Posts Tagged ‘Pazifisten’

DieTäufer – Teil 2: Der Glaube der Täufer

21. März 2013

Wie wir gesehen haben, waren die Täufer keine einheitliche Bewegung. Aufgrund ihres freiheitlichen Verständnisses hatten sie keine zentrale Organisation und kein einigendes Glaubensbekenntnis. (Sie formulierten zwar später verschiedene Glaubensartikel, die aber jeweils nur regionale Verbindlichkeit erhielten.) Deshalb konnten ihre Lehrüberzeugungen von einer Gruppe zur anderen variieren.

Natürlich hatten sie alle die reformierte Überzeugung gemeinsam, dass die Heilige Schrift die oberste Autorität im Leben eines Christen und in der Kirche ist. Einige Gruppen betonten zudem, dass Gott zu jedem Gläubigen persönlich spricht. Es gab einige Extremisten, die so weit gingen, dass sie ihre persönlichen Eingebungen wichtiger nahmen als die Bibel selbst. Aber die meisten Täufer lehnten diese Extreme ab und gründeten sich auf das geschriebene Wort Gottes.

Die Ablehnung der Staatskirche war eine gemeinsame Überzeugung der Täufer. Sie betonten, dass die Kirche die Gemeinschaft der wahren Gläubigen ist, die sich freiwillig dazu entschieden haben, Jesus nachzufolgen. Deshalb traten sie für eine strikte Trennung zwischen Kirche und Staat ein. Die weltliche Regierung hatte kein Recht, sich in die Angelegenheiten der Kirche einzumischen; und die Kirche hatte kein Recht, über den Staat zu herrschen. Deshalb verurteilten sie die Haltung der Reformatoren, die die weltliche Regierung dazu gebrauchten, die Sache der Reformation voranzutreiben. Nach einer Überlieferung antwortete der Täufer Michael Sattler auf die Idee, den Schutz eines wohlgesinnten Fürsten zu suchen: „Wenn ein Tuch einen einzigen falsch gewobenen Faden enthält, dann verdirbt dieser einzige Faden das ganze Tuch. Ebenso wird die ganze Kirche verdorben, wenn sie auch nur einem einzigen falschen Prinzip folgt.“ Eine weltliche Autorität über die Kirche zu setzen, wäre ein solcher „falsch gewobener Faden“.
In diesem Zusammenhang ist auch ihre Ablehnung der Säuglingstaufe zu sehen: Wenn ein Baby getauft wird, dann wird es ohne seine eigene Einwilligung und ohne eigenen Glauben zu einem Kirchenmitglied gemacht. In anderen Worten, es wird gezwungen, sich als Christ zu identifizieren, ohne persönlich Christ zu sein. Deshalb ist eine solche Taufe nicht die biblische Taufe.

Ein weiterer wichtiger Gegensatz zu den Reformatoren bestand darin, dass die Täufer den Missionbefehl Jesu (Matth.28,18-20 und Parallelen) als für alle Zeiten gültig verstanden. Deshalb stellten sie auch sich selber mit aller Selbstverständlichkeit unter diesen Auftrag. Die Reformatoren dagegen sagten, Jesus hätte diesen Auftrag nur den Aposteln persönlich erteilt, und es sei anmassend, den Missionsbefehl auf gegenwärtig lebende Christen anzuwenden. Diese reformatorische Auffassung sollte während langer Zeit als Hemmschuh der Weltmission nachwirken: Noch Jahrhunderte später musste der Missionspionier William Carey unter seinen Glaubensgeschwistern einen heftigen Kampf gegen ebendiese Auffassung führen, bis ihm schliesslich zugestanden wurde, es könnte tatsächlich der Wille Gottes sein, eine Missionsgesellschaft zur Evangelisierung Indiens zu gründen.

Die meisten Täufer waren Pazifisten und betonten das Prinzip des „Nicht-Widerstehens“. Sie gaben den Worten Jesu grosses Gewicht: „Widersteht dem Bösen nicht; sondern wer dich auf die rechte Wange schlägt, dem biete auch die andere dar…“ (Matthäus 5,39-41). Deshalb lehrten sie, dass ein Christ keine Waffen tragen soll, nicht Soldat sein kann, und gegen niemanden gerichtlich vorgehen soll. Viele sagten auch, ein Christ könne kein Regierungsamt übernehmen. Das begründeten sie mit dem Gebot: „Du sollst nicht töten“ (da die weltliche Regierung nach Römer 13,4 „das Schwert trägt“), und auch mit der Trennung von Kirche und Staat.
Persönlich meine ich, dass in der gegenwärtigen Welt diese Haltung nicht mehr sehr sinnvoll wäre: Die meisten modernen Staaten haben die Todesstrafe abgeschafft, sodass ein Regierungsamt nicht mehr automatisch den Bruch des sechsten Gebots mit sich bringt. Auch haben die Kirchen im allgemeinen nicht mehr viel politische Macht. Ein Christ von entsprechender Integrität und Fähigkeit könnte in der Politik viel Gutes tun. – Andererseits besitzen leider nur wenige Christen diese Integrität, während viele christliche Politiker von den Versuchungen der Macht verdorben worden sind. Aber das begründet noch kein Prinzip, sondern ist eine Angelegenheit des persönliches Charakters.
In der Reformationszeit war die Situation ganz anders. In jener Zeit machten sich die Regierenden tatsächlich vieler Tötungen schuldig; und wer ein solches Amt übernahm, musste damit rechnen, an religiösen Verfolgungen mitwirken zu müssen. Deshalb ist es verständlich, dass viele Täufer jede Mitwirkung in der Politik und Regierung ablehnten.
Sie weigerten sich auch, Eide zu schwören, gemäss Matthäus 5,33-37. Somit wären sie zu vielen Regierungsstellen gar nicht zugelassen worden, selbst wenn sie es gewünscht hätten. Andererseits zeigte diese Haltung an sich in späteren Jahrhunderten einen politischen Einfluss: Viele Regierungsstellen in Gegenden mit starkem täuferischem Einfluss, z.B. in der Schweiz, akzeptieren heute ein Gelübde (Versprechen) anstelle eines Eides, und anerkennen damit die Freiheit, aus Gewissensgründen den Eid abzulehnen.

Fast alle täuferischen Gruppen lehrten auch die Notwendigkeit, sich von der Welt abzusondern und ein heiliges Leben zu führen, gemäss Hebräer 12:14-16: „Strebt nach dem Frieden mit allen, und nach der Heiligkeit, ohne die niemand den Herrn sehen wird…“ Dadurch unterschieden sie sich von den Reformierten – insbesondere von den Lutheranern -, welche die Erlösung „allein aus Glauben, ohne Werke“ betonten. (Diese reformierte Lehre ist an sich richtig; aber bald wurde sie in eine „billigen Gnade“ verkehrt, wie Jahrhunderte später der lutherische Theologe Dietrich Bonhoeffer klagte.) Deshalb warfen die Reformierten den Täufern manchmal vor, sie wollten zu einer katholischen Werkgerechtigkeit zurückkehren. Die Täufer antworteten, dass sie das heilige Leben nicht als ein Mittel zum Erwerb des Heils ansahen, sondern als eine notwendige Konsequenz und Frucht der Bekehrung; und da die Reformierten mehrheitlich diese Frucht nicht zeigten, müsse bezweifelt werden, ob sie wirkliche Christen seien. So schreibt z.B. Menno Simons:

„Alle die dies für gewiss und wahrhaftig in ihren Herzen glauben können, und sind durch Gottes Wort in ihren Herzen und Geist versiegelt, die werden an dem innerlichen Menschen verändert, empfangen die Furcht und Liebe des Herrn, gebären aus ihrem Glauben, Gerechtigkeit, Frucht, Kraft, ein unsträfliches Leben und ein neues Wesen, wie Paulus sagt, nämlich, mit dem Herzen glaubt man zur Gerechtigkeit. Durch den Glauben, sagt Petrus, reinigt Gott unsere Herzen. Und also folgen die Früchte der Gerechtigkeit stets aus einem aufrichtigen, ungefälschten, frommen Christen Glauben. Habt darauf acht. (…)
Alle, sage ich, die dieses in ihrem Herzen mit Bestimmtheit glauben, werden sicherlich vor aller Ungerechtigkeit fliehen wie vor dem Zahn der Schlange, sie wenden sich von allen Sünden ab, und scheuen sie viel mehr als ein brennendes Feuer oder ein schneidendes Schwert (…)“
(In: „Von dem wahren christlichen Glauben“.)

Und:
„Die Lutherischen lehren und glauben, dass uns der Glaube allein selig mache, auch ohne irgend welches Zutun der Werke. Diese Lehren halten sie mit solcher Strenge aufrecht, als ob Werke ganz und gar unnötig wären; ja, als ob der Glaube von solcher Art und Natur sei, dass er keine Werke neben sich zulassen oder leiden könne. Und darum muss auch Jacobi hochwichtiger, ernster Brief (weil er eine solche leichtfertige, eitle Lehre und solchen Glauben straft) als strohern von ihnen angesehen und erachtet werden. O stolze Torheit! (Menno bezieht sich hier auf eine Bemerkung Luthers, der den Jakobusbrief eine „stroherne Epistel“ nannte.)
Ein jeder sehe wohl zu, wie und was er lehrt; denn gerade mit dieser Lehre haben sie das unbedachte, dumme Volk gross und klein, Bürger und gemeinen Mann, in ein solches fruchtloses, wildes Leben geführt und so weit den Zaum gelassen, dass man unter den Türken und Tartaren (vermute ich) kaum ein so gottloses, greuliches Leben, wie das ihre ist, finden könnte. Die offenbare Tat gibt Zeugnis; denn das überflüssige Essen und Trinken, die übermässige Pracht und Hoffart, das Huren, Lügen, Betrügen, Fluchen, Schwören bei des Herrn Wunden, Sakramenten und Leiden, das Blutvergiessen und Fechten etc., welches leider bei vielen von ihnen gefunden wird, hat weder Mass noch Ende. Lehrer und Jünger handeln in vielen fleischlichen Dingen einer wie der andere, wie man sehen kann.“
(In: „Von dem lutherischen Glauben“.)

Um das heilige Leben der Brüder zu bewahren, wandten viele Gemeinden eine strenge Gemeindezucht an. Aber im Unterschied zu den Katholischen und Reformierten, und aufgrund von Matthäus 18,15-17, wurde diese Gemeindezucht nicht durch eine autoritäre Leiterschaft auferlegt. Im Gegenteil, jeder Bruder hatte das Recht und die Pflicht, seine Mitbrüder zurechtzuweisen, wenn sie in Sünde lebten.

Die Hutterer pflegten auch die Gütergemeinschaft nach dem Vorbild der Urgemeinde (Apostelgeschichte 2,44), aber die übrigen Täufer hatten diese Praxis nicht.

In der Organisation der Gemeinde behielten die Täufer weiterhin das Pfarramt bei, in der Tradition der katholischen und reformierten Kirche. D.h. sie gelangten nicht zu einer pluralen Leiterschaft von Ältesten wie in der frühen Kirche, und auch nicht zu einer konsequenten Praxis des allgemeinen Priestertums in der gegenseitigen Auferbauung unter Mitwirkung aller Gemeindeglieder gemäss 1.Kor.14,26. Ihre „Pastoren“ waren vorwiegend „Prediger“, genau wie in den reformierten Kirchen. In diesem Punkt blieb auch die Reformation der Täufer unvollendet.

Aber in allen übrigen Belangen waren die Täufer die konsequenteste Gruppe ihrer Zeit, was die Rückkehr zur frühen Kirche angeht. Keine andere Gruppierung jener Zeit folgte so treu dem Wort Gottes als oberste Autorität der Kirche. Obwohl Luther, Zwingli und Calvin in der Theorie dieses selbe Prinzip lehrten, vermischten sie doch in der Praxis die Leiterschaft der Kirche mit der weltlichen Regierung. So sahen sie sich ständig gezwungen, mit den Mächten dieser Welt Kompromisse zu schliessen, und deshalb konnten sie in ihren Reformen nicht völlig konsequent sein.

Als Folge ihres Glaubens waren die Täufer auch die meistverfolgte Gruppierung jener Zeit. An ihnen erfüllten sich die Worte von Paulus:

„Denn wie ich denke, hat Gott uns, die Apostel, als die Geringsten hingestellt, wie zum Tod Verurteilte; denn wir sind ein Schauspiel geworden vor der Welt, den Engeln und den Menschen. (…) Bis zu dieser Stunde leiden wir Hunger und Durst und Blösse, werden wir geschlagen, und haben keine feste Wohnstatt. Wir mühen uns ab mit unserer eigenen Hände Arbeit; wir werden verflucht, und wir segnen; wir werden verfolgt, und ertragen es; wir werden verleumdet, und beten; wir sind bis jetzt wie der Kehricht der Welt geworden, ein Abschaum aller.“ (1. Korinther 4,9-13).

Advertisements

Die Täufer (1.Teil) – Die Anfänge

13. März 2013

Als Luther den ersten Anstoss zu einer Reformation der Kirche gab, da hatte er keine Ahnung von der geistlichen Lawine, die er auslösen würde. Aber er hatte bereits das wichtigste Prinzip proklamiert: Die Heilige Schrift ist die oberste Autorität der Kirche, über allen Traditionen und Kirchenführern. So begann das Volk, die Schrift zu erforschen und sie auf das eigene Leben anzuwenden. Und die Christen zogen ihre eigenen Schlussfolgerungen daraus. Einige kamen zu viel radikaleren Schlussfolgerungen als Luther selber.
Zum Beispiel hielten die Reformatoren immer noch wie die katholische Kirche an der Säuglingstaufe fest. Aber als die Christen selber die Bibel zu lesen begannen, fanden sie, dass es da kein Gebot gab, Säuglinge zu taufen. Im Gegenteil, sie fanden, dass jene getauft werden sollen, die an Jesus Christus gläubig wurden. Überall begannen Christen aufzustehen und den Reformatoren zu sagen, sie sollten radikaler sein und dem ganzen Wort Gottes gehorchen, nicht nur einigen Punkten daraus. Zum Beispiel sollten sie die erwachsenen Bekehrten taufen, und nicht die kleinen Babies. (Weiter unten werden wir sehen, dass dies nicht der entscheidende Punkt ihrer Lehre war. Aber es war der Punkt, der den grössten Zorn der Reformatoren auf sich zog.) Diese Bewegungen entstanden an verschiedenen Orten gleichzeitig, aber besonders in jenen Ländern, wo die reformatorische Botschaft am weitesten verbreitet war: in Deutschland, in der Schweiz und in den Niederlanden.

Einige Autoren behaupten, der Ursprung der Täufer sei von der Reformation unabhängig, und suchen ihre Wurzeln in den Waldensern oder in noch früheren Bewegungen; oder sie sagen, die Täuferbewegung hätte ganz unabhängig begonnen. Aber das ist schwer mit den Tatsachen zu vereinbaren: Die meisten Leiter der Täufer gingen durch drei Lebensphasen. Zuerst waren sie katholisch, dann folgten sie den Gedanken der Reformation, und schliesslich wurden sie Täufer. Der kritische Punkt war dieser: Folgen wir der Autorität der Bibel, oder der Autorität der Kirche? Das war der Grund, warum die Reformatoren sich von der katholischen Kirche distanziert hatten. Und aus diesem selben Grund distanzierten sich die Täufer von den Reformierten. Wir können also sagen, dass sie im Grunde „reformierter als die Reformierten“ waren.

Die radikale Reformation in Zürich

Wie Luther, hatte auch der Zürcher Reformator Zwingli verstanden, dass sich verschiedene Praktiken der katholischen Kirche nicht aus der Bibel begründen lassen, so z.B. die Messe, die Bilderverehrung und die Säuglingstaufe. Aber Zwingli sah sich einer politischen Notwendigkeit gegenüber: Um die Kirche reformieren zu können, musste er das Wohlwollen der Stadtregierung gewinnen. Vergessen wir nicht, dass in jenen ersten Jahren der Reformation noch die ganze politische Macht in den Händen der katholischen Kirche lag, und die Reformierten waren eine kleine Minderheit. Als Hauptpastor der Stadt Zürich wollte Zwingli die römische Messe abschaffen; aber er fürchtete Repressalien von seiten des Stadtrates. Deshalb wollte er vorsichtig sein und warten, bis sich die politische Situation zu seinen Gunsten änderte.
Einige Freunde Zwinglis dachten radikaler; unter ihnen Konrad Grebel, Felix Manz und Georg Blaurock. Sie begannen Zwingli Vorwürfe zu machen: Warum hielt er selber noch die Messe, wo er doch wusste, dass sie der Schrift widersprach? War es überhaupt richtig, dass der Stadtrat über die Angelegenheiten der Kirche zu entscheiden hatte? Die drei Freunde fühlten sich von Zwingli verraten. Mehrmals suchten sie ihn auf und versuchten ihn von der Notwendigkeit zu überzeugen, eine neue Kirche zu beginnen, eine Kirche von wahren Christen. Aber Zwingli widersetzte sich diesem Plan immer entschiedener. Er wollte die Kirche als ganze reformieren, aber unter der Autorität der staatlichen Regierung.

Das war also der Hauptunterschied zwischen den Reformatoren und den Täufern. Ja, die Reformatoren wollten die Kirche reformieren, aber mit Hilfe der Regierung und unter dem Schutz der politischen Autoritäten. Sie hielten an der katholischen Idee fest, die Religion sei eine Staatsangelegenheit, und es dürfte nur eine einzige, staatliche Kirche geben. – Die Täufer hingegen betonten, dass die Entscheidung zum Christsein freiwillig ist, und dass die wahre Kirche aus Bekehrten besteht. Die wahre Kirche sollte freiwillig sein, und unabhängig vom Staat.

Im Lauf des Jahres 1523 nahmen die Differenzen zwischen Zwingli und den Radikalen zu. Schliesslich trennten sich die Radikalen von Zwingli und begannen sich gesondert zu versammeln.
Im Jahre 1525 konnte Zwingli schliesslich den Stadtrat dazu bringen, einige Reformen in der Kirche durchzuführen. Aber gleichzeitig überzeugte er auch die Regierung davon, dass die Gruppe der „radikalen Reformation“ gefährlich sei und verboten werden solle. (Obwohl es sich zu der Zeit um nur fünfzehn Personen handelte!) Am 21.Januar 1525 verbot der Stadtrat die Versammlungen der Radikalen, und es wurde ihnen auch verboten, ihre Lehren zu verbreiten. Der Reformator Zwingli gebrauchte also gegen seine Gegner dieselben Mittel wie zuvor die katholische Kirche: Er gebrauchte die weltliche Regierung dazu, Andersdenkende zu verfolgen.
Dazu kam, dass die Radikalen ihre Kinder nicht taufen liessen. Sie sagten, sie müssten sich zuerst bekehren, bevor sie getauft werden könnten. (Markus 16,16, Apg.2,38, 8,37). Die Regierung befahl ihnen, ihre Kinder innerhalb von acht Tagen zur Taufe zu bringen; aber sie weigerten sich.
Am Abend desselben Tages versammelten sich die Radikalen in Zollikon bei Zürich, um zu beten und über ihr weiteres Vorgehen zu beraten. Ohne etwas Derartiges geplant zu haben, fühlte sich in dieser Versammlung Georg Blaurock von Gott geführt, zu Konrad Grebel zu sagen: „Um Gottes Willen, taufe mich mit der wahren Taufe des Glaubens.“ Grebel taufte ihn, und daraufhin tauften sich alle Anwesenden gegenseitig. Damit setzten sie ein öffentliches Zeichen, dass sie die Säuglingstaufe als ungültig ansahen und auf biblische Weise getauft werden mussten, aufgrund ihres eigenen Willens. Damit begann eine Erweckung, die sich über die ganze Schweiz und Süddeutschland ausbreitete, wo viele von ihren Sünden überführt wurden, zur Umkehr kamen, sich taufen liessen, und ein Leben im Gehorsam Jesus gegenüber begonnen.

Die Tauffrage bedeutete die endgültige Trennung zwischen Zwingli und den Radikalen. Zwingli erlaubte auf keinen Fall, dass im Säuglingsalter getaufte Erwachsene nochmals getauft würden. In früheren Jahren war er noch bereit gewesen, auf die Säuglingstaufe zu verzichten. Jetzt versteifte sich aber seine Position auch in dieser Frage, und er begann nicht nur jene zu verfolgen, die sich (seiner Auffassung nach) zum zweitenmal taufen liessen, sondern auch jene, die ihre Kleinkinder nicht taufen liessen.
Da die Taufe der Zankapfel zwischen den Reformierten und den Radikalen war, wurden letztere unter dem Namen „Täufer“ bekannt. Sie selber nannten sich einfach „Brüder“. Aber später wurden sie „Wiedertäufer“ genannt. Dieser Name blieb haften, obwohl sie unermüdlich zu erklären versuchten, dass die Säuglingstaufe nach der Bibel nicht gültig war, und dass deshalb ihre Erwachsenentaufe ihre erste und wahre Taufe war.

Nun begann eine blutige Verfolgung der Täufer. Zuerst wurden sie gebüsst und ins Gefängnis geworfen; dann bedroht, des Landes verwiesen zu werden. Grebel musste ins Exil gehen und starb 1526 an der körperlichen Schwächung aufgrund der Gefangenschaft.
Ausserdem wurden die hässlichsten Verleumdungen über sie verbreitet: sie lebten in Ausschweifung und Unmoral (genau das Gegenteil dessen, was sie lehrten und lebten); sie folgten ihren eigenen Eingebungen statt der Bibel (hier wurden sie anscheinend mit den „Zwickauer Propheten“ oder anderen Extremisten verwechselt); sie seien Staatsfeinde und planten eine Revolution (während sie in Wirklichkeit Pazifisten waren). Diese Verleumdungen wurden jahrhundertelang wiederholt und sogar noch in Geschichtsbüchern neuerer Zeit unkritisch wiedergegeben (so z.B. im 19.Jh. in J.A.Wylie (reformiert), „Geschichte des Protestantismus“).
Als nach alldem die Bewegung nicht ausgerottet werden konnte, wurde über die Täufer die Todesstrafe verhängt. Ihr erster Märtyrer war Felix Manz, der im Januar 1527 auf Befehl des Stadtrates im Zürichsee ertränkt wurde. Im Urteilsspruch hiess es:

„… weil er sagte, er wolle alle jene zusammenführen, die Christus annahmen und Ihm folgen wollten, und er selber sich durch die Taufe ihnen anschliessen wollte, während er die übrigen ihren eigenen Glauben leben lassen wolle; sodass er und seine Anhänger sich von der christlichen Kirche trennten und eine eigene Sekte gründeten unter dem Gewand einer christlichen Kirche und Versammlung; (…) was zum Anstoss, Aufruhr und Abtrünnigkeit gegen die Regierung führt …“

Wir sehen hier, dass die Reformatoren im Grunde an einem römisch-katholischen Konzept von Kirche festhielten: Die Kirche sollte eine einzige sein, sollte für alle Bürger obligatorisch sein, und die weltliche Regierung sollte über ihrer Einheit wachen, wenn nötig mit Gewalt. Wenn eine Gruppe von der Staatskirche abweichende Überzeugungen vertrat, wurden sie des „Aufruhrs“ bezichtigt. Deshalb gingen die Reformatoren gegen die Täufer mit denselben Mitteln vor wie die katholische Kirche gegen die Reformation. Bis zu einer echten Religions- und Gewissensfreiheit war es noch ein weiter Weg. Die Täufer hingegen waren echte Vorreiter dieser Freiheit. Sie zwangen niemanden, ihnen zu folgen. Im Gegenteil, sie wollten „alle übrigen ihren eigenen Glauben leben lassen“, wie der Urteilsspruch gegen Manz zugibt.
1529 starb auch Blaurock den Märtyrertod im katholischen Tirol, wohin er als Missionar gezogen war.

In den folgenden Jahrzehnten wurde viele Tausende Täufer in Seen und Flüssen ertränkt, „zum dritten Mal getauft“, wie die Reformierten spöttisch sagten. In den katholischen Ländern wurden sie als „Ketzer“ verbrannt. So fanden sie in ganz Europa keinen sicheren Ort. Während mehr als einem Jahrhundert mussten sie ständig von einem Ort zum anderen fliehen, oder sie lebten in Wäldern und Höhlen versteckt. Noch heute ist eine abgelegene Höhle im Zürcher Oberland als „Täuferhöhle“ bekannt, weil eine Gruppe von ihnen jahrelang dort versteckt lebte.

Aber wie es oft in der Kirchengeschichte geschah: „Das Blut der Märtyrer ist der Same der Kirche.“ Je mehr die Täufer verfolgt wurden, desto stärker vermehrten sie sich. Ihre erste Versammlung in Zollikon löste sich zwar nach weniger als einem Jahr auf wegen der Verfolgung. Aber gleichzeitig reisten ihre Missionare im Geheimen durch die ganze Schweiz, Deutschland, die Niederlande, Österreich, und andere Länder; und überall entstanden Versammlungen. (Eine auffällige Parallele zu Apg.8,1-4!)

Mehrere täuferische Bewegungen entstanden an verschiedenen Orten unabhängig von der Bewegung in Zürich. Ausser diesen auch „Schweizer Brüder“ genannten Gruppen gab es u.a. die Hutterer in Böhmen, die Mennoniten in den Niederlanden, und verschiedene Gruppen in Deutschland. Da die Reformation die persönliche Lektüre der Bibel förderte, ist es nicht verwunderlich, dass verschiedene Personen und Gruppen an verschiedenen Orten unabhängig voneinander zu denselben Schlussfolgerungen kamen, aufgrund der Bibel.