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Steht fest in der Freiheit, für die uns Christus frei gemacht hat! – Teil 6

23. März 2019

Galater 5,1

Eine Untersuchung autoritärer Lehren und Praktiken in evangelikalen Kirchen und Organisationen

Untersuchung einiger spezifischer Lehren des Autoritarismus

– „Gehorcht euren Pastoren.“

Hebr.13,17 wird oft zur Begründung autoritärer Lehren herangezogen: „Gehorcht euren Vorstehern und füget euch [ihnen], denn sie wachen über euren Seelen als solche, die Rechenschaft ablegen werden …“ (ZÜ). – Diesen Text müssen wir im Original näher betrachten. Das Wort für Vorsteher ist hägoúmenoi (wörtlich „Führer, Leiter“) – dasselbe Wort, das Jesus in Luk.22,26 benützt, um zu lehren, dass der „Leiter“ ein Dienender sein soll, nicht jemand, der Gehorsam einfordert. In Hebr.13,7 heisst es ausserdem von den hägoúmenoi: „Seht auf das Ergebnis ihres Betragens, und ahmt ihren Glauben nach.“ Es handelt sich also um Menschen, deren Beispiel der Nachahmung würdig ist. Niemand kann eine solche Autorität beanspruchen, nur weil er eine Leitungsstellung einnimmt in einer Organisation, die sich „Kirche“ nennt. Zumindest muss sein Autoritätsanspruch abgedeckt sein durch das Zeugnis eines gottgefälligen Lebens.
„Gehorchen“ heisst auf griechisch hypakoúo. Aber in Hebr.13,17 steht nicht dieses Wort, sondern peíthomai, was bedeutet „sich überzeugen lassen“. Es steht hier auch nichts von „sich unterordnen“ (hypotássomai); stattdessen steht hypeiko, was bedeutet „Raum geben“, „nachgeben“, oder „sich anpassen“ – nicht unter Zwang, weil man eine untergeordnete Stellung innehätte, sondern als freiwillige Entscheidung. Die hier verwendeten Ausdrücke sind also viel weniger stark, als der Autoritarismus vorgibt. Es geht nicht um „Unterordung“ bloss weil jemand „Autorität“ ist. Es geht darum, „sich überzeugen zu lassen“ von jemandem, der uns tatsächlich überzeugt, mit dem Beispiel seines Lebens und seiner geistlichen Reife.

Einige Leiter wollen aus unserem Vers zusätzlich die Lehre ableiten, dass Christen vor ihren Leitern Rechenschaft ablegen müssten über alles, was sie tun. Aber die Grammatik des Verses ist eindeutig: Die „Rechenschaft ablegen werden“, sind die Leiter, nicht „eure Seelen“. Es sind die Leiter, die vor Gott Rechenschaft ablegen müssen über die Art und Weise, wie sie ihre Leiterschaft ausgeübt haben.

Die Priester in Jerusalem (also die religiösen Leiter) wollten den Aposteln verbieten, den Namen Jesu zu verkünden. Die Apostel antworteten: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ (Apg.5,29). Die Priester waren im Irrtum, ihr Befehl war entgegen dem Willen Gottes; somit musste man ihnen nicht gehorchen. Dieses Prinzip widerlegt klar die Lehre, man müsse dem Leiter gehorchen, auch wenn er im Irrtum ist.

– „Die Leiter der Kirche sind Obrigkeiten.“

Einige benützen Römer 13,1: „Jedermann unterordne sich den herrschenden Obrigkeiten“, und wenden dies auf die kirchlichen Leiter an. Aber diese Stelle spricht einzig von der Staatsregierung! Das ist aus dem Zusammenhang klar ersichtlich. Der Abschnitt spricht von den „Regierenden“ árchontes, (13,3), die böse Taten bestrafen, sogar mit dem Schwert (v.4), und die Steuern erheben (v.6). Nichts davon trifft auf Gemeindeleiter zu; und die Leiter der Gemeinde heissen nirgends „árchontes“. Sie werden auch nicht „Obrigkeiten“ (exousíai, (13,1) genannt.
Dasselbe gilt für die Parallelstelle 1.Petrus 2,13-14.

– „Die Rebellion ist eine der schlimmsten Sünden.“

Als Beispiel wird oft Saul zitiert, zu dem Samuel sagte: „Gehorsam ist besser als Opfer, Aufmerken besser als Fett von Widdern. Denn Ungehorsam ist gerade so Sünde wie Wahrsagerei, und Widerspenstigkeit ist gerade so Frevel wie Abgötterei.“ (1.Sam15,22-23 ZÜ). – Das Problem mit dieser Auslegung besteht darin, dass der Text vom Ungehorsam Gott gegenüber spricht, nicht gegen einen Menschen. Es heisst weiter: „Weil du das Wort des Herrn verworfen hast, hat er dich verworfen als König.“ Das ist das Thema aller Bibelstellen, welche „Rebellion“ oder „Ungehorsam“ verurteilen: Es geht immer um die Rebellion gegen Gott, nicht gegen die Leiterschaft von Menschen.
Natürlich wollen die autoritären Leiter uns glauben machen, ihre Befehle seien identisch mit den Geboten Gottes. Aber diese Identität besteht nur da, wo das geschriebene Wort Gottes dasselbe sagt. Deshalb ruft uns die Schrift dazu auf, alles zu prüfen, was ein Leiter sagt, und das zu verwerfen, was nicht schriftgemäss ist.

– „Du hast nur dann den Schutz Gottes, wenn du unter einer ‚Abdeckung‘ stehst [einer hierarchischen menschlichen Leiterschaft]“.

Als Begründung wird oft Mat.8,9 zitiert, wo der Hauptmann von Kapernaum sagt: „Denn auch ich bin ein Mensch unter Autorität, und habe Soldaten unter meinem Befehl; und ich sage zu diesem: ‚Geh!‘, und er geht; und zum andern: ‚Komm!‘, und er kommt; und zu meinem Diener: ‚Tue dies!‘, und er tut es.“ So begründet der Hauptmann seine Überzeugung, dass Jesus Macht hat über die Krankheiten, und dass sein Diener allein durch das Wort Jesu geheilt werden würde. Deshalb – so der Autoritarismus – solle sich jeder Christ einer „Befehlshierarchie“ unterstellen, so wie der Hauptmann der militärischen Hierarchie unterstellt ist.
Diese Auslegung schiebt dem Text eine Anwendung unter, die nicht vorhanden ist. Der Hauptmann spricht von der Befehlsstruktur der römischen Armee, und von der Macht Jesu über Krankheiten (nicht über Menschen). Er sieht eine Analogie zwischen diesen beiden Arten von Autorität, weil die Armee die einzige Autoritätsstruktur ist, die er aus Erfahrung kennt. Soweit ist der Vergleich legitim, und Jesus lobt den Hauptmann für seinen Glauben. Aber beachten wir: für seinen Glauben daran, wer Jesus ist; nicht für seinen Glauben an eine
Befehlshierarchie.

Wenn wir darauf eine Lehre über die Leitungsstruktur der christlichen Gemeinde aufbauen wollen, dann gehen wir in die Irre. Die Gemeinde ist hier in keiner Weise im Blickfeld! Der Text gibt uns keine Grundlage zu behaupten, die Gemeinde müsse in derselben Weise organisiert sein wie die römische Armee, oder römische Hauptleute müssten uns belehren über die Struktur der christlichen Gemeinde. Wenn wir wissen wollen, was Jesus oder die Apostel zu diesem Thema sagen, dann müssen wir jene Aussagen in Betracht ziehen, die tatsächlich von der Gemeinde sprechen! Und wir haben in Teil 2 [LINK] gesehen, dass die Lehre Jesu und der Apostel in keiner Weise für eine „militärische“ Gemeindestruktur spricht. Wir haben dort auch gesehen, dass die Idee, menschliche Leiterschaft sei unser geistlicher Schutz, unbiblisch ist.

– „Gib deine Rechte auf.“

Jesus rief seine Jünger dazu auf, „sich selbst zu verleugnen, ihr Kreuz auf sich zu nehmen, und ihm zu folgen“ (Mat.16,24 u.a). Vertreter des Autoritarismus haben das zum Vorwand genommen, um zu verlangen, ein Christ solle sich völlig „hingeben“ an die Ansprüche seiner religiösen Leiter: „Gib dein Recht auf, über dein Leben zu entscheiden; tue, was dein Leiter dir sagt. Gib dein Recht auf, über die Wahl deiner Freunde zu entscheiden, über deine Arbeit, deinen Wohnort, wen du heiratest, … gehorche den Weisungen deiner Leiter. Gib dein Recht auf, recht zu haben; widersprich deinen Leitern nicht.“ Und wenn jemand gegen die Ansprüche der Leiter protestiert, wird ihm gesagt, er sei nicht genügend „hingegeben“.
Es geht hier aber wiederum darum, dass Jesus einzig davon spricht, sich ihm selber, dem Herrn, hinzugeben; nicht anderen Menschen. Gott ist der einzige, der ein Eigentumsrecht auf unser Leben geltend machen kann, weil er uns geschaffen hat und er uns erlöst hat. Kein Mensch auf der Erde hat das für uns getan. Deshalb darf kein Mensch auf der Erde von einem anderen diese „Hingabe“ verlangen, die nur der Herr verdient. „Mit einem Preis seid ihr erkauft worden; macht euch nicht zu Sklaven von Menschen“ (1.Kor.7,23). Der Herr Jesus ist berechtigt, uns in allen Aspekten unseres Lebens zu führen. Aber das tut er persönlich, nicht mittels fehlbarer Leiter: „Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir“ (Joh.10,27). Und wir dürfen darauf vertrauen, dass er das mit Liebe und zu unserem Besten tut, nicht wie die „Mietlinge“.

– „Richtet nicht.“

Wenn ein missbraucherischer Leiter wegen seiner Taten konfrontiert wird, verteidigt er sich oft mit diesen Worten (Mat.7,1).
Aber dieselben Leiter, die sich mit diesem Zitat verteidigen, richten die ganze Zeit! Oder ist es etwa kein „Richten“, die Geschwister in „Gehorsame“ und „Rebellen“ einzuteilen, je nachdem, ob sie alle Forderungen der Leiter erfüllen oder nicht? Ist es etwa kein „Richten“, einen Bruder unter Zensur zu stellen und auszuschliessen, nur weil er etwas gesagt hat, was dem Leiter missfällt? oder gar, weil er eine Sünde des Leiters aufgedeckt hat?
„Richten“ schliesst ein, dass ein Schuldspruch gefällt und eine Strafe verhängt wird. Es ist daher unsinnig, jemanden des „Richtens“ zu bezichtigen, der gar nicht die Macht hat, irgendwelche effektiven Strafen zu verhängen. Einige Leiter sind solche Heuchler, dass sie ihre Geschwister anklagen, einen „Richtgeist“ oder einen „kritischen Geist“ zu haben, „rachsüchtig“ oder „bitter“ und „rebellisch“ zu sein, während jene Geschwister keinerlei Macht oder Einfluss haben, um irgendwie die Machtposition des Leiters zu beeinträchtigen in der autokratischen Pyramidenstruktur, die er errichtet hat. Und oft stellen diese Leiter zum vornherein sicher, dass es innerhalb dieser Struktur keine Instanz gibt, die sie tatsächlich „richten“ könnte oder von ihnen Rechenschaft fordern könnte. Und gleichzeitig verhängen diese Leiter ständig Urteile von „Gemeindezucht“, Zensur, Ausschluss, Verfluchungen, Kontaktverbote, usw, gegen Geschwister, die es wagen, das Verhalten der Leiter in Frage zu stellen. Damit wendet sich dieses Argument des „nicht Richtens“ gegen die Leiter selber.

Das Wort vom Splitter und vom Balken (Mat.7,1-5) bezieht sich auf einen kleinen Fehler im Leben meines Bruders, den ich zu korrigieren versuche, ohne dass dieser Fehler mich selber schädigen würde. (Der Splitter im Auge meines Bruders beeinträchtigt nur ihn selber; er tut niemand anderem weh.)
Autoritäre Lehren und Machtmissbrauch gehören zu einer ganz anderen Kategorie: Sie schädigen und verletzen eine grosse Zahl von Menschen. Deshalb handelt es sich um Sünden, die gemäss den biblischen Anweisungen konfrontiert werden müssen. Wo Sünde oder falsche Lehre herrscht, da soll sehr wohl „gerichtet“ werden (1.Kor.5,3-5; 6,5; 14,29). Das soll mit Gerechtigkeit und ohne Ansehen der Person geschehen, auf der Grundlage des Wortes Gottes. „Die Gemeinde“ soll das tun, d.h. die Gemeinschaft aller Nachfolger des Herrn.

– „Wenn du unsere Gruppe verlässt, bist du abgefallen und unter dem Gericht Gottes.“

Diese Lehre missbraucht das Konzept des „Abfalls vom Glauben“, um die Mitglieder an die autoritäre Gruppe gebunden zu halten, und um zu verhindern, dass sie Hilfe oder auch nur Kontakte ausserhalb der Gruppe suchen. Aber im Neuen Testament bedeutet „Abfall“, die Gemeinschaft mit dem Herrn Jesus zu verlassen, nicht die Gemeinschaft mit einer bestimmten Gruppe oder Organisation. Der Glaubensabfall ist eine Angelegenheit des persönlichen Glaubens und des Herzens, nicht der Zugehörigkeit zu dieser oder jener Gruppe. Ein Christ soll sogar eine Gruppe verlassen, wenn diese von falschen Lehren und Praktiken (z.B. Autoritarismus) beherrscht wird, aus Gewissensgründen und um seine eigene geistliche Gesundheit zu bewahren. „Hütet euch vor dem Sauerteig der Sadduzäer und Pharisäer“ (Mat.16,6). – „Geht hinaus aus ihrer Mitte, und trennt euch“ (2.Kor.6,17). – „Gehen wir also zu ihm hinaus, ausserhalb des Lagers, und tragen wir seine Schmach“ (Hebr.13,13).

– Mit einer religiösen Organisation oder deren Leitern einen „Bund“ schliessen und Verpflichtungen eingehen.

In letzter Zeit ist es in einigen Kreisen Mode geworden, dass Gemeindeglieder einen „Bund“ oder eine „Mitgliedschaftsverpflichtung“ unterschreiben müssen. Oft ist darin der Gehorsam den Leitern gegenüber enthalten, oder die regelmässige Teilnahme an gewissen Versammlungen, oder bestimmte finanzielle Verpflichtungen. Dafür gibt es keine biblische Grundlage. Die Schrift ruft uns auf, mit Gott einen Bund einzugehen, aber nicht mit Leitern auf dieser Erde. Es ist besser, keine Versprechen zu machen: „Besser, du gelobst gar nichts, als dass du gelobst und nicht hältst.“ (Pred.5,4 ZÜ). Keine der im Neuen Testament erwähnten Gemeinden unterwarf ihre Mitglieder irgendeiner „Mitgliedschaftsverpflichtung“.

In der Bibel gilt die Loyalität und Verpflichtung eines Christen immer dem Herrn, nicht einer irdischen Leiterschaft. Die Warnungen des Paulus in 1.Kor.1,12-13 und 3,3-4.21-23 richten sich nicht nur gegen die Bildung von „Parteien“ und Denominationen. Sie richten sich auch gegen die Praxis, einem Leiter eine Loyalität zu versprechen, die allein Christus gebührt. Ein Christ ist Eigentum Christi mit allem, was er ist und hat. Deshalb kann er sich nicht gleichzeitig einem irdischen Leiter hingeben mit einem „Gehorsamsbund“ o.ä. Solche Praktiken haben grosse Ähnlichkeit mit den Mönchsgelübden, wo auch unbedingter Gehorsam gelobt werden muss. In diesem Zusammenhang bekäme es uns gut, zu den Lehren der Reformation zurückzukehren und die Worte Luthers zu hören. Was er über das Papsttum sagt, müsste er heute auch vielen evangelikalen Kirchen sagen:

„Das soll klar sein: Weder der Papst, noch die Bischöfe, noch irgendein Mensch ist berechtigt, den Christen auch nur mit einer Silbe dem Gesetz zu unterwerfen, ohne dessen Einwilligung. Jede andere Art des Vorgehens ist Tyrannei. … Nun ist die Unterwerfung unter diese tyrannischen Gesetze und Einrichtungen dasselbe, wie sich unter die Knechtschaft von Menschen zu begeben.
… Den Christen können rechtmässigerweise weder Menschen noch Engel Gesetze auferlegen, ausser in dem Mass, wie die Christen selber es wünschen; wir sind vollständig befreit. … Deshalb richte ich meine Anklage gegen den Papst und gegen alle Papisten, und sage ihnen: Wenn sie nicht ihre Kirchengesetze und Traditionen widerrufen, wenn sie den Kirchen Christi nicht ihre Freiheit zurückgeben, wenn sie nicht veranlassen, dass diese Freiheit proklamiert wird, dann machen sie sich des Verderbens aller Seelen schuldig, die in dieser elenden Gefangenschaft zugrunde gehen, und das Papsttum wird nichts anderes sein als das Reich Babylons und des wahren Antichristen.“
Martin Luther, „Die babylonische Gefangenschaft der Kirche“, 1520 (rückübersetzt aus einer spanischen Ausgabe)