdienst), während die Zürcher Übersetzung an diesen Stellen „Dienst“ sagt. In Hebräer 9,21 haben dagegen beide Übersetzungen „Gottesdienst“. (Was ist „Gottesdienst“? Eine rituelle Verrichtung, oder ein Leben im Gehorsam Gott gegenüber? Das Problem liegt hier nicht so sehr in der Übersetzung, als vielmehr in unserem heutigen (Miss-)Verständnis des Wortes „Gottesdienst“.)
– In Philipper 2,30 sagt Luther „dienen“ und in 2.Korinther 9,12 „Steuer“ (in diesen beiden Stellen geht es um finanzielle Hilfe); die Zürcher Bibel übersetzt in beiden Stellen „Dienstleistung“. – Ein besonderes Problem scheint den Übersetzern Philipper 2,17 gewesen zu sein: „Und wenn ich auch als Trankopfer ausgegossen werde über dem Opfer und Dienst (leitourgía) eures Glaubens, so freue ich mich und freue mich mit euch allen.“ Die Lutherübersetzung hat hier „Gottesdienst“ (statt einfach „Dienst“); die Zürcher Übersetzung sagt „priesterliche Darbringung“ (wohl aus der Überlegung heraus, dass „leitourgía“ in anderem Zusammenhang für den Priesterdienst verwendet wird). Aber diese Übersetzungen bringen bereits ein bestimmtes Vorverständnis über die Auslegung mit hinein. Natürlich ist diese Stelle nicht so einfach zu verstehen, weil Paulus hier neutestamentliches christliches Leben in alttestamentlichen Begriffen ausdrückt. Aber warum nicht diese Verständnis- und Auslegungsarbeit dem Leser überlassen, indem man einfach das neutrale Wort „Dienst“ als Übersetzung gebraucht? – Dasselbe gilt für die anderen angeführten Stellen.


Hierarchische Stellung, oder einfache Beschreibung einer Funktion?

Untersuchen wir jetzt einige Ausdrücke, die für spezifische „Ämter“ (Dienste) verwendet werden.

Beginnen wir mit dem „Bischof“ – ein Ausdruck, der bereits im zweiten Jahrhundert so gebraucht wurde, als handelte es sich um die „höchste Stufe in der kirchlichen Hierarchie“. „Bischof“ ist eine verballhornte Form des griechischen „epískopos“, was wörtlich „Aufseher“ bedeutet. Genauso wie „diákonos“, handelt es sich um einen Begriff, der ursprünglich kein bestimmtes „Amt“ bedeutete. Er bezeichnete einfach die Tätigkeit der Fürsorge und Wachsamkeit für andere. Es würde keineswegs schaden, „epískopos“ mit „Aufseher“, „Fürsorger“ o.ä. zu übersetzen, statt des künstlichen Wortes „Bischof“.
Dieses Wort kommt fünfmal im Neuen Testament vor (Apg.20,28, Phil.1,1, 1.Tim.3,2, Titus 1,7, 1.Petrus 2,25). Von diesen Stellen gibt uns jene in der Apostelgeschichte eine besondere Information: Paulus spricht hier zu den versammelten Ältesten von Ephesus (Apg.20,17), und zu ihnen sagt er, dass „euch der Heilige Geist gesetzt hat zu Bischöfen (Aufsehern)„. Somit ist „Bischof“ (Aufseher) kein „Amt“ für sich; es handelt sich einfach um eine der Funktionen der Ältesten.

Von „epískopos“ abgeleitet ist das Verb „episkopéo“ (Aufsicht üben; achtgeben). Es kommt zweimal vor im Neuen Testament: In 1.Petrus 5,2 wird es als eine Funktion der Ältesten genannt (Luther übersetzt „wohl zusehen“; während die Zürcher Übersetzung das Wort auslässt). Und in Hebräer 12,15 wird es als eine der Funktionen aller Mitglieder der christlichen Gemeinschaft genannt, und wird übersetzt mit „darauf sehen“ oder „zusehen“.

Dann gibt es noch das Wort „episkopé“ (Aufsicht), welches in diesem Sinn vorkommt in Apg.1,20 und 1.Tim.3,1. In der Timotheusstelle wird es einhellig als „Bischofsamt“ übersetzt (obwohl es sich in Wirklichkeit, wie wir gesehen haben, um eine der Funktionen der Ältesten handelt.) In der Apostelgeschichte, wo gesagt wird, jemand müsse die „episkopé“ des Judas übernehmen, sagt die Zürcher Übersetzung „Vorsteheramt“ (auch in Apg.20,28 und Phil.1,1 übersetzt diese Version „Vorsteher“, nicht „Bischof“). – Es gibt aber keinen Wortbestandteil in „episkopé“, der „Amt“ bedeutet. – Luther sagt dagegen in Apg.1,20 „Bistum“. (Was für einem „Bistum“ ist Judas vorgestanden??)
Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass „episkopé“ noch einen anderen Sinn hat, nämlich den der „Aufmerksamkeit“ Gottes oder seines Eingreifens. In diesem Sinn kommt das Wort in Lukas 19,44 und 1.Petrus 2,12 vor und wird normalerweise mit „Heimsuchung“ übersetzt.

Wenn wir nun zu dem Begriff des „Ältesten“ (presbýteros) kommen, so habe ich keine Probleme mit der Übersetzung. Wörtlich handelt es sich zwar um einen Komparativ („die Älteren“) – was bedeutet, dass in dem Fall, wo eine Gemeinde ausschliesslich aus Jugendlichen und jungen Erwachsenen besteht, die „Älteren“ weniger als dreissig Jahre alt sein könnten. Aber von mir aus gesehen macht es keinen grossen Unterschied, ob man „die Älteren“ oder „die Ältesten“ sagt. Es ist ein Begriff, der weitgehend seinen normalen Wortsinn beibehalten hat. „Alt“ oder „Ältester“ zu sein, ist keine hierarchische Stellung; es ist eine Anerkennung aufgrund der (v.a. geistlichen) Reife, die von den übrigen Geschwistern im Leben dieser Personen festgestellt wird.
Einige Gemeinden haben zwar auch die Funktion der Ältesten zu einem hierarchischen „Amt“ gemacht. Dabei sind in den meisten dieser Gemeinden die „Ältesten“ dem „Pastor“ untergeordnet, wodurch sie faktisch zu „Zweitältesten“ degradiert werden. Ein solches Zweistufenschema (Älteste-Pastor) ist in der Bibel nicht zu finden.
Ein kleines Problem habe ich mit der Übersetzung von 1.Timotheus 4,14, wo die Kollektivform „presbytérion“ (Gemeinschaft der Ältesten) vorkommt. Die Zürcher Übersetzung macht daraus einen „Rat der Ältesten“, was dem Begriff sofort einen Beigeschmack von „Amtlichkeit“ und „Parlamentssitzung“ gibt. Luther sagt dagegen schlicht – und richtiger – „unter Handauflegung der Ältesten„.
Es gibt Denominationen, die auch diesen Begriff in ihre eigene Sprache aufgenommen haben und die Behörde des „Presbyteriums“ eingeführt haben (so gibt es z.B. die „Presbyterianische Kirche“). Ich denke, deutschsprachige Leser werden schnell die Künstlichkeit dieses Begriffs erkennen.

Sehen wir uns jetzt das Wort an, das die Evangelischen bzw. Evangelikalen normalerweise für ihre Gemeindeleiter gebrauchen: „Pastor“ (oder davon abgeleitet „Pfarrer“).
Es handelt sich dabei um das Wort „Hirte“ auf lateinisch; im Griechischen des Neuen Testamentes heisst es „poimén“ und wird durchwegs richtig und natürlich mit „Hirte“ übersetzt. Auffallend ist jetzt aber, dass dieses Wort im Neuen Testament nur ein einziges Mal im Zusammenhang mit geistlichem Dienst vorkommt: in Epheser 4,11, fast am Ende einer Liste von fünf verschiedenen „Gaben zur Auferbauung der Heiligen“. Ausserdem kommt es in sieben neutestamentlichen Versen in seinem eigentlichen Sinn vor (Viehhirte); sowie in neun Versen, in denen sich Jesus selber mit einem Hirten vergleicht.
Natürlich hatten die Christen jener Zeit keinerlei „amtliche“ oder „hierarchische“ Vorstellung, wenn sie das Wort „Hirte“/“Pastor“ hörten! Sie hatten niemals einen gutgekleideten Mann auf einer Kanzel stehen sehen, der sich „Hirte“/“Pastor“ nennen liess. Die einzigen Hirten, die sie kannten, waren eben die Kuh- und Schafhirten ihrer ländlichen Umgebung. Wenn sich also Jesus mit einem Hirten verglich, dann war das ein Ausdruck äusserster Demut. Er verglich sich mit einer der einfachsten und ärmlichsten Tätigkeiten, die in seinem Umfeld ausgeübt wurden!

Es gibt ausserdem das abgeleitete Verb „poimaino“ (weiden; als Hirte hüten). Dieses Wort kommt zweimal in seinem eigentlichen Sinn vor (Vieh weiden), und fünfmal als Beschreibung von Jesus. Als Funktion in der christlichen Gemeinschaft kommt es an drei Stellen vor (Johannes 21,6, Apostelgeschichte 20,28, und 1.Petrus 5,2). In Johannes 21 handelt es sich um den Auftrag Jesu an Petrus. In der Apostelgeschichte und im 1.Petrusbrief geht es um eine Funktion der Ältesten. (In diesem Zusammenhang nennt sich auch Petrus selber im vorangehenden Vers „Ältester“.)
Der „Hirtendienst“ bzw. das „Pfarramt“ ist also, ebenso wie das „Bischofsamt“, in Wirklichkeit kein gesondertes „Amt“. Es ist einfach eine der Funktionen der Ältesten in der Gemeinde.

Dann gibt es noch ein griechisches Wort, das in verschiedenen Übersetzungen, und sogar an verschiedenen Stellen innerhalb derselben Übersetzung, ganz unterschiedlich wiedergegeben wird. Es erstaunt mich eigentlich, dass noch niemand auf die Idee gekommen ist, aus diesem Wort eine kirchlich-hierarchische „Amtsbezeichnung“ zu machen. Es handelt sich um das Wort „hägoúmenos“, das wörtlich „Führer“ oder „Leiter“ bedeutet. Von allen neutestamentlichen Begriffen ist das also derjenige, der unserem heutigen Konzept von „Leiterschaft“ am nächsten kommt.

Im Neuen Testament kommt „hägoumenos“ siebenmal vor. In Apostelgeschichte 7,10 wird es mit „Fürst“ bzw. „Regent“ übersetzt und bezieht sich auf die Regierungsstellung Josefs in Ägypten. In Matthäus 2,6 wird es mit „Herzog“ bzw. „Herrscher“ übersetzt und spricht von der Stellung des verheissenen Messias. In Lukas 22,26 spricht es von Leiterschaft im allgemeinen und wird mit „der Vornehmste“ bzw. „der Hochstehende“ übersetzt. In Apg.15,22 werden massgebende Männer in der christlichen Gemeinde und Reisebegleiter von Paulus und Barnabas so genannt. Die Zürcher Bibel übersetzt hier mit „führende Männer“; Luther – ziemlich unangebracht – mit „Lehrer“. Es ist interessant, dass das Neue Testament gerade hier, wo es um das Eigentliche von „Leiterschaft“ und Einfluss in der Gemeinde geht, keine spezifische „Amts-“ oder Funktionsbezeichnung gebraucht, sondern ein Wort, das eben nur gerade dies spezifisch ausdrückt: Leiterschaft.
Die meistzitierten (und am meisten missbrauchten) Stellen über „haegoúmenoi“ sind aber Hebräer 13,7 und 17 (und dazu am Rande noch Vers 24). Insbesondere Vers 17 wird oft als Begründung für die berühmt-berüchtigte Lehre von der „Unterordnung unter die Leiterschaft“ zitiert. Die Zürcher Bibel übersetzt hier mit „Vorsteher“, Luther wiederum mit „Lehrer“.
(Luther sah im Lehrdienst die wichtigste Aufgabe eines reformierten Pfarrers. Er hat damit leider das katholische Priester- und Sakramentssystem nicht wirklich überwunden, sondern ihm lediglich einen anderen Akzent gegeben. Er hat zwar dem Pfarrer seine priesterliche Mittlerfunktion genommen, die nur Jesus allein zukommt; aber dafür hat er ihm eine nicht weniger gefährliche andere Macht- und Monopolstellung verschafft: Er machte aus dem Pfarrer einen gelehrten Akademiker, der aufgrund seiner Studien über „geheimes Wissen“ verfügt, das gewöhnlichen Laien nicht zugänglich ist. „Wissensvermittlung“ ist aber nicht das Eigentliche am neutestamentlichen Lehrdienst, wie wir in der nächsten Folge sehen werden.)

Rechtfertigt nun Hebräer 13,17 den autoritären Leitungsstil, den allzuviele „Pastoren“ heutzutage ausüben? – Dieser Frage im Detail nachzugehen, würde hier zu weit führen. Ich hoffe mich ein anderes Mal damit befassen zu können. Hier nur stichwortartig drei Gründe, warum das nicht der Fall ist:

1. Dieser Vers identifiziert die „hägoúmenoi“ in keiner Weise mit den „Hirten“/“Pastoren“. Wir haben bereits gesehen, dass ein spezifisches „Pastorenamt“ (im heutigen Sinn) im Neuen Testament gar nicht existiert.
2. Die „hägoúmeoi“ werden in der Mehrzahl genannt; d.h. es gibt nicht nur einen einzigen von ihnen in der Gemeinde. Die Gemeinden im Neuen Testament wurden immer von einem Team von mehreren Leitern geleitet, nie von einem allein.
3. Die lehrreichste Stelle über die Rolle eines „hägoúmenos“ in der Gemeinde finden wir in Lukas 22,25-26. Da sagt Jesus, der Herr:

„Die Könige der Völker üben die Herrschaft über sie aus, und ihre Gewalthaber lassen sich Wohltäter nennen. Ihr dagegen nicht so! Sondern der Grösste unter euch soll werden wie der Jüngste, und der Hochstehende (=Leiter, hägoúmenos) wie der Dienende (diakonéo).“

In der christlichen Gemeinde darf sich also auch ein „hägoúmenos“ (Leiter) nicht anmassen, mehr zu sein als ein „diákonos“ (Diener). Er muss sogar umso mehr Diener werden, je wichtiger er sein möchte.

(Fortsetzung folgt)

95 Thesen über die Lage der evangelischen (evangelikalen) Kirchen – 2.Teil

11. Februar 2011

Zum Sinn und Hintergrund dieser „95 Thesen“, siehe das Vorwort im 1.Teil.  Hier die Fortsetzung:

V) Über einige Aspekte des Gemeindelebens

36. In den Versammlungen der neutestamentlichen Gemeinde „hat jeder“ etwas, um seine Geschwister aufzubauen (1.Kor.14,26).
In den heutigen evangelischen Kirchen ist dagegen die Mehrheit in den Versammlungen passiv und hat weder die Initiative noch die Möglichkeit, etwas beizutragen. Sogar in jenen Kirchen, die das Wirken des Heiligen Geistes betonen, werden nur einige wenige der Geistesgaben betont, und der durchschnittliche Gläubige erhält wenig bis keine Gelegenheit, sie wirklich auszuüben.

37. In der neutestamentlichen Gemeinde gab es „Einfachheit des Herzens“ (Apg.2,46) und Transparenz (1.Joh.1,6-7), gegenseitige Hilfe (Apg.2,32) und ungeheuchelte Liebe (1.Petrus 1,22).
In den heutigen evangelischen Kirchen gibt es im allgemeinen keine solche Gemeinschaft zwischen Gläubigen; stattdessen scheint es wichtiger zu sein, den äusseren Anschein und den „Status“ aufrechtzuerhalten.

38. Die heutigen evangelischen Gemeinden haben im allgemeinen eine Tendenz, sich immer weiter in verschiedene Denominationen und Parteien aufzuspalten. Die tiefere Ursache dieser Spaltungen ist meistens, dass „die Liebe erkaltet“ (Matth.24,12), und dass mit der Sünde nicht in der richtigen, biblischen Weise umgegangen wird.
Diese Tendenz zu Spaltungen und Parteiungen ist ebenfalls mit dem Mangel an wahrer Gemeinschaft unter Gläubigen verbunden.

39. In der neutestamentlichen Gemeinde bekannten die Christen einander ihre Sünden (Jak.5,16).
In den heutigen evangelischen Kirchen werden im allgemeinen entweder die Sünden überhaupt nicht bekannt; oder es gibt eine vertikale hierarchische Struktur wie in der katholischen Kirche, wo alle vor dem Pastor bekennen, aber der Pastor bekennt vor niemandem (ausser vor seinem übergeordneten Leiter); und der Pastor berät alle, aber niemand darf den Pastor beraten. Deshalb sind insbesondere die Leiter nicht transparent und legen vor der Gemeinde keine Rechenschaft ab, und es gibt keine echte, tiefe Gemeinschaft unter Geschwistern.

40. Die neutestamentliche Gemeinde investierte ihr Geld in die Hilfe an bedürftige Geschwister, und in die Unterstützung an die vollzeitlichen Verkündiger. (Apg.2,45, 4,34-35, 1.Kor.9,14, 2.Kor.8,14-15, Gal.2,10, Gal.6,6, Eph.4,28)
In anderen Worten, alle ihre Investitionen waren in Menschen, nicht in materielle Dinge (da die materiellen Dinge vergehen, aber die Menschen sind ewig). Insbesondere investierten sie nichts in Versammlungsgebäude, da sie sich an öffentlichen Plätzen versammelten und in ihren eigenen Häusern.

41. Die heutigen evangelischen Kirchen legen sich selbst im allgemeinen eine sehr schwere Last an Finanzen, Kräften und Zeit auf, wegen ihrer Bauvorhaben. Diese Mittel fehlen dann der eigentlichen Arbeit Gottes.

42. Die Christen im Neuen Testament öffneten ihre Häuser für (unangemeldete) Besucher und Versammlungen, und beherbergten wandernde Diener Gottes; sie waren bekannt für ihre Gastfreundschaft. (Apg.2,46, 5,42, Röm.16,23, 1.Kor.16,19, Kol.4,15, Phlm.2, Heb.13,2, 1.Petrus 4,9, 3.Joh.5-10)
Viele Mitglieder heutiger evangelischer Gemeinden haben nicht das Vertrauen, ihre Häuser anderen Geschwistern zu öffnen oder spontan andere Geschwister in deren Häusern zu besuchen (ausser sie werden offiziell zu Hauskreis-Gastgebern bestimmt). Das deutet auf einen Mangel an Gastfreundschaft hin, und auf einen Mangel an echter Gemeinschaft und Vertrauen unter Geschwistern.

43. Keine menschliche Organisation ist identisch mit „der Gemeinde“, und keine menschliche Person darf sich „Haupt der Gemeinde“ nennen. Die Gemeinde gehört Jesus dem Herrn, und niemandem sonst.
Deshalb ist es entgegen dem Wort Gottes, wenn ein Pastor, eine örtliche Gemeinde oder ein Gemeindeverband sich ein besonderes Recht über die Personen anmasst, die sich bei ihnen versammeln („meine Gemeinde“, „meine Schafe“). Die Bekehrung, Hingabe und Loyalität eines Christen richten sich an Christus, nicht an eine Denomination oder einen menschlichen Leiter (1.Kor.1,12-17, 3,4-9, 1.Petrus 5,3).
Die menschlichen Organisationen sind unvollkommen, führen immer ein gewisses Mass an Fehlern ein, und enthalten immer eine gewisse Anzahl nicht wiedergeborener Mitglieder.

44. Das Problem des Denominationalismus kann nicht gelöst werden, indem man einfach die bestehenden Denominationen verlässt, denn das bildet nur neue Denominationen, die ihrerseits in Konkurrenz stehen zu den bestehenden. – Es kann auch nicht gelöst werden, indem man „gemeindelos“ bleibt, denn ein Christ braucht die Gemeinschaft mit den anderen Gliedern des Leibes Christi. – Das Problem wird sich nur lösen, wenn die Gemeinde wieder anfängt, das christliche Leben des Neuen Testamentes zu leben.


VI) Über die Leiterschaft der Gemeinde

45. Die Gemeinde Jesu ist keine Diktatur (2.Kor.1,24, 1.Petrus 5,2-3). Die Leiter der Gemeinde Jesu sind dazu da, den anderen Gliedern zu dienen (Luk.22,24-27). Nicht jedes Wort des Leiters ist ein „Ausspruch Gottes“.
Viele heutige evangelische Kirchen sind Diktaturen. Leiter beschämen kalkuliert die Mitglieder, um zu erreichen, dass sie sich ihren Launen unterwerfen. Sie üben eine falsche Autorität aus, mit Manipulation und Drohungen, und missbrauchen oft den Namen Gottes, um ihre eigenen Ziele zu erreichen. Sie lehren, implizit oder explizit, dass ein Christ die Stimme Gottes nur mittels seiner Leiter hören kann.
Von einem Leiter, der so nach eigener Massgabe regiert, kann nicht gesagt werden, er sei von Gott eingesetzt oder repräsentiere die Stimme Gottes.

46. Die Gemeinde Jesu ist keine Demokratie. Es kommt Gott zu, nicht dem Menschen, Leiter zu berufen und einzusetzen (Joh.15,16, Apg.20,28, Eph.4,11).
Viele heutige evangelische Kirchen wählen ihre Leiter nach fleischlichen Kriterien; eine Mehrheit von gottfernen Mitgliedern wählt gottferne Leiter. Von solchen Leitern kann auch nicht gesagt werden, sie seien von Gott eingesetzt, denn sie befinden sich in ihren Stellungen entgegen dem Willen Gottes.

47. Die (örtliche) Gemeinde Jesu wird von mehreren Leitern geleitet.
Das Neue Testament erwähnt keine einzige Ortsgemeinde, die von einer einzigen Person geleitet worden wäre. Dagegen werden viele Gemeinden erwähnt, die von einer Gruppe von mehreren Leitern geleitet wurden (Apg.13,1, 14,23, 15,4.6, 20,17, Phil.1,1, 1.Thess.5,12-13, Titus 1,5, Hebr.13,7), und von einer Vielfalt von Diensten (Eph.4,11-12).

48. Im Neuen Testament wurde die geistliche Autorität von Personen dadurch erkannt und anerkannt, dass sie Jesus persönlich kennen und ihm nahe sind; und dadurch, dass sie mit ihrem Leben den Gläubigen ein Beispiel sind.
Die heutigen evangelischen Kirchen haben im allgemeinen irrige Kriterien für Autorität, wie z.B:

  • Kenntnisse oder akademische Titel,
  • eine durch menschliche Wahl übertragene Position,
  • die menschliche Fähigkeit zu überzeugen, zu manipulieren oder sich durchzusetzen,
  • die finanzielle Stellung.

Nichts von dem Erwähnten ist ein biblisches Kriterium für geistliche Autorität. Deshalb sind viele der gegenwärtigen Gemeindeleiter nicht jene, die nach biblischen Kriterien Leiter sein sollten.

49. Im Neuen Testament sind die Ausdrücke „Pastor“/“Hirte“ (insofern ein Leiter einer örtlichen Gemeinde gemeint ist), „Ältester“, und „Bischof“/“Aufseher“ synonym (Apg.20,17.28, Titus 1,5-7, 1.Petrus 5,1.4).
Es gibt keine „Pastoren als Vorgesetzte von Ältesten“, und keine „Bischöfe als Vorgesetzte von Pastoren“.
(Timotheus und Titus waren keine örtlichen „Pastoren“, sondern hatten einen apostolischen oder „ko-apostolischen“ (regionalen) Dienst als Beauftragte und Nachfolger von Paulus. – Siehe Titus 1,5 „in jeder Stadt“.)

50. Von den 5 Diensten, die in Eph.4,11 erwähnt werden, anerkennen die heutigen evangelischen Kirchen im allgemeinen nur den Dienst des „Pastors“/“Hirten“, und diesen verstehen sie erst noch falsch, indem sie einen einzelnen „Hauptpastor“ über eine örtliche Gemeinde stellen, was nicht biblisch ist (s.o. No.47) Deshalb ist das Volk Gottes geistlich unterernährt.

51. Die Gemeinde Jesu wird durch Konsens geleitet (Matth.18,19-20, Apg.15,22.28).
Ein Konsens wie er in den angeführten Stellen beschrieben wird, ist nicht ein gegenseitiges Abkommen zwischen unterschiedlichen menschlichen Meinungen. Vielmehr ist er die Harmonie, die entsteht, wenn alle Leiter ehrlich und ernsthaft Gottes Willen suchen (siehe Apg.13,1-3), und so zu einer einmütigen Entscheidung kommen. Um zu dieser Art Konsens zu kommen, ist das übernatürliche Wirken Gottes erforderlich, der jeden einzelnen führt.

52. Die heutigen evangelischen Kirchen kommen im allgemeinen nicht zu einem Konsens dieser Art, weil sie nicht ernsthaft Gottes Willen suchen; und weil einige ihrer Leiter nicht einmal wiedergeboren sind. Deshalb lassen sie sich von menschlichen Entscheidungen führen statt von Gottes Willen. Dieser Mangel an Konsens ist ein weiteres Zeichen dafür, dass die Kirchen und ihre Leiterschaft sich sehr weit vom Standard Gottes entfernt haben.

53. Wo die Leiterschaft das geistliche Leben hindert, oder dem geistlichen Leben gegenüber gleichgültig ist, statt dazu zu ermutigen, da handelt es sich nicht um eine wirkliche geistliche Leiterschaft.

Das geistliche Leben wird gehindert, wo z.B. …

  • … die Leiter die Zeit der Mitglieder mit geistlich unproduktiven Aktivitäten besetzen,
  • … die Mitglieder gelehrt werden, in erster Linie sich äusseren Regeln und Normen anzupassen, statt selber Gott zu suchen,
  • … die Leiter die Mitglieder von sich selber abhängig machen statt von Gott,
  • … die Leiter die Mitglieder als ihr persönliches Eigentum betrachten, indem sie z.B. verhindern, dass die Mitglieder geistliche Nahrung oder Rat erhalten von ausserhalb des Einflussbereichs des Leiters,
  • … die Leiter auf ihren Vorrechten bestehen, und besonders aktive Mitglieder mit Argwohn betrachten (insbesondere jene, die Änderungen vorschlagen),
  • … die Leiter die Mitglieder nicht zum Werk des Dienstes zurüsten (Eph.4,12), und ihnen weder Platz noch Freiheit lassen, dieses Werk zu tun,
  • … jede geistliche Aktivität vom Leiter „bewilligt“ werden muss,
  • … die Leiter sich nicht um die Ausbreitung des Evangeliums an ihrem Ort und in der Welt kümmern,
  • … die Leiter ihre Macht missbrauchen,
  • … die Leiter sich in das Privatleben der Mitglieder einmischen,
  • … die Leiter ihre Fehler nicht anerkennen, und keine Verantwortung dafür übernehmen,
  • … die Mitglieder den Leitern dienen müssen, statt dass ihnen geholfen wird, Gott zu dienen,
  • … die Leiter mit ihrem eigenen Leben zeigen, dass Gott nicht den ersten Platz in ihrem Leben hat,
  • … die Mitglieder entmutigt oder abgelehnt werden, wenn sie anfangen mit anderen zu teilen, was sie mit Gott erlebt haben.

Wo eine Leiterschaft in beschriebener Weise oder ähnlich handelt, da hat ein Christ KEINERLEI Verpflichtung, dieser Leiterschaft zu gehorchen oder sich ihr unterzuordnen (Apg.5,29).

54. Im Neuen Testament gibt es keine menschliche Leiterschaftsautorität, die über die örtliche Gemeinde hinausginge, mit Ausnahme des apostolischen Dienstes.
(Die Dienste der Propheten, Evangelisten und Lehrer können regional oder überregional sein, aber sie üben keine Leiterschaftsautorität über die Gemeinden aus.)

55. Die heutigen evangelischen Kirchen errichten im allgemeinen apostolische Strukturen (regionale und nationale Leiterschaften, Synoden, usw.), ohne dass sie überhaupt abgeklärt hätten, ob der apostolische Dienst heute noch existiert; und noch viel weniger, was die Kriterien dazu wären, dass jemand einen solchen Dienst ausübte. Deshalb haben sie Leiterschaftsstrukturen, für die sie keine lehrmässige Grundlage haben, und besetzen diese Strukturen mit Menschen, die die biblischen Kriterien nicht erfüllen für die Funktion, die sie innehaben.

56. Alle Christen sind Priester. (1.Petrus 2,5.9, Offb.1,6; 5,10; 20,6 – dies sind die einzigen Bibelstellen, wo das Wort „Priester“ für Christen gebraucht wird, und alle diese Stellen beziehen sich auf die Gesamtheit der Christen.) Kein Christ braucht einen anderen Priester (Mittler) ausser Jesus, um sich Gott zu nähern (1.Tim.2,5, Hebr.4,14-16, 10,19-22). Deshalb ist es unbiblisch und gotteslästerlich, wenn ein christlicher Leiter sich priesterliche Vorrechte über andere Christen anmasst. Nicht einmal die Apostel selber massten sich solche Vorrechte an.

57. Die Position eines „ordinierten Pastors“ gibt es im Neuen Testament nicht.
Die Leiter wurden aufgrund ihrer offensichtlichen geistlichen Autorität anerkannt (s.o. No.48), nicht durch einen Akt der „Ordination“. Niemand wird zu einem Pastor durch einen Akt der Ordination; sondern die Gemeinde anerkennt jene, die bereits „von gutem Zeugnis, voll von Heiligem Geist und Weisheit“ sind (Apg.6,3).
– Im Neuen Testament gab es zwar „Älteste“, und es gab die fünf Dienste, die in Epheser 4,11 erwähnt sind; aber beides war sehr verschieden von dem, was heute unter einem „ordinierten Pfarrer“ verstanden wird.
(Die einzigen neutestamentlichen Stellen, die im Sinn einer „Ordination“ verstanden werden könnten, sind die Hinweise auf die „Handauflegung“ in 1.Tim.4,14, 5,22, und 2.Tim.1,6. Aber diese Stellen sprechen einfach von einer „Gabe“, die verliehen wurde. Wenn einige Ausleger diese Stellen als „Ordination“ interpretieren, dann kommt das daher, dass sie bereits vom römisch-katholischen Konzept beeinflusst sind, s.u. No.58.
– Im Alten Testament wurden Priester ordiniert; aber das kann nicht auf die neutestamentliche Gemeinde übertragen werden, weil alle Christen Priester sind, s.o.
No.56.)

58. Das gegenwärtige Konzept eines „ordinierten Pastors“ kommt vom katholischen Sakrament der Priesterweihe, welche den „Klerus“ von den „Laien“ trennt und die „Laien“ vom Dienst des Herrn ausschliesst (während Eph.4,12 erklärt, dass es Aufgabe der „Pastoren“ etc. ist, alle Christen zuzurüsten, damit sie „das Werk des Dienstes“ tun). Deshalb haben die heutigen evangelischen Kirchen im allgemeinen noch ein viel eher römisch-katholisches als biblisches Amtsverständnis.
Eine andere Wurzel dieses irrigen Verständnisses liegt (in Südamerika) im Schamanismus, mit dem Glauben, der „Pastor“ besässe aufgrund seiner „Ordination“ gewisse mystische Kräfte (ähnlich einem Medizinmann), die andere Gläubige nicht haben.
Aus all diesen Gründen behindern oder entmutigen viele heutige „Pastoren“, „Pfarrer“ und „Leiter“ in Wirklichkeit Gottes Werk mehr als dass sie es voranbringen. Das geschieht, weil diese Leiter sich unersetzbar machen, und das verhindert, dass die „Laien“ effizient und vollmächtig dienen könnten. Die „Laien“ bleiben unreif und abhängig.

59. Die Austeilung des Abendmahls und das Taufen wird nirgends im Neuen Testament mit einer bestimmten Position der Leiterschaft oder des Dienstes in Verbindung gebracht.
Das Abendmahl im Speziellen ist die Fortsetzung des jüdischen Passah, und wurde in den Privathäusern gefeiert wie das Passah (Apg.2,46). Deshalb ist anzunehmen, dass das Abendmahl genauso wie die Passahfeier vom Familienvater geleitet wurde.
Was die Taufe betrifft, so wurde der Apostel Paulus von Ananias getauft (Apg.22,16), der weder Apostel noch Ältester war, sondern ein einfacher „Jünger“ und „gottesfürchtiger Mann“. Paulus selber erklärt, dass er nicht gesandt wurde zu taufen; somit waren es andere, die seine Bekehrten tauften (1.Kor.1,13-17). Der Missionsbefehl Jesu an alle seine Jünger (Matth.28,18-20) schliesst den Taufbefehl mit ein.
(Wir können nicht sagen, dass dieses Gebot sich nur an die Apostel richtete, denn es erstreckt sich „bis zum Ende der Welt“; und die Apostel werden beauftragt, „sie zu lehren, dass sie alles halten, was ich euch geboten habe“, was mit Sicherheit ebendiesen Taufbefehl mit einschliesst.)
Die logische Schlussfolgerung ist, dass das Neue Testament keinerlei Einschränkungen kennt, wer unter den Christen das Abendmahl austeilen oder taufen dürfte. Diese Funktionen gehören zum allgemeinen Priestertum aller Gläubigen.

60. Die heutigen evangelischen Kirchen sind jedoch nicht in der Lage, dieses allgemeine Priestertum auszuüben, weil viele ihrer Mitglieder keine wirklichen Christen sind; und auch unter den wirklichen Christen sind viele, die die Anzeichen einer echten Bekehrung in anderen nicht erkennen. Deshalb kann das allgemeine Priestertum nicht wirklich ausgeübt werden, solange die Kirche sich nicht wirklich reformiert.

61. In der neutestamentlichen Gemeinde wurden Personen, die in Sünde weiterlebten, ohne diese zu bereuen, von den anderen Christen gemieden (1.Kor.5,1-5, 5,11, 6,9-10), mit dem Ziel, sie zur Umkehr und zur Wiederherstellung zu bringen, wo immer möglich (2.Kor.2,6-11, 7,8-11).

62. In vielen heutigen evangelischen Kirchen wird eine verkehrte Art von „Gemeindezucht“ angewandt, mit dem Ziel, die Mitglieder zu manipulieren und zu bedrohen, damit sie den Forderungen der Leiter nachgeben.
Diese „Gemeindezucht“ wird nicht aus den biblischen Gründen angewandt, sondern um jene zum Schweigen zu bringen, die einem Leiter widersprechen oder ihn kritisieren (wie berechtigt die Kritik auch sein möge), usw. In allzuvielen Fällen, wo jemand eine Sünde eines Leiters aufdeckt, wird nicht der schuldige Leiter unter „Gemeindezucht“ gestellt, sondern derjenige, der die Sünde aufdeckte.

Apostel heute?

16. Januar 2011

Folgendes war ursprünglich als Antwort auf einen Kommentar zum Artikel „Auf der Suche nach dem neutestamentlichen Christentum“ gedacht. Aber da es etwas länger geworden ist, dachte ich, ich mache gleich einen eigenen Artikel daraus.

Gibt es heute noch Apostel? Sollten wir wieder Apostel haben? Das ist eine heisse Frage, die in manchen Kreisen eifrig diskutiert wird.

Tatsache ist, dass die allermeisten Denominationen und Gemeindeverbände schon längst Strukturen und Ämter eingerichtet haben, die einem Apostelamt entsprechen. Nur nennen sie sie anders: sie nennen sie z.B. „Bischöfe“, „Landesvorsitzende“, „Superintendenten“, „Bundesvorstände“, usw. Da die meisten dieser Denominationen in der Theorie bestreiten, dass es heute noch Apostel gäbe oder geben sollte, kümmern sie sich auch nicht darum, ob die Personen, die diese Ämter besetzen, tatsächlich apostolische Qualifikationen besitzen. In der Praxis aber verleihen sie ihnen Autorität und Aufsichtsrechte über eine Vielzahl von Gemeinden; und das ist gerade eines der Kennzeichen des Apostelamtes.

Das ist eine Situation höchster Inkonsequenz: die tatsächlichen Leiterschaftsstrukturen widersprechen der theologischen Lehre; und diese ungeeigneten Strukturen werden mit (aus biblischer Sicht) ungeeigneten Personen besetzt. Nicht davon zu reden, dass kaum eine Denomination diese „apostolischen Leiter“ einer anderen Denomination für sich anerkennt. Nach 1.Korinther 1:10-13 und 3:1-4 ist das ein Zeichen von Zerspaltenheit und „Fleischlichkeit“. Die gegenwärtige Situation ist also mit Sicherheit nicht das, was Gott will.

Wie gehen wir damit um? Soll das Apostelamt „offiziell“ wieder eingeführt werden?

Was die biblische Grundlage betrifft, so muss ich offen sagen, ich konnte mich in dieser Frage bis jetzt noch nicht festlegen. Ich kann schlicht im ganzen Neuen Testament keine eindeutige Antwort finden darauf. Die ursprünglichen Apostel haben kein „Testament“ darüber hinterlassen, ob und wer nach ihrem Ableben ihren Platz einnehmen sollte. Ich sehe zwei mögliche Wege:

1. Wir rechnen damit, dass es auch nach den ursprünglichen Aposteln weiterhin Autoritäten über eine Vielzahl von Gemeinden geben soll. Das wird nahegelegt durch die Position von Leitern wie Timotheus und Titus, die tatsächlich im Auftrag von Paulus eine Vielzahl von Gemeinden beaufsichtigten. Sie werden aber nirgends „Apostel“ genannt. (Timotheus wird dagegen „Evangelist“ genannt). – Auch gibt es über den ursprünglichen Apostelkreis hinaus einige weitere Personen im Neuen Testament, die „Apostel“ genannt werden; z.B. Barnabas (Apg.14,14). – Es gibt also gute Gründe, dies als den biblischen Weg anzusehen, und das wird auch von den meisten heutigen Denominationen zwar nicht in der Theorie, aber durch ihre Praxis bestätigt.

Es gibt aber einige Gefahren auf diesem Weg, denen wir uns sehr bewusst sein sollten:

Die Gefahr, dass neue „Apostel“ unbiblische Sonderlehren einführen.

Es sollte immer klar bleiben, dass kein gegenwärtiger Apostel die Autorität der ursprünglichen Apostel haben kann, nämlich autoritativ die christliche Lehre festzulegen oder in diesem Sinn als direkter „Gesandter Jesu“ aufzutreten. Diese Autorität kam eindeutig nur jenen zu, die selber Zeugen des Lebens, Sterbens und der Auferstehung Jesu waren (Apg.1,21-22).
Ich beobachte leider in vielen Kreisen eine Tendenz, gewisse vollmächtige (oder lediglich redegewandte und manipulative) Leiter mit einer Art „mystischer Aura“ zu umgeben und ihnen eine höhere Glaubwürdigkeit zuzusprechen, als ihnen zukommt. So gibt es tatsächlich schon viele Kirchenmitglieder, die statt bibeltreu „leitertreu“ geworden sind und sich dadurch immer weiter von der biblischen Wahrheit entfernen. Die Aufforderung, „alles zu prüfen“ (1.Kor.14,29, 1.Thess.5,21) gilt auch und gerade gegenüber einem Apostel (siehe Galater 1,8 !!).

Die Gefahr des Machtmissbrauchs

In Amerika ist in gewissen Kreisen der Aposteltitel bereits Mode geworden. Manche, die sich früher „Pastor“ oder „Bischof“ genannt hätten, nennen sich jetzt „Apostel“. Oft handelt es sich dabei aber einfach um eine Verlängerung des unbiblischen Ein-Mann-Pastor-Systems, wo die bereits bestehenden Machtstrukturen noch weiter ausgebaut und zementiert werden. Sehr oft sind das dieselben Kreise, die z.B. lehren: „Du musst dich deinem Pastor unterordnen, selbst wenn er unrecht hat“; oder: „Auf Gott zu hören bedeutet auf deinen Pastor zu hören, denn er ist der Gesalbte Gottes.“ Es ist für Aussenstehende fast unvorstellbar, was in solchen Machtsystemen für Zerstörungen angerichtet werden im Glaubens-, Privat- und Familienleben der Menschen, die solchen Pastoren unterworfen sind. Mit einer Google-Suche nach „geistlicher Missbrauch“ bzw. „spiritual abuse“ können Dutzende von Leidensgeschichten Betroffener gefunden werden.

Hiergegen muss ganz klar festgehalten werden: Im Neuen Testament ist Leiterschaft in der christlichen Gemeinde keine „Machtposition“! Im Gegenteil, Jesus hat gesagt: „Der Grösste unter euch soll werden wie der Jüngste, und der Herrschende wie der Dienende!“ (Lukas 22,26). Die Autorität der Apostel bestand nicht in Machtausübung und Manipulation. Sie wurden als Autoritäten anerkannt, weil ihre Nähe zum Herrn, ihre geistliche Reife, ihre von Gott gegebene Befähigung und ihre Hingabe offenkundig waren. In den wenigen Situationen, wo Paulus sich gezwungen sah, sein Apostelamt zu verteidigen, da spricht er gerade nicht als „mächtiger Leiter“, sondern da spricht er von den Leiden und Entbehrungen, die er um Jesu willen auf sich nahm (1.Korinther Kap.4, 2.Korinther Kap.11). Auch die Beschreibung seines Wirkens in Thessalonich (1.Thessalonicher Kap.2) ist in dieser Hinsicht lehrreich und vorbildlich. Gerade Apostel müssen zuallererst dazu bereit sein, den „letzten Platz“ einzunehmen.

Die Gefahr des Klerikalismus und Hierarchismus

Das Pastorenkirchensystem hat zu einer Trennung zwischen „Klerus“ und „Laien“ geführt, wo der eigentliche geistliche Dienst nur noch von eigens dazu eingesetzten „Klerikern“ wahrgenommen werden kann. (Siehe „Bist du pastorisiert worden?„). Wenn vor diesem Hintergrund ein Apostelamt eingeführt wird, dann kann das nur zu einem weiteren Ausbau der klerikalen Hierarchie führen. Z.B. könnte dann ein Gemeindeverband auf die Idee kommen, nur noch solche Pastoren als „gültig“ anzuerkennen, die von einem Apostel in ihr Amt eingesetzt wurden; oder zu verbieten, dass Nicht-Apostel Gemeinden gründen.

In der Urgemeinde waren aber die Apostel nicht dazu da, Aspekte des geistlichen Dienstes zu monopolisieren. Im Gegenteil, sie waren dazu da – wie die anderen „Dienste“ auch -, alle Gläubigen zum geistlichen Dienst auszurüsten und freizusetzen (Epheser 4,12).

Die drei genannten Gefahren werden uns ganz deutlich in den Verirrungen der römisch-katholischen Kirche vor Augen gestellt. Schon das sollte uns eine Warnung sein. Wenn eine Kirche das Apostelamt wieder einführen wollte (und das gilt auch für die bereits bestehenden faktischen „Apostelämter“ mit anderen Benennungen!), dann müsste zuallererst sichergestellt werden, dass nur Christen von ganz aussergewöhnlicher Integrität, Ehrenhaftigkeit und Leidensbereitschaft als „Apostel“ anerkannt werden; Christen, die ihre Leiterschaft voll und ganz im Sinne Jesu und der ersten Apostel ausüben. Sonst werden wir nur zu bald ein evangelikales Papsttum haben.

2. Nun habe ich aber von zwei Wegen gesprochen, die apostolische Autorität zu verstehen. Der zweite Weg besteht darin, diese apostolische Autorität in den Lehren der ursprünglichen Apostel zu suchen, die uns in den Schriften des Neuen Testaments überliefert sind. Das würde bedeuten, dass kein heute lebender Mensch Autorität über eine Vielzahl von christlichen Gemeinden hätte. Jede Einzelgemeinde, und jeder einzelne Christ, hätte sich dann direkt unter die apostolische Autorität des Neuen Testamentes zu stellen, und die einzelnen Gemeinden wären organisatorisch unabhängig voneinander. Es könnte sehr wohl eine Vernetzung der Gemeinden untereinander geben durch reisende Verkündiger mit verschiedensten Diensten; aber keiner dieser „Reisedienste“ hätte Autorität, über innere Angelegenheiten von Gemeinden zu entscheiden.

Auch für diesen Weg gibt es biblische Gründe. Als Paulus sich von den Ältesten von Ephesus verabschiedete, warnte er sie, dass nach seinem Weggang „reissende Wölfe zu euch kommen werden“. In dieser Situation sagt er zu den Ältesten: „Und jetzt befehle ich euch Gott an und dem Wort seiner Gnade, das die Kraft hat, zu erbauen und das Erbe unter allen Geheiligten zu geben“ (Apg.20,32). Er sagt nicht: „Jetzt befehle ich euch meinem Nachfolger XY an.“ Nein, die Ältesten von Ephesus sollten sich in Krisensituationen (und auch sonst) direkt an Gott wenden und sich auf sein Wort abstützen, nicht auf irgendeinen neuen Apostel.
Man könnte hier auch noch anführen, dass Petrus in seinem Abschnitt über die Gemeindeleitung (1.Petrus 5,1-5) nur Älteste erwähnt, aber keine Apostel. „Älteste“ sind aber nur je für ihre örtliche Gemeinde zuständig und nicht darüber hinaus.

Natürlich besteht hier die Gefahr, dass einzelne Gemeinden sich so weit verselbständigen könnten, dass sie zu Sekten werden. Dazu muss aber gesagt werden, dass falsche Lehren und Praktiken sehr oft nicht durch „Sonderlinge“ oder abgesonderte Gemeinden eingeführt werden, sondern oft gerade durch die Leiter an der Spitze, die „apostolische“ Funktionen ausüben. Augenfällige Beispiele sind z.B. die Lehren des Papsttums; die bibelkritische Universitätstheologie; das amerikanische Wohlstandsevangelium; u.a. – Festgefügte, zentralistische Strukturen können genausogut vom Glauben abfallen wie unabhängige Gemeinden; und dann mit viel weitreichenderen Auswirkungen.

Wenn ich nun die gegenwärtige Gemeindesituation ansehe, dann muss ich ernüchtert feststellen, dass gegenwärtig für den grössten Teil der Christenheit keiner der beiden genannten Wege wirklich gangbar ist! Ich sehe, dass die meisten Gemeinden zu orientierungslos sind, um in echter Unabhängigkeit voll und ganz der apostolischen Autorität des Neuen Testamentes zu folgen. Die meisten rufen geradezu nach einer übergeordneten Leiterschaft, die ihnen Richtungsweisung und „Sicherheit“ gibt – und die dadurch weitgehend an die Stelle der Richtungsangaben des Neuen Testamentes tritt. Andererseits gibt es gegenwärtig kaum Leiter von wirklich apostolischer Integrität, die eine solche Leiterschaft wirklich „nach dem Herzen Gottes“ ausüben könnten. In anderen Worten: Es herrscht ein riesiges Vakuum an wirklich gottesfürchtigen und integren Leitern, sowohl innergemeindlich wie übergemeindlich.

Das ist nicht verwunderlich, wenn man in Betracht zieht, dass ein Grossteil derer, die sich „Christen“ nennen, gar nicht wiedergeboren sind. Die beschriebene Situation ist einfach ein Ausdruck des allgemein desolaten Zustands der Christenheit. Ich schlage deshalb vor, dass wir nicht zuerst nach neuen Aposteln Ausschau halten, und auch nicht zuerst darüber debattieren, ob es solche Apostel überhaupt geben soll; sondern dass wir zuerst Gott suchen und uns vor ihm demütigen und ihn inständig bitten, dass er uns selber zu „apostolischen Menschen“ macht. Darunter verstehe ich: Menschen, die in ihrem innersten Wesen so sehr an Gott gebunden sind, wie es die Apostel waren; und die deshalb zunehmend in die Denk- und Lebensweise eines echten Jüngers Jesu hineinwachsen. Oder, wie man früher sagte, „erweckte Christen“. (Heute ist leider auch das Wort „Erweckung“ von anderen Bedeutungen besetzt worden.)

Ich glaube, wo Gemeinden von solchen apostolischen Jüngern Jesu entstehen, da wird sich das oben beschriebene Dilemma auflösen: Eine solche Gemeinde wird in der Lage sein, sich klar am Neuen Testament auszurichten, ohne von Menschenmeinungen hin- und hergeworfen zu werden. Sie wird sich deshalb als unabhängige Gemeinde behaupten können. Sie wird aber auch, wenn Gott es so will und führt, gottesfürchtige und integre Leiter hervorbringen, denen guten Gewissens ein „apostolischer Dienst“ anvertraut werden kann, ohne die oben beschriebenen Gefahren.

Meine zweite Bekehrung (Teil 2)

1. November 2009

Die „zweite Bekehrung“, um die es hier geht, war hauptsächlich eine Bekehrung zu einer neutestamentlichen Sicht von christlicher Gemeinde. Im ersten Teil dieses Artikels habe ich einige Erlebnisse erwähnt, die mich zu dieser zweiten Bekehrung führten.

Es gab in diesem Prozess manche Parallelen zu meiner „ersten Bekehrung“ (https://christlicheraussteiger.wordpress.com/2009/05/21/wie-jesus-mich-fand/ ) (d.h. meiner Hinwendung zu Jesus Christus):

Viele biblische Wahrheiten hatte ich schon Jahre vor meiner Bekehrung verstandesmässig begriffen und akzeptiert, und davon gesprochen. Was den Anstoss gab zu meiner Bekehrung, war dass Gott mir aufzeigte, wie weit mein eigenes Leben von diesen Wahrheiten entfernt war, und wie sehr ich deshalb Ihn selber nötig hatte.
Etwas ganz Ähnliches ist jetzt inbezug auf meine Vorstellung von der Gemeinde geschehen. Vieles von dem, was ich beschrieben habe und noch beschreiben werde, wusste ich schon seit Jahren. (Schon während meines Theologiestudiums hatte ich mich gewundert, wie es möglich war, dass bewanderte Bibelforscher wie selbstverständlich annahmen, die neutestamentliche Gemeinde hätte etwa so funktioniert wie eine heutige Landes- oder Freikirche; und wie diese Bibelgelehrten dann die Strukturen ihrer eigenen Konfession bzw. Denomination in die neutestamentlichen Texte hineinlasen – wo doch die Urgemeinde so offensichtlich anders war als heutige Gemeinden.) Aber während der vergangenen Jahre war es, als ob Gott ganz deutlich die Gewissensfrage an mich richtete: „Wenn du schon verstanden hast, dass die heutigen Gemeinden nicht auf neutestamentliche Weise aufgebaut sind, warum hilfst du dann trotzdem mit, diese Strukturen aufrechtzuerhalten und zu festigen?“ – Und wieder musste ich feststellen, dass mein Leben und meine Praxis bei weitem nicht mit dem übereinstimmten, was ich aus der Bibel weiss.

Ich musste also für mich selber eine klare Grenze ziehen: hier herkömmliche Gemeinde, da neutestamentliche christliche Gemeinde. Genau wie bei meiner ersten Bekehrung: hier traditionelle Namenschristen, da wiedergeborene Nachfolger Jesu. Und als ich anfing, diese Grenzziehung vorzunehmen, gab es jede Menge Leute, die mich miss- oder gar nicht verstanden, über mich erbost waren, und alle möglichen hässlichen Dinge sagten und taten. Bei meiner ersten Bekehrung waren das hauptsächlich Mitglieder der Landeskirche, die nicht nachvollziehen konnten, dass es so etwas wie eine Bekehrung überhaupt gibt (und erst recht nicht, dass dies zum Christsein notwendig sein soll). Bei meiner zweiten Bekehrung ärgerten sich vor allem Leiter und Mitarbeiter von Freikirchen. Sie fühlten sich in ihrem (falschen) Frieden gestört und angegriffen, als ich anfing zu behaupten, neutestamentliche Gemeinde sei etwas anderes als was ihr jeweiliger Gemeindeverband vorschreibt und vorlebt. Aber ich muss auch hier sagen: Seit ich mit dem Echten in Berührung gekommen bin, kann ich mich nicht mehr mit einer billigen Nachahmung zufriedengeben. Genauso wie das traditionelle Namenschristentum eine billige Nachahmung von wirklichem Christsein ist, so ist das traditionelle Gemeindetum (sei es landes- oder freikirchlich) nur eine billige Nachahmung von echter christlicher Gemeinde.

Im folgenden möchte ich einige Prinzipien anführen, die ich neu ernstnehmen musste oder zum ersten Mal überhaupt begriffen habe:

1.- Wirkliche „Gemeinde“ basiert nicht auf institutionellen Strukturen, sondern auf persönlichen Beziehungen.

Als ich von meinem ersten Jahr in Perú zurückkehrte, unter falschen Anschuldigungen ausgeschlossen von der Missionsgesellschaft, mit der ich gearbeitet hatte, da musste ich feststellen, dass ich ausgerechnet in der Gemeinde, die mich ausgesandt hatte, kaum einen echten Freund hatte. (Ob jemand ein echter Freund ist, erkennst du erst, wenn du in Not bist!)
Aber in den heutigen Gemeinden dominieren anscheinend „institutionelle“ Überlegungen: ob Personalbedarf herrscht; ob jemand von der Denomination „anerkannt“ ist; ob ein Pastor „ordnungsgemäss ordiniert“ ist; usw.
In der Urgemeinde gab es keine Diplome oder Ausweise, die jemanden als Prediger oder Mitarbeiter „anerkannten“; aber die Christen kannten einander persönlich. Ein Leiter konnte seine wahre Persönlichkeit nicht hinter einem Kanzelauftritt oder einem Büroschreibtisch verstecken; denn bei der intensiv gepflegten Gastfreundschaft kam er nicht darum herum, sein wahres Privat- und Familienleben vor seinen Glaubensgeschwistern zu offenbaren. Dadurch wurde der Gemeinde ziemlich bald klar, wer wirklich nahe bei Jesus war. In einer solchen Umgebung konnte nicht so schnell geschehen, was in heutigen Gemeinden schon fast die Regel ist: dass Machtmenschen und rückgratlose Politiker in der Leiterschaft dominieren.

Zudem ist es erstaunlich, in welch hohem Grade es möglich ist, „Kirche zu spielen“, ohne dass echtes geistliches Leben da ist. Wie oft habe ich Lobpreiszeiten erlebt, wo die Teilnehmer dazu gedrängt (soll ich sagen manipuliert?) wurden, alle möglichen äusserlichen Dinge zu tun, um einen „glücklichen Eindruck“ zu erwecken: „Wie kannst du ein trauriges Gesicht machen, wenn Gott da ist? Schaut einander an und lächelt!“ – „…Und jetzt singen wir es noch einmal, aber doppelt so laut, damit die Mächte der Finsternis zittern!“ – usw. – Wie oft sehe ich, dass „Treue im Glauben“ einzig daran gemessen wird, wie häufig jemand die Gemeindeveranstaltungen besucht! – Wie oft höre ich Gebete, in denen der Beter trotz ellenlanger frommer Formulierungen nicht klar ausdrücken kann, was er eigentlich von Gott nötig hat, möchte oder erwartet! Hauptsache, er betet, wenn er an der Reihe ist. – Institutionelle Formen und Programme entwickeln leider ein Eigenleben, das noch lange weiterbesteht, wenn das echte geistliche Leben längst daraus verschwunden ist.

„Und lasst uns darauf achten, einander zur Liebe und zu guten Werken anzuspornen, und unsere Versammlung nicht verlassen, wie es bei etlichen Sitte ist, sondern vielmehr ermahnen…“ (Hebräer 10,24-25)

Diese Verse werden oft dazu benutzt, Gemeindemitgliedern ein schlechtes Gewissen zu machen, wenn sie nicht jeden Gottesdienst besuchen. Aber steht hier wirklich etwas von „Gottesdienstbesuch“? – Das Schwergewicht der Aussage liegt eindeutig auf „einander zur Liebe und zu guten Werken anzuspornen“. Ein Gottesdienst, in dem dies nicht geschieht, qualifiziert also nicht als „Versammlung“ im Sinne dieser Bibelstelle. Man beachte, dass hier steht „einander“ – es heisst nicht „eine Predigt über Liebe und gute Werke zu hören“. Erst wenn wir anfangen, eine Gemeinschaft zu pflegen, wo wir einander im Sinne Gottes anspornen und ermutigen (das mit „ermahnen“ übersetzte Wort bedeutet vor allem „ermutigen“, „aufmuntern“, „trösten“), mit aktiver Beteiligung aller, erst dann dürfen wir auch wieder diese Verse anwenden.

Das biblische Bild für die Gemeinde ist nicht die Institution, das Unternehmen oder die Veranstaltung; sondern die Familie, der Leib, die Braut – also etwas Organisches, nicht etwas Organisiertes; etwas, was lebt, nicht etwas, was „funktioniert“.


2.- Wo Leiterschaft das geistliche Leben hindert statt fördert, handelt es sich nicht wirklich um geistliche Leiterschaft.

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