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Warum sind die evangelikalen Leiter nun so schnell bereit, nach Rom zurückzukehren?

24. März 2016

In einem früheren Artikel habe ich dokumentiert, wie evangelische und evangelikale Kirchenführer weltweit nun auf höchster Ebene Vorbereitungen treffen, um sich mit der römisch-katholischen Kirche wiederzuvereinigen. Aber wie konnte in relativ kurzer Zeit eine so drastische Kursänderung geschehen?

Zuerst müssen wir verstehen, dass die evangelischen Kirchen die von Luther begonnene Reformation nie vollendet haben. Ein Wahlspruch der ersten Reformatoren war: „Ecclesia semper reformandum“ – d.h. etwa: „In der Kirche gibt es immer etwas zu reformieren“, oder: „Die Kirche sollte sich ständig weiter reformieren.“ Im Licht des reformatorischen Prinzips „sola Scriptura“ würde das bedeuten, dass die Kirche ständig ihre Lehren und Praktiken anhand der Heiligen Schrift überprüfen sollte, und alles korrigieren sollte, was nicht der Schrift gemäss ist. Aber das haben die Kirchen nicht getan.

Luther selber liess tausende von (fälschlich so genannten) „Wiedertäufern“ hinrichten, nur weil diese die Schrift auf zwei Punkte anwandten, wo Luther sich weigerte, das Wort der Bibel anzuerkennen: dass die Taufe nur für Bekehrte ist; und dass die Kirche sich nicht mit dem Staat vermischen sollte. Mit diesen Verfolgungen zeigte Luther, dass auch ihm der politische Opportunismus wichtiger war als sein eigenes Prinzip „Sola Scriptura“.

Und so schleppen die evangelischen und evangelikalen Kirchen bis heute noch viel katholischen Ballast mit sich herum. Sie sind wie Hühner, an deren Körper rundum noch die Schalen des Eis kleben, aus dem sie einst gekrochen sind. Statt diesen Ballast abzuwerfen, fügten sie sogar noch eigene Traditionen hinzu. Mit ihrer Inkonsequenz inbezug auf die reformatorischen Prinzipen säten die Reformationskirchen den Samen ihrer eigenen Vernichtung.

Ich möchte einige dieser katholischen Rückstände aufzählen.

Die Kindertaufe

Heute geben zwar die meisten evangelikalen Freikirchen in diesem Punkt den Täufern recht und praktizieren die Glaubenstaufe. Aber die ökumenische Bewegung wurde hauptsächlich von jenen Kirchen ins Leben gerufen, die weiterhin Säuglinge taufen (und die in vielen Ländern Staatskirchen sind, sodass wir hier auch die Vermischung von Kirche und Staat haben): Lutheraner, Calvinisten, Zwinglianer und Anglikaner. Dann schlossen sich ihnen die orthodoxen Kirchen und die Methodisten an, zwei weitere Denominationen, welche die Säuglingstaufe beibehalten haben. Es verwundert nicht, dass der Ökumenismus genau dort begann: Diese Kirchen haben, obwohl reformiert, noch den grössten Anteil an katholischer Mentalität beibehalten.

Aber die folgenden Punkte treffen auch auf die meisten Evangelikalen zu:

Priester- oder Pastorenzentriertheit

Ein Priester ist ein Vermittler zwischen dem Volk und Gott. Er bringt Gott die Opfer des Volkes dar; er tut Fürbitte vor Gott für das Volk; und er lehrt das Volk den Willen Gottes. Das Priestertum ist ein wichtiges Fundament des Katholizismus: Der katholische Gläubige kann sich nicht Gott nähern, noch gerettet werden, noch die Bibel verstehen, ohne priesterliche Vermittlung.

Im neutestamentlichen Christentum gab es kein solches Priestertum. Ein Christ braucht keinen Vermittler ausser Jesus:

„Denn es gibt einen Gott, und einen Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Jesus Christus …“ (1.Timotheus 2,5)

Jeder wahre Christ hat direkten Zugang zu Gott durch Jesus Cristus. (Siehe Römer 8,14-16; Galater 4,6-7; Hebräer 4,16-16; 10,19-22.)

Infolgedessen schaffte Luther das katholische Priestertum ab und verkündigte das „allgemeine Priestertum aller Gläubigen“ (siehe 1.Petrus 2,5.9). Aber gleichzeitig – und entgegen seinen eigenen reformatorischen Prinzipien – führte er das „Pfarramt“ als Lehramt ein. So behielt das Luthertum die Idee bei, dass „die Laien die Bibel nicht selber verstehen können“. Das war immer noch die Grundidee des Katholizismus: dass es „Kleriker“ und „Laien“ gibt, und dass die „Laien“ von den „Klerikern“ abhängig sind, um mit Gott in eine Beziehung treten zu können.

Bis heute sind nur sehr, sehr wenige Evangelikale zu den biblischen Prinzipen der Gemeinde als „Familie Gottes“ (Epheser 2,19; Matthäus 23,8) zurückgekehrt, zur biblischen Ältestenschaft und zur pluralen Leiterschaft. (Siehe in „Das biblische Konzept der Familie“.) Die Mehrheit behält eine hierarchische Struktur bei, wo ein „Pastor“ über die übrigen Ältesten gesetzt wird und ein „Bischof“ (oder eine andere Form regionaler bzw. nationaler Leiterschaft) über die Pastoren. Diese Struktur wurde vom Katholizismus übernommen und hat nichts mit dem biblischen Hirtendienst gemeinsam. Und diese evangelikalen Hierarchien haben ihrerseits eigene kirchliche Traditionen geschaffen, denen in der Praxis grösseres Gewicht beigemessen wird als dem Wort der Bibel. Es gibt kaum evangelikale Leiter, die sich vom Wort Gottes her korrigieren oder zurechtweisen lassen, was ihre Kirchentraditionen oder auch persönliche Sünde betrifft. So haben sie das „Sola Scriptura“ und das allgemeine Priestertum aufgehoben.

Gerade als ich diesen Artikel vorbereitete, erhielt ich eine aufschlussreiche Illustration dieses evangelikalen Traditionalismus. Ein Leser meines (spanischsprachigen) Blogs kommentierte zu einem Artikel, in welchem ich einige biblische Prinzipien über Leiterschaft beschrieben hatte:
„Jeder Pastor, der dem Willen Gottes untergeordnet ist, ist eine Autorität, suchen Sie vom Alten Testament her die Definition eines Pastors (Hirten), und vegleichen Sie sie mit den Aussprüchen Jesu über den Pastor.“
(Damit wollte er ausdrücken, dass er mit mehreren Dingen, die ich von der Bibel her geschrieben hatte, nicht einverstanden war.)
Da jener Kommentator keine Bibelstellen anführte, bat ich ihn, die folgenden drei Fragen zu beantworten:
1. Welche alttestamentliche(n) Bibelstelle(n) betrachten Sie als „die Definition eines Pastors“?
2. Warum glauben Sie, ein „Pastor“ (Hirte) im Alten Testament sei dasselbe wie ein „Hirte“ im Neuen Testament?
3. In welchen Stellen des Neuen Testaments spricht Jesus von einem „Hirten“, abgesehen von den Stellen, die sich auf ihn selber beziehen?

Ich erhielt keine Antwort. (Ich kann bereits anmerken, dass es auf die Frage 3 gar keine Antwort gibt. Nirgends in den Worten Jesu können wir eine Stelle finden, wo er das Wort „Hirte“ auf jemand anderen als sich selber angewandt hätte.) Der oben zitierte Kommentar ist ein typisches Beispiel dafür, wie ein Gemeindeglied blindlings wiederholt, was ihn seine kirchliche Tradition gelehrt hat, und sogar glaubt, es handle sich um biblische Lehre; aber wenn er herausgefordert wird, die biblischen Grundlagen dieser Lehre zu identifizieren, dann stellt sich heraus, dass es keine solchen gibt.

(Nebenbemerkung: Es ist prinzipiell richtig, dass es in der christlichen Gemeinde „Autoritäten“ (im biblischen Sinn definiert) gibt, die als solche anerkannt werden, sofern sie von Gott beauftragt und seinem Willen unterstellt sind. Allerdings heissen diese im Neuen Testament nicht „Pastoren“, sondern „Älteste“. Das Hauptproblem besteht aber darin, dass viele sogenannte „Pastoren“ eine Stellung innehaben, die Gott nie für seine Gemeinde vorgesehen hat und für die es keine biblische Grundlage gibt. Somit ist ihre Leiterschaft von Anfang an nicht Gottes Willen gemäss, wie sehr sie sich auch (einige von ihnen) im übrigen um persönliche Integrität bemühen mögen.)

Viele Evangelikalen schreiben ihren „Pastoren“ sogar priesterliche Eigenschaften zu. Z.B. glauben sie, die Fürbitte oder „Segnung“ von seiten eines „Pastors“ habe grössere Vollmacht als das Gebet eines „Laien“, nur weil es sich um einen „Pastor“ handelt. Sie glauben, die Anordnungen eines „Pastors“ seien die Stimme Gottes für die gewöhnlichen Gläubigen, sogar wo es um ganz persönliche Privatangelegenheiten geht. Sie lehren, nur ein „ordinierter Pastor“ (was es im Neuen Testament nicht gibt) dürfe taufen oder das Abendmahl leiten. Es überrascht daher nicht, dass viele ihrer Leiter nun auch noch die letzte Konsequenz ziehen wollen, nämlich sich dem römisch-katholischen Priestertum zu unterwerfen.

Die Kirche als „heilsvermittelnde Institution“

Eine andere katholische Lehre lautet: „Ausserhalb der Kirche gibt es kein Heil.“ – Reformierte und Evangelikale sind etwas toleranter, aber im Grunde behalten sie die katholische Idee bei. Sie sagen: „Es gibt viele mögliche Kirchen, aber zu einer davon musst du gehen, um gerettet zu werden.“

Sie verstehen nicht, dass schon diese Vorstellung des Zur-Kirche-Gehens falsch ist und nicht dem Neuen Testament entspricht. Diese katholische Idee setzt voraus, dass „die Kirche“ eine abgesonderte, unpersönliche Institution ist, die ein vom individuellen Gläubigen unabhängiges Eigenleben führt, und die sogar ein Besitzrecht auf den Gläubigen hat. Gemäss diesem Konzept ist diese gesichtslose Institution, die sich „Kirche“ nennt, beauftragt, das Heil zu verwalten, und deshalb sei es nötig, „zur Kirche zu gehen“, um den Herrn kennenzulernen und gerettet zu werden.

Das Neue Testament beschreibt etwas ganz anderes: Die Kirche (Gemeinde) ist nicht eine separate Institution. Die Gemeinde ist die Versammlung aller Wiedergeborenen. Wenn du also wiedergeboren bist, dann bist du Teil der Gemeinde, wo immer du dich befindest. Und wenn du nicht wiedergeboren bist, dann gibt es keinen Ort auf der Erde, wohin du gehen könntest, um ein Mitglied der Gemeinde zu werden. Du musst von neuem geboren werden.

Deshalb luden die Verkünder des Evangeliums im Neuen Testament niemanden ein, „zur Kirche zu kommen“. Sie gingen dorthin, wo die Verlorenen waren, und dort verkündeten sie das Evangelium, und dort bekehrten sich „so viele zum ewigen Leben bestimmt waren“ (Apg.13,48) und wurden wiedergeboren. Das geschah auf den Strassen und öffentlichen Plätzen, oder in Privathäusern. Von jenem Moment an waren die Neubekehrten auch „Gemeinde“. Und überall, wo sich „zwei oder drei“ von ihnen versammelten (Matthäus 18,20), da war „Gemeinde“.

Und wer fügte neue Glieder zur Gemeinde hinzu? Der Priester, der „Pastor“? – Keineswegs. „Und der Herr tat täglich solche hinzu, die gerettet wurden.“ (Apg.2,47) – Zur Zeit der Urgemeinde wäre es sinnlos gewesen, einen Ungläubigen einzuladen, „zur Kirche zu kommen“: „Von den übrigen aber wagte niemand, sich ihnen anzuschliessen.“ (Apg.5,13)

Jesus sagt in Johannes 10,7-11:

„Ich bin die Tür zu den Schafen. … Wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden; und er wird ein und aus gehen, und Weide finden. … Ich bin der Gute Hirte.“

Was muss also jemand tun, um gerettet zu werden? – Nicht „zur Kirche gehen“, sondern „zur Tür hineingehen“, die Jesus ist. Wer zu dieser Tür hineingeht, wird ein Teil der Gemeinde. Er wird gerettet werden, wird Weide finden, und dort wird er auch die anderen Schafe finden, d.h. die Gemeinde. Der katholische Wahlspruch ist also verkehrt herum. Richtiger wäre: „Ausserhalb des Heils gibt es keine Kirche.“

Wenn wir glauben, die Kirche sei eine „Institution zur Verwaltung des Heils“, dann sind wir bereits auf dem Weg nach Rom. Es ist der Herr und niemand sonst, der „das Heil verwaltet“.

(Fortsetzung folgt)

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Die Täufer – Teil 3

27. März 2013

Die Extremisten

Wie die Lutheraner, so hatten auch die Täufer ihre Extremisten. Einer von ihnen, der Niederländer David Joris, wurde ein extremer Mystiker und sagte, die Bibel könne unmöglich richtig verstanden werden, es sei denn, man erhalte besondere Offenbarungen Gottes (und er sagte, er selber erhielte solche spezielle Offenbarungen). Aber Menno Simons, der Leiter der niederländischen Täufer, wies ihn zurecht und warnte vor ihm als einem falschen Propheten. Wenig später floh Joris in die Schweiz und wohnte dort unter einem falschen Namen, indem er sich als Reformierter ausgab. Erst nach seinem Tod wurde der Betrug aufgedeckt.

Besonders traurig war der Fall von Thomas Müntzer. Er und seine Anhänger lehrten, das Tausendjährige Reich sei im Anbruch, und sie seien dazu bestimmt, jetzt mit Christus zusammen zu regieren. Tatsächlich gelangten sie 1534 in Münster an die Macht. Einige unter ihnen liessen sich von ungeprüften persönlichen Eingebungen leiten, indem sie z.B. sagten, die Polygamie sei erlaubt, da sie im Alten Testament existierte. Einer von ihnen sagte sogar, er sei der neue König David, und liess sich als solcher krönen.
In dieser Situation schlossen sich Katholiken und Reformierte zusammen und vereinigten ihre Truppen, um die Stadt zu erobern. Daraufhin griffen die Anhänger Müntzers ebenfalls zu den Waffen. In einem schrecklichen Gemetzel wurden sie besiegt.
Durch diese Vorkommnisse verlor die Täuferbewegung ihr Ansehen in den Augen grosser Teile der Bevölkerung. Aber in Wirklichkeit waren die Anhänger Müntzers keine typischen Täufer. J.H.Yoder und Alan Kreider machen die folgenden Beobachtungen:

„Jahrhundertelang nahmen Kirchen und Regierungen die Ausschreitungen dieser Wochen vor dem Fall der Stadt (Juni 1535) zum Anlass, das Täufertum insgesamt mit Fanatismus und Anarchie gleichzusetzen. Es ist aber auffallend, dass viele Merkmale dieses Täuferreichs (etwa die Verbindung von staatlicher und kirchlicher Obrigkeit, die Gültigkeit alttestamentlicher Sozialordnungen oder die Anwendung von Gewalt durch Christen) eher typisch sind für die offiziellen Kirchen als für die übrigen Täufer.“
(John H.Yoder und Alan Kreider, „Die Täufer“, in Tim Dowley, „Handbuch Die Geschichte des Christentums“.)

Tatsächlich missachteten die Anhänger Müntzers die Prinzipien der Trennung von Kirche und Staat, und des Nicht-Widerstehens; beides wesentliche Prinzipien der Täuferbewegung. Sie waren somit keineswegs typische Vertreter dieser Bewegung. Es trifft hier dasselbe zu wie auf die lutherische Reformation: „Wenn der Teufel eine Erweckung nicht aufhalten kann, dann versucht er sie in Verruf zu bringen, indem er einige ihrer Anhänger zu Extremen und Exzessen verleitet.“

Luther und die Täufer

Martin Luther war es, der die Bezeichnung „Wiedertäufer“ populär machte. Aber er verstand diese Bewegung nicht wirklich, noch hatte er nähere Kontakte mit ihnen. Anfänglich ging er gegen sie auf dieselbe Weise vor wie gegen andere „Ketzer“ (d.h. die von ihm als solche wahrgenommen wurden):

„Die Ketzer müssen mit der Schrift überwunden werden, nicht mit dem Feuer. Wenn es eine Kunst wäre, die Ketzer mit Feuer zu besiegen, dann wären die Henker die gelehrtesten Doktoren der Welt.“
(in: „Sendschreiben an den christlichen Adel der deutschen Nation“, 1520)

Noch 1524 schrieb er:
„Lasst sie nur predigen, soviel sie wollen und mit aller Zuversicht; denn wie ich sagte, ist es nötig, dass Sekten auftreten, und das Wort Gottes muss auf das Schlachtfeld gehen und streiten.“
(In: „Sendschreiben an die sächsischen Fürsten über den aufrührerischen Geist“)

(Anm: Beide Zitate sind aus dem Englischen rückübersetzt und stimmen deshalb nicht wörtlich mit dem deutschen Original überein.)

Deshalb schrieb Luther mehrere Artikel gegen die „Wiedertäufer“ und predigte mehrmals gegen sie. Er hoffte, sie so zu überzeugen. Aber seine Enttäuschung war gross, als sie umso mehr an ihren Überzeugungen festhielten und seine Argumente widerlegten. (Es kam ihm nie in den Sinn, dass in dieser Sache er selber derjenige sein könnte, der sich der Schrift widersetzte. Seine biblischen Argumente zugunsten der Säuglingstaufe waren recht schwach, und widersprachen zudem den Argumenten Zwinglis und Calvins.) Deshalb begann sich seine Haltung den Täufern gegenüber zu verhärten.

Ausserdem begann Luther die Auseinandersetzung als eine mehr politische als geistliche Angelegenheit zu sehen. Nach der Schlacht von Münster war er davon überzeugt, alle Täufer seien Rebellen und Aufrührer. (Mangels richtiger Information unterschied er nicht zwischen den Anhängern Müntzers und den pazifistischen Täufern.) Deshalb ordnete er an – wie schon Zwingli vor ihm -, die „Wiedertäufer“ seien politisch zu verfolgen und zu töten.

Wenn wir den Weg Luthers betrachten, dann scheint es unglaublich, dass er zu einem Christenverfolger werden könnte. Er selber war während vielen Jahren seines Lebens um seines Glaubens willen verfolgt worden. Nachdem er selber so viel gelitten hatte, konnte er nicht mit den Täufern mitfühlen? Sie gingen denselben Weg wie er. Nur wagten sie, einige Schritte weiter zu gehen; Schritte, die Luther selber nicht zu tun wagte.

Tatsächlich ist diese Geschichte schwer zu verstehen; aber sie ist nicht die einzige ihrer Art. Im Gegenteil, es handelt sich um ein Muster, das in der Kirchengeschichte mehrmals wiederkehrt. Bei Calvin und Zwingli beobachten wir dasselbe: Ein Pionier des Glaubens wird von der traditionellen Kirche angegriffen, aber er bleibt seinen Überzeugungen treu, und mit der Zeit gibt Gott ihm Erfolg und Erweckung. Die Strömung, für die er steht, beginnt „angesehen“ und „offiziell“ zu werden. Aus dem verfolgten Pionier wird ein einflussreicher und mächtiger Leiter. In diesem Moment scheint er zu vergessen, was er in der Vergangenheit leiden musste, und verfolgt schliesslich andere Pioniere, die noch weiter gehen als er selber.

So geschieht es auch in der Gegenwart. Ich weiss von mehreren evangelikalen Leitern, die einen recht radikalen Glauben vertraten und deshalb von den Gemeinden abgelehnt wurden. Wegen ihres Bestrebens, dem Herrn nachzufolgen, auch entgegen allen Strömungen der Zeit, wurden sie „Rebellen“, „Kirchenspalter“, „konfliktiv“ und „lieblos“ genannt, und weitere Schimpfnamen, die die evangelikale Welt für solche Fälle auf Lager hat. Aber sie gingen vorwärts in den Überzeugungen, die Gott in ihr Herz gelegt hatte, trotz allen Angriffen. Mit der Zeit begann um sie herum eine kleine Erweckung, der Herr veränderte Leben, und sie wurden zu Leitern eines eigenen „Werkes“, von Gott gesegnet, von den einen bewundert und von den anderen beneidet. Aber gleichzeitig wurden ihre Besonderheiten, die einmal Ausdruck einer echten Erweckung gewesen waren, zu einer neuen Tradition. Einer Tradition, die nicht hinterfragt werden durfte, da sie doch in ihren Anfängen so von Gott gesegnet gewesen war. Einige Gottesmänner in diesen Bewegungen begannen das zu sehen, suchten authentischere Wege und begannen zu protestieren. Aber dann griff der Pionier-Leiter sie an und schloss sie aus, genau so, wie er selber in seinen Anfängen angegriffen worden war. Jetzt war er es, der „Unterordnung unter die Leiterschaft“ forderte, selbst wenn die Leiterschaft im Irrtum war. Er wollte den anderen nicht das Recht zugestehen, dasselbe zu tun wie er selber einige Jahrzehnte früher. (Tatsächlich sind die meisten gegenwärtig existierenden evangelikalen Denominationen unter so ähnlichen Umständen entstanden.)

Tatsächlich ist diese traurige Erscheinung so häufig, dass jemand sagte: „Die Erweckung von gestern verfolgt immer die Erweckung von morgen.“ Wie nötig ist es da, ständig Gott zu erlauben, uns zu prüfen und zurechtzuweisen, damit wir nicht in dieselbe Falle gehen, wenn wir einmal in diese Situation kommen!

– Es gibt hier noch einen weiteren beachtenswerten Punkt. Wir finden in dieser Geschichte auch die Wurzeln des gegenwärtigen Konfliktes zwischen der ökumenischen Bewegung und dem echten Christentum. Nicht zufällig begann die moderne ökumenische Bewegung gerade mit den reformierten Staatskirchen. Für die Reformatoren waren Kirche und Staat eins. Sie wollten, dass die Kirche alle einschlösse – deshalb zwang Zwingli alle Bürger, ihre Kleinkinder taufen zu lassen. Damit wurde angenommen, jedermann sei Christ, ob bekehrt oder nicht. Das war der grösste Skandal, den die Täufer verursachten: Sie wagten es, den getauften Kirchenmitgliedern zu sagen, sie seien noch gar keine Christen, und sie müssten sich erst bekehren. Wir werden sehen, dass John Wesley zweihundert Jahre später in der anglikanischen Kirche denselben Skandal verursachte – obwohl Wesley sich nicht gegen die Säuglingstaufe aussprach. Im Kern ging es nämlich nicht um die Säuglingstaufe, sondern um den Ruf zur Umkehr.
Die ökumenische Bewegung hat im Grunde dasselbe Kirchenverständnis wie Luther: Alle Getauften sind Christen, bekehrt oder nicht; und niemand hat das Recht, ihnen zu sagen, sie müssten sich bekehren. Daher die Politik des „Neins zum Proselytismus“ des Weltkirchenrates. Diese Politik verbietet jede Evangelisation unter Namenschristen. Inzwischen hat sich auch die grosse Mehrheit der Evangelikalen dieser ökumenischen Politik der Nicht-Evangelisation angeschlossen. (Siehe „Evangelische Allianz paktiert mit Ökumene und Vatikan“.) Heute ist der Zankapfel nicht mehr die Säuglingstaufe. Tausende und Millionen Erwachsener erhalten heutzutage ihre „Glaubenstaufe“ in evangelikalen Kirchen, ohne sich wirklich zu Christus bekehrt zu haben. Aber die heutigen evangelischen Kirchen, im Zuge der weltkirchenrätlichen Politik, reagieren sehr aggressiv, wenn jemand ihnen sagt, sie müssten zuerst von neuem geboren werden, oder eine „Bekehrung“ ohne Lebensumkehr sei keine Bekehrung. Das ist im Kern dieselbe Kontroverse wie zwischen den Reformatoren und den Täufern. Nur dass sich heute auch die „täuferischen“ Kirchen in dieser Sache mehrheitlich mit dem Standpunkt der Reformatoren identifizieren (welcher in diesem Punkt nicht wesentlich vom katholischen abweicht).

Die katholische Kirche und die Täufer

Die katholische Kirche unterschied nicht gross zwischen Reformierten und Täufern. Vom katholischen Standpunkt aus gesehen waren beide gleichermassen Ketzer und wurden gleichermassen verfolgt.
Doch selbst die erbittertsten Gegner der Täufer konnten nicht umhin, deren tugendhaftes Leben anzuerkennen. Nur argwöhnten die Katholiken dahinter ein teuflisches Täuschungsmanöver. Der katholische Priester von Feldsberg (Österreich) schrieb 1603:

„Von all den Ketzern und Sekten …, welche hatte je eine schönere Erscheinung und grössere äussere Heiligkeit als die Wiedertäufer? Andere Sekten, wie zum Beispiel die Calvinisten, Lutheraner und Zwinglianer, sind zum grössten Teil aufrührerisch, grausam, und fleischlichen Genüssen ergeben. Nicht so die Wiedertäufer. Sie nennen einander Brüder und Schwestern, sie gebrauchen keine profanen oder Schimpfworte, sie schwören nicht, sie gebrauchen keine Waffen, und anfänglich trugen sie nicht einmal Messer. Sie sind nicht unmässig im Essen und Trinken; sie tragen keine Gewänder zur weltlichen Zurschaustellung. Sie gehen nicht vor Gericht; sie ertragen alles mit Geduld und im Heiligen Geist, wie sie vorgeben. Wer würde glauben, dass sich unter diesen Schafskleidern lauter reissende Wölfe verbergen!“
(Christoph Andreas Fischer, „Von der Wiedertäufer verfluchten Ursprungs“)

Auch die reformierten Feinde der Täufer bezeugten, dass sie ein tugendhaftes Leben führten, doch machten sie ihnen gerade dieses zum Vorwurf: sie übten Werkgerechtigkeit und verleugneten die Rechtfertigung aus Glauben. (Wie wir oben schon sahen, beruht dieser Vorwurf auf dem Unverständnis der täuferischen Lehre, und auf einem grundlegenden Fehler in der reformierten Gnadenlehre.)

(Fortsetzung folgt)

Evangelische Allianz paktiert mit Ökumene und Vatikan

5. September 2011

Vor einiger Zeit hatte ich in einem Beitrag über die ökumenische Bewegung darüber sinniert, dass die Ökumeniker und die evangelikalen Allianzen einander eigentlich recht nahe stehen in ihrer Ablehnung der Evangelisation von Namenschristen. (Die Ökumeniker nennen es „Proselytismus“, die Evangelikalen schimpfen es „Schafe stehlen“.) Schon seit einiger Zeit mutmasste ich, dass der Weg der Evangelikalen wahrscheinlich ebenso wie der der Landeskirchen in die ökumenische Bewegung ausmünden wird. Und siehe da, es ist bereits geschehen!

Am 28.Juni 2011 hat die Weltweite Evangelische Allianz (WEA) zusammen mit der römisch-katholischen Kirche und dem ökumenischen Weltkirchenrat ein Dokument unterzeichnet, das während eines Zeitraums von fünf Jahren erarbeitet wurde und den Titel trägt:„Das christliche Zeugnis in einer multireligiösen Welt – Empfehlungen für einen Verhaltenskodex.“ Die WEA ist der weltweite Dachverband der Evangelikalen.

Der erste Teil des Dokuments, „Grundlagen für das christliche Zeugnis“, enthält viele richtige und biblisch begründete Erklärungen, so wie diese: „Das Vorbild und die Lehre Jesu Christi und der frühen Kirche müssen das Leitbild für christliche Mission sein.“ – „Christen/innen bekräftigen, dass es zwar ihre Verantwortung ist, von Christus Zeugnis abzulegen, dass die Bekehrung dabei jedoch letztendlich das Werk des Heiligen Geistes ist (vgl. Johannes 16,7-9; Apostelgeschichte 10,44-47).“
Aber es fällt auf, dass das Dokument keinerlei Definitionen von Schlüsselwörtern wie „Evangelium“, „Zeugnis“, „Mission“ oder „Bekehrung“ enthält. Wer mit der Literatur des Weltkirchenrats vertraut ist, der weiss, dass diese Organisation den erwähnten Begriffen eine ganz andere Bedeutung gibt, als sie in der Bibel haben. Z.B. sagt eine Theologin des Weltkirchenrats über „Bekehrung“:

„Die metanoia – die Bekehrung – zwingt uns, die Zwiespältigkeit der menschlichen Existenz zu akzeptieren: diese Zwiespältigkeit, die macht, dass wir Heilige und Sünder zugleich sind. * (…) Wir sollten unsere Hände schmutzig machen, indem wir sie ausstrecken, um die Hand des Anderen zu ergreifen; die Hand, die die Grundlagen unserer Wahrheiten und unserer Gewissheiten erschüttert. Nur so können wir erkennen, dass der Andere der Heilige mit dem Angesicht Gottes ist.
Lasst uns deshalb zu Gott zurückkehren, zum Göttlichen, das in uns ist, in den anderen, und in der Natur.“

(Wanda Deifelt, Vortrag in der Weltversammlung des Weltkirchenrats in Harare, 1998)

* Der Ausdruck „Heilige und Sünder zugleich“ geht zwar auf Luther zurück, ist aber nicht biblisch. Und auch Luther wandte diese Bezeichnung nur auf Christen an. Er hätte mit Sicherheit nicht in solch allversöhnerischer Weise generell die ganze Menschheit „Heilige“ genannt, wie das die ökumenische Theologin hier tut.

Für den Weltkirchenrat hat also „Bekehrung“ nichts zu tun mit Umkehr von der Sünde und Rückkehr zum wahren Gott. Im Gegenteil, sie möchten zurückkehren „zum Göttlichen, das in uns ist, in den anderen, und in der Natur“ – eine mehr pantheistische und heidnische als christliche Vorstellung.

Wenn die Leiter der WEA dieses Dokument unterzeichnet haben, ohne auf einer biblischen Definition von „Bekehrung“, „Evangelium“, usw. zu bestehen, dann bedeutet das, dass sie stillschweigend die Definitionen des Weltkirchenrats gutheissen.

Ausserdem fehlen in diesen „Grundlagen für das christliche Zeugnis“ des Weltkirchenrats einige wesentliche Elemente: die Tatsache, dass der Gott der Bibel tatsächlich der wahre Gott ist; dass das christliche Zeugnis und die Evangelisation dem Zweck dienen (sollten), Menschen zur Umkehr von der Sünde und zur Rückkehr zum wahren Gott zu rufen; dass dieses Zeugnis nicht nur die Liebe Gottes zum Thema hat, sondern ebenso auch seine Gerechtigkeit und sein Gericht; usw. Da diese so wichtigen und ernsten Punkte weggelassen wurden, wird das Christentum als eine religiöse Option unter vielen dargestellt. Die Tatsache wird verharmlost, dass das ewige Heil oder Verderben jedes Menschen davon abhängt, wie er zu Jesus Christus steht.

Da der Titel des Dokuments von einer „multireligiösen Welt“ spricht, ist die Absicht dieser Auslassungen klar: Das Christentum soll aus dieser pluralistischen und relativistischen Sicht dargestellt werden; und sein Anspruch, der einzige Weg zur Errettung zu sein, soll verneint werden.

Der zweite Teil des Dokuments heisst „Prinzipien“. Auch hier finden wir manche Punkte, mit denen wohl jeder bibeltreue Christ einverstanden sein wird: „Handeln in Gottes Liebe“ – „Jesus Christus nachahmen“ – „Religions- und Glaubensfreiheit“ und Ablehnung von Verfolgung aus religiösen Gründen – „Respekt für alle Menschen“, usw.

Einige andere Punkte jedoch lassen eine breite Auslegungsspanne zu. Wie z.B. in dieser Stelle: „Die Ausnutzung von Armut und Not hat im christlichen Dienst keinen Platz. Christen/innen sollten es in ihrem Dienst ablehnen und darauf verzichten, Menschen durch materielle Anreize und Belohnungen gewinnen zu wollen. (…) Dabei müssen sie sicherstellen, dass die Verwundbarkeit der Menschen und ihr Bedürfnis nach Heilung nicht ausgenutzt werden.“ – Von wann ab wird der Weltkirchenrat sagen, wir „nützten die Armut und Not anderer Menschen aus“? Natürlich gibt es Beispiele, wo christliche Gruppen mit mangelnder Integrität gehandelt haben und „Reischristen“ produziert haben (Namenschristen, die sich „bekehrt“ haben wegen der Aussicht, eine Handvoll Reis zu erhalten). Solche zu konfrontieren und zu ermahnen ist richtig. (Das englische Original sagt statt „ablehnen“: „denounce“ = denunzieren, anprangern.) Aber wird es andererseits der Weltkirchenrat nicht auch als „Verführung“ und „Ausbeutung“ auslegen (wie es Massenmedien schon getan haben), wenn z.B. einige Christen eine medizinische Hilfskampagne organisieren und dabei den Patienten im Warteraum das Evangelium verkünden?

Und als letztes der zwölf „Prinzipien“ führt der Weltkirchenrat sein Lieblingsthema an: „Aufbau interreligiöser Beziehungen“: „Christen/innen sollten weiterhin von Respekt und Vertrauen geprägte Beziehungen mit Angehörigen anderer Religionen aufbauen, um gegenseitiges Verständnis, Versöhnung und Zusammenarbeit für das Allgemeinwohl zu fördern.“

Niemand wird etwas dagegen haben, „Beziehungen des Respekts und des Vertrauens“ aufzubauen. Aber was versteht der Weltkirchenrat unter „Versöhnung“ (mit Gläubigen anderer Religionen)? Sehen wir nur, wie es der Weltkirchenrat selber in seinen Weltversammlungen macht: Er lädt regelmässig Vertreter anderer Religionen ein, damit die Versammlungsteilnehmer (die sich Christen nennen) an deren Riten teilnehmen. Andererseits hat der Weltkirchenrat meines Wissens noch nie einen Vertreter einer anderen Religion aufgerufen, sich von seiner falschen Religion abzuwenden und sich Christus zuzuwenden. „Versöhnung“ mit anderen Religionen bedeutet gemäss dem Weltkirchenrat, dass Christen sich für ihre Verkündigung, Christus sei der einzige Weg, entschuldigen müssten; und dass wir uns stattdessen für die Wege anderer Religionen öffnen sollten.
– Das haben die Leiter der Weltweiten Evangelischen Allianz unterschrieben ???

Der dritte Teil des Dokuments enthält sechs „Empfehlungen“. Hier wird der Aufruf wiederholt, „von Respekt und Vertrauen geprägte Beziehungen mit Gläubigen aller Religionen aufzubauen“, und es wird präzisiert: „… insbesondere auf institutioneller Ebene zwischen Kirchen und anderen religiösen Gemeinschaften, und sich als Teil ihres christlichen Engagements in anhaltenden interreligiösen Dialog einbringen.“
(Anm: Das englische Original spricht statt von „Engagement“ noch stärker von „commitment“, „Verpflichtung“.)

Die evangelikalen Kirchen und Denominationen sollen also „auf institutioneller Ebene“ Beziehungen aufbauen zur Moslembruderschaft, zu buddhistischen Klöstern und zur römisch-katholischen Hierarchie – wozu? Etwa um gemeinsam die Welt zu „evangelisieren“ im Namen Allahs, Buddhas und Marias? – In früheren Dokumenten hat der Weltkirchenrat klar gesagt, was er unter „interreligiösem Dialog“ versteht. Zum Beispiel:

„Einige Christen können Rituale, Lesungen und hymnische Traditionen einer anderen Religion in ihre eigene Liturgie und Anbetung einbetten, indem sie z.B. Lesungen aus hinduistischen und anderen Schriften aufnehmen …“
(Aus: „Was für einen Unterschied macht die religiöse Vielfalt?“, Ökumenisches Institut des Weltkirchenrats in Bossey, 1999)

Solche Forderungen kann man beim besten Willen nicht mehr mit dem „Beispiel und der Lehre Jesu Christi und der Urkirche“ vereinbaren!

Im Gegensatz zu einigen anderen Dokumenten des Weltkirchenrats enthält „Das christliche Zeugnis in einer multireligiösen Welt“ (noch) keine ausdrücklichen Einschränkungen der Evangelisation. Aber das Dokument bildet einen gefährlichen Präzedenzfall, damit sich in Zukunft die evangelistischen und missionarischen Tätigkeiten der Evangelikalen dem Konsens der ökumenischen Bewegung und des Vatikans unterordnen sollen. Und die Weltliche – pardon, Weltweite Evangelische Allianz hat mit ihrer Unterschrift klar signalisiert, wohin ihr Weg von jetzt an führt: in die Ökumene.

Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen für jene evangelikalen Kirchen, die immer noch eine klare Distanz zur ökumenischen Bewegung wahren wollen, ihrerseits ein ebenso klares Zeichen zu setzen und aus ihren jeweiligen „Evangelischen Allianzen“ und „Kirchenräten“ auszutreten.

Nachtrag vom 13. August 2014: Siehe zu dem Thema auch den Vortrag von Lothar Gassmann, „Evangelische Allianz und Evangelikale auf dem Weg nach Rom“.

Über die Einheit der Christen – Teil 2 – Was ist christliche Einheit?

19. Juli 2011

Zuerst kurz zusammengefasst einige Punkte, die ich schon im ersten Teil erwähnte:

Das vielzitierte Gebet Jesu um Einheit (Joh.17,20-23) bezieht sich auf diejenigen, “die an mich glauben”. Das bedeutet:
– Eine Einheit von Einzelpersonen. Nicht von Organisationen.
– Eine Einheit von Gläubigen. Nicht von Namenschristen, nicht von “Getauften”, nicht von “Gemeindegliedern”, erst recht nicht eine Einheit der ganzen Menschheit.

Wie könnte diese Einheit Wirklichkeit werden? Auf diese Frage möchte ich in dieser Folge eingehen.

Wie wir gesehen haben, führt die ökumenische Bewegung nicht zu dieser Einheit hin. – Andererseits ist die Zersplitterung der Christenheit in Konfessionen, Denominationen, etc, eine unleugbare Tatsache. Man kann dem Problem nicht ausweichen mit dem Argument, die von Jesus gemeinte Einheit sei eben geistlich und daher “unsichtbar”. Jesus erklärt in Joh.17,23, diese Einheit diene (u.a.) dazu, “damit die Welt erkenne, dass du mich gesandt hast”. Wenn die Welt irgendetwas erkennen soll, dann muss die Einheit notwendigerweise sichtbar sein.

Ich möchte die gegenwärtige Situation in einem Bild darstellen. In der Mitte ist Jesus, symbolisiert durch ein Kreuz, die Mitte des christlichen Glaubens. Um diese Mitte herum haben sich verschiedene “Gefässe” gebildet, Organisationen, die als ihren Zweck angeben, das Christentum zu verkörpern. Das sind die verschiedenen Konfessionen, Denominationen und Gemeinden. Manche dieser Organisationen begannen als echte geistliche Erweckungen in der Mitte, beim Kreuz. Aber im Lauf der Geschichte erstarrten sie zu menschlichen Organisationen und entfernten sich allmählich von der Mitte. Deshalb sind alle diese Gefässe im Bild in einer gewissen Distanz vom Kreuz dargestellt. Sie sind auch keine reinen christlichen Gemeinden mehr, sondern enthalten einen gewissen Prozentsatz (eine Mehrheit, wie ich befürchte) von Namenschristen, die nicht wiedergeboren sind. (Im Bild dargestellt dadurch, dass die Gefässe sowohl weisse wie schwarze Punkte enthalten.)

Nun gibt es verschiedene Reaktionen auf diese Situation.

Den Ökumenismus habe ich in der vorherigen Folge beschrieben. Man könnte sagen, der Ökumenismus versucht alle diese Gefässe zusammenzufassen und alles, was darin ist; während er die Mitte, das Kreuz und die Person Jesu, weitgehend ausser acht lässt. Die gegenwärtige ökumenische Bewegung hat sich sogar anderen Religionen geöffnet; deshalb ist im Bild der Kreis des „Ökumenismus“ noch weiter gezeichnet als der Kreis derer, die sich „Christen“ nennen.

Es gibt auch die gegenteilige Reaktion, den Denominationalismus oder Konfessionalismus. Der Denominationalismus sucht die Einheit in einer erzwungenen Übereinstimmung mit der eigenen Gemeindetradition. Wenn wir in den Paulusbriefen aufgefordert werden, „gleichgesinnt“ zu sein, dann legen Denominationalisten dies so aus: „Alle müssen mit unserer speziellen Tradition, Gottesdienstform und Bibelauslegung übereinstimmen.“ Sie sehen das „Unreine“ in den anderen Gefässen, übersehen aber die „dunklen Punkte“ in ihrem eigenen Gefäss (und oft auch die hellen Punkte in den anderen Gefässen).
– Eine spezielle Form des Denominationalismus ist das Papsttum, wo die Einheit auf der gemeinsamen Unterordnung unter eine menschliche Hierarchie beruht, und auf der Lehre, die römisch-katholische Kirche sei die einzige wahre Kirche. – Evangelische Denominationalisten behaupten zwar nicht, sie seien die einzige wahre Kirche; aber in der Praxis handeln sie oft so, als ob sie dies glaubten.

Auch diese Form der Einheit lässt die Mitte des christlichen Glaubens, die Person Jesu, weitgehend ausser acht. Stattdessen stellt sie einen menschlichen Leiter, eine menschliche Tradition oder eine spezifische Lehrmeinung in den Mittelpunkt.

„Die Extreme berühren sich“ auch hier: Im Verbot des „Proselytismus“ berühren sich Ökumenismus und Denominationalismus. Beide widersprechen einander bezüglich der Form, wie Einheit hergestellt werden soll; aber beide sind sich in diesem Punkt einig: Die „Gefässe“ sind heilige Kühe, die nicht angetastet werden dürfen.

Und das ist genau der Grund, warum beide an der christlichen Einheit vorbeizielen. Die Einheit, um die Jesus betete, ist eine Einheit in ihm selbst. Nicht in einer menschlichen Organisation; auch nicht in einer Vereinbarung zwischen vielen solchen Organisationen.
„Ich in ihnen, und du in mir, damit sie vollkommen seien in Einheit…“ (Joh.17,23).

Bevor Jesus um Einheit betete, betete er um Heiligung:
„Ich bete nicht, dass du sie aus der Welt herausnimmst; aber dass du sie vor dem Bösen behütest. Sie sind nicht von der Welt, so wie ich auch nicht von der Welt bin. Heilige sie in deiner Wahrheit; dein Wort ist Wahrheit. … Und ich heilige mich selbst für sie, damit auch sie geheiligt seien in der Wahrheit.“ (Joh.17,15-19)

„Heilig“ sein bedeutet „ausgesondert sein für Gott“, „ganz und gar auf der Seite Gottes stehen“, und deshalb auch „ganz und gar gegen alles, was Gott widerspricht“. Im Gebet Jesu ist Heiligung die Basis für Einheit. Nur diejenigen, die zuerst ganz radikal „parteiisch“ werden für Gott und seine Wahrheit, können dann „unparteiisch“ in die Einheit mit allen anderen eintreten, die zur „Partei Gottes“ gehören.

In anderen Worten: Solange wir uns anstrengen, uns „einander“ anzunähern oder andere „näher zu uns“ hinzuziehen, werden wir keine Einheit schaffen können. Wenn wir uns aber darauf konzentrieren, uns Jesus anzunähern, dann werden wir finden, dass wir unweigerlich auch einander näherkommen.
Beim Versuch, auf menschlicher Ebene „Einheit“ zu schaffen, machen wir oft die Erfahrung: Sobald wir uns einem gewissen Segment der „Christenheit“ annähern, sehen wir uns in einer grösseren Distanz zu einem anderen Segment. Sobald wir neue Freunde im einen Lager gewinnen, machen wir uns Feinde in einem anderen Lager.
Im Bild können wir dies mit einer Hin- und Her-Bewegung auf einer Kreislinie vergleichen, die im ständig gleichen Abstand um das Kreuz herumläuft. So können wir zwar einigen Mitchristen näherkommen, entfernen uns aber gleichzeitig von anderen.
Die Alternative dazu wäre eine Bewegung auf Jesus hin, direkt auf das Zentrum zu. Dabei scheint es zunächst, dass wir uns von allen Gefährten entfernen, die wir neben uns auf der Kreislinie zurücklassen. Aber bald werden wir andere finden, die aus anderen Richtungen auf dasselbe Zentrum zugehen; und je näher wir zu Jesus kommen, desto näher kommen wir auch diesen anderen.

Da ist aber noch ein Problem. Wir sind ja (mehrheitlich) in unseren „Gefässen“ drin! Wie weit werden uns diese Gefässe erlauben, uns Jesus anzunähern? – Ideal wäre es natürlich, wenn das ganze Gefäss zur Mitte, zu Jesus zurückkehrte. Das war das Ideal der Reformation und manch anderer Erneuerungsbewegungen. Aber die Kirchengeschichte zeigt, dass dies so gut wie unmöglich ist. Fast alle geistlichen Erneuerungs- und Erweckungsbewegungen wurden von ihren eigenen „Muttergefässen“ abgelehnt und sogar verfolgt. Oft waren es gerade die kirchlichen Leiter, welche die Gemeindeglieder davor zurückhielten, einer Erweckungsbewegung zu folgen.

Historisch geschah deshalb meistens das Folgende: In Erweckungszeiten wurden Gläubige „aufgeweckt“ und begannen sich Jesus anzunähern. Da ihr „Gefäss“, ihre Gemeinde, diese Bewegung aber nicht mitmachte, wurde mit der Zeit die Spannung so gross, dass diese Erweckten sich gezwungen sahen, ihr „Gefäss“ hinter sich zu lassen (durch eigene Entscheidung oder durch Ausschluss). Sie fanden Gemeinschaft und Einheit mit anderen Erweckten (oft aus unterschiedlichem konfessionellem Hintergrund), in der Nähe zu Jesus. Diese Einheit war jeweils am intensivsten in der Anfangszeit, solange die Gemeinschaft mit Jesus vorrangig war und die Organisation zweitrangig. Aber mit der Zeit flaute die Erweckung ab, und das neue organisatorische „Gefäss“ trat in den Vordergrund (und begann sich gleichzeitig von der Mitte zu entfernen).

Paulus warnte die Korinther davon, sich mit menschlichen „Denominationen“ zu identifizieren:
„…dass jeder von euch sagt: Ich gehöre zu Paulus, und ich zu Apollos, und ich zu Kephas, und ich zu Christus. Ist etwa Christus zerteilt? Wurde etwa Paulus für euch gekreuzigt? Oder wurdet ihr auf den Namen von Paulus getauft?“ (1.Kor.1,12.13)
„Wer ist denn Paulus, und wer ist Apollos? Diener, durch die ihr zum Glauben gekommen seid, und dies wie der Herr es jedem gegeben hat. … Denn niemand kann ein anderes Fundament legen als das, das gelegt ist: Jesus Christus.“ (1.Kor.3,5.11)

In anderen Worten sagt er: „Ich erhebe keinen Besitzanspruch auf euch. Nicht ich bin es, der sein Leben für euch gegeben hat; Jesus hat dies getan. Er allein ist euer Fundament und euer Eigentümer. Werdet also nicht Nachfolger von menschlichen Parteien.“

– Ich könnte verschiedene historische Beispiele anführen für das Gesagte. Hier stellvertretend nur ein paar Zitate aus dem Buch „Azusa Street“ von Frank Bartleman, einem der ersten Pioniere der Pfingstbewegung:

„Ein Geist grosser Demut zeigte sich in dieser Versammlung. Alle waren auf Gott konzentriert. Offenbar hatte der Herr seinen kleinen Überrest gefunden, – draussen, wie immer -, durch den er seinen Willen tun konnte. Er konnte dies in keinem der Missionswerke des Landes tun; alle befanden sich in den Händen von Menschen. …Der Geist wurde von neuem in einem ärmlichen ‚Stall‘ geboren, ausserhalb der kirchlichen Institutionen, wie immer. Ein ‚Leib‘ muss vorbereitet sein, in Umkehr und Demut, für jede Ausgiessung des Geistes.“

„Wir waren alle Brüder. Wir hatten kein menschliches Programm. Gott selber leitete uns. Wir hatten keine Priesterklasse und keine priesterlichen Dienste. Diese Dinge kamen später, mit dem Abfall der Bewegung. Anfangs hatten wir nicht einmal eine Bühne oder Kanzel. Alle befanden sich auf derselben Höhe. Die Diener Gottes waren Diener im wahrsten Sinne des Wortes.“

„Wir dürfen keine Lehre vertreten, und keine Erfahrung suchen, ausser in Christus. …Die Aufmerksamkeit der Leute muss sich zuerst, und immer, auf ihn richten. Ein wahres ‚Pfingsten‘ wird eine sehr starke Überführung von Sünde bewirken, eine Rückkehr zu Gott. …Jedes Werk, das den Heiligen Geist oder die Gaben über Jesus erhebt, wird im Fanatismus enden. Alles, was Jesus erhoben und geliebt macht, ist gut und sicher…“

„Eines Tages zeigte mir Gott, dass sie (die Leiter von Azusa Street) daran dachten, sich zu organisieren, obwohl niemand ein Wort davon gesagt hatte. Der Geist hiess mich aufstehen und sie vor der Gefahr warnen, aus dem pfingstlichen Werk eine ‚Partei‘ zu machen. Die Heiligen sollten ‚ein Leib‘ bleiben, und frei sein, nicht ‚wieder unter einem (kirchlichen) Joch’… Am nächsten Tag fand ich über der Tür von Azusa ein Schild: ‚Missionswerk des apostolischen Glaubens.‘ Der Herr sagte mir: ‚Das ist es, was ich dir sagte.‘ Sie hatten es tatsächlich getan. Ein ‚Parteigeist‘ kann nicht ‚pfingstlich‘ sein. …Danach versuchten sie, das ganze Werk an der Küste in diese Organisation einzuschliessen, aber sie versagten kläglich… Das Volk Gottes muss frei sein von Hierarchien.“

„Je mehr die Bewegung abfiel, desto höher wurden die Bühnen, und desto feiner die Anzüge (der Prediger)… Die Könige kehrten auf ihre Throne zurück. Wir waren nicht mehr alle Brüder. Und die Spaltungen multiplizierten sich. Während Bruder Seymour in Azusa Street seinen Kopf in einer leeren Schachtel hielt, ging alles gut. (Anm: Er verbrachte die meiste Zeit in den Versammlungen so betend, statt zu ‚leiten‘.) Aber schliesslich bauten sie auch für ihn einen Thron. Jetzt haben wir nicht nur eine Hierarchie, sondern viele.“

Ähnliche Beobachtungen könnten wir auch bei anderen Erweckungsbewegungen machen wie z.B.bei den Pietisten, den Herrnhutern, den Methodisten, usw. Am Anfang war die Einheit mit Jesus zentral, was automatisch eine Einheit unter den Erweckten bewirkte. Mit der Zeit aber trat die „Organisation“ und die „Gemeindetradition“ in den Vordergrund, während die Beziehung zu Jesus (und damit die Erweckung und die Einheit) abflaute.

Über die Einheit der Christen – Teil 1: Warum ich nicht mit der ökumenischen Bewegung mitmache

12. Juli 2011

Lange Zeit habe ich interdenominationell mit christlichen Gemeinden aus verschiedensten Hintergründen zusammengearbeitet, ohne mich aber einem bestimmten Gemeindeverband zu verpflichten. Man könnte das eine „ökumenische“ Gesinnung nennen. Manche Bekannte konnten es deshalb nicht richtig einordnen, dass ich andererseits aber die ökumenische Bewegung kritisch beurteile. Ist das nicht ein Widerspruch? Bin ich jetzt für oder gegen die Einheit der Christen? – Mit dieser Artikelserie möchte ich auf diesen Themenkreis eingehen.

(NB: Die meisten Zitate sind aus dem Spanischen (rück-) übersetzt und stimmen deshalb nicht unbedingt mit dem ursprünglichen bzw. offiziellen deutschen Wortlaut überein.)

Wem gilt die Einheit?

Die ökumenische Bewegung nimmt Johannes 17,21 zum Leitspruch: “…damit sie alle eins seien, wie du, Vater in mir und ich in dir…” Jesus betet hier für seine Jünger, und “für diejenigen, die durch ihr Wort an mich glauben”. – Die Verfassung des Weltkirchenrates (World Council of Churches, WCC – auch bekannt als „Ökumenischer Rat der Kirchen“, ÖRK) sagt: “Der Weltrat der Kirchen ist eine Gemeinschaft von Kirchen, die den Herrn Jesus Christus als Gott und Retter bekennen, nach dem Zeugnis der Schriften, und versuchen gemeinsam auf ihre gemeinsame Berufung zu antworten…” Das klingt zunächst ganz gut; dennoch stellen wir schon hier einen wichtigen Unterschied zu Johannes 17 fest: Jesus betet für die Einheit der Gläubigen, also Einzelpersonen; der WCC dagegen ist “eine Gemeinschaft von Kirchen”, also Organisationen.

Wenn eine Organisation “Jesus Christus als Gott und Retter bekennt”, garantiert das schon, dass deren Mitglieder auch persönlich Gläubige sind? Man muss nur die Situation jener Kirchen betrachten, die schon einige Jahrhunderte Geschichte hinter sich haben (und sich entsprechend weit von den Idealen ihrer Gründer entfernt haben), um zu sehen, dass dies offensichtlich nicht der Fall ist.
– Abgesehen davon gibt es auch Mitgliedskirchen des WCC, die überhaupt kein Glaubensbekenntnis mehr haben, wie z.B. die Schweizer reformierten Landeskirchen. (Wir werden in der Folge noch weitere Beispiele sehen, wo die Praktik des WCC seinem offiziellen Bekenntnis widerspricht.)

Wer ist ein Christ?

Gemäss dem Weltkirchenrat beruht die Ökumene darauf, dass “diejenigen, die im Namen des dreieinigen Gottes getauft wurden, zur Einheit mit Christus gelangten…” (in: “Ein Schatz in irdenen Gefässen: Ein Instrument zu einer ökumenischen Besinnung über Hermeneutik”, Kommission “Glaube und Verfassung” des WCC). – Ein weiterer Unterschied zu Johannes 17: Jesus betet für die Gläubigen; der WCC vereint Getaufte. Offensichtlich ist nicht jeder Getaufte ein Gläubiger; insbesondere in jenen Kirchen, welche die Säuglingstaufe pflegen.

An Pfingsten sagte Petrus zu denjenigen, denen seine Worte “mitten durchs Herz” gingen, und die fragten: “Was sollen wir tun (um gerettet zu werden)?” – und nur zu diesen -: “Bekehrt euch (kehrt um, ändert euch) und lasst euch taufen…” (Apostelgeschichte 2,38). Hier, und an manchen ähnlichen Stellen im Neuen Testament, sehen wir, dass die Bekehrung der Taufe vorausgeht. – Im Missionsbefehl nach Lukas wird die Taufe überhaupt nicht erwähnt; aber die Bekehrung und die Vergebung der Sünden (Lukas 24,47). – Nach alldem ist klar, dass biblisch nicht die Taufe (als Ritual), sondern die Bekehrung (des Herzens) Grundlage ist für die Einheit mit Christus.

Siehe dazu auch: „Wer oder was ist ein Christ?“

Glaubt der Weltkirchenrat wirklich an Jesus “nach dem Zeugnis der Schriften”?

Im Vorbereitungsmaterial zur Weltkonferenz über Mission und Evangelisation des WCC 1973 finden sich folgende Worte:
“Das Reden von Erlösung ist mit einer veralteten Religionspsychologie verbunden. (…) Ich als Mensch des Jahres 1972 habe kein Interesse an der Erlösung meiner Seele; … die ewige Glückseligkeit enthält beinahe nichts. Das Erlösungswerk Christi für uns ist ebenso unvorstellbar, denn er war so weit von uns entfernt in der Geschichte, und ist so anders als die meisten von uns. Die Kirche muss die Wahrscheinlichkeit in Betracht ziehen, dass die Erlösung der Seele für unsere Zeitgenossen keine dringende Angelegenheit ist. … Die Idee vom “Lamm Gottes” hat keinen Platz in der modernen verstädterten Welt; ebensowenig der Ausspruch, dass Christus uns erlöste durch seinen Tod am Kreuz. Was ich sagen möchte, ist dies: Die Erlösung in ihrem traditionellen Sinn ist wirklich unverständlich für viele Menschen heute.”
(George Johnston, “Soll die Kirche heute noch über Erlösung sprechen?”)

Diese Art von “Theologie”, die dem eingangs zitierten Bekenntnis des WCC direkt widerspricht, wird von diesem nicht nur toleriert, sondern aktiv gefördert. Im bereits zitierten Dokument “Ein Schatz in irdenen Gefässen…” heisst es: “Die Natur der biblischen Texte bedeutet, dass zu ihrer Interpretation der ständige Gebrauch der historisch-kritischen Methode nötig sein wird…” – In einem früheren Artikel habe ich die “historisch-kritische Methode” eingehend beleuchtet. Wir haben dort gesehen, dass die konsequenten Vertreter dieser Methode nicht “den Herrn Jesus Christus als Gott und Retter bekennen, nach dem Zeugnis der Schriften” – im Gegenteil, die Methode an sich beruht auf der Verleugnung dieses Zeugnisses. (Einzelheiten siehe im erwähnten Artikel.)

Bei dem zitierten Dokument handelt es sich um eine offizielle Erklärung der Kommission für “Glaube und Verfassung” des Weltkirchenrates. Dieser hat somit die “historisch-kritische Methode” zu seiner offiziellen Theologie erklärt. Das bedeutet aber zugleich, dass der Weltkirchenrat nicht offen ist für diejenigen Kirchen und Christen, welche die “historisch-kritische Methode” ablehnen. Die ökumenische Bewegung anerkennt in Wirklichkeit nicht die ganze Vielfalt christlicher Kirchen und Strömungen, sondern nur diejenigen, die sich dem Diktat der “historisch-kritischen Methode” unterwerfen. Dies ist für mich ein gewichtiger Grund, mich dieser Ökumene nicht anzuschliessen.

Wo ist die Grenze der Ökumene?

Die Verfassung des WCC spricht nur von christlichen Kirchen. Seine Praktik geht aber weit darüber hinaus. In einer offiziellen Erklärung von 1997 heisst es:
“Immer mehr Stimmen aus den Kirchen … sprechen von der Notwendigkeit einer ‚erweiterten Ökumene'(Makro-Ökumene), wonach die ökumenische Bewegung sich anderen Religionen und kulturellen Traditionen ausserhalb der christlichen Gemeinschaft öffnen soll.”

In der Praxis ist das schon längst Wirklichkeit. An den Weltversammlungen des WCC werden regelmässig heidnische Zeremonien aus dem Schamanismus, aus afrikanischen Ahnenkulten, usw. durchgeführt, wo direkt die Götter und Geister dieser Religionen angerufen werden. Im Gegensatz dazu hat m.W. der WCC noch nie die Vertreter solcher Religionen dazu aufgefordert, Jesus Christus anzubeten. Der vom WCC geforderte “interreligiöse Dialog” ist sehr einseitig. Eine Konsultation des WCC über religiösen Pluralismus im Ökumenischen Institut Bossey schlug in ihrem Schlussbericht (1999) Christen vor, “Rituale, Lesungen und hymnische Traditionen anderer Religionen in ihre eigene Liturgie und Anbetung aufzunehmen, z.B. Lesungen aus den Schriften des Hinduismus …” Andererseits hat der WCC bereits 1973 in Bangkok die christlichen Kirchen in Europa und Amerika dazu aufgerufen, keine Missionare mehr in Drittweltländer zu senden. Also: nach der Politik des WCC dürfen die Christen keine Heiden missionieren, aber Heiden dürfen und sollen Christen missionieren.

Da ich nicht dazu gezwungen werden möchte, heidnischen Bräuchen und Glaubensinhalten zu folgen, ist dies für mich ein weiterer gewichtiger Grund, mich dieser Ökumene nicht anzuschliessen.

Das Verhältnis zwischen christlichen Gemeinden und zwischen einzelnen Christen

Der Weltkirchenrat spricht sich in scharfen Worten gegen den “Proselytismus” aus:
“Mitglied (des WCC) zu sein bedeutet, die Mission der Kirche als gemeinschaftlich geteilte Verantwortung zu sehen, statt missionarische oder evangelistische Aktivitäten isoliert voneinander zu unternehmen; und noch viel weniger zur Konkurrenz gegen andere Gläubige oder zum Proselytismus zu greifen.”
(“Zu einem gemeinsamen Verständnis und Vision des Weltkirchenrates”, 1997)

Religionsfreiheit und Proselytismus. Es gibt keine Ausnahme zum grundlegenden Menschenrecht der Religionsfreiheit. … Wir bekräftigen die Notwendigkeit einer ökumenischen Disziplin, besonders in der Beziehung mit Ländern, die sich in der schwierigen Situation des Übergangs zur Demokratie befinden, und unter der Invasion ausländischer religiöser Bewegungen und dem Proselytismus leiden. Wir wiederholen, dass der WCC sich dem Proselytismus entgegensetzt, und fordern die Mitgliedskirchen auf, den Glauben und die Integrität der Schwesterkirchen zu respektieren…”
(Erklärung über Menschenrechte, Weltkonferenz des WCC 1998)

Was bedeutet dies im Klartext? – Der WCC versteht unter “Proselytismus” jegliche Form der Evangelisation, die sich an Menschen richtet, welche bereits Mitglieder einer “christlichen” Kirche sind. Nach dieser Definition dürfte z.B. in Ländern wie Perú, wo fast jedermann nominell katholisch ist, überhaupt nicht evangelisiert werden. Im Rahmen der sogenannten Makro-Ökumene (s.o.) wird dann der Begriff “Proselytismus” auch auf die Evangelisation unter Angehörigen anderer Religionen ausgeweitet.

Gemäss dem erstgenannten Zitat dürften Gemeinden und Christen von sich aus keinerlei missionarische oder evangelistische Aktivitäten unternehmen, sondern nur “gemeinschaftlich geteilte”, d.h. im Rahmen der ökumenischen Bewegung. – Das zweite Zitat steht im Zusammenhang mit dem Menschenrecht auf Religionsfreiheit, womit suggeriert wird, Evangelisation sei ein Angriff auf die Religionsfreiheit. (Nirgendwo wird hingegen gesagt, dass die Religionsfreiheit auch das Recht auf Evangelisation einschliesse.)

Wäre eine Einheit der Christen Wirklichkeit in den Kirchen des Weltkirchenrates, dann käme keine dieser Kirchen auf die Idee, ihre Mitglieder eifersüchtig vor “Proselytismus” schützen zu wollen. In Wirklichkeit werden dadurch die Mitglieder vom Glauben abgefallener Kirchen davor “beschützt”, das biblische Evangelium zu hören; und die Barrieren zwischen den Kirchen werden noch verstärkt, da die Mitglieder davon abgehalten werden, ihren eigenen “konfessionellen Zaun” zu übertreten – es sei denn im Rahmen der Einheits-Ideologie des Weltkirchenrates.
Wäre eine solche Politik in früheren Jahrhunderten in Kraft gewesen, dann hätte Luther nie die katholische Kirche zur Umkehr aufrufen dürfen. Wesley hätte nie seine von der anglikanischen Kirche nicht anerkannten Laienprediger losschicken dürfen, um Anglikaner zur Bekehrung aufzurufen. Selbst Paulus hätte nie in den jüdischen Synagogen über Jesus predigen dürfen.

Leider haben auch die evangelikalen Gemeinden und Allianzen in dieser Hinsicht, soweit ich beobachten kann, die Politik des Weltkirchenrates übernommen. Zwar nicht in bezug auf die Evangelisation von Katholiken, aber in bezug auf die Beziehungen der Mitgliedskirchen untereinander. (Statt “Proselytismus” benutzen sie den Ausdruck “Schafe stehlen”.) Wenn ein Evangelikaler in Perú die Gemeinde wechseln will, braucht er dazu einen Empfehlungsbrief des Pastors; und wehe dem Pastor, der diese Prozedur nicht beachtet! In manchen Gemeinden wird den Mitgliedern verboten, ohne Erlaubnis ihres Pastors einen Gottesdienst in einer anderen Gemeinde zu besuchen. Es gibt zwar gemeinsame Anlässe der Gemeinden unter der Aufsicht der Allianz. Wenn aber “gewöhnliche Christen” aus verschiedenen Gemeinden sich zusammentun, ohne dazu den “Segen” ihrer Pastoren einzuholen, dann werden sie argwöhnisch beobachtet, und meistens werden die Beteiligten von ihren Gemeindeleitern schnell und barsch zurückgepfiffen.
Dies ist besonders problematisch, wenn wir in Betracht ziehen, dass inzwischen auch viele “Evangelikale” nur Namenschristen sind, und dass auch in vielen “evangelikalen” Gemeinden nicht mehr das biblische Evangelium verkündet wird. Das “Nein zum Proselytismus” hindert auch diese Namenschristen daran, das Evangelium zu hören. Ausserdem wird dadurch verhindert, dass Leiter und Mitglieder von Gemeinden, die sich vom Evangelium entfernt haben, von Vertretern anderer Gemeinden auf ihren Fehler aufmerksam gemacht werden könnten.

Ich möchte mir nicht von Leitern, die sich “christlich” nennen, einen Maulkorb umbinden lassen bezüglich meines Zeugnisses für Christus. Deshalb bin ich nicht dazu bereit, mich dieser Ökumene anzuschliessen.

Ich hoffe hiermit auch dargestellt zu haben, dass “Ökumene” und “christliche Einheit” nicht gleichbedeutend sind. (In einer Fortsetzung möchte ich, so Gott will, darauf eingehen, wie ich christliche Einheit verstehe.) Aus den genannten Gründen mache ich nicht mit der ökumenischen Bewegung mit; und auch nicht mit “evangelikalen” Gemeinden, die im selben Fahrwasser mitschwimmen.

Hier in Perú (und anscheinend in Lateinamerika überhaupt) sind die Verbindungen zwischen Evangelikalen und ökumenischer Bewegung auf den höchsten Leiterschaftsebenen schon sehr weit fortgeschritten; aber das „gewöhnliche Kirchenvolk“ hat noch nichts davon mitbekommen. Das beunruhigt mich.
Bei Nachforschungen über diese Verknüpfungen stiess ich immer wieder auf dieselben Organisationen, und oft in Zusammenarbeit miteinander: Die United Bible Societies (UBS) und die ihnen angeschlossenen nationalen Bibelgesellschaften (die in Lateinamerika führend sind in der Verbreitung bibelkritischer Theologie); die Lateinamerikanische Theologische Bruderschaft (Fraternidad Teológica Latinomericana, FTL) – eine auf höheren Ebenen einflussreiche Organisation, von der aber die meisten „gewöhnlichen“ Kirchenmitglieder und Pastoren nicht einmal Kenntnis haben -; der Lateinamerikanische Kirchenrat (CLAI, das ist der lateinamerikanische Zweig des Weltkirchenrates); und das Sozialwerk „World Vision“ ( = „Weltliche Vision“ in der angebrachtesten – wenn auch nicht ganz korrekten – Übersetzung). Alle diese Organisationen vertreten mehr oder weniger offen die Ziele des Weltkirchenrates und die bibelkritische Theologie; werden aber von den Evangelikalen mit offen Armen als „Geschwister“ empfangen. Auch das beunruhigt mich. (Ich verbiete niemandem, ökumenische Überzeugungen zu haben und zu vertreten. Aber wo das auf diese verdeckte Weise geschieht, hintenherum und unter „bibeltreuer“ Tarnung, da kann ich nicht schweigen.) – Wie aus der Aufzählung hervorgeht, betreffen diese ökumenischen Verknüpfungen sowohl einheimische wie ausländische Organisationen.

Hier in Perú muss ich auch die Evangelische Allianz zu diesen ökumenischen Verknüpfungen zählen (hierzulande CONEP – Concilio Nacional Evangélico del Perú – genannt). Im Internet-Verzeichnis der internationalen Mitarbeiter des Weltkirchenrates (Stand 2004) figurieren genau zwei Peruaner: Rafael Goto Silva und Tito Paredes. Derselbe Rafael Goto Silva war von 2005 bis 2009 Präsident des CONEP; Tito Paredes war ebenfalls Leitungsmitglied. Mehrere andere Mitglieder des siebenköpfigen Vorstandes sind ebenfalls Mitglieder bzw. Mitarbeiter von ökumenischen Organisationen. Somit sind praktisch alle evangelikalen Kirchen in Perú – obwohl sie offiziell keine Mitglieder des Weltkirchenrates sind – „inoffiziell“ via CONEP in die weltweite ökumenische Bewegung eingebunden worden. Auch das beunruhigt mich natürlich.

Ich betone nochmals, es geht mir hier nicht darum, dass die Evangelische Allianz keine ökumenische Ausrichtung haben „dürfte“. (Sie hat sie ja sowieso, egal ob jemand dies kritisiert oder nicht.) Es geht mir um die unredlichen Methoden, die dabei angewandt werden, damit die breite Masse der Gemeindeglieder und Pastoren (die der Ökumene mehrheitlich kritisch gegenüberstehen) nichts davon mitbekommt. Von den Kanzeln herab wird die Ökumene lautstark verurteilt, während die obersten Leiter derselben Gemeindeverbände selber Ökumeniker sind. Im Jahre 1999 wurde mit einem politischen Manöver (das in einem Pressebericht als „Staatsstreich“ bezeichnet wurde) die nationale Leiterschaft eines der grössten peruanischen Gemeindeverbände abgesetzt und durch andere Leiter ersetzt, die der ökumenischen Bewegung freundlich gesinnt waren und ihr z.T. selber angehörten. – An der Bibelschule, wo ich selber mehrere Jahre lang mitarbeitete, wurde offiziell die göttliche Inspiration und Irrtumslosigkeit der Bibel gelehrt; inoffiziell aber waren die meisten Lehrer Ökumeniker und Bibelkritiker. (Meine Schüler des Abschlussjahrganges fielen aus allen Wolken, als ich ihnen die Denkvoraussetzungen der Bibelkritik erklärte und ihnen zeigte, dass die Hälfte der Bücher in der Schulbibliothek bibelkritisch waren: „Bis jetzt hat kein einziger Lehrer mit uns über dieses Thema gesprochen!“) Klar, dass auch das mich beunruhigt.

Es ist bezeichnend, dass es ein Vertreter der peruanischen Bibelgesellschaft war, welcher vor der Regionalsynode eines grossen Gemeindeverbandes forderte, die Verbreitung meiner Schrift über den Ökumenismus (wo obige Informationen mit Quellenangaben dokumentiert waren) sei in den Gemeinden zu verbieten, und mir als Person sei ein Lehr- und Predigtverbot zu erteilen. Deshalb erscheint der vorliegende Blog-Artikel in der Rubrik „Zensurierte Artikel“.

Bezeichnend auch, dass die Schweizer Missionsorganisation, die mich damals noch (zumindest als Lippenbekenntnis) „unterstützte“, aus meinem Jahresbericht vor der Veröffentlichung einen Hinweis auf diese Situation wegstrich, ohne jede Rücksprache mit mir. Auch deshalb erscheint dieser Blog-Artikel in der Rubrik „Zensurierte Artikel“.

Krise in den evangelischen Gemeinden

26. Juni 2010

Von Guillermo Green

Eine nüchterne Betrachtung der Situation der evangelischen Gemeinden Lateinamerikas. Gefunden auf Spanisch im Blog http://tiempospeligrosos.com. Die nachfolgende Betrachtung kann durchaus auch der europäischen Christenheit etwas zu sagen haben.

(Vorbemerkung des Übersetzers: Die spanische Sprache kennt die spitzfindige Unterscheidung zwischen „evangelisch“ und „evangelikal“ nicht. Kirchen, die den lutherischen oder reformierten Landeskirchen im deutschsprachigen Raum vergleichbar wären, gibt es in Lateinamerika nicht. „Evangelisch“ bedeutet in diesem Zusammenhang also vorwiegend „evangelikal“ bzw. „pfingstlich“, wobei die lateinamerikanischen „Evangelikalen“ aber schon ziemlich stark von der liberalen Theologie und vom Ökumenismus beeinflusst sind.)

Als Jorge Gómez sein Buch schrieb, „Das Wachstum und der Abfall in den evangelischen Gemeinden von Costa Rica“ (INDEF, 1996), ignorierten viele Pastoren seines Landes diese Studie, oder noch schlimmer, sie verlachten ihn als einen weiteren „Spielverderber“. Sie hätten besser auf ihn gehört. Edward Cleary, ein Missionar in Bolivien und Perú und z.Z. Professor für lateinamerikanische Studien am Providence College, Rhode Island, hat soeben bestätigt, dass nicht alles zum Besten bestellt ist in den evangelischen Gemeinden in Lateinamerika. Tatsächlich geht es ihnen schlecht.

Während der letzten Jahrzehnte richtete sich viel Aufmerksamkeit auf die Personen, die die katholische Kirche verliessen, um sich evangelischen (vorwiegend pfingstlichen) Gemeinden anzuschliessen. Es wurden viele Artikel geschrieben, Umfragen angestellt, und Siegesgesänge angestimmt – wie z.B. die angeblichen Zahlen aus Guatemala, wonach 50% des Landes evangelisch sein sollen. Aber unsere Brillen waren nicht richtig eingestellt; wir litten unter Kurzsichtigkeit. Während viele Menschen die katholische Kirche verliessen, erstarkten gleichzeitig die einheimischen Religionen, und eine „Erweckung“ des alten amerikanischen Heidentums ist unterwegs. Das bedeutet, dass nicht alle, die die katholische Kirche verliessen, sich den Evangelischen anschlossen. Ebenso wachsen z.Z. die östlichen Religionen inbegriffen „New Age“, der Buddhismus und der Gnostizismus, auf aufsehenerregende Weise. Und da diese Bewegungen keine eigentliche „Mitgliedschaft“ haben, ist es schwierig, die Anzahl ihrer Anhänger festzustellen – zumal viele gleichzeitig die katholische oder evangelische Religion praktizieren. Die Pfingstbewegung selber hat eine Wandlung erlebt und ist in vielen Regionen zu einer neuen Religion geworden, zu einer Neo-Pfingstbewegung, die „Gesundheit, Wohlstand und Sieg“ betont. Und während die alte Garde weiterhin proklamiert: „Wir haben Erweckung“, müssen wir uns heute fragen: „Erweckung welcher Religion?“ Als Tatsache bleibt, dass die letzten drei Jahrzehnte massive Bewegungen von einer Religion zur anderen gesehen haben. Anscheinend gehen diese Bewegungen gegenwärtig weiter. Und anscheinend ist die evangelische Kirche von ebendiesem Prozess sehr betroffen.

Heute gibt es bessere Kriterien und tiefergehende Untersuchungen des Phänomens, das Lateinamerika erlebt. Es ist schon fast „Mode“ geworden, seine Religion zu wechseln. Das Problem ist, dass somit für viele ihre „Bekehrung“ zum evangelischen Glauben nichts weiter ist als eine Mode. Betrachten wir einige Statistiken.

Ziffern und Zahlen

Die Wissenschaft der Umfragen und Ziffern ist schwierig. Wir ziehen den Hut vor jenen, die diese wertvollen Untersuchungen anstellen. Der Optimismus hat jedoch die Evangelischen auf beklagenswerte Weise beeinflusst bei ihren Umfragen. Z.B. veröffentlichte Johnstone in „Operation World“ 1993, dass 27,9% der Chilenen Protestanten seien, davon 25,4% der Chilenen Pfingstler. Aber eine sorgfältige Volkszählung von 1992 zeigte, dass nur 12,4% evangelisch waren. 2002 lag die Zahl bei etwa 16%. In Brasilien war das Wachstum der evangelischen Kirchen sehr schnell; wahrscheinlich wohnt die Hälfte der lateinamerikanischen Evangelischen in Brasilien. 1993 sagte Johnstone, dass dort 21,6% der Bevölkerung evangelisch waren; aber das kontrastiert mit der Volkszählung von 2000, die den Prozentsatz der Evangelischen mit 15,4 angibt.

(Anm. d. Ü: Vor Jahren habe ich persönlich im peruanischen Zweig von „DAWN“ mitbekommen, wie deren Statistiken zustandekommen. Man geht dort grundsätzlich davon aus, dass auf jedes evangelische Gemeindemitglied zwei „Sympathisanten“ kommen, die die Gemeinde besuchen und von ihrer Überzeugung her ebenfalls evangelisch sind. Somit wird die Zahl der eingeschriebenen Mitglieder mit drei multipliziert und dies als die Zahl der Evangelischen angegeben. – In Wirklichkeit kann aber selbst von den eingetragenen Mitgliedern nur eine kleine Minderheit eine persönliche Wiedergeburt bezeugen.)

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