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Möchtest du WIRKLICH Erweckung?

23. April 2016

Anm: Dies ist die Fortsetzung des Artikels: „Was ist Erweckung?“ – Es empfiehlt sich, jenen ersten Teil zuerst zu lesen.


In einem ersten Artikel (s.o.) haben wir gesehen, worin das Wesen einer echten Erweckung liegt. Nicht Massenbekehrungen, nicht gefühlsmässige Erlebnisse, nicht gesellschaftliche Veränderungen. Alle diese Dinge können Sekundärfolgen einer Erweckung sein und sind es oft auch. Aber der Kern einer Erweckung liegt darin, dass Christen (oder jene, die sich so nennen) von ihrer Sünde umkehren, reinen Tisch machen mit Gott, und anfangen wirklich für den Herrn zu leben. Und dass so erweckte christliche Gemeinschaften wieder zu dem zurückkehren, was „von Anfang an war“; d.h. sie lassen kirchliche Traditionen hinter sich und fangen wieder an, Gemeinde so zu leben, wie es im Neuen Testament beschrieben ist.

In diesem Artikel möchte ich mich nun auf einige „negative“ Aspekte von Erweckung konzentrieren. Ich habe bei manchen Gelegenheiten davon gesprochen und geschrieben, wie wünschenswert eine Erweckung wäre. Aber es gibt einige Aspekte von Erweckung, die manchen Christen weniger wünschenswert erscheinen. Wenn du also sagst, du möchtest Erweckung, dann ziehe auch diese Seite in Betracht und denke nochmals darüber nach. Sonst könntest du später, wenn Gott wirklich Erweckung sendet, enttäuscht sein und sagen: „Ich hätte das nicht so erwartet … warum hat es mir niemand zuvor gesagt?“

Eine Erweckung bringt Unordnung.

Wenn Gott Erweckung sendet, können die kirchlichen Versammlungen nicht wie gehabt weitergehen. Es werden ungewöhnliche Dinge geschehen, und das kann zu einer gewissen Unordnung führen.
In vielen historischen Erweckungen wurden die Leute derart vom Bewusstsein ihrer Sünde überwältigt, dass sie laut zu schreien und zu weinen anfingen, oder kraftlos zu Boden fielen. Sie blieben in diesem Zustand, bis sie ihre Sünde vollständig bereut hatten und zu dem Glauben und der Sicherheit kamen, dass der Herr ihnen vergeben hatte. Manchmal konnte der Prediger nicht weitersprechen wegen des lauten Weinens und Klagens der Zuhörer.

In seiner berühmten Predigt „Sünder in der Hand eines zornigen Gottes“ (1741) beschrieb Jonathan Edwards bildhaft den Hass und Abscheu, den Gott gegen die Sünde empfindet, und die Abgründe der Hölle, die den Sünder erwarten. Während er diese Predigt hielt, fiel eine solche Furcht auf die Zuhörer, dass sie sich an den Kirchenbänken und Säulen festhielten, um nicht in den Feuersee zu fallen, den sie unter ihren Füssen sich öffnen spürten.

Charles Finney schrieb über eine Versammlung, wo er predigte:
„Ich hatte während etwa fünfzehn Minuten in dieser Art der direkten Anwendung zu ihnen gesprochen, als plötzlich ein schrecklicher Ernst über sie kam. Die Versammlung begann in allen Richtungen von ihren Sitzen zu fallen und um Barmherzigkeit zu flehen. Hätte ich in jeder Hand ein Schwert gehabt, ich hätte sie nicht so schnell von ihren Sitzen hauen können, wie sie fielen. Weniger als zwei Minuten nach diesem ersten Schock lag fast die ganze Versammlung auf ihren Knieen oder auf ihrem Angesicht. Alle, die noch sprechen konnten, begannen für sich selbst zu beten.
Natürlich musste ich aufhören zu predigen, denn sie schenkten mir keine Aufmerksamkeit mehr. Ich sah den alten Mann, der mich eingeladen hatte, inmitten des Saales sitzen. Er sah äusserst erstaunt um sich. Ich erhob meine Stimme fast zu einem Schreien, um mich hörbar zu machen, zeigte auf ihn und sagte: ‚Können Sie nicht beten?‘ – Er fiel auf seine Kniee und schüttete mit lauter Stimme sein Herz vor Gott aus. Aber die Leute achteten nicht auf ihn. Da sagte ich, so laut ich konnte: ‚Ihr seid noch nicht in der Hölle. Lassen Sie mich jetzt Sie zu Christus führen.‘ … Mein Herz war so voll Freude angesichts dieser Szene, dass ich kaum an mich halten konnte. Nur mit grösster Mühe hielt ich mich davor zurück, zu Gottes Ehre laut zu schreien.“

Andrew Strom schreibt über die Anfänge der Heilsarmee:
„Im Jahre 1884 wurden in England insgesamt sechshundert Heilsarmisten von der Regierung ins Gefängnis gesperrt, weil sie Aufruhr in den Strassen verursacht hatten. Die Heilsarmee erklärte immer, sie hätten das Recht, unter freiem Himmel ihre Märsche und Versammlungen abzuhalten; und es sei eine Einschränkung der Religionsfreiheit, ihnen dieses Recht zu verweigern. … Tatsächlich weigerten sie sich prinzipiell, auch nur die kleinste Busse zu bezahlen, und so war das Gefängnis unausweichlich. Aber sie veranstalteten jedesmal einen riesigen und sehr lärmigen Marsch, um die verhafteten Heilssoldaten ins Gefängnis zu begleiten; und einen weiteren Marsch, um sie zu begleiten, wenn sie aus dem Gefängnis entlassen wurden.
… Ein verzweifelter Richter ermahnte ein anderes Kontingent verhafteter Heilssoldaten, ‚etwas mehr in ihren Bibeln zu lesen und zu meditieren, weniger zu sprechen, und weniger auf den Lärm von Trommeln und Blechinstrumenten zu vertrauen. Trommeln und Trompeten mögen eine angemessene Begleitung sein für einen Zirkus, aber sie sind fehl am Platz an einem Sonntag in einem ruhigen Städtchen wie Milton.‘ – Solche Ermahnungen hatten keinerlei Wirkung.“

Ein Zeuge der Erweckung von 1970 auf Timor (Indonesien) berichtete, dass eines Tages der Gottesdienst von den Sirenen sich nähernder Feuerwehrwagen unterbrochen wurde. Es brannte aber nirgends. Was war geschehen? – Einige Nachbarn hatten Feuerflammen über dem Kirchendach gesehen und die Feuerwehr alarmiert; aber es war kein Brand, es war das Feuer des Heiligen Geistes, das wie am Pfingsttag sichtbar geworden war.

Solche und ähnliche Szenen sind nichts Neues. Als Jesus an einem bestimmten Ort predigte, drängten sich die Leute sogar draussen vor der Türe, um ihm zuzuhören. Mitten in seiner Predigt wurde er unterbrochen von herunterfallenden Lehmbrocken. Einige Männer hatten ein Loch ins Dach gebrochen, um von dort einen Gelähmten herunterzulassen, damit Jesus ihn heilen würde. Es wird nicht berichtet, dass Jesus sie ermahnt hätte, die Ordnung zu wahren.
Als am Pfingsttag der Heilige Geist kam, benahmen sich die 120 versammelten Leute in der Öffentlichkeit auf eine Art und Weise, dass mehrere Augenzeugen dachten, sie seien betrunken. Sie verursachten einen Auflauf von mehr als dreitausend Menschen und tauften diese an Ort und Stelle.

Der Apostel Paulus verursachte auf seinen Missionsreisen in fast jeder Stadt, wo er hinkam, einen Aufruhr. In der Regel blieb er in jeder Stadt so lange, bis er sich gezwungen sah, vor einem Aufruhr oder einer Verfolgung zu fliehen. Lesen wir einmal die Apostelgeschichte unter diesem Gesichtspunkt!

– In Antiochien von Pisidien:
„Am folgenden Sabbat versammelte sich fast die ganze Stadt, um das Wort Gottes zu hören. Aber als die Juden die Volksmenge sahen, wurden sie voll Eifersucht, und widersprachen dem, was Paulus sagte, und lästerten. … Sie stifteten angesehene gottesfürchtige Frauen an, und die Vornehmsten der Stadt, und verursachten eine Verfolgung gegen Paulus und Barnabas, und vertrieben sie aus ihrem Gebiet.“ (Apg.13,44-45.50)

– In Ikonien:
„Aber als die Juden und Heiden, zusammen mit ihren Oberen, auf sie einstürmten, um sie zu misshandeln und zu steinigen, flohen sie, da sie es inne wurden, nach Lystra…“ (Apg. 14,5-6)

– In Lystra:
„… Und auch mit diesen Worten konnten sie nur mit Mühe verhindern, dass die Menge ihnen Opfer darbrachte. Da kamen einige Juden aus Antiochien und aus Ikonien, die die Menge überredeten; und nachdem sie Paulus gesteinigt hatten, schleiften sie ihn vor die Stadt hinaus, da sie dachten, er sei tot.“ (Apg.14,18-19)

– In Philippi:
„… und sie führten sie vor die Befehlshaber und sagten: Diese Männer, die Juden sind, versetzen unsere Stadt in Aufruhr… Und das Volk rottete sich gegen sie zusammen, und die Befehlshaber liessen ihnen die Kleider zerreissen und sie mit Ruten schlagen.“ (Apg.16,20-22)

– In Thessalonich:
„Da wurden die Juden, die nicht glaubten, eifersüchtig, und nahmen einige Herumstreicher und schlechte Menschen mit sich, rotteten sich zusammen und versetzten die Stadt in Aufruhr. Dann überfielen sie das Haus Jasons und versuchten sie vor das Volk zu schleppen…“ (Apg.17,5)

– In Beröa:
„Als die Juden von Thessalonich erfuhren, dass Paulus auch in Beröa das Wort Gottes verkündigte, gingen sie dorthin und versetzten auch dort die Mengen in Aufruhr.“ (Apg.17,13)

– In Korinth:
„Aber als Gallio Prokonsul von Achaja war, erhoben sich die Juden einmütig gegen Paulus und führten ihn vor Gericht. … Da ergriffen alle Griechen Sosthenes, den Vorsteher der Synagoge, und schlugen ihn vor dem Richterstuhl; aber Gallio kümmerte sich um all das nicht.“ (Apg.18,12-17)

– In Ephesus:
„Und die Stadt geriet in grosse Verwirrung, und sie stürmten miteinander ins Theater und schleppten Gajus und Aristarchus mit, die Reisebegleiter des Paulus. … Nun schrieen die einen dies, die anderen das; denn die Versammlung war verwirrt, und die meisten wussten nicht, weswegen sie zusammengekommen waren. … Aber als sie merkten, dass er ein Jude war, schrieen alle zusammen fast zwei Stunden lang: Gross ist die Artemis der Epheser!“ (Apg.19,29.32.34)

– In Jerusalem:
„So kam die ganze Stadt in Bewegung, und das Volk lief zusammen; und sie ergriffen Paulus und schleppten ihn aus dem Tempel und schlossen sofort die Türen zu. Und als sie versuchten ihn zu töten, wurde dem Obersten der Kohorte gemeldet, dass sich die ganze Stadt Jerusalem in Aufruhr befand. Dieser nun nahm Soldaten und Hauptleute mit sich und eilte zu ihnen. Und als sie den Obersten und die Soldaten sahen, hörten sie auf, Paulus zu schlagen. … Als er zur Treppe kam, musste er von den Soldaten getragen werden wegen der Gewalttätigkeit der Menge; denn die Volksmenge drängte sich hinter ihm und schrie: Er soll sterben!“ (Apg.21,30-36)

Wir stellen auch fest, dass sich in vielen Fällen die „Unordnung“ direkt gegen die etablierte Ordnung der Kirchen richtete. Angefangen mit Jesus selber, der vorsätzlich die Ordnung der Synagogenversammlungen brach, indem er am Sabbat Kranke heilte und andere Dinge tat, die die Schriftgelehrten und Pharisäer in Zorn versetzen.
Auch die Apostel riefen mit ihrer Verkündigung und ihren Taten oft den Zorn der religiösen Leiter hervor. Mehrmals wurden sie bedroht, nie mehr im Namen Jesu zu sprechen. Bei einer dieser Gelegenheiten antworteten sie den Priestern: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ (Apg.5,29) – Die Apostel und Jesus selber waren von der Synagoge nicht anerkannt (mit Ausnahme von Paulus, der ein Rabbiner war).

Während der Reformationszeit entstand die Bewegung der Täufer. Sie empfanden die Reformation Luthers und Zwinglis als zuwenig radikal; sie wollten zum Leben der ersten Christen zurückkehren und allem gehorchen, was die Bibel sagt. Während die Reformatoren die Staatsregierung damit beauftragten, die Kirche zu beschützen, lehrten die Täufer, die weltliche Regierung habe nichts zu tun mit den Angelegenheiten der Kirche. Und während die Reformatoren weiterhin Säuglinge tauften wie die katholische Kirche, lehrten die Täufer, die Taufe sei nur für die Bekehrten.
Die Auseinandersetzung verschärfte sich, und im Jahre 1525 verbot der Rat der Stadt Zürich den Täufern, sich zu versammeln und ihre Lehren zu verbreiten. Sie widersetzten sich offen diesem Befehl, versammelten sich am Ufer des Zürichsees und tauften einander gegenseitig. Das ging völlig gegen alles, was die Kirchen – sowohl die katholische wie die reformierte – erlaubten.
Interessanterweise folgen heute die meisten evangelikalen Kirchen der Lehre der Täufer, zumindest was die Taufe betrifft. Was einmal ein Skandal war, wurde später achtbar. Aber wenn heute jemand in diesen Kirchen vorschlägt, in einigen anderen Punkten zur biblischen Lehre zurückzukehren – z.B. das Abendmahl in den Häusern und Familien zu feiern; oder das Amt und den Titel des Pfarrers bzw. Pastors abzuschaffen -, dann verursacht er damit zweifellos einen neuen Skandal.

John Wesley war persönlich äusserst diszipliniert und ordentlich; aber auch er brach die Ordnung der Kirche von England in mindestens zwei wichtigen Punkten:
– Er nannte sich selbst „Evangelist“. Bis dahin lehrte die Kirche, dieser Titel sei für die ersten Zeugen des Herrn reserviert, und nach Ende der apostolischen Zeit dürfe sich niemand mehr so nennen. (Ganz ähnlich wie es heute Auseinandersetzungen um die Bezeichnungen „Prophet“ und „Apostel“ gibt.)
– Er bildete Laienprediger aus und sandte sie aus; d.h. Prediger ohne offizielle Predigterlaubnis. Die Kirche jener Zeit lehrte, nur ordinierte Pfarrer dürften das Evangelium verkünden. (Ganz ähnlich wie heute noch weithin gelehrt wird, nur ordinierte Pfarrer dürften taufen oder das Abendmahl halten.)

In Erweckungszeiten übergeht Gott oft die etablierte Leiterschaft der Kirchen, und wirkt durch Unbekannte ohne Position und ohne offizielle Anerkennung. Die Leiter der Täufer befanden sich völlig ausserhalb der organisierten Kirchen; aber die Mehrheit der heutigen Evangelikalen anerkennen, dass sie recht hatten.
Der Pionier der modernen Weltmissionsbewegung, William Carey, war ein einfacher Schuster, der auf eigene Faust Griechisch und Hebräisch lernte. Später wurde er zwar als baptistischer Pastor anerkannt; aber die grosse Mehrheit seiner Pastorenkollegen setzten seiner Idee grossen Widerstand entgegen, die Heiden Afrikas und Asiens zu evangelisieren.
Der Leiter der Erweckung von Wales (1904), Evan Roberts, war ein junger Bergarbeiter mit unvollendeter Bibelschulausbildung. Gott gebrauchte ihn, um hunderttausend Menschen zum Herrn zu führen.
In der Erweckung in Azusa Street (1906) gab es oft niemanden, der die Versammlungen „leitete“. Jeder konnte teilnehmen, wie der Heilige Geist ihn leitete, nach 1.Korinther 14,26. (Aber die Leiter griffen ein, wenn es Worte oder Manifestationen gab, die dem Wort Gottes entgegenstanden.) Ausserdem mischten sich Schwarze und Weisse in der Versammlung, was für die meisten Menschen jener Zeit ein Skandal war (sogar für viele christliche Leiter). Einer der Pioniere jener Erweckung, Frank Bartleman, klagte einige Jahre später, dass die Bewegung daran war, vom Glauben abzufallen und ihre Kraft zu verlieren, als sie wieder anfingen, zwischen „Pastoren“ und „Laien“ zu unterscheiden.

Es sollte klar sein, dass diese Beispiele von „Unordnung“ sich innerhalb des Rahmens des Wortes Gottes befinden. Keine echte Erweckung wird etwas ungültig machen, was im Wort Gottes geschrieben steht. Aber sie wird viele unserer Traditionen und menschlichen Reglemente zunichte machen.

Zusammengefasst: Wenn Gott eine Erweckung sendet, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass er unsere Traditionen, kirchlichen Ordnungen und Leiterschaftsstrukturen über den Haufen werfen wird. Jesus und die Apostel taten dasselbe. Bist du bereit, diesen Preis zu zahlen?

(Fortsetzung folgt)

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Gott dienen ohne Namen, ohne „Dienst“, ohne Anerkennung

15. September 2012

Dies ist ein ziemlich persönlicher Artikel. Ich schreibe ihn nach sieben Jahren „Gemeindelosigkeit“, d.h. sieben Jahre ausserhalb der traditionellen Institutionen, die gewöhnlich mit dem „Christentum“ verbunden werden; sieben Jahre in der „Wüste“.

Mein Ausstieg aus den institutionellen Kirchen war nicht vorgeplant. Er begann mit einer Notsituation: Wir mussten entdecken, dass die Sicherheit unserer damals noch kleinen Kinder nicht mehr gewährleistet war an der evangelikalen Institution, wo wir damals als Familie lebten und arbeiteten; und die Leiter der Institution und der Denomination hatten keinerlei Interesse daran, uns in dieser Situation zu helfen oder zu schützen oder auch nur eine Untersuchung in die Wege zu leiten. Deshalb mussten wir jenen Ort fluchtartig verlassen, ohne zu wissen, wohin wir gehen würden, was wir arbeiten würden oder wovon wir leben würden.

Während einer Fastenretraite als Familie zeigte der Herr uns klar, dass nicht nur unsere Zeit an jener Institution zu Ende ging, sondern unsere Zeit im traditionellen evangelikalen Kirchensystem überhaupt. Nicht nur aufgrund der Geschehnisse in jener Institution, die uns schliesslich zum Ausstieg nötigten, sondern auch weil wir schon zuvor verschiedene Unvereinbarkeiten zwischen dem gegenwärtigen Kirchensystem und dem neutestamentlichen Christentum beobachtet hatten. (Verschiedene Artikel in diesem Blog behandeln dieses Thema.)

Es war gar nicht einfach, dieses Wort zu akzeptieren. Wir fühlten uns keineswegs als „Revolutionäre, die alles umstürzen wollen, um ihr eigenes System aufzurichten“ (wie wir von einigen Kirchenleitern dargestellt wurden). Im Gegenteil, wir fühlten uns wie Waisenkinder, die soeben am selben Tag Vater und Mutter verloren hatten. Dieses Gemeindesystem, das während so vielen Jahren unser Arbeitsort, unsere geistliche Familie und unsere gesellschaftliche Umgebung gewesen war, bot uns kein geistliches Leben mehr. Fast von einem Tag auf den anderen erwies sich dieses System als unfruchtbar, leer, feindlich gesinnt – tot. Während manchen Monaten trugen wir einfach nur Trauer um diese toten Kirchen. Damit begann unsere Wüstenwanderung.

Während der ersten Jahre hatten wir noch recht viele Kontakte zu Freunden innerhalb der Kirchen, und besuchten verschiedene Kirchen – einige, weil sich Freunde von uns dort versammelten; andere, weil sie uns noch einluden zu lehren, trotz all der bösen Dinge, die die Leiter über uns verbreiteten. Während dieser Kirchenbesuche hegten wir jedesmal insgeheim die Hoffnung, vielleicht einige Geschwister zu finden, die den Wunsch nach echter persönlicher geistlicher Gemeinschaft hätten, oder nach einer echten Erweckung und geistlichem Leben. Aber unsere Hoffnungen wurden jedesmal enttäuscht. Regelmässig gingen wir deprimiert und mit einem leeren Gefühl von diesen Anlässen nach Hause: routinemässige Programme; lächelnde, aber leere Gesichter; die Erfüllung einer institutionellen Pflicht – damit scheint sich der Durchschnittschrist zufriedenzugeben.

So hörten wir auf, Kirchen zu besuchen. Es blieben einige wenige Kontakte zu Glaubensgeschwistern, die sich auf einer ähnlichen Wüstenwanderung befanden wie wir selbst. Einige von ihnen besuchten weiterhin eine institutionelle Gemeinde, aber sie waren sich bewusst, dass ihr geistliches Leben nicht dort angesiedelt war, sondern in ihrer persönlichen Gemeinschaft mit Gott im stillen Kämmerlein, und vielleicht in einem unscheinbaren Dienst, den sie aus persönlicher Hingabe an den Willen Gottes erfüllten, ohne jede Unterstützung oder „Abdeckung“ durch die Gemeinde.

Wir sind dankbar für diese wenigen Kontakte, die Gott uns gab, und für jene wenigen treuen Geschwister, die uns weiterhin unterstützten und unterstützen, auch nachdem alle Verbindungen zu den organisierten Kirchen zerrissen waren. Aber diese Kontakte waren (und sind) nur sporadisch; unser Weg war und ist weiterhin ein sehr einsamer Weg.

So reduzierte sich unser christliches Leben auf das Allerwesentlichste, und auf den kleinstmöglichen Kreis: unsere persönliche Gemeinschaft mit Gott im Gebet und Bibellesen; die Gemeinschaft zwischen uns als Ehepaar und Familie; und der Dienst für Gott in den kleinen Angelegenheiten des Alltags.

Und wir fanden, dass es tatsächlich diese kleinen Dinge sind, auf die das Neue Testament Gewicht legt: Da lesen wir wenig oder nichts davon, Institutionen und Anlässe zu organisieren, ein „effizientes Management“ zu haben, oder die neusten „evangelistischen Strategien“ einzusetzen. Aber wir lesen viel über unsere Gemeinschaft mit Gott und untereinander, und darüber, Gott treu zu sein im täglichen Leben.

Ich kannte einen Pfarrer, der mir sagte: „Ich ziehe es vor, dass die jungen Leute meiner Kirche nicht zuviel Zeit bei mir zuhause verbringen. Sie könnten da einige Dinge sehen, die sie schockieren, und sie haben noch nicht die nötige Reife, damit umzugehen.“ – Jener Pfarrer nahm sein öffentliches Image sehr wichtig und träumte von mächtigen Institutionen, die grosse evangelistische, soziale und politische Wirksamkeit hätten (obwohl sich sehr wenig davon verwirklichte). Aber er fühlte sich unwohl angesichts der Möglichkeit, dass ihn einige „gewöhnliche Gemeindeglieder“ allzu nahe kennenlernen könnten, in seinem eigenen Heim und im Kreis seiner eigenen Familie.

Ich glaube, da liegt genau der Kern dessen, was schiefgeht im institutionellen und pfarrerzentrierten System der traditionellen Kirchen. Organisation, Leiterschaft, Anlässe und Image werden betont; aber die persönliche Echtheit geht verloren. Damit befindet sich dieses System auf dem Weg in Richtung dessen, was Jesus von den Schriftgelehrten und Pharisäern sagt: „… denn ihr reinigt das Äussere des Bechers und des Tellers, aber inwendig seid ihr voll von Raub und Ungerechtigkeit.“ (Matth.23,25)

Persönlich haben meine Frau und ich immer gespürt, dass unser Leben bereichert wurde durch die Menschen, die über kürzere oder längere Zeit mit uns zusammenlebten – von einigen Tagen bis zu mehreren Jahren. Und es waren auch diese Personen, in denen wir das meiste geistliche Wachstum gesehen haben. Tatsächlich glaube ich, dass dies die einzige wirksame Form des „Betreuens“ bzw. der „Jüngerschaft“ ist: das Leben miteinander zu teilen. Die anderen Dinge, die normalerweise als „pastorale Betreuung“ angesehen werden – eine kirchliche Organisation verwalten, predigen oder Bibelunterricht geben, Befehle erteilen, Seelsorgegespräche führen ohne nähere persönliche Beziehung – sind sehr künstlich und bringen wenig geistliches Wachstum hervor; und ausserdem ermöglichen sie es dem Pfarrer, seine wirkliche Persönlichkeit hinter einer professionellen Maske versteckt zu halten.

Das Leben miteinander zu teilen, ist natürlich eine grosse Herausforderung. Man reibt sich aneinander; wir können den Anschein des „professionellen Christen“ nicht aufrechterhalten; die Menschen sehen uns nicht immer lächelnd, sondern auch manchmal erschöpft, schlechtgelaunt, unkontrolliert… und so können wir die fiktive „Hirte-Schafe-Beziehung“ nicht aufrechterhalten. Wir (als Leiter) erkennen, dass wir selber auch geistliches Wachstum nötig haben. Wir müssen gezwungenermassen anerkennen: „Einer ist euer Meister, der Christus; und ihr alle seid Geschwister“ (Matth.23,8). Im Herrn gibt es nicht „Hirten“ („Pastoren“) und „Schafe“: es gibt einen einzigen Hirten (Jesus), und wir Christen sind alle seine Schafe. Einige Geschwister sind reifer als andere und verdienen es deshalb ernster genommen zu werden; aber wir alle (soweit wir zu Christus gehören) sind Geschwister, die einander gegenseitig helfen zu wachsen. In der neutestamentlichen Gemeinde gibt es nicht „Geistliche“ einerseits und „Laien“ andererseits.

(Eine Anmerkung hier: Ich habe früher auch in christlichen Wohngemeinschaften junger Erwachsener gewohnt, da kann man ähnliche Erfahrungen machen. Aus meiner Erfahrung würde ich aber von solchen Wohngemeinschaften eher abraten: es fehlt dort der tragende „Kern“, der aus einer Familie bzw. einem Ehepaar reifer Christen besteht. Nach Gottes Willen ist die Familie der Kern, aus dem die weiterreichende Gemeinschaft herauswächst. Auch die biblische Ältestenschaft wächst aus der Familiengemeinschaft heraus; siehe 1 Tim.3,4-5.)

Deshalb haben wir als Familie in den letzten sieben Jahren davon abgesehen, uns einen „Namen“ zu geben, einen „Dienst“ zu gründen oder ein „Amt“ einzunehmen. Wir entschieden uns, täglich Gott zu suchen und die kleinen Dinge zu tun, die er uns zeigen würde. Eines Tages stach uns dieser kleine Vers in die Augen:

„Alles was dir vor die Hände kommt, das tu nach deiner Kraft…“
(Prediger 9,10)

Diese Worte sind seither unser Leitvers gewesen. Wir sahen die Kinder einer Nachbarfamilie allein, ohne dass jemand zu ihnen sah: so anerboten wir uns, sie zu hüten. Wir erfuhren, dass ein armer Nachbar krank war: so besuchten wir ihn, beteten für ihn und besorgten Medizin für ihn. Die Grossmutter von Nachbarskindern war gestorben: so gingen wir die Kinder und ihre Eltern trösten, und sprachen zu ihnen von Gott, der ewiges Leben anbietet. Wir haben ein offenes Haus für alle, die uns kennen, und besonders für die Kinder.

Während dieser Zeit erlebten wir eine unerwartete Freiheit, mit ungläubigen Nachbarn und Verwandten über unseren Glauben zu sprechen. Erst da wurde mir bewusst, dass mein christliches Zeugnis vorher immer unter dem Gewicht einer „geheimen Agenda“ gelitten hatte: Ich muss Mitglieder für „meine“ Gemeinde gewinnen. Ich muss „Punkte gewinnen“ vor den Leuten, die mich bewundern und unterstützen, und vor meinen Leitern. Ich muss „Erfolg“ haben. – Jetzt muss ich für niemanden mehr Mitglieder gewinnen. Ich darf einfach ein Mitarbeiter des Herrn sein, bereit dazu, seiner Stimme zu folgen; aber die Ergebnisse sind seine Sache, nicht meine. Er ist es, der seine Gemeinde baut; nicht ich muss „meine“ Gemeinde bauen.

Auf diese Weise dauert es wohl länger, bis jemand sich bekehrt. Es ist nicht einfach, Geduld zu haben, bis der Herr mit seinem Heiligen Geist Überführung von der Sünde wirkt. Es ist viel einfacher, grosse Versammlungen zu organisieren mit viel Werbung und Manipulation, und hundert Menschen ein Übergabegebet nachsprechen zu lassen. Aber unter diesen hundert ist möglicherweise nicht einer, der sich wirklich und von Herzen bekehrt. Ich ziehe es vor, mit einigen wenigen echten Christen Gemeinschaft zu haben, als einer grossen Kirche voller Namenschristen vorzustehen.

Während all dieser Zeit stellten wir uns nie als „Pastoren“, „Lehrer“ o.ä. vor. Wenn jemand nach unserer Religion fragt, dann sagen wir, dass wir keiner Religion oder „Kirche“ (im Sinne einer religiösen Institution) angehören, aber dass wir Christen sind, Nachfolger von Jesus Christus. Wir glauben, dass echte geistliche Autorität darauf beruht, wer wir sind; nicht auf einem Titel oder einer Leiterschaftsstellung. Deshalb sagen wir: Wenn wir echte geistliche Autorität haben, dann werden die Menschen das von selber merken aufgrund dessen, was sie in uns sehen; und wenn sie nichts sehen in uns, dann wissen wir, dass wir keine Autorität haben und noch viel mehr Gott suchen müssen.

Unter den vielen kleinen Dingen, die wir tun, hat sich während der letzten Jahre als Haupttätigkeit die Hausaufgabenhilfe (und z.T. Familienberatung) für Kinder bzw. Familien der Nachbarschaft herauskristallisiert. Schon nach den ersten Nachmittagen, als wir einigen Kindern halfen, begannen sie uns „Lehrer“ bzw. „Lehrerin“ zu nennen und andere Kinder mitzubringen. Dann begannen auch Eltern zu kommen, die um Hilfe für ihre Kinder baten. So bestätigte sich, dass die Menschen uns tatsächlich als das anerkennen, was wir sind und was wir gut tun – in Kürze, für unsere „Früchte“ -, nicht für Titel oder Stellungen, die wir innehaben könnten. (Ein „Lehrer“ z.B. ist nicht der, der ein Lehrerdiplom hat, sondern der, der anderen tatsächlich etwas beibringt und sie in ihrem Verständnis weiterbringt.)

Alle diese Tätigkeiten waren immer integraler Bestandteil unseres Familienlebens. Auch als die Zahl der Kinder zunahm, versuchten wir unserer Arbeit so weit wie möglich keinerlei „schulische“ Strukturen aufzuerlegen (obwohl einige Kinder und Eltern uns „Akademie“ nennen, wie hierzulande solche ausserschulischen Bildungsangebote genannt werden). (Siehe dazu: „Sie sehnen sich nach Familie …“)
Wir haben zwar jeweils eine „Kreiszeit“ zusammen, während der wir z.B. einige Lieder singen, eine biblische Geschichte hören oder lesen, manchmal zusammen spielen, und manchmal Dinge besprechen, die mit allen besprochen werden müssen – aber das ist nicht so verschieden von der Art, wie wir schon immer unsere Familienandacht hielten. Im übrigen teilen wir unser Familienleben, unser Wohnzimmer, und oft auch unseren Mittagstisch mit den Kindern; und wir möchten ganz einfach authentisch sein. Alle schulische oder geistliche Hilfe, die wir ihnen bieten können, fliesst aus diesem Familienleben.

Wenn ich das jetzt mit dem Neuen Testament und mit der jüdischen Kultur vergleiche, dann glaube ich, dass wir tatsächlich ein wesentliches Element des Urchristentums wiederentdeckt haben: Alles geistliche Leben und alle Gemeinschaft konzentrierte sich auf das Heim und entsprang der Familie. Die ersten Christen hatten weder institutionelle Namen noch Organigramme; sie identifizierten sich einfach als „das Haus (=die Familie) von Soundso“, oder wenn ihre Zahl grösser wurde, „die Gemeinde im Haus von Soundso“. Das Volk Israel war immer nach Stämmen, Sippen und Familien organisiert; und das wichtigste jüdische Fest, das Passah (von dem das christliche Abendmahl herstammt), wird in den Familien gefeiert.

Wir hoffen, dass der Herr uns behüten möge, sodass wir auf diesem Weg bleiben, auch wenn diese Arbeit eines Tages grössere Ergebnisse zeitigen sollte. Die Wüste ist ein schwieriger Ort, aber der Erfolg und die Bekanntheit können noch grössere Versuchungen bergen.

Der Bischof war schockiert

12. Juni 2012

Von „Martin“ aus England

(Gefunden im Forum auf http://johnthebaptisttv.com)

Unsere Gemeinschaft ist selbstzufrieden und bequem, nicht wahr?

Reformation? Wozu? Wohin? Dasselbe wie zuvor? Nein, das haben wir bereits hinter uns. Jetzt haben wir den Blick auf das Originalmodell verloren, und haben unsere Türen weitgehend verschlossen vor dem Heiligen Geist. Beweise dafür? – Sieh Dich um. Siehst Du etwa eine verachtete, verfolgte Gemeinschaft, brennend in Gottes Geist, die Jesus liebt und einander Liebe erweist, grosszügig gibt, und in der Anbetung Gottes lebt? Siehst Du ein herausgerufenes Volk, das willig und bereit ist, für Jesus zu sterben?

Vor zwanzig Jahren arbeitete ich als Postbote im Norden Englands. Ich ging an einer unserer ältesten und grossartigsten Kathedralen vorbei – sie wurde „Münster“ genannt. Die Sonne war gerade aufgegangen, und es war herrlich, draussen zu sein. Ein eleganter, grossgewachsener Läufer in kurzen Hosen und T-Shirt stand neben mir still, lächelte liebenswürdig und fragte: „Junger Mann (ich war nicht mehr jung, aber ich freute mich über das Kompliment), was würden Sie sagen, wie wir die Kirche verbessern sollten?“

Ich antwortete: „Reisst sie ab, verkauft das Land, um Unterkünfte für die Armen zu schaffen, versammelt euch auf dem Marktplatz in Regen oder Sonnenschein, lasst euch sehen und hören, und betet inbrünstig, dass der Herr Jesus euer Tun ehren möge.“

Einige Tage später sagte ein enger Freund, ein Geistlicher jener Kathedrale, zu mir: „Kürzlich hat jemand den Bischof echt verärgert. Er soll ihm geraten haben, die Kathedrale abzureissen, das Land zu verkaufen und sich auf dem Marktplatz zu versammeln. Das bist nicht etwa zufällig du gewesen, oder?“


Mein eigener Kommentar:
Auch heute wären die meisten kirchlichen Leiter über einen solchen Vorschlag ebenso verärgert und schockiert. Bedenken wir aber, dass so gut wie alles, was Martin dem Bischof sagte, wörtlich so im Neuen Testament steht! Was sagt das aus über den Zustand einer Kirche, die sich über solche Vorschläge ärgert?

Das Neue Testament – „Amtliche Version“ – Teil 3

5. April 2012

Weitere „amtliche“ Erscheinungen

In der Lutherbibel werden noch einige weitere Ausdrücke mit „Amt“ übersetzt. Zwei davon sind vielleicht von Interesse:

„Oikonomía“ bedeutet etwa „Verwaltung“ oder „(An-)Ordnung, Plan“. Davon kommt unser Wort „Ökonomie“. Paulus bezeichnet mit diesem Wort Gottes Heilsplan, bzw. den Auftrag, den er selber im Zusammenhang mit diesem Heilsplan von Gott erhalten hat, nämlich die Offenbarung Gottes zu „verwalten“. Die Lutherbibel übersetzt dieses Wort in 1.Kor.9,17 und Eph.3,2 mit „Amt“, in der Parallelstelle Kol.1,25 mit „Predigtamt“. Die Zürcher Bibel sagt stattdessen in Eph.3,2 und Kol.1,25 „Veranstaltung“, in 1.Kor.9,17 „Haushalteramt“, wobei sie in einer Anmerkung hinzufügt: „Das nämlich ohne Aussicht auf Lohn zu solchem Tun verpflichtet.“
Dasselbe Wort wird in der Lutherbibel in Eph.3,9 mit „Gemeinschaft“ übersetzt und in 1.Tim.1,4 mit „Besserung“.

„Allotri(o)epískopos“ erscheint nur ein einziges Mal in der Bibel, und ist auch in der übrigen griechischen Literatur äusserst selten, sodass die genaue Bedeutung unsicher ist. Wörtlich bedeutet es etwa „Fremdaufseher“, und es erscheint in einer Liste zusammen mit verschiedenen Arten von Kriminellen:
„Denn niemand unter euch leide als Mörder oder Dieb oder Übeltäter oder als allotri(o)epískopos; leidet aber jemand als Christ, so schäme er sich nicht …“ (1.Petrus 4,15-16)
Die Zürcher Bibel übersetzt hier „einer, der in fremde Sachen eingreift“, und fügt in einer Anmerkung hinzu: „Es ist wohl eine gewerbsmässige, gewinnsüchtige Angeberei vor den Gerichten gemeint, die so gut wie Mord, Diebstahl usw. unter das Strafgesetz fiel.“
Das „Wörterbuch zum Neuen Testament“ von Bauer/Aland sagt: „ein Wort mit noch nicht genügend geklärter Bedeutung, vielleicht Hehler, auch wohl Spitzel, Denunziant (…) oder allg. jemand, der sich in fremde Dinge einmischt.
Die Lutherbibel dagegen übersetzt: „einer, der in ein fremdes Amt eingreift„. Angesichts des sonstigen Gebrauchs von „Amt“ bei Luther (als kirchliche Leitungsfunktion) hat sich diese Übersetzung als ziemlich verhängnisvoll erwiesen. Es ist nämlich dadurch die Anschauung aufgekommen, als ob die Verrichtung gewisser kirchlicher „amtlicher Privilegien“ (z.B. predigen, Abendmahl austeilen, usw.) durch „Laien“ ein Vergehen wäre, so schlimm wie Mord oder Diebstahl. Sieht man den Textzusammenhang an, so kommt eine solche Auslegung natürlich nicht in Frage. Es geht ja hier um das Leiden, das Christen von ihrer ungläubigen Umwelt zugefügt wird. Diese ungläubige Umwelt hatte sicher kein Interesse daran, einen Christen wegen einer innerkirchlichen „Übertretung“ anzuklagen. Abgesehen davon, dass es im Neuen Testament solche „amtlichen Privilegien“ gar nicht gibt. Luthers Übersetzung hat aber anscheinend dazu beigetragen, das hierarchische und „amtliche“ Denken in evangelischen Kirchen ebenso weiterzuführen wie in der römisch-katholischen.

Die „Sonntagspredigt“?

Ein weiteres von den amtlichen Übersetzungen misshandeltes Wort ist „predigen“. Was stellen wir uns unter einer „Predigt“ vor? Wiederum wird in den Gedanken das unvermeidliche Bild eines „Pfarrers“ oder „Pastors“ aufsteigen (wie falsch diese Vorstellung ist, haben wir in den früheren Folgen schon besprochen), der auf der Kanzel steht. Und wiederum gehen wir damit einem Wort in die Falle, das speziell für solche „amtlichen“ Zwecke neu erfunden wurde. Im Neuen Testament gibt es das Wort „predigen“ nicht. Wo es in den Übersetzungen vorkommt, da sagt das Original einfach „ankündigen“.

Hier müssen wir uns glücklicherweise in der Hauptsache mit einem einzigen griechischen Wort beschäftigen: „kerysso“. (Mit Ausnahme der oben erwähnten Stelle Kol.1,25, wo die Lutherbibel unbegründeterweise „oikonomía“ mit „Predigtamt“ übersetzt.) Dieses Wort kommt vom Hauptwort „kéryx“, welches „Herold“ bedeutet. „Kerysso“ bedeutet also „herolden“, „als Herold öffentlich ankündigen“. In einigen wenigen Stellen des Neuen Testaments hat sogar die Lutherbibel diese ursprüngliche Bedeutung beibehalten:

„Und ich sah einen starken Engel, der rief aus mit großer Stimme: Wer ist würdig, das Buch aufzutun und seine Siegel zu brechen?“ (Offenbarung 5,2)

„Er aber, da er hinauskam, hob er an und sagte viel davon und machte die Geschichte ruchbar …“ (Markus 1,45)

„Und er ging hin und fing an, auszurufen in den zehn Städten, wie große Wohltat ihm Jesus getan hatte …“ (Markus 5,20)

„Und er verbot ihnen, sie sollten’s niemand sagen. Je mehr er aber verbot, je mehr sie es ausbreiteten.“ (Markus 7,36)

„Und er ging hin und verkündigte durch die ganze Stadt, wie grosse Dinge ihm Jesus getan hatte.“ (Lukas 8,39)

Im Original steht hier überall „kerysso“. Warum wird dann dieses Wort nicht auch an den anderen Stellen mit „ausrufen“, „verkündigen“, „bekanntmachen“ o.ä. übersetzt? Wozu dieses neue Kunstwort „predigen“, das nirgendwo sonst auf der Welt existiert, ausser im Bereich der traditionellen Kirchen? Was ist an dem „Verkündigen“ der von Jesus Geheilten anders als am „Predigen“ in: „… und was ihr hört in das Ohr, das ‚predigt‘ auf den Dächern“ (Matth.10,27)? Oder in: „… zu ‚predigen‘ den Gefangenen, daß sie los sein sollten“ (Lukas 4,18)? (In der letztgenannten Stelle sagt die Zürcher Bibel „verkündigen“. Im übrigen wird aber auch in der Zürcher Bibel noch viel zu viel „gepredigt“.)

Es gibt da einige Unterschiede zwischen einer „Ankündigung“ und einer traditionellen kirchlichen „Predigt“. Erstens wird eine Ankündigung nur dann gemacht, wenn es wirklich etwas Wichtiges anzukündigen gibt. Der Herold geht dann zum Ankündigen in die Stadt, wenn der König ihn mit einer wichtigen Neuigkeit losschickt. Kein Herold bemüht sich, jede Woche eine neue Ankündigung zu erfinden, nur weil irgendeine Tradition von ihm verlangt, wöchentlich eine einstündige Ankündigung zu machen.
So gingen auch die Apostel, Propheten und Evangelisten des Neuen Testaments nicht nach einem festgelegten Stundenplan ihre Botschaft ankündigen, noch erfanden sie ihre eigenen Ankündigungen. In erster Linie verkündigten sie die Nachricht vom Tod und der Auferstehung Jesu (wovon sie selber Zeugen gewesen waren), und von seiner Herrschaft. Das war damals tatsächlich eine „Neuheit“, eine noch unbekannte Nachricht an den Orten, wo sie hingingen. Deshalb war diese Nachricht es wert, „geheroldet“ zu werden. Von den heutigen Predigten lässt sich schwerlich dasselbe sagen: es handelt sich meistens um ausgefeilte Abhandlungen über Dinge, die den Zuhörern längst bekannt sind.
Deshalb „heroldeten“ auch die Apostel nicht die ganze Zeit, sondern nur am Anfang, wenn sie ein neues Gebiet betraten. Später „lehrten“ sie vor allem die gläubig Geworden.

Ein weiterer Unterschied besteht darin, dass ein Herold seine Botschaft auf einem öffentlichen Platz verkündigt, wo ihn jedermann hört. Kein Herold verschliesst sich hinter den vier Wänden eines institutionellen Saales, um seine Ankündigung zu machen.

Lehre im Neuen Testament

Diese ganze Idee der „Sonntagspredigt“ findet sich also nicht im Neuen Testament. Was die heutigen Kirchen „predigen“ nennen, liegt näher bei dem, was die Bibel „lehren“ nennt; und das ist Aufgabe des Lehrers, nicht des Hirten/Pastors. Die Lutherübersetzung hat leider diesen Unterschied verwischt, indem sie an manchen Stellen auch das Wort „lehren“ (didasko) mit „predigen“ übersetzt. So z.B. in Markus 4,2 und in Markus 6,34 – an dieser Stelle wird man nachgerade zu Mitleid mit den armen Schäfchen bewegt, wenn man sie in der Lutherübersetzung liest:
„Und Jesus ging heraus und sah das grosse Volk; und es jammerte ihn derselben; denn sie waren wie die Schafe, die keinen Hirten haben; und er fing an eine lange Predigt.“ (Die Zürcher Bibel übersetzt hier richtig: „Und er fing an, sie vieles zu lehren.“)

Das „Lehren“ findet normalerweise in einer mehr oder weniger konstanten Gruppe von Menschen statt, die wirklich daran interessiert sind zu lernen. Die Apostel taten das auch (z.B. Apg. 4,2; 5,25.42; 19,9), aber es sollte nicht mit dem „Predigen“ („herolden“) verwechselt werden.
Und wir sollten nicht denken, die Versammlungen der ersten Christen hätten hauptsächlich dazu gedient, „belehrt zu werden“. Ein echter Christ braucht das am wenigsten, gemäss 1.Johannes 2,27:

„Und was euch betrifft, so bleibt in euch die Salbung, die ihr von ihm her empfangen habt, und ihr habt nicht nötig, dass euch jemand belehrt; sondern wie euch seine Salbung über alles belehrt, so ist es auch wahr und ist keine Lüge, und wie sie euch belehrt hat, so bleibt ihr in ihm.“

Die Versammlungen der ersten Christen dienten in erster Linie zur gegenseitigen Auferbauung mit den Gaben, die jeder von Gott empfangen hatte (1.Kor.14,26; Eph. 5,18-20), zum gemeinsamen Gebet, je nachdem wichtige Anliegen vorlagen (Apg. 1,14; 4,23-31; 12,12; Matth.18,19-20), und um gemeinsam zu essen, Gemeinschaft zu pflegen, und sich dabei an den Tod und die Auferstehung Jesu zu erinnern (Apg.2,44-46, 1.Kor.11,21.33).

Zudem gab es ausserordentliche Versammlungen, wenn irgendein herausragender Apostel oder Lehrer zu Besuch kam, der tatsächlich Wichtiges zu sagen hatte. Solcher Art waren die Versammlungen, die in Apg.20,1-12 und 20,17-38 beschrieben sind. Solche Besuche wichtiger Apostel oder Lehrer geschahen nicht jeden Tag (und auch nicht jede Woche). Das waren nicht die „normalen Sonntagsgottesdienste“!
Auch geschah die Lehre jener urchristlichen Lehrer nicht in der Form, die wir von heutigen Schulen oder Kirchen kennen. Wir sehen das am Beispiel von Jesus selber. Der grösste Teil seiner Lehre geschah durch sein eigenes Beispiel. Ein anderer wichtiger Teil bestand darin, dass er Fragen seiner Jünger (oder seiner Feinde) beantwortete. Wieder ein anderer Teil bestand in Anweisungen für praktische Handlungen (so z.B. Matthäus 10). Und nur ein sehr kleiner Teil geschah in der Form von Vorträgen oder „Unterricht“, wie wir es heute verstehen.
So benutzt auch die Apostelgeschichte, wenn sie von der Lehre des Paulus spricht, sehr selten das Wort „lehren“. Viel häufiger kommt das Wort „dialégomai“ („einen Dialog führen“) vor. (Apg. 17,2.17; 18,4.19; 19,8-9; 20,7.9; 24,12.25) Sowohl die Zürcher wie auch die Lutherbibel gebrauchen dafür das Wort „(be-)reden“ – ausser in Apg.20,7, wo Luther einmal mehr „predigen“ sagt. Offenbar ist damit nicht ein Monolog gemeint, sondern ein Lehrgespräch, in welchem auch Fragen beantwortet und Kommentare der Zuhörer mit aufgenommen werden.

Sehen wir auch, wie Paulus die „Jüngerschaft“ beschreibt, die er Timotheus zukommen liess:

„Du aber bist mir nachgefolgt in der Lehre, in der Lebensführung, im Streben, im Glauben, in der Langmut, in der Liebe, in der Geduld, im den Verfolgungen, in den Leiden …“ (2.Tim.3,10-11)

Von den neun verwendeten Begriffen hat ein einziger mit „Lehre“ im intellektuellen Sinn zu tun. Die übrigen acht beziehen sich auf Paulus‘ praktisches Beispiel, und auf Charaktereigenschaften.

Ich hoffe, wir haben jetzt ein etwas klareres Bild davon, was „Lehre“ im Neuen Testament ist. Nicht einfach „Vorträge halten“; nicht nur intellektuelles Wissen weitergeben; erst recht nicht „Prüfungen ablegen und dafür ein Diplom erhalten“. Alle diese Vorstellungen, die wir heute von „Lehre“ oder „Unterricht“ haben, kommen aus dem weltlichen Schulsystem; und dieses System entsprang seinerseits der heidnischen griechischen Philosophie. Die alten Griechen brachten diese Idee hervor, der Mensch könne sein Leben und seinen Charakter mit Hilfe des Unterrichts der Philosophen vervollkommnen.
Jesus Christus zeigte uns dagegen, dass wir uns selber mit keiner menschlichen Anstrengung verbessern können. Das einzige, was einen Menschen verbessern kann, ist die Wiedergeburt in Christus. Der „alte Mensch“ muss sich nicht vervollkommnen; er muss sterben. (Siehe Römer 6.) Paulus sagt, dass wir mit unserer Weisheit (Lehre, Wissen) Gott nicht erkennen können (1.Kor.1,20-21; 2,1-5). In diesem Abschnitt – wie auch in Römer 1,18-32 – spielt Paulus deutlich auf die griechische Philosophie an.
Deshalb ist „Lehre“ im Neuen Testament nicht gleich „Wissensvermittlung“. Im christlichen Leben beruht „Lehre“ darauf, dieses christliche Leben miteinander zu teilen und selber ein Beispiel zu geben. Wer durch das eigene Beispiel abgedeckt ist, in enger Gemeinschaft mit seinen Glaubensgeschwistern, der kann dann auch „lehren“, d.h. dieses christliche Leben und seine Quelle, Jesus selber, besser erklären.

Aber nicht genug damit, haben die Übersetzer von englischen und spanischen Bibelausgaben an vielen Stellen den Begriff „Lehre“ durch das hochgestochene Wort „Doktrin“ ersetzt. Ich bin froh, dass deutsche Bibelübersetzer – soweit mir bekannt ist – noch nicht auf diese Idee gekommen sind!

Auch so schon hat die lutherische Überbetonung des „Lehramts“ zu manchen Missverständnissen und kirchlichen Missbildungen geführt.

Z.B. ist die Idee aufgekommen, „an Christus zu glauben“ bedeute einfach mit den „lehrmässigen Wahrheiten“ über ihn einverstanden zu sein, und sich einer Kirche anzuschliessen, die diese Wahrheiten lehrt. Deshalb kam es im 17.Jahrhundert zu einer Erscheinung, die von Kirchengeschichtlern „die tote Orthodoxie“ genannt wird: Die Kirchen lehrten zwar noch die biblischen Wahrheiten über Jesus, aber das Leben der Kirchenmitglieder war weit von Gott entfernt. Als Gegen- und Protestbewegung entstand dann der Pietismus. Aber auch heute gibt es wahrscheinlich Millionen von „Evangelischen/Evangelikalen“, die sich ihrer „rechten Lehre“ rühmen, aber zugleich mit ihrer Lebensführung zeigen, dass sie nie von ihren Sünden umgekehrt sind und nie wiedergeboren wurden.

Auch gibt es Kirchenleitungen, die ihr „Lehramt“ in ähnlich „doktrinärer“ Weise handhaben wie die römisch-katholische Kirche: Sie gebrauchen die „rechte Lehre“ als Vorwand, um jene Christen zu bestrafen und auszuschliessen, die es wagten, ihre Leiter anhand der Bibel zu prüfen. Und aus demselben Grund hat es unzählige Kirchenspaltungen gegeben wegen zweitrangigen Lehrfragen wie z.B. die rechte Art, Gottes Vorherbestimmung zu verstehen; das „Zungenreden“; die Entrückung; das Tausendjährige Reich, und ähnliche Streitigkeiten, die Paulus „nichtiges Geschwätz“ nennen würde (1.Tim.1,6) und „Wortgezänk, woraus Neid entsteht, Hader, Lästerungen, böse Verdächtigungen, fortwährende Zänkereien von Menschen, die in ihrem Verstand zerrüttet sind …“ (1.Tim.6,4-5).

In Markus 1,27 heisst es: „Und sie erstaunten alle, sodass sie sich besprachen und sagten: Was ist das? Was ist das für eine neue Lehre, dass er mit Autorität sogar den unreinen Geistern befiehlt, und sie gehorchen ihm?“ – Die unreinen Geister gehorchten Jesus, aber nicht aufgrund einiger „Lehrpunkte“, die sie von ihm hörten. Sie gehorchten ihm aufgrund dessen, wer er war. Christliche „Lehre“ ist nicht einfach systematische Theologie: sie kommt aus einem Leben im Gehorsam Jesus gegenüber.

Was ist die Kirche/Gemeinde?

Der letzte Begriff, den ich untersuchen möchte, ist „Kirche“ bzw. „Gemeinde“. Das Wort „Kirche“ ist ebenfalls ein Kunstwort, vom griechischen „kyriakä oikía“, „Haus des Herrn“ (ein Begriff, der aber im Neuen Testament so nicht vorkommt). „Gemeinde“ ist eine neutralere Übersetzung; aber vor dem Hintergrund der gegenwärtigen „Kirchen/Gemeinden“ hat dieses Wort im christlichen Umfeld schon fast dieselbe Färbung erhalten wie „Kirche“.
Das entsprechende griechische Wort ist „ekklesía“. Es ist heute nicht mehr eindeutig zu klären, warum die Schreiber des Neuen Testamentes gerade dieses Wort verwendeten, um die Gemeinschaften der Christen zu bezeichnen. Es werden mindestens drei verschiedene Erklärungen vorgeschlagen:

– Ursprünglich bedeutete „ekklesía“: „(Volks-)Versammlung“; insbesondere die offizielle Versammlung der stimmberechtigten Bürger in den griechischen Städten, die eine demokratische Regierungsform angenommen hatten. (In diesem Sinn kommt das Wort z.B. in Apg.19,39 und 41 vor.)
– Vor dem Hintergrund des Alten Testamentes bedeutete „ekklesía“ die „heilige Versammlung“ Israels, des von Gott erwählten Volkes. Die entsprechenden alttestamentlichen Stellen werden verschieden übersetzt: „Volk“, „Gemeinde“, „Versammlung“.
– Einige Ausleger leiten das Wort ab von „eklégomai“ („auswählen“ oder „herausrufen“). „Ekklesía“ würde dann bedeuten „die Gesamtheit der Erwählten“ bzw. „die Gesamtheit der Herausgerufenen“.

Es ist gut möglich, dass die ersten Christen mit der Verwendung des Wortes „ekklesía“ sagen wollten: „Wir sind ein besonderes Volk, ein von und für Gott abgesondertes Volk.“ Die Gemeinde Jesu ist tatsächlich etwas Neues, was vorher in dieser Form nicht existierte. So kann es vielleicht gerechtfertigt sein, dass bei der Übersetzung des Neuen Testamentes in andere Sprachen jeweils ein neues Wort dafür erfunden wurde.

En Problem besteht nun aber darin, dass im Lauf der Geschichte dieses Wort „Kirche“ bzw. „christliche Gemeinde“ seine Bedeutung geändert hat. Woran denken wir heute, wenn wir das Wort „Kirche“ hören?

– Viele werden zuerst an ein Gebäude denken, wahrscheinlich ein recht grosses und luxuriöses; ein Gebäude, wo man gewohnheitsmässig an bestimmten Anlässen und Versammlungen teilnimmt; ein Gebäude, das man sich angewöhnt hat „Haus Gottes“ zu nennen.
Kein Christ zur Zeit des Neuen Testamentes wäre auf eine solche Idee gekommen! Im Gegenteil, während der ganzen neutestamentlichen Zeit (d.h. mindestens während den ersten sechzig oder siebzig Jahren der Kirchengeschichte) wurde kein einziges Gebäude zu „kirchlichen“ Zwecken errichtet; und wir finden auch die Idee nicht, das könnte zu irgendeinem zukünftigen Zeitpunkt nötig werden. Noch anfangs des 3.Jahrhunderts schrieb der römische Apologet Minucius Felix:

„Aber denkst du, dass wir verbergen, was wir anbeten, weil wir weder Tempel noch Altäre haben? Aber was für ein Bild soll ich denn von Gott machen, wenn doch, wenn wir richtig darüber nachdenken, der Mensch selber das Bild Gottes ist? Was für einen Tempel soll ich ihm erbauen, wenn doch diese ganze durch sein Werk geschaffene Welt ihn nicht aufnehmen kann? Und wenn ich, ein Mensch, mich weit und breit bewegen kann, soll ich die Macht einer so grossen Majestät in ein einziges kleines Gebäude einschliessen? Ist es nicht besser, in unserem Sinn seiner zu gedenken und ihn im Innersten unseres Herzens heilig zu halten?“
(Minucius Felix, „Octavius“, Kapitel 32 – ca. 210 n.Chr.)

Das einzige „Haus Gottes“, das die ersten Christen kannten, war der Tempel in Jerusalem; und dieser war ein jüdisches, kein christliches Gebäude. Da sie selber Juden waren, fühlten sich die ersten Christen berechtigt, diesen Tempel für ihre Zwecke zu gebrauchen (besser gesagt, den Vorhof des Tempels, ein ausgedehnter öffentlicher Platz, der u.a. auch als Markt diente). Aber sie wussten auch sehr gut, dass Gott verboten hatte, irgendein anderes „Haus Gottes“ zu erbauen an irgendeinem anderen Ort ausser Jerusalem. (Siehe 5.Mose 12.) Für ihre täglichen Versammlungen brauchten sie ihre eigenen Häuser; und für ausserordentliche Grossversammlungen benutzten sie öffentlichen Grund. Keinem Christen des Neuen Testamentes wäre es je in den Sinn gekommen, bei „Kirche“ an ein Gebäude zu denken.

– Andere denken beim Wort „Kirche“ an eine denominationelle Institution oder Organisation, die sich mit einem besonderen Namen identifiziert: „die lutherische Kirche“, „die Baptistenkirche“, „die Pfingstgemeinde“. So ist es üblich geworden, wenn sich Christen aus verschiedenen Hintergründen bei einer Veranstaltung kennenlernen, einander zu fragen: „Welche Kirche/Gemeinde besuchst du?“
Auch das ist eine Idee, die keinem Christen des Neuen Testamentes in den Sinn gekommen wäre. Für sie war „Kirche“ oder „Gemeinde“ nicht ein Ort, den man „besucht“. Sie selber waren die Gemeinde, alle Christen der jeweiligen Ortschaft. Und es war Christus selber, der sie „organisierte“, nicht irgendeine denominationelle Leiterschaft.
Der einzige Ort, von dem wir lesen, dass sich dort so etwas wie „Denominationen“ bildeten, war Korinth; und in jenem Fall verurteilte Paulus diese Entwicklung aufs Entschiedenste (1.Kor.1,11-15; 3,1-11). Es fiel ihm gar nicht ein, diese unter sich konkurrenzierenden Gruppen „Kirchen“ oder „Gemeinden“ zu nennen. Vom Standpunkt des Apostels aus gesehen gab es eine einzige Kirche/Gemeinde Gottes in Korinth (1.Kor.1,2), und deren Mitglieder hatten weder ein Recht, einander konkurrenzierende Parteien zu bilden, noch „Organisationen“ in Anlehnung an irgendeinen bedeutenden Leiter zu gründen. (Siehe auch 3.Joh.9-10.)

Aber heute gibt es (zu) viele denominationelle Leiter, die sich ein „Eigentumsrecht“ auf die Mitglieder „ihrer“ Kirchen anmassen. Einige dieser Leiter verbieten den Mitgliedern sogar, Anlässe anderer Denominationen zu besuchen. So denkt der durchschnittliche Evangelische/Evangelikale, die „Kirche/Gemeinde“ sei eine menschliche Institution, von Menschen geleitet und beherrscht, und in „Denominationen“ aufgeteilt. Nichts liegt dem Neuen Testament ferner!

Eine der wenigen Stellen, wo Jesus selber das Wort „Kirche/Gemeinde“ braucht, ist in Matthäus 18,15-22. Seine Definition von „Kirche/Gemeinde“ ist äusserst einfach:

„Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ (Matthäus 18,20)

Das ist alles, was dazu nötig ist, „Kirche/Gemeinde“ zu sein. Sich zu versammeln, sei es auch nur zu zweit oder zu dritt – aber im Namen und unter der Herrschaft des Herrn Jesus Christus. Letzteres scheint gegenwärtig die am schwierigsten zu erfüllende Bedingung zu sein, angesichts der vielen, die sich im Namen ihrer eigenen Denomination versammeln. Um diese denominationellen und institutionellen Missverständnisse zu vermeiden, wäre es vielleicht sinnvoll, „Kirche/Gemeinde“ durch ein neutraleres und alltäglicheres Wort wie „Versammlung“ oder „Volk“ zu ersetzen.

Jedenfalls glaube ich, wir brauchen eine „nicht-amtliche“ Übersetzung des Neuen Testaments, um die hier aufgezeigten Missverständnisse zu vermeiden, und um mit grösserer Klarheit davon sprechen zu können, was die Gemeinde Jesu ist.

Das Neue Testament – „Amtliche Version“ (Teil 2)

31. März 2012

Andere Ausdrücke für „Diener“

Es gibt im Griechischen des Neuen Testamentes einige andere sinnverwandte Wörter für „Diener“. Eines davon ist „hypäretäs“, das u.a. für Synagogen-, Gerichts-, u.ä. „offizielle“ Diener gebraucht wird. In den beiden von mir hier verwendeten Übersetzungen ist dieses Wort an keiner Stelle „amtlich“ übersetzt worden; aber vielleicht gibt es andere Übersetzungen (so gesehen z.B. im Spanischen), die das tun.

Ein anderes solches Wort ist „leitourgós“. Davon abgeleitet ist „leitourgía“ (Dienst); ein Ausdruck, der im Neuen Testament vor allem für zweierlei Dinge verwendet wird: für finanzielle Dienstleistungen, und für den Dienst eines jüdischen Priesters nach der Ordnung des Alten Testaments. Von daher kommt unser Wort „Liturgie“. Hier fällt mir auf, dass dieses Wort seinen Ursprung im alttestamentlichen Priestertum hat, welches mit dem Kommen Jesu hinfällig geworden ist. Der neutestamentliche Gläubige braucht keinen Priester oder Mittler mehr, um sich Gott zu nähern, denn die Mittlerschaft von Jesus Christus genügt dazu völlig (1.Tim.2,5, Hebr.10,19-22). Andererseits ist jeder Christ ein Priester vor Gott (1.Petrus 2,5.9). Der ursprüngliche Sinn von „Liturgie“ bezieht sich also auf etwas, was wir als Christen gar nicht mehr nötig haben!

Luther übersetzt „leitourgía“ in Lukas 1,23 und Hebräer 8,6 mit „Amt“ (es geht hier um den alttestamentlichen Priesterdienst), während die Zürcher Übersetzung an diesen Stellen „Dienst“ sagt. In Hebräer 9,21 haben dagegen beide Übersetzungen „Gottesdienst“. (Was ist „Gottesdienst“? Eine rituelle Verrichtung, oder ein Leben im Gehorsam Gott gegenüber? Das Problem liegt hier nicht so sehr in der Übersetzung, als vielmehr in unserem heutigen (Miss-)Verständnis des Wortes „Gottesdienst“.)
– In Philipper 2,30 sagt Luther „dienen“ und in 2.Korinther 9,12 „Steuer“ (in diesen beiden Stellen geht es um finanzielle Hilfe); die Zürcher Bibel übersetzt in beiden Stellen „Dienstleistung“. – Ein besonderes Problem scheint den Übersetzern Philipper 2,17 gewesen zu sein: „Und wenn ich auch als Trankopfer ausgegossen werde über dem Opfer und Dienst (leitourgía) eures Glaubens, so freue ich mich und freue mich mit euch allen.“ Die Lutherübersetzung hat hier „Gottesdienst“ (statt einfach „Dienst“); die Zürcher Übersetzung sagt „priesterliche Darbringung“ (wohl aus der Überlegung heraus, dass „leitourgía“ in anderem Zusammenhang für den Priesterdienst verwendet wird). Aber diese Übersetzungen bringen bereits ein bestimmtes Vorverständnis über die Auslegung mit hinein. Natürlich ist diese Stelle nicht so einfach zu verstehen, weil Paulus hier neutestamentliches christliches Leben in alttestamentlichen Begriffen ausdrückt. Aber warum nicht diese Verständnis- und Auslegungsarbeit dem Leser überlassen, indem man einfach das neutrale Wort „Dienst“ als Übersetzung gebraucht? – Dasselbe gilt für die anderen angeführten Stellen.


Hierarchische Stellung, oder einfache Beschreibung einer Funktion?

Untersuchen wir jetzt einige Ausdrücke, die für spezifische „Ämter“ (Dienste) verwendet werden.

Beginnen wir mit dem „Bischof“ – ein Ausdruck, der bereits im zweiten Jahrhundert so gebraucht wurde, als handelte es sich um die „höchste Stufe in der kirchlichen Hierarchie“. „Bischof“ ist eine verballhornte Form des griechischen „epískopos“, was wörtlich „Aufseher“ bedeutet. Genauso wie „diákonos“, handelt es sich um einen Begriff, der ursprünglich kein bestimmtes „Amt“ bedeutete. Er bezeichnete einfach die Tätigkeit der Fürsorge und Wachsamkeit für andere. Es würde keineswegs schaden, „epískopos“ mit „Aufseher“, „Fürsorger“ o.ä. zu übersetzen, statt des künstlichen Wortes „Bischof“.
Dieses Wort kommt fünfmal im Neuen Testament vor (Apg.20,28, Phil.1,1, 1.Tim.3,2, Titus 1,7, 1.Petrus 2,25). Von diesen Stellen gibt uns jene in der Apostelgeschichte eine besondere Information: Paulus spricht hier zu den versammelten Ältesten von Ephesus (Apg.20,17), und zu ihnen sagt er, dass „euch der Heilige Geist gesetzt hat zu Bischöfen (Aufsehern)„. Somit ist „Bischof“ (Aufseher) kein „Amt“ für sich; es handelt sich einfach um eine der Funktionen der Ältesten.

Von „epískopos“ abgeleitet ist das Verb „episkopéo“ (Aufsicht üben; achtgeben). Es kommt zweimal vor im Neuen Testament: In 1.Petrus 5,2 wird es als eine Funktion der Ältesten genannt (Luther übersetzt „wohl zusehen“; während die Zürcher Übersetzung das Wort auslässt). Und in Hebräer 12,15 wird es als eine der Funktionen aller Mitglieder der christlichen Gemeinschaft genannt, und wird übersetzt mit „darauf sehen“ oder „zusehen“.

Dann gibt es noch das Wort „episkopé“ (Aufsicht), welches in diesem Sinn vorkommt in Apg.1,20 und 1.Tim.3,1. In der Timotheusstelle wird es einhellig als „Bischofsamt“ übersetzt (obwohl es sich in Wirklichkeit, wie wir gesehen haben, um eine der Funktionen der Ältesten handelt.) In der Apostelgeschichte, wo gesagt wird, jemand müsse die „episkopé“ des Judas übernehmen, sagt die Zürcher Übersetzung „Vorsteheramt“ (auch in Apg.20,28 und Phil.1,1 übersetzt diese Version „Vorsteher“, nicht „Bischof“). – Es gibt aber keinen Wortbestandteil in „episkopé“, der „Amt“ bedeutet. – Luther sagt dagegen in Apg.1,20 „Bistum“. (Was für einem „Bistum“ ist Judas vorgestanden??)
Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass „episkopé“ noch einen anderen Sinn hat, nämlich den der „Aufmerksamkeit“ Gottes oder seines Eingreifens. In diesem Sinn kommt das Wort in Lukas 19,44 und 1.Petrus 2,12 vor und wird normalerweise mit „Heimsuchung“ übersetzt.

Wenn wir nun zu dem Begriff des „Ältesten“ (presbýteros) kommen, so habe ich keine Probleme mit der Übersetzung. Wörtlich handelt es sich zwar um einen Komparativ („die Älteren“) – was bedeutet, dass in dem Fall, wo eine Gemeinde ausschliesslich aus Jugendlichen und jungen Erwachsenen besteht, die „Älteren“ weniger als dreissig Jahre alt sein könnten. Aber von mir aus gesehen macht es keinen grossen Unterschied, ob man „die Älteren“ oder „die Ältesten“ sagt. Es ist ein Begriff, der weitgehend seinen normalen Wortsinn beibehalten hat. „Alt“ oder „Ältester“ zu sein, ist keine hierarchische Stellung; es ist eine Anerkennung aufgrund der (v.a. geistlichen) Reife, die von den übrigen Geschwistern im Leben dieser Personen festgestellt wird.
Einige Gemeinden haben zwar auch die Funktion der Ältesten zu einem hierarchischen „Amt“ gemacht. Dabei sind in den meisten dieser Gemeinden die „Ältesten“ dem „Pastor“ untergeordnet, wodurch sie faktisch zu „Zweitältesten“ degradiert werden. Ein solches Zweistufenschema (Älteste-Pastor) ist in der Bibel nicht zu finden.
Ein kleines Problem habe ich mit der Übersetzung von 1.Timotheus 4,14, wo die Kollektivform „presbytérion“ (Gemeinschaft der Ältesten) vorkommt. Die Zürcher Übersetzung macht daraus einen „Rat der Ältesten“, was dem Begriff sofort einen Beigeschmack von „Amtlichkeit“ und „Parlamentssitzung“ gibt. Luther sagt dagegen schlicht – und richtiger – „unter Handauflegung der Ältesten„.
Es gibt Denominationen, die auch diesen Begriff in ihre eigene Sprache aufgenommen haben und die Behörde des „Presbyteriums“ eingeführt haben (so gibt es z.B. die „Presbyterianische Kirche“). Ich denke, deutschsprachige Leser werden schnell die Künstlichkeit dieses Begriffs erkennen.

Sehen wir uns jetzt das Wort an, das die Evangelischen bzw. Evangelikalen normalerweise für ihre Gemeindeleiter gebrauchen: „Pastor“ (oder davon abgeleitet „Pfarrer“).
Es handelt sich dabei um das Wort „Hirte“ auf lateinisch; im Griechischen des Neuen Testamentes heisst es „poimén“ und wird durchwegs richtig und natürlich mit „Hirte“ übersetzt. Auffallend ist jetzt aber, dass dieses Wort im Neuen Testament nur ein einziges Mal im Zusammenhang mit geistlichem Dienst vorkommt: in Epheser 4,11, fast am Ende einer Liste von fünf verschiedenen „Gaben zur Auferbauung der Heiligen“. Ausserdem kommt es in sieben neutestamentlichen Versen in seinem eigentlichen Sinn vor (Viehhirte); sowie in neun Versen, in denen sich Jesus selber mit einem Hirten vergleicht.
Natürlich hatten die Christen jener Zeit keinerlei „amtliche“ oder „hierarchische“ Vorstellung, wenn sie das Wort „Hirte“/“Pastor“ hörten! Sie hatten niemals einen gutgekleideten Mann auf einer Kanzel stehen sehen, der sich „Hirte“/“Pastor“ nennen liess. Die einzigen Hirten, die sie kannten, waren eben die Kuh- und Schafhirten ihrer ländlichen Umgebung. Wenn sich also Jesus mit einem Hirten verglich, dann war das ein Ausdruck äusserster Demut. Er verglich sich mit einer der einfachsten und ärmlichsten Tätigkeiten, die in seinem Umfeld ausgeübt wurden!

Es gibt ausserdem das abgeleitete Verb „poimaino“ (weiden; als Hirte hüten). Dieses Wort kommt zweimal in seinem eigentlichen Sinn vor (Vieh weiden), und fünfmal als Beschreibung von Jesus. Als Funktion in der christlichen Gemeinschaft kommt es an drei Stellen vor (Johannes 21,6, Apostelgeschichte 20,28, und 1.Petrus 5,2). In Johannes 21 handelt es sich um den Auftrag Jesu an Petrus. In der Apostelgeschichte und im 1.Petrusbrief geht es um eine Funktion der Ältesten. (In diesem Zusammenhang nennt sich auch Petrus selber im vorangehenden Vers „Ältester“.)
Der „Hirtendienst“ bzw. das „Pfarramt“ ist also, ebenso wie das „Bischofsamt“, in Wirklichkeit kein gesondertes „Amt“. Es ist einfach eine der Funktionen der Ältesten in der Gemeinde.

Dann gibt es noch ein griechisches Wort, das in verschiedenen Übersetzungen, und sogar an verschiedenen Stellen innerhalb derselben Übersetzung, ganz unterschiedlich wiedergegeben wird. Es erstaunt mich eigentlich, dass noch niemand auf die Idee gekommen ist, aus diesem Wort eine kirchlich-hierarchische „Amtsbezeichnung“ zu machen. Es handelt sich um das Wort „hägoúmenos“, das wörtlich „Führer“ oder „Leiter“ bedeutet. Von allen neutestamentlichen Begriffen ist das also derjenige, der unserem heutigen Konzept von „Leiterschaft“ am nächsten kommt.

Im Neuen Testament kommt „hägoumenos“ siebenmal vor. In Apostelgeschichte 7,10 wird es mit „Fürst“ bzw. „Regent“ übersetzt und bezieht sich auf die Regierungsstellung Josefs in Ägypten. In Matthäus 2,6 wird es mit „Herzog“ bzw. „Herrscher“ übersetzt und spricht von der Stellung des verheissenen Messias. In Lukas 22,26 spricht es von Leiterschaft im allgemeinen und wird mit „der Vornehmste“ bzw. „der Hochstehende“ übersetzt. In Apg.15,22 werden massgebende Männer in der christlichen Gemeinde und Reisebegleiter von Paulus und Barnabas so genannt. Die Zürcher Bibel übersetzt hier mit „führende Männer“; Luther – ziemlich unangebracht – mit „Lehrer“. Es ist interessant, dass das Neue Testament gerade hier, wo es um das Eigentliche von „Leiterschaft“ und Einfluss in der Gemeinde geht, keine spezifische „Amts-“ oder Funktionsbezeichnung gebraucht, sondern ein Wort, das eben nur gerade dies spezifisch ausdrückt: Leiterschaft.
Die meistzitierten (und am meisten missbrauchten) Stellen über „haegoúmenoi“ sind aber Hebräer 13,7 und 17 (und dazu am Rande noch Vers 24). Insbesondere Vers 17 wird oft als Begründung für die berühmt-berüchtigte Lehre von der „Unterordnung unter die Leiterschaft“ zitiert. Die Zürcher Bibel übersetzt hier mit „Vorsteher“, Luther wiederum mit „Lehrer“.
(Luther sah im Lehrdienst die wichtigste Aufgabe eines reformierten Pfarrers. Er hat damit leider das katholische Priester- und Sakramentssystem nicht wirklich überwunden, sondern ihm lediglich einen anderen Akzent gegeben. Er hat zwar dem Pfarrer seine priesterliche Mittlerfunktion genommen, die nur Jesus allein zukommt; aber dafür hat er ihm eine nicht weniger gefährliche andere Macht- und Monopolstellung verschafft: Er machte aus dem Pfarrer einen gelehrten Akademiker, der aufgrund seiner Studien über „geheimes Wissen“ verfügt, das gewöhnlichen Laien nicht zugänglich ist. „Wissensvermittlung“ ist aber nicht das Eigentliche am neutestamentlichen Lehrdienst, wie wir in der nächsten Folge sehen werden.)

Rechtfertigt nun Hebräer 13,17 den autoritären Leitungsstil, den allzuviele „Pastoren“ heutzutage ausüben? – Dieser Frage im Detail nachzugehen, würde hier zu weit führen. Ich hoffe mich ein anderes Mal damit befassen zu können. Hier nur stichwortartig drei Gründe, warum das nicht der Fall ist:

1. Dieser Vers identifiziert die „hägoúmenoi“ in keiner Weise mit den „Hirten“/“Pastoren“. Wir haben bereits gesehen, dass ein spezifisches „Pastorenamt“ (im heutigen Sinn) im Neuen Testament gar nicht existiert.
2. Die „hägoúmeoi“ werden in der Mehrzahl genannt; d.h. es gibt nicht nur einen einzigen von ihnen in der Gemeinde. Die Gemeinden im Neuen Testament wurden immer von einem Team von mehreren Leitern geleitet, nie von einem allein.
3. Die lehrreichste Stelle über die Rolle eines „hägoúmenos“ in der Gemeinde finden wir in Lukas 22,25-26. Da sagt Jesus, der Herr:

„Die Könige der Völker üben die Herrschaft über sie aus, und ihre Gewalthaber lassen sich Wohltäter nennen. Ihr dagegen nicht so! Sondern der Grösste unter euch soll werden wie der Jüngste, und der Hochstehende (=Leiter, hägoúmenos) wie der Dienende (diakonéo).“

In der christlichen Gemeinde darf sich also auch ein „hägoúmenos“ (Leiter) nicht anmassen, mehr zu sein als ein „diákonos“ (Diener). Er muss sogar umso mehr Diener werden, je wichtiger er sein möchte.

(Fortsetzung folgt)

Das Neue Testament – „Amtliche Version“

23. März 2012

Wenn ich über neutestamentliche Gemeinde sprechen will, stehe ich immer wieder vor dem Problem, dass die meisten unserer Bibelausgaben das Verständnis dieses Themas erschweren. Fast alle von uns haben sich angewöhnt, das Neue Testament in einer „amtlichen Version“ zu lesen. D.h. eine Übersetzung, die das gegenwärtige traditionelle Kirchenmodell voraussetzt, mit einem Pfarrer oder Pastor, der „predigt“, und vielen passiven Zuhörern, die dem Pastor folgen.

Da ich schon lange nicht mehr im deutschen Sprachraum lebe, habe ich keinen Überblick mehr über die deutschen Bibelübersetzungen. Ich nehme die Beispiele für diesen Artikel aus zwei älteren Versionen, die ich gerade zur Hand habe: die Lutherbibel in der Revision von 1912 und die Zürcher Bibel (Zwingli) in der Revision von 1931. Der Leser möge selber seine eigene Lieblingsübersetzung mit den folgenden Angaben zum Urtext vergleichen.

Im allgemeinen bin ich sehr für die älteren Bibelausgaben, da sie in der Regel noch näher am Urtext sind. Aber was das hier behandelte Thema betrifft, so sind diese – insbesondere die Lutherübersetzung, wie wir sehen werden – auch sehr „amtlich“, und verdunkeln damit den Sinn dessen, was die neutestamentliche Gemeinde wirklich war.

Das betrifft insbesondere das Wort „Amt“ selber. Woran denken wir zuerst, wenn wir z.B. vom „Predigtamt“ hören? An einen gutgekleideten „Pfarrer“ oder „Prediger“, der auf der Kanzel steht und über die Kirche regiert? Das vermittelt uns von Anfang an eine völlig verkehrte Vorstellung von der Gemeinde, die im Neuen Testament beschrieben wird. In Wirklichkeit existiert das Wort „Amt“ im Neuen Testament gar nicht! Wo es in den Übersetzungen vorkommt, steht im Urtext meistens eines von mehreren Wörtern, die schlicht „Dienst“ bedeuten und mit anderen Wörtern verwandt sind, die auch meistens mit „Diener“ übersetzt werden. Wären die „amtlichen Versionen“ konsequent, dann müssten sie statt von „Dienern Gottes“ von „Amtsträgern Gottes“ sprechen.

Vom Neuen Testament her gibt es aber keinerlei Grundlage, einen „Amtsträger“ über eine Gemeinde zu setzen und ihm Privilegien zu geben, die die „Laien“ nicht haben. Im Gegenteil: Wer „Amtsträger“ sein möchte, muss dazu bereit sein, die Stellung eines DIENERS einzunehmen.


„Amtsträger“, „Diakone“, oder „Diener“?

In der überwiegenden Mehrzahl der Stellen, wo in der Lutherübersetzung das Wort „Amt“ vorkommt, handelt es sich um die Übersetzung des griechischen Wortes „diakonía“. (Apg.1,17, 6,4, 20,24, 21,19, Röm.11,13, 12,7, 1.Kor.12,5, 2.Kor.3,7-9, 4,1, 5,18, 6,3, Kol.4,17, 1.Tim.1,12, 2 Tim.4,5.) Dieses selbe Wort wird aber an vielen anderen Stellen (richtigerweise) mit „Dienst“ oder „Dienen“ übersetzt (Lukas 10,40, Apg.1,25, Röm.15,31, 1.Kor.16,15, Eph.4.12, 2.Tim.4,11, Hebr.1,14, Offb.2,19); und in einer Reihe von weiteren Stellen (wo es in erster Linie um finanzielle Hilfeleistung geht) mit „Handreichung“ (Apg. 6,1, 11,29, 12,25, 2.Kor.8,4, 9,12).

Hier sehen wir bereits die Inkonsequenz der „amtlichen“ Bibelübersetzer. Ein und dasselbe griechische Wort, mit einem klaren und eindeutigen Sinn („Dienst“), wird willkürlich an einigen Stellen mit „Dienst“ und an anderen mit „Amt“ übersetzt. Diese Inkonsequenz kann nur einem einzigen Zweck dienen (amten?): das Image des „Amtsträgers“ auf seinem Podest zu halten, von den „Laien“ gesondert – während gleichzeitig versucht wird, den lächerlichen Eindruck zu vermeiden, der entstehen würde, wenn „diakonía“ konsequent mit „Amt“ übersetzt würde. So wie z.B. in den folgenden Stellen:

„In den Tagen aber, da der Jünger viele wurden, erhob sich ein Murmeln unter den Griechen wider die Hebräer, darum daß ihre Witwen übersehen wurden in dem täglichen Amt.“ (Apostelgeschichte 6,1)

„Aber unter den Jüngern beschloß ein jeglicher, nach dem er vermochte, zu senden ein Amt den Brüdern, die in Judäa wohnten … “ (Apostelgeschichte 11,29)

„Ich weiß deine Werke und deine Liebe und dein Amt und deinen Glauben und deine Geduld und daß du je länger, je mehr tust.“ (Offenbarung 2,19)

Offenbar zieht Luther die Übersetzung „Amt“ da vor, wo es um einen speziell „geistlichen“ Dienst geht wie z.B. Evangelisation, biblische Lehre, usw. Mit zwei bemerkenswerten Ausnahmen, wo die Lutherübersetzung trotzdem (richtigerweise) „Dienst“ sagt:

„daß einer empfange diesen Dienst und Apostelamt, davon Judas abgewichen ist, daß er hinginge an seinen Ort.“ (Apostelgeschichte 1,25)
– Hier hat die Wahl von „Dienst“ anscheinend stilistische Gründe, um die Redundanz „Amt und Apostelamt“ zu vermeiden. (Man müsste übrigens auch nicht „Apostelamt“ sagen; das entsprechende griechische Wort hat nichts „Amtliches“ an sich. Man könnte genausogut „Aposteltum“, „Aposteldienst“ o.ä. sagen; oder sogar einfach „Sendung“, denn „Apostel“ bedeutet „Gesandter“..)

„… daß die Heiligen zugerichtet werden zum Werk des Dienstes, dadurch der Leib Christi erbaut werde…“ (Epheser 4,12)
– Hier handelt es sich um eine interessante Abweichung vom „amtlichen Prinzip“. Im Unterschied zu den meisten anderen Stellen ist hier nicht die Rede von Aposteln, Predigern o.ä, die einen geistlichen Dienst haben, sondern von „Laien“, schlichten „Heiligen“. Offenbar kann die „amtliche“ Übersetzung sich nicht erlauben zu sagen, auch „Laien“ könnten ein geistliches „Amt“ haben, und gebraucht deshalb hier das Wort „Dienst“, obwohl es genauso um einen geistlichen Dienst geht wie in den vielen Stellen, wo dasselbe Wort mit „Amt“ übersetzt wird! – So wird der Bibelleser darüber hinweggetäuscht, dass wir in diesem Vers einen wichtigen Beleg dafür haben, dass nicht nur die im Vers zuvor genannten „Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer“, sondern eben auch die „Laien“ geistlich „dienen“ bzw. „amten“ können. Nur dass Erstere zusätzlich dazu noch die Aufgabe haben, Letztere für diese Aufgabe „zuzurichten“.

Die Zürcher Übersetzung ist in dieser Hinsicht viel weniger „amtlich“. Sie vermeidet grundsätzlich das Wort „Amt“, ausser in Zusammensetzungen wie „Apostelamt“, „Bischofsamt“ usw. (von letzterem werden wir später sprechen). Das Wort „diakonía“ wird in der Zürcher Übersetzung richtigerweise immer mit „Dienst“ oder verwandten Wörtern übersetzt.

Zu „diakonía“ gibt es das entsprechende Verb „diakonéo“ (dienen). Dieses Wort ist auch in der Lutherübersetzung fast überall richtigerweise mit „dienen“ oder einem verwandten Wort übersetzt. Mit Ausnahme von 1.Petrus 4,11:

„so jemand redet, daß er’s rede als Gottes Wort; so jemand ein Amt hat, daß er’s tue als aus dem Vermögen, das Gott darreicht …“

Diese Übersetzung ist besonders inkonsequent, wenn man in Betracht zieht, dass dasselbe Wort „diakonéo“ auch im vorhergehenden Vers vorkommt und dort richtig mit „dienen“ übersetzt wurde:

„Und dienet einander, ein jeglicher mit der Gabe, die er empfangen hat, als die guten Haushalter der mancherlei Gnade Gottes: …“ (worauf der oben zitierte Vers folgt).

Es gibt überhaupt keinen Grund, warum „diakonéo“ im Vers 10 mit „dienen“ übersetzt werden sollte, aber im Vers 11 (in genau demselben Zusammenhang) mit „ein Amt haben“. Ausser eben, man setzt fälschlicherweise voraus, dass die Gemeinde Jesu von „Amtsträgern“ regiert werden solle, und liest dann diese Vorstellung in den Bibeltext hinein.

Dann gibt es auch noch das Wort „diákonos“ (Diener). Dieses wird in der Lutherausgabe richtigerweise mit „Diener“ bzw. „Knecht“ übersetzt – auch wieder mit einer Ausnahme, nämlich in 2.Korinther 3,6, wo von „Dienern des Neuen Bundes“ die Rede ist und Luther stattdessen sagt: „…das Amt zu führen des Neuen Testaments“.
Englische und spanische Ausgaben übersetzen „diákonos“ an bestimmten Stellen gerne mit „Minister“, das klingt noch viel gehobener. Ich bin froh, dass wir im Deutschen wenigstens dieses Problem noch nicht haben …

Dafür gebraucht die Zürcher Übersetzung in 1.Timotheus 3,8 und 12 (interessanterweise und inkonsequenterweise aber nicht in Philipper 1,1) das Kunstwort „Diakon“ (einfach eine buchstäbliche Übertragung des griechischen „diákonos“ ins Deutsche). Damit wird der Eindruck erweckt, das Neue Testament kenne ein besonderes „kirchliches Amt“ des „Diakons“. Wenn ein „Amtsträger“ kein Diener sein will, dann ist es natürlich angenehm, einige andere Geschwister für gewisse Dienstleistungen anzustellen. Würde man diese aber einfach „Diener“ nennen, dann gäbe es wohl nicht allzuviele Freiwillige für diesen Posten. Würde man sie andererseits zu „Amtsträgern“ erheben, dann würde damit eine unwillkommene Konkurrenz zum Pfarrer geschaffen. So erfand man als Zwischenstufe den „Diakon“ (und einige Bibelausgaben nennen in Römer 16,1 Phöbe eine „Diakonisse“). Inzwischen gibt es „Diakone“ für alles mögliche: im evangelikalen Raum habe ich schon von „Zeltdiakonen“, „Baudiakonen“ u.ä. sprechen hören. (Wer gibt in der heutigen Zeit schon gerne zu, dass er unbezahlte „Diener“ anstellt? „Diakon“ klingt da viel besser.) – In Wirklichkeit aber bedeutet „Diakon“, wie wir gesehen haben, gar nichts anderes als „Diener“.

Ich glaube, dass es im Neuen Testament durchaus Christen gab, die sich durch besondere Dienstwilligkeit hervortaten und deshalb in einem besonderen Sinn als „Diener“ bezeichnet wurden; denn 1.Tim.3 spricht offenbar von einer besonderen Gruppe von Menschen innerhalb der Gemeinde. Ich sage nicht, es hätte keine Unterschiede zwischen den Funktionen der verschiedenen Gemeindeglieder gegeben. Warum aber gebrauchten sie das so gewöhnliche Wort „Diener“ als Bezeichnung? Erinnern wir uns, dass das Wort „diákonos“ im Griechischen des Neuen Testamentes nicht diesen „amtlichen“ oder „hierarchischen“ Beigeschmack hatte wie „Diakon“ im Deutschen. Sie nannten sich schlicht „Diener“ – wie auch Paulus selber sich einfach einen „Diener Gottes“ nannte. Es macht einen Unterschied, ob wir einen Begriff einfach als Bezeichnung für eine effektiv ausgeübte Funktion gebrauchen, oder ob wir daraus eine hierarchische Stellung machen.

(Fortsetzung folgt)

PS: Bei späterer Gelegenheit gedenke ich eine Vergleichstabelle anzufügen, welche die Übersetzungen der erwähnten „Amtsbegriffe“ miteinander und mit dem griechischen Text vergleicht.

95 Thesen über die Lage der evangelischen (evangelikalen) Kirchen – 2.Teil

11. Februar 2011

Zum Sinn und Hintergrund dieser „95 Thesen“, siehe das Vorwort im 1.Teil.  Hier die Fortsetzung:

V) Über einige Aspekte des Gemeindelebens

36. In den Versammlungen der neutestamentlichen Gemeinde „hat jeder“ etwas, um seine Geschwister aufzubauen (1.Kor.14,26).
In den heutigen evangelischen Kirchen ist dagegen die Mehrheit in den Versammlungen passiv und hat weder die Initiative noch die Möglichkeit, etwas beizutragen. Sogar in jenen Kirchen, die das Wirken des Heiligen Geistes betonen, werden nur einige wenige der Geistesgaben betont, und der durchschnittliche Gläubige erhält wenig bis keine Gelegenheit, sie wirklich auszuüben.

37. In der neutestamentlichen Gemeinde gab es „Einfachheit des Herzens“ (Apg.2,46) und Transparenz (1.Joh.1,6-7), gegenseitige Hilfe (Apg.2,32) und ungeheuchelte Liebe (1.Petrus 1,22).
In den heutigen evangelischen Kirchen gibt es im allgemeinen keine solche Gemeinschaft zwischen Gläubigen; stattdessen scheint es wichtiger zu sein, den äusseren Anschein und den „Status“ aufrechtzuerhalten.

38. Die heutigen evangelischen Gemeinden haben im allgemeinen eine Tendenz, sich immer weiter in verschiedene Denominationen und Parteien aufzuspalten. Die tiefere Ursache dieser Spaltungen ist meistens, dass „die Liebe erkaltet“ (Matth.24,12), und dass mit der Sünde nicht in der richtigen, biblischen Weise umgegangen wird.
Diese Tendenz zu Spaltungen und Parteiungen ist ebenfalls mit dem Mangel an wahrer Gemeinschaft unter Gläubigen verbunden.

39. In der neutestamentlichen Gemeinde bekannten die Christen einander ihre Sünden (Jak.5,16).
In den heutigen evangelischen Kirchen werden im allgemeinen entweder die Sünden überhaupt nicht bekannt; oder es gibt eine vertikale hierarchische Struktur wie in der katholischen Kirche, wo alle vor dem Pastor bekennen, aber der Pastor bekennt vor niemandem (ausser vor seinem übergeordneten Leiter); und der Pastor berät alle, aber niemand darf den Pastor beraten. Deshalb sind insbesondere die Leiter nicht transparent und legen vor der Gemeinde keine Rechenschaft ab, und es gibt keine echte, tiefe Gemeinschaft unter Geschwistern.

40. Die neutestamentliche Gemeinde investierte ihr Geld in die Hilfe an bedürftige Geschwister, und in die Unterstützung an die vollzeitlichen Verkündiger. (Apg.2,45, 4,34-35, 1.Kor.9,14, 2.Kor.8,14-15, Gal.2,10, Gal.6,6, Eph.4,28)
In anderen Worten, alle ihre Investitionen waren in Menschen, nicht in materielle Dinge (da die materiellen Dinge vergehen, aber die Menschen sind ewig). Insbesondere investierten sie nichts in Versammlungsgebäude, da sie sich an öffentlichen Plätzen versammelten und in ihren eigenen Häusern.

41. Die heutigen evangelischen Kirchen legen sich selbst im allgemeinen eine sehr schwere Last an Finanzen, Kräften und Zeit auf, wegen ihrer Bauvorhaben. Diese Mittel fehlen dann der eigentlichen Arbeit Gottes.

42. Die Christen im Neuen Testament öffneten ihre Häuser für (unangemeldete) Besucher und Versammlungen, und beherbergten wandernde Diener Gottes; sie waren bekannt für ihre Gastfreundschaft. (Apg.2,46, 5,42, Röm.16,23, 1.Kor.16,19, Kol.4,15, Phlm.2, Heb.13,2, 1.Petrus 4,9, 3.Joh.5-10)
Viele Mitglieder heutiger evangelischer Gemeinden haben nicht das Vertrauen, ihre Häuser anderen Geschwistern zu öffnen oder spontan andere Geschwister in deren Häusern zu besuchen (ausser sie werden offiziell zu Hauskreis-Gastgebern bestimmt). Das deutet auf einen Mangel an Gastfreundschaft hin, und auf einen Mangel an echter Gemeinschaft und Vertrauen unter Geschwistern.

43. Keine menschliche Organisation ist identisch mit „der Gemeinde“, und keine menschliche Person darf sich „Haupt der Gemeinde“ nennen. Die Gemeinde gehört Jesus dem Herrn, und niemandem sonst.
Deshalb ist es entgegen dem Wort Gottes, wenn ein Pastor, eine örtliche Gemeinde oder ein Gemeindeverband sich ein besonderes Recht über die Personen anmasst, die sich bei ihnen versammeln („meine Gemeinde“, „meine Schafe“). Die Bekehrung, Hingabe und Loyalität eines Christen richten sich an Christus, nicht an eine Denomination oder einen menschlichen Leiter (1.Kor.1,12-17, 3,4-9, 1.Petrus 5,3).
Die menschlichen Organisationen sind unvollkommen, führen immer ein gewisses Mass an Fehlern ein, und enthalten immer eine gewisse Anzahl nicht wiedergeborener Mitglieder.

44. Das Problem des Denominationalismus kann nicht gelöst werden, indem man einfach die bestehenden Denominationen verlässt, denn das bildet nur neue Denominationen, die ihrerseits in Konkurrenz stehen zu den bestehenden. – Es kann auch nicht gelöst werden, indem man „gemeindelos“ bleibt, denn ein Christ braucht die Gemeinschaft mit den anderen Gliedern des Leibes Christi. – Das Problem wird sich nur lösen, wenn die Gemeinde wieder anfängt, das christliche Leben des Neuen Testamentes zu leben.


VI) Über die Leiterschaft der Gemeinde

45. Die Gemeinde Jesu ist keine Diktatur (2.Kor.1,24, 1.Petrus 5,2-3). Die Leiter der Gemeinde Jesu sind dazu da, den anderen Gliedern zu dienen (Luk.22,24-27). Nicht jedes Wort des Leiters ist ein „Ausspruch Gottes“.
Viele heutige evangelische Kirchen sind Diktaturen. Leiter beschämen kalkuliert die Mitglieder, um zu erreichen, dass sie sich ihren Launen unterwerfen. Sie üben eine falsche Autorität aus, mit Manipulation und Drohungen, und missbrauchen oft den Namen Gottes, um ihre eigenen Ziele zu erreichen. Sie lehren, implizit oder explizit, dass ein Christ die Stimme Gottes nur mittels seiner Leiter hören kann.
Von einem Leiter, der so nach eigener Massgabe regiert, kann nicht gesagt werden, er sei von Gott eingesetzt oder repräsentiere die Stimme Gottes.

46. Die Gemeinde Jesu ist keine Demokratie. Es kommt Gott zu, nicht dem Menschen, Leiter zu berufen und einzusetzen (Joh.15,16, Apg.20,28, Eph.4,11).
Viele heutige evangelische Kirchen wählen ihre Leiter nach fleischlichen Kriterien; eine Mehrheit von gottfernen Mitgliedern wählt gottferne Leiter. Von solchen Leitern kann auch nicht gesagt werden, sie seien von Gott eingesetzt, denn sie befinden sich in ihren Stellungen entgegen dem Willen Gottes.

47. Die (örtliche) Gemeinde Jesu wird von mehreren Leitern geleitet.
Das Neue Testament erwähnt keine einzige Ortsgemeinde, die von einer einzigen Person geleitet worden wäre. Dagegen werden viele Gemeinden erwähnt, die von einer Gruppe von mehreren Leitern geleitet wurden (Apg.13,1, 14,23, 15,4.6, 20,17, Phil.1,1, 1.Thess.5,12-13, Titus 1,5, Hebr.13,7), und von einer Vielfalt von Diensten (Eph.4,11-12).

48. Im Neuen Testament wurde die geistliche Autorität von Personen dadurch erkannt und anerkannt, dass sie Jesus persönlich kennen und ihm nahe sind; und dadurch, dass sie mit ihrem Leben den Gläubigen ein Beispiel sind.
Die heutigen evangelischen Kirchen haben im allgemeinen irrige Kriterien für Autorität, wie z.B:

  • Kenntnisse oder akademische Titel,
  • eine durch menschliche Wahl übertragene Position,
  • die menschliche Fähigkeit zu überzeugen, zu manipulieren oder sich durchzusetzen,
  • die finanzielle Stellung.

Nichts von dem Erwähnten ist ein biblisches Kriterium für geistliche Autorität. Deshalb sind viele der gegenwärtigen Gemeindeleiter nicht jene, die nach biblischen Kriterien Leiter sein sollten.

49. Im Neuen Testament sind die Ausdrücke „Pastor“/“Hirte“ (insofern ein Leiter einer örtlichen Gemeinde gemeint ist), „Ältester“, und „Bischof“/“Aufseher“ synonym (Apg.20,17.28, Titus 1,5-7, 1.Petrus 5,1.4).
Es gibt keine „Pastoren als Vorgesetzte von Ältesten“, und keine „Bischöfe als Vorgesetzte von Pastoren“.
(Timotheus und Titus waren keine örtlichen „Pastoren“, sondern hatten einen apostolischen oder „ko-apostolischen“ (regionalen) Dienst als Beauftragte und Nachfolger von Paulus. – Siehe Titus 1,5 „in jeder Stadt“.)

50. Von den 5 Diensten, die in Eph.4,11 erwähnt werden, anerkennen die heutigen evangelischen Kirchen im allgemeinen nur den Dienst des „Pastors“/“Hirten“, und diesen verstehen sie erst noch falsch, indem sie einen einzelnen „Hauptpastor“ über eine örtliche Gemeinde stellen, was nicht biblisch ist (s.o. No.47) Deshalb ist das Volk Gottes geistlich unterernährt.

51. Die Gemeinde Jesu wird durch Konsens geleitet (Matth.18,19-20, Apg.15,22.28).
Ein Konsens wie er in den angeführten Stellen beschrieben wird, ist nicht ein gegenseitiges Abkommen zwischen unterschiedlichen menschlichen Meinungen. Vielmehr ist er die Harmonie, die entsteht, wenn alle Leiter ehrlich und ernsthaft Gottes Willen suchen (siehe Apg.13,1-3), und so zu einer einmütigen Entscheidung kommen. Um zu dieser Art Konsens zu kommen, ist das übernatürliche Wirken Gottes erforderlich, der jeden einzelnen führt.

52. Die heutigen evangelischen Kirchen kommen im allgemeinen nicht zu einem Konsens dieser Art, weil sie nicht ernsthaft Gottes Willen suchen; und weil einige ihrer Leiter nicht einmal wiedergeboren sind. Deshalb lassen sie sich von menschlichen Entscheidungen führen statt von Gottes Willen. Dieser Mangel an Konsens ist ein weiteres Zeichen dafür, dass die Kirchen und ihre Leiterschaft sich sehr weit vom Standard Gottes entfernt haben.

53. Wo die Leiterschaft das geistliche Leben hindert, oder dem geistlichen Leben gegenüber gleichgültig ist, statt dazu zu ermutigen, da handelt es sich nicht um eine wirkliche geistliche Leiterschaft.

Das geistliche Leben wird gehindert, wo z.B. …

  • … die Leiter die Zeit der Mitglieder mit geistlich unproduktiven Aktivitäten besetzen,
  • … die Mitglieder gelehrt werden, in erster Linie sich äusseren Regeln und Normen anzupassen, statt selber Gott zu suchen,
  • … die Leiter die Mitglieder von sich selber abhängig machen statt von Gott,
  • … die Leiter die Mitglieder als ihr persönliches Eigentum betrachten, indem sie z.B. verhindern, dass die Mitglieder geistliche Nahrung oder Rat erhalten von ausserhalb des Einflussbereichs des Leiters,
  • … die Leiter auf ihren Vorrechten bestehen, und besonders aktive Mitglieder mit Argwohn betrachten (insbesondere jene, die Änderungen vorschlagen),
  • … die Leiter die Mitglieder nicht zum Werk des Dienstes zurüsten (Eph.4,12), und ihnen weder Platz noch Freiheit lassen, dieses Werk zu tun,
  • … jede geistliche Aktivität vom Leiter „bewilligt“ werden muss,
  • … die Leiter sich nicht um die Ausbreitung des Evangeliums an ihrem Ort und in der Welt kümmern,
  • … die Leiter ihre Macht missbrauchen,
  • … die Leiter sich in das Privatleben der Mitglieder einmischen,
  • … die Leiter ihre Fehler nicht anerkennen, und keine Verantwortung dafür übernehmen,
  • … die Mitglieder den Leitern dienen müssen, statt dass ihnen geholfen wird, Gott zu dienen,
  • … die Leiter mit ihrem eigenen Leben zeigen, dass Gott nicht den ersten Platz in ihrem Leben hat,
  • … die Mitglieder entmutigt oder abgelehnt werden, wenn sie anfangen mit anderen zu teilen, was sie mit Gott erlebt haben.

Wo eine Leiterschaft in beschriebener Weise oder ähnlich handelt, da hat ein Christ KEINERLEI Verpflichtung, dieser Leiterschaft zu gehorchen oder sich ihr unterzuordnen (Apg.5,29).

54. Im Neuen Testament gibt es keine menschliche Leiterschaftsautorität, die über die örtliche Gemeinde hinausginge, mit Ausnahme des apostolischen Dienstes.
(Die Dienste der Propheten, Evangelisten und Lehrer können regional oder überregional sein, aber sie üben keine Leiterschaftsautorität über die Gemeinden aus.)

55. Die heutigen evangelischen Kirchen errichten im allgemeinen apostolische Strukturen (regionale und nationale Leiterschaften, Synoden, usw.), ohne dass sie überhaupt abgeklärt hätten, ob der apostolische Dienst heute noch existiert; und noch viel weniger, was die Kriterien dazu wären, dass jemand einen solchen Dienst ausübte. Deshalb haben sie Leiterschaftsstrukturen, für die sie keine lehrmässige Grundlage haben, und besetzen diese Strukturen mit Menschen, die die biblischen Kriterien nicht erfüllen für die Funktion, die sie innehaben.

56. Alle Christen sind Priester. (1.Petrus 2,5.9, Offb.1,6; 5,10; 20,6 – dies sind die einzigen Bibelstellen, wo das Wort „Priester“ für Christen gebraucht wird, und alle diese Stellen beziehen sich auf die Gesamtheit der Christen.) Kein Christ braucht einen anderen Priester (Mittler) ausser Jesus, um sich Gott zu nähern (1.Tim.2,5, Hebr.4,14-16, 10,19-22). Deshalb ist es unbiblisch und gotteslästerlich, wenn ein christlicher Leiter sich priesterliche Vorrechte über andere Christen anmasst. Nicht einmal die Apostel selber massten sich solche Vorrechte an.

57. Die Position eines „ordinierten Pastors“ gibt es im Neuen Testament nicht.
Die Leiter wurden aufgrund ihrer offensichtlichen geistlichen Autorität anerkannt (s.o. No.48), nicht durch einen Akt der „Ordination“. Niemand wird zu einem Pastor durch einen Akt der Ordination; sondern die Gemeinde anerkennt jene, die bereits „von gutem Zeugnis, voll von Heiligem Geist und Weisheit“ sind (Apg.6,3).
– Im Neuen Testament gab es zwar „Älteste“, und es gab die fünf Dienste, die in Epheser 4,11 erwähnt sind; aber beides war sehr verschieden von dem, was heute unter einem „ordinierten Pfarrer“ verstanden wird.
(Die einzigen neutestamentlichen Stellen, die im Sinn einer „Ordination“ verstanden werden könnten, sind die Hinweise auf die „Handauflegung“ in 1.Tim.4,14, 5,22, und 2.Tim.1,6. Aber diese Stellen sprechen einfach von einer „Gabe“, die verliehen wurde. Wenn einige Ausleger diese Stellen als „Ordination“ interpretieren, dann kommt das daher, dass sie bereits vom römisch-katholischen Konzept beeinflusst sind, s.u. No.58.
– Im Alten Testament wurden Priester ordiniert; aber das kann nicht auf die neutestamentliche Gemeinde übertragen werden, weil alle Christen Priester sind, s.o.
No.56.)

58. Das gegenwärtige Konzept eines „ordinierten Pastors“ kommt vom katholischen Sakrament der Priesterweihe, welche den „Klerus“ von den „Laien“ trennt und die „Laien“ vom Dienst des Herrn ausschliesst (während Eph.4,12 erklärt, dass es Aufgabe der „Pastoren“ etc. ist, alle Christen zuzurüsten, damit sie „das Werk des Dienstes“ tun). Deshalb haben die heutigen evangelischen Kirchen im allgemeinen noch ein viel eher römisch-katholisches als biblisches Amtsverständnis.
Eine andere Wurzel dieses irrigen Verständnisses liegt (in Südamerika) im Schamanismus, mit dem Glauben, der „Pastor“ besässe aufgrund seiner „Ordination“ gewisse mystische Kräfte (ähnlich einem Medizinmann), die andere Gläubige nicht haben.
Aus all diesen Gründen behindern oder entmutigen viele heutige „Pastoren“, „Pfarrer“ und „Leiter“ in Wirklichkeit Gottes Werk mehr als dass sie es voranbringen. Das geschieht, weil diese Leiter sich unersetzbar machen, und das verhindert, dass die „Laien“ effizient und vollmächtig dienen könnten. Die „Laien“ bleiben unreif und abhängig.

59. Die Austeilung des Abendmahls und das Taufen wird nirgends im Neuen Testament mit einer bestimmten Position der Leiterschaft oder des Dienstes in Verbindung gebracht.
Das Abendmahl im Speziellen ist die Fortsetzung des jüdischen Passah, und wurde in den Privathäusern gefeiert wie das Passah (Apg.2,46). Deshalb ist anzunehmen, dass das Abendmahl genauso wie die Passahfeier vom Familienvater geleitet wurde.
Was die Taufe betrifft, so wurde der Apostel Paulus von Ananias getauft (Apg.22,16), der weder Apostel noch Ältester war, sondern ein einfacher „Jünger“ und „gottesfürchtiger Mann“. Paulus selber erklärt, dass er nicht gesandt wurde zu taufen; somit waren es andere, die seine Bekehrten tauften (1.Kor.1,13-17). Der Missionsbefehl Jesu an alle seine Jünger (Matth.28,18-20) schliesst den Taufbefehl mit ein.
(Wir können nicht sagen, dass dieses Gebot sich nur an die Apostel richtete, denn es erstreckt sich „bis zum Ende der Welt“; und die Apostel werden beauftragt, „sie zu lehren, dass sie alles halten, was ich euch geboten habe“, was mit Sicherheit ebendiesen Taufbefehl mit einschliesst.)
Die logische Schlussfolgerung ist, dass das Neue Testament keinerlei Einschränkungen kennt, wer unter den Christen das Abendmahl austeilen oder taufen dürfte. Diese Funktionen gehören zum allgemeinen Priestertum aller Gläubigen.

60. Die heutigen evangelischen Kirchen sind jedoch nicht in der Lage, dieses allgemeine Priestertum auszuüben, weil viele ihrer Mitglieder keine wirklichen Christen sind; und auch unter den wirklichen Christen sind viele, die die Anzeichen einer echten Bekehrung in anderen nicht erkennen. Deshalb kann das allgemeine Priestertum nicht wirklich ausgeübt werden, solange die Kirche sich nicht wirklich reformiert.

61. In der neutestamentlichen Gemeinde wurden Personen, die in Sünde weiterlebten, ohne diese zu bereuen, von den anderen Christen gemieden (1.Kor.5,1-5, 5,11, 6,9-10), mit dem Ziel, sie zur Umkehr und zur Wiederherstellung zu bringen, wo immer möglich (2.Kor.2,6-11, 7,8-11).

62. In vielen heutigen evangelischen Kirchen wird eine verkehrte Art von „Gemeindezucht“ angewandt, mit dem Ziel, die Mitglieder zu manipulieren und zu bedrohen, damit sie den Forderungen der Leiter nachgeben.
Diese „Gemeindezucht“ wird nicht aus den biblischen Gründen angewandt, sondern um jene zum Schweigen zu bringen, die einem Leiter widersprechen oder ihn kritisieren (wie berechtigt die Kritik auch sein möge), usw. In allzuvielen Fällen, wo jemand eine Sünde eines Leiters aufdeckt, wird nicht der schuldige Leiter unter „Gemeindezucht“ gestellt, sondern derjenige, der die Sünde aufdeckte.

95 Thesen über die Lage der evangelischen (evangelikalen) Gemeinden (1.Teil)

31. Januar 2011

EINLEITUNG

Am 31. Oktober 1517 versuchte Martin Luther, eine öffentliche Diskussion in Gang zu setzen über den Zustand der Kirche seiner Zeit, und schlug einige Reformen vor. Das Ergebnis war viel radikaler, als er es sich vorgestellt hätte: statt die Kirche zu reformieren, entstand eine grosse Oppositionsbewegung gegen die Kirche; während die katholische Kirche selbst sich weigerte, sich zu reformieren.

Gegenwärtig haben die evangelischen und evangelikalen Kirchen ihrerseits eine Reformation nötig. Werden sie dieses Mal auf den Ruf des Herrn hören, oder werden sie die Geschichte wiederholen und wieder so handeln wie damals die katholische Kirche?

Viele der Beobachtungen in den folgenden Thesen kommen aus meiner eigenen Erfahrung im peruanischen Hochland. Die Situation ist in anderen Kulturen vielleicht anders. Aber ich erhielt ähnliche Berichte von so unterschiedlichen Orten wie Nordamerika, Europa und Afrika, sodass ich annehmen muss, dass zumindest einige der beschriebenen Missstände weltweit verbreitet sind.

Die meisten dieser Thesen sind einfache Vergleiche zwischen der Gemeinde des Neuen Testamentes und den heutigen evangelischen bzw. evangelikalen Kirchen. Wenn man mit offenen Augen diesen Vergleich vornimmt: wie weit sind wir davon entfernt, die Gemeinde zu sein, die Gott möchte?

Anmerkungen zur spanischen Originalausgabe:

– In diesen Thesen erscheint häufig der Ausdruck: „die evangelischen Kirchen … im allgemeinen“. – Ich bin mir bewusst, dass es unter den evangelischen Kirchen eine grosse Vielfalt gibt. Wahrscheinlich ist kaum eine Einzelgemeinde von allen aufgeführten Punkten betroffen. Aber wir alle sind verantwortlich, uns vor dem Wort Gottes zu prüfen.

– Dieses Dokument wurde nicht als fertige Lehrunterlage verfasst, sondern möchte zur Fürbitte und zu einer weiten Diskussion Anlass geben. Deshalb befindet es sich in einem provisorischen Zustand, und verschiedene Teile bedürfen evtl. einer Revision. „Thesen“ bedeutet ja: Standpunkte, die zur Diskussion vorgeschlagen werden; nicht eine fertig ausgearbeitete Lehrunterlage. Die Veröffentlichung war erst für einen späteren Zeitpunkt vorgesehen; aber ich kam zu der Überzeugung, dass diese Botschaft dringend ist und deshalb so bald wie möglich veröffentlicht werden sollte.

Anmerkungen zur deutschen Übersetzung:

Zum Zeitpunkt dieser Übersetzung sind über vier Jahre vergangen seit der Originalfassung. Die Reaktion darauf übertraf meine Befürchtungen noch: Es fand überhaupt keine Diskussion statt. Stattdessen wurden die vorliegenden Thesen von evangelikalen Leitern als „Unrat“ bezeichnet, zensuriert, verleumdet, oder zu „verbotener Lektüre“ erklärt. Diese negativen Reaktionen richteten sich unerwarteterweise mehrheitlich nicht gegen die eher kontroversen Thesen über Gemeinde und Gemeindeleitung, sondern gegen die These Nr.1, von welcher ich angenommen hatte, diese sei zumindest im evangelikalen Bereich noch unbestritten (göttliche Inspiration und Irrtumslosigkeit der Bibel). Mehrere evangelikale Organisationen und Leiter brachen öffentlich und ohne Begründung ihre Beziehungen zu mir ab. Ähnlich reagierten auch einige Leiter im deutschen Sprachgebiet, als sie sich einigen Grundgedanken dieser Thesen gegenübersahen. Zu einer konstruktiven Kritik auf biblischer Basis war bis heute (Januar 2011) niemand fähig. Deshalb konnte ich auch noch keine Revision dieser Thesen vornehmen. Sie erscheinen deshalb auch in dieser Übersetzung noch in der als „provisorisch“ vorgestellten Erstfassung (mit einigen wenigen zusätzlichen Anmerkungen).

Aus den genannten Gründen wird diese Artikelserie in der Kategorie „Zensurierte Artikel“ veröffentlicht.

So traurig auch diese Vorgänge sind, so bestätigen sie doch gerade eine meiner Hauptthesen: Die Kirchengeschichte ist in einem grossen Kreis zur Situation vor der Reformation zurückgekehrt. Nur dass heute die evangelischen und evangelikalen Kirchen die Rolle der damaligen katholischen Kirche spielen. Wenn sie mit klaren Aussagen der Heiligen Schrift konfrontiert werden, die ihren eigenen Traditionen widersprechen, dann reagieren sie nicht anders als die katholische Kirche des Mittelalters auf Luther.

Sprachliche Anmerkungen:

Eine Übersetzung ins Deutsche war nicht ganz einfach, denn die deutsche Sprache gebraucht einige spitzfindige Unterscheidungen, die in anderen Sprachen nicht vorkommen. So z.B. die Unterscheidung zwischen „evangelisch“ und „evangelikal“. Um nicht überall das Doppelwort „evangelisch/evangelikal“ schreiben zu müssen, gebrauche ich das Wort „evangelisch“ für beide. Wo spezifisch die reformierten Landeskirchen gemeint sind, schreibe ich „reformiert“.
Ebenso wird im Deutschen je nach konfessioneller Kultur entweder „Pfarrer“ oder „Pastor“, entweder „Kirche“ oder „Gemeinde“ gesagt. Auch diese Begriffe sind in den folgenden Thesen meistens austauschbar. In der Regel bevorzuge ich „Kirche“, wo eine menschliche Organisation gemeint ist, und „Gemeinde“, wo die neutestamentliche Gemeinschaft der Christen gemeint ist.
Betr. persönliche Fürwörter richte ich mich nach der Gepflogenheit des vor-feministischen Zeitalters, als bei Verallgemeinerungen das männliche Fürwort ausreichte, um alle, auch Frauen, einzuschliessen. Ich tue dies nicht, weil ich Frauen ablehnen würde, sondern lediglich weil mir der ständige Gebrauch von Doppelwörtern wie „er/sie“, „ihm/ihr“, zu umständlich ist.


95 THESEN

I) Über die Auslegung der Bibel

1. Die Bibel ist in ihren Originalhandschriften Gottes inspiriertes Wort, irrtumslos und unfehlbar.
– Obwohl die heutigen evangelischen Kirchen im allgemeinen dies in ihrem Glaubensbekenntnis festhalten, geben viele in der Praxis der kritischen Theologie Raum, welche die Bibel als ein menschliches Wort ansieht, das Irrtümer enthalten kann.

(Im deutschen Sprachraum haben viele reformierte Kirchen bereits die kritische Theologie zu ihrer offiziellen Theologie erklärt und sind hierin also wenigstens konsequent. Im Raum der Freikirchen dürfte aber die beschriebene Inkonsequenz – die in Lateinamerika allgemein verbreitet ist – auch vorzufinden sein.) Wenn einmal die Türen geöffnet sind für die kritische Theologie, folgen unvermeidlich weitere Irrtümer in der Lehre.

2. Die heutigen evangelischen Kirchen legen im allgemeinen die Bibel durch den Filter ihrer eigenen Tradition und gemeindlicher Gewohnheiten aus. Diese Tradition hindert sie daran, zu sehen, was die Bibel wirklich sagt.
Wenn sie „Kirche“ oder „Gemeinde“ lesen, stellen sie sich eine heutige Kirche vor, und sind sich nicht bewusst, dass die Gemeinde des Neuen Testamentes sehr anders war. Wenn sie „Bekehrung“ lesen, stellen sie sich eine Person vor, die an einer Evangelisationsveranstaltug ein „Übergabegebet“ nachspricht, und sind sich nicht bewusst, dass eine Bekehrung im Neuen Testament etwas ganz anderes war. Wenn sie „Pastor“ („Hirte“) lesen, stellen sie sich einen Pfarrer einer heutigen Kirche vor, und sind sich nicht bewusst, dass ein „Hirte“ im Neuen Testament etwas ganz anderes war. (Die Beispiele könnten beliebig vermehrt werden.)

3. Die Apostelgeschichte und die apostolischen Briefe sind Beschreibungen des Normalzustandes der Gemeinde, gemäss Gottes Willen für alle Zeiten.
Der Herr ist derselbe in allen Zeiten; Sein Wort besteht für immer (Jes.40,8, Matth.24,35); und wenn er irgendeine Änderung vorgesehen hätte für die Zeit nach dem Abschluss des Neuen Testamentes, dann hätte er dies zum voraus prophetisch angekündigt.
Die heutigen evangelischen Kirchen betrachten im allgemeinen die Apostelgeschichte nur als einen Bericht aus vergangenen Zeiten; oder sie interpretieren deren Inhalt um und passen ihn ihrer jeweiligen konfessionellen Tradition an; und auf beide Arten wird die Botschaft der Apostelgeschichte nicht wirklich auf heute angewandt. Dies ist ein schwerer Fehler, der die Kirchen blind macht dafür, wie weit sie sich von Gott entfernt haben.


II) Über die Wiedergeburt

4. Die Wiedergeburt ist eine Tat Gottes, nicht des Menschen (Joh.3,8, 6,44). Es ist Gott, der die Vorherbestimmten ruft und rechtfertigt (Röm.8,29-30). Die Verantwortung des Menschen besteht darin, auf den Ruf Gottes zu antworten mit Umkehr und Glauben (Markus 1,15, Apg.2,38, Röm.4,5).
Die evangelischen Kirchen heute (d.h. v.a. Freikirchen) glauben und lehren im allgemeinen, dass die Wiedergeburt eine Tat des Menschen ist (selbst wenn ihre offizielle Lehre anders ist) – das zeigt sich in ihren manipulativen Evangelisationsmethoden.
(Anm: Es geht mir bei dieser These nicht darum, eine spezifische Version der Prädestinationslehre zu diskutieren. Das genaue Zueinander von göttlicher Vorherbestimmung und menschlicher Verantwortung zu beschreiben, gehört zu den schwierigsten theologischen Fragestellungen überhaupt, und ich bin da durchaus offen für eine gewisse Bandbreite an Meinungen. Worum es mir vielmehr geht, ist die Grundsatzfrage, ob wir Gottes souveränes und übernatürliches Handeln in der Wiedergeburt anerkennen, oder ob wir eine Wiedergeburt als „menschlich machbar“ ansehen – und um die praktischen Konsequenzen, die die Beantwortung dieser Frage z.B. für die Evangelisation hat.)

5. Die Wiedergeburt geschieht nicht durch das Wiederholen eines Übergabegebetes, oder andere menschliche „Methoden“. Es gibt kein Beispiel im Neuen Testament, wo jemand auf solche Weise wiedergeboren worden wäre.
– Die evangelischen Kirchen heute nehmen im allgemeinen jemanden als „bekehrt“ an, wenn er ein Übergabegebet gesprochen hat (resp. die reformierten Kirchen, wenn jemand als Kind getauft wurde). Aufgrund dieser verfehlten Praxis sind die Kirchen verführt, und merken nicht, dass viele falsche Brüder unter ihren Mitgliedern sind.

6. Die wirkliche Umkehr besteht darin, Sünde zu bekennen und hinter sich zu lassen (Spr.28,13). Damit jemand zu einer solchen Umkehr kommt, muss er durch den Heiligen Geist von seiner Sünde überführt werden (Joh. 16:8-9).
Ein Sündenbekenntnis ohne vorausgehende Überführung durch den Heiligen Geist, und ohne den festen Entschluss, die Sünde hinter sich zu lassen, ist keine wirkliche Umkehr.

7. Die heutigen evangelischen Kirchen im allgemeinen verkündigen weder diese wirkliche Umkehr, noch praktizieren sie sie. Als traurige Konsequenz sind viele derer, die sich als Christen verstehen, nie wirklich von neuem geboren worden.

8. Der wahre Glaube, der auf das einmalige Opfer Jesu Christi zur Vergebung der Sünden und zu unserer Erlösung vertraut, führt zu einer Gewissheit, jetzt erlöst zu sein, nicht nur zu einer Hoffnung, „eines Tages“ erlöst zu werden (Joh.5,24).

9. Dieser wahre Glaube kann erst dann wirksam werden, wenn jemand vom Heiligen Geist von seiner Sünde überführt worden ist und wirklich zur Umkehr gekommen ist; vorher nicht.
Wer versucht, auf das Opfer Jesu zu vertrauen, oder das „Geschenk der Erlösung“ anzunehmen, ohne die Überführung von der Sünde erlebt zu haben, der lebt in einem falschen Vertrauen, weil er gar noch nicht weiss, von welcher Gefahr und welchem Urteil er erlöst werden muss.

10. Der wahre Glaube nimmt nichts von Gott „in Anspruch“, und macht auch keine „positiven Bekenntnisse“ über etwas, was er sich nur vorstellt, während die Wirklichkeit anders ist. Derartige „Rezepte“ stammen vom „positiven Denken“ des New Age her, nicht von der Bibel.
Der wahre Glaube vertraut schlicht und fest darauf, dass Gott tun wird, was er versprochen hat, nicht was ich mir vorstelle.

11. Wer von neuem geboren wird, der erhält in seinem Geist das Zeugnis des Heiligen Geistes, dass er Gottes Kind ist (Röm.8,16).
Dieses Zeugnis ist nicht dasselbe wie die menschliche Vorstellung, erlöst zu sein; es ist auch kein menschlicher Akt, es „im Glauben in Anspruch zu nehmen“. Wer dieses Zeugnis erhält, der weiss mit Gewissheit, dass dieses Zeugnis nicht aus seiner eigenen Vorstellung noch aus seinem eigenen Willen entspringt. Wer dieses Zeugnis nicht in sich hat, ist nicht wiedergeboren (Röm.8,9).


III) Über Evangelisation

12. Evangelisation im Neuen Testament ist: Menschen zur Überführung von der Sünde bringen, und zur Umkehr rufen, damit sie gerettet werden. (Matth.3,2, 4,17, Apg. 2,22-23.36-38, Röm.3,19-24)

13. Im Neuen Testament wurden keine Aufrufe gemacht, „Jesus anzunehmen“ oder ähnliches.
Es wurde zur Umkehr gerufen; aber jeder musste diese Umkehr aus eigener Initiative bezeugen, nicht als rituelle Reaktion auf einen Aufruf. (Die Anweisung „Kehrt um und werdet getauft…“ wurde nur jenen gegeben, die schon von sich aus gefragt hatten: „Was muss ich tun, um gerettet zu werden?“ – Apg.2,37-38, 16,30-33).

14. Die heutigen evangelischen (Frei-)Kirchen im allgemeinen rufen in ihrem Eifer, mehr Mitglieder zu gewinnen, nicht-reuige Sünder dazu auf, „Jesus anzunehmen“. Dies bewirkt viele falsche Bekehrungen und sehr wenige echte Bekehrungen.

15. Im Neuen Testament brachten die Christen keine Unbekehrten zu den Versammlungen der Gemeinde.
Im Gegenteil, die Nichtgläubigen hatten Angst davor, sich mit der Gemeinde zusammenzutun (Apg.5,13). Nur nachdem sie sich bekehrten, begannen sie sich mit der Gemeinde zu versammeln. (Dies sollte nicht mit den öffentlichen Versammlungen auf öffentlichen Plätzen verwechselt werden, wo jedermann die Möglichkeit hatte, der Lehre der Apostel zuzuhören, ohne Teil der Gemeinde zu sein.)

16. Die heutigen evangelischen Kirchen bringen im allgemeinen Unbekehrte zu ihren Versammlungen; diese Unbekehrten beginnen sich dann äusserlich wie Christen zu verhalten, bis sie als „Brüder“ angenommen sind, während sie in Wirklichkeit nie von neuem geboren wurden. So füllen sich die Kirchen mit falschen Brüdern.
Schon die Tatsache, dass Unbekehrte überhaupt keine Furcht mehr davor haben, sich mit der Gemeinde zusammenzutun, ist ein Zeichen, dass wir uns weit entfernt haben vom Zustand der Urgemeinde.

17. Im Neuen Testament bezeugte ein Sünder seine Umkehr, indem er sich taufen liess. (Apg. 2,38-41, 8,12, 8,35-38, 10,47-48, usw.)

18. Die heutigen evangelischen Kirchen, soweit sie die Erwachsenentaufe pflegen,
– zögern oft die Taufe wirklich Bekehrter unnötig hinaus; während dieser Wartezeit kann der Feind alle möglichen Zweifel, Versuchungen und Entmutigung in die Herzen der Bekehrten säen;
– taufen aus mangelndem Unterscheidungsvermögen Unbekehrte, die einfach gelernt haben, sich an die äusseren Formen des Christentums anzupassen, nachdem sie viel Zeit zusammen mit Christen verbracht haben.

Ein wirklicher Bekehrter muss mit der Taufe nicht warten; und ein unechter Bekehrter wird durch eine lange Wartezeit nicht zu einem echten.

19. Die Evangelisation im Neuen Testament versprach nie etwas anderes als die Erlösung und das ewige Leben.
Es wurde weder Heilung, noch die Lösung persönlicher Probleme, noch Wohlstand oder Glück versprochen als „Belohnung“ für eine Bekehrung. Im Gegenteil, der Herr rief seine Nachfolger dazu auf, um seinetwillen alles zu verlieren, sogar ihr eigenes Leben (Matth.10,37-39, 16,24-26, Luk.9,57-62). Nur jene, die dem Herrn auf diese Weise nachfolgen, können dann auch die Verheissung erhalten: „… und alle diese Dinge werden euch hinzugetan werden“ (Matth.6,33) – was sich lediglich auf die Grundbedürfnisse des Lebens bezieht.

20. Die heutigen evangelischen Kirchen versuchen im allgemeinen neue Bekehrte zu gewinnen mit Versprechen von Heilung, Lösung persönlicher Probleme, Wohlstand und Glück, usw. Auf diese Weise gibt es falsche Bekehrungen, weil sich die Menschen aus falschen und egoistischen Motiven „bekehren“.

21. So wie ein neugeborenes Baby nach Milch schreit, sucht ein wirklich wiedergeborener Christ von sich aus die Gemeinschaft mit dem Herrn und mit seinen Brüdern.
Wer nach der Bekehrung keinen solchen Hunger und Durst nach dem Herrn hat, ist nicht wirklich bekehrt.
Viele Mitglieder heutiger evangelischer Gemeinden müssen ständig „angespornt“ oder „ermahnt“ werden, weil sie von sich aus diesen Hunger und Durst nach dem Herrn nicht haben; aber das zeigt nur, dass sie in Wirklichkeit nicht wiedergeboren sind.

22. Die heutigen evangelischen Kirchen unternehmen im allgemeinen irrige Bemühungen, an falschen Bekehrten „Nacharbeit“ zu machen, z.B. indem sie sie zum Gottesdienst schleppen, zu dem sie gar nicht gehen wollen; oder indem sie sie unter Druck setzen, sich „christlich“ zu verhalten, während ihre unbekehrte Natur sie nach der anderen Seite zieht, usw. Das alles ist eine Verschwendung von Zeit, Kräften und anderen Mitteln, während die wirkliche Arbeit Gottes vernachlässigt wird: Menschen zu einer wirklichen Umkehr und einem wirklichen Glauben zu führen, gemäss den Prinzipien, die Gott selber aufgestellt hat.


IV) Über Heiligung und Heiligkeit

23. Das Neue Testament nennt nirgends einen Ungläubigen einen „Heiligen“, „Bruder“ oder „Christ“; und nirgends nennt es einen wiedergeborenen Christen „Sünder“. Ein wiedergeborener Christ ist heilig, weil er der Sünde gestorben ist und für Gott lebendig ist (Röm.6,3-11).
Die heutigen evangelischen Kirchen sind im allgemeinen verwirrt, weil sich in ihnen Sünder befinden, die sich „Brüder“ nennen, und Heilige, die sich „Sünder“ nennen. – Luthers Ausdruck „Heiliger und Sünder zugleich“ ist nicht biblisch.

24. Ein wiedergeborener Christ lebt gemäss dem Heiligen Geist (Röm.8,1.4.9.12-13), und mit der Hilfe des Geistes wendet er sich von der Sünde ab und erfüllt so die Gerechtigkeit, die Gott verlangt (Röm.8,4).
Er reinigt sich, weil er den wiederkommenden Herrn erwartet (1.Joh.3,2-3), und sündigt nicht bewusst (1.Joh.3,6-9). Ein wahrer Christ „folgt der Heiligkeit, ohne die niemand den Herrn sehen wird“ (Heb.12:14).

25. Diese Heiligkeit erlangt niemand durch eigene Anstrengungen, sondern durch das Wirken des Herrn, „der in euch sowohl das Wollen als auch das Vollbringen wirkt“ (Phil.2,13, 1.Kor.15,10, Joh. 15,4-6, Eph.2,10).
Ein wahrer Heiliger bemüht sich nicht, das Gute oder Richtige zu tun; aber er bemüht sich, in Christus zu bleiben (und als Ergebnis wird er effektiv das Gute tun).

26. Diese Heiligkeit hat nichts damit zu tun, religiöse Rituale oder äussere Vorschriften zu erfüllen; sondern sie hat mit der Integrität des Herzens zu tun, die Gott in allem gefallen möchte (Ps.40,6-8, Ps.51,6.10).
Die heutigen evangelischen Gemeinden verstehen „Heiligkeit“ allgemein in einem rituellen Sinn (die „richtigen“ und äusserlich „akzeptablen“ Dinge zu tun). Sie unterwerfen sich äusseren Vorschriften, „du sollst nicht in die Hand nehmen, nicht kosten, nicht berühren…“, was einen Anschein von Weisheit hat, aber nichts ausrichtet gegen die Gelüste des Fleisches (Kol.2,20-23). Sie führen Rituale durch von „Gottesdienst“, „Lobpreis“, „Gebet“, „Bekehrung“, „Versöhnung“ – alles der äusseren Form nach, aber die geistliche Realität fehlt. (Matth.15,7-9).

27. Die heutigen evangelischen Kirchen im allgemeinen verkündigen weder die wahre Heiligkeit, noch praktizieren sie sie.
In ihrer Mehrheit entschuldigen sie entweder die Sünde und übergehen sie leichthin; oder sie versuchen, die Heiligkeit durch menschliche Anstrengungen zu erreichen, die in Wirklichkeit fleischlich sind (Phil.3,4-9). Deshalb sagt die Welt: „Warum soll ich Christ werden, wenn sie auch nicht besser sind als ich?“ Und der Name Gottes wird gelästert unter den Heiden durch unsere Schuld (Röm.2,24).

28. Viele Mitglieder evangelischer Kirchen nennen sich selbst „unwürdige Sünder“. Damit geben sie Zeugnis gegen sich selbst, dass sie nicht gerettet sind.
Viele benutzen diesen Ausdruck sogar als Entschuldigung, um weiter zu sündigen; und so zeigen sie, dass sie sich nie wirklich bekehrt haben. – Die Praktik, „um Vergebung zu bitten, um nachher wieder sündigen zu können“, ist völlig entgegen dem Willen Gottes (Jer.7,9-11).

29. Das Evangelium besteht (wie schon Luther hervorgehoben hat) grundsätzlich aus zwei Botschaften: die Botschaft des Gesetzes und die Botschaft der Gnade. Im Neuen Testament wird das Gesetz den Sündern verkündigt, damit sie von ihrer Sünde überführt und zu Jesus Christus geführt werden (Gal.3,22-24). Die Gnade wird den reuigen Sündern verkündigt, damit sie zum Glauben kommen (Röm.3,21-24), und den Gläubigen, damit sie in ihrem Glauben gefestigt werden (Röm.6,14, 1.Petrus 1,13).

30. Die heutigen evangelischen Kirchen haben im allgemeinen diese Ordnung umgedreht: sie verkündigen die Gnade den nicht-reuigen Sündern, und das Gesetz den Gläubigen.
Dieser Fehler bewirkt zwei entgegengesetzte Übel, die ich im folgenden beschreiben werde. In den heutigen evangelischen Gemeinden, wo eines dieser Übel festgestellt wird, da wird häufig das andere Übel als Gegenmittel vorgeschlagen, während in Wirklichkeit beides sehr grosse Übel sind:

31. Die „billige Gnade“ (Bonhoeffer) ist das Übel, das davon kommt, wenn den nicht-reuigen Sündern die Gnade verkündet wird.
Es ist nicht biblisch zu sagen, dass der Herr alle unsere Sünden vergibt, unabhängig davon, ob wir zur Umkehr kommen oder nicht (Lukas 13,3). Es ist nicht biblisch zu sagen, die Erlösung koste nichts (Matth 16,24-25, Matth.13,44-46). Eine solche Verkündigung produziert nicht-reuige Sünder, die zu Gott kommen und sagen: „Wir sind befreit, um weiterhin alle diese Greuel zu verüben“ (Jer.7,8-11).

32. Das „Joch der Pharisäer“ ist das Übel, das davon kommt, wenn den wiedergeborenen Gläubigen das Gesetz verkündigt wird.
Es ist nicht biblisch, die Heiligkeit eines Christen nach seiner Anpassung an äusserliche Regeln zu messen (wie z.B. die Häufigkeit seines Gottesdienstbesuchs, die Höhe seiner Spenden, usw.) – Siehe Matth.15,7-9.
Diese Verkündigung bewirkt, dass die Christen „von der Gnade fallen“ (Gal.5,4) und wieder an ihrer Erlösung zweifeln; sie werden dazu verleitet, wieder aus eigener Kraft zu leben statt aus der Kraft Gottes; und so werden sie unter ein Joch gezwängt, das sie nicht erfüllen können, und beginnen mit der Zeit tatsächlich den Glauben zu verlieren.
Ausserdem bewirkt diese Verkündigung, dass die nicht-reuigen Sünder, die in der Kirche sind, sich so zu benehmen beginnen, als wären sie Christen, indem sie die äusserlichen Vorschriften erfüllen, während ihr Herz unbekehrt bleibt. Daraus entsteht eine derartige Verwirrung, dass es fast unmöglich wird, zwischen den echten und den falschen Christen in der Kirche zu unterscheiden.

33. Ebenso ist es das „Joch der Pharisäer“, über das Verhalten der Gemeindeglieder Kontrolle auszuüben mit Hilfe von Reglementen und Disziplinarverfahren über äusserliche Angelegenheiten und Menschengebote; oder dieselbe Art Kontrolle auszuüben mit Druckversuchen und persönlichen Drohungen.
Diese Art „Behirtung“ verhindert die Entwicklung des Gewissens der Christen, und hält sie gefangen in einer immerwährenden Unreife.
(siehe No.61 und 62 über die „Gemeindezucht“)

34. Wenn in der Gemeinde des Neuen Testamentes Sünde war, dann kam diese Sünde ans Licht; und das führte zur Umkehr (oder wo nicht, zur Strafe Gottes); und in beiden Fällen war das Ergebnis Gottesfurcht. (Apg. 5,1-11, 8,18-24, Gal.2,11-14)
Es wurde als normal angesehen, dass ein Ungläubiger, wenn er zufällig in eine Versammlung von Christen geriet, dort durch Gottes Wirken von seiner Sünde überführt wurde (1.Kor.14,24-25).

35. In den heutigen evangelischen Kirchen geht im allgemeinen die Sünde weiter, ohne ans Licht zu kommen; und sogar wenn sie ans Licht kommt, gibt es keine wirkliche Umkehr.
In den Gemeinden geschieht Diebstahl, Betrug, sexueller Missbrauch, Ehebruch. Lüge und Verleumdung werden bereits als normal angesehen. Das übernatürliche Wirken Gottes, die Sünde ans Licht zu bringen und davon zu überführen, geschieht nicht mehr. Das ist ein Zeichen, dass die Kirche als ganze sich sehr weit vom Willen und Standard Gottes entfernt hat.

Apostel heute?

16. Januar 2011

Folgendes war ursprünglich als Antwort auf einen Kommentar zum Artikel „Auf der Suche nach dem neutestamentlichen Christentum“ gedacht. Aber da es etwas länger geworden ist, dachte ich, ich mache gleich einen eigenen Artikel daraus.

Gibt es heute noch Apostel? Sollten wir wieder Apostel haben? Das ist eine heisse Frage, die in manchen Kreisen eifrig diskutiert wird.

Tatsache ist, dass die allermeisten Denominationen und Gemeindeverbände schon längst Strukturen und Ämter eingerichtet haben, die einem Apostelamt entsprechen. Nur nennen sie sie anders: sie nennen sie z.B. „Bischöfe“, „Landesvorsitzende“, „Superintendenten“, „Bundesvorstände“, usw. Da die meisten dieser Denominationen in der Theorie bestreiten, dass es heute noch Apostel gäbe oder geben sollte, kümmern sie sich auch nicht darum, ob die Personen, die diese Ämter besetzen, tatsächlich apostolische Qualifikationen besitzen. In der Praxis aber verleihen sie ihnen Autorität und Aufsichtsrechte über eine Vielzahl von Gemeinden; und das ist gerade eines der Kennzeichen des Apostelamtes.

Das ist eine Situation höchster Inkonsequenz: die tatsächlichen Leiterschaftsstrukturen widersprechen der theologischen Lehre; und diese ungeeigneten Strukturen werden mit (aus biblischer Sicht) ungeeigneten Personen besetzt. Nicht davon zu reden, dass kaum eine Denomination diese „apostolischen Leiter“ einer anderen Denomination für sich anerkennt. Nach 1.Korinther 1:10-13 und 3:1-4 ist das ein Zeichen von Zerspaltenheit und „Fleischlichkeit“. Die gegenwärtige Situation ist also mit Sicherheit nicht das, was Gott will.

Wie gehen wir damit um? Soll das Apostelamt „offiziell“ wieder eingeführt werden?

Was die biblische Grundlage betrifft, so muss ich offen sagen, ich konnte mich in dieser Frage bis jetzt noch nicht festlegen. Ich kann schlicht im ganzen Neuen Testament keine eindeutige Antwort finden darauf. Die ursprünglichen Apostel haben kein „Testament“ darüber hinterlassen, ob und wer nach ihrem Ableben ihren Platz einnehmen sollte. Ich sehe zwei mögliche Wege:

1. Wir rechnen damit, dass es auch nach den ursprünglichen Aposteln weiterhin Autoritäten über eine Vielzahl von Gemeinden geben soll. Das wird nahegelegt durch die Position von Leitern wie Timotheus und Titus, die tatsächlich im Auftrag von Paulus eine Vielzahl von Gemeinden beaufsichtigten. Sie werden aber nirgends „Apostel“ genannt. (Timotheus wird dagegen „Evangelist“ genannt). – Auch gibt es über den ursprünglichen Apostelkreis hinaus einige weitere Personen im Neuen Testament, die „Apostel“ genannt werden; z.B. Barnabas (Apg.14,14). – Es gibt also gute Gründe, dies als den biblischen Weg anzusehen, und das wird auch von den meisten heutigen Denominationen zwar nicht in der Theorie, aber durch ihre Praxis bestätigt.

Es gibt aber einige Gefahren auf diesem Weg, denen wir uns sehr bewusst sein sollten:

Die Gefahr, dass neue „Apostel“ unbiblische Sonderlehren einführen.

Es sollte immer klar bleiben, dass kein gegenwärtiger Apostel die Autorität der ursprünglichen Apostel haben kann, nämlich autoritativ die christliche Lehre festzulegen oder in diesem Sinn als direkter „Gesandter Jesu“ aufzutreten. Diese Autorität kam eindeutig nur jenen zu, die selber Zeugen des Lebens, Sterbens und der Auferstehung Jesu waren (Apg.1,21-22).
Ich beobachte leider in vielen Kreisen eine Tendenz, gewisse vollmächtige (oder lediglich redegewandte und manipulative) Leiter mit einer Art „mystischer Aura“ zu umgeben und ihnen eine höhere Glaubwürdigkeit zuzusprechen, als ihnen zukommt. So gibt es tatsächlich schon viele Kirchenmitglieder, die statt bibeltreu „leitertreu“ geworden sind und sich dadurch immer weiter von der biblischen Wahrheit entfernen. Die Aufforderung, „alles zu prüfen“ (1.Kor.14,29, 1.Thess.5,21) gilt auch und gerade gegenüber einem Apostel (siehe Galater 1,8 !!).

Die Gefahr des Machtmissbrauchs

In Amerika ist in gewissen Kreisen der Aposteltitel bereits Mode geworden. Manche, die sich früher „Pastor“ oder „Bischof“ genannt hätten, nennen sich jetzt „Apostel“. Oft handelt es sich dabei aber einfach um eine Verlängerung des unbiblischen Ein-Mann-Pastor-Systems, wo die bereits bestehenden Machtstrukturen noch weiter ausgebaut und zementiert werden. Sehr oft sind das dieselben Kreise, die z.B. lehren: „Du musst dich deinem Pastor unterordnen, selbst wenn er unrecht hat“; oder: „Auf Gott zu hören bedeutet auf deinen Pastor zu hören, denn er ist der Gesalbte Gottes.“ Es ist für Aussenstehende fast unvorstellbar, was in solchen Machtsystemen für Zerstörungen angerichtet werden im Glaubens-, Privat- und Familienleben der Menschen, die solchen Pastoren unterworfen sind. Mit einer Google-Suche nach „geistlicher Missbrauch“ bzw. „spiritual abuse“ können Dutzende von Leidensgeschichten Betroffener gefunden werden.

Hiergegen muss ganz klar festgehalten werden: Im Neuen Testament ist Leiterschaft in der christlichen Gemeinde keine „Machtposition“! Im Gegenteil, Jesus hat gesagt: „Der Grösste unter euch soll werden wie der Jüngste, und der Herrschende wie der Dienende!“ (Lukas 22,26). Die Autorität der Apostel bestand nicht in Machtausübung und Manipulation. Sie wurden als Autoritäten anerkannt, weil ihre Nähe zum Herrn, ihre geistliche Reife, ihre von Gott gegebene Befähigung und ihre Hingabe offenkundig waren. In den wenigen Situationen, wo Paulus sich gezwungen sah, sein Apostelamt zu verteidigen, da spricht er gerade nicht als „mächtiger Leiter“, sondern da spricht er von den Leiden und Entbehrungen, die er um Jesu willen auf sich nahm (1.Korinther Kap.4, 2.Korinther Kap.11). Auch die Beschreibung seines Wirkens in Thessalonich (1.Thessalonicher Kap.2) ist in dieser Hinsicht lehrreich und vorbildlich. Gerade Apostel müssen zuallererst dazu bereit sein, den „letzten Platz“ einzunehmen.

Die Gefahr des Klerikalismus und Hierarchismus

Das Pastorenkirchensystem hat zu einer Trennung zwischen „Klerus“ und „Laien“ geführt, wo der eigentliche geistliche Dienst nur noch von eigens dazu eingesetzten „Klerikern“ wahrgenommen werden kann. (Siehe „Bist du pastorisiert worden?„). Wenn vor diesem Hintergrund ein Apostelamt eingeführt wird, dann kann das nur zu einem weiteren Ausbau der klerikalen Hierarchie führen. Z.B. könnte dann ein Gemeindeverband auf die Idee kommen, nur noch solche Pastoren als „gültig“ anzuerkennen, die von einem Apostel in ihr Amt eingesetzt wurden; oder zu verbieten, dass Nicht-Apostel Gemeinden gründen.

In der Urgemeinde waren aber die Apostel nicht dazu da, Aspekte des geistlichen Dienstes zu monopolisieren. Im Gegenteil, sie waren dazu da – wie die anderen „Dienste“ auch -, alle Gläubigen zum geistlichen Dienst auszurüsten und freizusetzen (Epheser 4,12).

Die drei genannten Gefahren werden uns ganz deutlich in den Verirrungen der römisch-katholischen Kirche vor Augen gestellt. Schon das sollte uns eine Warnung sein. Wenn eine Kirche das Apostelamt wieder einführen wollte (und das gilt auch für die bereits bestehenden faktischen „Apostelämter“ mit anderen Benennungen!), dann müsste zuallererst sichergestellt werden, dass nur Christen von ganz aussergewöhnlicher Integrität, Ehrenhaftigkeit und Leidensbereitschaft als „Apostel“ anerkannt werden; Christen, die ihre Leiterschaft voll und ganz im Sinne Jesu und der ersten Apostel ausüben. Sonst werden wir nur zu bald ein evangelikales Papsttum haben.

2. Nun habe ich aber von zwei Wegen gesprochen, die apostolische Autorität zu verstehen. Der zweite Weg besteht darin, diese apostolische Autorität in den Lehren der ursprünglichen Apostel zu suchen, die uns in den Schriften des Neuen Testaments überliefert sind. Das würde bedeuten, dass kein heute lebender Mensch Autorität über eine Vielzahl von christlichen Gemeinden hätte. Jede Einzelgemeinde, und jeder einzelne Christ, hätte sich dann direkt unter die apostolische Autorität des Neuen Testamentes zu stellen, und die einzelnen Gemeinden wären organisatorisch unabhängig voneinander. Es könnte sehr wohl eine Vernetzung der Gemeinden untereinander geben durch reisende Verkündiger mit verschiedensten Diensten; aber keiner dieser „Reisedienste“ hätte Autorität, über innere Angelegenheiten von Gemeinden zu entscheiden.

Auch für diesen Weg gibt es biblische Gründe. Als Paulus sich von den Ältesten von Ephesus verabschiedete, warnte er sie, dass nach seinem Weggang „reissende Wölfe zu euch kommen werden“. In dieser Situation sagt er zu den Ältesten: „Und jetzt befehle ich euch Gott an und dem Wort seiner Gnade, das die Kraft hat, zu erbauen und das Erbe unter allen Geheiligten zu geben“ (Apg.20,32). Er sagt nicht: „Jetzt befehle ich euch meinem Nachfolger XY an.“ Nein, die Ältesten von Ephesus sollten sich in Krisensituationen (und auch sonst) direkt an Gott wenden und sich auf sein Wort abstützen, nicht auf irgendeinen neuen Apostel.
Man könnte hier auch noch anführen, dass Petrus in seinem Abschnitt über die Gemeindeleitung (1.Petrus 5,1-5) nur Älteste erwähnt, aber keine Apostel. „Älteste“ sind aber nur je für ihre örtliche Gemeinde zuständig und nicht darüber hinaus.

Natürlich besteht hier die Gefahr, dass einzelne Gemeinden sich so weit verselbständigen könnten, dass sie zu Sekten werden. Dazu muss aber gesagt werden, dass falsche Lehren und Praktiken sehr oft nicht durch „Sonderlinge“ oder abgesonderte Gemeinden eingeführt werden, sondern oft gerade durch die Leiter an der Spitze, die „apostolische“ Funktionen ausüben. Augenfällige Beispiele sind z.B. die Lehren des Papsttums; die bibelkritische Universitätstheologie; das amerikanische Wohlstandsevangelium; u.a. – Festgefügte, zentralistische Strukturen können genausogut vom Glauben abfallen wie unabhängige Gemeinden; und dann mit viel weitreichenderen Auswirkungen.

Wenn ich nun die gegenwärtige Gemeindesituation ansehe, dann muss ich ernüchtert feststellen, dass gegenwärtig für den grössten Teil der Christenheit keiner der beiden genannten Wege wirklich gangbar ist! Ich sehe, dass die meisten Gemeinden zu orientierungslos sind, um in echter Unabhängigkeit voll und ganz der apostolischen Autorität des Neuen Testamentes zu folgen. Die meisten rufen geradezu nach einer übergeordneten Leiterschaft, die ihnen Richtungsweisung und „Sicherheit“ gibt – und die dadurch weitgehend an die Stelle der Richtungsangaben des Neuen Testamentes tritt. Andererseits gibt es gegenwärtig kaum Leiter von wirklich apostolischer Integrität, die eine solche Leiterschaft wirklich „nach dem Herzen Gottes“ ausüben könnten. In anderen Worten: Es herrscht ein riesiges Vakuum an wirklich gottesfürchtigen und integren Leitern, sowohl innergemeindlich wie übergemeindlich.

Das ist nicht verwunderlich, wenn man in Betracht zieht, dass ein Grossteil derer, die sich „Christen“ nennen, gar nicht wiedergeboren sind. Die beschriebene Situation ist einfach ein Ausdruck des allgemein desolaten Zustands der Christenheit. Ich schlage deshalb vor, dass wir nicht zuerst nach neuen Aposteln Ausschau halten, und auch nicht zuerst darüber debattieren, ob es solche Apostel überhaupt geben soll; sondern dass wir zuerst Gott suchen und uns vor ihm demütigen und ihn inständig bitten, dass er uns selber zu „apostolischen Menschen“ macht. Darunter verstehe ich: Menschen, die in ihrem innersten Wesen so sehr an Gott gebunden sind, wie es die Apostel waren; und die deshalb zunehmend in die Denk- und Lebensweise eines echten Jüngers Jesu hineinwachsen. Oder, wie man früher sagte, „erweckte Christen“. (Heute ist leider auch das Wort „Erweckung“ von anderen Bedeutungen besetzt worden.)

Ich glaube, wo Gemeinden von solchen apostolischen Jüngern Jesu entstehen, da wird sich das oben beschriebene Dilemma auflösen: Eine solche Gemeinde wird in der Lage sein, sich klar am Neuen Testament auszurichten, ohne von Menschenmeinungen hin- und hergeworfen zu werden. Sie wird sich deshalb als unabhängige Gemeinde behaupten können. Sie wird aber auch, wenn Gott es so will und führt, gottesfürchtige und integre Leiter hervorbringen, denen guten Gewissens ein „apostolischer Dienst“ anvertraut werden kann, ohne die oben beschriebenen Gefahren.

Das „Tier“ in der Offenbarung, das Milgram-Experiment und die Kirchen (Teil 2)

25. August 2010

In der ersten Folge habe ich einige Wesenszüge des „Tieres“ in Offenbarung 13 untersucht. Wir haben gesehen, dass es sich dabei um eine „Instutionalisierung“ handelt, die den Einzelmenschen entpersönlicht. Ich habe dann kurz das Milgram-Experiment beschrieben; ein psychologisches Experiment, das die Bereitschaft von Menschen zur blinden Unterordnung untersucht. Mit dem erschreckenden Ergebnis, dass 60 bis 70% der Bevölkerung auf die Anordnung einer Autoritätsperson hin so weit gehen, einem Mitmenschen grausame Schmerzen zuzufügen und ihn sogar in Lebensgefahr zu bringen!

Da ich vorwiegend an christliche Leser denke, stelle ich mir jetzt die Frage: Wie gross ist die Gefahr der christlichen Kirche, zu „vertieren“?

Auf meinem Weg durch eine Vielzahl christlicher Gemeinden und Institutionen begegneten mir leider auf Schritt und Tritt die Anzeichen einer solchen Institutionalisierung oder „Vertierung“.

Ein Gemeindeleiter sagte mir, als ich gewisse administrative Gebräuche seines Gemeindeverbandes ausser acht gelassen hatte: „Du weisst noch nicht, wie die Dinge im Reich Gottes funktionieren.“ (Womit er anscheinend die Gebräuche seines Verbandes mit dem Reich Gottes gleichsetzte.)
Ein anderer Gemeindeleiter, der sich durch eine meiner Schriften angegriffen fühlte, fragte mich: „Hast du etwas gegen die organisatorische Struktur unseres Verbandes?“ Von der Bibel her hatte er jedoch nichts zu antworten auf das, was ich geschrieben hatte.
An Vorstandssitzungen einer sogenannt christlichen Organisation wurden anstössige Vorfälle innerhalb der Organisation nicht darnach beurteilt, was Jesus dazu sagt, sondern ob die Leute draussen darüber redeten oder nicht, und ob dies dem Ansehen der Institution schadete oder nicht. Je nachdem konnte ein und dieselbe Handlung entweder mit Schweigen zugedeckt oder drakonisch bestraft werden.
In einer anderen Organisation herrschte die Ansicht, man könne ohne weiteres lügen oder eine Unterschrift fälschen, wenn dies den Zwecken der Organisation diente.

Solche Anzeichen deuten darauf hin, dass in allzuvielen „christlichen“ Organisationen die „Interessen der Institution“ und das „Ansehen der Institution“ mehr gelten als die Interessen Gottes und das Ansehen Gottes. Diese Institutionen sind zu ihren eigenen Götzen geworden; sie haben sich selbst an die Stelle Gottes gesetzt.

Demgegenüber fällt auf, dass das Neue Testament keine „institutionelle“ Sprache benützt – zumindest wenn man diese nicht von aussen her hineinliest. Manche Bibelübersetzungen sind leider sehr von der gegenwärtigen institutionellen Kirche geprägt und übersetzen daher „Gemeinde“ (oder „Versammlung“) als „Kirche“, „Aufseher“ als „Bischof“, „Diener“ als „Diakon“, „Hirte“ als „Pastor“, „Dienst“ als „Amt“, usw. Ursprünglich hatte aber keines dieser Wörter eine „institutionelle“ Bedeutung. Sie beschrieben einfach, was diese Menschen taten, ohne dass dies mit einer hierarchischen „Stellung“ oder „Amt“ verbunden gewesen wäre.

Jesus und die Apostel bewegten sich ausserhalb jedes institutionellen Rahmens. Sie hatten keinerlei offizielle Anerkennung oder „Position“. Es ist bezeichnend, dass sie ihre schärfsten Zusammenstösse genau mit den religiösen Institutionen ihrer Umgebung hatten: mit den Synagogen und deren Leitern, und mit dem Hohen Rat. Sie traten zwar nicht aus der Synagoge aus, aber ihr ganzes Leben und ihre Lehre stellten dieses System radikal in Frage.

Sie gründeten auch keine neue Institution. Die neutestamentliche Gemeinde wurde nicht von Organigrammen, Reglementen und Statuten zusammengehalten, sondern von einer Person: vom auferstandenen Herrn selber. Sein Konzept von „Kirche“ war äusserst einfach: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ (Matthäus 18,20)

In einer kleinen Begebenheit zeigte Jesus, dass er keine „Institution“ zu verteidigen hatte:

„Johannes antwortete: ‚Meister, wir haben jemanden gesehen, der in deinem Namen Dämonen austrieb, aber er folgt uns nicht; und wir haben es ihm verboten, weil er uns nicht folgte.‘ Aber Jesus sagte: ‚Verbietet es ihm nicht; denn niemand, der ein Wunder tut in meinem Namen, wird darauf Böses sagen können über mich.'“ (Markus 9,38-39)

Auch als die Gemeinde wuchs und die Aufgaben und Dienste vielfältiger wurden, war dies kein Anlass zur Bildung einer Hierarchie. Interessanterweise benutzt das Neue Testament nie die Wörter „über“ oder „unter“, wenn es von den Beziehungen zwischen verschiedenen Gliedern der Gemeinde spricht. Stattdessen ist die Rede von Dienern oder Aufsehern, die „bei euch“ oder „in eurer Mitte“ arbeiten, also auf gleicher Ebene. Die „Unterordnung“ in der neutestamentlichen Gemeinde war gegenseitig (Epheser 5,21).

Auch finden wir im Neuen Testament nicht „die Kirche“ als abstrakten Begriff mit einem institutionellen Eigenleben. „Kirche“ bzw. „Gemeinde“ bezieht sich jeweils klar auf die Gesamtheit der einzelnen Mitglieder als Menschen; öfters erscheint „Gemeinde“ austauschbar mit „die Jünger“ oder „die Heiligen“.

Einen interessanten Kontrast dazu bildet in der Apostelgeschichte der Silberschmied Demetrius, der mit der Anbetung der Göttin Artemis ein Geschäft machte. Als er durch den Einfluss von Paulus sein Geschäft gefährdet sah, wandte er sich an seine Angestellten und Berufskollegen mit den Worten:
„…Und nicht nur unser Handwerk läuft Gefahr, in Verruf zu geraten, sondern auch, dass der Tempel der grossen Göttin Artemis geringgeachtet wird, und ihre Grösse niedergerissen wird, die ganz Asien und die ganze Erde verehrt.“ (Apostelgeschichte 19,27)
– Demetrius spricht nicht über seine persönliche Betroffenheit, sondern apelliert an den „guten Ruf der Institution“ (seines Berufsverbandes) und deren Statussymbols, des Artemistempels. Somit sehen es die Silberschmiede als ihre „institutionelle Pflicht“, Demetrius zu unterstützen; und er bringt es fertig, die ganze Stadt in Aufruhr zu versetzen. Dieser Volksauflauf war eine deutliche Konfrontation zwischen der „Tiernatur“, die sich im „Geist einer Institution“ manifestiert, und dem Geist Gottes, der in seinen Dienern lebt. Nie hat hingegen ein Apostel das „Ansehen der christlichen Gemeinde“ als Vorwand benützt, um die Christen auf seine Seite zu ziehen, und sei es für ein noch so berechtigtes Anliegen.

Aber sobald die Apostel nicht mehr da waren, begannen sich die Gemeinden zu institutionalisieren, und gaben damit der „Tiernatur“ in ihrer eigenen Mitte Raum. Schon anfangs des 2.Jahrhunderts begann sich eine hierarchische Struktur auszubilden, indem in einigen Städten ein „Bischof“ sich eine Art „Befehlsgewalt“ über die anderen Ältesten der Gemeinde zusprach. Und „Ältester“ zu sein, war plötzlich nicht mehr eine natürliche Anerkennung geistlicher Reife, sondern wandelte sich zur Mitgliedschaft in einem „Leitungsgremium“.

Später kam es so weit, dass bei Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Christenheit die Leiter der jeweiligen Parteien einander gegenseitig „aus der Kirche ausschlossen“. Eine solche Handlung hat eine ganz andere Färbung als die Anweisungen Paulus‘ an die Korinther (1. Korinther 5), mit unbussfertigen Sündern keine brüderliche Gemeinschaft zu haben, oder in einem besonders anstössigen Fall den Betreffenden „dem satan zu übergeben“. Letzteres, obwohl es hart klingt, ist immer noch eine persönliche Entscheidung auf der Basis persönlicher Beziehungen (die bei einer Umkehr des Schuldigen auch persönlich wiederhergestellt werden können, wie der 2.Korintherbrief bezeugt). Ersteres jedoch, „Ausschluss aus der Kirche“, ist eine offizielle Handlung im Namen einer „Institution“, unpersönlich und mitleidslos.

In einer „tierischen“ Institution werden selbst die mitmenschlichen Beziehungen und Freundschaften „institutionalisiert“. Man ist einander nicht mehr als Mitmensch wichtig, sondern nur als Förderer der institutionellen Ziele, die man miteinander teilt – nicht anders als in einem Wirtschaftsbetrieb. Das hat sehr traurige Folgen, die ich in meinem eigenen Leben mehrmals erlebt habe:
Man täuscht sich selber über die Qualität der Beziehungen, die man zu anderen hat. Was man als Nächstenliebe oder Hilfsbereitschaft wahrnimmt (bei sich selbst und bei anderen), ist oft nur ein zweckgebundenes Mittel, die Zusammenarbeit innerhalb der Institution zu verbessern. Bei einer institutionellen Krise zeigt sich dann das wahre Gesicht der Beteiligten, und es kommt zur grossen Enttäuschung.
Wenn sich die Institution aus irgendeinem Grund gegen einen wendet, dann verliert man mit einem Schlag alle Freundschaften, die man dort gehabt zu haben meinte. Diejenigen, die nur eine „zweckgebundene“ Beziehung pflegten, haben keinen Grund mehr, diese weiter zu pflegen; und jene, die echte Freunde waren, getrauen sich nicht mehr, die Freundschaft weiterzuführen, weil sie sonst selber von der Institution als „Feinde“ angesehen werden könnten.

Diese Institutionalisierung des Christentums kam zu ihrem Höhepunkt, als im 4.Jh. die Kaiser Konstantin und Theodosius die christliche Gemeinde praktisch dem Römischen Reich einverleibten (oder umgekehrt), indem das Christentum zuerst unter den persönlichen Schutz des Kaisers gestellt und dann zur Staatsreligion erklärt wurde. Jetzt wurde die Hierarchie der Kirche vollends dem römischen Verwaltungsapparat gleichgestaltet. (Man beachte, dass das Römische Reich die deutlichste Verkörperung des „Tieres“ in der damaligen Zeit war. Johannes spielt in der Offenbarung sogar an mehreren Stellen direkt auf Rom an.) Daraus entstand die römisch-katholische Kirche und ihre Zwillingsschwester, die orthodoxe Kirche Osteuropas.
Diese „konstantinische Wende“ ist von der Christenheit bis heute nicht überwunden worden. Der reformierte und evangelikal-pfingstliche Flügel del Christenheit hat zwar in den letzten 500 Jahren verschiedene Änderungen vorgenommen. Aber auch diese Gruppe blieb in ihrer Grundhaltung weitgehend konstantinisch und nicht biblisch: Kirche wird als eine Institution verstanden, die in irgendeiner Weise dem Staat angegliedert oder ihm nachgebildet ist. „Nicht-institutionelle“ Christen führten während der ganzen Kirchengeschichte nach dem Tod des letzten Apostels ein Schattendasein oder wurden blutig verfolgt; seien es die Waldenser im Mittelalter, die Täufer in der Reformationszeit, oder manche heutigen Hausgemeindebewegungen in China und anderswo.

Die Mehrheit der Christenheit denkt und lebt in institutionellen Paradigmen und bezeugt damit ihre Affinität zur „Tiernatur“. Diese Mehrheit wird sich sehr wahrscheinlich widerstandslos in das weltweite „tierische“ System eingliedern, wenn es so weit ist. Wer das nicht glaubt, der möge darüber nachlesen, wie die Mehrheit der deutschen Kirchenführer enthusiastisch Hitler unterstützten im Glauben, er sei einer der ihren. (Etwas mehr darüber im übersetzten Artikel: „Wir brauchen verzweifelt eine Bekennende Kirche“.)

Ein weiteres Anzeichen dafür ist, wie die Kirchen während der letzten 150 bis 200 Jahre es nicht nur zugelassen, sondern aktiv unterstützt haben, dass die Regierungen dieser Welt ihnen ihre ureigensten Handlungsräume weggenommen haben. Während Jahrhunderten war es zumindest im Einflussbereich des Christentums klar, dass die Regierung für die Rechtsprechung und die Landesverteidigung zuständig war (Römer 13,3-5) und für nichts anderes. Aber heute scheint die Mehrheit der Christen und der christlichen Leiter nichts dabei zu finden, wenn der Staat z.B. die Kranken pflegt, die Armen versorgt und die Kinder erzieht – und alle diese Bereiche entsprechend kontrolliert und überwacht.

Früher wurden alle diese Aufgaben in erster Linie von der Familie und Verwandtschaft wahrgenommen, und in zweiter Linie von der „geistlichen Familie“, der christlichen Gemeinde. Aber mit der zunehmenden Institutionalisierung der Kirche wurden auch diese sozialen Aufgaben immer mehr von der Kirche als Institution übernommen. Damit fand eine Akzentverschiebung statt: Wenn ein Christ oder eine Gruppe von Christen aus persönlichem Mitleid einen Kranken pflegt oder einen Armen versorgt, den er persönlich kennt, dann ist dies eine Tat der Nächstenliebe. Wenn aber die Kirche als Institution dies tut, und die Christen wiederum dieser Institution ihr Geld oder ihre Arbeitskraft zur Verfügung stellen, dann werden diese Handlungen entpersönlicht. Der Christ, der hilft, erfüllt jetzt eine „institutionelle Pflicht“; und der, dem geholfen wird, sieht sich zu einem „institutionellen Fall“ degradiert.

Es war also nur der natürliche Fortgang dieser Entwicklung, als die Kirchen allmählich ihren politischen Einfluss verloren und die Staatsregierungen erstarkten, dass diese sozialen Aufgaben an die „Institution Staat“ übergingen. Institutionalisiert waren sie ja schon. Ich wäre deshalb nicht überrascht, wenn dieselben Kirchen zu einem zukünftigen Zeitpunkt dem Staat auch ihren letzten übriggebliebenen Handlungsraum überliessen: den eigentlichen „religiösen Bereich“. (Auch hierfür gibt es in der Geschichte bereits Präzedenzfälle.)

Als Folge wird der Staat totalitär. Alles, was der Staat leistet und finanziert, das überwacht er auch. Die „tierischen“ Bestrebungen werden immer ausgeprägter, der Institution (in diesem Fall dem Staat) immer mehr Macht und Einfluss zukommen zu lassen, und die Institution vor der Kontrolle durch die Öffentlichkeit abzuschirmen. Gleichzeitig nimmt die Feindseligkeit gegenüber jenen zu, die aus irgendeinem Grund als Bedrohung der „Interessen der Institution“ empfunden werden.

Ich zitiere nochmals John Taylor Gatto:

„Seit dem Zweiten Weltkrieg hat sich etwas verändert in Amerika. Es werden massive Anstrengungen unternommen, um eine zentral organisierte Kontrolle der Arbeitsplätze mit einer zentral organisierten Verwaltung der Schulbildung zu verbinden. Das wäre die amerikanische Entsprechung zum chinesischen „Dangan“ – eine persönliche Datei, die im Kindergarten begonnen wird (sie verzeichnet Schulleistungen, Haltungen, Verhaltensmerkmale, die Krankheitsgeschichte, und andere persönliche Daten), und mit allen Arbeitsmöglichkeiten verbunden wird. In China kann man dem Dangan nicht entfliehen. Er ist ein Teil eines Netzes der gesellschaftlichen Überwachung, die die Stabilität der Gesellschaftsordnung sichert; Gerechtigkeit hat nichts damit zu tun. Der Dangan kommt in die Vereinigten Staaten unter dem Deckmantel von geschickt ausgedachten Änderungen in der Medizin, Arbeitswelt, Schule, Sozialdiensten, usw, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben. Tatsächlich werden diese Teile koordiniert durch eine Verbindung zwischen Stiftungen, Regierungsstellen, die Subventionen vergeben, der Werbeabteilungen von Unternehmen, wichtigen Universitäten, und ähnlichen Stellen, die sich ausserhalb des Gesichtsfeldes der Öffentlichkeit befinden.“
(John Taylor Gatto, „The Underground History of American Education“, bei http://www.johntaylorgatto.com)

Dasselbe geschieht schon fast weltweit – auch hier in Perú. Im hiesigen Gesundheitswesen ist z.B. jetzt eine neue interne Regelung in Kraft, wonach Kinder, die zu einer Untersuchung oder Behandlung zu einem staatlichen Gesundheitsposten gebracht werden, vom Personal nach ihrer Familien- und Schulsituation befragt werden und die entsprechenden Informationen an die übergeordnete Regionalstelle weitergeleitet werden müssen. Teenager werden zusätzlich nach ihrem Sexualleben befragt. Da praktisch das ganze Gesundheitswesen verstaatlicht ist, kann sich keine Familie dieser Überwachung entziehen (ausser man wird nie krank).

Schon vor vielen Jahren hat der Autor George Orwell diese „tierische Dynamik“ sehr gut verstanden, angesichts der damaligen Machtausweitung des Nationalsozialismus und des Kommunismus. Sein Klassiker „1984“ ist in dieser Hinsicht sehr instruktiv, wenn auch sehr pessimistisch. Leider scheint dieser Roman gegenwärtig – zu Unrecht – in Vergessenheit zu geraten.

Ich möchte aber nicht an diesem Punkt aufhören. Das Buch der Offenbarung wurde hauptsächlich zu dem Zweck geschrieben, eine „Ewigkeitsperspektive“ in die Weltereignisse hineinzubringen. Alle paar Kapitel, zwischen den Beschreibungen schrecklicher Dinge auf der Erde, wendet sich der Blick des Johannes wieder zum Himmel, von wo ihm Jesus erschienen ist, der Auferstandene und Lebendige. Dort sieht er Gott auf seinem Thron, wie er Engelsheere kommandiert und mit starker Hand die Weltereignisse regiert. Nichts kann geschehen ohne seine Einwilligung. Er sieht auch eine unzählbare Schar Erlöster, die nach einem leidvollen Leben jetzt vor Gottes Thron stehen, und „sie werden nicht mehr Hunger oder Durst haben, und die Sonne oder Hitze wird nicht mehr auf sie fallen; denn das Lamm (Jesus), das in der Mitte des Thrones ist, wird sie hüten und sie zu Quellen des Lebenswassers führen; und Gott wird jede Träne von ihren Augen abwischen.“ (Offenbarung 7,16-17)

Das macht natürlich nur Sinn für jemanden, der erfahren hat, dass „Himmel“ und „Ewigkeit“ nicht leere Worte sind, sondern wirklichere und beständigere Realitäten als die gegenwärtige sichtbare Welt. (Aber wer diese Perspektive nicht kennt, wird vermutlich auch dem Rest dieses Artikels nicht viel Sinn abgewinnen können.)
Es gibt also in der letzten Zeit, wie in der Offenbarung beschrieben, nicht nur die institutionalisierte „Tier-Kirche“. Es gibt auch noch wirkliche Nachfolger von Jesus, die ihm wirklich begegnet sind und ihn persönlich kennengelernt haben. Diese echten Nachfolger Jesu lassen sich nicht so einfach in ein institutionalisiertes „System“ einspannen. Sie haben über sich eine höhere Autorität: Jesus selber. Und genau das ist den Anführern der institutionalisierten Kirchen ein Dorn im Auge: Sie möchten gerne selber die höchste Autorität sein. Sie ärgern sich über die einfachen Nachfolger Jesu, die sagen: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apostelgeschichte 5,29).
Aber wir lesen in der Offenbarung auch, dass es dem „Tier“ nur für kurze Zeit erlaubt wird, die Welt zu beherrschen. Jesus selber wird kommen und das „Tier“ und sein Reich zunichte machen. Die Zukunft wird den einfachen Nachfolgern Jesu gehören, die zur Zeit noch verachtet, verfolgt und ausgeschlossen werden. Wenn wir sehen, wie sich gegenwärtig in der Welt alle die „tierischen“ Entwicklungen bewahrheiten, die in der Bibel vorausgesagt sind, dann haben wir allen Grund zu glauben, dass sich auch diese Voraussage bewahrheiten wird.