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Steht fest in der Freiheit, für die uns Christus frei gemacht hat! – Teil 6

23. März 2019

Galater 5,1

Eine Untersuchung autoritärer Lehren und Praktiken in evangelikalen Kirchen und Organisationen

Untersuchung einiger spezifischer Lehren des Autoritarismus

– „Gehorcht euren Pastoren.“

Hebr.13,17 wird oft zur Begründung autoritärer Lehren herangezogen: „Gehorcht euren Vorstehern und füget euch [ihnen], denn sie wachen über euren Seelen als solche, die Rechenschaft ablegen werden …“ (ZÜ). – Diesen Text müssen wir im Original näher betrachten. Das Wort für Vorsteher ist hägoúmenoi (wörtlich „Führer, Leiter“) – dasselbe Wort, das Jesus in Luk.22,26 benützt, um zu lehren, dass der „Leiter“ ein Dienender sein soll, nicht jemand, der Gehorsam einfordert. In Hebr.13,7 heisst es ausserdem von den hägoúmenoi: „Seht auf das Ergebnis ihres Betragens, und ahmt ihren Glauben nach.“ Es handelt sich also um Menschen, deren Beispiel der Nachahmung würdig ist. Niemand kann eine solche Autorität beanspruchen, nur weil er eine Leitungsstellung einnimmt in einer Organisation, die sich „Kirche“ nennt. Zumindest muss sein Autoritätsanspruch abgedeckt sein durch das Zeugnis eines gottgefälligen Lebens.
„Gehorchen“ heisst auf griechisch hypakoúo. Aber in Hebr.13,17 steht nicht dieses Wort, sondern peíthomai, was bedeutet „sich überzeugen lassen“. Es steht hier auch nichts von „sich unterordnen“ (hypotássomai); stattdessen steht hypeiko, was bedeutet „Raum geben“, „nachgeben“, oder „sich anpassen“ – nicht unter Zwang, weil man eine untergeordnete Stellung innehätte, sondern als freiwillige Entscheidung. Die hier verwendeten Ausdrücke sind also viel weniger stark, als der Autoritarismus vorgibt. Es geht nicht um „Unterordung“ bloss weil jemand „Autorität“ ist. Es geht darum, „sich überzeugen zu lassen“ von jemandem, der uns tatsächlich überzeugt, mit dem Beispiel seines Lebens und seiner geistlichen Reife.

Einige Leiter wollen aus unserem Vers zusätzlich die Lehre ableiten, dass Christen vor ihren Leitern Rechenschaft ablegen müssten über alles, was sie tun. Aber die Grammatik des Verses ist eindeutig: Die „Rechenschaft ablegen werden“, sind die Leiter, nicht „eure Seelen“. Es sind die Leiter, die vor Gott Rechenschaft ablegen müssen über die Art und Weise, wie sie ihre Leiterschaft ausgeübt haben.

Die Priester in Jerusalem (also die religiösen Leiter) wollten den Aposteln verbieten, den Namen Jesu zu verkünden. Die Apostel antworteten: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ (Apg.5,29). Die Priester waren im Irrtum, ihr Befehl war entgegen dem Willen Gottes; somit musste man ihnen nicht gehorchen. Dieses Prinzip widerlegt klar die Lehre, man müsse dem Leiter gehorchen, auch wenn er im Irrtum ist.

– „Die Leiter der Kirche sind Obrigkeiten.“

Einige benützen Römer 13,1: „Jedermann unterordne sich den herrschenden Obrigkeiten“, und wenden dies auf die kirchlichen Leiter an. Aber diese Stelle spricht einzig von der Staatsregierung! Das ist aus dem Zusammenhang klar ersichtlich. Der Abschnitt spricht von den „Regierenden“ árchontes, (13,3), die böse Taten bestrafen, sogar mit dem Schwert (v.4), und die Steuern erheben (v.6). Nichts davon trifft auf Gemeindeleiter zu; und die Leiter der Gemeinde heissen nirgends „árchontes“. Sie werden auch nicht „Obrigkeiten“ (exousíai, (13,1) genannt.
Dasselbe gilt für die Parallelstelle 1.Petrus 2,13-14.

– „Die Rebellion ist eine der schlimmsten Sünden.“

Als Beispiel wird oft Saul zitiert, zu dem Samuel sagte: „Gehorsam ist besser als Opfer, Aufmerken besser als Fett von Widdern. Denn Ungehorsam ist gerade so Sünde wie Wahrsagerei, und Widerspenstigkeit ist gerade so Frevel wie Abgötterei.“ (1.Sam15,22-23 ZÜ). – Das Problem mit dieser Auslegung besteht darin, dass der Text vom Ungehorsam Gott gegenüber spricht, nicht gegen einen Menschen. Es heisst weiter: „Weil du das Wort des Herrn verworfen hast, hat er dich verworfen als König.“ Das ist das Thema aller Bibelstellen, welche „Rebellion“ oder „Ungehorsam“ verurteilen: Es geht immer um die Rebellion gegen Gott, nicht gegen die Leiterschaft von Menschen.
Natürlich wollen die autoritären Leiter uns glauben machen, ihre Befehle seien identisch mit den Geboten Gottes. Aber diese Identität besteht nur da, wo das geschriebene Wort Gottes dasselbe sagt. Deshalb ruft uns die Schrift dazu auf, alles zu prüfen, was ein Leiter sagt, und das zu verwerfen, was nicht schriftgemäss ist.

– „Du hast nur dann den Schutz Gottes, wenn du unter einer ‚Abdeckung‘ stehst [einer hierarchischen menschlichen Leiterschaft]“.

Als Begründung wird oft Mat.8,9 zitiert, wo der Hauptmann von Kapernaum sagt: „Denn auch ich bin ein Mensch unter Autorität, und habe Soldaten unter meinem Befehl; und ich sage zu diesem: ‚Geh!‘, und er geht; und zum andern: ‚Komm!‘, und er kommt; und zu meinem Diener: ‚Tue dies!‘, und er tut es.“ So begründet der Hauptmann seine Überzeugung, dass Jesus Macht hat über die Krankheiten, und dass sein Diener allein durch das Wort Jesu geheilt werden würde. Deshalb – so der Autoritarismus – solle sich jeder Christ einer „Befehlshierarchie“ unterstellen, so wie der Hauptmann der militärischen Hierarchie unterstellt ist.
Diese Auslegung schiebt dem Text eine Anwendung unter, die nicht vorhanden ist. Der Hauptmann spricht von der Befehlsstruktur der römischen Armee, und von der Macht Jesu über Krankheiten (nicht über Menschen). Er sieht eine Analogie zwischen diesen beiden Arten von Autorität, weil die Armee die einzige Autoritätsstruktur ist, die er aus Erfahrung kennt. Soweit ist der Vergleich legitim, und Jesus lobt den Hauptmann für seinen Glauben. Aber beachten wir: für seinen Glauben daran, wer Jesus ist; nicht für seinen Glauben an eine
Befehlshierarchie.

Wenn wir darauf eine Lehre über die Leitungsstruktur der christlichen Gemeinde aufbauen wollen, dann gehen wir in die Irre. Die Gemeinde ist hier in keiner Weise im Blickfeld! Der Text gibt uns keine Grundlage zu behaupten, die Gemeinde müsse in derselben Weise organisiert sein wie die römische Armee, oder römische Hauptleute müssten uns belehren über die Struktur der christlichen Gemeinde. Wenn wir wissen wollen, was Jesus oder die Apostel zu diesem Thema sagen, dann müssen wir jene Aussagen in Betracht ziehen, die tatsächlich von der Gemeinde sprechen! Und wir haben in Teil 2 [LINK] gesehen, dass die Lehre Jesu und der Apostel in keiner Weise für eine „militärische“ Gemeindestruktur spricht. Wir haben dort auch gesehen, dass die Idee, menschliche Leiterschaft sei unser geistlicher Schutz, unbiblisch ist.

– „Gib deine Rechte auf.“

Jesus rief seine Jünger dazu auf, „sich selbst zu verleugnen, ihr Kreuz auf sich zu nehmen, und ihm zu folgen“ (Mat.16,24 u.a). Vertreter des Autoritarismus haben das zum Vorwand genommen, um zu verlangen, ein Christ solle sich völlig „hingeben“ an die Ansprüche seiner religiösen Leiter: „Gib dein Recht auf, über dein Leben zu entscheiden; tue, was dein Leiter dir sagt. Gib dein Recht auf, über die Wahl deiner Freunde zu entscheiden, über deine Arbeit, deinen Wohnort, wen du heiratest, … gehorche den Weisungen deiner Leiter. Gib dein Recht auf, recht zu haben; widersprich deinen Leitern nicht.“ Und wenn jemand gegen die Ansprüche der Leiter protestiert, wird ihm gesagt, er sei nicht genügend „hingegeben“.
Es geht hier aber wiederum darum, dass Jesus einzig davon spricht, sich ihm selber, dem Herrn, hinzugeben; nicht anderen Menschen. Gott ist der einzige, der ein Eigentumsrecht auf unser Leben geltend machen kann, weil er uns geschaffen hat und er uns erlöst hat. Kein Mensch auf der Erde hat das für uns getan. Deshalb darf kein Mensch auf der Erde von einem anderen diese „Hingabe“ verlangen, die nur der Herr verdient. „Mit einem Preis seid ihr erkauft worden; macht euch nicht zu Sklaven von Menschen“ (1.Kor.7,23). Der Herr Jesus ist berechtigt, uns in allen Aspekten unseres Lebens zu führen. Aber das tut er persönlich, nicht mittels fehlbarer Leiter: „Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir“ (Joh.10,27). Und wir dürfen darauf vertrauen, dass er das mit Liebe und zu unserem Besten tut, nicht wie die „Mietlinge“.

– „Richtet nicht.“

Wenn ein missbraucherischer Leiter wegen seiner Taten konfrontiert wird, verteidigt er sich oft mit diesen Worten (Mat.7,1).
Aber dieselben Leiter, die sich mit diesem Zitat verteidigen, richten die ganze Zeit! Oder ist es etwa kein „Richten“, die Geschwister in „Gehorsame“ und „Rebellen“ einzuteilen, je nachdem, ob sie alle Forderungen der Leiter erfüllen oder nicht? Ist es etwa kein „Richten“, einen Bruder unter Zensur zu stellen und auszuschliessen, nur weil er etwas gesagt hat, was dem Leiter missfällt? oder gar, weil er eine Sünde des Leiters aufgedeckt hat?
„Richten“ schliesst ein, dass ein Schuldspruch gefällt und eine Strafe verhängt wird. Es ist daher unsinnig, jemanden des „Richtens“ zu bezichtigen, der gar nicht die Macht hat, irgendwelche effektiven Strafen zu verhängen. Einige Leiter sind solche Heuchler, dass sie ihre Geschwister anklagen, einen „Richtgeist“ oder einen „kritischen Geist“ zu haben, „rachsüchtig“ oder „bitter“ und „rebellisch“ zu sein, während jene Geschwister keinerlei Macht oder Einfluss haben, um irgendwie die Machtposition des Leiters zu beeinträchtigen in der autokratischen Pyramidenstruktur, die er errichtet hat. Und oft stellen diese Leiter zum vornherein sicher, dass es innerhalb dieser Struktur keine Instanz gibt, die sie tatsächlich „richten“ könnte oder von ihnen Rechenschaft fordern könnte. Und gleichzeitig verhängen diese Leiter ständig Urteile von „Gemeindezucht“, Zensur, Ausschluss, Verfluchungen, Kontaktverbote, usw, gegen Geschwister, die es wagen, das Verhalten der Leiter in Frage zu stellen. Damit wendet sich dieses Argument des „nicht Richtens“ gegen die Leiter selber.

Das Wort vom Splitter und vom Balken (Mat.7,1-5) bezieht sich auf einen kleinen Fehler im Leben meines Bruders, den ich zu korrigieren versuche, ohne dass dieser Fehler mich selber schädigen würde. (Der Splitter im Auge meines Bruders beeinträchtigt nur ihn selber; er tut niemand anderem weh.)
Autoritäre Lehren und Machtmissbrauch gehören zu einer ganz anderen Kategorie: Sie schädigen und verletzen eine grosse Zahl von Menschen. Deshalb handelt es sich um Sünden, die gemäss den biblischen Anweisungen konfrontiert werden müssen. Wo Sünde oder falsche Lehre herrscht, da soll sehr wohl „gerichtet“ werden (1.Kor.5,3-5; 6,5; 14,29). Das soll mit Gerechtigkeit und ohne Ansehen der Person geschehen, auf der Grundlage des Wortes Gottes. „Die Gemeinde“ soll das tun, d.h. die Gemeinschaft aller Nachfolger des Herrn.

– „Wenn du unsere Gruppe verlässt, bist du abgefallen und unter dem Gericht Gottes.“

Diese Lehre missbraucht das Konzept des „Abfalls vom Glauben“, um die Mitglieder an die autoritäre Gruppe gebunden zu halten, und um zu verhindern, dass sie Hilfe oder auch nur Kontakte ausserhalb der Gruppe suchen. Aber im Neuen Testament bedeutet „Abfall“, die Gemeinschaft mit dem Herrn Jesus zu verlassen, nicht die Gemeinschaft mit einer bestimmten Gruppe oder Organisation. Der Glaubensabfall ist eine Angelegenheit des persönlichen Glaubens und des Herzens, nicht der Zugehörigkeit zu dieser oder jener Gruppe. Ein Christ soll sogar eine Gruppe verlassen, wenn diese von falschen Lehren und Praktiken (z.B. Autoritarismus) beherrscht wird, aus Gewissensgründen und um seine eigene geistliche Gesundheit zu bewahren. „Hütet euch vor dem Sauerteig der Sadduzäer und Pharisäer“ (Mat.16,6). – „Geht hinaus aus ihrer Mitte, und trennt euch“ (2.Kor.6,17). – „Gehen wir also zu ihm hinaus, ausserhalb des Lagers, und tragen wir seine Schmach“ (Hebr.13,13).

– Mit einer religiösen Organisation oder deren Leitern einen „Bund“ schliessen und Verpflichtungen eingehen.

In letzter Zeit ist es in einigen Kreisen Mode geworden, dass Gemeindeglieder einen „Bund“ oder eine „Mitgliedschaftsverpflichtung“ unterschreiben müssen. Oft ist darin der Gehorsam den Leitern gegenüber enthalten, oder die regelmässige Teilnahme an gewissen Versammlungen, oder bestimmte finanzielle Verpflichtungen. Dafür gibt es keine biblische Grundlage. Die Schrift ruft uns auf, mit Gott einen Bund einzugehen, aber nicht mit Leitern auf dieser Erde. Es ist besser, keine Versprechen zu machen: „Besser, du gelobst gar nichts, als dass du gelobst und nicht hältst.“ (Pred.5,4 ZÜ). Keine der im Neuen Testament erwähnten Gemeinden unterwarf ihre Mitglieder irgendeiner „Mitgliedschaftsverpflichtung“.

In der Bibel gilt die Loyalität und Verpflichtung eines Christen immer dem Herrn, nicht einer irdischen Leiterschaft. Die Warnungen des Paulus in 1.Kor.1,12-13 und 3,3-4.21-23 richten sich nicht nur gegen die Bildung von „Parteien“ und Denominationen. Sie richten sich auch gegen die Praxis, einem Leiter eine Loyalität zu versprechen, die allein Christus gebührt. Ein Christ ist Eigentum Christi mit allem, was er ist und hat. Deshalb kann er sich nicht gleichzeitig einem irdischen Leiter hingeben mit einem „Gehorsamsbund“ o.ä. Solche Praktiken haben grosse Ähnlichkeit mit den Mönchsgelübden, wo auch unbedingter Gehorsam gelobt werden muss. In diesem Zusammenhang bekäme es uns gut, zu den Lehren der Reformation zurückzukehren und die Worte Luthers zu hören. Was er über das Papsttum sagt, müsste er heute auch vielen evangelikalen Kirchen sagen:

„Das soll klar sein: Weder der Papst, noch die Bischöfe, noch irgendein Mensch ist berechtigt, den Christen auch nur mit einer Silbe dem Gesetz zu unterwerfen, ohne dessen Einwilligung. Jede andere Art des Vorgehens ist Tyrannei. … Nun ist die Unterwerfung unter diese tyrannischen Gesetze und Einrichtungen dasselbe, wie sich unter die Knechtschaft von Menschen zu begeben.
… Den Christen können rechtmässigerweise weder Menschen noch Engel Gesetze auferlegen, ausser in dem Mass, wie die Christen selber es wünschen; wir sind vollständig befreit. … Deshalb richte ich meine Anklage gegen den Papst und gegen alle Papisten, und sage ihnen: Wenn sie nicht ihre Kirchengesetze und Traditionen widerrufen, wenn sie den Kirchen Christi nicht ihre Freiheit zurückgeben, wenn sie nicht veranlassen, dass diese Freiheit proklamiert wird, dann machen sie sich des Verderbens aller Seelen schuldig, die in dieser elenden Gefangenschaft zugrunde gehen, und das Papsttum wird nichts anderes sein als das Reich Babylons und des wahren Antichristen.“
Martin Luther, „Die babylonische Gefangenschaft der Kirche“, 1520 (rückübersetzt aus einer spanischen Ausgabe)

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Steht fest in der Freiheit, für die uns Christus frei gemacht hat! – Teil 5

17. März 2019

Galater 5,1

Eine Untersuchung autoritärer Lehren und Praktiken in evangelikalen Kirchen und Organisationen

Untersuchung einiger spezifischer Lehren des Autoritarismus

Die Vertreter des Autoritarismus benützen verschiedene Bibelstellen, um ihre besonderen Lehren zu begründen. Aber wenn wir ihre Argumente untersuchen, finden wir oft, dass diese Zitate aus dem Zusammenhang gerissen sind, oder dass sie nicht wirklich das aussagen, was der Autoritarismus behauptet. Betrachten wir einige Beispiele.

– „Der Leiter ist die Stimme Gottes für dich.“

Einige Gruppen lehren, die Leiter seien beauftragt, den Christen die Wegweisung Gottes für persönliche Entscheidungen zu vermitteln, z.B. betreffend Wohnort, Arbeit, Wahl ihrer Freunde, Heirat, usw. Sie begründen das mit einigen biblischen Geschichten, wo Gott tatsächlich durch besonders beauftragte Personen Weisungen erteilte.
In der Bibel finden wir zwei Arten von Menschen, die von Gott beauftragt wurden, Menschen sein Wort zu vermitteln: die alttestamentlichen Propheten, und die neutestamentlichen Apostel. Sie waren die einzigen, die mit voller Autorität sagen konnten: „So spricht der Herr.“
Wenn wir zu den Propheten des Neuen Testaments kommen, sehen wir bereits nicht mehr dasselbe Mass an Autorität: die Propheten des Neuen Testaments mussten von der ganzen Gemeinde geprüft werden (1.Kor.14,29; 1.Thess.5,20-21). Heute gibt es niemanden mehr, der anderen Weisungen erteilen könnte „im Namen Gottes“.
In der Ordnung des Neuen Testamentes möchte Gott vielmehr zu jedem Gläubigen persönlich sprechen und ihn persönlich führen, ohne die Einmischung eines Leiters: „Meine Schafe hören meine Stimme…“ (Joh.10,27). Gottes Kinder sind „von Gott gelehrt“ (Joh.6,45) und „vom Heiligen Geist geleitet“ (Röm.8,14).
Ein reifer, weiser Christ kann anderen Rat geben; aber er kann nicht „im Namen Gottes“ Befehle erteilen, die über das hinausgehen, was in der Bibel ausdrücklich geboten ist.

– „Man darf den Pastor nicht kritisieren. Taste den Gesalbten Gottes nicht an.“

Hierzu wird oft Psalm 105,15 zitiert: „Tastet meine Gesalbten nicht an, und tut meinen Propheten kein Leid!“ (ZÜ) Es lohnt sich, den Zusammenhang zu lesen. Der Psalm spricht von Gottes Bund mit Jakob (Israel) und seinen Nachkommen. Von ihnen heisst es, vor dem Auszug aus Ägypten: „Da sie noch wenige Männer waren, erst kurz im Lande und Fremdlinge dort, wanderten sie von Volk zu Volk, von einem Königreiche zum andern. Er liess sie von niemand bedrücken und wies Könige um ihretwillen zurecht: Tastet meine Gesalbten nicht an…“ (v.12-14, ZÜ)
Die „Gesalbten“ sind hier also das ganze Volk Gottes! Nicht ein autoritärer Leiter, sondern das demütige Volk, das als Fremdling „von einem Volk zum andern“ wandert. Und zu wem sagt Gott: „Tastet meine Gesalbten nicht an“? Zu den Königen der anderen Völker! Wir haben hier also keine Grundlage für den Autoritarismus. Im Gegenteil, es ist eine Verheissung Gottes, dass er auch das einfachste Glied seines Volkes in Schutz nimmt vor den Misshandlungen der „Könige“.
Im Reich Gottes gilt kein Ansehen der Person, es gibt keine hierarchischen Privilegien. Jeder Christ, unabhängig von seiner Funktion im Leib Christi, ist nicht mehr als ein Bruder unter Brüdern (Mat.23,8). So soll er auch brüderlich zurechtgewiesen werden, wenn er sündigt oder falsch lehrt.

– „Man darf nie über einen Leiter schlecht reden.“

Zur Begründung werden biblische Warnungen vor Klatsch und Verleumdung genannt (Ps.15,3; Spr.16,28; 26,20). Autoritäre Leiter lehren, dass jeder, der etwas Schlechtes über sie sagt, die Sünde des „Klatsches“ oder der „Verleumdung“ begeht. Damit verhindern sie, dass Opfer von Missbrauch Hilfe suchen, und dass die Probleme offen diskutiert werden.
Die Wahrheit ist, dass die Wahrheit nie Verleumdung ist! Böse Taten sollen getadelt und ans Licht gebracht werden (Eph.5,11), ob der Täter ein „gewöhnliches Mitglied“ oder ein Leiter ist. – Paulus schreibt an Tiimotheus: „Alexander, der Schmied, hat mir viel Böses zugefügt; der Herr wird ihm nach seinen Werken vergelten. Und auch du hüte dich vor ihm! denn er hat unsern Worten grossen Widerstand geleistet.“ (2.Tim.4,14-15). Ist das „Klatsch“ oder „Verleumdung“? Nein, Paulus gibt Timotheus eine nötige Warnung. Auf ähnlich Weise spricht Johannes in seinem dritten Brief „schlecht“ von Diotrephes. Wenn jemand eine Gefahr für andere darstellt (z.B. weil er ein Sexualstraftäter oder ein Psychopath ist), dann müssen diese anderen gewarnt werden.

Ein ähnlicher Trick missbrauchender Leiter besteht darin, darauf zu bestehen, dass jede Konfrontation „privat“ zu erfolgen habe. Manchmal stellen sie sogar eine Menge von Vorbedingungen auf, bevor sie jemandem überhaupt erlauben, sie zur Rede zu stellen: „Bist du sicher, dass du selber ohne Schuld bist? – Hast du genau überprüft, ob alles, was du sagst, exakt den Tatsachen entspricht? – Ist deine Motivation rein, oder handelst du aus Bitterkeit?“ (Als ob es Sünde wäre, sich wegen einer erlittenen Misshandlung erbittert zu fühlen …)
Wenn diese Leiter selber alle diese Bedingungen erfüllen müssten, dann kämen sie nie dazu, ihre Leiterschaft auszuüben; denn sie selber konfrontieren, fordern, kritisieren und beschuldigen ihre „Untergebenen“ ständig, und aus ziemlich fragwürdigen Motiven. Aber in der Weltanschauung des Autoritarismus gelten die Regeln nur für „Untergebene“; die Leiter können tun, was sie wollen. Im Widerspruch zu allen biblischen Ermahnungen, die Person nicht anzusehen.

Ja, in Mat.18,15-17 heisst es, man solle den Täter zuerst privat konfrontieren, „wenn dein Bruder gegen dich sündigt“. Aber das gilt nicht in Fällen wie den folgenden:
– Wenn die Sünde öffentlich ist. Private Sünden sollen privat behandelt werden, aber öffentliche Sünden in der Öffentlichkeit. Deshalb musste Paulus Petrus vor allen Anwesenden zurechtweisen (Gal.2,14), weil dessen Heuchelei alle beeinflusst hatte. Dasselbe gilt für jemanden, der öffentlich falsche Lehren verbreitet: In diesem Fall ist es richtig, ihn öffentlich zu widerlegen.
– Wenn der Sünder ein Leiter ist, und es mindestens zwei oder drei Zeugen gibt. (1.Tim.5,19-20). In diesem Fall soll er öffentlich zurechtgewiesen werden.
– Wenn das Opfer sich in einer verletzbaren Situation dem Täter gegenüber befindet. Es ist ein wichtiges biblisches Prinzip, die Schwachen und Verletzlichen zu schützen. „Öffne deinen Mund für die Witwe, schaffe Recht allen verwaisten Kindern. Öffne deinen Mund zu gerechtem Spruch, und schaffe Recht den Elenden und Armen.“ (Spr.31,8-9, ZÜ). „… damit die Glieder alle sich umeinander kümmern“ (1.Kor.12,25). Es wäre unverantwortlich und nicht dem Geist Gottes gemäss, wenn z.B. verlangt würde, eine junge Frau solle den Mann, der sie vergewaltigt hat, privat und hinter verschlossenen Türen zurechtweisen. Keine Bibelstelle verbietet einem Opfer von Missbrauch irgendeiner Art, die Hilfe anderer Menschen in Anspruch zu nehmen, um sich gegen weitere Fälle von Missbrauch zu schützen.

– „Man muss dem Leiter gehorchen, auch wenn er im Irrtum ist.“

Zur Begründung wird oft die Geschichte von David und Saul zitiert. Als David sich in der Wüste versteckt hielt, hatte er zwei Gelegenheiten, Saul zu töten; aber er entschied, ihn zu verschonen (1.Samuel Kap.24 und 26). David sagte: „Nie werde ich meinem Gebieter, dem Gesalbten des Herrn, das antun, dass ich Hand an ihn legte; denn er ist der Gesalbte des Herrn.“ (1.Samuel 24,6 ZÜ). Und: „Denn wer könnte Hand an den Gesalbten des Herrn legen und bliebe ungestraft?“ (1.Samuel 26,9 ZÜ) Von daher lehren autoritäre Leiter: „David ordnete sich Saul unter, obwohl Saul böse handelte. So müssen sich auch die Christen ihren Leitern unterordnen, auch wenn die Leiter im Irrtum sind.“ Und: „Man darf einen Leiter nicht kritisieren; er ist der Gesalbte des Herrn.“

Entspricht diese Auslegung der Botschaft dieser biblischen Geschichten?

Erinnern wir uns, dass David ein Diener Sauls war. Aber als er verstand, dass Saul ihn töten wollte, floh er zu Samuel (1.Sam.19,11-19). Als Diener Sauls hätte er nicht weglaufen dürfen!
Erinnern wir uns auch, dass David eindeutig ein Rebell war in den Augen Sauls. Sonst hätte er ihn nicht verfolgt. Auch nachdem ihn David zum ersten Mal verschont hatte, sah Saul das offenbar nicht als ein Zeichen der Unterordnung an, denn er verfolgte ihn von neuem. Das zweite Mal sagte Saul: „Komm zurück, mein Sohn David, ich will dir forthin kein Leid mehr tun …“ (1.Sam.26,21 ZÜ). Aber David ging nicht mit Saul. Auch bei dieser Gelegenheit gehorchte David Saul nicht.
Trotzdem zeigt die ganze Geschichte klar, dass Gott auf der Seite des „rebellischen“ David stand und gegen „seinen Gesalbten“ Saul.
Betrachten wir nun die Worte „Hand anlegen an den Gesalbten des Herrn“. Es ging darum, dass Davids Leute Saul töten wollten. Aber einige heutige „Pastoren“ ertragen es nicht einmal, dass jemand sie mit Worten kritisiert: sofort beklagen sie sich, man „lege Hand an den Gesalbten des Herrn“. Zwischen Kritisieren und Töten ist ein riesiger Unterschied!
David kritisierte Saul sehr wohl, und das öffentlich: „Warum hörst du auf das Gerede der Leute, die da sagen: ‚Siehe, David sinnt auf dein Verderben‘? … Wen verfolgt doch der König von Israel? wem jagst du nach? einem toten Hund! einem Floh!“ (1.Sam.24,10.15-16 ZÜ)
Wenn wir also David als Beispiel nehmen, dürfen wir sehr wohl einen Leiter kritisieren, der verkehrt handelt. Und wir haben auch das Recht, einem solchen Leiter nicht zu gehorchen, wenn wir sonst sündigen oder Schaden erleiden müssten.

Ein letzter Aspekt: Wenn ein Leiter die angebliche „Unterordnung“ Davids als Beispiel darstellt, mit wem vergleicht er sich selber? Offenbar mit Saul, dem Verfolger, der selber Gott ungehorsam war. Wer also diese Geschichte benützt, um „Unterordnung“ zu lehren, verrät sich selbst als ein Rebell gegen Gott. Dieser selbe Saul verleumdete David und verdrehte die Tatsachen, als er zu seinen Dienern sagte: „…dass ihr euch alle wider mich verschworen habt und niemand es mir offenbarte, als mein Sohn sich mit dem Sohne Isais verbündete, und dass niemand unter euch Mitleid mit mir hatte und es mir offenbarte, dass mein Sohn meinen Knecht aufgestiftet hat, mir nachzustellen, wie es jetzt am Tage ist?“ (1.Sam.22,8 ZÜ)
So stellte Saul sich selbst als Opfer dar und David als den Angreifer, während es in Wirklichkeit umgekehrt war. So machen es auch viele autoritäre Leiter: Wenn jemand sich darüber beklagt, dass er von ihnen misshandelt wurde, oder sie zurechtweist wegen einer Sünde, dann sagen sie, sie seien Opfer einer „Verschwörung“ und des „Murrens“, und verlangen die Bestrafung des „Rebellen“, oder rufen die Strafe Gottes auf ihn herab und schliessen ihn aus.

Andere gebrauchen das Beispiel Sarahs, die auf Geheiss Abrahams lügen musste (1.Mose 12,11-13; 20,13). Das sei ein „gutes Beispiel der Unterordnung unter ihren Ehemann“. Sie sagen, „in diesem Fall verurteilt Gott Sarah nicht, denn sie war gehorsam; nur Abraham trägt die Verantwortung, weil er die Autorität ist.“ – Aber das Wort Gottes sagt nirgends, dass Sarah richtig gehandelt hätte mit ihrer Lüge! Dass eine Tat in der Bibel berichtet wird, bedeutet noch lange nicht, dass Gott diese Tat gutheisst. Und erst recht nicht, dass es eine Norm für das christliche Leben sei. Die Gebote Gottes sind klar: „Du sollst kein falsches Zeugnis geben“ – egal, wer einem das aufträgt. Und: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ – Das Wort Gottes ist auch klar darin, dass jeder gerichtet wird nach dem, was er selber getan hat: „Denn wir alle müssen vor dem Richterstuhl Christi erscheinen, damit jeder erhält nach dem, was er mittels des Körpers getan hat, sei es gut oder böse.“ (2.Kor.5,10). Vor dem Thron Gottes kann sich niemand herausreden: „Mein Mann hat mich geheissen“, oder „Mein Gemeindeleiter hat mich geheissen.“
Wohin dieser Autoritarismus in letzter Konsequenz führt, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg offenbar. Viele Nazi-Kriegsverbrecher verteidigten sich damit, sie hätten auf Befehl ihrer Vorgesetzten gehandelt. So tötet der Autoritarismus das Gewissen des Einzelnen ab und verwandelt ihn in ein willenloses Folterwerkzeug.

Steht fest in der Freiheit, für die uns Christus frei gemacht hat! – Teil 1

21. Februar 2019

Galater 5,1

Eine Untersuchung autoritärer Lehren und Praktiken in evangelikalen Kirchen und Organisationen

Historische Einleitung

Ich lebe im peruanischen Hochland. Diese Gegenden haben das Christentum in einer schrecklich verzerrten Form kennengelernt. Es kam im 16. Jahrhundert in Form eines Priesters, der nach Darlegung einiger biblischer Lehren den König, Inka Atahuallpa, mit folgender Forderung konfrontierte:
„Die Päpste, Nachfolger des heiligen Petrus, regieren über das ganze Menschengeschlecht. Alle Völker (…) müssen ihnen gehorchen. Ein Papst hat den Königen von Spanien alle diese Länder gegeben, um die Ungläubigen zu befrieden und sie unter die Herrschaft der katholischen Kirche zu bringen. (…) Deshalb müssen Sie, Herr, dem Kaiser tributpflichtig werden, die Verehrung der Sonne aufgeben und allen Götzendienst, der euch in die Hölle bringt, und müssen die wahre Religion annehmen.“

Statt ein Evangelium der Erlösung und Freiheit zu verkünden, wurde das Christentum als „Unterwerfung unter die Autorität“ des Königs und des Papstes vorgestellt. Hinter dem Priester Valverde stand der Eroberer Pizarro mit seiner Armee, um dieser Forderung mit Waffengewalt Nachdruck zu verleihen. Es folgten dreihundert Jahre der gewalttätigen Unterdrückung und Ausbeutung.

Das war auch das Jahrhundert des Ignatius von Loyola, der sich vorgenommen hatte, die Reformation zu bekämpfen, indem er eine „geistliche Armee“ ausbildete, die ihm, und dem Papst, in unbedingtem Gehorsam folgen würde. Ignatius verlangte Folgendes von seinen Jüngern:
„Um in allem richtigzugehen, sollen wir immer dafürhalten und glauben, dass das Weisse, was ich sehe, schwarz sei, wenn die hierarchische Kirche es so bestimmt.“ (Ignatius von Loyola, „Geistliche Übungen“)
Ignatius lehrte also, die „Autoritäten“ der Kirche hätten das Recht, die Wahrheit zu verdrehen, und die Gläubigen müssten ihnen gehorsam in ihrer Lüge folgen, selbst wenn die Lüge vor aller Augen offensichtlich sei. Das ist ein direkter Widerspruch gegen das Wort Gottes, welches sagt: „Wehe denen, die das Böse gut nennen und das Gute böse; die aus Licht Finsternis machen und aus Finsternis Licht; die das Bittere als süss darstellen und das Süsse als bitter!“ (Jesaja 5,20)

Ignatius sagte auch: „Wir sollen wie ein Kadaver sein, der von sich aus unfähig ist sich zu bewegen, oder wie der Stock eines Blinden[, in der Hand unserer Oberen].“ (Von daher kommt unser Wort „Kadavergehorsam“.) – Schon die mittelalterlichen Mönchsgelübde verlangten unbedingten Gehorsam den Oberen gegenüber; aber Ignatius zog diesen Gedanken ins Extrem.

Vergleichen wir damit die Auswirkungen des Wortes Gottes in den Ländern, die von der Reformation beeinflusst wurden. Das Grundprinzip der Reformation war, dass die Heilige Schrift oberste Autorität über die Lehre und Praxis der Christen ist. Nach diesem Prinzip konnte auch der einfachste Christ, wenn er biblische Gründe dazu hatte, jeden Leiter und jede „Autorität“ – selbst den Papst – zurechtweisen, wenn dieser entgegen dem Wort Gottes lehrte oder handelte. Obwohl die Reformatoren selber oft diesem Prinzip zuwiderhandelten, gab dies doch den „Laien“ eine nie dagewesene Macht, gegen jede unrechte Tyrannei aufzustehen. Ein Jahrhundert nach dem Sieg der Reformation begann man dieses Prinzip in den Bereich der Politik zu tragen; zuerst in England. Es wurde gelehrt (aufgrund von Bibelstellen wie 5.Mose 17,16-20 und Apg.5,29), dass selbst der König nicht nach Gutdünken regieren kann; er muss sich dem Gesetz unterwerfen. So entstand der moderne Rechtsstaat. Das neutestamentliche Modell einer Gemeinde, die von einem Ältestenkollegium geleitet wird (nicht von einem einzelnen Mann an der Spitze), welches seine Entscheidungen in Einmütigkeit trifft (siehe z.B. Apg.15), wurde zum Vorbild für die Einrichtung von Parlamenten. Anfangs des 19.Jahrhunderts kämpfte William Wilberforce auf biblischen Grundlagen für die Abschaffung der Sklaverei in England; Abraham Lincoln tat dasselbe in den USA.

In den reformierten Ländern führte also das allgemeine freie Erforschen der Bibel zu mehr Freiheit und Gerechtigkeit und zu einer besseren Ethik. In den spanischen Kolonien dagegen wurde die Bibel in der Hand eines autoritären Klerus dazu missbraucht, ganze Nationen zu versklaven. Dieser Autoritarismus prägt die peruanische Gesellschaft bis heute in allen ihren Bereichen. Selbst in den peruanischen evangelischen Kirchen wird das Christentum vorwiegend als „Unterwerfung unter die Autorität des Pfarrers“ verstanden. Der grundlegende Unterschied zwischen den Reformationsländern und den spanischen Kolonien besteht in den grundverschiedenen Auffassungen von „Autorität“.

Im vorliegenden Artikel (und den folgenden) habe ich hauptsächlich die evangelikalen Kirchen im Auge. Es ist meine Beobachtung, dass ein beträchtlicher Teil der Evangelikalen – auch in den Reformationsländern – den Boden der Reformation verlassen hat und zum römisch-katholischen Konzept zurückgekehrt ist, was die Auffassung von „Autorität“ betrifft.

Ansätze zu autoritären Lehren und Praktiken im evangelikalen Raum finden sich bereits in den Schriften von Watchman Nee. Meines Wissens war er es, der den Begriff der „geistlichen Abdeckung“ prägte. Weite Verbreitung fand der evangelikale Autoritarismus aber erst ungefähr ab den 1970er-Jahren. Auf der pfingstlich-charismatischen Seite war der Einfluss der amerikanischen „Shepherding“-Bewegung gross (deren Leiter, u.a. Derek Prince, aber bereits 1986 ihre Lehren und Praktiken widerriefen). Auf der „konservativen“ oder „Mainstream-„Seite beeinflussten Bill Gothard und seine Anhänger Zehntausende von Pastoren und Millionen von Gemeindegliedern mit ihren hyper-autoritären Lehren. Weitere verwandte Strömungen sind u.a. der calvinistische „Rekonstruktionismus“ oder „Dominionismus“; die charismatische „G12“; und eine neue „Königreichs-Lehre“ in gewissen Hausgemeinde-Kreisen.

Einige Autoren sehen im Autoritarismus der 1970er-Jahre eine Reaktion auf die 68er-Bewegung mit ihrer Ablehnung aller Autorität, welche die Evangelikalen zutiefst verunsicherte. Ein Kommentator sagte: „Wenn dein Haus brennt, dann fragst du den Feuerwehrmann nicht nach seinen Lehrüberzeugungen.“ Die Lehrer des Autoritarismus waren anscheinend solche „Feuerwehrmänner“, deren Lehren und Praktiken angesichts einer Notsituation unkritisch übernommen wurden. Erst später wurden die unheilvollen Folgen sichtbar: Tausende, vielleicht Millionen von Gemeindegliedern wurden bevormundet, psychisch zerstört, und in ihrem Glauben zutiefst verunsichert (man spricht von „geistlichem Missbrauch“). Und viele evangelikale Christen prüfen nicht mehr anhand der Schrift, was ihre Leiter lehren und praktizieren.

Was ist Autoritarismus?

Es gibt unterschiedliche Strömungen und Färbungen des evangelikalen Autoritarismus. Aber im wesentlichen kann er so zusammengefasst werden:

„Ein Christ muss sich seinen Leitern unterordnen und gehorchen, nicht nur in Angelegenheiten direkter biblischer Gebote, sondern in allem. Wenn ein Christ einen Leiter kritisiert oder ihm widerspricht, begeht er die Sünde der ‚Rebellion‘.“

Einige gehen noch weiter und sagen ausdrücklich, ein Christ müsse sich auch dann unterordnen und gehorchen, wenn seine Leiter in Sünde leben, oder wenn ihre Befehle unsinnig, schädlich, oder im Widerspruch zur Bibel sind.

Einige lehren zudem, die Unterordnung unter einen autoritären Leiter sei eine „Abdeckung“, die einen beschützt vor Versuchungen, teuflischen Angriffen, und Strafen Gottes.

In der Praxis führt das zu Situationen wie die folgenden:

– Eine Frau lässt sich von ihren Gemeindeleitern überzeugen, eine gutbezahlte Arbeitsstelle zu kündigen, um als Sekretärin der Kirche zu arbeiten, zu einem niedrigeren Lohn und ohne formellen Arbeitsvertrag. Nach mehreren Monaten wartet sie immer noch auf ihren ersten Lohn. Sie reklamiert bei den Leitern, aber diese sagen ihr nur, sie solle Geduld haben. Später stellt sie die Leiter wiederum zur Rede, zusammen mit zwei anderen Personen (nach Mat.18,16). Die Leiter machen ihr Vorwürfe, weil sie mit anderen Personen über die Angelegenheit gesprochen hat. Einige Zeit später wird sie wegen „Klatsch“ und „Rebellion“ entlassen.

– Der Kassier einer Kirche erhält Anweisungen von seinem Pastor, bestimmte Änderungen in der Buchhaltung durchzuführen. Bei der Überprüfung findet der Kassier Beweise für unrechtmässige Bereicherungen von seiten des Pastors, und versteht, dass die verlangten Änderungen dazu dienen sollen, diese Tatsachen zu verbergen, angesichts einer bevorstehenden Revision. Der Kassier getraut sich nicht, die Anweisungen in Frage zu stellen, da er weiss, dass er sonst als „ungehorsam“ unter „Gemeindezucht“ gestellt würde. Er erwägt zurückzutreten und zu einer anderen Gemeinde zu wechseln. Aber der Pastor droht ihm: „Wenn du das tust, dann verlierst du deine ganze geistliche Abdeckung, und fällst unter einen Fluch und unter den Einfluss des Teufels.“ Dadurch lässt sich der Kassier zwingen, sich zum Komplizen des Pastors zu machen, wenn auch mit einer riesigen Last auf seinem Gewissen.

– Die Leiter einer gewissen Kirche glauben sich dazu berufen, über allen Liebesbeziehungen und Heiraten der Mitglieder streng zu „wachen“. Sie verbieten ihnen, eine Paarbeziehung anzufangen oder zu heiraten ohne die Erlaubnis der Leiter. Sie trennen Dutzende von Liebes- und Brautpaaren, und zwingen sie, jemand anderen zu heiraten. Einige der betroffenen Personen verlassen die Kirche und verlieren ihren Glauben. Andere fügen sich den Leitern und erleiden später Schiffbruch in ihrer Ehe.

– In einer gewissen Kirche weiss jedermann, dass der Pastor eine Geliebte hat. Aber niemand getraut sich darüber zu sprechen, weil sie wissen, dass sie sonst unter „Gemeindezucht“ gestellt würden; denn es gilt als Sünde, den Pastor zu kritisieren. Die Kirche hat einen regionalen Rat, der gemäss dem offiziellen Organigramm über die örtlichen Pastoren wachen soll. Eines Tages konfrontiert der Regionalpräsident den Pastor mit seiner Sünde. Der Pastor berät sich mit einigen Leitern, die ihn unterstützen; beklagt sich über „Rebellion“ von seiten eines Mitarbeiters (womit der Regionalpräsident gemeint ist), und sie intrigieren gegen den Regionalpräsidenten, um ihn seines Amtes zu entheben.

In autoritären Organisationen kommt es oft vor, dass ein „Vorstand“ eingesetzt wird, um den Anschein einer Gewaltenteilung zu erwecken, während in Wirklichkeit der Vorstand keinerlei Macht hat, sondern vollständig vom autoritären Leiter abhängig ist.

(Die Beispiele beruhen auf mir bekannten authentischen Fällen, nur mit Änderungen einiger Details. Ich habe Kenntnis von noch schwerwiegenderen Fällen.)

In Familien, die von einer autoritären Strömung beeinflusst sind, kommen oft Kindsmisshandlungen und sexueller Missbrauch vor. Zudem wird eine „Schweigekultur“ gepflegt, um die Taten zu verheimlichen und zu verhindern, dass die Täter zur Rechenschaft gezogen werden. – In dieser Schrift ist nicht Raum, um auf diese Problematik einzugehen; ich beschränke mich im folgenden auf die Aspekte, die die Kirche betreffen.

Die erwähnten Beispiele zeigen bereits, dass der Autoritarismus schlechte Frucht bringt. In den folgenden Artikeln werden wir das auf etwas systematischere Weise untersuchen.

Die Haltung Davids gegenüber Saul: ein Beispiel bedingungsloser Unterordnung?

21. Juli 2012

Die biblische Geschichte von Saul und David wird oft von institutionellen religiösen Leitern dazu benutzt, den Christen zu sagen, sie müssten sich ihrem Leiter unterordnen, selbst wenn dieser im Irrtum ist. Die meistzitierten Stellen in diesem Zusammenhang sind die zwei Begebenheiten, wo David die Möglichkeit gehabt hätte, Saul zu töten, aber sich dazu entschied, ihn zu verschonen (1. Samuel Kapitel 24 und 26). David sagte: „Da sei Gott vor! Nie werde ich meinem Gebieter, dem Gesalbten des Herrn, das antun, dass ich Hand an ihn legte; denn er ist der Gesalbte des Herrn.“ (1.Sam.24,7) Und: „Wer könnte Hand an den Gesalbten des Herrn legen und bliebe ungestraft?“ (1.Sam.26,9).

Von daher sagen diese Leiter: „David ordnete sich Saul unter, obwohl Saul schlecht handelte. So müssen sich auch die Christen ihren Leitern unterordnen, selbst wenn diese im Irrtum sind oder sündigen.“ Und ebenso: „Man darf einen Leiter nie kritisieren, denn das bedeutete, an den Gesalbten des Herrn Hand anzulegen.“

Entspricht diese Auslegung dem Inhalt und der Lehre der erwähnten biblischen Geschichten?

Erinnern wir uns, dass David ein Diener Sauls war. Aber als er verstand, dass Saul ihn töten wollte, floh er zu Samuel (1.Sam.19,11-19). Da er im Dienst Sauls stand, hatte er kein Recht, davonzulaufen! – Nach diesem blieb David vorsätzlich dreimal dem königlichen Bankett fern, an dem er hätte teilnehmen sollen. (1.Sam.20,5-7, 24-30). Das würde bereits als eine höchst „rebellische“ Haltung eingestuft von manchen heutigen „Pastoren“, die von ihren Dienern (Mitarbeitern) verlangen, dass sie an allen Gemeindeveranstaltungen teilnehmen.

Erinnern wir uns auch, dass David in den Augen Sauls eindeutig ein Rebell war. Andernfalls hätte er ihn nicht verfolgt. (Andere Personen sahen den Fall ebenso. Nabal z.B. nannte David „einen Knecht, der seinem Herrn davonlief“, 1.Sam.25,10.) Auch nachdem David sein Leben verschont hatte, betrachtete Saul dies offenbar noch nicht als ein genügendes Zeichen seiner Unterordnung, und verfolgte ihn wiederum. Beim zweiten Mal sagte Saul zu David, er solle mit ihm zurückkehren, und versprach ihm, ihm kein Leid mehr anzutun (1.Sam.26,21). Aber David ging nicht mit Saul zurück. Auch in diesem Fall gehorchte er also Saul nicht.
Dennoch geht aus der ganzen Geschichte klar hervor, dass Gott auf der Seite des rebellischen David stand, entgegen „seinem Gesalbten“ Saul.

Sehen wir jetzt, was die Worte bedeuten, „Hand an den Gesalbten des Herrn zu legen“. Es ging darum, dass die Männer Davids ihm anrieten, Saul zu töten. Aber gewisse heutige „Pastoren“ ertragen es nicht einmal, dass jemand sie mit Worten kritisiert: sofort beklagen sie sich, man versuche, „Hand an den Gesalbten des Herrn zu legen“. Zwischen Kritisieren und Töten besteht ein himmelweiter Unterschied!
David kritisierte Saul sehr wohl, und das in aller Öffentlichkeit: „Warum hörst du auf das Gerede der Leute, die da sagen: ‚Siehe, David sinnt auf dein Verderben‘? … Wen verfolgt doch der König von Israel? wem jagst du nach? Einem toten Hund! einem Floh! So sei der Herr Richter und entscheide zwischen mir und dir; er sehe zu und führe meine Sache und schaffe mir Recht gegen dich!“ (1.Sam.24,9.14-15)
Dem Beispiel Davids folgend, haben wir also alles Recht dazu, einen Leiter zu kritisieren, der schlecht handelt. Und wir haben auch das Recht, einem solchen Leiter ungehorsam zu sein, wenn ihm zu gehorchen bedeuten würde, eine Sünde zu begehen oder Schaden zu erleiden.

Ein letzter Aspekt: Wenn ein Leiter seinen Nachfolgern die „Unterordnung“ Davids als Beispiel vorhält, mit wem vergleicht sich dann dieser Leiter selber? Offensichtlich mit Saul, dem Verfolger, dem König, der selber in Ungehorsam gegen Gott lebte. Dieser selbe Saul verleumdete David und seinen eigenen Sohn, und verdrehte die Tatsachen, als er zu seinen Dienern sagte: „… dass ihr euch alle gegen mich verschworen habt und niemand es mir offenbarte, als mein Sohn sich mit dem Sohne Isais verbündete, und dass niemand unter euch Mitleid mit mir hatte und es mir offenbarte, dass mein Sohn meinen Knecht angestiftet hat, mir nachzustellen, wie es jetzt am Tage ist?“ (1.Sam.22,8)
So stellte Saul sich selber als Opfer dar und David als den Angreifer, während es in Wirklichkeit genau umgekehrt war. So machen es auch viele dieser missbraucherischen Leiter: Wenn jemand sich beklagt, weil er von ihnen schlecht behandelt wurde, oder wenn jemand sie zurechtweist wegen einer Sünde, die sie begangen haben, dann sagen sie, sie seien Opfer einer „Verschwörung“ des „Murrens“, und verlangen, dass der „Rebell“ zensuriert werde, oder sie rufen die Strafe Gottes auf ihn herab und schliessen ihn aus.

Weit davon entfernt, ein Beispiel bedingungsloser Unterordnung darzustellen, lehrt uns die Geschichte von Saul und David vielmehr manches über das Verhalten von Leitern, die geistlichen (und anderen) Missbrauch begehen, und über das Leiden der Opfer solcher Leiter. Das Beispiel Davids zeigt uns dabei, was solchen Leitern gegenüber getan werden soll oder kann:
– Sich von ihnen fernhalten.
– Wenn nötig ihre schlechten Handlungen konfrontieren, aber aus einer sicheren Distanz heraus.
– Die Sache Gott anheimstellen und vertrauen, dass er gerecht richten wird.
– Keine Rache gegen solche Leiter planen noch versuchen ihnen zu schaden; sich ihnen aber auch nicht unterordnen.
– Ihnen keinerlei Vertrauen schenken, auch dann nicht, wenn sie versprechen sich zu ändern und eine „Versöhnung“ anbieten. Ein „Saul“ ist durchaus imstande, Reue zu heucheln, nur um danach wieder seinen alten Wegen gemäss zu handeln. (Siehe auch 1.Sam.15,17-35).

Die Opfer von Leitern im Stil Sauls müssen viel leiden. Aber sie dürfen wissen, dass Gott auf ihrer Seite steht und sie wiederherstellen wird, wenn sie fortfahren, ihm zu vertrauen.

Meine zweite Bekehrung (Teil 1)

20. Oktober 2009

Während der letzten Jahre habe ich so etwas ähnliches wie eine „zweite Bekehrung“ durchgemacht. Es ging dabei zwar nicht direkt um meine persönliche Beziehung zu Gott; aber im Rückblick sehe ich doch einen so tiefgreifenden Wandel in mir, dass der Vergleich angebracht ist. Es handelt sich, einfach gesagt, um meine Sicht von der christlichen Gemeinde und meine Beziehung zu ihr.

Schon vor vielen Jahren war ich Opfer von „geistlichem Missbrauch“ geworden – d.h. des Missbrauchs von Macht, die religiöse Leiter haben aufgrund ihrer „besonderen Stellung vor Gott“ und des daraus resultierenden Abhängigkeitsverhältnisses anderer Menschen von ihnen. (Es ist hier nicht Platz, dieses ganze Thema aufzurollen. Wer sich dafür interessiert, kann mit einer Internet-Suche nach „Geistlicher Missbrauch“ diesbezügliche Informationen finden.)

Ich dachte damals, bei den beteiligten Organisationen und Leitern handelte es sich um einige wenige „schwarze Schafe“. Einige der betreffenden Leiter hatten sich auch einige Jahre später bei mir für gewisses Fehlverhalten entschuldigt und mich in gewisser Weise vor ihrer Organisation „rehabilitiert“. Mir kamen deshalb damals noch keine grundsätzlichen Bedenken inbezug auf die gegenwärtigen Gemeinde- und Leiterschaftsstrukturen. – Einige Jahre später musste ich jedoch bei Gesprächen feststellen, dass sich die grundsätzliche Haltung der Leiterschaft jener Organisationen, inbezug auf den Gebrauch und Missbrauch von Macht, kaum geändert hat.

Dann machte ich auch einige merkwürdige Beobachtungen bei Kursen und Einsätzen in peruanischen Gemeinden. Wer hinderte die Jugendlichen an der Teilnahme? Wer war überhaupt nicht daran interessiert, dass das Evangelium verkündet würde? Wer gab mit seinem Lebensstil der Gemeinde ein schlechtes Beispiel? Wer waren die gleichgültigsten Kursteilnehmer? – Sehr oft die Gemeindeleiter.
Ich möchte hier gleich anfügen, dass es natürlich auch Ausnahmen gibt. Aber schon die Tatsache, dass gute Leiter „Ausnahmen“ sind und nicht die Regel, spricht Bände. Die fleissigsten, hingegebensten, lerneifrigsten Mitarbeiter waren meistens nicht diejenigen, die offizielle Verantwortung innehatten – und die auch nicht Aussicht hatten, demnächst in Verantwortung berufen zu werden. (Auch wieder mit Ausnahmen.)

Pastoren aus dem deutschen Sprachraum, die dies lesen, werden diese Zeilen (und das, was folgt) möglicherweise als den endgültigen Beweis ansehen, dass ich tatsächlich ein „Rebell“ sei. (Das war ihr Hauptvorwurf an mich gewesen, als ich es gewagt hatte, Gottes Richtlinien zu folgen statt den von Menschen aufgestellten.) Nun, falls dies ihre Vorstellung von einem Rebellen sein sollte, nehme ich den Titel gerne an; denn dann waren die Apostel auch Rebellen, als sie zu den religiösen Leitern sagten: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apostelgeschichte 5,29).

Schlussfolgerung so weit: Etwas ist grundsätzlich nicht in Ordnung in den Gemeinden – und zwischen Südamerika und Europa besteht in dieser Hinsicht kein grosser Unterschied, nur die kulturellen Schattierungen sind anders. Christliche Gemeinden, und deren Leiter, sind ihren Mitgliedern oftmals keine Hilfe, sondern sogar ein Hindernis davor, Gott näherzukommen.

Dann kam mir eine Statistik aus den USA in die Hände, die meine Beobachtungen bestätigte und weiterführte. Rund 12 Millionen evangelikale Christen in jenem Land besuchen keine Gemeinde – nicht weil sie vom Glauben abgefallen wären, sondern im Gegenteil, weil die Gemeinde ihnen zum Anstoss und Hindernis geworden war in ihrem Glaubensleben. Dasselbe Phänomen wird anscheinend in vielen anderen Ländern (vorwiegend den englischsprachigen) beobachtet.
Weiter: diese Ausgetretenen „um des Glaubens willen“ sind anscheinend nicht irgendwelche Mitglieder. 94% von ihnen hatten in ihrer Gemeinde eine Leiterschaftsstellung inne, und 40% waren vollzeitliche Mitarbeiter in der Gemeinde!
(Veröffentlicht bei: http://www.livenet.ch/www/index.php/D/article/108/16786/  )

Weitere Erinnerungen aus früherer Zeit vervollständigten das Bild. An meiner Bekehrung, meinem geistlichen Wachstum und meiner Ausbildung zum christlichen Dienst waren fast ausschliesslich Menschen und Gruppen von über- bzw. aussergemeindlichen Organisationen beteiligt; denominationelle Ortsgemeinden spielten kaum eine Rolle dabei.
Ich erinnerte mich auch an mein seinerzeitiges Gemeindepraktikum als Theologiestudent. Meine Zeit war weitgehend ausgefüllt mit Büroarbeiten, Sitzungen, Pflichtbesuch von Veranstaltungen, und ab und zu Ausarbeitung von Lehrunterlagen für den Pastor (etwa einmal im Monat auch für eine Lehre, die ich selber zu halten hatte). Zu „geistlichem Dienst“ hatte ich nicht mehr Gelegenheiten als in meinen vorherigen Freizeit-Verantwortungen.

Am Ende meines letzten Semesters als Bibelschullehrer (ich wusste damals noch nicht, dass es das letzte sein sollte), fragte ich die Schüler des ersten Jahrgangs nach ihrem geistlichen Leben. Alle(!) sagten, sie seien während des Semesters in ihrem geistlichen Leben zurückgegangen und hätten an Eifer für den Herrn abgenommen.

Schon an mindestens fünf verschiedenen Orten habe ich dieselbe Geschichte gehört: „Ja, früher, da war unsere Kirche voll, fast das ganze Dorf ist zu uns in den Gottesdienst gekommen. Aber sie sind alle zurückgefallen, heute sind wir, wenn es gut geht, noch etwa zehn Personen.“ (Wobei „früher“ sich jeweils auf eine Zeit vor zehn bis zwanzig Jahren bezieht; manchmal noch weniger.) – Wenn ich Gelegenheit dazu hatte, dann stellte ich jeweils zwei Fragen: „Haben sich diese Gottesdienstbesucher denn auch bekehrt? – Und habt ihr auch eure Kinder das Evangelium gelehrt und evangelisiert?“ – Die Antworten waren ungefähr: „Nun, sie sind zur Gemeinde gekommen, sie haben ein Übergabegebet gesprochen, sie haben sich taufen lassen…“ (Ist irgendetwas davon ein Beweis für eine echte Bekehrung?) – „Manchmal hatten wir Sonntagschule, aber manchmal war auch niemand da, der die Kinder unterrichten wollte…“ (d.h. die Kinder sind nicht so wichtig – oder würde man die Erwachsenengottesdienste auch ausfallen lassen, weil vielleicht gerade „niemand da ist, der den Gottesdienst leiten will“? Und ist „Sonntagschule haben“ schon gleichbedeutend mit „das Evangelium lehren und evangelisieren“?)
Dann sehe ich diejenigen Gemeinden an, die zur Zeit florieren (meistens sind es solche, die erst in jüngerer Zeit, etwa vor fünf bis zehn Jahren, gegründet wurden), und frage mich: Was für ein Fundament haben diese Gemeinden? Werden sie in ein paar Jahren dasselbe sagen müssen wie die anderen? Wieviele ihrer Mitglieder (und Leiter) gehören tatsächlich zu Jesus? Wird hier vielleicht auch einfach eine Art Luftballon aufgeblasen, der eines Tages platzt?

So wurde die Frage immer drängender: Was ist falsch mit der Gemeinde? Und wie wäre es denn „richtig“?

Dann fand ich ein Buch, das es gedruckt gar nicht gibt, aber es ist auf Englisch im Internet veröffentlicht: „The Secrets of the Early Church“ (Die Geheimnisse der Urgemeinde), von Andrew Strom (http://www.revivalschool.com ). Dieses Buch drückt vieles aus, was ich so oder ähnlich auch schon gedacht und geschrieben hatte; aber der Autor stellt es so in einen Zusammenhang, dass sich für mich ein viel klareres Bild ergab. – Gleichzeitig ist es so provokativ, dass Eure Pastoren Euch wahrscheinlich warnen werden, es nicht zu lesen. Sollte dies geschehen, dann habt Ihr eine Bestätigung, dass diese Botschaft wirklich wichtig ist.

Das Buch stellt „neun Lügen“ bloss, die in den heutigen Gemeinden sehr verbreitet sind und oft sogar als „biblische Wahrheit“ gelehrt werden, obwohl sie in Wirklichkeit der Bibel entgegengesetzt sind. Demgegenüber stellt der Autor das Bild der Urgemeinde, wie sie v.a. in der Apostelgeschichte beschrieben wird. Seine Grundthese ist: Die Berichte der Apostelgeschichte (zusammen mit den Anweisungen in den Briefen) sind nicht nur als Berichte über eine vergangene Epoche aufzufassen, sondern als normative Richtlinien für die Gemeinde heute. Die heutigen Formen der evangelikalen Gemeinden (und erst recht der liberalen Landeskirchen) sind meilenweit von diesen Richtlinien entfernt. Zeiten der Reformation und Erweckung bestehen darin, dass die Gemeinde vorübergehend diesem Urbild wieder ein wenig näherkommt; aber selbst die historisch bezeugten Erweckungen blieben noch weit entfernt davon.

Eine „theoretische Grundlage“ hatte ich also, zumindest der Spur nach. (Auch wenn meine offene Fragen mir noch Stoff geben für viele Wochen des Bibelstudiums.) Viel wichtiger, und schwieriger, war aber die nächste Frage: Wie können wir praktisch dem Standard der Apostelgeschichte wieder näherkommen?

Eine ebenso naheliegende wie abgegriffene Antwort war: „Beten und den Herrn suchen“. Das habe ich in den vergangenen Jahren auch ausgiebig getan; meistens allein, ab und zu auch mit meiner Frau und (seltener) mit anderen Christen. Aber es musste einfach noch etwas mehr geschehen. Ich hatte (und habe) mittlerweile ein so starkes Verlangen nach „wirklicher Gemeinde“, dass ich mich nicht einfach damit zufriedengeben konnte und kann, in den bestehenden Strukturen weiterzugehen und zu warten, bis irgendwann einmal Gott etwas verändert.

Unsere Erfahrungen an der Bibelschule brachten mich zu einer ziemlich radikalen Schlussfolgerung. Ich musste dort eine derartige Häufung von Fällen von krasser Unehrlichkeit und Unmoral mitansehen – öfters ohne jegliche Folgen für die Schuldigen -, dass der Schluss naheliegend war, manche Bibelschüler, und auch Lehrer, seien in Wirklichkeit gar keine Christen. (Es geht ja nicht darum, dass ein Christ „perfekt“ sein soll; aber dass er Sünde klar bekennen und hinter sich lassen kann, statt zu versuchen, sie zu vertuschen.)
Zudem macht es die Struktur einer Bibelschule, mit ihrem Schwergewicht auf verstandesmässigem Wissen und Reglamentsgehorsam, sehr schwierig, solche Fälle wirklich auf persönlicher Ebene aufzuarbeiten. Und von den Gemeinden (ich habe oben die Situation ein wenig beschrieben) kann dies erst recht nicht erwartet werden. Diejenigen Aktivitäten, wo wirkliche geistliche Ergebnisse zu sehen waren, waren jene, die abseits der bestehenden „Gefässe“ von Bibelschule und Gemeinden stattfanden! (Z.B. eine unoffizielle sogenannte „Teenager-Bibelschule“, die wir eine Zeitlang führen konnten, bis die Leiter sie wieder auflösten.) – Eine ähnliche Erfahrung machten Bibelschüler, die in ihren Gemeindepraktika versuchten, z.B. Teenager geistlich weiterzuführen: Anfangs sehen sie oft Anzeichen von Erneuerung und Erweckung, aber dann kommen die Leiter und „bremsen“.

Fazit: Es ist nicht möglich, geistliche Erneuerung innerhalb der bereits bestehenden organisierten Strukturen zu verwirklichen.

Zu dieser – auf den ersten Blick übertrieben klingenden – Einsicht sind in Wirklichkeit fast alle Reformatoren und Erweckungsprediger der Vergangenheit früher oder später gekommen!
Bei einem kurzen Überflug der Kirchen- und Erweckungsgeschichte fiel mir bald eine eigenartige Gesetzmässigkeit auf: Die meisten Reformatoren und Erweckungsprediger begannen ihren Dienst innerhalb einer Kirche oder Bewegung, die aus einer vorhergegangenen Erweckung hervorgegangen war. Aber irgendwann kam ein Punkt, wo sie ihrer Kirche zu radikal wurden und es zu einem Bruch kam.
Martin Luther war ein katholischer Mönch und Priester. Zumindest am Anfang der Reformation dachte er nicht im Entferntesten daran, eine andere Kirche zu gründen; er wollte die katholische Kirche als solche reformieren. Aber je mehr er die Gedanken der Reformation verbreitete, desto „untragbarer“ wurde er für die Kirche, bis er schliesslich exkommuniziert wurde. So begann etwas Neues: die reformierten Kirchen.
John Wesley begann seinen Dienst in der anglikanischen Kirche; also einer Kirche, die aus der Reformation hervorgegangen war. Aber auch er musste bald feststellen, dass die Kirche seinen Erneuerungsversuchen nicht wohlgesinnt war. Wiederum entstand etwas Neues: die methodistische Bewegung (die mit der Zeit dann auch zu einer „Kirche“ wurde).
William Booth war ein methodistischer Prediger. Aber die Methodisten seiner Tage (Wesley war längst tot) konnten seine Vision nicht teilen, das Evangelium auf die Strasse hinaus und zu den Bedürftigen zu tragen. So brauchte auch hier der „neue Wein“ wieder ein „neues Gefäss“, und die Heilsarmee entstand.
Aus der Heilsarmee wiederum ging z.B. Smith Wigglesworth hervor, der aber nicht als Heilsarmist, sondern als Prediger der Pfingstbewegung bekannt wurde. – Und wenn ich jetzt Männer Gottes nennen würde, die sich von den heutigen Pfingstgemeinden trennen mussten, weil es dort zu eng war, dann würden sich meine pfingstlichen Freunde vermutlich ärgern…

Wir sehen also, dass die Träger fast jeder neuen Erweckung abgelehnt und oft sogar vefolgt wurden von den Trägern genau jener vergangenen Erweckung, aus deren Schoss sie selber hervorgegangen waren.

(Fortsetzung folgt)