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Steht fest in der Freiheit, für die uns Christus frei gemacht hat! – Teil 7

29. März 2019

Galater 5,1

Eine Untersuchung autoritärer Lehren und Praktiken in evangelikalen Kirchen und Organisationen

Die Leiter im Volk Gottes sollen dem Autoritarismus widerstehen

Der Apostel Paulus benützt an einigen Stellen in seinen Briefen ziemlich harte Ausdrücke. Bei einigen Gelegenheiten „gebietet“ er gewissen Personen oder „weist zurecht“. Ist das ein Ausdruck von Autoritarismus?

Wenn wir den Zusammenhang untersuchen, dann finden wir, dass an den meisten Stellen, wo Paulus auf diese Weise spricht, er es genau zu dem Zweck tut, zu verhindern, dass sich der Autoritarismus in der Gemeinde ausbreitet:

„Wenn jemand euch evangelisiert entgegen dem, was ihr angenommen habt, sei er verflucht.“ (Gal.1,9) – Von wem spricht er? – Von den „infiltrierten falschen Brüdern, die sich eingeschlichen haben, um unsere Freiheit auszuspionieren, die wir in Christus Jesus haben, und um uns zu versklaven; denen wir keine Stunde in Unterordnung nachgegeben haben, damit die Wahrheit des Evangeliums bei euch bleibe.“ (Gal.2,4-5). D.h. Paulus musste sich durchsetzen, um den Galatern die Freiheit zu erhalten; um sie zu befreien von der Unterordnung unter gewisse Leiter, die sie wieder unter das Gesetz stellen wollten.

„… und wir sind dazu bereit, jeden Ungehorsam zu rächen, wenn euer Gehorsam vollständig ist.“ (2.Kor.10,6) – In diesem selben Zusammenhang sagt er später: „Denn ihr ertragt gern die Unverständigen, obwohl ihr verständig seid. Denn ihr ertragt es, wenn jemand euch versklavt, wenn jemand euch auffrisst, wenn jemand euch das Eure nimmt, wenn jemand sich selbst erhöht, wenn jemand euch ins Gesicht schlägt.“ (11,19-20)
Es geht also nicht darum, dass die Korinther einem Befehl des Paulus ungehorsam gewesen wären. Es geht darum, dass sie sich fälschlicherweise untergeordnet hatten unter die „Überapostel“, die eine autoritäre Leiterschaft über sie ausübten und sie misshandelten. Paulus spricht auf diese harte Weise, nicht um zu sagen: „Ordnet euch jetzt mir unter!“, sondern um ihnen die Freiheit in Christus zurückzugeben. „… Ich habe euch mit einem einzigen Mann verlobt, um [euch als] eine reine Jungfrau vor Christus zu stellen“ (11,2). – Das ist das Ziel von Paulus, nicht dass die Korinther sich ihm unterordnen, sondern dass sie mit Christus vereint werden.

„Aber der Geist sagt ausdrücklich, dass in den letzten Zeiten einige vom Glauben abfallen werden. Sie werden betrügerischen Geistern und Lehren von Dämonen folgen (…) Sie werden das Heiraten verhindern, und [gebieten] sich von Speisen zu enthalten …“ (1.Tim.4,1.3) – Auch hier warnt Paulus vor falschen Lehrern, die eine äusserliche Disziplin und „Menschengebote“ einführen werden.

„Deshalb weise sie streng zurecht, damit sie gesund im Glauben werden, und sich nicht jüdischen Mythen widmen, noch Geboten von Menschen, die sich von der Wahrheit abgewandt haben.“ (Titus 1,13-14) – Auch hier soll Titus gewisse Personen „streng zurechtweisen“, nicht damit die Geschwister sich ihm unterordnen, sondern damit sie nicht unter Menschengebote versklavt werden.

„Denn das weiss ich, dass nach meiner Abreise gefährliche Wölfe zu euch hereinkommen werden, die die Herde nicht verschonen werden; und aus eurer eigenen Mitte werden Männer aufstehen, die verkehrte Dinge reden, um die Jünger hinter sich selbst her wegzuführen.“ (Apg.20,29-30) – Eines der Kennzeichen der falschen Leiter besteht darin, dass sie die Jünger „hinter sich selbst her“ führen, statt ihnen zu helfen, dem Herrn nachzufolgen. D.h. sie verlangen von den Jüngern eine solche Loyalität ihnen selbst gegenüber, wie sie nur dem Herrn Jesus gebührt. Paulus weist die Ältesten von Ephesus an, wachsam zu sein gegen die autoritären Leiter, die aus ihrer eigenen Mitte aufstehen werden.

Auf ähnliche Weise warnen auch die Apostel Petrus und Johannes vor dem Autoritarismus:

„Weidet die Herde Gottes, die bei euch ist … nicht als Herrscher über jene, die euch zugeteilt sind …“ (1.Petrus 5,1-3)

„Aber Diotrephes, dem es gefällt, der wichtigste unter ihnen zu sein, nimmt uns nicht auf. Deshalb werde ich, wenn ich komme, an seine Taten erinnern, (…) und nicht genug damit, nimmt er zudem die Brüder nicht auf; und jenen, die [sie aufnehmen] wollen, wehrt er es, und wirft sie aus der Gemeinde hinaus.“ (3.Joh.9-10)

Es ist eine der schwierigsten Aufgaben für einen echten geistlichen Leiter, Widerstand zu leisten gegen die Versuche autoritärer Leiter, die Macht zu ergreifen. Ein echter geistlicher Leiter hat die Frucht des Heiligen Geistes in seinem Leben, und ist deshalb eine gütige, barmherzige und integre Person. Er wird dazu neigen, seinen Geschwistern zu vertrauen. Er hat keine Freude daran, anderen zu widerstehen oder sie zurechtweisen zu müssen. Ein autoritärer Leiter dagegen wird alles tun, um Macht zu erlangen und über seine Geschwister zu herrschen. Dazu mag er sich auch einen sehr demütigen und geistlichen Anschein geben, wenn das zu seinen Zielen beiträgt. Gerade in diesen Situationen muss sich ein echter geistlicher Leiter durchsetzen, auch wenn das nicht seinem Wesen entspricht; aber es ist nötig, um zu verhindern, dass die Geschwister zu Opfern von missbrauchenden Leitern werden.

Warum folgen so viele evangelikale Leiter autoritären Lehren und Praktiken?

Angesichts der lehrmässigen Probleme des Autoritarismus, und seiner schädlichen Auswirkungen, fragt man sich, warum Millionen von Evangelikalen diesen Strömungen folgen.

Doch die Probleme sind nicht überall und auf den ersten Blick offenbar. Ich kam selber relativ bald nach meiner Bekehrung in eine Umgebung, wo autoritäre Lehren verkündet wurden. Als junger Christ hatte ich noch nicht gelernt, anhand der Schrift „alles zu prüfen“, was gelehrt wird. Ich kannte das Gesamtbild der neutestamentlichen Aussagen über christliche Gemeinschaft noch nicht, und war deshalb nicht in der Lage zu erkennen, wo Bibelstellen aus dem Zusammenhang gerissen und falsch angewandt wurden. Ich war hungrig nach Anleitung für mein Leben mit Jesus.
Die meisten Lehrer des Autoritarismus, denen ich damals begegnete, waren freundliche und hilfsbereite Menschen. Sie waren auch überzeugende Redner, hatten „geistliche Erfolgsgeschichten“ zu erzählen, und lehrten im übrigen manch Gutes und Wahres. Einige Menschen, die mir in meinem persönlichen Glaubensleben weitergeholfen hatten, empfah­len diese Lehrer, oder verkündeten selber autoritäre Lehren.
In einer Umgebung, wo ich die Leiter als im grossen ganzen ehrlich und integer kennenlernte, fiel mir auch die „Unterordnung“ nicht schwer. Doch der Haken daran war: Ich gewöhnte mich daran, „geistlichen Leitern“ praktisch bedingungslos zu vertrauen und zu gehorchen. Auch nachdem meine Bibelkenntnis zugenommen hatte, getraute ich mich noch nicht wirklich, biblisches Unterscheidungsvermögen anzuwenden. Insbesondere kam es mir während langen Jahren nie in den Sinn, die Grundlage meiner „Leichtgläubigkeit“ an sich in Frage zu stellen, nämlich die Lehren von „Autorität und Unterordnung“. Als ich später in eine Umgebung kam, wo die Leiter alle Arten von unehrlichen Machen­schaften und Missbrauch betrieben, erkannte ich deshalb lange Zeit nicht, was vorging, und wusste auch nicht wie mich dagegen zur Wehr zu setzen.

Meine eigene Geschichte illustriert einige Gründe, warum manche junge Christen autoritären Lehren folgen:

– Autoritäre Leiter und Gruppen müssen nicht unbedingt „hart“, „gesetzlich“ oder missbrauchend sein. Einige sind es; aber andere können sehr anziehend und hilfreich und sogar weitgehend „rechtschaffen“ sein.

– Auch in tatsächlich missbrauchenden Gruppen können viele Christen jahrelang dabei sein, ohne ein Problem zu sehen. Die dunkle Seite lernen in der Regel nur jene kennen, die Zugang zu Insider-Kenntnissen über Vorgänge innerhalb der Leiterschaft erhalten, oder die sich irgendwann veranlasst sehen, der Leiterschaft zu widersprechen. Die tatsächliche Einstellung eines Leiters zu Macht und Machtmissbrauch kommt oft erst dann ans Licht, wenn man einen Konflikt mit ihm hat.

– Aber auch in den „rechtschaffenen“ Gruppen konditioniert der Autoritarismus seine Nachfolger dazu, später Opfer von Irrlehrern zu werden, und von Leitern, die ihre Macht missbrauchen.

– Der Autoritarismus ist ein Lehrgebäude, das sich sozusagen selber vor seiner Entlarvung schützt: „Warum soll ich dieser Lehre folgen?“ – „Weil die Leiter es sagen.“ – „Und warum soll ich den Leitern glauben?“ – „Weil diese Lehre sagt, wir sollen ihnen glauben und folgen.“ Wer auf diesen ewigen Zirkelschluss hereinfällt, der bleibt darin gefangen und fragt gar nicht mehr, ob diese Lehren auf einer tragfähigen biblischen Grundlage aufbauen.

So habe auch ich selber viele Jahre lang autoritäre Lehren gelehrt und praktiziert, ohne diese wirklich am Wort Gottes geprüft zu haben. Verschiedene schmerzliche Erfahrungen waren nötig, sowie der Mut, das Neue Testament zu studieren, ohne sogleich die mir gewohnten kirchlichen Strukturen und Traditionen hineinzulesen, um zur Einsicht zu kommen, dass die Bibel etwas anderes lehrt.

Warum folgen aber auch viele reife Christen, Leiter, Pastoren, den Lehren des Autoritarismus?

Eine mögliche Antwort ist, dass manche von ihnen in einer solchen Umgebung aufwuchsen und es ihnen aus „Tradition“ gar nie in den Sinn kam, den obenerwähnten Zirkelschluss biblisch zu überprüfen.

Ein anderer möglicher Grund ist, dass viele religiöse Leiter an einem starken Machtstreben leiden. Sie sind dann sehr dankbar, wenn ihnen jemand ein Rezept anbietet, wie sie ihre Macht und ihren Einfluss festigen können, und die Gemeindeglieder „unterwürfiger“ machen können. Und wenn das Rezept zu funktionieren scheint, dann halten die wenigsten inne, um ihr Unterscheidungsvermögen zu aktivieren und sich zu fragen, ob das Rezept wirklich biblisch ist.

Die grosse Popularität autoritärer Lehren und Praktiken ist zugleich ein Anzeichen, dass auch in evangelikalen Kreisen das Erbe der Reformation am Verlorengehen ist: nämlich die Überzeugung, dass die Heilige Schrift die oberste Autorität über christliche Lehre und Praxis ist. Der Autoritarismus stellt die Autorität eines „Pastors“, Lehrers oder Leiters über die Autorität des Wortes Gottes; und er lässt nicht zu, dass jemand auf biblischer Grundlage die Lehre oder Praxis dieser „Autoritäten“ in Frage stellt. Eine solche Haltung ist aber weder reformiert noch evangelikal.

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Steht fest in der Freiheit, für die uns Christus frei gemacht hat! – Teil 6

23. März 2019

Galater 5,1

Eine Untersuchung autoritärer Lehren und Praktiken in evangelikalen Kirchen und Organisationen

Untersuchung einiger spezifischer Lehren des Autoritarismus

– „Gehorcht euren Pastoren.“

Hebr.13,17 wird oft zur Begründung autoritärer Lehren herangezogen: „Gehorcht euren Vorstehern und füget euch [ihnen], denn sie wachen über euren Seelen als solche, die Rechenschaft ablegen werden …“ (ZÜ). – Diesen Text müssen wir im Original näher betrachten. Das Wort für Vorsteher ist hägoúmenoi (wörtlich „Führer, Leiter“) – dasselbe Wort, das Jesus in Luk.22,26 benützt, um zu lehren, dass der „Leiter“ ein Dienender sein soll, nicht jemand, der Gehorsam einfordert. In Hebr.13,7 heisst es ausserdem von den hägoúmenoi: „Seht auf das Ergebnis ihres Betragens, und ahmt ihren Glauben nach.“ Es handelt sich also um Menschen, deren Beispiel der Nachahmung würdig ist. Niemand kann eine solche Autorität beanspruchen, nur weil er eine Leitungsstellung einnimmt in einer Organisation, die sich „Kirche“ nennt. Zumindest muss sein Autoritätsanspruch abgedeckt sein durch das Zeugnis eines gottgefälligen Lebens.
„Gehorchen“ heisst auf griechisch hypakoúo. Aber in Hebr.13,17 steht nicht dieses Wort, sondern peíthomai, was bedeutet „sich überzeugen lassen“. Es steht hier auch nichts von „sich unterordnen“ (hypotássomai); stattdessen steht hypeiko, was bedeutet „Raum geben“, „nachgeben“, oder „sich anpassen“ – nicht unter Zwang, weil man eine untergeordnete Stellung innehätte, sondern als freiwillige Entscheidung. Die hier verwendeten Ausdrücke sind also viel weniger stark, als der Autoritarismus vorgibt. Es geht nicht um „Unterordung“ bloss weil jemand „Autorität“ ist. Es geht darum, „sich überzeugen zu lassen“ von jemandem, der uns tatsächlich überzeugt, mit dem Beispiel seines Lebens und seiner geistlichen Reife.

Einige Leiter wollen aus unserem Vers zusätzlich die Lehre ableiten, dass Christen vor ihren Leitern Rechenschaft ablegen müssten über alles, was sie tun. Aber die Grammatik des Verses ist eindeutig: Die „Rechenschaft ablegen werden“, sind die Leiter, nicht „eure Seelen“. Es sind die Leiter, die vor Gott Rechenschaft ablegen müssen über die Art und Weise, wie sie ihre Leiterschaft ausgeübt haben.

Die Priester in Jerusalem (also die religiösen Leiter) wollten den Aposteln verbieten, den Namen Jesu zu verkünden. Die Apostel antworteten: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ (Apg.5,29). Die Priester waren im Irrtum, ihr Befehl war entgegen dem Willen Gottes; somit musste man ihnen nicht gehorchen. Dieses Prinzip widerlegt klar die Lehre, man müsse dem Leiter gehorchen, auch wenn er im Irrtum ist.

– „Die Leiter der Kirche sind Obrigkeiten.“

Einige benützen Römer 13,1: „Jedermann unterordne sich den herrschenden Obrigkeiten“, und wenden dies auf die kirchlichen Leiter an. Aber diese Stelle spricht einzig von der Staatsregierung! Das ist aus dem Zusammenhang klar ersichtlich. Der Abschnitt spricht von den „Regierenden“ árchontes, (13,3), die böse Taten bestrafen, sogar mit dem Schwert (v.4), und die Steuern erheben (v.6). Nichts davon trifft auf Gemeindeleiter zu; und die Leiter der Gemeinde heissen nirgends „árchontes“. Sie werden auch nicht „Obrigkeiten“ (exousíai, (13,1) genannt.
Dasselbe gilt für die Parallelstelle 1.Petrus 2,13-14.

– „Die Rebellion ist eine der schlimmsten Sünden.“

Als Beispiel wird oft Saul zitiert, zu dem Samuel sagte: „Gehorsam ist besser als Opfer, Aufmerken besser als Fett von Widdern. Denn Ungehorsam ist gerade so Sünde wie Wahrsagerei, und Widerspenstigkeit ist gerade so Frevel wie Abgötterei.“ (1.Sam15,22-23 ZÜ). – Das Problem mit dieser Auslegung besteht darin, dass der Text vom Ungehorsam Gott gegenüber spricht, nicht gegen einen Menschen. Es heisst weiter: „Weil du das Wort des Herrn verworfen hast, hat er dich verworfen als König.“ Das ist das Thema aller Bibelstellen, welche „Rebellion“ oder „Ungehorsam“ verurteilen: Es geht immer um die Rebellion gegen Gott, nicht gegen die Leiterschaft von Menschen.
Natürlich wollen die autoritären Leiter uns glauben machen, ihre Befehle seien identisch mit den Geboten Gottes. Aber diese Identität besteht nur da, wo das geschriebene Wort Gottes dasselbe sagt. Deshalb ruft uns die Schrift dazu auf, alles zu prüfen, was ein Leiter sagt, und das zu verwerfen, was nicht schriftgemäss ist.

– „Du hast nur dann den Schutz Gottes, wenn du unter einer ‚Abdeckung‘ stehst [einer hierarchischen menschlichen Leiterschaft]“.

Als Begründung wird oft Mat.8,9 zitiert, wo der Hauptmann von Kapernaum sagt: „Denn auch ich bin ein Mensch unter Autorität, und habe Soldaten unter meinem Befehl; und ich sage zu diesem: ‚Geh!‘, und er geht; und zum andern: ‚Komm!‘, und er kommt; und zu meinem Diener: ‚Tue dies!‘, und er tut es.“ So begründet der Hauptmann seine Überzeugung, dass Jesus Macht hat über die Krankheiten, und dass sein Diener allein durch das Wort Jesu geheilt werden würde. Deshalb – so der Autoritarismus – solle sich jeder Christ einer „Befehlshierarchie“ unterstellen, so wie der Hauptmann der militärischen Hierarchie unterstellt ist.
Diese Auslegung schiebt dem Text eine Anwendung unter, die nicht vorhanden ist. Der Hauptmann spricht von der Befehlsstruktur der römischen Armee, und von der Macht Jesu über Krankheiten (nicht über Menschen). Er sieht eine Analogie zwischen diesen beiden Arten von Autorität, weil die Armee die einzige Autoritätsstruktur ist, die er aus Erfahrung kennt. Soweit ist der Vergleich legitim, und Jesus lobt den Hauptmann für seinen Glauben. Aber beachten wir: für seinen Glauben daran, wer Jesus ist; nicht für seinen Glauben an eine
Befehlshierarchie.

Wenn wir darauf eine Lehre über die Leitungsstruktur der christlichen Gemeinde aufbauen wollen, dann gehen wir in die Irre. Die Gemeinde ist hier in keiner Weise im Blickfeld! Der Text gibt uns keine Grundlage zu behaupten, die Gemeinde müsse in derselben Weise organisiert sein wie die römische Armee, oder römische Hauptleute müssten uns belehren über die Struktur der christlichen Gemeinde. Wenn wir wissen wollen, was Jesus oder die Apostel zu diesem Thema sagen, dann müssen wir jene Aussagen in Betracht ziehen, die tatsächlich von der Gemeinde sprechen! Und wir haben in Teil 2 [LINK] gesehen, dass die Lehre Jesu und der Apostel in keiner Weise für eine „militärische“ Gemeindestruktur spricht. Wir haben dort auch gesehen, dass die Idee, menschliche Leiterschaft sei unser geistlicher Schutz, unbiblisch ist.

– „Gib deine Rechte auf.“

Jesus rief seine Jünger dazu auf, „sich selbst zu verleugnen, ihr Kreuz auf sich zu nehmen, und ihm zu folgen“ (Mat.16,24 u.a). Vertreter des Autoritarismus haben das zum Vorwand genommen, um zu verlangen, ein Christ solle sich völlig „hingeben“ an die Ansprüche seiner religiösen Leiter: „Gib dein Recht auf, über dein Leben zu entscheiden; tue, was dein Leiter dir sagt. Gib dein Recht auf, über die Wahl deiner Freunde zu entscheiden, über deine Arbeit, deinen Wohnort, wen du heiratest, … gehorche den Weisungen deiner Leiter. Gib dein Recht auf, recht zu haben; widersprich deinen Leitern nicht.“ Und wenn jemand gegen die Ansprüche der Leiter protestiert, wird ihm gesagt, er sei nicht genügend „hingegeben“.
Es geht hier aber wiederum darum, dass Jesus einzig davon spricht, sich ihm selber, dem Herrn, hinzugeben; nicht anderen Menschen. Gott ist der einzige, der ein Eigentumsrecht auf unser Leben geltend machen kann, weil er uns geschaffen hat und er uns erlöst hat. Kein Mensch auf der Erde hat das für uns getan. Deshalb darf kein Mensch auf der Erde von einem anderen diese „Hingabe“ verlangen, die nur der Herr verdient. „Mit einem Preis seid ihr erkauft worden; macht euch nicht zu Sklaven von Menschen“ (1.Kor.7,23). Der Herr Jesus ist berechtigt, uns in allen Aspekten unseres Lebens zu führen. Aber das tut er persönlich, nicht mittels fehlbarer Leiter: „Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir“ (Joh.10,27). Und wir dürfen darauf vertrauen, dass er das mit Liebe und zu unserem Besten tut, nicht wie die „Mietlinge“.

– „Richtet nicht.“

Wenn ein missbraucherischer Leiter wegen seiner Taten konfrontiert wird, verteidigt er sich oft mit diesen Worten (Mat.7,1).
Aber dieselben Leiter, die sich mit diesem Zitat verteidigen, richten die ganze Zeit! Oder ist es etwa kein „Richten“, die Geschwister in „Gehorsame“ und „Rebellen“ einzuteilen, je nachdem, ob sie alle Forderungen der Leiter erfüllen oder nicht? Ist es etwa kein „Richten“, einen Bruder unter Zensur zu stellen und auszuschliessen, nur weil er etwas gesagt hat, was dem Leiter missfällt? oder gar, weil er eine Sünde des Leiters aufgedeckt hat?
„Richten“ schliesst ein, dass ein Schuldspruch gefällt und eine Strafe verhängt wird. Es ist daher unsinnig, jemanden des „Richtens“ zu bezichtigen, der gar nicht die Macht hat, irgendwelche effektiven Strafen zu verhängen. Einige Leiter sind solche Heuchler, dass sie ihre Geschwister anklagen, einen „Richtgeist“ oder einen „kritischen Geist“ zu haben, „rachsüchtig“ oder „bitter“ und „rebellisch“ zu sein, während jene Geschwister keinerlei Macht oder Einfluss haben, um irgendwie die Machtposition des Leiters zu beeinträchtigen in der autokratischen Pyramidenstruktur, die er errichtet hat. Und oft stellen diese Leiter zum vornherein sicher, dass es innerhalb dieser Struktur keine Instanz gibt, die sie tatsächlich „richten“ könnte oder von ihnen Rechenschaft fordern könnte. Und gleichzeitig verhängen diese Leiter ständig Urteile von „Gemeindezucht“, Zensur, Ausschluss, Verfluchungen, Kontaktverbote, usw, gegen Geschwister, die es wagen, das Verhalten der Leiter in Frage zu stellen. Damit wendet sich dieses Argument des „nicht Richtens“ gegen die Leiter selber.

Das Wort vom Splitter und vom Balken (Mat.7,1-5) bezieht sich auf einen kleinen Fehler im Leben meines Bruders, den ich zu korrigieren versuche, ohne dass dieser Fehler mich selber schädigen würde. (Der Splitter im Auge meines Bruders beeinträchtigt nur ihn selber; er tut niemand anderem weh.)
Autoritäre Lehren und Machtmissbrauch gehören zu einer ganz anderen Kategorie: Sie schädigen und verletzen eine grosse Zahl von Menschen. Deshalb handelt es sich um Sünden, die gemäss den biblischen Anweisungen konfrontiert werden müssen. Wo Sünde oder falsche Lehre herrscht, da soll sehr wohl „gerichtet“ werden (1.Kor.5,3-5; 6,5; 14,29). Das soll mit Gerechtigkeit und ohne Ansehen der Person geschehen, auf der Grundlage des Wortes Gottes. „Die Gemeinde“ soll das tun, d.h. die Gemeinschaft aller Nachfolger des Herrn.

– „Wenn du unsere Gruppe verlässt, bist du abgefallen und unter dem Gericht Gottes.“

Diese Lehre missbraucht das Konzept des „Abfalls vom Glauben“, um die Mitglieder an die autoritäre Gruppe gebunden zu halten, und um zu verhindern, dass sie Hilfe oder auch nur Kontakte ausserhalb der Gruppe suchen. Aber im Neuen Testament bedeutet „Abfall“, die Gemeinschaft mit dem Herrn Jesus zu verlassen, nicht die Gemeinschaft mit einer bestimmten Gruppe oder Organisation. Der Glaubensabfall ist eine Angelegenheit des persönlichen Glaubens und des Herzens, nicht der Zugehörigkeit zu dieser oder jener Gruppe. Ein Christ soll sogar eine Gruppe verlassen, wenn diese von falschen Lehren und Praktiken (z.B. Autoritarismus) beherrscht wird, aus Gewissensgründen und um seine eigene geistliche Gesundheit zu bewahren. „Hütet euch vor dem Sauerteig der Sadduzäer und Pharisäer“ (Mat.16,6). – „Geht hinaus aus ihrer Mitte, und trennt euch“ (2.Kor.6,17). – „Gehen wir also zu ihm hinaus, ausserhalb des Lagers, und tragen wir seine Schmach“ (Hebr.13,13).

– Mit einer religiösen Organisation oder deren Leitern einen „Bund“ schliessen und Verpflichtungen eingehen.

In letzter Zeit ist es in einigen Kreisen Mode geworden, dass Gemeindeglieder einen „Bund“ oder eine „Mitgliedschaftsverpflichtung“ unterschreiben müssen. Oft ist darin der Gehorsam den Leitern gegenüber enthalten, oder die regelmässige Teilnahme an gewissen Versammlungen, oder bestimmte finanzielle Verpflichtungen. Dafür gibt es keine biblische Grundlage. Die Schrift ruft uns auf, mit Gott einen Bund einzugehen, aber nicht mit Leitern auf dieser Erde. Es ist besser, keine Versprechen zu machen: „Besser, du gelobst gar nichts, als dass du gelobst und nicht hältst.“ (Pred.5,4 ZÜ). Keine der im Neuen Testament erwähnten Gemeinden unterwarf ihre Mitglieder irgendeiner „Mitgliedschaftsverpflichtung“.

In der Bibel gilt die Loyalität und Verpflichtung eines Christen immer dem Herrn, nicht einer irdischen Leiterschaft. Die Warnungen des Paulus in 1.Kor.1,12-13 und 3,3-4.21-23 richten sich nicht nur gegen die Bildung von „Parteien“ und Denominationen. Sie richten sich auch gegen die Praxis, einem Leiter eine Loyalität zu versprechen, die allein Christus gebührt. Ein Christ ist Eigentum Christi mit allem, was er ist und hat. Deshalb kann er sich nicht gleichzeitig einem irdischen Leiter hingeben mit einem „Gehorsamsbund“ o.ä. Solche Praktiken haben grosse Ähnlichkeit mit den Mönchsgelübden, wo auch unbedingter Gehorsam gelobt werden muss. In diesem Zusammenhang bekäme es uns gut, zu den Lehren der Reformation zurückzukehren und die Worte Luthers zu hören. Was er über das Papsttum sagt, müsste er heute auch vielen evangelikalen Kirchen sagen:

„Das soll klar sein: Weder der Papst, noch die Bischöfe, noch irgendein Mensch ist berechtigt, den Christen auch nur mit einer Silbe dem Gesetz zu unterwerfen, ohne dessen Einwilligung. Jede andere Art des Vorgehens ist Tyrannei. … Nun ist die Unterwerfung unter diese tyrannischen Gesetze und Einrichtungen dasselbe, wie sich unter die Knechtschaft von Menschen zu begeben.
… Den Christen können rechtmässigerweise weder Menschen noch Engel Gesetze auferlegen, ausser in dem Mass, wie die Christen selber es wünschen; wir sind vollständig befreit. … Deshalb richte ich meine Anklage gegen den Papst und gegen alle Papisten, und sage ihnen: Wenn sie nicht ihre Kirchengesetze und Traditionen widerrufen, wenn sie den Kirchen Christi nicht ihre Freiheit zurückgeben, wenn sie nicht veranlassen, dass diese Freiheit proklamiert wird, dann machen sie sich des Verderbens aller Seelen schuldig, die in dieser elenden Gefangenschaft zugrunde gehen, und das Papsttum wird nichts anderes sein als das Reich Babylons und des wahren Antichristen.“
Martin Luther, „Die babylonische Gefangenschaft der Kirche“, 1520 (rückübersetzt aus einer spanischen Ausgabe)

Eine blosse Formsache

17. November 2013

„In dem Masse, wie sich das Christentum (im Römischen Reich) verselbständigte, stiess es auf zwei grosse Schwierigkeiten: es war nicht als gesetzmässige Religion anerkannt, … und seine Gläubigen weigerten sich, an der Verehrung des Kaisers teilzunehmen, eine blosse Formsache von eher bürgerlichem als religiösem Charakter; aber (die Christen) betrachteten dies als Götzendienst. Ihre Weigerung, die verfasste Ordnung anzuerkennen … löste mehrere Verfolgungen aus, eher gegen die christlichen Leiter als gegen die gewöhnlichen Gläubigen, angesichts der grossen religiösen Toleranz, die in Rom herrschte …“
(Aus einem neueren Geschichtsbuch.)

Die Personen, Orte und Begebenheiten der nachfolgenden Geschichte sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit Ereignissen der jüngeren Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft können jedoch nicht ausgeschlossen werden.

Stolz kündigte Claudio seiner Gemeinde am Sonntag die Neuigkeit an:
„Die Regierung hat das Gesetz über religiöse Gleichberechtigung in Kraft gesetzt. Danke, dass ihr euch für dieses wichtige Anliegen eingesetzt und mitgebetet habt. Ab jetzt können wir als Religionsgemeinschaft staatlich anerkannt werden, mit denselben Vorrechten wie die Landeskirchen. Jetzt wird uns niemand mehr ‚Sekte‘ nennen dürfen, und wir erhalten dieselben steuerlichen Vorteile und Subventionen wie die Landeskirchen.“
– Was er ihnen nicht sagte: Dieses neue Gesetz verschaffte auch ihm selber verschiedene Vorrechte. Er würde auch persönlich steuerliche Vorteile erhalten, und würde in den öffentlichen Verkehrsmitteln zu einem ermässigten Tarif fahren dürfen – ein wichtiger Punkt für jemanden, der so oft unterwegs war wie er.

Claudio bemühte sich daher, die Papiere für die Registrierung seiner Gemeinde so bald wie möglich in Ordnung zu bringen. Pünktlich fand er sich im Büro des Regionalintendenten für Religionssachen ein und legte die verlangten Dokumente vor, unter denen sich ein genauer Plan seiner Kirche befand, sowie eine Liste der Namen und Adressen aller Mitglieder, und verschiedene andere. Nach Bezahlung der Registrationsgebühr reichte ihm der Regionalintendent ein Formular:
„Dies ist Ihre Loyalitätserklärung dem Staat gegenüber. Eine blosse Formsache. Unterschreiben Sie hier auf der gestrichelten Linie.“
Claudio unterschrieb, nachdem er einige der kleingedruckten Artikel überflogen hatte. Später erinnerte er sich nur noch an zwei davon, die lauteten:
– „Der Religionsdiener verpflichtet sich zu voller Loyalität dem Staat gegenüber, und zur harmonischen Zusammenarbeit mit den Beamten des Religionsministeriums bei der Wahrnehmung ihrer Verantwortungen.“
– „Der Religionsdiener verzichtet darauf, in die Funktionen staatlicher Stellen einzugreifen, und Stellungnahmen zu umstrittenen Themen der Staatspolitik abzugeben.“
Er dachte nicht weiter darüber nach. Es war ja eine blosse Formsache.
Der Sekretär sagte zu ihm: „Herzlichen Glückwunsch. Sie sind jetzt eine staatlich anerkannte Religionsgemeinschaft. Nächste Woche können Sie Ihre Registrierungsurkunde abholen.“ Und er erinnerte ihn: „Vergessen Sie nicht, uns jährlich Ihre aktuelle Mitgliederliste zu bringen.“

So erfreuten sich Claudio und seine Gemeinde ihrer neuen Vorrechte. Am Jahresende erschien Claudio wieder auf dem Regionalamt für Religionssachen mit der aktualisierten Mitgliederliste. Der Sekretär überflog die Liste und fragte dann:
„Sagen Sie, welche dieser Leute sind die aktivsten? Die eifrigsten Beter? Welche haben das Zeug zum Evangelisieren?“
Claudio konnte nicht sogleich antworten. Einmal, weil er überrascht war darüber, dass dieser Staatsfunktionär ein solches Interesse am geistlichen Wohlergehen seiner Gemeinde zeigte. Und zweitens, weil das nicht gerade die Punkte waren, auf die er selber das Jahr über besonders geachtet hätte. Nach einigem Nachdenken wies er auf drei Namen auf der Liste: Gottfried E, Theophilus D. und Peter J.

Einige Monate später kam Theo D. besorgt und ratsuchend auf Claudio zu:
„Vor einigen Tagen erhielt ich Besuch von der Polizei. Irgendwoher hatten sie gehört, dass ich ab und zu einige Arbeitskollegen nach Hause einlade, um die Bibel zu lesen und zu beten. Der Beamte sagte mir, ich dürfe keine solchen ‚wilden‘ religiösen Versammlungen abhalten, da ich kein zugelassener Religionsdiener bin. Sag mir, was hat die Polizei damit zu tun? Und was könnte ich denn sonst tun, um meine Kollegen mit dem Evangelium zu erreichen?“
Claudio dachte eine Weile nach. Dann antwortete er mit dem besten Rat, der ihm einfiel: „Du weisst, dass wir der Obrigkeit untertan sein müssen, wie Paulus in Römer 13 sagt. Du hättest sowieso diese Versammlungen eingehender mit mir absprechen sollen. Ich empfehle dir, damit aufzuhören, und deine Kollegen stattdessen zu unserem Sonntagsgottesdienst zu bringen.“
„Aber sie fühlen sich nicht wohl in einer Kirche. Könntest du nicht zu mir nach Hause kommen, einmal in der Woche, und die Versammlungen leiten?“
„Es tut mir leid, aber meine Agenda ist schon übervoll. Überhaupt, wenn sie sich in einer Kirche nicht wohl fühlen, dann muss ich annehmen, dass es mit ihrem Interesse am Evangelium nicht weit her ist.“
„Aber Claudio, wenn du sie nur kennenlernen könntest … sie haben einen solchen Hunger nach dem Wort Gottes!“
Aber Claudio kannte seine bürgerlichen Pflichten. Und er kannte auch seine Agenda. Er konnte keine Unregelmässigkeiten zulassen.

Einige Zeit später begegnete Claudio seinem Amtskollegen Simon. Dieser sagte zu ihm: „Hast du schon gehört, dass die Kirchensteuer abgeschafft werden soll?“
„Wie gut! Endlich wird Schluss gemacht mit den ungerechten Vorrechten der Landeskirchen.“
„Ja, das ist wahr. Aber erinnerst du dich, dass wir unter dem Gesetz über religiöse Gleichberechtigung bereits dieselben Vorrechte haben wie die Landeskirchen?“
„Ach ja, das hatte ich vergessen. Aber jetzt werden die Landeskirchen ja sowieso keine Vorrechte mehr haben.“
„Das ist genau das Problem, das ich sehe.“
„Wie? Willst du sagen, dass …?“ – Claudio schwieg beim Gedanken daran, was dies möglicherweise für seine eigene Gemeinde bedeuten könnte.

An einem sonnigen Maitag erschien in allen grossen Tageszeitungen die folgende Nachricht:

„MUTIGE REGIERUNGSMASSNAHME GEGEN RELIGIÖSE PARALLELGESELLSCHAFTEN
Endlich hat es der Staat unternommen, in den chaotischen Zuständen der religiösen Organisationen Ordnung zu schaffen, in Übereinstimmung mit der Internationalen Konvention über Religionsfreiheit. Gemäss dem Regierungsdekret vom Montag werden alle Religionsdiener in die Kategorie von Staatsbeamten erhoben, und alle Liegenschaften der religiösen Organisationen werden in Staatseigentum übergehen. Das Religionsministerium wird Massnahmen ergreifen, damit sich keine religiöse Organisation der staatlichen Aufsicht und Ordnung entzieht in der möglichen Absicht, eine religiöse Parallelgesellschaft zu errichten.“

„Recht so“, dachte Claudio, „das wird jetzt zumindest den Machenschaften dieser Rebellen von der Freien Gemeinde ein Ende setzen.“ – Schon seit einiger Zeit verspürte Claudio eine gewisse Eifersucht gegen jene nichtregistrierte Gemeinde, die sich nur zweihundert Meter von seiner Kirche entfernt zu versammeln pflegte. Sie hatten vor wenigen Jahren als informelle Treffen in einem Privathaus begonnen; aber nach der Lautstärke zu schliessen und nach der Anzahl der Menschen, die ein und aus gingen, mussten sie bereits doppelt so viele Mitglieder haben wie Claudios Gemeinde. Und sie schienen nicht im Geringsten an den Vorrechten interessiert zu sein, die der Staat ihnen anbot gegen eine blosse Formsache.

Tatsächlich war zwei Wochen später während des Sonntagsgottesdienstes ein Aufruhr auf der Strasse zu hören, und sogar einige Schüsse fielen. Später erfuhren sie, dass die Polizei die Versammlung der Freien Gemeinde zerstreut und das Haus verschlossen hatte. Noch war nichts über den Verbleib ihrer Leiter bekannt. Claudio fühlte sich befriedigt, wenn auch ein wenig beunruhigt wegen der Schüsse. Aber er dachte: „Warum haben sie aber auch der Polizei Widerstand entgegengesetzt? Sie sollten doch wissen, dass sich ein Christ der staatlichen Autorität unterordnet.“

El selber erhielt jetzt ein festes Gehalt vom Staat. Freilich durfte er jetzt als Staatsangestellter keine Spenden oder persönlichen Geschenke von Gemeindegliedern mehr annehmen. Aber was machte das aus, wo doch der Staat seine finanzielle Situation sicherstellte?

Einige Zeit später stand Theos Frau weinend bei Claudio vor der Tür: „Mein Mann ist verschwunden. Vorgestern ging er zur Arbeit wie immer, und seither ist er nicht zurückgekommen, und niemand hat ihn gesehen.“
„Haben Sie die Polizei verständigt?“
„Ja, aber bis jetzt haben sie nichts herausgefunden. Lediglich ein Beamter hat angedeutet, Theo könnte eventuell in illegale Aktivitäten verwickelt sein. Ich kann mir bei ihm nichts Derartiges vorstellen, aber es beunruhigt mich …“
Die Tage vergingen ohne irgendwelche Nachricht von Theo. Das einzige, was Claudio herausfinden konnte, war, dass Theo seinen früheren Rat nicht befolgt hatte. Er hatte weiterhin Arbeitskollegen nach Hause eingeladen, und diese Zusammenkünfte hatten sogar noch an Teilnehmern und Häufigkeit zugenommen.

Eines schönen Sonntags hatte Claudio die folgende Ankündigung zu machen: „Nach dem neusten Regierungsdekret haben alle religiösen Veranstaltungen mit dem obligatorischen Gruss an den Staatspräsidenten zu beginnen und zu enden. Das ist eine rein bürgerliche Formsache, an der wir alle als gute Staatsbürger teilnehmen werden.“
Damit kniete Claudio vor der Fahne nieder, die den Versammlungssaal zierte, erhob seine Hände und rief aus: „Ehre unserem Präsidenten!“ – Die ganze Gemeinde kniete mit ihm nieder und wiederholte den Ruf: „Ehre unserem Präsidenten!“
– Um genau zu sein, nicht die ganze Gemeinde. Aus den Augenwinkeln konnte Claudio sehen, dass auf der rechten Seite etwa fünf Personen schweigend stehenblieben, unter ihnen Gottfried E. und Peter J. Natürlich würde er über sie Bericht erstatten müssen. Eine blosse Formsache.

Von da an begannen und endeten alle Sonntagsgottesdienste mit dieser Bürgerpflicht. Nur mit der unbedeutenden Änderung, dass nach einiger Zeit die Fahne durch ein Porträt des Präsidenten ersetzt wurde. Die wenigen Leute, die anfangs während dieses Aktes stehengeblieben waren, kamen nicht mehr zum Gottesdienst, und niemand fragte nach ihnen.

Eines Sonntags wurde Claudio beim Verlassen der Kirche von zwei Polizisten erwartet. „Könnten Sie bitte mit uns kommen? Wir haben einige Fragen an Sie.“ – „Natürlich, selbstverständlich.“ – Und Claudio folgte ihnen zum Polizeiposten, wo einer der Beamten sagte:
„Wir haben gehört, dass Sie weiterhin Minderjährigen religiösen Unterricht erteilen. Auch in ihrem Sonntagsgottesdienst haben wir die Anwesenheit Minderjähriger beobachtet. Was sagen Sie uns dazu?“
„Das machen wir immer so, die Kirche ist offen für alle, warum?“
„Ist das alles, was Sie dazu zu sagen haben?“
„Gut, und – und dass Jesus gesagt hat: ‚Lasst die Kinder zu mir kommen.‘ “
„Das hat nichts mit der Sache zu tun, es geht hier um die Gesetze unseres Staates. Sicher kennen Sie das Reglement für Religionsbeamte“, und der Polizist deutete auf ein umfangreiches Buch auf seinem Schreibtisch.
„Ich habe es gelesen, aber ich besitze es selber nicht“, sagte Claudio.
„Dann rate ich Ihnen, sich schleunigst ein Exemplar zu beschaffen und sich mit dem Inhalt vertraut zu machen. Minderjährige zu indoktrinieren ist ein unentschuldbarer Eingriff in den Zuständigkeitsbereich des Bildungsministeriums. Das ist ein schwerwiegendes Fehlverhalten für einen Religionsbeamten und kann mit bis zu fünfzehn Jahren Gefängnis oder Zwangsarbeit geahndet werden.“
– Der zweite Beamte ergriff das Wort, als er Claudios erschrockenes Gesicht sah: „Da Sie, Herr Claudio, bisher einen unbefleckten Leumund haben und dies Ihre erste Zuwiderhandlung ist, können Sie noch mit einer Geldbusse davonkommen. Aber ich warne Sie: Sollten Sie wiederum straffällig werden, dann werden Sie unweigerlich vor Gericht kommen. Und Sie werden sicher verstehen, dass wir als Gegenleistung für unser jetziges Entgegenkommen eine verstärkte Zusammenarbeit Ihrerseits erwarten. Erstatten Sie uns regelmässig Bericht über die privaten Tätigkeiten und die politischen Ansichten Ihrer Gemeindeglieder. Eine blosse Formsache.“

Claudio war erleichtert, dass sich die Justiz ihm gegenüber noch einmal gnädig erwiesen hatte, und versprach, zuverlässig Bericht zu erstatten. Dann ging er seine Busse bezahlen und kaufte sein Reglement.
In der folgenden Zeit verursachte ihm ab und zu das rätselhafte Verschwinden des einen oder anderen Gemeindeglieds äusserste Besorgnis; insbesondere wenn er feststellte, dass es sich um eine Person handelte, über die er der Polizei Informationen gegeben hatte. Aber er beruhigte sich jeweils sofort mit dem tröstlichen Gedanken, dass er treu seine Pflicht als Bürger und Christ erfüllte.