Posts Tagged ‘Pastor’

Die neutestamentliche Gemeinde als "Leib Christi" – Teil 5

24. Juni 2019

Zur vorhergehenden Folge

Geistliche Gaben

Die Gaben des Heiligen Geistes sind Fähigkeiten, die der Heilige Geist den Gliedern des Leibes Christi gibt, um ihre besondere Funktion im Leib auszuüben. Deshalb definieren die geistlichen Gaben weitgehend die besondere Funktion jedes Christen. „Denn so wie wir in einem einzigen Leib viele Glieder haben, aber nicht alle Glieder haben dieselbe Funktion, … da sie unterschiedliche Gaben haben gemäss der Gnade, die uns gegeben wurde …“ (Römer 12,4-6)

Paulus spricht in drei Abschnitten seiner Briefe über geistliche Gaben: Römer 12,4-8, 1.Korinther 12 (ganzes Kapitel), und Epheser 4,7-16. Alle drei Stellen stehen im Zusammenhang mit der Lehre über den „Leib Christi“. Wir können die geistlichen Gaben nicht richtig verstehen, solange wir nicht die Funktionsweise des Leibes Christi verstehen, wie in den vorhergehenden Betrachtungen beschrieben. Die Gaben des Heiligen Geistes sind zur gegenseitigen Auferbauung des Leibes Christi gegeben. Das heisst, die geistlichen Gaben werden hauptsächlich im Rahmen von „Einander“-Beziehungen ausgeübt.
Insbesondere:
– sind sie nicht zur Selbst-Auferbauung gegeben,
– und sind sie nicht gegeben, um die Aufmerksamkeit auf die „Gabenträger“ zu lenken oder diesen eine besondere Stellung in der Gemeinde zu geben aufgrund ihrer Gaben.

Die geistlichen Gaben sind kein Selbstzweck. Sie dienen einem höheren Zweck: den Leib Christi in Liebe aufzuerbauen. Die drei Abschnitte, wo Paulus über den Leib Christi und die geistlichen Gaben spricht, enden alle mit der Erinnerung daran, dass die Liebe das Wichtigste ist (Römer 12,9, 1.Korinther 12,31-13,13, Epheser 4,16).

Ziehen wir zudem in Betracht, dass der Heilige Geist immer Christus verherrlicht (Johannes 16,14), dann sollen auch seine Gaben dazu dienen, den Herrn zu erhöhen und zu verherrlichen, und sollen nicht zu anderen Zwecken missbraucht werden. (Siehe auch 1.Korinther 12,3.)

Ein anderes wichtiges Prinzip finden wir in 1.Korinther 12,4.7.11: „Die Gaben werden auf unterschiedliche Weise ausgeteilt, aber sie kommen vom selben Geist … Und Gott gab jedem den Erweis des Geistes zum Nutzen. … Aber alles wirkt ein und derselbe Geist. Er teilt jedem für sich zu, wie er will.“
Daraus können wir schliessen:
– Es gibt eine grosse Vielfalt an geistlichen Gaben. Nicht alle Glieder des Leibes Christi haben dieselben Gaben.
– Jedes echte Glied des Leibes Christi erhielt mindestens eine geistliche Gabe. („Er teilt jedem zu…“)
– Kein Glied hat alle Gaben. Darum brauchen wir die gegenseitige Ergänzung. (1.Korinther 12,21-25.)
– Der Heilige Geist entscheidet selber, wem er welche Gaben zuteilt. Wir dürfen zwar um bestimmte Gaben bitten oder „eifern“ (1.Korinther 14,1); aber es gibt keine Verheissung und kein Recht darauf, dass wir genau das erhalten, worum wir bitten. Der Heilige Geist teilt zu, „wie er will.“

Infolgedessen respektiert die neutestamentliche Gemeinde die Vielfalt der Gaben in ihren Mitgliedern; gibt jedem Gelegenheit, seine besonderen Gaben auszuüben; und jedes Glied anerkennt sein Bedürfnis, durch die anderen Glieder ergänzt zu werden.
Das ist etwas ganz anderes als das „pfarrherrliche“ System vieler heutiger Kirchen: dort wird erwartet, dass der „Pastor“ alle Gaben ausübt. So wird dem „Pastor“ eine Last auferlegt, die kein Mensch tragen kann. Die „gewöhnlichen Mitglieder“ dagegen erhalten in einem solchen System kaum Gelegenheit, ihre geistlichen Gaben auszuüben, und sie werden auch nicht dazu ermutigt. – Die Vielfalt der Gaben ist einer der Gründe, warum alle Gemeinden im Neuen Testament von einer Mehrzahl von Leitern geleitet wurden: sie benötigten die gegenseitige Ergänzung durch die verschiedenen Gaben, die jeder von ihnen besass.
Es wäre jedoch ebenso falsch zu verlangen, dass z.B. „alle Glieder prophetisch reden“ oder „alle Glieder Kranke heilen“ sollten. Gott gab „dem einen, Wunder zu tun“ (aber nicht allen); „einem anderen, prophetisches Reden“ (aber nicht allen); usw. (1.Korinther 12,8-10). Nicht alle Glieder sind Augen; nicht alle Glieder sind Füsse. Der Leib Christi kann nur dann funktionieren, wenn jedes Glied die Freiheit hat, genau seine spezifische Funktion zu erfüllen.

Die Gaben sind „geistlich“, d.h. übernatürlich. Sie sind nicht zu verwechseln mit den natürlichen Fähigkeiten des Menschen. Das ist offensichtlich bei den „aussergewöhnlichen“ Gaben wie prophetisches Reden oder Wundertaten. Es gibt andere geistliche Gaben, die natürlichen Fähigkeiten ähnlich sehen; z.B. Lehren, Verwalten/Organisieren, Barmherzigkeit. Aber auch in diesen Fällen, wenn es sich um eine echte geistliche Gabe handelt, dann wird diese eine übernatürliche Komponente enthalten, die den Charakter Gottes hervorhebt, wenn sie ausgeübt wird. Wer z.B. die geistliche Gabe des Lehrens hat, der ist nicht einfach jemand, der gut erklären kann. Er wird ausserdem so lehren, dass seine Zuhörer sich mit der Wahrheit Gottes konfrontiert sehen und sich gezwungen sehen, darauf zu antworten, sei es indem sie die Wahrheit, die sie erkannt haben, annehmen oder aber ablehnen. Ebenso ist jemand mit der geistlichen Gabe der Barmherzigkeit nicht einfach jemand, der den Armen hilft. Wenn diese Person ein Werk der Barmherzigkeit tut, dann tut sie es so, dass die Empfänger sich der Barmherzigkeit Gottes gegenübersehen und herausgefordert sind, auf seine Barmherzigkeit zu antworten.

Die neutestamentliche Gemeinde ermutigt jedes Glied, die Gaben auszuüben, die Gott ihm gegeben hat, zur gegenseitigen Auferbauung des Leibes Christi in Liebe, und in gegenseitiger Ergänzung. Sie konzentriert sich nicht auf den Dienst einiger weniger „Leiter“ oder „Gottesmänner“, sondern schafft Raum für die „Aktivität jedes seiner Glieder“ (Epheser 4,16). Sie betrachtet die „aussergewöhnlichen“ Gaben nicht als wichtiger als die übrigen, lehnt sie aber auch nicht ab.
Andererseits ist sich die neutestamentliche Gemeinde bewusst, dass der Teufel alles Gute, was Gott gibt, nachzuahmen versucht. Deshalb übt sie Unterscheidungsvermögen aus, „behält das Gute“ (1.Thessalonicher 5,21) und scheidet die Fälschungen aus.

Werbeanzeigen

Narzissmus, Machtmissbrauch und Verführung in christlichen Kirchen

6. Mai 2019

Dieser Artikel beruht auf einem Vortrag der Psychologin Diane Langberg, der auf Englisch hier zu finden ist. Langberg ist auf Traumatherapie spezialisiert, und hat 45 Jahre Erfahrung in der Arbeit mit traumatisierten Menschen: Kriegsveteranen, zivile Opfer von Krieg, Gewalt, oder Naturkatastrophen, Opfer von wiederholtem sexuellem Missbrauch und häuslicher Gewalt, usw. Zusätzlich arbeitet sie auch mit Pastoren und Kirchen. In einem Überblick über ihren Werdegang (hier) berichtet sie, anfänglich sei sie von Pastoren wegen berufsbedingtem Burnout aufgesucht worden. Dann wurde sie aber zunehmend mit Situationen konfrontiert, wo Pastoren und kirchliche Leiter selber daran schuldig waren, dass Menschen unter ihrer Obhut traumatisiert wurden. Zwei Beispiele:

„Einmal musste ich einen Pastor anrufen, weil sich eine Frau aus seiner Gemeinde in echter Lebensgefahr befand wegen der Art und Weise, wie ihr Mann sie schlug. Der Pastor schickte sie zurück nach Hause und sagte ihr, das sei der Ort, wo sie hingehöre. – Ich arbeitete mit einer jungen Frau, die von ihrem Jugendpastor sexuell missbraucht wurde. Die Leiter versetzten den Jugendpastor in eine andere Kirche, damit er weiterarbeiten könne, und sagten mir: ‚Sie wollen doch sicher nicht einen so dynamischen Dienst zerstören, nicht wahr?‘ “

Der Vortrag, auf den ich im folgenden Bezug nehme, untersucht, inwiefern Narzissmus mit solchen Situationen zusammenhängt. In der Psychologie versteht man unter Narzissmus eine tiefgreifende Persönlichkeitsstörung. Die Betroffenen halten sich selber für wichtiger, fähiger, und moralisch besser, als alle anderen Menschen. Und sie haben keinerlei Verständnis für die Empfindungen und Bedürfnisse ihrer Mitmenschen. Narzissmus wird diagnostiziert, wenn eine Person permanent (nicht nur in Teilbereichen ihres Lebens) mindestens fünf der folgenden neun Persönlichkeitsmerkmale zeigt:

1. Ist eingenommen von seiner eigenen Grossartigkeit; übertreibt seine eigenen Erfolge und Fähigkeiten.
2. Phantasiert über unbegrenzte Erfolge, Macht und Ansehen.
3. Fühlt sich speziell, und glaubt, dass er nur von ebenso speziellen Menschen verstanden werden kann.
4. Fordert übertriebene Bewunderung von anderen.
5. Fühlt sich berechtigt, von allen anderen Menschen Unterordnung zu verlangen; duldet keinen Widerspruch oder Kritik.
6. Beutet zwischenmenschliche Beziehungen aus; behandelt seine Mitmenschen als Objekte, die ihm dazu verhelfen, seine eigenen Ziele zu erreichen.
7. Kann nicht mit anderen Menschen mitempfinden oder sie verstehen. (Ein typisches Beispiel wäre jemand, der einem anderen mit einem Kinnhaken den Kiefer bricht, und sich dann überall beklagt, wie sehr ihn seine Hand schmerzt.)
8. Beneidet andere; oder glaubt, andere beneiden ihn, weil er so „grossartig“ sei.
9. Arroganz, Hochmut, Stolz.

Langberg erwähnt als Beispiel einen amerikanischen Politiker, der des „Sextings“ mit mehreren Frauen überführt worden war. Zu seiner Verteidigung sagte er, es sei nichts dabei, da er sich ja mit diesen Frauen nie wirklich getroffen hätte; es handle sich einfach um etwas, „was die Technologie möglich macht“. Dann sprach er über seine eigenen Qualitäten: „Ich gehe mit meinem Sohn im Park spielen; ich ordne die Wäsche für meine Frau; ich helfe ihr, wenn sie beschäftigt ist …“ Und über seine eigenen Bedürfnisse und Verletzungen, die er als Kind erfahren habe: „Eine nächtliche Beziehung über Internet zu haben, erschien mir als ein Weg, etwas zu bekommen, was ich nie zuvor haben konnte.“

Ein anderes Beispiel ist eine Frau, die ein Mädchen sexuell missbraucht hatte. Bereits im Gefängnis deswegen, sagte sie: „Ich habe auch gelitten. Ich stand unter Stress. Sie (das Kind!) wartete, bis ich betrunken war. Es war ihr Vater, der sie missbraucht hatte, und so verwechselte sie Liebe mit Sex. Darum wollte sie, dass ich ihr Liebe zeigte, indem ich Sex mit ihr hätte. Sie hat meine Gutmütigkeit ausgenutzt.“

Langberg sagt: „Narzissten haben ein sehr egozentrisches Denken. Sie fühlen sich von den anderen schmählich verraten, während in Wirklichkeit sie selber es waren, die andere geschädigt haben. (…) In der christlichen Welt gibt es viele Leiter, die sich von der Aufmerksamkeit und Bewunderung anderer ‚ernähren‘, während sie sich äusserlich den Anschein eines barmherzigen Hirten geben. Sie verstehen es gut, wie ein Hirte zu sprechen und zu handeln, aber sie haben kein Hirtenherz. Sie haben selber die grünen Weiden Gottes nicht kennengelernt, und so können sie auch die anderen Schafe nicht ernähren. Stattdessen ernähren sie sich von den Schafen, wie es in Ezechiel 34 steht.“

Nach diesen Beschreibungen stand mir sofort sehr lebendig das Bild eines bestimmten freikirchlichen Pastors vor Augen. Er hatte mir einmal erklärt, er hätte seine geistlichen Wurzeln in einer bestimmten berühmten historischen Erweckung. Dabei war jene Erweckung zwei Jahrzehnte vor seiner Geburt bereits erloschen gewesen.
Später befand sich jener Pastor in einer Position, wo er Entscheidungsgewalt über meine berufliche Zukunft hatte. Andere Leiter, die zu seinen Vertrauensleuten gehörten, hatten ihm üble Verleumdungen über mich erzählt. Deshalb hatte er beschlossen, mir jede Möglichkeit zu einem weiteren kirchlichen oder missionarischen Dienst zu verbarrikadieren; sei es mit „seiner“ Gemeinde oder auch mit irgendeiner anderen Gemeinde. Ich nannte ihm mehrere Entlastungszeugen, welche die über mich verbreiteten Verleumdungen widerlegen konnten. Aber er weigerte sich, diese Zeugen auch nur zu kontaktieren: „Ihre Meinung interessiert mich nicht.“ Stattdessen nannte er mich „rebellisch“ und „konfliktiv“.
Mehrere Jahre später – die erwähnten Verleumdungen waren inzwischen auch schriftlich von zwei wichtigen Leitern widerlegt worden – beschloss ich, ihn deswegen zur Rede zu stellen. Als Antwort redete er eine geschlagene Stunde auf mich ein, ohne mich auch nur ein einziges Mal zu Wort kommen zu lassen. Zuerst beschwerte er sich darüber, was es doch für eine „Frechheit“ sei, dass ich es überhaupt wagte, ihn in irgendeiner Weise in Frage zu stellen. Dann beklagte er sich darüber, wie oft er von Mitarbeitern und Gemeindegliedern kritisiert würde. „Ich kann jetzt dann bald abdanken, die Leute wissen heutzutage ja alles besser als ihr Pastor“, sagte er mit schneidender Ironie. In seinem Weltbild gab es keinen Platz für die Möglichkeit, dass seine Kritiker auch einmal recht haben könnten. Er bemängelte auch, die heutigen Gemeindemitarbeiter hätten keinen Gehorsam gelernt, weil sie nicht genügend hart angefasst worden seien. Ihr Charakter sei nicht geschult worden, weil ihre Vorgesetzten ihnen das Leben nicht genügend schwer gemacht hätten.
Wie in den von Langberg erwähnten Beispielen, drehte sich alles nur um ihn selber. Dass er mich fast meines ganzen sozialen Umfelds beraubt hatte, und dass ich mir durch seine Schuld meine ganze Existenz von Grund auf hatte neu aufbauen müssen – das hatte er anscheinend nicht einmal zur Kenntnis genommen.
Ganz am Schluss entschuldigte er sich für einen einzigen Aspekt seines Fehlverhaltens, nämlich dass er eine Verfluchung über mich ausgesprochen hatte. Dies tat er sogar mit einem höchst theatralischen Kniefall. Aber auf das Kernproblem, nämlich seine Selbstherrlichkeit und seine völlige Missachtung jeglicher Grundsätze von Recht und Gerechtigkeit, kam er während seiner ganzen Tirade überhaupt nie zu sprechen.
Wie Langberg sinngemäss sagt: Selbst wenn er sich gezwungen sieht, etwas zu bereuen oder einen Fehler einzugestehen, bleibt er auch in seiner Reue noch Narzisst. Er tut dann alles, um vor den Augen der Welt zu beweisen, dass er der Beste aller Reuigen ist, und dass noch nie jemand so gut bereut hat wie er.
Zwei andere Pastoren waren dabei, anscheinend ganz im Bann des Narzissten, ihm beipflichtend, und blind für das so offensichtliche Schauspiel von Hochmut und Hartherzigkeit.
Jener Pastor galt als guter Prediger, aber seine Predigten hatten meistens einen vorwurfsvollen und überheblichen Unterton. Er hatte einen jungen Assistenten (und später Nachfolger), der in seinen eigenen Predigten jeweils bis aufs i-Tüpfchen die Eigenheiten des Predigtstils, Tonfalls und Aussprache seines „Meisters“ nachahmte. (Was ist das für ein Geist, der Menschen ihrer Persönlichkeit beraubt und sie zum „Klon“ eines anderen macht?)

Jetzt erhebt sich natürlich die Frage, warum christliche Gemeinschaften Menschen mit einem solchen Charakter als Leiter dulden und sogar fördern. Langberg gibt darauf mehrere Antworten:

„Die Systeme, die einen Narzissten umgeben (Institutionen, Kirchen, …), sind schnell bereit, dessen Lügen zu akzeptieren. Würden sie ihn konfrontieren, dann brächten sie damit ihre eigene Institution in Gefahr. Deshalb ordnen sich die Leute lange Zeit einem Narzissten unter (…)
Die Leute sind abhängig von ihm. Sie haben ihre Unterordnung so lange praktiziert, dass sie tatsächlich nicht mehr sehen können, wen sie vor sich haben. Und sie wüssten gar nicht, wie sie ihn konfrontieren könnten. Deshalb ist es sehr wahrscheinlich, dass das ganze System aufsteht, um genau diesen Leiter zu schützen, der sie alle schädigt, statt die Wahrheit hören zu wollen.“

In diesem Zusammenhang zitiert sie aus einem Essay von Vaclav Havel, „Die Macht der Machtlosen“: „Das System wird oft versuchen, jene zu bestrafen, die es bedrohen, indem sie die Welt des äusseren Anscheins zerbrechen, welcher die grundlegende Säule des Systems darstellt.“ Langberg kommentiert dazu: „Das wahre Ziel des Systems ist nicht, den Willen Gottes zu tun, sondern den Anschein zu erwecken, sie täten den Willen Gottes.“

In anderen Situationen, sagt Langberg, mag eine Kirche tatsächlich so weit gehen, den missbrauchenden Leiter auszuschliessen; aber nur, damit die verbleibenden Mitglieder und Leiter ihre Illusion bewahren können, „speziell“ zu sein. Der hinausgeworfene Leiter wird dann als nicht mehr so „speziell“ angesehen; aber stattdessen hat sich das ganze System mit Narzissmus angesteckt. Die ganze Gruppe übernimmt dann die Überzeugung, sie seien die einzigen, die die Wahrheit kennen, und jedermann müsse sich ihren strengen Regeln anpassen. Viele Sekten haben so angefangen.

Langberg sagt weiter: „Die Mitglieder solcher narzisstischer Systeme haben von Anfang an auf ihre eigene Macht verzichtet. Sie folgen vorgeschriebenen Rezepten, akzeptieren Lügen, und sehen ihren Leiter als eine ’spezielle‘ Person an, anders als alle anderen Leiter. Und so sehen sich die Nachfolger dieses Leiters selber als ’speziell‘. Genau das war der Kern der Nazi-Propaganda.
Aber Christen machen dasselbe: ‚Ich gehe zur Gemeinde von Soundso. Er ist der beste Pastor in der Stadt. Ich bin da, wo der Beste ist.‘ Die Mitglieder hören auf, selber zu denken, und akzeptieren alles, was der Leiter sagt. Würde jemand dennoch versuchen, selber zu denken, dann würden ihn wahrscheinlich die übrigen zum Schweigen bringen.
Sie folgen also nicht dem Wort Gottes; sie prüfen den Leiter und seine Lehren nicht am Wort Gottes. Der Leiter diktiert, wie das Wort Gottes interpretiert werden muss, und wie man danach leben muss. Wer nicht einverstanden ist, ist ein Rebell, ein Kleingläubiger, und der Zorn des Leiters richtet sich gegen ihn.
Diese Systeme glauben, jede Veränderung und jeder Erfolg hänge vollständig vom Leiter ab, nicht von den Mitgliedern. Solche Leiter sagen: ‚Willst du, dass deine Gemeinde wächst? Ich kann das vollbringen. Willst du Wohlstand haben? Ich kann das erreichen. Ich sehe mehr als du, weiss mehr als du, habe mehr Gaben als du, mehr Erfolg als du. Wenn du mich als Leiter hast, wird alles besser.‘ So fördern das System und der Leiter gegenseitig ihren Narzissmus.“

Nicht zu unterschätzen ist auch die Macht der Verführung des Narzissten. Langberg sagt:
„Man kann schnell verführt werden, wenn man Hunger hat, und jemand sagt: ‚Ich gebe dir zu essen‘. Das gilt auch auf der Ebene der Gefühle und des Selbstwerts. (…) Wir wertschätzen Dinge wie materielle Güter, Wohlbefinden, oder beruflichen Erfolg. Und wir fühlen uns ‚hungrig‘, wenn wir etwas nicht erreichen. Gott hat uns so geschaffen, dass wir nach ihm Hunger haben. Aber wir hören auf Menschen, die daherkommen und versprechen, unseren Hunger zu stillen. Da ist ein vierzehnjähriges Mädchen vor den Misshandlungen zuhause geflohen, und es kommt ein Zuhälter, um sie zu ‚retten‘, und verspricht ihr Liebe. Da kommt ein Politiker und verspricht, das ganze Land in Ordnung zu bringen. Da kommt ein Bankier und verspricht, dich reich zu machen. Wir hören auf sie und werden blind für den Charakter der Menschen, die diese Dinge sagen.
Die Kirche ist genauso anfällig dafür. Da kommt jemand und lehrt uns, wie wir die beste Anbetung haben können, die besten Predigten, die grösste Kirche, und es ist alles für Gott. Das kann doch nicht schlecht sein? Sie machen messianische Versprechungen, die Regierung zu verbessern, Wohlstand zu bringen (materiellen oder geistlichen), alle Eheprobleme zu lösen, usw. Aber das ist nicht die Art von Jesus. Er kam klein, ohne grosse Versprechen. Aber wir mit unserem Hunger folgen Menschen, die grosse Versprechen machen, ohne daran zu denken, was dann mit uns geschieht. Und so werden wir Teil eines narzisstischen Systems.“

Zwei weitere Beispiele von Langberg:

„Ein anscheinend frommer Pastor zeigt viel Mitleid mit den Menschen, macht Überstunden, um ihnen zu helfen, sucht immer die Deprimierten, die Süchtigen, die Bedürftigen, und alle bewundern seine Hingabe. (…) Ich kann gar nicht mehr zählen, wie oft ich mich einer solchen Situation gegenübersah. Die anderen Leiter werden passiv, weil sie selber nicht gerne den Bedürftigen und Notleidenden dienen, also überlassen sie alles dem Pastor. Sie denken, ihre Gemeinde sei ’speziell‘: Ein Ort, wo Notleidende wirklich willkommen sind, denn ‚wir‘ nehmen die Leute auf, wie Jesus sie aufnahm. Aber ‚wir‘ bedeutet in Wirklichkeit ‚er‘. – Wenn es nun ein Problem gibt mit Machtmissbrauch von seiten des Pastors, wie konfrontierst du dann jemanden, der alle deine geheimen Süchte kennt? Wie konfrontierst du den einzigen Menschen, der weiss, dass du zwei aussereheliche Beziehungen hattest? Und wenn du ein Leiter an seiner Seite bist, wie konfrontierst du den Menschen, der dich vor allen unangenehmen Situationen beschützt, und du dich wirklich darauf angewiesen fühlst? Das System ist jeder Möglichkeit beraubt worden, den Pastor zur Rede zu stellen.
Sehen wir, wie subtil das ist? Und wie ‚geistlich‘ der äussere Anschein sein kann?
Ein anderer Fall: Du bist umgezogen und suchst am neuen Wohnort eine Gemeinde. Du hörst Dinge wie: ‚Wir wollen wirklich die Gemeinde Jesu in dieser Stadt sein. Wir wollen an den Orten dienen, wo niemand sonst hingeht. Wir wollen unsere Leben hingeben zugunsten unserer Nächsten. Wir wissen, dass die meisten Menschen das nicht tun wollen; aber wir tun es.‘ Was denkst du? Bist du etwa nicht damit einverstanden? Wenn du dich ihnen anschliesst, wirst auch du ’speziell‘ sein. Oder du fühlst dich sogar verpflichtet, dorthin zu gehen, weil du ja auch ‚die Gemeinde Jesu in dieser Stadt‘ sein möchtest. Aber die Betonung ist auf ‚was wir tun‘, nicht auf Jesus. Und die Betonung liegt darauf, sich von den übrigen Christen zu unterscheiden, und das ist spalterisch. Das erhöht in erster Linie den ’speziellen‘ Pastor, und in zweiter Linie die ’spezielle Gemeinde‘. “

Noch einige eigene Gedanken und Schlussfolgerungen dazu:

– Wenn Narzissten zur Rede gestellt werden, reagieren sie anscheinend oft mit Wahrheitsverweigerung. Das ist noch eine Stufe mehr als Unglaube oder Ablehnung. Während Unglaube bzw. Ablehnung die Wahrheit hört und sich dagegen entscheidet, besteht Wahrheitsverweigerung darin, die Wahrheit nicht einmal anhören zu wollen, wenn sie einem angeboten wird.
Vor einiger Zeit erlebte ich ein neuerliches Beispiel davon. Ich lernte einen Pastor kennen, der sich an meiner Mitarbeit als pädagogischer Berater interessiert zeigte, weil er daran war, eine Gruppe von Homeschooling-Familien zu gründen. Ich erfuhr dann aber, dass er ein Anhänger von Bill Gothard ist und seine Gruppe dessen hyper-autoritären Lehren unterstellt. Ich begann mit ihm darüber zu sprechen. Unter anderem fragte ich ihn: „Angenommen, ein Familienvater in Ihrer Gruppe hätte biblische Gründe, mit diesen Lehren nicht einverstanden zu sein. Würden Sie ihm die Möglichkeit geben, in der Gruppe seine Bedenken zu äussern?“ – Nach kurzem Nachdenken erwiderte er: „In diesem Fall ist er natürlich frei, die Gruppe zu verlassen.“ – Ich hakte nach: „Wenn es sich aber um biblisch begründete Bedenken handelt, dann würden Sie ihm also keine Gelegenheit geben, in der Gruppe darüber zu sprechen?“ – Er antwortete nicht direkt darauf, sondern sagte nur: „Aber diese Lehren sind biblisch!“ – Ich sagte ihm daraufhin, ich selber hätte biblische Gründe gegen diese Lehren, und ich hätte auch Dokumentation darüber, dass eine grosse Anzahl von Menschen durch diese Lehren schwer geschädigt wurden. Ob er bereit wäre, meine biblischen Argumente und die Dokumentation zur Kenntnis zu nehmen und zu überprüfen? – Seine Antwort: „Nein, diese Lehren sind fundamental.“ – Ich erklärte ihm, dass ich in diesem Fall mein Angebot zur Zusammenarbeit zurückziehen müsste.
Es ist eine Sache, Argumente und Daten anzuhören und dann zu erklären, warum man nicht damit einverstanden ist. Es ist aber eine ganz andere Sache, diese schon zum vornherein gar nicht anhören zu wollen.
Wahrheitsverweigerung wird in der Bibel als ein Grund genannt, warum Menschen vom Antichristen verführt werden und verloren gehen:
„… zur Vergeltung dafür, dass sie die Liebe zur Wahrheit nicht angenommen haben, damit sie gerettet würden. Und deshalb sendet ihnen Gott eine wirksame Kraft der Verführung, damit sie der Lüge glauben…“ (2.Thess.2,10-11)
Offenbar handelt es sich da nicht (nur) um Menschen, die direkt dem christlichen Glauben widersprechen, sondern ebensosehr um falsche Brüder und falsche Leiter innerhalb der christlichen Kreise.

– Es ist anscheinend schwierig bis unmöglich, in einem Narzissten eine Änderung zum Guten zu bewirken. Er mag zwar sehr gut darin sein, Reue zu heucheln; aber nur, um eine wirkliche innere Veränderung zu vermeiden. Langberg erwähnt in ihrem Vortrag zwar einige Gesprächsmöglichkeiten, aber bezeichnenderweise kein einziges Erfolgsbeispiel.
Wenn du also feststellst, dass du unter der Leiterschaft eines Narzissten stehst, dann dürfte es illusorisch sein, auf eine Verbesserung der Situation zu hoffen. Du kannst noch nicht einmal auf das Verständnis der anderen Mitglieder des Systems hoffen. Vielmehr ist es angezeigt, ein solches System baldmöglichst zu verlassen.
Andererseits denke ich, christliche Gruppen sollten zum vornherein Vorkehrungen dagegen treffen, zu einem „narzisstischen System“ zu werden. Paulus spricht in Apg.20,29-32 ein wenig darüber. Die folgenden Worte scheinen mir wichtig zu sein: „Und nun befehle ich euch Gott an, und dem Wort seiner Gnade…“ (v.32) … nicht einem Leiter, nicht einem „Nachfolger von Paulus“. Leiterschaft darf nicht die zentrale Stellung einnehmen, und darf nicht zu einer Machtposition werden. Stattdessen soll die persönliche Beziehung jedes Einzelnen zu Gott betont werden, und die Autorität des Wortes Gottes. Ich würde nie wieder einer „christlichen“ Gruppe beitreten wollen, wo das Wort der Leiterschaft grösseres Gewicht hat als das Wort Gottes. Und ob das der Fall ist, das erkennt man selten an den offiziellen Erklärungen der Leiter. Meistens erkennt man es erst, wenn es zu einem Konflikt kommt zwischen dem Wort der Leiterschaft und der biblischen Einsicht eines Mitglieds.
Und vielleicht sollten Nachfolger Jesu auch lernen, „grossartigen“ Leitern zu misstrauen, und stattdessen nach Leitern mit Barnabas-Eigenschaften Ausschau zu halten. Barnabas ist der biblische Kontrast zum Narzissten. Er ermutigte andere, öffnete Türen für sie, und war bereit, selber hinten anzustehen. Er war der einzige, der das geistliche Potenzial in Paulus erkannte und ihm Vertrauen schenkte, als alle anderen ihm misstrauten (Apg.9,26-27; 11:23-25). Er begann die erste Missionsreise als Leiter des Unternehmens, überliess dann aber Paulus die Führung. Doch war er auch bereit, Paulus entgegenzutreten und einen Konflikt zu riskieren, um den von Paulus abgelehnten Johannes Markus zu verteidigen und ihm eine neue Chance zu geben (Apg.15,37-39).
Letztlich denke ich jedoch, es ist eine Frage der persönlichen Integrität. Vielleicht wäre ein Narzisst ja auch in der Lage, die Rolle eines „Barnabas“ perfekt zu spielen, wenn das gut ankommt. Nur eine Gruppe von Menschen, die selber in persönlicher Integrität leben, wird in der Lage sein, die Maske zu durchschauen.

– Wegen der Gefahr des Missbrauchs sollten Leiterschaft und Seelsorge personell klar voneinander getrennt werden. D.h. kein Seelsorger sollte zugleich eine Leiterschaftsfunktion ausüben über die Menschen, die er berät; und umgekehrt. Niemand sollte dazu gedrängt oder verleitet werden, seine persönlichen Nöte und Kämpfe offenzulegen vor jemandem, der zugleich sein Vorgesetzter ist. Und das Seelsorgegeheimnis muss strikt gewahrt bleiben. – Es war meine Beobachtung in den evangelikalen Kirchen, dass zwar dem „gemeinen Volk“ gegenüber eindringlich gegen „Klatsch“ gepredigt wurde; die Leiter unter sich jedoch eifrig über die persönlichen Schwächen ihrer Mitarbeiter und Gemeindeglieder klatschten, unter sorgloser und überheblicher Missachtung des Seelsorgegeheimnisses. Auch wurden nicht selten diese persönlichen Schwächen als Druckmittel verwendet, um Menschen gegenüber willkürlichen Forderungen der Leiterschaft gefügig zu machen; oder um zu vermeiden, dass jemand die Leiter wegen deren Verfehlungen konfrontierte. Das ist gröbster Missbrauch der Seelsorge.

– Es scheint keine zuverlässigen Forschungsergebnisse zu geben über die Verbreitung der narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Langberg nennt Zahlen um 0,6%, also rund einer von 170.
Nach alldem scheint aber eines festzustehen: Wenn es in einer Kirche von 170 Personen einen Narzissten gibt, dann ist die Wahrscheinlichkeit relativ hoch, dass es sich um den Pastor handelt!

Die neutestamentliche Gemeinde in Johannes 10 (2.Teil)

19. Dezember 2016

Die Schafe folgen dem Guten Hirten.

Das Gleichnis in Johannes 10 betont die enge Vertrauensbeziehung zwischen den Schafen und dem Guten Hirten:
„Die Schafe hören seine Stimme, und er ruft seine eigenen Schafe, jedes mit Namen, und führt sie hinaus. Wenn er seine eigenen Schafe hinausgeführt hat, geht er vor ihnen her, und die Schafe folgen ihm, denn sie kennen seine Stimme.“ (Johannes 10,3-4)
„Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir …“ (Vers 27)

Hier in Perú (und möglicherweise auch in den anderen ehemaligen spanischen Kolonien) sind diese Worte noch schwieriger zu verstehen als in der europäischen Kultur. Peruanische Hirten gehen nicht vor ihren Schafen her. Sie gehen hinter ihnen und treiben sie vor sich her, so wie man es z.B. mit Kühen machen würde. Dieser kleine kulturelle Unterschied ist ein grosses Hindernis zum Verständnis des Evangeliums. Es macht einen grossen Unterschied in der Beziehung zwischen Hirte und Herde, ob der Hirte vor den Schafen hergeht oder hinter ihnen.

Wo der Hirte die Schafe vor sich hertreibt, besteht eine Beziehung der Überwachung und des gegenseitigen Misstrauens. Die Schafe haben niemanden, dem sie folgen können; sie müssen den Weg selber finden. Ausserdem fühlen sie sich ständig von hinten bedroht. Statt ihrem Hirten zu vertrauen, fürchten sie ihn. Der Hirte vertraut seinen Schafen ebensowenig: er muss sie antreiben, damit sie vorwärtsgehen, und er muss sie ständig überwachen, damit sie nicht vom Weg abkommen.
Das ist genau die Art von Beziehung, die in Perú seit der spanischen Eroberung herrscht zwischen Leitern und Geleiteten in der Gesellschaft, in der Politik, in der Arbeitswelt, und auch in den Kirchen: Antreiben und angetrieben werden; manipulieren, andere ausnützen, und ausgenützt werden. Auch in europäischen Kirchen habe ich diese Art kontrolliender, überwachender und manipulierender „Leiterschaft“ beobachten müssen. Aber wo diese Art von Beziehungen herrscht, da ist nicht neutestamentliche Gemeinde. Diese Beziehungen müssen vom Evangelium grundlegend verändert werden.

Wo der Hirte vor den Schafen hergeht, da sieht es ganz anders aus: Es herrscht eine gegenseitige Vertrauensbeziehung. Die Schafe vertrauen, dass der Hirte sie zu einem guten Ort führen wird, wo es zu essen gibt, und deshalb folgen sie ihm vertrauensvoll. Aber auch der Hirte vertraut seinen Schafen: er vertraut ihnen, dass sie ihm freiwillig folgen werden, und muss sie nicht ständig überwachen. – Ausserdem ist der Hirte derjenige, der als erster den Weg begeht. Wenn irgendwo ein gefährlicher Abgrund ist, eine kaputte Brücke, ein Sumpf, oder sonst ein Hindernis, dann ist der Hirte der erste, der der Gefahr begegnet und sie von den Schafen abwendet.
Das ist die Art von Beziehung, die wir mit dem Herrn Jesus haben können; und das ist auch die Art von Beziehung, die in einer echten christlichen Gemeinde zwischen „Leitern“ und anderen Christen besteht.

Wir stellen ausserdem fest, dass die Schafe immer dem Guten Hirten folgen, nicht einem anderen Schaf! In diesem Gleichnis muss jeder Älteste, „Pastor“ oder „Leiter“ sich selber als Schaf identifizieren, nicht als „Hirte“. Sicher, einige Schafe kennen den Weg besser als andere; aber das rechtfertigt nicht, dass sie sich über die Herde erheben und die Rolle des Hirten an sich reissen würden. Auch jene Schafe, die eine „Leitungsfunktion“ ausüben, werden dadurch nicht zu etwas anderem als Schafe. Eine Gruppe von Christen hört auf, neutestamentliche Gemeinde zu sein, wenn ihre Leiter sich anmassen, die Leben ihrer Mitchristen so zu überwachen und zu dirigieren, wie es allein dem Guten Hirten zusteht.

Die Autorität in der Grossfamilie Gottes

27. Juni 2013

Die evangelischen und evangelikalen Kirchen haben in ihrer grossen Mehrzahl das Amt eines „Pfarrers“ oder „Pastors“ geschaffen, der über die Gemeinde regiert. Dieses Modell ist nicht biblisch. Das Wort „Pastor“ (Hirte) im Sinn eines geistlichen Dienstes erscheint im Neuen Testament nur ein einziges Mal, und zwar zusammen mit vier anderen Diensten: „Und er selber gab die einen, Apostel, andere, Propheten, andere, Evangelisten, andere, Hirten und Lehrer“ (Eph.4,11).

Das evangelische Pfarramt kommt vom römisch-katholischen Priesteramt her. Es war eine römische Idee, einen einzelnen Menschen an die Spitze der Kirche zu setzen und ihn als einen Mittler zwischen Gott und den Menschen zu betrachten. Das ist ein doppelter Ungehorsam gegen die biblischen Prinzipien:

1. Weil es einen einzigen Mittler zwischen Gott und den Menschen gibt, Jesus Christus (1.Tim.2,5). Kein Mensch darf sich anmassen, „Gottes Sprachrohr“ zu sein für seine Geschwister, oder andere Menschen von sich abhängig zu machen inbezug auf ihr geistliches Leben. Durch Jesus Christus hat jeder Christ direkten und unmittelbaren Zugang zum Thron Gottes (Hebräer 4,14-16, 10,19-22). Ein Leiter, der sagt: „Wenn ihr Jesus nachfolgen wollt, dann gehorcht mir“, masst sich eine Stellung an, die nur Jesus selber zukommt.

2. Weil die Leiterschaft der neutestamentlichen Gemeinde plural ist. Bei allen im Neuen Testament erwähnten Gemeinden, von denen wir Näheres über ihre Leiterschaftsstruktur wissen, sehen wir, dass sie von einem Team aus mehreren Personen geleitet wurden:
– Jerusalem: die elf Apostel, die in den ersten Kapiteln der Apostelgeschichte ständig erwähnt werden.
– Antiochien: fünf „Propheten und Lehrer“ (Apg.13,1).
– Die ersten von Paulus gegründeten Gemeinden: Älteste (Apg.14,23).
– Ephesus: Älteste (Apg.20,17) – die im selben Kapitel (V.28) auch „Bischöfe“ („Aufseher“) genannt werden.
– Die Gemeinden im allgemeinen: „Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer“ (Eph.4,11).
– Philippi: „Bischöfe (Aufseher) und Diakone (Diener)“ (Phil.1,1).
– Die Gemeinden im allgemeinen: „Leiter“ oder „Führer“ (Hebr.13,7.17.24).
– Die Gemeinden im allgemeinen: „Älteste“ (Titus 1,5, Jak.5,14, 1.Petrus 5,1).
(Jemand hat mir eine Bemerkung geschrieben, dass es in 1.Tim.3,2 heisst „der Bischof“, in der Einzahl. Aber es handelt sich hier offensichtlich um einen generischen Ausdruck, so wie wenn ich sage: „Der Student muss viele Bücher lesen“ – darunter versteht auch niemand, es gebe nur einen einzigen Studenten in der Klasse. Ebensowenig darf also aus 1.Tim.3,2 geschlossen werden, es gebe nur einen einzigen Bischof in einer Gemeinde. – Ausserdem haben wir oben in Apg.20 gesehen, dass „Bischof“ gleichbedeutend ist mit „Ältester“.)
Für eine genauere Untersuchung der neutestamentlichen Begriffe, mit denen „Ämter“ oder „Leiterschaftspositionen“ beschrieben werden, siehe „Das Neue Testament, Amtliche Version“.

Der am häufigsten verwendete Ausdruck in dieser Liste ist „Ältester“. Wir müssen also untersuchen, was genau ein Ältester ist.

Die Urgemeinde ging aus dem jüdischen Volk hervor. Alle Apostel waren Juden und drückten sich in jüdischen Begriffen aus. Wir müssen also vom Alten Testament her an die Frage herangehen: Wer oder was war ein Ältester in Israel?

Wir finden, dass die Stellung eines „Ältesten“ eng verbunden ist mit der Organisation des Volkes nach Stämmen, Sippen und Familien, wie wir im vorhergehenden Artikel gesehen haben. Es sollte uns also nicht überraschen, dass auch die Autorität eines echten Ältesten sich von seiner Familienumgebung ableitet.

Mike Dowgiewicz schreibt:

„Die Ältesten waren immer die bevollmächtigten Leiter des Volkes Gottes, sowohl im alten Israel wie in der Urgemeinde. Ein Ältester zu werden, ein zakén (das hebräische Wort), war der Höhepunkt im Leben eines weisen Mannes. Lasst uns näher ausführen, wie jemand zu einem Ältesten wurde:
Israelitische Männer, die in der Ausübung ihrer Leiterschaft aussergewöhnliche Weisheit zeigten, wurden zu Stellungen höherer Autorität befördert. Besonders weise Familienväter wurden zu Ältesten ihrer erweiterten Familie (Sippe). Die besonders weisen Ältesten einer Sippe wurden Älteste ihres Stammes. Einige von diesen wurden schliesslich zu Beratern des Königs, zum Wohl des ganzen Volkes. Die Weisheit war ein Schlüsselelement in ihrem Fortschritt.
Auf jeder Stufe war die Leiterschaft persönlich. Auf jeder Ebene standen die Menschen in engem persönlichem Kontakt mit den Männern, die Autorität hatten. Jeder Älteste war sich bewusst, dass er seine eigenen Nachfolger ausbildete. – Im gegenwärtigen nikolaitischen System stellt eine Kommission einen auswärtigen Kleriker an, zu dem niemand in der Gemeinde zuvor je irgendeine persönliche Beziehung hatte!“
(Mike Dowgiewicz, „I hate the Nicolaitans“)

So ging die Leiterschaft auf natürliche Weise aus den Familien hervor, und von da zu den Grossfamilien und Sippen, und so weiter bis auf nationaler Ebene. Jeder Älteste war von einem „Sicherheitsnetz“ von ihm nahestehenden Menschen umgeben, die ihn persönlich seit langer Zeit kannten. Aufgrund dieser persönlichen Nähe konnten sie die Autorität des Ältesten bestätigen und bestärken; sie konnten ihn aber auch zurechtweisen, wenn er im Irrtum war.
Im biblischen Konzept von Autorität gibt es keine „Immunität“: Ein Leiter muss Korrektur und Zurechtweisung von seinen Volksgenossen und Glaubensgeschwistern annehmen, genauso wie jedes „gewöhnliche Mitglied“. Grundlage für jede Zurechtweisung ist das Wort Gottes; und jedes Mitglied des Volkes Gottes kann das Wort Gottes anwenden, um jedes andere Mitglied zu beurteilen und zurechtzuweisen, auch einen Leiter. Um dieses Prinzip zu illustrieren, berief Gott als Propheten oft Menschen, die keinerlei „Leiterschaft“ innehatten, und sandte sie, um Könige und Leiter zurechtzuweisen.

Das Herzstück biblischer Autorität ist die Vaterschaft. Vaterschaft ist ein Abbild Gottes auf dieser Erde: Gott ist der Vater par excellence. Mehrere Bibelstellen bringen die Autorität Gottes, und Gottes Versorgung für sein Volk, mit irdischer Vaterschaft in Verbindung:

Matth.7,9-11: „Wer unter euch, wenn sein Kind ihn um Brot bittet, wird ihm einen Stein geben? Oder wenn es ihn um einen Fisch bittet, wird er ihm eine Schlange geben? Wenn also ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben geben könnt, wieviel mehr wird euer Vater im Himmel denen Gutes geben, die ihn bitten?“
Eph.3,14-15: „Deshalb beuge ich meine Kniee vor dem Vater unseres Herrn Jesus Christus, von dem jede Vaterschaft (so die wörtliche Übersetzung) im Himmel und auf Erden ihren Namen hat.“
Hebr.12,7-9: „Andererseits hatten wir unsere irdischen Väter, die uns disziplinierten, und wir ehrten sie. Warum gehorchen wir nicht noch viel mehr dem geistlichen Vater, damit wir leben? Und jene (die irdischen Väter) disziplinierten uns während kurzer Zeit, wie es ihnen gut schien; aber dieser (Gott) zu unserem Besten, damit wir an seiner Heiligkeit Anteil haben.“

Gott möchte, dass die irdischen Familien von einem Vater „regiert“ werden. So kann jeder von Kind an verstehen, was Vaterschaft ist; und so wird man auch verstehen können, wie Gott ist. (D.h. wenn der Vater seine Vaterschaft in Übereinstimmung mit dem Willen Gottes ausübt.) Am Beispiel des Volkes Israel sehen wir, wie Gott möchte, dass diese Familienstruktur auf das ganze Volk Gottes ausgeweitet wird. Dasselbe gilt für das neutestamentliche Gottesvolk, die Gemeinschaft der (echten) Christen.

„Ältester“ zu sein ist deshalb kein „Amt“, das man aufgrund eines institutionellen Reglements erhalten und ausüben könnte. Noch viel weniger können Älteste abwechselnd eingesetzt und abgesetzt werden je nach den Launen eines „Pastors“ oder einer Gemeinde – so wie auch eine Familie nicht alle paar Jahre einen anderen Vater einsetzen kann.
Ein biblischer Ältester wird weder vom Volk „gewählt“ noch von einer übergeordneten Leiterschaft „bestimmt“; ein biblischer Ältester wird anerkannt. Schon das Wort „Ältester“ sagt uns, dass (geistliche) Reife das Wichtigste ist für eine solche Aufgabe. In der Bibel ist fortgeschrittenes Alter normalerweise gleichbedeutend mit Weisheit und breiter Erfahrung. Und diese Weisheit und Erfahrung kommt in erster Linie von vielen Jahren der Ausübung von Vaterschaft in der eigenen Familie. Ein Ältester ist im Wesentlichen ein erfahrener Vater, sodass er jetzt ein „Vater für andere Väter“ sein kann.

Ironischerweise hat ausgerechnet die römisch-katholische Kirche die Erinnerung an diese Wahrheit besser bewahrt als andere Kirchen, da sie ihre Priester „Vater“ („Pater“) nennt. Es scheint, dass man sich da anfangs noch dessen bewusst war, dass „geistliche Autorität“ gleichbedeutend ist mit „Vaterschaft nach dem Willen Gottes“. Nur verleiht die katholische Kirche diesen Titel den am wenigsten dazu Geeigneten, da ein katholischer Priester ja die grundlegende Bedingung für biblische Ältestenschaft nicht erfüllen kann, als Familienvater ein gutes Beispiel zu sein.

Tatsächlich war im alten Israel und in der Urgemeinde die oberste Priorität für jeden Vater seine eigene Familie. Aus biblischer Sicht ist es viel wichtiger, ein guter Ehemann und Vater zu sein, als ein guter Mitarbeiter, Vorgesetzter, Gemeindemitarbeiter oder Gemeindeleiter zu sein. Im Leben eines gottesfürchtigen Vaters wird die Welt ausserhalb der Familie (wozu auch die Gemeindemitarbeit gehört) nie wichtiger werden als die Familie selbst. Nach den biblischen Leiterschaftsprinzipien könnte jemand, der kein guter Ehemann und Vater ist, niemals in irgendeinem anderen Lebensbereich als Autorität anerkannt werden, sei es in der Arbeitswelt, in der Politik, oder in der Kirche. Und auch wenn jemand im alten Gottesvolk zu einer wichtigen Stellung in einem dieser Bereiche kam, wäre es ihm nicht in den Sinn gekommen, deswegen seine Familie zu vernachlässigen. Täte er das, so würde er seine Autorität verlieren, oder er könnte sogar unter das Gericht Gottes fallen wie der Priester Eli (1.Samuel 2,12-36, 4,11-18).

Deshalb ist es eine wichtige Voraussetzung für jeden, der irgendeine Leiterschaft in der christlichen Gemeinschaft anstrebt, dass er „seinem Haus gut vorsteht, seine Kinder in Gehorsam hält in aller Ehrbarkeit (denn wer seinem eigenen Haus nicht vorstehen kann, wie wird er für die Gemeinde Gottes sorgen?)“ (1.Tim.3,4-5).

Ich hoffe, dass wir jetzt die Tragweite dieser Bibelstelle besser verstehen. Nach biblischem Muster ist die christliche Gemeinschaft tatsächlich eine Familie von Familien, und die Autorität innerhalb dieser Gemeinschaft geht aus der Vaterschaft hervor.

DieTäufer – Teil 2: Der Glaube der Täufer

21. März 2013

Wie wir gesehen haben, waren die Täufer keine einheitliche Bewegung. Aufgrund ihres freiheitlichen Verständnisses hatten sie keine zentrale Organisation und kein einigendes Glaubensbekenntnis. (Sie formulierten zwar später verschiedene Glaubensartikel, die aber jeweils nur regionale Verbindlichkeit erhielten.) Deshalb konnten ihre Lehrüberzeugungen von einer Gruppe zur anderen variieren.

Natürlich hatten sie alle die reformierte Überzeugung gemeinsam, dass die Heilige Schrift die oberste Autorität im Leben eines Christen und in der Kirche ist. Einige Gruppen betonten zudem, dass Gott zu jedem Gläubigen persönlich spricht. Es gab einige Extremisten, die so weit gingen, dass sie ihre persönlichen Eingebungen wichtiger nahmen als die Bibel selbst. Aber die meisten Täufer lehnten diese Extreme ab und gründeten sich auf das geschriebene Wort Gottes.

Die Ablehnung der Staatskirche war eine gemeinsame Überzeugung der Täufer. Sie betonten, dass die Kirche die Gemeinschaft der wahren Gläubigen ist, die sich freiwillig dazu entschieden haben, Jesus nachzufolgen. Deshalb traten sie für eine strikte Trennung zwischen Kirche und Staat ein. Die weltliche Regierung hatte kein Recht, sich in die Angelegenheiten der Kirche einzumischen; und die Kirche hatte kein Recht, über den Staat zu herrschen. Deshalb verurteilten sie die Haltung der Reformatoren, die die weltliche Regierung dazu gebrauchten, die Sache der Reformation voranzutreiben. Nach einer Überlieferung antwortete der Täufer Michael Sattler auf die Idee, den Schutz eines wohlgesinnten Fürsten zu suchen: „Wenn ein Tuch einen einzigen falsch gewobenen Faden enthält, dann verdirbt dieser einzige Faden das ganze Tuch. Ebenso wird die ganze Kirche verdorben, wenn sie auch nur einem einzigen falschen Prinzip folgt.“ Eine weltliche Autorität über die Kirche zu setzen, wäre ein solcher „falsch gewobener Faden“.
In diesem Zusammenhang ist auch ihre Ablehnung der Säuglingstaufe zu sehen: Wenn ein Baby getauft wird, dann wird es ohne seine eigene Einwilligung und ohne eigenen Glauben zu einem Kirchenmitglied gemacht. In anderen Worten, es wird gezwungen, sich als Christ zu identifizieren, ohne persönlich Christ zu sein. Deshalb ist eine solche Taufe nicht die biblische Taufe.

Ein weiterer wichtiger Gegensatz zu den Reformatoren bestand darin, dass die Täufer den Missionbefehl Jesu (Matth.28,18-20 und Parallelen) als für alle Zeiten gültig verstanden. Deshalb stellten sie auch sich selber mit aller Selbstverständlichkeit unter diesen Auftrag. Die Reformatoren dagegen sagten, Jesus hätte diesen Auftrag nur den Aposteln persönlich erteilt, und es sei anmassend, den Missionsbefehl auf gegenwärtig lebende Christen anzuwenden. Diese reformatorische Auffassung sollte während langer Zeit als Hemmschuh der Weltmission nachwirken: Noch Jahrhunderte später musste der Missionspionier William Carey unter seinen Glaubensgeschwistern einen heftigen Kampf gegen ebendiese Auffassung führen, bis ihm schliesslich zugestanden wurde, es könnte tatsächlich der Wille Gottes sein, eine Missionsgesellschaft zur Evangelisierung Indiens zu gründen.

Die meisten Täufer waren Pazifisten und betonten das Prinzip des „Nicht-Widerstehens“. Sie gaben den Worten Jesu grosses Gewicht: „Widersteht dem Bösen nicht; sondern wer dich auf die rechte Wange schlägt, dem biete auch die andere dar…“ (Matthäus 5,39-41). Deshalb lehrten sie, dass ein Christ keine Waffen tragen soll, nicht Soldat sein kann, und gegen niemanden gerichtlich vorgehen soll. Viele sagten auch, ein Christ könne kein Regierungsamt übernehmen. Das begründeten sie mit dem Gebot: „Du sollst nicht töten“ (da die weltliche Regierung nach Römer 13,4 „das Schwert trägt“), und auch mit der Trennung von Kirche und Staat.
Persönlich meine ich, dass in der gegenwärtigen Welt diese Haltung nicht mehr sehr sinnvoll wäre: Die meisten modernen Staaten haben die Todesstrafe abgeschafft, sodass ein Regierungsamt nicht mehr automatisch den Bruch des sechsten Gebots mit sich bringt. Auch haben die Kirchen im allgemeinen nicht mehr viel politische Macht. Ein Christ von entsprechender Integrität und Fähigkeit könnte in der Politik viel Gutes tun. – Andererseits besitzen leider nur wenige Christen diese Integrität, während viele christliche Politiker von den Versuchungen der Macht verdorben worden sind. Aber das begründet noch kein Prinzip, sondern ist eine Angelegenheit des persönliches Charakters.
In der Reformationszeit war die Situation ganz anders. In jener Zeit machten sich die Regierenden tatsächlich vieler Tötungen schuldig; und wer ein solches Amt übernahm, musste damit rechnen, an religiösen Verfolgungen mitwirken zu müssen. Deshalb ist es verständlich, dass viele Täufer jede Mitwirkung in der Politik und Regierung ablehnten.
Sie weigerten sich auch, Eide zu schwören, gemäss Matthäus 5,33-37. Somit wären sie zu vielen Regierungsstellen gar nicht zugelassen worden, selbst wenn sie es gewünscht hätten. Andererseits zeigte diese Haltung an sich in späteren Jahrhunderten einen politischen Einfluss: Viele Regierungsstellen in Gegenden mit starkem täuferischem Einfluss, z.B. in der Schweiz, akzeptieren heute ein Gelübde (Versprechen) anstelle eines Eides, und anerkennen damit die Freiheit, aus Gewissensgründen den Eid abzulehnen.

Fast alle täuferischen Gruppen lehrten auch die Notwendigkeit, sich von der Welt abzusondern und ein heiliges Leben zu führen, gemäss Hebräer 12:14-16: „Strebt nach dem Frieden mit allen, und nach der Heiligkeit, ohne die niemand den Herrn sehen wird…“ Dadurch unterschieden sie sich von den Reformierten – insbesondere von den Lutheranern -, welche die Erlösung „allein aus Glauben, ohne Werke“ betonten. (Diese reformierte Lehre ist an sich richtig; aber bald wurde sie in eine „billigen Gnade“ verkehrt, wie Jahrhunderte später der lutherische Theologe Dietrich Bonhoeffer klagte.) Deshalb warfen die Reformierten den Täufern manchmal vor, sie wollten zu einer katholischen Werkgerechtigkeit zurückkehren. Die Täufer antworteten, dass sie das heilige Leben nicht als ein Mittel zum Erwerb des Heils ansahen, sondern als eine notwendige Konsequenz und Frucht der Bekehrung; und da die Reformierten mehrheitlich diese Frucht nicht zeigten, müsse bezweifelt werden, ob sie wirkliche Christen seien. So schreibt z.B. Menno Simons:

„Alle die dies für gewiss und wahrhaftig in ihren Herzen glauben können, und sind durch Gottes Wort in ihren Herzen und Geist versiegelt, die werden an dem innerlichen Menschen verändert, empfangen die Furcht und Liebe des Herrn, gebären aus ihrem Glauben, Gerechtigkeit, Frucht, Kraft, ein unsträfliches Leben und ein neues Wesen, wie Paulus sagt, nämlich, mit dem Herzen glaubt man zur Gerechtigkeit. Durch den Glauben, sagt Petrus, reinigt Gott unsere Herzen. Und also folgen die Früchte der Gerechtigkeit stets aus einem aufrichtigen, ungefälschten, frommen Christen Glauben. Habt darauf acht. (…)
Alle, sage ich, die dieses in ihrem Herzen mit Bestimmtheit glauben, werden sicherlich vor aller Ungerechtigkeit fliehen wie vor dem Zahn der Schlange, sie wenden sich von allen Sünden ab, und scheuen sie viel mehr als ein brennendes Feuer oder ein schneidendes Schwert (…)“
(In: „Von dem wahren christlichen Glauben“.)

Und:
„Die Lutherischen lehren und glauben, dass uns der Glaube allein selig mache, auch ohne irgend welches Zutun der Werke. Diese Lehren halten sie mit solcher Strenge aufrecht, als ob Werke ganz und gar unnötig wären; ja, als ob der Glaube von solcher Art und Natur sei, dass er keine Werke neben sich zulassen oder leiden könne. Und darum muss auch Jacobi hochwichtiger, ernster Brief (weil er eine solche leichtfertige, eitle Lehre und solchen Glauben straft) als strohern von ihnen angesehen und erachtet werden. O stolze Torheit! (Menno bezieht sich hier auf eine Bemerkung Luthers, der den Jakobusbrief eine „stroherne Epistel“ nannte.)
Ein jeder sehe wohl zu, wie und was er lehrt; denn gerade mit dieser Lehre haben sie das unbedachte, dumme Volk gross und klein, Bürger und gemeinen Mann, in ein solches fruchtloses, wildes Leben geführt und so weit den Zaum gelassen, dass man unter den Türken und Tartaren (vermute ich) kaum ein so gottloses, greuliches Leben, wie das ihre ist, finden könnte. Die offenbare Tat gibt Zeugnis; denn das überflüssige Essen und Trinken, die übermässige Pracht und Hoffart, das Huren, Lügen, Betrügen, Fluchen, Schwören bei des Herrn Wunden, Sakramenten und Leiden, das Blutvergiessen und Fechten etc., welches leider bei vielen von ihnen gefunden wird, hat weder Mass noch Ende. Lehrer und Jünger handeln in vielen fleischlichen Dingen einer wie der andere, wie man sehen kann.“
(In: „Von dem lutherischen Glauben“.)

Um das heilige Leben der Brüder zu bewahren, wandten viele Gemeinden eine strenge Gemeindezucht an. Aber im Unterschied zu den Katholischen und Reformierten, und aufgrund von Matthäus 18,15-17, wurde diese Gemeindezucht nicht durch eine autoritäre Leiterschaft auferlegt. Im Gegenteil, jeder Bruder hatte das Recht und die Pflicht, seine Mitbrüder zurechtzuweisen, wenn sie in Sünde lebten.

Die Hutterer pflegten auch die Gütergemeinschaft nach dem Vorbild der Urgemeinde (Apostelgeschichte 2,44), aber die übrigen Täufer hatten diese Praxis nicht.

In der Organisation der Gemeinde behielten die Täufer weiterhin das Pfarramt bei, in der Tradition der katholischen und reformierten Kirche. D.h. sie gelangten nicht zu einer pluralen Leiterschaft von Ältesten wie in der frühen Kirche, und auch nicht zu einer konsequenten Praxis des allgemeinen Priestertums in der gegenseitigen Auferbauung unter Mitwirkung aller Gemeindeglieder gemäss 1.Kor.14,26. Ihre „Pastoren“ waren vorwiegend „Prediger“, genau wie in den reformierten Kirchen. In diesem Punkt blieb auch die Reformation der Täufer unvollendet.

Aber in allen übrigen Belangen waren die Täufer die konsequenteste Gruppe ihrer Zeit, was die Rückkehr zur frühen Kirche angeht. Keine andere Gruppierung jener Zeit folgte so treu dem Wort Gottes als oberste Autorität der Kirche. Obwohl Luther, Zwingli und Calvin in der Theorie dieses selbe Prinzip lehrten, vermischten sie doch in der Praxis die Leiterschaft der Kirche mit der weltlichen Regierung. So sahen sie sich ständig gezwungen, mit den Mächten dieser Welt Kompromisse zu schliessen, und deshalb konnten sie in ihren Reformen nicht völlig konsequent sein.

Als Folge ihres Glaubens waren die Täufer auch die meistverfolgte Gruppierung jener Zeit. An ihnen erfüllten sich die Worte von Paulus:

„Denn wie ich denke, hat Gott uns, die Apostel, als die Geringsten hingestellt, wie zum Tod Verurteilte; denn wir sind ein Schauspiel geworden vor der Welt, den Engeln und den Menschen. (…) Bis zu dieser Stunde leiden wir Hunger und Durst und Blösse, werden wir geschlagen, und haben keine feste Wohnstatt. Wir mühen uns ab mit unserer eigenen Hände Arbeit; wir werden verflucht, und wir segnen; wir werden verfolgt, und ertragen es; wir werden verleumdet, und beten; wir sind bis jetzt wie der Kehricht der Welt geworden, ein Abschaum aller.“ (1. Korinther 4,9-13).

Gott dienen ohne Namen, ohne „Dienst“, ohne Anerkennung

15. September 2012

Dies ist ein ziemlich persönlicher Artikel. Ich schreibe ihn nach sieben Jahren „Gemeindelosigkeit“, d.h. sieben Jahre ausserhalb der traditionellen Institutionen, die gewöhnlich mit dem „Christentum“ verbunden werden; sieben Jahre in der „Wüste“.

Mein Ausstieg aus den institutionellen Kirchen war nicht vorgeplant. Er begann mit einer Notsituation: Wir mussten entdecken, dass die Sicherheit unserer damals noch kleinen Kinder nicht mehr gewährleistet war an der evangelikalen Institution, wo wir damals als Familie lebten und arbeiteten; und die Leiter der Institution und der Denomination hatten keinerlei Interesse daran, uns in dieser Situation zu helfen oder zu schützen oder auch nur eine Untersuchung in die Wege zu leiten. Deshalb mussten wir jenen Ort fluchtartig verlassen, ohne zu wissen, wohin wir gehen würden, was wir arbeiten würden oder wovon wir leben würden.

Während einer Fastenretraite als Familie zeigte der Herr uns klar, dass nicht nur unsere Zeit an jener Institution zu Ende ging, sondern unsere Zeit im traditionellen evangelikalen Kirchensystem überhaupt. Nicht nur aufgrund der Geschehnisse in jener Institution, die uns schliesslich zum Ausstieg nötigten, sondern auch weil wir schon zuvor verschiedene Unvereinbarkeiten zwischen dem gegenwärtigen Kirchensystem und dem neutestamentlichen Christentum beobachtet hatten. (Verschiedene Artikel in diesem Blog behandeln dieses Thema.)

Es war gar nicht einfach, dieses Wort zu akzeptieren. Wir fühlten uns keineswegs als „Revolutionäre, die alles umstürzen wollen, um ihr eigenes System aufzurichten“ (wie wir von einigen Kirchenleitern dargestellt wurden). Im Gegenteil, wir fühlten uns wie Waisenkinder, die soeben am selben Tag Vater und Mutter verloren hatten. Dieses Gemeindesystem, das während so vielen Jahren unser Arbeitsort, unsere geistliche Familie und unsere gesellschaftliche Umgebung gewesen war, bot uns kein geistliches Leben mehr. Fast von einem Tag auf den anderen erwies sich dieses System als unfruchtbar, leer, feindlich gesinnt – tot. Während manchen Monaten trugen wir einfach nur Trauer um diese toten Kirchen. Damit begann unsere Wüstenwanderung.

Während der ersten Jahre hatten wir noch recht viele Kontakte zu Freunden innerhalb der Kirchen, und besuchten verschiedene Kirchen – einige, weil sich Freunde von uns dort versammelten; andere, weil sie uns noch einluden zu lehren, trotz all der bösen Dinge, die die Leiter über uns verbreiteten. Während dieser Kirchenbesuche hegten wir jedesmal insgeheim die Hoffnung, vielleicht einige Geschwister zu finden, die den Wunsch nach echter persönlicher geistlicher Gemeinschaft hätten, oder nach einer echten Erweckung und geistlichem Leben. Aber unsere Hoffnungen wurden jedesmal enttäuscht. Regelmässig gingen wir deprimiert und mit einem leeren Gefühl von diesen Anlässen nach Hause: routinemässige Programme; lächelnde, aber leere Gesichter; die Erfüllung einer institutionellen Pflicht – damit scheint sich der Durchschnittschrist zufriedenzugeben.

So hörten wir auf, Kirchen zu besuchen. Es blieben einige wenige Kontakte zu Glaubensgeschwistern, die sich auf einer ähnlichen Wüstenwanderung befanden wie wir selbst. Einige von ihnen besuchten weiterhin eine institutionelle Gemeinde, aber sie waren sich bewusst, dass ihr geistliches Leben nicht dort angesiedelt war, sondern in ihrer persönlichen Gemeinschaft mit Gott im stillen Kämmerlein, und vielleicht in einem unscheinbaren Dienst, den sie aus persönlicher Hingabe an den Willen Gottes erfüllten, ohne jede Unterstützung oder „Abdeckung“ durch die Gemeinde.

Wir sind dankbar für diese wenigen Kontakte, die Gott uns gab, und für jene wenigen treuen Geschwister, die uns weiterhin unterstützten und unterstützen, auch nachdem alle Verbindungen zu den organisierten Kirchen zerrissen waren. Aber diese Kontakte waren (und sind) nur sporadisch; unser Weg war und ist weiterhin ein sehr einsamer Weg.

So reduzierte sich unser christliches Leben auf das Allerwesentlichste, und auf den kleinstmöglichen Kreis: unsere persönliche Gemeinschaft mit Gott im Gebet und Bibellesen; die Gemeinschaft zwischen uns als Ehepaar und Familie; und der Dienst für Gott in den kleinen Angelegenheiten des Alltags.

Und wir fanden, dass es tatsächlich diese kleinen Dinge sind, auf die das Neue Testament Gewicht legt: Da lesen wir wenig oder nichts davon, Institutionen und Anlässe zu organisieren, ein „effizientes Management“ zu haben, oder die neusten „evangelistischen Strategien“ einzusetzen. Aber wir lesen viel über unsere Gemeinschaft mit Gott und untereinander, und darüber, Gott treu zu sein im täglichen Leben.

Ich kannte einen Pfarrer, der mir sagte: „Ich ziehe es vor, dass die jungen Leute meiner Kirche nicht zuviel Zeit bei mir zuhause verbringen. Sie könnten da einige Dinge sehen, die sie schockieren, und sie haben noch nicht die nötige Reife, damit umzugehen.“ – Jener Pfarrer nahm sein öffentliches Image sehr wichtig und träumte von mächtigen Institutionen, die grosse evangelistische, soziale und politische Wirksamkeit hätten (obwohl sich sehr wenig davon verwirklichte). Aber er fühlte sich unwohl angesichts der Möglichkeit, dass ihn einige „gewöhnliche Gemeindeglieder“ allzu nahe kennenlernen könnten, in seinem eigenen Heim und im Kreis seiner eigenen Familie.

Ich glaube, da liegt genau der Kern dessen, was schiefgeht im institutionellen und pfarrerzentrierten System der traditionellen Kirchen. Organisation, Leiterschaft, Anlässe und Image werden betont; aber die persönliche Echtheit geht verloren. Damit befindet sich dieses System auf dem Weg in Richtung dessen, was Jesus von den Schriftgelehrten und Pharisäern sagt: „… denn ihr reinigt das Äussere des Bechers und des Tellers, aber inwendig seid ihr voll von Raub und Ungerechtigkeit.“ (Matth.23,25)

Persönlich haben meine Frau und ich immer gespürt, dass unser Leben bereichert wurde durch die Menschen, die über kürzere oder längere Zeit mit uns zusammenlebten – von einigen Tagen bis zu mehreren Jahren. Und es waren auch diese Personen, in denen wir das meiste geistliche Wachstum gesehen haben. Tatsächlich glaube ich, dass dies die einzige wirksame Form des „Betreuens“ bzw. der „Jüngerschaft“ ist: das Leben miteinander zu teilen. Die anderen Dinge, die normalerweise als „pastorale Betreuung“ angesehen werden – eine kirchliche Organisation verwalten, predigen oder Bibelunterricht geben, Befehle erteilen, Seelsorgegespräche führen ohne nähere persönliche Beziehung – sind sehr künstlich und bringen wenig geistliches Wachstum hervor; und ausserdem ermöglichen sie es dem Pfarrer, seine wirkliche Persönlichkeit hinter einer professionellen Maske versteckt zu halten.

Das Leben miteinander zu teilen, ist natürlich eine grosse Herausforderung. Man reibt sich aneinander; wir können den Anschein des „professionellen Christen“ nicht aufrechterhalten; die Menschen sehen uns nicht immer lächelnd, sondern auch manchmal erschöpft, schlechtgelaunt, unkontrolliert… und so können wir die fiktive „Hirte-Schafe-Beziehung“ nicht aufrechterhalten. Wir (als Leiter) erkennen, dass wir selber auch geistliches Wachstum nötig haben. Wir müssen gezwungenermassen anerkennen: „Einer ist euer Meister, der Christus; und ihr alle seid Geschwister“ (Matth.23,8). Im Herrn gibt es nicht „Hirten“ („Pastoren“) und „Schafe“: es gibt einen einzigen Hirten (Jesus), und wir Christen sind alle seine Schafe. Einige Geschwister sind reifer als andere und verdienen es deshalb ernster genommen zu werden; aber wir alle (soweit wir zu Christus gehören) sind Geschwister, die einander gegenseitig helfen zu wachsen. In der neutestamentlichen Gemeinde gibt es nicht „Geistliche“ einerseits und „Laien“ andererseits.

(Eine Anmerkung hier: Ich habe früher auch in christlichen Wohngemeinschaften junger Erwachsener gewohnt, da kann man ähnliche Erfahrungen machen. Aus meiner Erfahrung würde ich aber von solchen Wohngemeinschaften eher abraten: es fehlt dort der tragende „Kern“, der aus einer Familie bzw. einem Ehepaar reifer Christen besteht. Nach Gottes Willen ist die Familie der Kern, aus dem die weiterreichende Gemeinschaft herauswächst. Auch die biblische Ältestenschaft wächst aus der Familiengemeinschaft heraus; siehe 1 Tim.3,4-5.)

Deshalb haben wir als Familie in den letzten sieben Jahren davon abgesehen, uns einen „Namen“ zu geben, einen „Dienst“ zu gründen oder ein „Amt“ einzunehmen. Wir entschieden uns, täglich Gott zu suchen und die kleinen Dinge zu tun, die er uns zeigen würde. Eines Tages stach uns dieser kleine Vers in die Augen:

„Alles was dir vor die Hände kommt, das tu nach deiner Kraft…“
(Prediger 9,10)

Diese Worte sind seither unser Leitvers gewesen. Wir sahen die Kinder einer Nachbarfamilie allein, ohne dass jemand zu ihnen sah: so anerboten wir uns, sie zu hüten. Wir erfuhren, dass ein armer Nachbar krank war: so besuchten wir ihn, beteten für ihn und besorgten Medizin für ihn. Die Grossmutter von Nachbarskindern war gestorben: so gingen wir die Kinder und ihre Eltern trösten, und sprachen zu ihnen von Gott, der ewiges Leben anbietet. Wir haben ein offenes Haus für alle, die uns kennen, und besonders für die Kinder.

Während dieser Zeit erlebten wir eine unerwartete Freiheit, mit ungläubigen Nachbarn und Verwandten über unseren Glauben zu sprechen. Erst da wurde mir bewusst, dass mein christliches Zeugnis vorher immer unter dem Gewicht einer „geheimen Agenda“ gelitten hatte: Ich muss Mitglieder für „meine“ Gemeinde gewinnen. Ich muss „Punkte gewinnen“ vor den Leuten, die mich bewundern und unterstützen, und vor meinen Leitern. Ich muss „Erfolg“ haben. – Jetzt muss ich für niemanden mehr Mitglieder gewinnen. Ich darf einfach ein Mitarbeiter des Herrn sein, bereit dazu, seiner Stimme zu folgen; aber die Ergebnisse sind seine Sache, nicht meine. Er ist es, der seine Gemeinde baut; nicht ich muss „meine“ Gemeinde bauen.

Auf diese Weise dauert es wohl länger, bis jemand sich bekehrt. Es ist nicht einfach, Geduld zu haben, bis der Herr mit seinem Heiligen Geist Überführung von der Sünde wirkt. Es ist viel einfacher, grosse Versammlungen zu organisieren mit viel Werbung und Manipulation, und hundert Menschen ein Übergabegebet nachsprechen zu lassen. Aber unter diesen hundert ist möglicherweise nicht einer, der sich wirklich und von Herzen bekehrt. Ich ziehe es vor, mit einigen wenigen echten Christen Gemeinschaft zu haben, als einer grossen Kirche voller Namenschristen vorzustehen.

Während all dieser Zeit stellten wir uns nie als „Pastoren“, „Lehrer“ o.ä. vor. Wenn jemand nach unserer Religion fragt, dann sagen wir, dass wir keiner Religion oder „Kirche“ (im Sinne einer religiösen Institution) angehören, aber dass wir Christen sind, Nachfolger von Jesus Christus. Wir glauben, dass echte geistliche Autorität darauf beruht, wer wir sind; nicht auf einem Titel oder einer Leiterschaftsstellung. Deshalb sagen wir: Wenn wir echte geistliche Autorität haben, dann werden die Menschen das von selber merken aufgrund dessen, was sie in uns sehen; und wenn sie nichts sehen in uns, dann wissen wir, dass wir keine Autorität haben und noch viel mehr Gott suchen müssen.

Unter den vielen kleinen Dingen, die wir tun, hat sich während der letzten Jahre als Haupttätigkeit die Hausaufgabenhilfe (und z.T. Familienberatung) für Kinder bzw. Familien der Nachbarschaft herauskristallisiert. Schon nach den ersten Nachmittagen, als wir einigen Kindern halfen, begannen sie uns „Lehrer“ bzw. „Lehrerin“ zu nennen und andere Kinder mitzubringen. Dann begannen auch Eltern zu kommen, die um Hilfe für ihre Kinder baten. So bestätigte sich, dass die Menschen uns tatsächlich als das anerkennen, was wir sind und was wir gut tun – in Kürze, für unsere „Früchte“ -, nicht für Titel oder Stellungen, die wir innehaben könnten. (Ein „Lehrer“ z.B. ist nicht der, der ein Lehrerdiplom hat, sondern der, der anderen tatsächlich etwas beibringt und sie in ihrem Verständnis weiterbringt.)

Alle diese Tätigkeiten waren immer integraler Bestandteil unseres Familienlebens. Auch als die Zahl der Kinder zunahm, versuchten wir unserer Arbeit so weit wie möglich keinerlei „schulische“ Strukturen aufzuerlegen (obwohl einige Kinder und Eltern uns „Akademie“ nennen, wie hierzulande solche ausserschulischen Bildungsangebote genannt werden). (Siehe dazu: „Sie sehnen sich nach Familie …“)
Wir haben zwar jeweils eine „Kreiszeit“ zusammen, während der wir z.B. einige Lieder singen, eine biblische Geschichte hören oder lesen, manchmal zusammen spielen, und manchmal Dinge besprechen, die mit allen besprochen werden müssen – aber das ist nicht so verschieden von der Art, wie wir schon immer unsere Familienandacht hielten. Im übrigen teilen wir unser Familienleben, unser Wohnzimmer, und oft auch unseren Mittagstisch mit den Kindern; und wir möchten ganz einfach authentisch sein. Alle schulische oder geistliche Hilfe, die wir ihnen bieten können, fliesst aus diesem Familienleben.

Wenn ich das jetzt mit dem Neuen Testament und mit der jüdischen Kultur vergleiche, dann glaube ich, dass wir tatsächlich ein wesentliches Element des Urchristentums wiederentdeckt haben: Alles geistliche Leben und alle Gemeinschaft konzentrierte sich auf das Heim und entsprang der Familie. Die ersten Christen hatten weder institutionelle Namen noch Organigramme; sie identifizierten sich einfach als „das Haus (=die Familie) von Soundso“, oder wenn ihre Zahl grösser wurde, „die Gemeinde im Haus von Soundso“. Das Volk Israel war immer nach Stämmen, Sippen und Familien organisiert; und das wichtigste jüdische Fest, das Passah (von dem das christliche Abendmahl herstammt), wird in den Familien gefeiert.

Wir hoffen, dass der Herr uns behüten möge, sodass wir auf diesem Weg bleiben, auch wenn diese Arbeit eines Tages grössere Ergebnisse zeitigen sollte. Die Wüste ist ein schwieriger Ort, aber der Erfolg und die Bekanntheit können noch grössere Versuchungen bergen.

Die Haltung Davids gegenüber Saul: ein Beispiel bedingungsloser Unterordnung?

21. Juli 2012

Die biblische Geschichte von Saul und David wird oft von institutionellen religiösen Leitern dazu benutzt, den Christen zu sagen, sie müssten sich ihrem Leiter unterordnen, selbst wenn dieser im Irrtum ist. Die meistzitierten Stellen in diesem Zusammenhang sind die zwei Begebenheiten, wo David die Möglichkeit gehabt hätte, Saul zu töten, aber sich dazu entschied, ihn zu verschonen (1. Samuel Kapitel 24 und 26). David sagte: „Da sei Gott vor! Nie werde ich meinem Gebieter, dem Gesalbten des Herrn, das antun, dass ich Hand an ihn legte; denn er ist der Gesalbte des Herrn.“ (1.Sam.24,7) Und: „Wer könnte Hand an den Gesalbten des Herrn legen und bliebe ungestraft?“ (1.Sam.26,9).

Von daher sagen diese Leiter: „David ordnete sich Saul unter, obwohl Saul schlecht handelte. So müssen sich auch die Christen ihren Leitern unterordnen, selbst wenn diese im Irrtum sind oder sündigen.“ Und ebenso: „Man darf einen Leiter nie kritisieren, denn das bedeutete, an den Gesalbten des Herrn Hand anzulegen.“

Entspricht diese Auslegung dem Inhalt und der Lehre der erwähnten biblischen Geschichten?

Erinnern wir uns, dass David ein Diener Sauls war. Aber als er verstand, dass Saul ihn töten wollte, floh er zu Samuel (1.Sam.19,11-19). Da er im Dienst Sauls stand, hatte er kein Recht, davonzulaufen! – Nach diesem blieb David vorsätzlich dreimal dem königlichen Bankett fern, an dem er hätte teilnehmen sollen. (1.Sam.20,5-7, 24-30). Das würde bereits als eine höchst „rebellische“ Haltung eingestuft von manchen heutigen „Pastoren“, die von ihren Dienern (Mitarbeitern) verlangen, dass sie an allen Gemeindeveranstaltungen teilnehmen.

Erinnern wir uns auch, dass David in den Augen Sauls eindeutig ein Rebell war. Andernfalls hätte er ihn nicht verfolgt. (Andere Personen sahen den Fall ebenso. Nabal z.B. nannte David „einen Knecht, der seinem Herrn davonlief“, 1.Sam.25,10.) Auch nachdem David sein Leben verschont hatte, betrachtete Saul dies offenbar noch nicht als ein genügendes Zeichen seiner Unterordnung, und verfolgte ihn wiederum. Beim zweiten Mal sagte Saul zu David, er solle mit ihm zurückkehren, und versprach ihm, ihm kein Leid mehr anzutun (1.Sam.26,21). Aber David ging nicht mit Saul zurück. Auch in diesem Fall gehorchte er also Saul nicht.
Dennoch geht aus der ganzen Geschichte klar hervor, dass Gott auf der Seite des rebellischen David stand, entgegen „seinem Gesalbten“ Saul.

Sehen wir jetzt, was die Worte bedeuten, „Hand an den Gesalbten des Herrn zu legen“. Es ging darum, dass die Männer Davids ihm anrieten, Saul zu töten. Aber gewisse heutige „Pastoren“ ertragen es nicht einmal, dass jemand sie mit Worten kritisiert: sofort beklagen sie sich, man versuche, „Hand an den Gesalbten des Herrn zu legen“. Zwischen Kritisieren und Töten besteht ein himmelweiter Unterschied!
David kritisierte Saul sehr wohl, und das in aller Öffentlichkeit: „Warum hörst du auf das Gerede der Leute, die da sagen: ‚Siehe, David sinnt auf dein Verderben‘? … Wen verfolgt doch der König von Israel? wem jagst du nach? Einem toten Hund! einem Floh! So sei der Herr Richter und entscheide zwischen mir und dir; er sehe zu und führe meine Sache und schaffe mir Recht gegen dich!“ (1.Sam.24,9.14-15)
Dem Beispiel Davids folgend, haben wir also alles Recht dazu, einen Leiter zu kritisieren, der schlecht handelt. Und wir haben auch das Recht, einem solchen Leiter ungehorsam zu sein, wenn ihm zu gehorchen bedeuten würde, eine Sünde zu begehen oder Schaden zu erleiden.

Ein letzter Aspekt: Wenn ein Leiter seinen Nachfolgern die „Unterordnung“ Davids als Beispiel vorhält, mit wem vergleicht sich dann dieser Leiter selber? Offensichtlich mit Saul, dem Verfolger, dem König, der selber in Ungehorsam gegen Gott lebte. Dieser selbe Saul verleumdete David und seinen eigenen Sohn, und verdrehte die Tatsachen, als er zu seinen Dienern sagte: „… dass ihr euch alle gegen mich verschworen habt und niemand es mir offenbarte, als mein Sohn sich mit dem Sohne Isais verbündete, und dass niemand unter euch Mitleid mit mir hatte und es mir offenbarte, dass mein Sohn meinen Knecht angestiftet hat, mir nachzustellen, wie es jetzt am Tage ist?“ (1.Sam.22,8)
So stellte Saul sich selber als Opfer dar und David als den Angreifer, während es in Wirklichkeit genau umgekehrt war. So machen es auch viele dieser missbraucherischen Leiter: Wenn jemand sich beklagt, weil er von ihnen schlecht behandelt wurde, oder wenn jemand sie zurechtweist wegen einer Sünde, die sie begangen haben, dann sagen sie, sie seien Opfer einer „Verschwörung“ des „Murrens“, und verlangen, dass der „Rebell“ zensuriert werde, oder sie rufen die Strafe Gottes auf ihn herab und schliessen ihn aus.

Weit davon entfernt, ein Beispiel bedingungsloser Unterordnung darzustellen, lehrt uns die Geschichte von Saul und David vielmehr manches über das Verhalten von Leitern, die geistlichen (und anderen) Missbrauch begehen, und über das Leiden der Opfer solcher Leiter. Das Beispiel Davids zeigt uns dabei, was solchen Leitern gegenüber getan werden soll oder kann:
– Sich von ihnen fernhalten.
– Wenn nötig ihre schlechten Handlungen konfrontieren, aber aus einer sicheren Distanz heraus.
– Die Sache Gott anheimstellen und vertrauen, dass er gerecht richten wird.
– Keine Rache gegen solche Leiter planen noch versuchen ihnen zu schaden; sich ihnen aber auch nicht unterordnen.
– Ihnen keinerlei Vertrauen schenken, auch dann nicht, wenn sie versprechen sich zu ändern und eine „Versöhnung“ anbieten. Ein „Saul“ ist durchaus imstande, Reue zu heucheln, nur um danach wieder seinen alten Wegen gemäss zu handeln. (Siehe auch 1.Sam.15,17-35).

Die Opfer von Leitern im Stil Sauls müssen viel leiden. Aber sie dürfen wissen, dass Gott auf ihrer Seite steht und sie wiederherstellen wird, wenn sie fortfahren, ihm zu vertrauen.

Das Neue Testament – „Amtliche Version“ (Teil 2)

31. März 2012

Andere Ausdrücke für „Diener“

Es gibt im Griechischen des Neuen Testamentes einige andere sinnverwandte Wörter für „Diener“. Eines davon ist „hypäretäs“, das u.a. für Synagogen-, Gerichts-, u.ä. „offizielle“ Diener gebraucht wird. In den beiden von mir hier verwendeten Übersetzungen ist dieses Wort an keiner Stelle „amtlich“ übersetzt worden; aber vielleicht gibt es andere Übersetzungen (so gesehen z.B. im Spanischen), die das tun.

Ein anderes solches Wort ist „leitourgós“. Davon abgeleitet ist „leitourgía“ (Dienst); ein Ausdruck, der im Neuen Testament vor allem für zweierlei Dinge verwendet wird: für finanzielle Dienstleistungen, und für den Dienst eines jüdischen Priesters nach der Ordnung des Alten Testaments. Von daher kommt unser Wort „Liturgie“. Hier fällt mir auf, dass dieses Wort seinen Ursprung im alttestamentlichen Priestertum hat, welches mit dem Kommen Jesu hinfällig geworden ist. Der neutestamentliche Gläubige braucht keinen Priester oder Mittler mehr, um sich Gott zu nähern, denn die Mittlerschaft von Jesus Christus genügt dazu völlig (1.Tim.2,5, Hebr.10,19-22). Andererseits ist jeder Christ ein Priester vor Gott (1.Petrus 2,5.9). Der ursprüngliche Sinn von „Liturgie“ bezieht sich also auf etwas, was wir als Christen gar nicht mehr nötig haben!

Luther übersetzt „leitourgía“ in Lukas 1,23 und Hebräer 8,6 mit „Amt“ (es geht hier um den alttestamentlichen Priesterdienst), während die Zürcher Übersetzung an diesen Stellen „Dienst“ sagt. In Hebräer 9,21 haben dagegen beide Übersetzungen „Gottesdienst“. (Was ist „Gottesdienst“? Eine rituelle Verrichtung, oder ein Leben im Gehorsam Gott gegenüber? Das Problem liegt hier nicht so sehr in der Übersetzung, als vielmehr in unserem heutigen (Miss-)Verständnis des Wortes „Gottesdienst“.)
– In Philipper 2,30 sagt Luther „dienen“ und in 2.Korinther 9,12 „Steuer“ (in diesen beiden Stellen geht es um finanzielle Hilfe); die Zürcher Bibel übersetzt in beiden Stellen „Dienstleistung“. – Ein besonderes Problem scheint den Übersetzern Philipper 2,17 gewesen zu sein: „Und wenn ich auch als Trankopfer ausgegossen werde über dem Opfer und Dienst (leitourgía) eures Glaubens, so freue ich mich und freue mich mit euch allen.“ Die Lutherübersetzung hat hier „Gottesdienst“ (statt einfach „Dienst“); die Zürcher Übersetzung sagt „priesterliche Darbringung“ (wohl aus der Überlegung heraus, dass „leitourgía“ in anderem Zusammenhang für den Priesterdienst verwendet wird). Aber diese Übersetzungen bringen bereits ein bestimmtes Vorverständnis über die Auslegung mit hinein. Natürlich ist diese Stelle nicht so einfach zu verstehen, weil Paulus hier neutestamentliches christliches Leben in alttestamentlichen Begriffen ausdrückt. Aber warum nicht diese Verständnis- und Auslegungsarbeit dem Leser überlassen, indem man einfach das neutrale Wort „Dienst“ als Übersetzung gebraucht? – Dasselbe gilt für die anderen angeführten Stellen.


Hierarchische Stellung, oder einfache Beschreibung einer Funktion?

Untersuchen wir jetzt einige Ausdrücke, die für spezifische „Ämter“ (Dienste) verwendet werden.

Beginnen wir mit dem „Bischof“ – ein Ausdruck, der bereits im zweiten Jahrhundert so gebraucht wurde, als handelte es sich um die „höchste Stufe in der kirchlichen Hierarchie“. „Bischof“ ist eine verballhornte Form des griechischen „epískopos“, was wörtlich „Aufseher“ bedeutet. Genauso wie „diákonos“, handelt es sich um einen Begriff, der ursprünglich kein bestimmtes „Amt“ bedeutete. Er bezeichnete einfach die Tätigkeit der Fürsorge und Wachsamkeit für andere. Es würde keineswegs schaden, „epískopos“ mit „Aufseher“, „Fürsorger“ o.ä. zu übersetzen, statt des künstlichen Wortes „Bischof“.
Dieses Wort kommt fünfmal im Neuen Testament vor (Apg.20,28, Phil.1,1, 1.Tim.3,2, Titus 1,7, 1.Petrus 2,25). Von diesen Stellen gibt uns jene in der Apostelgeschichte eine besondere Information: Paulus spricht hier zu den versammelten Ältesten von Ephesus (Apg.20,17), und zu ihnen sagt er, dass „euch der Heilige Geist gesetzt hat zu Bischöfen (Aufsehern)„. Somit ist „Bischof“ (Aufseher) kein „Amt“ für sich; es handelt sich einfach um eine der Funktionen der Ältesten.

Von „epískopos“ abgeleitet ist das Verb „episkopéo“ (Aufsicht üben; achtgeben). Es kommt zweimal vor im Neuen Testament: In 1.Petrus 5,2 wird es als eine Funktion der Ältesten genannt (Luther übersetzt „wohl zusehen“; während die Zürcher Übersetzung das Wort auslässt). Und in Hebräer 12,15 wird es als eine der Funktionen aller Mitglieder der christlichen Gemeinschaft genannt, und wird übersetzt mit „darauf sehen“ oder „zusehen“.

Dann gibt es noch das Wort „episkopé“ (Aufsicht), welches in diesem Sinn vorkommt in Apg.1,20 und 1.Tim.3,1. In der Timotheusstelle wird es einhellig als „Bischofsamt“ übersetzt (obwohl es sich in Wirklichkeit, wie wir gesehen haben, um eine der Funktionen der Ältesten handelt.) In der Apostelgeschichte, wo gesagt wird, jemand müsse die „episkopé“ des Judas übernehmen, sagt die Zürcher Übersetzung „Vorsteheramt“ (auch in Apg.20,28 und Phil.1,1 übersetzt diese Version „Vorsteher“, nicht „Bischof“). – Es gibt aber keinen Wortbestandteil in „episkopé“, der „Amt“ bedeutet. – Luther sagt dagegen in Apg.1,20 „Bistum“. (Was für einem „Bistum“ ist Judas vorgestanden??)
Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass „episkopé“ noch einen anderen Sinn hat, nämlich den der „Aufmerksamkeit“ Gottes oder seines Eingreifens. In diesem Sinn kommt das Wort in Lukas 19,44 und 1.Petrus 2,12 vor und wird normalerweise mit „Heimsuchung“ übersetzt.

Wenn wir nun zu dem Begriff des „Ältesten“ (presbýteros) kommen, so habe ich keine Probleme mit der Übersetzung. Wörtlich handelt es sich zwar um einen Komparativ („die Älteren“) – was bedeutet, dass in dem Fall, wo eine Gemeinde ausschliesslich aus Jugendlichen und jungen Erwachsenen besteht, die „Älteren“ weniger als dreissig Jahre alt sein könnten. Aber von mir aus gesehen macht es keinen grossen Unterschied, ob man „die Älteren“ oder „die Ältesten“ sagt. Es ist ein Begriff, der weitgehend seinen normalen Wortsinn beibehalten hat. „Alt“ oder „Ältester“ zu sein, ist keine hierarchische Stellung; es ist eine Anerkennung aufgrund der (v.a. geistlichen) Reife, die von den übrigen Geschwistern im Leben dieser Personen festgestellt wird.
Einige Gemeinden haben zwar auch die Funktion der Ältesten zu einem hierarchischen „Amt“ gemacht. Dabei sind in den meisten dieser Gemeinden die „Ältesten“ dem „Pastor“ untergeordnet, wodurch sie faktisch zu „Zweitältesten“ degradiert werden. Ein solches Zweistufenschema (Älteste-Pastor) ist in der Bibel nicht zu finden.
Ein kleines Problem habe ich mit der Übersetzung von 1.Timotheus 4,14, wo die Kollektivform „presbytérion“ (Gemeinschaft der Ältesten) vorkommt. Die Zürcher Übersetzung macht daraus einen „Rat der Ältesten“, was dem Begriff sofort einen Beigeschmack von „Amtlichkeit“ und „Parlamentssitzung“ gibt. Luther sagt dagegen schlicht – und richtiger – „unter Handauflegung der Ältesten„.
Es gibt Denominationen, die auch diesen Begriff in ihre eigene Sprache aufgenommen haben und die Behörde des „Presbyteriums“ eingeführt haben (so gibt es z.B. die „Presbyterianische Kirche“). Ich denke, deutschsprachige Leser werden schnell die Künstlichkeit dieses Begriffs erkennen.

Sehen wir uns jetzt das Wort an, das die Evangelischen bzw. Evangelikalen normalerweise für ihre Gemeindeleiter gebrauchen: „Pastor“ (oder davon abgeleitet „Pfarrer“).
Es handelt sich dabei um das Wort „Hirte“ auf lateinisch; im Griechischen des Neuen Testamentes heisst es „poimén“ und wird durchwegs richtig und natürlich mit „Hirte“ übersetzt. Auffallend ist jetzt aber, dass dieses Wort im Neuen Testament nur ein einziges Mal im Zusammenhang mit geistlichem Dienst vorkommt: in Epheser 4,11, fast am Ende einer Liste von fünf verschiedenen „Gaben zur Auferbauung der Heiligen“. Ausserdem kommt es in sieben neutestamentlichen Versen in seinem eigentlichen Sinn vor (Viehhirte); sowie in neun Versen, in denen sich Jesus selber mit einem Hirten vergleicht.
Natürlich hatten die Christen jener Zeit keinerlei „amtliche“ oder „hierarchische“ Vorstellung, wenn sie das Wort „Hirte“/“Pastor“ hörten! Sie hatten niemals einen gutgekleideten Mann auf einer Kanzel stehen sehen, der sich „Hirte“/“Pastor“ nennen liess. Die einzigen Hirten, die sie kannten, waren eben die Kuh- und Schafhirten ihrer ländlichen Umgebung. Wenn sich also Jesus mit einem Hirten verglich, dann war das ein Ausdruck äusserster Demut. Er verglich sich mit einer der einfachsten und ärmlichsten Tätigkeiten, die in seinem Umfeld ausgeübt wurden!

Es gibt ausserdem das abgeleitete Verb „poimaino“ (weiden; als Hirte hüten). Dieses Wort kommt zweimal in seinem eigentlichen Sinn vor (Vieh weiden), und fünfmal als Beschreibung von Jesus. Als Funktion in der christlichen Gemeinschaft kommt es an drei Stellen vor (Johannes 21,6, Apostelgeschichte 20,28, und 1.Petrus 5,2). In Johannes 21 handelt es sich um den Auftrag Jesu an Petrus. In der Apostelgeschichte und im 1.Petrusbrief geht es um eine Funktion der Ältesten. (In diesem Zusammenhang nennt sich auch Petrus selber im vorangehenden Vers „Ältester“.)
Der „Hirtendienst“ bzw. das „Pfarramt“ ist also, ebenso wie das „Bischofsamt“, in Wirklichkeit kein gesondertes „Amt“. Es ist einfach eine der Funktionen der Ältesten in der Gemeinde.

Dann gibt es noch ein griechisches Wort, das in verschiedenen Übersetzungen, und sogar an verschiedenen Stellen innerhalb derselben Übersetzung, ganz unterschiedlich wiedergegeben wird. Es erstaunt mich eigentlich, dass noch niemand auf die Idee gekommen ist, aus diesem Wort eine kirchlich-hierarchische „Amtsbezeichnung“ zu machen. Es handelt sich um das Wort „hägoúmenos“, das wörtlich „Führer“ oder „Leiter“ bedeutet. Von allen neutestamentlichen Begriffen ist das also derjenige, der unserem heutigen Konzept von „Leiterschaft“ am nächsten kommt.

Im Neuen Testament kommt „hägoumenos“ siebenmal vor. In Apostelgeschichte 7,10 wird es mit „Fürst“ bzw. „Regent“ übersetzt und bezieht sich auf die Regierungsstellung Josefs in Ägypten. In Matthäus 2,6 wird es mit „Herzog“ bzw. „Herrscher“ übersetzt und spricht von der Stellung des verheissenen Messias. In Lukas 22,26 spricht es von Leiterschaft im allgemeinen und wird mit „der Vornehmste“ bzw. „der Hochstehende“ übersetzt. In Apg.15,22 werden massgebende Männer in der christlichen Gemeinde und Reisebegleiter von Paulus und Barnabas so genannt. Die Zürcher Bibel übersetzt hier mit „führende Männer“; Luther – ziemlich unangebracht – mit „Lehrer“. Es ist interessant, dass das Neue Testament gerade hier, wo es um das Eigentliche von „Leiterschaft“ und Einfluss in der Gemeinde geht, keine spezifische „Amts-“ oder Funktionsbezeichnung gebraucht, sondern ein Wort, das eben nur gerade dies spezifisch ausdrückt: Leiterschaft.
Die meistzitierten (und am meisten missbrauchten) Stellen über „haegoúmenoi“ sind aber Hebräer 13,7 und 17 (und dazu am Rande noch Vers 24). Insbesondere Vers 17 wird oft als Begründung für die berühmt-berüchtigte Lehre von der „Unterordnung unter die Leiterschaft“ zitiert. Die Zürcher Bibel übersetzt hier mit „Vorsteher“, Luther wiederum mit „Lehrer“.
(Luther sah im Lehrdienst die wichtigste Aufgabe eines reformierten Pfarrers. Er hat damit leider das katholische Priester- und Sakramentssystem nicht wirklich überwunden, sondern ihm lediglich einen anderen Akzent gegeben. Er hat zwar dem Pfarrer seine priesterliche Mittlerfunktion genommen, die nur Jesus allein zukommt; aber dafür hat er ihm eine nicht weniger gefährliche andere Macht- und Monopolstellung verschafft: Er machte aus dem Pfarrer einen gelehrten Akademiker, der aufgrund seiner Studien über „geheimes Wissen“ verfügt, das gewöhnlichen Laien nicht zugänglich ist. „Wissensvermittlung“ ist aber nicht das Eigentliche am neutestamentlichen Lehrdienst, wie wir in der nächsten Folge sehen werden.)

Rechtfertigt nun Hebräer 13,17 den autoritären Leitungsstil, den allzuviele „Pastoren“ heutzutage ausüben? – Dieser Frage im Detail nachzugehen, würde hier zu weit führen. Ich hoffe mich ein anderes Mal damit befassen zu können. Hier nur stichwortartig drei Gründe, warum das nicht der Fall ist:

1. Dieser Vers identifiziert die „hägoúmenoi“ in keiner Weise mit den „Hirten“/“Pastoren“. Wir haben bereits gesehen, dass ein spezifisches „Pastorenamt“ (im heutigen Sinn) im Neuen Testament gar nicht existiert.
2. Die „hägoúmeoi“ werden in der Mehrzahl genannt; d.h. es gibt nicht nur einen einzigen von ihnen in der Gemeinde. Die Gemeinden im Neuen Testament wurden immer von einem Team von mehreren Leitern geleitet, nie von einem allein.
3. Die lehrreichste Stelle über die Rolle eines „hägoúmenos“ in der Gemeinde finden wir in Lukas 22,25-26. Da sagt Jesus, der Herr:

„Die Könige der Völker üben die Herrschaft über sie aus, und ihre Gewalthaber lassen sich Wohltäter nennen. Ihr dagegen nicht so! Sondern der Grösste unter euch soll werden wie der Jüngste, und der Hochstehende (=Leiter, hägoúmenos) wie der Dienende (diakonéo).“

In der christlichen Gemeinde darf sich also auch ein „hägoúmenos“ (Leiter) nicht anmassen, mehr zu sein als ein „diákonos“ (Diener). Er muss sogar umso mehr Diener werden, je wichtiger er sein möchte.

(Fortsetzung folgt)

Das Neue Testament – „Amtliche Version“

23. März 2012

Wenn ich über neutestamentliche Gemeinde sprechen will, stehe ich immer wieder vor dem Problem, dass die meisten unserer Bibelausgaben das Verständnis dieses Themas erschweren. Fast alle von uns haben sich angewöhnt, das Neue Testament in einer „amtlichen Version“ zu lesen. D.h. eine Übersetzung, die das gegenwärtige traditionelle Kirchenmodell voraussetzt, mit einem Pfarrer oder Pastor, der „predigt“, und vielen passiven Zuhörern, die dem Pastor folgen.

Da ich schon lange nicht mehr im deutschen Sprachraum lebe, habe ich keinen Überblick mehr über die deutschen Bibelübersetzungen. Ich nehme die Beispiele für diesen Artikel aus zwei älteren Versionen, die ich gerade zur Hand habe: die Lutherbibel in der Revision von 1912 und die Zürcher Bibel (Zwingli) in der Revision von 1931. Der Leser möge selber seine eigene Lieblingsübersetzung mit den folgenden Angaben zum Urtext vergleichen.

Im allgemeinen bin ich sehr für die älteren Bibelausgaben, da sie in der Regel noch näher am Urtext sind. Aber was das hier behandelte Thema betrifft, so sind diese – insbesondere die Lutherübersetzung, wie wir sehen werden – auch sehr „amtlich“, und verdunkeln damit den Sinn dessen, was die neutestamentliche Gemeinde wirklich war.

Das betrifft insbesondere das Wort „Amt“ selber. Woran denken wir zuerst, wenn wir z.B. vom „Predigtamt“ hören? An einen gutgekleideten „Pfarrer“ oder „Prediger“, der auf der Kanzel steht und über die Kirche regiert? Das vermittelt uns von Anfang an eine völlig verkehrte Vorstellung von der Gemeinde, die im Neuen Testament beschrieben wird. In Wirklichkeit existiert das Wort „Amt“ im Neuen Testament gar nicht! Wo es in den Übersetzungen vorkommt, steht im Urtext meistens eines von mehreren Wörtern, die schlicht „Dienst“ bedeuten und mit anderen Wörtern verwandt sind, die auch meistens mit „Diener“ übersetzt werden. Wären die „amtlichen Versionen“ konsequent, dann müssten sie statt von „Dienern Gottes“ von „Amtsträgern Gottes“ sprechen.

Vom Neuen Testament her gibt es aber keinerlei Grundlage, einen „Amtsträger“ über eine Gemeinde zu setzen und ihm Privilegien zu geben, die die „Laien“ nicht haben. Im Gegenteil: Wer „Amtsträger“ sein möchte, muss dazu bereit sein, die Stellung eines DIENERS einzunehmen.


„Amtsträger“, „Diakone“, oder „Diener“?

In der überwiegenden Mehrzahl der Stellen, wo in der Lutherübersetzung das Wort „Amt“ vorkommt, handelt es sich um die Übersetzung des griechischen Wortes „diakonía“. (Apg.1,17, 6,4, 20,24, 21,19, Röm.11,13, 12,7, 1.Kor.12,5, 2.Kor.3,7-9, 4,1, 5,18, 6,3, Kol.4,17, 1.Tim.1,12, 2 Tim.4,5.) Dieses selbe Wort wird aber an vielen anderen Stellen (richtigerweise) mit „Dienst“ oder „Dienen“ übersetzt (Lukas 10,40, Apg.1,25, Röm.15,31, 1.Kor.16,15, Eph.4.12, 2.Tim.4,11, Hebr.1,14, Offb.2,19); und in einer Reihe von weiteren Stellen (wo es in erster Linie um finanzielle Hilfeleistung geht) mit „Handreichung“ (Apg. 6,1, 11,29, 12,25, 2.Kor.8,4, 9,12).

Hier sehen wir bereits die Inkonsequenz der „amtlichen“ Bibelübersetzer. Ein und dasselbe griechische Wort, mit einem klaren und eindeutigen Sinn („Dienst“), wird willkürlich an einigen Stellen mit „Dienst“ und an anderen mit „Amt“ übersetzt. Diese Inkonsequenz kann nur einem einzigen Zweck dienen (amten?): das Image des „Amtsträgers“ auf seinem Podest zu halten, von den „Laien“ gesondert – während gleichzeitig versucht wird, den lächerlichen Eindruck zu vermeiden, der entstehen würde, wenn „diakonía“ konsequent mit „Amt“ übersetzt würde. So wie z.B. in den folgenden Stellen:

„In den Tagen aber, da der Jünger viele wurden, erhob sich ein Murmeln unter den Griechen wider die Hebräer, darum daß ihre Witwen übersehen wurden in dem täglichen Amt.“ (Apostelgeschichte 6,1)

„Aber unter den Jüngern beschloß ein jeglicher, nach dem er vermochte, zu senden ein Amt den Brüdern, die in Judäa wohnten … “ (Apostelgeschichte 11,29)

„Ich weiß deine Werke und deine Liebe und dein Amt und deinen Glauben und deine Geduld und daß du je länger, je mehr tust.“ (Offenbarung 2,19)

Offenbar zieht Luther die Übersetzung „Amt“ da vor, wo es um einen speziell „geistlichen“ Dienst geht wie z.B. Evangelisation, biblische Lehre, usw. Mit zwei bemerkenswerten Ausnahmen, wo die Lutherübersetzung trotzdem (richtigerweise) „Dienst“ sagt:

„daß einer empfange diesen Dienst und Apostelamt, davon Judas abgewichen ist, daß er hinginge an seinen Ort.“ (Apostelgeschichte 1,25)
– Hier hat die Wahl von „Dienst“ anscheinend stilistische Gründe, um die Redundanz „Amt und Apostelamt“ zu vermeiden. (Man müsste übrigens auch nicht „Apostelamt“ sagen; das entsprechende griechische Wort hat nichts „Amtliches“ an sich. Man könnte genausogut „Aposteltum“, „Aposteldienst“ o.ä. sagen; oder sogar einfach „Sendung“, denn „Apostel“ bedeutet „Gesandter“..)

„… daß die Heiligen zugerichtet werden zum Werk des Dienstes, dadurch der Leib Christi erbaut werde…“ (Epheser 4,12)
– Hier handelt es sich um eine interessante Abweichung vom „amtlichen Prinzip“. Im Unterschied zu den meisten anderen Stellen ist hier nicht die Rede von Aposteln, Predigern o.ä, die einen geistlichen Dienst haben, sondern von „Laien“, schlichten „Heiligen“. Offenbar kann die „amtliche“ Übersetzung sich nicht erlauben zu sagen, auch „Laien“ könnten ein geistliches „Amt“ haben, und gebraucht deshalb hier das Wort „Dienst“, obwohl es genauso um einen geistlichen Dienst geht wie in den vielen Stellen, wo dasselbe Wort mit „Amt“ übersetzt wird! – So wird der Bibelleser darüber hinweggetäuscht, dass wir in diesem Vers einen wichtigen Beleg dafür haben, dass nicht nur die im Vers zuvor genannten „Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer“, sondern eben auch die „Laien“ geistlich „dienen“ bzw. „amten“ können. Nur dass Erstere zusätzlich dazu noch die Aufgabe haben, Letztere für diese Aufgabe „zuzurichten“.

Die Zürcher Übersetzung ist in dieser Hinsicht viel weniger „amtlich“. Sie vermeidet grundsätzlich das Wort „Amt“, ausser in Zusammensetzungen wie „Apostelamt“, „Bischofsamt“ usw. (von letzterem werden wir später sprechen). Das Wort „diakonía“ wird in der Zürcher Übersetzung richtigerweise immer mit „Dienst“ oder verwandten Wörtern übersetzt.

Zu „diakonía“ gibt es das entsprechende Verb „diakonéo“ (dienen). Dieses Wort ist auch in der Lutherübersetzung fast überall richtigerweise mit „dienen“ oder einem verwandten Wort übersetzt. Mit Ausnahme von 1.Petrus 4,11:

„so jemand redet, daß er’s rede als Gottes Wort; so jemand ein Amt hat, daß er’s tue als aus dem Vermögen, das Gott darreicht …“

Diese Übersetzung ist besonders inkonsequent, wenn man in Betracht zieht, dass dasselbe Wort „diakonéo“ auch im vorhergehenden Vers vorkommt und dort richtig mit „dienen“ übersetzt wurde:

„Und dienet einander, ein jeglicher mit der Gabe, die er empfangen hat, als die guten Haushalter der mancherlei Gnade Gottes: …“ (worauf der oben zitierte Vers folgt).

Es gibt überhaupt keinen Grund, warum „diakonéo“ im Vers 10 mit „dienen“ übersetzt werden sollte, aber im Vers 11 (in genau demselben Zusammenhang) mit „ein Amt haben“. Ausser eben, man setzt fälschlicherweise voraus, dass die Gemeinde Jesu von „Amtsträgern“ regiert werden solle, und liest dann diese Vorstellung in den Bibeltext hinein.

Dann gibt es auch noch das Wort „diákonos“ (Diener). Dieses wird in der Lutherausgabe richtigerweise mit „Diener“ bzw. „Knecht“ übersetzt – auch wieder mit einer Ausnahme, nämlich in 2.Korinther 3,6, wo von „Dienern des Neuen Bundes“ die Rede ist und Luther stattdessen sagt: „…das Amt zu führen des Neuen Testaments“.
Englische und spanische Ausgaben übersetzen „diákonos“ an bestimmten Stellen gerne mit „Minister“, das klingt noch viel gehobener. Ich bin froh, dass wir im Deutschen wenigstens dieses Problem noch nicht haben …

Dafür gebraucht die Zürcher Übersetzung in 1.Timotheus 3,8 und 12 (interessanterweise und inkonsequenterweise aber nicht in Philipper 1,1) das Kunstwort „Diakon“ (einfach eine buchstäbliche Übertragung des griechischen „diákonos“ ins Deutsche). Damit wird der Eindruck erweckt, das Neue Testament kenne ein besonderes „kirchliches Amt“ des „Diakons“. Wenn ein „Amtsträger“ kein Diener sein will, dann ist es natürlich angenehm, einige andere Geschwister für gewisse Dienstleistungen anzustellen. Würde man diese aber einfach „Diener“ nennen, dann gäbe es wohl nicht allzuviele Freiwillige für diesen Posten. Würde man sie andererseits zu „Amtsträgern“ erheben, dann würde damit eine unwillkommene Konkurrenz zum Pfarrer geschaffen. So erfand man als Zwischenstufe den „Diakon“ (und einige Bibelausgaben nennen in Römer 16,1 Phöbe eine „Diakonisse“). Inzwischen gibt es „Diakone“ für alles mögliche: im evangelikalen Raum habe ich schon von „Zeltdiakonen“, „Baudiakonen“ u.ä. sprechen hören. (Wer gibt in der heutigen Zeit schon gerne zu, dass er unbezahlte „Diener“ anstellt? „Diakon“ klingt da viel besser.) – In Wirklichkeit aber bedeutet „Diakon“, wie wir gesehen haben, gar nichts anderes als „Diener“.

Ich glaube, dass es im Neuen Testament durchaus Christen gab, die sich durch besondere Dienstwilligkeit hervortaten und deshalb in einem besonderen Sinn als „Diener“ bezeichnet wurden; denn 1.Tim.3 spricht offenbar von einer besonderen Gruppe von Menschen innerhalb der Gemeinde. Ich sage nicht, es hätte keine Unterschiede zwischen den Funktionen der verschiedenen Gemeindeglieder gegeben. Warum aber gebrauchten sie das so gewöhnliche Wort „Diener“ als Bezeichnung? Erinnern wir uns, dass das Wort „diákonos“ im Griechischen des Neuen Testamentes nicht diesen „amtlichen“ oder „hierarchischen“ Beigeschmack hatte wie „Diakon“ im Deutschen. Sie nannten sich schlicht „Diener“ – wie auch Paulus selber sich einfach einen „Diener Gottes“ nannte. Es macht einen Unterschied, ob wir einen Begriff einfach als Bezeichnung für eine effektiv ausgeübte Funktion gebrauchen, oder ob wir daraus eine hierarchische Stellung machen.

(Fortsetzung folgt)

PS: Bei späterer Gelegenheit gedenke ich eine Vergleichstabelle anzufügen, welche die Übersetzungen der erwähnten „Amtsbegriffe“ miteinander und mit dem griechischen Text vergleicht.

Eine argentinische Zumutung

24. Mai 2011

Vor einiger Zeit fand ich im Internet einen Artikel eines (anscheinend) bekannten argentinischen Leiters, unter dem Titel: „Wie du mittels deiner Pastoren Gott ehren kannst!“ Zuerst dachte ich, es handelte sich um eine Satire – aber nein, es war alles todernst gemeint. Der Artikel begann so:

„Die Art, Gott zu ehren:

Den anderen vorzuziehen bedeutet: Wenn wir gleich sind, dass wir den anderen zuerst nach vorne lassen; und wenn zwei sich setzen sollen, aber es gibt nur einen Stuhl, dass wir den anderen sich setzen lassen.

Der Pastor, der Apostel, muss das beste Auto fahren, muss sich auf den besten Platz setzen. Das System hat uns gelehrt, diese Dinge als schlecht zu betrachten und uns selber vorzuziehen.

Aber jetzt kommt Gott mit der Ehre.

Gott möchte uns beibringen, Ehre zu erweisen, und es ist nötig, das zu lehren. Wenn Sie Leute haben, die Gott ehren, dann werden Sie Leute haben, die von Gott geehrt sind.

Es muss ein Unterschied gemacht werden mit jenen, die Träger der Salbung Gottes sind. (…) Dann wird die Salbung Gottes (auch) über Sie fallen.“

Etwas weiter unten heisst es:

„Du bist eine wichtige Person, du bist das Wichtigste, was es auf der Erde und in deiner Stadt gibt; und dein Pastor ist das wichtigste, was es in deinem Leben gibt. Denn wenn du lernst, ihn zu ehren, dann ehrst du Gott.“

(…)

„Möchtest du mehr Ehre erhalten? Dann werde nicht müde, deinem Pastor (Geld) zu geben, mache eine Gewohnheit daraus, gewöhne dich an den Wohlstand, und werde zu einem von Gott geehrten Menschen. – Wiederholen Sie: ‚Ich werde von Gott geehrt sein.'“

Der Leser möge mir verzeihen, dass ich die Quelle nicht angebe: ich tue das normalerweise nur bei positiven Beispielen. (Anmerkung zur Übersetzung: Die stilistischen Unebenheiten, wie z.B. die sprunghaften Wechsel von „Wir“ zu „Du“ zu „Sie“, habe ich möglichst originalgetreu übernommen. Nur da, wo die Übersetzung ganz unverständlich geworden wäre, habe ich Satzstrukturen etwas geglättet.)

Bei dem Autor dieser Zeilen handelt es sich offenbar nicht um den Anführer einer in irgendeinem Winkel versteckten Sekte, sondern um einen international bekannten evangelikalen Leiter. Das ist die Lehre, die heutzutage in der Mehrheit der evangelikalen Kirchen verbreitet wird: Der Pastor ist der spezielle „Gesalbte Gottes“, und der Weg zu Gott führt über ihn und nur über ihn. Man hat ausserdem noch einen persönlichen Vorteil davon, denn wer dem Pastor Geld gibt, bekommt von Gott noch mehr Geld zurück.

Im deutschen Sprachraum habe ich noch keine derart „starken“ Worte gehört. Der Sache nach habe ich aber diese falsche Lehre schon in vielen Gemeinden und Organisationen angetroffen: „Dich Gott unterzuordnen, bedeutet in erster Linie, dich deinem Leiter unterzuordnen.“ – „Gott spricht zu dir in erster Linie durch deine Leiter.“ – Oder auch: „Wer sich der Leiterschaft nicht unterordnet, verliert seine geistliche Abdeckung (bzw. den Schutz Gottes).“
Wenn deutschsprachige Pastoren sich noch nicht so extrem ausdrücken wie der zitierte Argentinier, dann liegt das m.E. nur daran, dass im deutschsprachigen Kulturkreis die Schmerzgrenze niedriger liegt für alles, was nach Diktatur riecht. Ein Pastor wird sich deshalb hüten, diese Schmerzgrenze zu überschreiten. Hier in Lateinamerika ist man sich eher an Diktaturen gewöhnt, und deshalb haben die hiesigen Pastoren auch weniger Hemmungen, in dieser Hinsicht offen zu sprechen.

Der Sinn dieser Veröffentlichung ist deshalb folgender: Die karikaturistische Überzeichnung einer Sache bringt oft Merkmale ans Licht, die in der Sache selbst bereits vorhanden sind, aber ohne die Überzeichnung nicht ohne weiteres erkannt würden. Der oben zitierte Artikel wirkt für deutschsprachige Leser sicherlich wie eine solche Überzeichnung. Er stellt aber dar, was viele deutschsprachige Gemeindeleiter im Kern auch lehren. Ich wünsche mir, dass viele Gemeindeglieder (und wer weiss, vielleicht sogar einige Leiter?) an diesem Beispiel erkennen mögen, auf was für Zustände ihre Gemeinde zusteuert, wenn sie solchen autoritären Lehren des geistlichen Missbrauchs weiterhin Raum gibt.

Pfarrherrliche Statussymbole habe ich sowohl in Europa wie in Lateinamerika zur Genüge gesehen. In einer Gemeinde waren die Büros der untergeordneten Pastoren klein und hatten einen gewöhnlichen Betonfussboden; das Vorzimmer des Hauptpastors hatte einen Spannteppich; und sein eigenes Büro war das grösste von allen und hatte einen dicken, flauschigen Teppich. In einer anderen Gemeinde wurde die Hierarchie durch die unterschiedliche Qualität der Bürostühle ausgedrückt: für den Stuhl des Hauptpastors war mehr Geld ausgegeben worden, als ich im Monat verdiene. Nur für einen Stuhl! – Wieder in einer anderen Gemeinde achtete der Hauptpastor streng darauf, dass er immer „standesgemäss“ angezogen war; d.h. dass ihn nie ein Gemeindeglied anders als in Anzug und Krawatte überraschen konnte; und dass er nie anders als mit „Herr Pfarrer“ angesprochen wurde.

Falls es jetzt tatsächlich jemanden geben sollte, der dies (oder andere Aspekte des zitierten Artikels) gut finden sollte, dann möchte ich nur kurz zitieren, was Jesus dazu sagt:

„Sie (die Pharisäer) lieben den obersten Platz bei den Mahlzeiten und den Vorsitz in den Synagogen und die Begrüssungen auf den Märkten und dass sie von den Leuten ‚Meister‘ genannt werden. Ihr dagegen sollt euch nicht ‚Meister‘ nennen lassen; denn einer ist euer Meister, ihr alle aber seid Brüder. Nennt auch niemanden auf Erden euren Vater; denn einer ist euer Vater, der himmlische. Auch sollt ihr euch nicht Lehrer nennen lassen;denn einer ist euer Lehrer, Christus. Wer aber unter euch grösser ist, soll euer Diener sein.“
(Matthäus 23:6-11)

„Sie, die die Häuser der Witwen aufzehren und dabei zum Schein lange Gebete sprechen, sie werden ein umso strengeres Gericht empfangen.“
(Markus 12,40)

Wenn das so empfangene Geld wenigstens zur Unterstützung bedürftiger Menschen oder zur Verkündigung des Evangeliums eingesetzt würde! Gegen eine legitime finanzielle Unterstützung echter Diener Gottes will ich gar nichts sagen. Aber nein, dieses Geld muss dazu dienen – wie im eingangs zitierten Artikel ganz offen und schamlos gesagt wird -, dass die „Pastoren/Apostel“ die besten Sitzplätze einnehmen und das beste Auto fahren können.

– Als die Apostel Petrus und Johannes vor den religiösen Leitern standen, sagten sie:

„Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“
(Apostelgeschichte 5,29)

Und der Apostel Paulus schreibt:

„Denn ich halte dafür, Gott habe uns, die Apostel, als die Geringsten hingestellt, wie zum Tode Verurteilte; denn ein Schauspiel sind wir der Welt geworden, sowohl Engeln als Menschen. Wir sind töricht um Christi willen, ihr aber seid klug in Christus; wir sind schwach, ihr aber stark; ihr seid geehrt, wir aber verachtet. Bis zur jetzigen Stunde leiden wir Hunger und Durst und Blösse und werden geschlagen und haben keinen festen Wohnsitz und mühen uns ab in der Arbeit mit unseren eigenen Händen. Werden wir geschmäht, so segnen wir; werden wir verfolgt, so dulden wir es; werden wir gelästert, so begütigen wir; wie Kehricht der Welt sind wir geworden, ein Abschaum aller bis jetzt.“
(1.Korinther 4,9-13)

Paulus tadelt sogar die Korinther dafür, dass sie missbraucherische Leiter (solche wie den Autor des eingangs zitierten Artikels) überhaupt aufgenommen hatten:

„Ihr ertragt ja gern die Toren, ihr, die ihr klug seid. Ihr ertragt es ja, wenn jemand euch knechtet, wenn jemand euch aufzehrt, wenn jemand euch einfängt, wenn jemand sich überhebt, wenn jemand euch ins Gesicht schlägt. Zur Schande sage ich es: dafür sind wir zu schwach gewesen.“
(2. Korinther 11,19-21)

Noch bedenklicher ist, dass diese falschen Leiter sich als Mittler zwischen Gott und den Menschen aufspielen. In der Reformationszeit wurde einst die grosse Wahrheit auf den Leuchter gestellt, dass jeder Christ seinen eigenen freien Zugang zum Thron Gottes hat, ohne auf das Dazwischentreten eines Priestertums angewiesen zu sein:

„Da wir nun einen grossen Hohenpriester haben, der durch die Himmel hindurchgeschritten ist, Jesus, den Sohn Gottes, (…) so lasst uns nun mit Zuversicht zum Thron der Gnade hinzutreten, damit wir Barmherzigkeit erlangen und Gnade finden zu rechtzeitiger Hilfe!“
(Hebräer 4,14.16)
„Denn einer ist Gott, und einer ist Mittler zwischen Gott und den Menschen, der Mensch Christus Jesus …“
(1.Timotheus 2,5)

Aber die heutigen Evangelikalen, die sich als Erben der Reformation ausgeben, kehren in dieser Hinsicht zu einem mittelalterlichen Katholizismus zurück, indem sie wieder ihre Priesterkaste auf den Thron erheben. Ja, noch schlimmer: diese neuen Priester nennen sich sogar „der Gesalbte Gottes“. „Gesalbter“ ist nichts anderes als die wörtliche Übersetzung des griechischen Wortes „Christus“. Da stehen also heute sterbliche Menschen auf der Kanzel und verkünden: „Ich bin der Christus Gottes; wenn du Gott ehren willst, musst du zuerst mich ehren!“ Tatsächlich erfüllt sich hier die Vorhersage Jesu:

„Denn es werden falsche Christusse und falsche Propheten auftreten und werden grosse Zeichen und Wunder vollbringen, sodass sie, wenn möglich, auch die Auserwählten irreführen. Siehe, ich habe es euch vorhergesagt.“
(Matthäus 24,24-25)

Wer Ohren hat zu hören, der höre!