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Die neutestamentliche Gemeinde in Johannes 17 (3.Teil)

24. Februar 2017

Einheit in Heiligkeit

Die nächste Bitte Jesu ist um Heiligung seiner Jünger: „Heilige sie in deiner Wahrheit; dein Wort ist Wahrheit. … Und ich heilige mich selber für sie, damit auch sie in der Wahrheit geheiligt seien.“ (Johannes 17,17.19). „Heilig“ bedeutet „ausgesondert für Gott“, und damit auch „frei von Sünde“. Es ist Gottes Willen, dass die Glieder seiner Gemeinde heilig seien, nicht nur in der Theorie, sondern in Tat und Wahrheit. Ohne Heiligung wird niemand den Herrn sehen (Hebräer 12,14).

Das ist sehr wichtig zu verstehen, denn in vielen Kirchen ist eine falsche Lehre verbreitet, wonach die Erlösung einzig in der Vergebung der Sünden bestehe, und dass es unmöglich sei, frei von der Sünde zu sein. Aber wir wissen, dass der Vater allezeit die Bitten seines Sohnes erhört (Johannes 11,42), und dass seine Gebote nicht unmöglich zu erfüllen sind (1.Johannes 5,3). Sollte es dann für Gott unmöglich sein, seine Jünger zu heiligen? Oder sollte es für einen echten Jünger unmöglich sein, Gottes Gebot der Heiligkeit zu erfüllen? Wer so etwas behauptet, macht Gott zum Lügner.

Wir können das leicht mit anderen Aussagen aus den apostolischen Briefen stützen:
„Was sollen wir also sagen? Sollen wir in der Sünde verharren, damit wir mehr Gnade von Gott erhalten? Keineswegs! Die wir für die Sünde gestorben sind, wie sollen wir weiter in ihr leben?“ (Römer 6,1-2) – Ein echter Christ ist „tot für die Sünde, aber lebendig für Gott“ (Römer 6,11). Keinesfalls „muss er unweigerlich weitersündigen“.
„Wie alle Dinge, die zum Leben und zur Gottesfurcht gehören, uns gegeben wurden durch seine göttliche Macht … damit ihr durch sie Teilhaber der göttlichen Natur werdet, nachdem ihr der Verderbnis, die in der Welt ist, entflohen seid …“ (2.Petrus 1,3-4). – D.h. ein echter Christ hat von Gott alles erhalten, was notwendig ist, um ein heiliges Leben zu führen, an der „göttlichen Natur“ teilzuhaben und sich von der „Verderbnis, die in der Welt ist“, fernzuhalten.
„der mächtig ist, euch ohne Fall zu bewahren, und euch unbefleckt vor seiner Herrlichkeit hinzustellen mit grosser Freude…“ (Judas 24). – D.h. Gott ist vollkommen imstande, die echten Christen in Heiligkeit zu bewahren.
Wir sollen nur nicht denken, wir selber seien es, die wir uns in dieser Heiligkeit bewahren können. Gott tut es.

Johannes 17,17 lehrt uns ausserdem, dass das Wort Gottes ein wichtiges Mittel ist, das Gott gebraucht, um uns in der Heiligkeit zu bewahren.

Bevor er zur nächsten Bitte kommt, erklärt Jesus, dass er für die Gemeinde aller Zeiten bittet: „Aber ich bitte nicht nur für diese, sondern auch für jene, die durch ihr Wort an mich glauben werden.“ (Vers 20). Dieses Gebet Jesu ist auch für uns heute, für alle, die ihm wahrhaftig nachfolgen.

Glaubst du an die Erfüllung dieses Gebets für dich? Glaubt es die Gemeinde, der du zugehörst?

Die Heiligkeit der Jünger ist Voraussetzung für die nächste Bitte Jesu: die Bitte um Einheit. „…damit alle eins seien; wie du, Vater, in mir, und ich in dir, dass auch sie eins seien in uns; damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast.“ (Johannes 17,21).

Das ist einer der schönsten Verse des Neuen Testamntes, aber auch einer der am meisten missbrauchten. Der ökumenische Weltkirchenrat hat diesen Vers zu seinem Motto gemacht. Aber die Einheit, welche die Ökumene sucht, ist etwas ganz anderes als die Einheit, für die Jesus betete:
– Jesus betete um eine Einheit in Heiligkeit. Aber die Ökumene fördert eine Einheit in Toleranz: Die ökumenischen Leiter erlauben nicht, dass jemand das Wort Gottes benützt, um jemanden wegen einer Sünde zurechtzuweisen, oder um falsche Lehren und Praktiken einer Kirche aufzuzeigen. Deshalb füllen sich die ökumenefreundlichen Kirchen mit Irrlehrern und mit sündigen und heidnischen Praktiken.
– Jesus betete für jene, „die an mich glauben“. Aber die Ökumene unterscheidet nicht zwischen wahren Christen und Namenschristen. Nach der ökumenischen Definition ist ein Christ, wer „im Namen des dreieinigen Gottes getauft wurde“ – inbegriffen alle jene Katholiken und Reformierten, die als Kleinkinder getauft wurden, aber nie persönlich dem Herrn nachfolgten.
– Jesus betete, dass seine Jünger eins seien als Menschen, auf persönlicher Ebene. Aber die ökumenischen Anstrengungen konzentrieren sich auf Institutionen und Organisationen, auf die „gegenseitige Anerkennung“ zwischen den verschiedenen Konfessionen, und dass die Christen sich den Leitern der jeweiligen konfessionellen Organisationen unterstellen.
– Jesus betete um eine Einheit „in uns“, d.h. im Vater und im Sohn. Damit die Jünger eins sein können, ist es zuallererst notwendig, dass jeder einzelne Jünger „in Jesus“ ist; dass er sich mit Jesus identifiziert und in einer reinen Beziehung zu ihm lebt. Aber die Ökumene schenkt der persönlichen Beziehung zu Jesus sehr wenig Beachtung, oder versteht sie lediglich in einem sakramentalen Sinn (getauft sein und am Abendmahl teilnehmen).

Das Neue Testament spricht nicht nur von Einheit; es spricht auch von der Notwendigkeit der Absonderung:

„… dass ihr nicht mit jemandem Gemeinschaft haben sollt, der sich Bruder nennen lässt, aber ein Unzüchtiger ist oder Habsüchtiger oder Götzendiener oder Lästerer oder Trinker oder Dieb; mit einem solchen esst auch nicht zusammen.“ (1,Korinther 5,11).
„Werdet nicht Jochgenossen mit Ungläubigen. Denn wie können die Gerechten an der Gesetzlosigkeit teilnehmen? Oder wie kann das Licht mit der Finsternis Gemeinschaft haben? Und wie können der Christus und Beliar übereinstimmen? Oder wie kann der Gläubige etwas mit dem Ungläubigen gemeinsam haben? Und wie kann der Tempel Gottes mit den Götzen übereinstimmen? (…) Deshalb ‚geht hinaus aus ihrer Mitte und sondert euch ab, spricht der Herr‘, und ‚rührt das Unreine nicht an; so werde ich euch aufnehmen‘. „ (2.Korinther 6,14-17)

Täuschen wir uns nicht. In der gegenwärtigen Situation sind viele Mitglieder und Leiter von Kirchen (möglicherweise die Mehrheit) „Unzüchtige“ oder „Habsüchtige“ oder „Ungläubige“ oder „Diebe“ oder Lügner… oder sie zeigen auf irgendeine andere Weise mit ihrem Leben und mit ihren Überzeugungen, dass sie keine echten Nachfolger des Herrn Jesus sind. Diese sind in Jesu Gebet um Einheit nicht eingeschlossen. Im Gegenteil, das Wort Gottes sagt, dass ein echter Christ sich von solchen absondern soll, die sich „Christen“ nennen oder Kirchenmitglieder sind, aber mit ihrem Leben oder ihren Lehren zeigen, dass sie nicht zum Herrn gehören.

Auch viele evangelikale Kirchen, die sich nicht als ökumenisch identifizieren, haben dennoch viele Aspekte der ökumenischen Idee von „Einheit“ übernommen: Sie sehen und suchen die „Einheit“ auf institutioneller Ebene, innerhalb mittels der Anpassung an die spezielle Tradition der eigenen Konfession oder Denomination, und ausserhalb mittels Vereinbarungen und „gemeinsamen Anlässen“ mit anderen Denominationen. Viele leben in der Illusion, alle Mitglieder der eigenen Organisation seien echte Christen. Einige glauben zusätzlich, alle Mitglieder anderer Denominationen seien im Irrtum. All das führt dazu, dass man sich zu „Jochgenossen“ mit Ungläubigen macht, und gleichzeitig die Gemeinschaft mit echten Christen in anderen Denominationen ablehnt. Sie vergessen das Zentrum der christlichen Einheit, nämlich Jesus selber.

Die neutestamentlichen Kriterien für Einheit sind klar: Ein echter Nachfolger Jesu befindet sich in Einheit mit allen anderen echten Nachfolgern Jesu, unabhängig davon, zu was für einer religiösen Organisation sie zugehören oder nicht zugehören. Und er sondert sich ab von jenen, die Jesus nicht wahrhaftig nachfolgen, auch wenn es Mitglieder seiner eigenen Organisation sind.
Christliche Einheit ist nicht die gemeinsame Mitgliedschaft in einer Institution. Sie ist nicht die Übereinstimmung mit einem bestimmten Glaubensbekenntnis. Sie ist nicht die Anerkennung eines Reglements oder einer Vereinbarung zwischen verschiedenen Institutionen. Die christliche Einheit wird am besten ausgedrückt durch das griechische Wort „koinonía“ (davon werden wir sprechen, wenn wir zur Apostelgeschichte kommen), oder auch „der Leib Christi“ (das ist der Ausdruck, den Paulus verwendet).

Jesus sagte, das Ergebnis der wahren christlichen Einheit werde darin bestehen, dass „die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast.“ Die ökumenischen, institutionellen oder denominationellen Formen von Einheit bringen nicht dieses Ergebnis hervor. Sie bewirken nur, dass die Welt die Christen als eine Art weltlichen Verein oder politische Lobby wahrnimmt; aber sie kann nicht den Herrn in ihnen sehen. Wo dagegen eine echte Einheit herrscht, die auf dem Herrn selber beruht und auf Heiligkeit – und sei es auch nur eine einzige Familie, die diese Einheit lebt -, da nimmt die Welt das Licht des Evangeliums wahr. Da ist es, wo die Welt sieht, dass etwas „anders“ ist, etwas Übernatürliches; etwas, was die Welt nicht kennt. Dieses „Etwas“ ist die Gegenwart des Herrn.

Was für eine Vorstellung von Einheit hast du? Was für eine Vorstellung hat die Gemeinde, der du zugehörst? Eine ökumenische, institutionelle, denominationelle Vorstellung; oder die Vorstellung von dem, was Jesus gesagt hat?

Der Islam – Geissel einer abgefallenen Christenheit?

3. Januar 2017

Ein einschneidendes, aber wenig bekanntes Datum aus der Kirchengeschichte ist die Synode von Whitby, 664. Dort wurde beschlossen, die keltische Kirche mit der angelsächsischen zu vereinigen; was bedeutete, sie dem Papst unterzuordnen. Damit verschwand die letzte von Rom unabhängige christliche Gemeinschaft in Europa, und der Papst wurde zum unumschränkten Herrscher. (Nur in Irland konnten die Kelten faktisch noch eine gewisse Unabhängigkeit behaupten.)

Das geschah natürlich nicht einfach so aus heiterem Himmel. Die keltische Christenheit muss sich bereits in einer Etappe geistlicher Abkühlung befunden haben. Die grosse Zeit der irischen Wanderprediger (wie z.B. Columbanus) ging zur Neige. Es entstand eine „ökumenische Bewegung“, welche die Vereinigung mit dem römischen Katholizismus befürwortete. Ein modernes Kirchengeschichtsbuch beschreibt diesen Vorgang beschönigend so: „Gegen Ende des 7.Jh. erwuchs eine Generation von Kirchenführern, die die Ordnung und Autorität Roms mit dem Gefühls- und Ideenreichtum des keltischen Christentums zu vereinigen wussten. Aidan von Lindisfarne (…) übernahm zusammen mit einigen Angelsachsen, darunter Wilfrid von York, die Führung bei der Überwindung von Heidentum und Rassenhass. Mit königlicher Unterstützung durch König Oswald von Northumbrien gelang das Unternehmen. Die Synode von Whitby beschloss 664 die Einigung der keltischen und der katholischen Kirche in England.“

Philip Schaff, ein Kirchenhistoriker des 19.Jh, beschreibt jedoch die Geschichte etwas anders:

„Der Streit zwischen dem angelsächsischen (römischen) und dem britischen (keltischen) Ritus flammte in der Mitte des 7.Jh. neu auf, endete aber mit dem Sieg des ersteren in England. (…) Die Kontroverse wurde in einer Synode in Whitby 664 entschieden, in Gegenwart von König Oswy (Oswald) und seinem Sohn Alfrid. Colman, der zweite Nachfolger Aidans, verteidigte den schottischen Ostertermin mit der Autorität von St.Columba und des Apostels Johannes. Wilfrid begründete den römischen Brauch mit der Autorität des Petrus (…) Als er erwähnte, Petrus seien die Schlüssel des Himmelreiches anvertraut, sagte der König: ‚Ich will dem Türhüter nicht widersprechen, damit nicht, wenn ich zur Himmelstür komme, niemand da ist, um mir zu öffnen.‘ Mit diesem unwiderstehlichen Argument war die Opposition gebrochen, und die Konformität mit den römischen Gebräuchen hergestellt. (…) Colman, schwer getroffen, kehrte mit seinen Anhängern nach Schottland zurück. (…) Tuda wurde an seiner Stelle zum Bischof ernannt.
Wenig später wütete eine schreckliche Pest durch England und Irland, während Kaledonien (Nordschottland) verschont blieb …“

Schaff sagt auch:

„Es ist bemerkenswert, dass die missionarische Aktivität der irischen Kirche sich auf die Zeit ihrer Unabhängigkeit von der römischen Kirche beschränkt.“

Nach 700 zeigten sich die Auswirkungen auch auf dem kontinentalen Europa. Der Angelsachse Bonifatius bemühte sich eifrig und mit Erfolg, im heutigen Deutschland die Herrschaft Roms über jene Gebiete zu festigen, die zuvor von den unabhängigen Iren missioniert worden waren.

Ist es Zufall, dass diese Vorgänge zeitlich in die Epoche der schnellsten Ausbreitung des Islam fielen? Im Todesjahr Mohammeds (632) war die arabische Halbinsel islamisch. 642 begannen die Vorstösse der arabischen Sarazenen nach Nordafrika. Ab 670 begann die Eroberung des westlichen Nordafrika (heutiges Algerien und Marokko); 711 setzten sie nach Europa über.

– Machen wir einen grossen Sprung nach vorne. Vom 14.Jahrhundert an sah sich Europa wiederum bedroht durch den Islam; diesmal in Form des Osmanischen Reiches, welches von der Türkei her über den Balkan nach Westen vorstiess. Bekanntestes Datum aus jener Epoche dürfte der Fall Konstantinopels sein (1453). Aber schon um 1400 stand die Stadt Konstantinopel nur noch wie eine Insel inmitten des Osmanischen Reiches, welches die ganze Osthälfte der Balkanhalbinsel beherrschte. Im 15.Jh. nahmen sie weitere Gebiete ein.

Auch diese Epoche islamischer Ausbreitung fällt zusammen mit einer Epoche grosser politischer Macht, und zugleich Verweltlichung, der sogenannten Christenheit und des Papsttums. Es ging jetzt zwar nicht mehr um territoriale Ausweitungen des römisch-katholischen Herrschaftsgebiets, aber um die Macht des Papstes über den Kaiser. 1302 erklärte Papst Bonifatius VIII, der römische Papst habe das von Gott gegebene Recht, nicht nur die kirchliche, sondern auch die weltlich-politische Herrschaft über die ganze Welt auszuüben. (Das ist bis heute ein verbindliches römisch-katholisches Dogma, denn die Bulle „Unam Sanctam“, welche diese Erklärung enthält, ist nie widerrufen worden, und gilt nach römischer Lehre als „unfehlbar“.)
Während der darauffolgenden Zeit verfiel zwar die politische Macht des Papsttums ein wenig aufgrund interner Intrigen. Aber noch 1493 fühlten sich die Päpste wie selbstverständlich als Weltherrscher, sodass Alexander VI sich anmasste, in einer offiziellen Bulle dem spanischen Königspaar und dessen Nachfolgern „für alle Zeiten“ die Herrschafts- und Eigentumsrechte am ganzen neu entdeckten amerikanischen Kontinent jenseits eines bestimmten Längengrades zuzusprechen, unter der Bedingung, dass sie die Einwohner aller dieser Länder zu Katholiken machten. (Auch dieses Dekret ist trotz verschiedener Vorstösse von Vertretern amerikanischer Ureinwohner bis heute nicht widerrufen worden.)
Was die „Ökumene“ betrifft, so war die römische Kirche in jener Epoche so mächtig, dass sie es nicht mehr für nötig hielt, diese Frage auf dem Verhandlungsweg anzugehen. Die Albigenser wurden auf brutalste Weise ausgerottet; die Waldenser in versteckte Winkel in den italienischen Alpen zurückgetrieben; die Anhänger Wycliffs verfolgt; Jan Hus auf dem Konzil von Konstanz verbrannt. Nur mit der „orthodoxen“ Kirche des Ostens versuchte man noch auf diplomatischem Weg zu einer Einigung zu gelangen, mittels Verhandlungen mit dem Kaiser von Konstantinopel. 1439 unterzeichnete dieser ein Dekret zur Wiedervereinigung mit Rom, das aber erst 1452 veröffentlicht wurde. Ein Jahr später gab es in Konstantinopel keinen Kaiser mehr.

– Und wie sieht es heute aus? Wiederum sehen wir einen erschreckenden Niedergang der geistlichen Substanz in der sogenannten Christenheit. In den ehemaligen Reformationskirchen behaupten führende Theologen schon seit über hundert Jahren, die Bibel sei gefälscht, Jesus sei nicht leiblich vom Tod auferstanden, und die Grundsätze biblischer Ethik seien heute nicht mehr gültig. Weite Kreise in diesen Kirchen unterstützen jetzt antichristliche Strömungen wie z.B. den Marxismus, die „Gender“-Ideologie, oder den Islam (!). Sie agieren weltlich-politisch, interessieren sich aber nicht für eine geistliche Umkehr oder für Gottes Gebote. Eher neu ist jedoch, dass jetzt auch die evangelikalen Freikirchen weithin in diesen bibelkritischen, antichristlichen und weltlich-politischen Strömungen mitschwimmen.
Gleichzeitig sehen wir, wie sich die genannten Kirchen zunehmend an Rom annähern. Das Jahr 2017 könnte in dieser Hinsicht eine ähnliche kirchengeschichtliche Bedeutung erhalten wie Whitby 664. Auch das geschieht natürlich nicht erst seit gestern: schon jahrzehntelang laufen Vorbereitungen für die von den höchsten Leitern geplante „Wiedervereinigung“.

Und auch diese Epoche der Verweltlichung und zugleich Ökumenisierung fällt zusammen mit einer neuerlichen Ausbreitung des Islam. Ist es Zufall, dass radikale Islamisten ihre Anhänger dazu aufgerufen haben, gerade in diesem Jahr 2017 ihre Angriffe auf europäische Ziele massiv zu verstärken?
Auch in unserer Zeit ist aber die Ausbreitung des Islam nicht ein punktuelles Ereignis, sondern eine Entwicklung, die schon mehrere Jahrzehnte andauert und sicher noch weiter andauern wird. Diese zunehmende Islamisierung und Radikalisierung hat ja nicht erst mit dem IS begonnen, sondern reicht mindestens bis in die 70er-Jahre zurück: „Ölschock“ 1973; persische Revolution 1979; Bewaffnung radikaler Islamisten durch die USA in Afghanistan ab 1980 – eine Politik übrigens, welche die USA seither im Nahen Osten konsequent weiter verfolgt haben, und die ihr Gerede vom „Krieg gegen den Terrorismus“ Lügen straft…

– Soweit meine Beobachtungen. Was schliesse ich daraus?

Zuerst und vor allem gehe ich davon aus, dass Gott allmächtig ist, und dass er Herr ist über die Weltgeschichte. Auch wenn wir von unserer irdischen Warte aus oft keinen Sinn sehen können in der Geschichte, so bin ich doch überzeugt, dass aus Gottes Perspektive alles Sinn macht. Und wenn Gott allmächtig ist, dann muss auch der Islam ein Werkzeug in seiner Hand sein, und muss letztendlich seinen Zielen dienen.

Was für Ziele könnten das sein? Da kann ich nur spekulieren; aber ich denke, einiges ist doch ziemlich klar ersichtlich.

1. Wenn die sogenannte Christenheit ihren Auftrag derart verfehlt, dass sie sich in ihren Entscheidungen und Werturteilen nach weltlichen Massstäben richtet und weltlich-politische Macht anstrebt, statt das Reich Gottes zu suchen, dann setzt Gott diesen Bestrebungen ein militärisches Gegengewicht entgegen. Er lässt es (noch) nicht zu, dass eine scheinchristliche Weltmacht die totale Kontrolle übernimmt. Hätte sich das Papsttum vom 14. bis zum 17. Jahrhundert nicht immer wieder gegen die Türken wehren müssen, dann hätte es seine Kräfte noch stärker darauf konzentriert, jene Bewegungen völlig auszulöschen, die wieder zu einem biblischen Christentum zurückkehren wollten.

2. Gott möchte, dass auch die Moslems Jesus kennenlernen und durch ihn erlöst werden. Das ist eher möglich, wenn er sie aus ihren islamischen Ländern herausholt. Doch denke ich, wenn dies das Motiv ist, dann wird er sie eher ins südlichere Afrika schicken, wo es noch mehr echte Christen gibt, und wo die Versuchung einer Scheinbekehrung zur materiellen Bereicherung nicht so gross ist wie in Europa.

3. Eine vom Glauben abgefallene Christenheit lädt zur Islamisierung ein. Damit meine ich nicht in erster Linie die direkten Einladungen, die von europäischen Politikern an islamische Immigranten ausgesprochen worden sind. Ich meine vielmehr, dass der Glaubensabfall der sogenannten Christen Moslems dazu anspornt, diesen den Islam als rettende Alternative zu bringen.
Das muss ich vielleicht mit einigen Vergleichen und Beispielen klarmachen. Manche westlichen Hilfswerke werben mit Bildern von hungernden Kindern um Spenden und um freiwillige Mitarbeiter. Die Botschaft dahinter ist so ungefähr: „Diese Kinder hungern, weil sie die Segnungen der westlichen Zivilisation nicht haben, die du hast. Gib ihnen also etwas von dem, was du hast.“ – In früheren Zeiten hätte man vielleicht zusätzlich gesagt: „Die Leute in diesen Ländern sind arm, weil sie das Evangelium nicht haben. Wir müssen ihnen das Evangelium bringen.“ (Es ist heute in Europa nicht mehr zeitgemäss, so etwas zu sagen; aber Leser mit christlichem Hintergrund können vielleicht auch diese letztere Argumentation nachvollziehen.)
Was sehen nun Moslems, wenn sie nach Europa blicken? Natürlich sehen sie all den materiellen Reichtum; aber sie sehen noch etwas anderes: Sie sehen euch Europäer als geistlich Hungernde. „Sieh nur, wie krank Europa ist. Überall Pornographie; ihre Frauen laufen halbnackt auf den Strassen herum; Homosexuelle heiraten; Diebe werden nicht genügend hart bestraft; Gott darf öffentlich gelästert werden; die Leute beten nicht; sie lesen die heiligen Schriften nicht; … – Wir müssen ihnen den Islam bringen, damit sie aus ihrem unmoralischen und ungläubigen Zustand errettet werden!“ – Das dürfte das Motiv nicht weniger Moslems sein, die mit missionarischen und/oder kriegerischen Absichten nach Europa kommen. Das Schlimmste daran ist, dass viele dieser unmoralischen Europäer sich „Christen“ nennen. So reimt sich der Moslem die Gleichung zusammen: „Christ = unmoralisch“.
Ja, manche europäischen Länder sind in den letzten Jahren so weit gegangen, gewisse biblisch begründete Aussagen zu verbieten. Christliche Prediger haben Verfolgung erlitten, nur weil sie gewisse Dinge, die in der Bibel stehen, allzu deutlich gesagt haben. Also lässt Gott es jetzt zu, dass Europa mit moslemischen Predigern (und nicht nur Predigern) überschwemmt wird. Diese werden noch viel krassere Dinge sagen als die christlichen Prediger. Manches davon wird falsch, verzerrt oder völlig extrem sein; aber es werden auch Wahrheiten darunter sein – genau jene Wahrheiten, die man in Europa aus dem Munde christlicher Prediger nicht mehr hören will.

4. Damit komme ich zum unbequemsten Punkt: Gott ist nicht nur „gnädig“. Er straft auch, wo es nötig ist. Manche Begebenheiten aus dem Alten Testament zeigen, dass Gott als Werkzeuge dazu auswählt, wen er will – sogar barbarische, blutrünstige Herrscher, die nachher selber von Gott gerichtet werden müssen. Wer denkt, Gott würde heute nicht mehr in ähnlicher Weise handeln, der muss sich die Frage gefallen lassen: Was sollte Gott dann sonst tun? Sollte er das Böse einfach so lange gewähren lassen, bis im Endergebnis die schlimmsten Gräueltaten nicht mehr von den Heiden begangen werden, sondern von jenen, die sich „Christen“ nennen? – Tatsächlich hat Gott es ja im Mittelalter (und auch in jüngerer Vergangenheit!) öfters tatsächlich so weit kommen lassen; wodurch viel Schmach und Schande auf den Namen Jesu gebracht wurde. Aber irgendwann kommt ein Moment, wo Gott sagt: „Genug!“ Und dann schickt er z.B. die Türken (siehe Punkt 1).
Eine Person und auch eine Nation, die einmal Jesus gekannt hat und mit seinem Wort vertraut ist, hat in dieser Hinsicht eine viel grössere Verantwortung vor Gott als ein „Heide“. Gott straft denjenigen, „den er als Sohn annimmt“ (Hebräer 12,6; siehe auch Vers 8), um ihn zur Umkehr zu bringen (V.10-11). Wer einmal „des Heiligen Geistes teilhaftig geworden ist, das gute Wort Gottes und die Kräfte der zukünftigen Weltzeit geschmeckt hat“ (Hebräer 6,4-6), und dann auf diesen Ruf zur Umkehr nicht reagiert, sondern ganz abfällt, der ist vor Gott unvergleichlich viel schuldiger als jemand, der in Sünde lebt, weil er Jesus gar nie gekannt hat.
Ich glaube, dass sich diese Prinzipien in gewisser Weise auf ganze Nationen und Kulturkreise übertragen lassen. So wie Gott durch die Propheten oft das Volk Israel als Ganzes anspricht, als ob es eine einzige Person wäre, so spricht er heute auch zu Europa als Ganzes, oder zumindest zu den jeweiligen europäischen Nationen als Ganze. Die Botschaft ist unüberhörbar. Kein Kontinent der Erde hatte so viele Jahrhunderte lang das Vorrecht, die biblische Botschaft zu kennen. Kein Kontinent der Erde hat so viele Beweise von Gottes Güte erlebt wie Europa. Und kein Kontinent der Erde hat sich Gott gegenüber so undankbar und untreu gezeigt, im Vergleich zu den erhaltenen Segnungen. (Mit Ausnahme vielleicht der USA, die ja ursprünglich auch aus dem europäischen Kulturkreis hervorgegangen sind.) Wie laut muss Gott noch rufen, bis Europa zuhört?

Grosse Überraschung: Der Papst ist katholisch!

23. April 2015

Warum soll das eine Überraschung sein, fragen Sie sicherlich. Aber lesen Sie weiter.

Da hegen z.B.gewisse Leiter der deutschen Landeskirchen die Hoffnung, der Papst könnte inzwischen reformiert geworden sein. Sonst wären sie kaum auf die Idee gekommen, ihn ausgerechnet zum Reformationsjubiläum 2017 einzuladen. Man lese und staune:

„EKD-Ratschef Nikolaus Schneider (…) hat Papst Franziskus zur Teilnahme am Reformationsjubiläum 2017 eingeladen. (…) Der Ratschef und Franziskus beteten gemeinsam ein Vaterunser und sprachen einander mit „Bruder“ an. (…) Es war die erste Audienz des neuen Papstes für einen Deutschen. Wie Franziskus indes auf die Einladung zum Reformationsjubiläum reagierte, wurde zunächst nicht bekannt.“
(Aus dem „Newsletter der Lutherdekade“ auf luther2017.de)

Schon seit längerem laufen Vorbereitungen, die lutherischen und katholischen Kirchen wiederzuvereinigen. Bereits 1999 veröffentlichten der Lutherische Weltbund (LWB) und der Vatikan zusammen eine „Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre“. Kurz gesagt wird darin erklärt, Lutheraner und Katholiken stimmten jetzt in den wesentlichen Punkten der Rechtfertigungslehre überein, und die noch verbleibenden Differenzen seien unwesentlich.
Nun folgt der nächste Schritt:

Lutheraner und Katholiken „gemeinsam unterwegs“
(…) „Auch im Internet kann man ernsthaft über Theologie und Glauben diskutieren!“ Dies konstatierten der Catholica-Beauftragte der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD), Landesbischof Dr. Karl-Hinrich Manzke (Bückeburg), und der Vorsitzende der Ökumene-Kommission der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Dr. Gerhard Feige (Magdeburg), anlässlich der Präsentation der Ergebnisse des ökumenischen Internetprojekts „2017 gemeinsam unterwegs“.
(…) Auslöser für das Projekt war die Bitte von LWB und Päpstlichem Einheitsrat, das 2013 gemeinschaftlich publizierte Dokument „Vom Konflikt zur Gemeinschaft. Gemeinsames lutherisch-katholisches Reformationsgedenken im Jahr 2017“ in ökumenischer Verbundenheit zu rezipieren. Im Verlauf der Veranstaltung unterstrichen Manzke und Feige, dass der Weg zum Reformationsjahr 2017 ökumenisch begangen werden müsse. (…)
(Aus den offiziellen Nachrichten der EKD auf ekd.de, 18.Dezember 2014)

Dieses neue Dialogdokument (dessen Genehmigung durch den Vatikan jedoch noch aussteht) nimmt in seinem Artikel 25 ausdrücklich auf die „Gemeinsame Erklärung“ von 1999 Bezug.

Aber nicht nur Lutheraner sind versessen darauf, nach Rom zu pilgern. Die evangelikalen Freikirchen sitzen im selben Boot. Ein entscheidender Mittelsmann in dieser Hinsicht war anscheinend der letztes Jahr verstorbene anglikanische Bischof Tony Palmer. Einzelheiten über ihn können u.a. in dieser längeren Reportage aus der Zeitung „Boston Globe“ nachgelesen werden (auf Englisch). Hier kurz zusammengefasst:

Palmer schloss schon 2006 in Buenos Aires eine enge Freundschaft mit dem damaligen Kardinal Bergoglio. Er wollte sogar zum Katholizismus konvertieren, aber Bergoglio riet ihm, stattdessen seinen Einfluss unter evangelikalen Leitern geltend zu machen: „Wir brauchen Brückenbauer“. Palmer hatte nämlich zugleich einen guten Draht zu wichtigen evangelikalen und pfingstlichen Leitern. (Wir müssen ihn also als einen richtiggehenden Geheimagenten des Vatikans in den evangelikalen Reihen ansehen.)

Im Januar 2014 lud der neugewählte Papst Palmer in den Vatikan ein und übergab ihm u.a. eine (auf Video aufgezeichnete) Grussbotschaft an eine evangelikale Leiterkonferenz, wo Palmer in der folgenden Woche sprechen würde. An dieser Konferenz, organisiert von Kenneth Copeland, nahmen dreitausend evangelikale Leiter teil. Palmer liess sie die Botschaft des Papstes sehen und sagte dazu: „Wir protestieren nicht mehr gegen die Heilslehre der katholischen Kirche. Wir verkünden jetzt dasselbe Evangelium. Luthers Protest ist vorbei. Deiner auch?“ – Damit erntete er stürmischen Applaus, und in den darauffolgenden Tagen wurde er (so „Boston Globe“) „überschwemmt von Anfragen evangelikaler Leiter, die selber ein Teil dieser Geschehnisse werden wollten“.

So organisierte Palmer im Juni 2014 einen Besuch im Vatikan, an welchem mehrere wichtige evangelikale Leiter teilnahmen, die zusammen „über 700 Millionen Evangelikale weltweit vertreten“. Wenn Sie einer anerkannten evangelikalen Denomination angehören oder sonstwie mit der Evangelischen Allianz o.ä. verbunden sind, dann sind Sie in diesen 700 Millionen inbegriffen. Diese Leiter sagten dem Papst, sie „nähmen seine Einladung an, die sichtbare Einheit mit dem Bischof von Rom zu suchen“.
Bei diesem Treffen übergab Palmer dem Papst einen Entwurf für ein gemeinsames „Glaubensbekenntnis in Einheit für die Mission“, das am Tag des 500-jährigen „Reformationsgedenkens“ in Rom vom Papst und von den Leitern der wichtigsten protestantischen Kirchen gemeinsam unterzeichnet werden soll. Der genaue Inhalt dieses Bekenntnisses ist noch nicht veröffentlicht worden, aber es ist bereits bekannt, dass darin vorkommen:

  • das Nicänische Glaubensbekenntnis (das ausdrücklich den Glauben an „die eine katholische Kirche“ bezeugt),
  • die „Gemeinsame Erklärung“ von 1999,
  • sowie eine gemeinsame Erlärung in dem Sinne, dass Katholiken und Evangelikale nun in der Mission vereint seien, weil sie dasselbe Evangelium verkündeten.

Wer war damals alles beim Papst?

  • Geoff Tunnicliffe, der Präsident der Weltweiten Evangelischen Allianz (WEA). Die WEA ist der Zusammenschluss aller Evangelischen Allianzen weltweit, und repräsentiert damit (fast) alle Evangelikalen.
  • Thomas Schirrmacher, Vorsitzender der Theologischen Kommission der WEA. Schirrmacher profilierte sich früher als bibeltreuer, konservativer Theologe, der Artikel schrieb für Organisationen bzw. Internetportale der calvinistisch-rekonstruktionistischen Richtung wie „Chalcedon“ und „Contra Mundum“. Er lehrt u.a. an einer bibeltreuen (?) evangelikalen Hochschule (FTA Giessen). Das alles hinderte ihn aber nicht, gleichzeitig als Mitinitiant und Mitautor des ersten „Joint Venture“ zwischen der WEA, dem Weltkirchenrat und dem Vatikan zu fungieren. Folgerichtig schreibt er neuerdings auch für „Current Dialogue“, die offizielle Zeitschrift des ökumenischen Weltkirchenrats.
  • Brian Stiller war Präsident der Kanadischen Evangelischen Allianz, von „Youth for Christ“, und des „Tyndale Seminary“ (das grösste theologische Seminar Kanadas); und reist seit 2011 als „Globaler Botschafter“ der WEA um die Welt.
  • James und Betty Robison. James Robison ist ein bekannter „Televangelist“, der mit seinen Programmen Millionen von Zuschauern erreicht und schon mit Billy Graham verglichen wurde.
  • Der bereits erwähnte Kenneth Copeland ist Leiter von „Wort des Glaubens“, einer Bewegung, die das sogenannte Wohlstandsevangelium verkündet.
  • Zu guter Letzt: John und Carol Arnott, Gründer und Leiter der umstrittenen „Toronto Airport Church“.

Es scheint also, dass jetzt plötzlich alle in der evangelikalen Welt vertretenen Strömungen nach Rom wollen: von konservativen Calvinisten über Mainstream-Evangelikale und -Pfingstler bis hin zu den Extremcharismatikern.

Die in diesen Kreisen nun oft gehörte Aussage „Wir verkünden jetzt dasselbe Evangelium“ wird offenbar von vielen Evangelikalen dahingehend verstanden, als ob Rom nun auf ihren Kurs eingeschwenkt sei. Auch manche Katholiken fassen das anscheinend so auf, wie ich aus besorgten Kommentaren auf katholischen Internetseiten schliesse.

Wer so urteilt, hat das Wesen des Katholizismus nicht ganz verstanden. Dieser fusst nämlich entscheidend auf der Lehre von der Unfehlbarkeit der Kirche. Aufgrund dieser Lehre gelten päpstliche und Konzilsdekrete als unfehlbar, gleichrangig mit der Bibel oder sogar dieser übergeordnet – also als von Gott selbst inspirierte bzw. autorisierte Wahrheiten. Dazu gehören u.a. die Verurteilungen der reformatorischen Lehren, und die Dekrete zur Ausrottung der Häretiker. Selbst wenn die obersten Kirchenführer eine dieser Lehren als falsch erkannt hätten, so könnten sie sie dennoch nicht zurücknehmen, aus dem eben erwähnten Grund.
(Es ist also immer noch offizielle Lehre der katholischen Kirche, dass sogenannte „Häretiker“ getötet werden sollen. Wenn diese Lehre gegenwärtig nicht praktiziert wird, so liegt das nicht an einem grundsätzlichen Gesinnungswandel der Kirche, sondern lediglich daran, dass sie nicht mehr die nötige politische Macht hat dazu.)
Genau an diesem Punkt entzündete sich auch der Streit zwischen Luther und dem Papst. Das Problem war nicht Luthers Polemik gegen den Ablasshandel; das wurde in Rom als „harmloses Mönchsgezänk“ abgetan. Auslöser des Konflikts war vielmehr Luthers Aussage: „Auch Konzilien können irren.“ (Konkret ging es dabei um die Verurteilung und anschliessende Verbrennung von Jan Hus.) Damit stellte er die Grundlage der römischen Kirche in Frage. Würde diese Kirche auch nur ein einziges Dekret eines Konzils oder Papstes widerrufen, so würde sie damit ihre ureigenste Identität preisgeben und Luther recht geben. Es gibt aber keine Anzeichen dafür, dass das demnächst geschehen sollte.

Sollte es also wahr sein, dass Katholiken und Evangelikale jetzt „dasselbe Evangelium verkünden“, dann können es nur die Evangelikalen gewesen sein, die ihr Evangelium abänderten, aber nicht die Katholiken.

Dennoch – für diese evangelischen Leiter, die den Papst schon beinahe einen der ihren wähnen, dürfte es eine grosse Überraschung sein, dass er auch ganz anders sprechen kann. Paolo Ricca hat letztes Jahr in einem Artikel auf riforma.it bekanntgemacht, was der Papst wirklich von der Reformation hält. Leider war der Originalartikel schon nicht mehr abrufbar, als ich davon erfuhr; aber auf einem spanischsprachigen Blog wurde der Inhalt wie folgt zusammengefasst:

„Herzlich und voller Lob. Immer bemüht, das Gemeinsame zu unterstreichen und die Unterschiede beiseite zu lassen. Das war bis jetzt das populäre Bild des Papstes Franziskus in seinen Beziehungen zu den Nichtkatholiken.

Viele sind beeindruckt von seinem gefälligen Stil, mit dem er oft andere zu beeinflussen versucht. Das mag bisher die Norm gewesen sein, aber nun gibt es eine sehr bedeutsame Ausnahme. Die kürzliche Neuherausgabe (in Buchform) einer Konferenz über die Geschichte der Jesuiten, die der (damalige) Erzbischof Bergoglio 1985 in Argentinien hielt, bezeugt die harte Kritik, die er an der protestantischen Reformation übt, und insbesondere an Johannes Calvin. Diese Konferenz wurde 2013 in Spanien von neuem veröffentlicht, und wurde dann auch auf Italienisch übersetzt (Chi sono i gesuiti [Wer sind die Jesuiten?], Bologna: EMI, 2014). Da nichts darauf hinweist, dass er seine Gesinnung geändert hätte, müssen wir den Inhalt dieses Buches als eine exakte Wiedergabe dessen ansehen, was Franziskus noch heute über die protestantische Reformation denkt.

Der Protestantismus als die Wurzel allen Übels

(…) Wie er sagt, bestehen die unausweichlichen Folgen der Reformation entweder in der Vernichtung des Menschen in seiner Bedrängnis (was zum existenziellen Atheismus führt), oder in einem Sprung ins Dunkel als eine Art „Übermensch“ (wie es Nietzsche voraussah). Beide Ergebnisse führen zum „Tod Gottes“ und zu einer Art „Heidentum“, das sich u.a. im Nationalsozialismus und im Marxismus äussert. All das soll aus dem „Standpunkt Luthers“ hervorgegangen sein! Bergoglio argumentiert, die Reformation sei die Wurzel aller Tragödien des modernen Abendlandes, von der Säkularisierung bis zum Tod Gottes, von den totalitären Regimes bis zu den ideologischen Selbstmorden.

(…) Bergoglio hat diese Ansicht nicht erfunden. Aber er bestärkt sie neu, als ob es seit dem Konzil von Trient nie eine gründlichere historische Forschung oder kulturelle und theologische Analysen gegeben hätte. Was sollen wir dann mit seinen freundlichen Tönen den Protestanten gegenüber anfangen, wenn er in Wirklichkeit glaubt, der „lutherische Standpunkt“ sei schuld an allen Übeln der westlichen Zivilisation?

Johannes Calvin, der geistliche Scharfrichter

(…) Calvin sei noch schlimmer, weil er den Menschen, die Gesellschaft und die Kirche zerrissen hätte: Inbezug auf den Menschen trennte Bergoglios Calvin die Vernunft vom Herzen und brachte so das „calvinistische Elend“ hervor. Inbezug auf die Gesellschaft hetzte er das Bürgertum gegen die anderen arbeitenden Klassen und wurde so zum „Vater des Liberalismus“. Aber die schlimmste Spaltung geschah in der Kirche. Dort „enthauptete Calvin das Volk Gottes von seiner Einheit mit dem Vater“. Er liess das Volk Gottes ohne seine Heiligen zurück. Und er enthauptete die Messe, d.h. die Vermittlung des „realpräsenten“ Christus. Kurz, Calvin war ein Scharfrichter, der den Menschen zerstörte, die Gesellschaft vergiftete, und die Kirche ruinierte!

Zu sagen, dass Bergoglio Calvin nicht mag, wäre eine Untertreibung. Er empfindet heftigste Gefühle gegen ihn. Aber versteht er Calvin wirklich, über die antiquierten und völlig einseitigen Klischees hinaus? Im Jahre 2017 wird das 500-jährige Jubiläum der protestantischen Reformation sein, und da hätte Franziskus eine Gelegenheit, über die neusten Geschichtsbücher zu gehen und ein gerechteres und genaueres Bild darüber zu gewinnen, was seit dem 16.Jahrhundert geschah. Solange er seine Bewertung der Reformation nicht revidiert, bleiben seine ganzen „ökumenischen“ Reden eine oberflächliche Maske, die einen wahren Hass auf Luther und (insbesondere) auf Calvin verbirgt.“

Im deutschsprachigen Raum scheint kaum jemand diesen Artikel zur Kenntnis genommen zu haben. Ich fand lediglich einen Kommentar auf einem katholischen Blog, dessen Verfasser u.a. sagt: „Dass so klare Aussagen den Calvinisten der heutigen Zeit nicht gefallen, kann man nachvollziehen, die sich im Rahmen der 500-Jahrfeier der Reformation schon auf von katholischen Standpunkten ungestörte Feierlichkeiten  freuten und für die Protagonisten der Kirchenspaltung vom Hl. Stuhl irgendwelche Ehrentitel einforderten, wenn schon nicht Kirchenlehrer so doch etwas Ähnliches…“

Ich muss ihm recht geben. Zu erwarten, dass der Papst Luther und Calvin offizielle kirchliche Anerkennung verleihen würde, ist ein leerer Wahn. Eine „vollständige und sichtbare Einheit mit der katholischen Kirche“, wie sie jetzt von den Lutheranern angestrebt wird (und, wie wir sahen, auch von manchen Evangelikalen), kann von katholischer Seite aus nicht stattfinden ohne eine ebenso „vollständige und sichtbare“ Unterwerfung der Evangelischen unter Rom. Das hat der Papst bei den jüngsten Gesprächen zwar nicht offen gesagt; es ist aber katholischerseits schon mehrmals klargestellt worden.

Dem Papst kann in dieser Hinsicht von seiner eigenen Warte aus kein Vorwurf gemacht werden. Er handelt konsequent und in Übereinstimmung mit seiner eigenen Lehre; nur heuchlerisch, aber Heuchelei ist meines Wissens in der katholischen Theologie nicht verboten. Wenn er evangelikale Leiter mit offenen Armen im Vatikan empfängt, beruht das offenbar auf der alten Weisheit, dass man mit Honig mehr Fliegen fängt als mit Essig. Im übrigen hat er meines Wissens sowohl zur Einladung der EKD als auch zum Entwurf Palmers für ein gemeinsames Glaubensbekenntnis noch gar nicht Stellung genommen.

Wer jedoch inkonsequent und verräterisch handelt, sind die Leiter der Lutheraner und Evangelikalen. Entweder haben sie ihre Wallfahrt nach Rom angetreten, ohne sich je mit den Grundlagen katholischer Kirchenlehre zu befassen – was ich mir aber z.B. bei einem Theologen vom Kaliber Schirrmachers kaum vorstellen kann. Oder aber sie führen die Weltöffentlichkeit bewusst in die Irre.

Nehmen wir es also zur Kenntnis: Der Papst ist – oh Wunder – immer noch katholisch.

Nochmals Richard Wurmbrand

31. August 2014

Richard Wurmbrand ist vor allem bekannt für seine Geschichte als Glaubensgefangener in Rumänien, und für seinen späteren Einsatz für verfolgte Christen in kommunistischen Ländern. Es gibt aber noch einige andere Aspekte seines geistlichen Erbes, die auch nach dem sogenannten „Fall“ des Sowjetkommunismus aktueller denn je sind.

Einer dieser Aspekte kam z.B. in einer Aussage zum Ausdruck, die er einmal in einem Vortrag machte: Schon als er noch in Rumänien im Gefängnis sass, sei eines seiner wichtigsten Gebetsanliegen gewesen, dass im Westen gläubige, bibeltreue Apologeten ausgebildet würden, welche die sogenannt „wissenschaftliche“ Bibelkritik widerlegen könnten.
Die Bibelkritik ist wiederum mit dem Kommunismus verbunden, indem beides Formen der Gottesleugnung sind; und indem die Bibelkritik tatsächlich in Ost und West als wirksames Hilfsmittel der kommunistischen Propaganda eingesetzt wurde und wird.

Richard Wurmbrand ging es nämlich nicht nur um die direkte Hilfe für die Verfolgten. Sein Ansatz war nicht einfach „humanitär“. Er erkannte sehr wohl, dass eine wirklich wirksame Hilfe bei den tieferen Ursprüngen der Verfolgung ansetzen musste; und zu diesen tieferen Ursprüngen gehört insbesondere die kommunistische bzw. totalitäre Ideologie. Deshalb war es ihm ein ebenso wichtiges Anliegen, auch hier im Westen sowohl Kommunisten wie Nichtkommunisten über das wahre Wesen des Kommunismus aufzuklären und vor dessen Gefahren zu warnen. Er versuchte dabei das schwierige Kunststück (das ihm wohl nicht immer gelang), direkte Konfrontation mit liebevoller Überführung zu vereinen, um w.m. Kommunisten nicht nur zu widerlegen, sondern sie zum Glauben an Jesus zu führen. (In der Anfangszeit verwendeten einige der von ihm gegründeten Organisationen den Namen „Jesus to the Communist World“.) Zugleich versuchte er Christen vor einer möglichen kommunistischen Machtübernahme im Westen zu warnen und sie darauf vorzubereiten. Seine Stimme war in dieser Hinsicht so klar, dass er sogar von westlichen Anti-Kommunisten kritisiert wurde, weil seine Äusserungen allzu direkt, „extrem“ und undiplomatisch seien. Dinge unter den Teppich zu kehren war nicht seine Art.

Deshalb gehörten Aufklärungs- und Protestaktionen gegen kommunistisch unterwanderte Organisationen und Veranstaltungen im Westen wesentlich zur Arbeit der von Wurmbrand gegründeten Werke in ihrer Anfangszeit. So war Wurmbrand einer der ersten, der öffentlich vor der kommunistischen (und bibelkritischen) Unterwanderung des ökumenischen Weltkirchenrats warnte. Er verfasste darüber u.a. die Flugschrift „Ist Gott tot, rot und eine Frau?“. Als ich kürzlich eine Google-Suche nach dieser Schrift durchführte, erhielt ich kein einziges Ergebnis; sie ist offenbar einfach von der Bildfläche verschwunden. Seit die Evangelische Allianz und die ihr angeschlossenen Organisationen auf die Linie des Weltkirchenrats eingeschwenkt sind, dürfte diese Schrift wohl auch im evangelikalen Lager als „politisch inkorrekt“ gelten.

Ein anderes Büchlein von Richard Wurmbrand, das anscheinend schon lange nicht mehr neu aufgelegt wurde, ist „Vorbereitung auf die Untergrundkirche“. Er warnt darin Christen im Westen vor einer möglichen kommunistischen Machtübernahme, und was dabei alles geschehen könnte, und wie man sich (v.a. geistlich) darauf vorbereiten könnte.
Allerdings rechnete er anscheinend nicht mit der Möglichkeit, dass eine solche Machtübernahme nicht nur durch einen plötzlichen Umsturz geschehen könnte, sondern ebenso (und vielleicht noch nachhaltiger) durch allmähliche Unterwanderung und (v.a. schulische) „Umerziehung“ des Volkes, wie es gegenwärtig z.B. in Deutschland (und möglicherweise in ganz Europa) geschieht. (Siehe dazu hier.) Das Volk wählt dann die kommunistischen Machthaber ganz demokratisch; und die echten Christen sind gesellschaftlich (und kirchlich!) so weit ausgegrenzt, dass schon gar niemand mehr ihre Verfolgung wahrnimmt.
– Man könnte hier einwenden, die gegenwärtige deutsche Staatsideologie sei etwas ganz anderes als der damalige Sowjetkommunismus. Ja, natürlich. Der Ursprung liegt anscheinend in der „Frankfurter Schule“, die im Vergleich zum Sowjetkommunismus eine grosse Weiterentwicklung darstellt; und zusätzlich sind Elemente aus dem Feminismus und der Gender-Ideologie, aus dem Nationalsozialismus, und von wer weiss woher sonst noch eingeflossen. Der Leser möge diese Ideologie also nennen wie er will; jedenfalls handelt es sich um eine Spielart des Staatstotalitarismus.

Besonders gibt mir zu denken, dass reformierte und Freikirchen – denen wir ja ursprünglich die bis vor kurzem in Europa geltende Religions- und Gewissensfreiheit zu verdanken haben – jetzt Strömungen unterstützen, die auf den Abbau ebendieser Freiheiten abzielen.

Richard Wurmbrands direkter Einsatz für Verfolgte ist (lobenswerterweise) von verschiedenen Organisationen weitergeführt worden. Aber das ist etwas, was auch völlig weltliche Organisationen wie z.B. Amnesty International tun könnten und z.T. ja auch tun. Hingegen scheint es nur wenige Personen zu geben, die seine Aufklärungsarbeit über die antichristliche Unterwanderung des Westens, und insbesondere der westlichen Kirchen, weiterführen. Wie die obigen Beispiele zeigen, sind sogar seine Schriften, die dieses Thema aufgreifen, weitestgehend in Vergessenheit geraten. Dabei wäre gerade das heute dringend notwendig. Noch mehr: Derselbe apologetische Kampf, den Wurmbrand gegen den Weltkirchenrat führte, müsste heute in derselben Weise auch gegen die Evangelische Allianz geführt werden.

 

Von der unbarmherzigen Gnade

22. Juni 2011

Nein, der Titel ist kein Tippfehler. Ich werde das sogleich erklären.

Vor rund siebzig Jahren schrieb Dietrich Bonhoeffer über die „billige Gnade“, die in allzuvielen Kirchen verkündigt wird:

„Die billige Gnade ist der Todfeind unserer Kirche. Heute kämpfen wir um eine Gnade, die etwas kostet.
(…) Die Kirche, die die richtige Lehre von der Gnade hat, nimmt an, dass sie ipso facto an dieser Gnade teilhat. In einer solchen Kirche findet die Welt eine billige Bedeckung für ihre Sünden; es wird keine Reue verlangt, und noch weniger der wirkliche Wunsch, von der Sünde befreit zu werden. Damit wird die billige Gnade zu einer Verleugnung des lebendigen Wortes Gottes.
Billige Gnade bedeutet die Rechtfertigung der Sünde ohne die Rechtfertigung des Sünders. Die Gnade allein tut alles, sagen sie, und so kann alles bleiben wie zuvor. Die Welt fährt fort im selben alten Wandel, und wir sind noch Sünder, ‚auch im besten Leben‘, wie Luther sagte. Gut, dann möge der Christ leben wie die übrige Welt, möge sich in jedem Lebensbereich an die Massstäbe der Welt anpassen, und möge sich nicht anmassen, ein Leben unter der Gnade leben zu wollen, das sich von seinem alten Leben unter der Sünde unterscheidet.
(… Die echte Gnade) ist teuer, weil sie uns zur Nachfolge ruft; und sie ist Gnade, weil sie uns ruft, Jesus Christus zu folgen. Sie ist teuer, weil sie einen das Leben kostet; und sie ist Gnade, weil sie einem das einzig wahre Leben gibt. Sie ist teuer, weil sie die Sünde verurteilt; und sie ist Gnade, weil sie den Sünder rechtfertigt. Vor allem ist die Gnade teuer, weil sie Gott das Leben seines Sohnes kostete. ‚Denn ihr seid teuer erkauft worden‘; und was Gott teuer war, darf uns nicht billig sein.“
(Dietrich Bonhoeffer, „Nachfolge“, 1937)

(Anm: Das Zitat ist rückübersetzt aus einer spanischen Ausgabe und stimmt deshalb wahrscheinlich nicht wörtlich mit dem Original überein.)

Diese Worte sind heute noch genauso aktuell wie damals (wenn nicht noch mehr), und nicht nur in den bösen Landeskirchen, sondern genauso in den ebenso bösen Freikirchen. Zudem ist in den letzten Jahrzehnten noch eine weitere Nuance dazugekommen: Unter dem Einfluss der amerikanischen „Shepherding“-Bewegung, „Abdeckung-und-Unterordnungs“-Lehre, und verwandten Strömungen, ist die Art „Gnade“, die heute verkündet wird, nicht nur billig, sondern dazu auch noch unbarmherzig und grausam.

Bevor ich mehr dazu sage, möchte ich einige Abschnitte aus einer Artikelserie zitieren, die mir kürzlich über den Weg kam. Es handelt sich um das Zeugnis eines ehemaligen Insiders der amerikanischen „Prophetenbewegung“ und Mitarbeiters der „Elijah-List“ – eines e-Mail-Versands, der an Tausende von Empfängern jeweils die neusten „prophetischen Worte“ verbreitet und anscheinend auch in Europa wohlbekannt ist. Was ich da las, kam mir unangenehm vertraut vor aus meinen eigenen Erfahrungen in der evangelikalen Welt.

Es geht mir hier nicht einmal so sehr um die Besonderheiten dieser „Prophetenbewegung“. (Dazu wäre auch einiges zu sagen, aber nicht hier.) Es geht mir vielmehr um das falsche Verständnis von „Gnade“, das so ziemlich überall verbreitet ist, wie ich selber erfahren musste – sowohl in charismatischen wie in nicht-charismatischen Kreisen, sowohl in Südamerika wie in Europa.

Da schreibt also Kevin Kleint in http://www.zionfire.org/elijah-list-1/ :

„Nachdem am 11.September die Zwillingstürme fielen, nahmen die Besuche auf der Elijah-List-Webseite und die Einträge in die Liste dramatisch zu, und damit auch die Arbeitslast. Von da an musste ich während mehreren Jahren 24 Stunden am Tag abrufbar sein. Obwohl ich für meine Arbeit bezahlt wurde, waren die Forderungen von Steve (dem Gründer der Elijah-List) völlig unvernünftig. Wenn er anrief und ich liess nicht sofort alles stehen und liegen, was ich gerade tat, um sein Verlangen zu erfüllen, dann wusste ich bereits, dass ich am selben Tag ein e-Mail erhalten würde, das mich zutiefst schuldig fühlen liesse. Ich erinnere mich noch an einen Tag, als ich gerade meinen Hund badete und über und über mit Schmutz und Haaren bedeckt war, als er anrief und wollte, dass ich etwas an der Website überprüfte. Ich bat ihn, zehn Minuten zu warten, damit ich mich saubermachen konnte; aber er ärgerte sich, weil ich nicht sofort ’sprang‘.

Dieses Verhalten war ein ständiges Problem während der ganzen sieben Jahre, nicht nur für mich, sondern auch für andere Mitarbeiter der Elijah-List. Neben anderen Manipulationstechniken, wurde ich regelmässig ‚rebellisch‘ und ’nicht untergeordnet‘ genannt. Ich fand das sehr seltsam, denn alle meine früheren Arbeitgeber hatten mich sehr umgänglich und dienstbereit gefunden! Tatsächlich fragte mich mein Chef an meiner darauffolgenden Arbeitsstelle: ‚Wo ist dein Selbstvertrauen? Du sagst nie etwas, und du verhältst dich so, als hätte deine Meinung keinerlei Wert.‘ Ich musste von Grund auf neu lernen, zu einer Arbeitsdiskussion etwas beizutragen, weil das emotionelle und geistliche ‚Niedergeschlagenwerden‘ der vorangegangenen sieben Jahre bei der Elijah-List mich so demoralisiert und erbärmlich zurückgelassen hatte, dass ich kaum normal funktionieren konnte.

(…) Ob Sie es glauben oder nicht, ich habe nichts gegen Steve – ich habe ihm vergeben. Aber ich bin der Meinung, wenn jemand auf der Kanzel ‚Gnade und Barmherzigkeit‘ predigt und (nach seinen eigenen Worten) seinen ganzen Dienst darauf aufbaut, dann sollte er im ‚wirklichen Leben‘ demgemäss leben. Wenn jemand von der Kanzel herab von ‚Gnade und Barmherzigkeit‘ spricht, aber seinen Angestellten gegenüber rücksichtslos, quälerisch und herrschsüchtig ist, dann stinkt das nach Heuchelei und ist weit entfernt von Gnade.“

Was hier beschrieben ist, wird auch „geistlicher Missbrauch“ genannt. Diese Art von Missbrauch besteht darin, dass ein Leiter seine Untergebenen dahin manipuliert, zu tun was er will, indem er den Namen Gottes dafür in Anspruch nimmt: „Gott hat mir gezeigt, dass ….“; „Gott zu gehorchen bedeutet, seinem Leiter zu gehorchen“; usw. Das ist keineswegs eine harmlose Sache. Die derart Geschädigten brauchen viele Jahre, um sich von den dadurch verursachten Persönlichkeitsstörungen (z.B. wie oben beschrieben) zu erholen, und wieder Vertrauen zu Gott zu fassen. Viele wollen danach überhaupt nichts mehr mit dem christlichen Glauben zu tun haben.
Und tatsächlich, so unvorstellbar es auch scheint, rechtfertigen viele dieser Missbraucher ihr Verhalten mit Worten wie „Gnade“, „Liebe“, „Barmherzigkeit“! Sie selber sind „Gottes Stimme“ für dich, und du musst es als ein grosses Vorrecht ansehen, unter ihrer Leiterschaft arbeiten zu dürfen … sobald du aber auf etwas hinweist, was in ihrem eigenen Leben nicht stimmt, oder dich über die Missbräuche beklagst, dann zeigst du damit einen „Kritikgeist“, bist „lieblos“, „richtend“ und „unbarmherzig“ …

Lesen wir noch etwas weiter:

„Gleichzeitig mit den zunehmenden Kontakten und Einnahmen kam die Menschenfurcht – in epidemischen Ausmassen, und wie die Bibel sagt, war das eine Falle (Sprüche 29,25). Da man die Einnahmen nicht verlieren wollte, und ebensowenig die Gunst der Beitragsschreiber (die anderen „prophetischen“ Dienste) und des Publikums, gründeten sich die meisten Entscheidungen über Veröffentlichungen auf unsere Beziehung mit diesen Personen, und auf die öffentliche Wahrnehmung ihres Produktes … ob es sich gut verkaufen liess oder nicht.

Manchmal sandten uns diese Dienste Beiträge, die nicht unbedingt mit der Philosophie der Elijah-List im Einklang standen, ’nur aufbauende Worte‘ zu veröffentlichen. Da Steve nicht von dieser Philosophie abweichen wollte, musste er Vorworte dazu schreiben (manchmal drei bis vier Abschnitte lang) und versuchen, den korrigierenden und zur Umkehr aufrufenden Aspekt des Beitrags herunterzuspielen. Er bemühte sich jeweils, die Leute auf die ‚weichere‘ Seite Gottes hinzuweisen. Ab und zu wurden gewisse ‚anstössige‘ Sätze in einem Beitrag völlig umformuliert. Diese subtilen, und manchmal unverschämten Manipulationen ärgerten normalerweise die Beitragsschreiber, besonders die „idealistischeren“ unter ihnen.

Das letzte Mal, als ich es in der Bibel nachlas, stand dort, ein Prophet habe sich nicht um Menschenmeinungen zu kümmern, und solle das Wort Gottes unverfälscht weitergeben.“

Damit habe ich auch Erfahrung. Mehrmals haben evangelikale Kirchen und Organisationen meine Artikel ohne Absprache sinnentstellend gekürzt und verstümmelt, oder deren Veröffentlichung und Verbreitung überhaupt verboten – nicht etwa, weil sie Irrlehren enthalten hätten, sondern weil sie mit der Politik der jeweiligen Organisation nicht im Einklang standen (siehe „Von der evangelikalen Zensur“).

Jetzt kommt der eigentliche Kern dessen, was Kevin Kleint über die Gnade und deren Verfälschung zu sagen hat, und ich möchte das ausführlich zitieren:

„Die Leiterschaft der Prophetenbewegung, inbegriffen die Elijah-List, hat eine schlau aufgebaute Mauer der Verführung konstruiert, die sie aller Rechenschaftspflicht enthebt und sie gegen Kritik und Ermahnung immun macht. Grundlage dieser Mauer ist die falsche Auslegung und Anwendung von Matthäus 7,1-5 (’nicht richten‘) und ähnlichen Versen.

Als Ergebnis darf niemand sagen, sie (die ‚Propheten‘) machten irgendetwas falsch. Wenn jemand sagt, er sehe etwas Falsches im Verhalten der ‚Propheten‘, dann muss er sofort hören, er wandle nicht in der Liebe, und wir sollten dem Propheten ‚Gnade‘ geben. Er muss auch hören, wir sollten nicht richten, damit wir nicht ebenso gerichtet werden … Und weil wir diese Leiter auf ein Podest stellen und sie im Grunde abgöttisch verehren, akzeptieren die meisten Leute diese Argumentation sehr leicht und ignorieren die Sünde.

Diese Dynamik schlägt auch in den zwischenmenschlichen Beziehungen in der Gemeinde durch. Wir haben Angst, etwas über die Sünde im Leben unseres Nächsten zu sagen, weil wir nicht als ‚richtend‘ oder ‚böswillig‘ angesehen werden wollen. Wegen dieser Angst verbreitet sich die Sünde unkontrolliert in der Gemeinde und gedeiht! Was denken Sie, warum unsere Raten von Scheidungen, Abtreibungen, Pornographie- und Drogenkonsum dieselben sind wie in der Welt? Weil es in unseren Versammlungen keine Reinheit, keine Heiligkeit, und kein Feuer des Heiligen Geistes gibt! Wussten Sie, dass tatsächlich Hexen und Teufelsanbeter in unsere ‚Anbetungshäuser‘ kommen und sich da wohlfühlen können? Möge sich Gott unser erbarmen!

Die folgenden Verse werden von den ‚Propheten‘ und ihren Nachfolgern gewöhnlich heruntergespielt und/oder ignoriert:

1. Kor. 6,3: ‚Wisst ihr nicht, dass wir Engel richten werden? Wieviel mehr dann die Dinge dieses Lebens?‘
– Dieser Vers spricht davon, Dinge in diesem Leben zu unterscheiden bzw. zu richten.
1. Kor. 6,5: ‚Ich sage dies zu eurer Schande. Gibt es keinen einzigen Weisen unter euch, der zwischen seinen Brüdern richten könnte?‘
– Dieser Vers spricht davon, Angelegenheiten zwischen Brüdern zu richten.
1. Kor. 11,31: ‚Denn wenn wir uns selbst richteten, würden wir nicht gerichtet werden.‘
– Dieser Vers spricht davon, die Sünde in unserem eigenen Leben zu richten.

Zurechtweisen oder nicht zurechtweisen?

Die Bibel sagt nicht nur, wir sollten Verhaltensweisen und Angelegenheiten richten; sie erlaubt uns auch ZURECHTZUWEISEN!

Lukas 17,3: ‚Achtet auf euch selbst. Wenn dein Bruder gegen dich sündigt, weise ihn zurecht; und wenn er umkehrt, vergib ihm.‘
– Dieser Vers erlaubt uns, unseren Bruder oder unsere Schwester zurechtzuweisen, wenn er/sie in Sünde ist.
1 Tim. 5,20: ‚Jene, die sündigen, weise in Gegenwart aller zurecht, damit auch die übrigen sich fürchten.‘
– Dieser Vers erlaubt uns, einen ÄLTESTEN zurechtzuweisen, der in Sünde ist (lesen Sie dazu die vorangehenden Verse)!
2. Tim. 4,2: ‚Verkünde das Wort! Sei bereit zur Zeit und zur Unzeit. Überführe, weise zurecht, ermahne, mit aller Langmut und Belehrung.‘
– Dieser Vers erlaubt uns, Zurechtweisung als wichtiges Element unserer Predigt zu gebrauchen!
Titus 2,15: ‚Rede diese Dinge, ermahne und weise zurecht mit aller Autorität. Niemand soll dich verachten.‘
– Dieser Vers erlaubt uns, mit Autorität zurechtzuweisen!

Die meisten Dienste, die mit der Elijah-List verbunden sind, die ‚prophetische‘ Kirche, und ein grosser Teil der übrigen Kirche, ertragen es nicht, wenn diese Verse angeführt werden, denn dann wird ihre Heilssicherheit beunruhigt durch die Möglichkeit, dass Sünde aufgedeckt werden könnte. Das Verrückte ist: Sie wollen die Sünde verborgen halten, und dann wundern sie sich, warum sie zu den niedergeschlagensten und verwirrtesten Leuten in der Kirche gehören. Ich habe es selber erlebt! Nie in meinem Leben erlebte ich so viel Niederlage, Krankheit und Verwirrung wie während meiner sieben Jahre bei der Elijah-List! Wenn jemand da hindurch geht, dann sagt man ihm, sie erlebten einfach den ‚geistlichen Krieg‘ … d.h. der Feind sei daran schuld, dass sie dieses Trauma erleben. Das tönt grossartig für das fleischliche Denken, denn schliesslich … wer will schon selber schuld sein?“

(Anmerkung hier: Eine andere Spielart besteht darin, dass die Leiter die zitierten Verse sehr wohl anwenden, sie aber so auslegen, dass nur sie als Leiter die Erlaubnis hätten, alle anderen zurechtzuweisen – und z.B. jeden Widerspruch als „Sünde der Rebellion“ anzuprangern – , während sie selbst von niemandem zurechtgewiesen werden dürfen.)

„(…) Wenn die Mauer der Verführung aus dem Missbrauch von Bibelstellen über das Richten besteht, dann ist der Missbrauch des Wortes ‚Gnade‘ der Mörtel, der die Mauer zusammenhält. Gnade ist in den prophetischen Kreisen ein sehr verschwommener Begriff, der in den meisten Gesprächen anstelle von ‚Barmherzigkeit‘ oder ‚Sünde zudecken‘ gebraucht wird. Nach den Worten von Steve Shultz geht es bei der ganzen Philosophie und Grundlage der Elijah-List um diese Gnade. Aber wenn Sie ihn über Gnade predigen hören, dann erhalten Sie normalerweise eine verdrehte Idee davon. Seine Hauptidee ist, wir sollten nett sein zu den Menschen, weil Gott sie liebt, und schliesslich war er auch nett zu Ihnen, also sollten Sie dasselbe tun. Das ist nicht unbedingt falsch, aber es ist nicht ‚Gnade‘; und es trägt dazu bei, die Mauer der Verführung zu stärken mit ihrer Denkweise, niemandes Handlungen zu richten.

Lasst uns sehen, was in Titus 2,11-15 über Gnade steht:

v.11: ‚Denn die rettende Gnade Gottes ist allen Menschen erschienen,
v.12: die uns dazu erzieht, dass wir der Gottlosigkeit und den weltlichen Wünschen absagen, und (so) in der gegenwärtigen Weltzeit nüchtern, gerecht und gottesfürchtig leben,
v.13: während wir die glückselige Hoffnung und die Erscheinung der Herrlichkeit unseres grossen Gottes und Retters Jesus Christus erwarten,
v.14: der sich selbst für uns gab, um uns von jeder Gesetzlosigkeit zu erlösen, und für sich selber ein Eigentumsvolk zu reinigen, das guten Werken nacheifert.
v.15: Rede diese Dinge, ermahne und weise zurecht mit aller Autorität. Niemand soll dich verachten.‘

Aus diesen Versen weiss ich also, dass Sie einige Dinge lehren müssen, wenn Sie eine Botschaft der Gnade predigen:

– Der Gottlosigkeit und den weltlichen Wünschen abzusagen,
– In der gegenwärtigen Weltzeit nüchtern, gerecht und gottesfürchtig zu leben,
– Die Wiederkunft Jesu zu erwarten,
– (aus Vers 14) Uns seines Werkes am Kreuz bewusst zu sein, und wie er ein reines und heiliges Eigentumsvolk sucht.

(…) Diese Gedanken werden in den meisten heutigen ‚Gnaden-‚botschaften nicht gelehrt. Leider hören wir meistens nur davon, wie Gott unser ‚Kamerad‘ sein möchte. Für eine Gemeindekultur, die nur Ohrenkitzel sucht, ist das eine wunderbare Nachricht! Weil Jesus ihr Kamerad ist, müssen sie nicht gerecht leben! Sie müssen nicht nüchtern leben! Gott hat ‚Gnade‘ für all das!
Und als Ergebnis herrscht das Fleisch ungehindert in unseren Leben.

Die unangenehme Wahrheit ist, dass die heutigen falschen Propheten und ihre Nachfolger sich grosser prophetischer Einsichten rühmen, aber in Tat und Wahrheit wenig oder gar kein Unterscheidungsvermögen haben.

Während meiner sieben Jahre bei der Elijah-List (und meiner fünf Jahre bei Vineyard) hatte ich so viele Begegnungen mit Menschen, die von Zauberei (in unterschiedlichem Grad), Pornographie und dem homosexuellen Geist beeinflusst waren, und NICHTS wurde dazu gesagt oder getan. Wie schon erwähnt, nehmen Hexen an diesen Konferenzen und Gottesdiensten teil und gehen unüberführt und unerrettet wieder weg. Menschen, die einen homosexuellen Geist hatten und/oder bekanntermassen pornographiesüchtig waren, wurde es erlaubt, von der Kanzel aus ‚prophetische Worte‘ zu geben, und niemand sagte etwas dagegen.“

Kleint erwähnt dann zahlreiche ihm persönlich bekannte Beispiele, die das Gesagte belegen; sowohl von weniger bekannten Mitarbeitern wie auch von Personen, die international Schlagzeilen gemacht haben. Der interessierte Leser möge es selber nachlesen (siehe Link am Anfang).

„Barmherzigkeit mit dem Wolf ist Grausamkeit gegenüber den Schafen.“
(Sprichwort der alten Puritaner.)

Ich hoffe, es ist jetzt klarer geworden, warum ich diese Vorstellung von Gnade „unbarmherzig“ nenne. Diese schon an Allversöhnung grenzende Lehre und Praxis klingt zunächst ganz einladend (und entspricht natürlich auch dem gegenwärtigen Zeitgeist). „Komm nur zu Jesus, er ist gnädig und vergibt dir alles“ (ohne von Umkehr, Bekennen und Lassen der Sünde, usw. zu sprechen). Dann aber fangen die Probleme an: eine Gemeinde, wo die grosse Mehrheit der Mitglieder gar nicht für Jesus lebt, wird bald zu einer Hölle auf Erden. Wie stellen sich diese Leute denn den Himmel vor? Wenn Gott alle unbekehrten Betrüger, Diebe, Vergewaltiger und Mörder in den Himmel liesse, dann wären wir ja selbst dort unseres Lebens nicht sicher! Der Himmel wäre dann noch schlimmer als diese Erde, denn aus diesem Zustand heraus gäbe es ja keine „Erlösung“ mehr. Ein solcher „Himmel“ wäre tatsächlich grausam! – Oder denken diese Leute, Gott würde alle diese unbekehrten Sünder bei ihrem Tod auf wunderbare Weise in Heilige verwandeln? Davon steht nichts in meiner Bibel – ganz abgesehen davon, dass hier ja die Rede ist von Menschen, die ihre Sünde gar nicht lassen wollen. Nein, meine Herren Allversöhner, es ist gerade ein Akt der Liebe und Gnade Gottes, dass er streng darüber wacht, dass (wenigstens) der Himmel ein reiner Ort bleibt!

Das zweite Problem ist eingangs schon erwähnt worden: In einem System solcher falsch verstandener „Gnade“ gibt es keinerlei Schutz oder Sicherheitsvorkehrungen gegen herrschsüchtige Machtmenschen. Diese sind die allerersten, die „Gnade“ für sich selbst beanspruchen. Was hingegen die Barmherzigkeit mit den Opfern solcher Missbräuche betrifft, so darf davon gar nicht gesprochen werden – das wäre „lieblos“ oder „richtend“. Es gibt in solchen Gemeinden und Organisationen ein ungeschriebenes Gesetz, dass man über diese Dinge keinesfalls sprechen darf. Wer dieses Gesetz übertritt und aktuelle Probleme anspricht, dem wird vorgeworfen, er selber hätte durch sein Reden das Problem verursacht. Tatsächlich muss jeder, der derartige Missbräuche aufzeigt, damit rechnen, im Namen der „Gnade“ und „Barmherzigkeit“ ganz unbarmherzig angeklagt, aus der Gemeinde ausgeschlossen und verleumdet zu werden. Alles schon selber erlebt.

Ein drittes Problem ist von Kleint auch angetönt worden, aber ich möchte es hier noch klarer hervorheben: Ein solches falsches Verständnis von Gnade verunmöglicht die Verkündigung des wahren Evangeliums. Von Reue, Umkehr, Selbstverleugnung, Nachfolge, usw, darf in einer solchen Umgebung nicht mehr gesprochen werden – das wäre „richtend“. Durch dieses (meistens unausgesprochene) Predigtverbot wird der Zugang zu Gott erst recht verschlossen; denn das wären ja genau die Dinge, die das Erlösungswerk Jesu für uns wirksam machen!
Ich war einmal zu einer Ausbildung für Sonntagschullehrer eingeladen, musste aber nach dem ersten Morgen feststellen, dass keiner der Teilnehmer eine geistliche Wiedergeburt in seinem Leben bezeugen konnte. Natürlich begann ich daraufhin über Bekehrung und Wiedergeburt zu sprechen: wie könnten sie denn Kindern das Evangelium nahebringen, wenn es in ihrem eigenen Leben noch keine Wirklichkeit geworden war? Die Teilnehmer waren jedoch nicht zufrieden: sie wollten wohl einen kirchlichen „Dienst“ tun; aber selber sich zu Jesus bekehren, das wollten sie nicht. – In meiner Einfalt erzählte ich später diese Begebenheit einigen Freunden, die mich (damals noch) unterstützten. Sie machten mir daraufhin schwere Vorwürfe: ich hätte die Erwartungen jener Kirche enttäuscht und sei ungehorsam gewesen, denn schliesslich hätten sie mich nicht zum Evangelisieren eingeladen….
Es ist wirklich äusserst schwierig, in diesem Klima der falschen Gnade überhaupt noch einen Freiraum zu finden, wo man über die echte Gnade Gottes in Jesus Christus sprechen darf! Die alten Erweckungsprediger wie Jonathan Edwards, John Wesley, Charles Finney, etc, gingen in die Kirchen und sagten den Kirchenmitgliedern und Pastoren(!): „Prüft euch an der Schrift, ob ihr wirklich Christen seid. Ihr – gerade ihr – müsst zuerst wiedergeboren werden!“ – Wer das heute zu sagen wagt, der wird wegen „Respektlosigkeit gegenüber der Kirche“ vor die Tür gesetzt. (Um der Geschichte gerecht zu werden: das geschah den alten Erweckungspredigern auch. Wesley wurde aus einer Kirche nach der anderen hinausgeworfen, bis es keine Kanzel in England mehr gab, von der man ihm erlaubt hätte zu predigen, und er keine andere Wahl mehr hatte, als draussen auf freiem Feld zu predigen. Und dort war es, wo Erweckung geschah.)

Zum äussersten Extrem kommt diese Ablehnung des Evangeliums im ökumenischen Weltkirchenrat und den angeschlossenen Kirchen. Nicht nur wird dort die Auferstehung Jesu als „veraltete Mythologie“ bezeichnet und stattdessen heidnische Zeremonien durchgeführt; sondern das biblische Evangelium von Umkehr, Glaube an Jesus Christus und Wiedergeburt ist sogar schon als „Häresie“ bezeichnet worden. Wenn ich aber die Evangelikalen beobachte, dann habe ich allen Grund zur Annahme, dass sie diesen Entwicklungen bald folgen werden.

Ein solches Verbot der biblischen Evangelisation ist in höchstem Masse unbarmherzig, denn es hindert die Menschen daran, die einzige Botschaft zu hören, durch die sie die echte Gnade Gottes kennenlernen könnten!

Ich bin Gott bis heute dankbar, dass er mir in seiner Gnade zu einem bestimmten Zeitpunkt in meinem Leben klar gezeigt hat, dass ich – obwohl ich mich „Christ“ nannte – in Sünde gefangen war und eine Umkehr und Wiedergeburt brauchte. Er war so barmherzig mit mir, dass er mir nicht erlaubte, weiter in einer Täuschung zu leben. In dem Moment, als das geschah, war es alles andere als angenehm – aber es war der Beginn meiner echten Hinwendung zu Jesus. Möchte doch diese Gnade und Barmherzigkeit wieder auf den Leuchter gestellt werden!