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Der grosse Beginn der neutestamentlichen Gemeinde (Apostelgeschichte 2)

29. April 2017

(Petrus sagte): ‚… So soll das ganze Volk Israel mit Gewissheit erkennen, dass Gott ihn zum Herrn und Gesalbten gemacht hat, diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt.‘
Als sie das hörten, wurden ihre Herzen [schmerzhaft] durchbohrt, und sie sagten zu Petrus und den übrigen Aposteln: ‚Was sollen wir tun, ihr Brüder?‘
Und Petrus sagte zu ihnen: ‚Kehrt um, und jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen von Jesus dem Christus zur Vergebung der Sünden, so werdet ihr das Geschenk des Heiligen Geistes erhalten. Denn für euch ist die Verheissung und für eure Kinder und für alle, die ferne sind, so viele der Herr unser Gott zu ihm rufen wird.‘ Und mit vielen weiteren Worten bezeugte er feierlich und ermutigte sie: ‚Lasst euch retten aus dieser verkehrten Generation!‘ So nahmen sie bereitwillig sein Wort auf und liessen sich taufen; und an jenem Tag wurden etwa dreitausend Seelen hinzugetan.“
(Apostelgeschichte 2,36-41)

Lasst uns einige Kennzeichen der Urgemeinde ansehen, wie sie in diesem Abschnitt ersichtlich sind.

Die neutestamentliche Gemeinde besteht aus wiedergeborenen Christen.

Dieses Kennzeichen unterscheidet die neutestamentliche Gemeinde von allen Organisationen, Institutionen und Gruppen dieser Welt. Beobachten wir, wie Gott wirkte, um die erste Gemeinde zu begründen:

Zuerst goss er den Heiligen Geist über die hundertzwanzig versammelten Jünger aus. (Apg.2,1-6). Das geschah mit sicht- und hörbaren Zeichen, sodass die Menschen in Jerusalem erkennen mussten, dass es sich um ein Werk Gottes handelte.

Dann, nachdem Petrus diese Erscheinungen erklärt und die Auferstehung Jesu bezeugt hatte, wurden viele Anwesende von ihrer Sünde und ihrer Erlösungsbedürftigkeit überführt: „Als sie das hörten, wurden ihre Herzen [schmerzhaft] durchbohrt, und sie sagten zu Petrus und den übrigen Aposteln: ‚Was sollen wir tun, ihr Brüder?‘ “ (Apg.2,37) – In diesem Moment tat der Heilige Geist sein Werk an den Zuhörern, wie Jesus es in Johannes 16,8 versprochen hatte: „Und wenn er (der Heilige Geist) kommt, wird er die Welt überführen von Sünde, von Gerechtigkeit und vom Gericht …“
Worin genau besteht die Überführung von Sünde? – Jesus fährt weiter: „Von Sünde, weil sie nicht an mich glauben.“ (Joh.16,9). – „An Jesus glauben“ ist viel mehr als nur glauben, dass er einmal lebte und für uns starb. Es ist viel mehr als nur verstandesmässig damit einverstanden zu sein, dass Jesus der Sohn Gottes ist. Am Pfingsttag konfrontierte Petrus (unter der Leitung des Heiligen Geistes) seine Zuhörer mit zwei spezifischen Punkten:

1. „Diesen (Jesus) habt ihr genommen und von den Gesetzlosen beseitigen lassen, indem sie ihn ans Kreuz nagelten.“ (Apg.2,23)

2. „So soll das ganze Volk Israel mit Gewissheit erkennen, dass Gott ihn zum Herrn und Gesalbten gemacht hat, diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt.“ (Apg. 2,36)

Zuerst also machte der Heilige Geist die Anwesenden für den Tod Jesu verantwortlich. Das war eine ziemlich skandalöse Anschuldigung, denn das waren ja nicht die Anhänger der Priester, die mit ihnen zusammen geschrieen hatten: „Kreuzige ihn!“. Im Gegenteil, wir müssen annehmen, dass sich unter den Dreitausend von Pfingsten viele befanden, die vorher schon Jesus nachgefolgt waren und seine Worte gehört hatten. (Wir erinnern uns, dass Jesus bei einer Gelegenheit fünftausend Menschen zu essen gegeben hatte, die alle gekommen waren, um ihm zuzuhören.) Menschlich gedacht, hätten viele von ihnen Grund gehabt zu protestieren: „Aber ich war mit seiner Kreuzigung nicht einverstanden!“
Doch das Wort „durchbohrte ihre Herzen“. Gott zeigte ihnen, dass in einem gewissen Sinn sie alle mitschuldig waren am Tod Jesu. Jesus war für die Sünden der ganzen Welt gestorben, die deinen und die meinen. Wenn du und ich nicht gesündigt hätten, dann hätte Jesus nicht sterben müssen.
Die Überführung von Sünde, die der Heilige Geist bewirkt, geht viel tiefer als ein gelegentliches schlechtes Gewissen wegen einer Lüge oder weil man jemanden schlecht behandelt hat. Der Heilige Geist offenbart dir, dass jede einzelne dieser „kleinen Sünden“ dich am Tod Jesu mitschuldig macht.

Gab es einen Moment in deinem Leben, als du von dieser schrecklichen Wahrheit überführt wurdest? Hat dir der Herr schon die Augen geöffnet für den Zusammenhang zwischen deiner Sünde und dem Tod Jesu?

Punkt 2 hängt mit der Auferstehung zusammen. (Siehe die vorhergehenden Verse, Apg.2,30-35.) Aber das ist kein oberflächlicher Trost: „Gott sei Dank, nun ist alles wieder gut.“ Im Gegenteil, die Auferstehung Jesu offenbart den Zuhörern eine weitere grosse und erschreckende Wahrheit: Nun steht fest, dass Jesus wirklich der Herr ist, der verheissene Messias, der König des Universums. Er war nicht einfach irgendein Unschuldiger, der da am Kreuz hing. Er ist der König und Herr, dem wir alle Treue und Gehorsam schulden. Wir haben nicht nur seine Herrschaft ignoriert; wir haben ihn verraten und getötet!

Es überrascht daher nicht, dass die Zuhörer an jenem Tag zutiefst erschraken. Es ging nicht einfach um eine „kleine Entscheidung“, sich einer religiösen Gruppe anzuschliessen, oder „ein Übergabegebet zu sprechen“. Jene Dreitausend sahen sich vor dem Thron der allerhöchsten Majestät stehen, des Hochverrats angeklagt. Beim oberflächlichen Lesen stellt man das vielleicht nicht fest; aber ihre Frage „Was sollen wir tun?“ drückt äusserste Verzweiflung aus: Wir sind für ewig verloren. Gibt es noch irgendeine Möglichkeit, dem Gericht Gottes zu entrinnen und begnadigt zu werden?

Hast du je einmal einen Eindruck von der wahren Macht und Majestät Gottes erhalten? Ist dir wirklich bewusst, was es bedeutet, dass er DER HERR ist?

Wir sehen hier, dass die Praxis und Erfahrung vieler heutiger Kirchen, auch der Evangelikalen, weit vom Neuen Testament entfernt ist. Sünder werden aufgefordert, „ein Übergabegebet zu wiederholen“, obwohl sie noch keinerlei Überführung durch den Heiligen Geist erfahren haben und ihre Sünden nicht wirklich bereuen. In ihrem Eifer, neue Mitglieder zu gewinnen, bringen manche Prediger nicht die Geduld auf zu warten, bis der Heilige Geist sein Werk in einem Menschen tut (was Tage, Wochen, oder auch Monate dauern kann). So füllen sich die Kirchen mit unwiedergeborenen Namenschristen.
Wer wirklich vom Heiligen Geist überführt wurde, dem muss niemand sagen: „Komm nach vorne“ oder „Sprich mir dieses Gebet nach.“ Durch das Werk des Heiligen Geistes sieht sich diese Person bereits vor dem Thron Gottes. Sie wird von selber ausrufen: „Was muss ich tun, um gerettet zu werden?“

Nun verstehen wir besser das grosse Gewicht der Antwort, die Petrus gibt: „Kehrt um!“ (Apg.2,38) Oder, nach dem wörtlichen Sinn übersetzt: „Ändert euer Denken radikal!“ Biblische Umkehr ist eine vollständige Änderung unserer Art zu leben, zu handeln und zu denken. Der „natürliche Mensch“, der nicht zur Umkehr gekommen ist, ist ein Bürger dieser Welt. Er dient dieser Welt, sich selber, und dem Teufel. „Umzukehren“ bedeutet, die Nationalität zu wechseln, nicht nur symbolisch, sondern ganz real. Es bedeutet, zu einem Bürger des Reiches Gottes zu werden und zu einem Diener des Königs, ganz unter seinem Befehl. Wie Jesus sagte: „Wenn jemand mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich, und folge mir. Denn jeder, der sein Leben retten will, wird es verlieren; und jeder, der sein Leben verliert um meinetwillen, wird es finden.“ (Matthäus 16,24-25). – Oder wie es Paulus ausdrückte: „Durch ihn (Jesus) ist mir die Welt gekreuzigt und ich der Welt.“ (Galater 6,14) – Zu einem geringeren Preis kann man nicht ins Reich Gottes eintreten.

Um es noch klarer zu sagen: Biblische Umkehr hat nichts mit religiösen Riten zu tun, auch nicht mit „Gottesdiensten“ und Worten der Anbetung, auch nicht mit der Mitgliedschaft in einer Institution, die sich „Kirche“ oder „Gemeinde“ nennt.
Biblische Umkehr bedeutet, mein ganzes Leben unter die Herrschaft Jesu zu stellen. Ich verzichte auf meine Art zu leben, und beginne so zu leben, wie Christus mir befiehlt. Ich verzichte auf meine Art, meiner Familie vorzustehen, und mache es so, wie Christus sagt. Ich verzichte auf meine Art, meine Kinder zu erziehen, und erziehe sie so, wie Christus sagt. Ich verzichte auf meine Art zu arbeiten und Geschäfte zu machen, und mache es so, wie Christus sagt. Ich verzichte auf meine Freunde und meine Art, mit ihnen umzugehen, und lasse den Herrn darüber entscheiden, mit wem ich mich zusammentun soll und wie ich sie behandeln soll. Ich verzichte auf meine Art der Freizeitgestaltung und mache mit meiner Freizeit, was der Herr sagt. Ich verzichte auf die Mittel dieser Welt für meinen Lebensunterhalt, und setze mein ganzes Vertrauen auf Gott als meinen Versorger. Ich verzichte auch auf meine Ideen darüber, was „Kirche“ oder „Gemeinde“ ist, und unterstelle mich den Anweisungen des Herrn für die Gemeinschaft unter seinen Nachfolgern.

All das und noch viel mehr ist inbegriffen in dem kurzen Wort: „Kehrt um!“

Die Urgemeinde bestand aus Menschen, die ihr Leben auf diese radikale Weise geändert hatten.

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David und Goliath – Eine endzeitliche Perspektive

19. September 2016

Von Hadyn Olsen, Neuseeland

Kürzlich, nachdem ich die Geschichte des historischen Zusammentreffens zwischen David und Goliath gelesen hatte, war ich betroffen über die Bedeutung dieser Botschaft für die endzeitliche Periode, in die wir eintreten.

Viel mehr als eine Kindergeschichte, spricht diese Geschichte vom Zusammenprall zweier Reiche. Das Reich Gottes und das Reich satans.

Die Heiligen Schriften bezeugen mehrere solche dramatischen Zusammenstösse zwischen diesen beiden Reichen. Denken wir an die Zeit Moses und den Auszug aus Ägypten, die Plagen, und das Rote Meer. Denken wir an Josua vor Jericho; oder an Elias auf dem Karmel. Und da ist natürlich der Herr Jesus selber und die vielen Gelegenheiten, wo er die Macht des Königreiches unter Beweis stellte.

In all diesen Ereignissen sehen wir etwas von der Natur dieser entgegengesetzten Reiche, und von der Überlegenheit des Reiches Gottes über das Reich satans. Wir können auch etwas lernen über unser eigenes Leben und über den Konflikt, dem wir selber täglich gegenüberstehen. Jedes dieser historischen Ereignisse kann uns Dinge lehren, die Gott uns wissen lassen möchte; und über den Sieg, den er mit uns teilen möchte.

Wir werden einen weiteren grossen Zusammenstoss zwischen Gottes Reich und dem Reich satans erleben. Zweifellos wird er ebenso gross, oder sogar noch grösser sein, als alle vorhergehenden. Und dann wird Gott einmal mehr seine alles überragende Grösse und seine Macht über satan zeigen.

Auf dieses Ziel hin ruft unser Geist aus: „Komm, Herr Jesus!“

Wenn wir in 1.Samuel 17 über die Schlacht zwischen David und Goliath lesen, können wir zuallererst sehen, dass es drei Hauptpersonen gibt, die drei verschiedene „Völker“ repräsentieren.

Da ist Goliath und die Philister. Sie stellen die Welt dar; oder genauer, die unerlösten, rebellischen Menschen. Sie können beschrieben werden mit „Der Geist dieser Weltzeit“.

Da stehen sie, herausfordernd und spottend. Absichtlich und arrogant stossen sie Beleidigungen gegen Gott und sein Volk aus. Sie repräsentieren den Menschen, voll von seiner eigenen Macht und Herrlichkeit.

Das ist die voll ausgereifte Frucht vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse: Der Stolz des Lebens, der herablassend auf Gott hinunterblickt. Die Fülle des Menschen, der „wie Gott“ sein möchte und sogar alles, was Gottes ist, zerstören möchte in seinem Drang, die Erde zu beherrschen.

Wir bemerken in der Beschreibung Goliaths wiederholt die Zahl sechs, die Zahl des Menschen. Er war sechs Ellen gross; seine Rüstung bestand aus sechs Stücken; und seine Lanzenspitze wog sechshundert Schekel. Wir könnten sagen, er repräsentiert alles, was im Begriff „Antichrist“ enthalten ist, so wie er dasteht, Gott lächerlich macht, und Gottes Volk zum Kampf herausfordert.

Wenn wir die heutige Welt ansehen, dann sehen wir, dass sich Goliath wiederum zum Kampf rüstet. Wir hören wieder die Herausforderung: „Wo ist euer Gott?“, und die Beleidigungen, die über die Gemeinde Jesu spotten und sie zur Konfrontation herausfordern. Das war schon immer das Wesen des antichristlichen Geistes.

Die zweite Hauptperson in dieser Geschichte ist König Saul und sein Heer. Diese Gruppe repräsentiert das Volk Gottes, aber unter der Herrschaft des Fleisches.
Sie sind ein geschlagenes Heer. Da stehen sie Goliath gegenüber, ängstlich, eingeschüchtert, ohne Salbung oder Kraft von Gott.

Wir mögen fragen: „Warum? Wie kann das sein?“

Wie kann das Volk Gottes sich in einer solchen Situation und in einer solchen Verfassung befinden? Die Antwort ist: Obwohl sie das Volk Gottes sind, werden sie immer noch vom Geist dieser Weltzeit beherrscht. Sie stehen unter der Herrschaft Sauls – die Herrschaft des Fleisches.

Lasst uns sie ansehen. Da stehen sie in ihrer ganzen weltlichen Rüstung. Sie sind ausgerüstet mit allem, was die Welt für wertvoll ansieht. Sie haben ihre Pferde und Wagen und fleischlichen Waffen – und natürlich haben sie ihren König, der so hoch über alle anderen erhoben steht. In so mancher Hinsicht sehen sie genau wie alle anderen Völker aus.

Ich kann nicht umhin mich zu fragen, wie viele unserer Denominationen und kirchlichen Organisationen genau wie die Armee Sauls sind. Sie sind voll von den Wegen der Welt, und ihre Macht kommt vom Geld, von Organisation, und von der Kraft des Fleisches. Wir sehen in ihnen denselben Geist dieser Welt, der sich selbst anpreist mit Werbetricks, Verkaufstechniken und allen Arten menschlicher Gewandtheit.

Es gibt noch eine weitere charakteristische Eigenschaft der „Saulskirche“: Ungehorsam gegen das Wort Gottes.

König Saul kümmerte sich mehr um den äusserlichen Anschein von Erfolg und Macht, als um den Gehorsam Gottes Wort gegenüber. Er gehorchte Gott, solange es ihm diente, und so lange sein eigener Ehrgeiz und sein eigener Wunsch, in den Augen des Volkes erfolgreich zu sein, nicht in Gefahr standen.

Dasselbe sehen wir heute in den Denominationen. Erfolg, Macht, und äussere Erscheinung sind die wichtigsten Kriterien. Gottes Willen und seine Ziele werden oft kompromittiert zugunsten von menschlichen Interessen und menschlichen Traditionen.

Deshalb werden sie an dem Tag, wo Goliath sie konfrontiert, alleingelassen werden. Sie werden entdecken, dass nach den Massstäben dieser Welt Goliath viel mächtiger ist als sie, und dass sie gegen ihn keine Chance haben.

Wie erschreckend wird jener Tag sein … auch wenn sie heute noch so erfüllt sind von ihrer eigenen Kraft, und hypnotisiert von ihrem eigenen Lobpreis und ihren positiven Bekenntnissen.

Dank sei Gott, gibt es eine dritte Gruppe in dieser Geschichte. Sie wird durch David repräsentiert.

Ja, David war einer vom Volk Gottes. Aber er gehörte nicht zu Sauls Armee. Ebenso gibt es auch heute eine dritte Gruppe. Sie sind überall zerstreut. Sie haben keinen besonderen Ort und keine besondere Organisation, die sie ihr eigen nennen könnten. Aber sie sind ausgesondert durch zwei besondere Kennzeichen:

Sie haben ein Herz nach Gottes Herz, und … sie gehören nicht zu König Saul.

Diese „David-Gruppe“ ist klein, unbedeutend, unbeeindruckend und unwichtig; genauso wie David damals. Aber Gottes Hand liegt auf ihnen.

David hütete seine Schafe draussen in der Wüste, als ihn der Ruf erreichte, aufs Schlachtfeld zu gehen. Er tat, was Gott seiner Obhut anvertraut hatte – obwohl es etwas Unbedeutendes und nach aussen hin Unwichtiges war.

Ebenso fragen auch heute manche: „Was tust du für Gott? Was ist dabei herausgekommen, dass du das System verlassen hast?“ Sie messen alles nach äusserlichen Kriterien und verbringen ihre Leben damit, umherzurennen und grosse Dinge für Gott zu organisieren, aber letzten Endes erreichen sie damit wenig.

David kannte Sauls Wege nicht. Er hatte keine von Sauls Vorbereitungsschulen besucht. Er wusste nicht einmal, wie man eine Rüstung saubermacht; geschweige denn, wie man sie in der Schlacht benützt. Alles, was David wusste, hatte er draussen in den gewöhnlichen Umständen des täglichen Lebens gelernt. Er hatte die einfachen Dinge wie Wahrheit, Liebe und Treue gelernt. Er hatte gelernt, jeden Tag mit Gott zu leben.

Aber das ist der Weg Gottes. Er nimmt immer die niedrigen Dinge, die närrischen Dinge, und die Dinge, die nichts gelten, um jene zunichte zu machen, die etwas gelten.

Ebenso bereitet Gott auch heute ein Volk zu. Sie gelten gegenwärtig nichts. Einige von ihnen haben die Denominationen verlassen; andere befinden sich noch in ihnen und fragen sich, warum sie sich dem allem nicht mehr zugehörig fühlen. Sie können sich nicht mehr für das neuste Seminar oder die neuste Evangelisationsmethode begeistern. Stattdessen seufzen und weinen sie über den Mangel an Gottes Gegenwart in der Gemeinde; und sie trauern über die Art und Weise, wie menschliche Macht diesen Mangel ausgefüllt hat.

Als David auf dem Schauplatz erschien, unterstützte ihn keine Organisation. Er hatte keine Ausweise oder Empfehlungsschreiben. Er hatte nur die Salbung. Gott wusste, wo er David haben wollte. Gott brachte die Dinge zusammen, so wie er es immer tut … als die Zeit erfüllt war.

David konnte vor Goliath standhalten, weil Gott mit ihm war. Nicht mehr und nichts weniger. Sein Geist stand furchtlos auf gegen dieses Monster. Er wusste, dass ein noch viel Mächtigerer an seiner Seite stand.

Als David zu Goliath sprach, um ihn herauszufordern, war es vielmehr Gott selber, der sprach.

Als David den Stein nahm und ihn in seine Schleuder legte, war es Gott, der ihn auswählte und vorbereitete.

Als David den Stein gegen sein Ziel schleuderte, da war es wiederum Gott, der ihn an die richtige Stelle lenkte.

So ist aller echte Dienst für Gott. Es ist Gott im Menschen, der die Arbeit tut und die Frucht hervorbringt.

Viele heutzutage versuchen, grosse Dinge für Gott zu tun. Sie benützen alle Ressourcen dieser Welt, um es zu schaffen. Aber Gott tut es nicht. Sie denken, menschliche Anstrengung sei der Schlüssel zu göttlicher Fruchtbarkeit. Sie haben Gottes Weg völlig verfehlt.

Gott wünscht sich ein Volk, das gestorben ist gegenüber den Wegen der Menschen und gegenüber den Methoden der Menschen, was die Arbeit des Reiches Gottes betrifft. Er bereitet ein Volk vor, das bereit ist, auf ihn zu warten, und sich so zu bewegen, wie er sie bewegt, und zu arbeiten gemäss seiner Kraft, die mächtig in ihnen wirkt.

Es mag lange dauern, bis Gott einen Menschen zu dieser Haltung bringt … aber Gott hat Zeit.

Der Tag des grossen Konflikts wird kommen. Zu welcher Gruppe wirst du gehören? Zu Goliath? oder zu König Saul? … oder zu David?

Heute mag das schwer zu sagen sein; aber der Tag wird es ans Licht bringen. Das steht fest. Der Tag wird es ans Licht bringen. Denn dann werden wir uns an dem Platz befinden, den unser Herz sich ausgesucht hat.

Lasst uns heute den Herrn anrufen, solange es noch heute ist … Lasst uns ihn bitten, unsere Herzen zu verändern und uns zur Gruppe Davids zu führen. Mögen wir danach trachten und es lernen, mit Gott zu gehen und treu zu sein in allem, was er uns zu tun befiehlt. Mögen wir die Wege der Demut lernen und damit zufrieden sein, einfach jeden Tag vor ihm zu leben. Mögen wir uns auch ständig vor den Wegen Sauls hüten.

Gott sei gelobt für seine alles überragende Grösse und Herrlichkeit.

 


Anm.d.Ü: Ich denke, die ganze Geschichte von David und Saul ist eine grossartige Illustration mit vielen Anwendungen auf die Beziehung zwischen dem echten Volk Gottes und dem kirchlichen System der Namenschristen. (Siehe auch: „Die Haltung Davids gegenüber Saul: ein Beispiel bedingungsloser Unterordnung?“
In einem Punkt habe ich jedoch eine andere Perspektive als der vorliegende Artikel. Ich glaube nicht, dass die letzte Etappe der Endzeit durch eine Konfrontation zwischen „Goliath“ und „Saul“ gekennzeichnet sein wird. Im Gegenteil glaube ich, dass in der letzten Etappe „Saul“ und sein ganzes Heer sich auf „Goliaths“ Seite geschlagen haben wird, um gemeinsam „David“ zu bekämpfen. Die Anfänge dieser Entwicklung sind bereits sichtbar; die institutionellen Kirchen sind bereits stark infiltriert von Gedanken und Agenten des Antichristen. „Antichrist“ bedeutet wörtlich „Anstelle von Christus“. Der Antichrist versucht (meistens) nicht, das Christentum frontal zu bekämpfen; er versucht, es durch seine eigene Fälschung zu ersetzen. Die Religion des Antichristen wird sich „Christentum“ nennen.

Der Dispensationalismus – Theologie aus zweifelhafter Quelle (Teil 2)

24. Mai 2012

Im ersten Teil habe ich v.a. die Grundzüge und den Ursprung des Dispensationalismus beschrieben. Betrachten wir nun noch einige andere Aspekte dieser theologischen Strömung:

Dogmatische Willkür

Ein weiterer Punkt, der mir den Dispensationalismus fragwürdig macht, ist die Willkür, mit der Dispensationalisten manche Bibeltexte auslegen, und der Dogmatismus, mit dem sie an ihrer willkürlichen Auslegung als „die einzig richtige“ festhalten. Selbst Bibellehrer, die im allgemeinen viel Gutes und Richtiges zu sagen haben, ziehen bei gewissen Bibelstellen und Themen unbegründbare, sprunghafte Schlussfolgerungen.

So rechnet z.B. Erich Sauer mit drei verschiedenen „Jüngsten Gerichten“, die nicht nur sachlich, sondern auch zeitlich auseinanderzuhalten seien – ohne einsichtige Begründung -; und behauptet im Zusammenhang damit, der „Richterstuhl Christi“ bei Paulus sei etwas ganz anderes als der „Thron Christi“ bei Johannes. Obwohl Dispensationalisten im allgemeinen laut betonen, sie legten die Bibel so wörtlich wie möglich aus, und an ihrer vollen Inspiration und Widerspruchsfreiheit festhalten, so zeigen solche Auslegungen doch eine eigenartige Geistesverwandtschaft mit der „historisch-kritischen“ Methode, die Widersprüche innerhalb der Bibel sucht und z.B. eine „paulinische“ und eine „johanneische“ Theologie gegeneinander ausspielt.

Eine andere Gemeinsamkeit mit der „historisch-kritischen“ Methode besteht darin, dass vielen Bibelstellen die Gültigkeit für die Gegenwart abgesprochen wird. Wenn (laut Dispensationalismus) das ganze Alte Testament nicht auf die Gemeinde angewandt werden kann, ein grosser Teil der Verkündigung Jesu sich ausschliesslich auf die Zeit nach seiner Wiederkunft bezieht, und viele Anweisungen in den apostolischen Briefen nur für die apostolische Zeit gültig waren, dann bleibt für uns heute nicht mehr viel übrig. Die Begründungen hören sich zwar anders an als die Gründe bibelkritischer Theologen. (Ich sage ja nicht, Dispensationalismus und „historisch-kritische“ Methode seien dasselbe. Ich sage nur, es bestehe eine gewisse Geistesverwandtschaft zwischen den beiden.) Aber ob ein „historisch-kritischer“ Bibelausleger einem bestimmten Text die aktuelle Gültigkeit abspricht, weil er „zeit- und kulturgebunden“ sei, oder ob ein dispensationalistischer Ausleger vom selben Text sagt, er gelte nicht für heute, weil er einer anderen Heilszeit zugehöre – das kommt im Endeffekt auf dasselbe heraus. Die zeitlose Gültigkeit des Wortes Gottes (Jesaja 40,8; Matthäus 5,18; 24,35) wird damit bestritten.

Dispensationalisten werden natürlich abstreiten, dass irgendeine Ähnlichkeit zwischen ihrer Methode und der rationalistischen Bibelkritik bestehe. Schliesslich rechnen sich die meisten Dispensationalisten dem „fundamentalistischen“ Flügel der Christenheit zu. Aber es macht einen sehr widersprüchlichen Eindruck, wenn gewisse Dispensationalisten z.B. vehement die Echtheit der biblischen Wunderberichte verteidigen – nur um dann mit derselben Vehemenz abzustreiten, dass solche Wunder auch heute noch geschehen könnten.

Zwei weitere Beispiele willkürlicher Auslegung:

1. „Die Bereiche des biblischen Bekenntnisses werden von lehrmässigen Irrtümern infiltriert werden, die sich überall ausbreiten werden (Matth.13,33). Dennoch wird ein kostbarer Überrest Israels übrigbleiben, um erlöst werden zu können (Matth.13,44), und die kostbare Perle, die Gemeinde, wird ebenfalls erlöst werden (Matth.13,45-46).“
(Herman Hoyt, „Dispensational Premillennialism“, in „The Meaning of the Millennium–4 Views“, Hrsg. Robert G. Clouse, 1977. – In diesem Buch legen vier Autoren aus vier verschiedenen theologischen Richtungen ihre Ansichten über das Tausendjährige Reich dar, und geben ausserdem ihre Entgegnungen zu den Artikeln der jeweils anderen Autoren ab.)

Die angegebenen Bibelstellen beziehen sich auf das Gleichnis vom Sauerteig, vom Schatz im Acker und von der kostbaren Perle. Die von Hoyt gegebenen Auslegungen können vom Text her überhaupt nicht begründet werden. Alle zitierten Gleichnisse beginnen mit denselben Worten: „Das Himmelreich ist gleich…“, und sind somit parallel zu verstehen. Die Deutung auf lehrmässige Irrtümer im ersten Gleichnis, auf Israel im zweiten und auf die Gemeinde im dritten, ist völlig willkürlich. Für seine Auslegung des zweiten und dritten Gleichnisses gibt es auch keine Parallelstellen, die als Begründung herangezogen werden könnten. (Für das Gleichnis vom Sauerteig könnte der Autor geltend machen, dass es tatsächlich – in ganz anderem Zusammenhang – Bibelstellen gibt, wo „Sauerteig“ im Sinn von „Unreinheit“ verstanden wird. Diese Deutung würde aber dem Sinn widersprechen, den Jesus selber dem Gleichnis gibt mit den einführenden Worten „Das Himmelreich ist gleich einem Sauerteig“ – nicht „die lehrmässigen Irrtümer sind gleich…“. Sauerteig wird unter den Teig gemischt, um gutes Brot herzustellen, nicht um es zu verderben.) Jedenfalls widersprechen diese Auslegungen dem Prinzip, das die Dispensationalisten sonst selber verkünden: dass jede Schriftstelle, soweit wie möglich, nach ihrem natürlichsten und wörtlichsten Sinn verstanden werden sollte.
Die anderen Autoren des Buches haben denn auch an Hoyts Beitrag bemängelt, dass das blosse Anführen von Bibelstellen in Klammern nicht genüge, um eine eigenwillige Auslegung zu begründen.

2. „Die biblische Lehre vom Königreich Gottes

(…) Dieses Königreich wird dadurch gekennzeichnet sein, daß Gott selbst durch Seinen gesalbten König, den Messias (Christus) auf der Erde unmittelbar herrschen wird; der Satan wird gebunden und entmachtet sein, und die gottlosen Herrscher auf Erden werden gestürzt sein.
(…) »Nachdem aber Johannes gefangengenommen worden war, kam Jesus nach Galiläa und verkündigte das Evangelium vom Reich Gottes und sprach: Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!« (Mk 1,15-16)
Wohlgemerkt: Er sagte nicht, daß dieses Königreich, das die Propheten angekündigt hatten und das Israel erhoffte, bereits gekommen sei. Es war nahe herbeigekommen (Lk 10,9), für das Volk in greifbare Nähe gerückt, aber eben noch nicht angebrochen. Es war in einem gewissen Sinn in dem Messias selbst und Seinen Wunderzeichen zu ihnen gekommen (vgl. Mt 12,28; Lk 17,21), aber sie sahen den wirklichen Anbruch dieses Königreiches eben nicht; denn das hätte das Eingreifen des Messias vom Himmel her, das Gericht über alles Böse und den Beginn der realen Friedensherrschaft auf Erden bedeutet.
(…) Das »Evangelium vom Reich Gottes«, das der Herr und Seine Apostel in Israel verkündigten, war die Heilsbotschaft von dem nahen, bevorstehenden messianischen Königreich, das dem Volk Israel durch den Messias selbst angeboten wurde. Dieses Evangelium kündigte also dem Volk Israel und nur diesem Volk an, daß es bald in die verheißenen Segnungen der unmittelbaren, in Jerusalem verwirklichten Königsherrschaft des Messias eintreten könne, wenn es Buße tue und glaube.
Man beachte, daß der Herr ausdrücklich Seinen Gesandten gebot, diese Botschaft nur dem Haus Israel zu verkündigen, nicht den Heidenvölkern (Mt 10,5-8). Wir finden diesen Begriff »Evangelium vom Reich Gottes« nur im Zusammenhang mit Israel (bis auf die Ausnahme von Mt 24,14, auf die wir unten noch eingehen). Wenn das Volk Buße getan und den Messias angenommen hätte, dann hätten sie in dieses Königreich eingehen können (vgl. Apg 3,19-21). Nun aber verwarf das Volk als ganzes seinen Messias. Deshalb wurde das Reich Gottes von ihnen genommen und einem anderen Volk, dem Volk Gottes des Neuen Bundes, gegeben (Mt 21,43; 1Pt 2,10; Tit 2,14).
(…) Das den Juden einst verkündigte »Evangelium vom Reich« ist heute weder für Juden noch für Heiden gültig; es ist in der heutigen Zeit nicht zur Verkündigung bestimmt, sondern wird erst nach der Entrückung der Gemeinde, kurz vor dem Anbrechen des messianischen Reiches, noch einmal unter allen Völkern verkündet werden (Mt 24,14).“
(Rudolf Ebertshäuser, „Aufbruch in ein neues Christsein? – Emerging Church – Der Irrweg der postmodernen Evangelikalen“, 2008 – eine im übrigen gut durchdachte und fundierte Aufklärungsschrift, die nur leider nebenbei die dispensationalistischen Sonderlehren hineinschmuggelt.)

Wie so oft in dispensationalistischen Auslegungen, sind hier gute und richtige Gedanken mit an den Haaren herbeigezogenen Argumenten vermengt. Natürlich wird das „Reich Gottes“ im Sinne einer irdischen Herrschaft des Messias erst bei seiner Wiederkunft aufgerichtet werden. Aber wird dadurch gleich das „Evangelium vom Reich Gottes“ für die christliche Gemeinde völlig bedeutungslos? Diese Aussage ist ein weiteres Beispiel für die dispensationalistische Zerstückelung der Bibel, wodurch grosse Teile (in diesem Fall wesentliche Teile der Verkündigung Jesu) herausgeschnitten und als für die Gemeinde nicht gültig erklärt werden. Unter diesen Voraussetzungen kann der Autor natürlich nicht anders, als Matthäus 24,14 zu einer Ausnahme zu erklären und die Erfüllung dieses Verses auf die Zeit nach der Entrückung zu verschieben. (Merkt der Autor nicht, in was für Widersprüche er sich damit verwickelt? Wer soll denn „nach der Entrückung“, also gemäss Dispensationalismus mitten in der „grossen Trübsal“ und Verfolgung, allen Völkern – also weltweit – das Evangelium verkündigen, nachdem die Gemeinde gar nicht mehr da ist?)
– Zwischen der spekulativen Aussage, das messianische Reich wäre sogleich zu Israel gekommen, wenn das Volk Israel Jesus nicht verworfen hätte, und dem als Begründung angegebenen Text Apg.3,19-21, kann ich keinen logischen Zusammenhang herstellen. Es handelt sich hier ja um einen Ruf zur Umkehr, nachdem Israel Jesus bereits verworfen hatte. (Hätte das Volk Israel Jesus nicht verworfen, dann hätte Jesu stellvertretender Opfertod gar nicht stattgefunden!!)
Auch Ebertshäuser legt im übrigen die Himmelreichsgleichnisse vom Sauerteig und vom Senfkorn (Matth.13,31-33) ohne nähere Begründung im Sinne von antichristlichen Einflüssen aus. Es scheint, dass Dispensationalisten diese Auslegungen jeweils voneinander abschreiben, ohne überhaupt noch über deren Sinn oder Unsinn nachzudenken. (Dave MacPherson belegt in seinem Internet-Artikel „Pretrib Rapture Dishonesty“ über ein Dutzend Fälle von inter-dispensationalistischen Plagiaten allein zwischen 1970 und 2000, z.T. in weltweit bekannten Publikationen.)

Meine persönliche Erfahrung war überdies, dass ein Dispensationalist, auf andere (und sinnvollere) Auslegungsmöglichkeiten angesprochen, in der Regel ganz erstaunt reagiert, dass jemand diese Stellen überhaupt anders verstehen könnte als er; es sei doch „sonnenklar“, dass seine Auslegung die richtige sei. (So setzt Ebertshäuser über den oben zitierten Abschnitt wie selbstverständlich den Titel „Die biblische Lehre …“. Richtiger wäre „Die dispensationalistische Lehre …“.) Es kann auch vorkommen, dass der Dispensationalist anstelle einer Begründung einfach die anderen Auslegungen „abschiesst“ mit der Bemerkung, diese seien eben von Irrlehrern (z.B. Calvinisten, Pfingstlern, u.a.) inspiriert und deshalb falsch. (Also: Bevor Darby kam, war niemand in der Lage, die Bibel richtig zu verstehen. – Man kann natürlich über den Calvinismus, die Pfingstbewegung, etc, verschiedener Meinung sein. Meines Wissens blieb aber den Dispensationalisten unserer Tage die Dreistigkeit vorbehalten, den Calvinismus kategorisch als „Irrlehre“ zu brandmarken.)
Dieses irrationale Verhalten von ansonsten klug und vernünftig denkenden Menschen bestärkt bei mir den Verdacht, beim Dispensationalismus könnte noch etwas anderes mit im Spiel sein als rein sachliche Bibelauslegung: nämlich eine Bindung an eine „neue Offenbarung“, die in ihrem Denken mindestens denselben Stellenwert einnimmt wie das Wort der Bibel selbst. (Siehe Teil 1.)
C.H. Spurgeon sagte schon vor über hundert Jahren über Darbys Plymouth-Brüder: „Sie haben Entzücken daran, irgendeine noch unentdeckte Kaulquappe der Auslegung aufzufischen, um sie in der ganzen Stadt als eine seltene Delikatesse anzupreisen.“ (C. H. Spurgeon, „Commenting and Commentaries“, 1876, zitiert in Stephen Sizer, „John Nelson Darby (1800-1882) The Father of Premillennial Dispensationalism“.)

Um nochmals klarzustellen, worum es mir bei meiner Kritik im Kern geht: Ich habe nichts dagegen, dass Dispensationalisten die Bibel auf ihre Weise auslegen. Man kann über die Auslegung vieler Bibelstellen geteilter Meinung sein, ohne dass man einander dabei gleich der Bibelkritik oder der Irrlehre bezichtigen müsste. Aber man sollte dann auch dazu bereit sein, die eigene Auslegung aus der Bibel selbst zu begründen – und gegebenenfalls zuzugestehen, dass die Gegenseite ebenso (oder noch mehr) auf biblischer Grundlage steht. Das ist es, was viele Dispensationalisten – nach meiner Beobachtung – nicht tun: Sie nehmen ihre Begründungen – wenn überhaupt – aus einem zum vornherein festgelegten Dispensationen-Schema statt aus der Bibel selbst; und sie behaupten, ihre Auslegung sei die einzig richtige, und wer eine andere Auslegung vertrete, sei nicht bibeltreu. Damit leisten sie der „fundamentalistischen“ Bewegung einen Bärendienst. In den letzten Jahren ist vermehrt auch von evangelikaler Seite Kritik an dieser Bewegung laut geworden: „Christliche Fundamentalisten“ (d.h. bibeltreue Christen) seien konfliktiv, gesprächsunfähig, und nähmen die Bibel zu wörtlich. Nun sind natürlich viele heutige Evangelikale in Wirklichkeit gemässigt-kritisch in ihrer Haltung zur Bibel, und kritisieren deshalb jeden, der sich dem Wort der Bibel als irrtumslose Autorität unterstellt. Aber ich habe den Verdacht, dass manches an dieser Kritik ebenso auf die oben beschriebene Sturheit insbesondere des dispensationalistischen Flügels zurückzuführen ist, welcher nicht nur Gottes Wort, sondern auch die eigene spezielle Auslegung davon als „irrtumslos“ betrachtet.

Massstab für die Auslegung: das Alte oder das Neue Testament?

„Denn das Ende (oder richtiger: „Ziel“) des (alttestamentlichen) Gesetzes ist Christus, zur Gerechtigkeit für jeden, der glaubt.“ (Römer 10,4)

(alttestamentliche Verordnungen), „Dinge, die ein Schatten des Zukünftigen sind, sein eigentliches Wesen aber gehört Christus an.“ (Kolosser 2,17)

Daraus ergibt sich ein wichtiges Auslegungsprinzip: Das ganze Alte Testament zielt auf Christus hin. Seine eigentliche Erfüllung ist das Neue Testament. Deshalb muss das Alte Testament im Licht des Neuen Testaments ausgelegt werden, nicht umgekehrt. Die meisten christlichen Bibelausleger gehen nach diesem Prinzip vor.

Der Dispensationalismus dagegen nimmt die (wörtlich und physisch verstandenen) alttestamentlichen Verheissungen an Israel zur Grundlage, um von daher das Neue Testament zu interpretieren. Deshalb will der Dispensationalismus in allen möglichen neutestamentlichen Stellen und Begriffen ein irdisches messianisches Reich für Israel sehen (z.B. die „Errettung Israels“ in Röm.11,26, oder das Tausendjährige Reich in Offb.20,4-6), obwohl da gar nicht davon die Rede ist. Mit anderen Worten: der Dispensationalismus interpretiert neutestamentliche Aussagen im Licht des Alten Testaments.

Besonders deutlich wird das in der Auslegung der Kapitel Ezechiel 40 bis 48. Dies ist zugegebenermassen einer der schwierigsten Abschnitte der ganzen Bibel, weil da vom jüdischen Tempel- und Opferdienst (inklusive Sündopfer) die Rede ist, aber sich die genauen Voraussagen in der Geschichte Israels so nicht erfüllt haben. Es gibt deshalb mindestens fünf Auslegungsmöglichkeiten:
1. Die Prophetie bezieht sich auf den Wiederaufbau des Tempels nach dem babylonischen Exil und hat sich nicht detailgetreu erfüllt, entweder weil die Juden die darin enthaltenen Weisungen nicht ausführten, oder weil die Prophetie nicht wörtlich, sondern symbolisch gemeint ist.
2. Die Prophetie ist geistlich zu verstehen und beschreibt symbolhaft die christliche Gemeinde, die ja im Neuen Testament mehrfach als „Tempel Gottes“ bezeichnet wird (z.B. 1.Kor.3,16-17, Eph.2,19-22, 1.Petrus 2,5).
3. Die Prophetie wird sich in der Zukunft wörtlich erfüllen (Wiederherstellung des Tempel- und Opferdienstes für Israel).
4. Die Prophetie wird sich in der Zukunft geistlich erfüllen (im Neuen Jerusalem, Offb.21 und 22).
5. Die Prophetie ist überhaupt nicht zur Erfüllung bestimmt, sondern dazu, den Zuhörern ein Idealbild sozusagen als Spiegel vorzuhalten, damit sie beschämt werden und von ihrer Sünde überführt werden (Ezechiel 43,10-11, 45,9-10), d.h. wie weit sie von diesem Idealbild entfernt sind.

Vom Neuen Testament her ist es klar, dass Tempel- und Opferdienst mit dem einmaligen Sündopfer Jesu abgeschafft sind, und dass damit ein „Wechsel des Gesetzes“ und des Priestertums stattgefunden hat (Hebräer 7,12). Seither besteht auch für Israel der einzige Weg zum Heil im Glauben an Jesus Christus. Im Licht des Neuen Testaments scheidet also die Auslegung Nr.3 aus (wörtliche Wiedereinführung des Tempel- und Opferdienstes in der Zukunft). Genau dies ist aber die Auslegung, die vom Dispensationalismus vorgebracht wird: Da Israel und die christliche Gemeinde zwei völlig verschiedene Körperschaften seien, „müsse“ Ezechiels Prophetie noch wörtlich und speziell für Israel in Erfüllung gehen. Dispensationalisten postulieren deshalb, dies werde im Tausendjährigen Reich der Fall sein. Nur in einem Punkt weichen sie inkonsequenterweise von einem wörtlichen Verständnis ab: Die von Ezechiel erwähnten Sündopfer seien selbstverständlich keine Sündopfer, sondern „Erinnerungsopfer“ an das Opfer Jesu. Dies obwohl im ganzen Neuen Testament nirgends von einem zukünftigen Tempel- oder Opferdienst für Israel die Rede ist. So werden dem Neuen Testament alttestamentliche Vorstellungen aufgezwungen, statt das Alte Testament vom Neuen her auszulegen.

Gegenwärtig kein Evangelium für Israel?

Wir haben schon gesehen, dass Dispensationalisten mit zwei separaten „Evangelien“ rechnen, eines für die Juden und eines für die Heiden. Manche unter ihnen gehen deshalb so weit, dass sie sagen, in der gegenwärtigen Zeit müssten bzw. sollten die Juden überhaupt nicht evangelisiert werden. Gleichzeitig sind Dispensationalisten aber sehr aktiv in Organisationen zur Unterstützung des irdischen Staates Israel. So ergibt sich die paradoxe Situation, dass gegenwärtig eine ganze Reihe christlicher Israel-Hilfsorganisationen existieren, die bewusst darauf verzichten, Juden zu evangelisieren. D.h. sie enthalten dem jüdischen Volk genau das Wichtigste vor, was Christen Israel geben könnten, nämlich das Evangelium!
Eine offene Frage wäre hier zudem, warum überhaupt die irdische Wiederherstellung des Staates Israel schon vor über 60 Jahren stattfinden konnte, wo doch nach dispensationalistischer Ansicht Gott sein Handeln an Israel erst wieder aufnehmen würde, nachdem die „Zeit der Gemeinde“ abgeschlossen wäre – siehe in der nächsten Folge. (Tatsächlich sagte Darby, Jesus müsse zuerst wiederkommen, bevor Israel in sein Land zurückkehren könnte.)

Wer oder was ist ein Christ? (Teil 2)

10. August 2009

Im ersten Teil haben wir verschiedene übliche Definitionen des Begriffs „Christ“ betrachtet. In diesem zweiten Teil möchte ich untersuchen, was seine ursprüngliche Bedeutung und Merkmale sind. Das Wort „Christ“ erscheint zum ersten Mal im Neuen Testament, und dort müssen wir seine Bedeutung suchen. Nicht in einem Wörterbuch oder Lexikon, nicht in einer Kirchenverfassung oder in einem theologischen Buch, sondern im Neuen Testament.

Da lesen wir:

„… Und die Jünger wurden in Antiochia zum ersten Mal ‚Christen‘ genannt.“
(Apostelgeschichte 11,26).

Ein Christ ist also ein Jünger von Jesus Christus, und wir werden uns damit beschäftigen müssen, was ein Jünger ist. – Vorher aber möchte ich kurz auf die anderen zwei Stellen im Neuen Testament eingehen, wo das Wort „Christ“ auch noch vorkommt:

Paulus hatte als Gefangener eine Gelegenheit, zum jüdischen König Agrippa zu sprechen. Er sprach über den Tod und die Auferstehung von Jesus. Da unterbrach ihn der ebenfalls anwesende Römer Festus: „Du bist verrückt, Paulus!“ Aber Paulus antwortete:

„‚Denn der König weiss diese Dinge, und ich spreche vor ihm mit Zuversicht. Denn ich denke nicht, dass ihm etwas davon unbekannt ist; denn es ist nicht in irgendeinem Winkel geschehen. Glaubst du, König Agrippa, den Propheten? Ich weiss, dass du glaubst.‘
– Da sagte Agrippa zu Paulus: ‚Beinahe überredest du mich, Christ zu werden.‘
– Und Paulus sagte: ‚Möge es Gott gefallen, dass über kurz oder lang nicht nur du, sondern alle, die mich heute hören, so würden wie ich, ausgenommen diese Fesseln!'“
(Apostelgeschichte 26,26-29)

Dieser Abschnitt sagt zwar nicht allzuviel darüber, wer oder was ein Christ ist. Er enthält aber ein bemerkenswertes Detail: Agrippa glaubt den Propheten, und er glaubt (da er darüber gut unterrichtet ist), dass Jesus gestorben und auferstanden ist. Dennoch ist er noch kein Christ, und er ist sich dessen bewusst. An den Tod und die Auferstehung Jesu zu glauben, macht also noch keinen Christen!

Die dritte neutestamentliche Stelle befindet sich im 1.Petrusbrief:

„So leide also niemand von euch als Mörder, oder Dieb, oder Übeltäter, oder wegen Einmischung in fremde Angelegenheiten. Aber wenn jemand als Christ leidet, so soll er sich nicht schämen, sondern damit Gott verherrlichen. Denn es ist Zeit, dass das Gericht anfange bei der Familie Gottes; und wenn es zuerst bei uns anfängt, was wird das Ende jener sein, die dem Evangelium Gottes nicht gehorchen? Und wenn es für den Gerechten schwierig ist, gerettet zu werden, wo bleibt der Ungläubige (oder: Untreue*) und der Sünder?“
(1.Petrus 4,15-18)
*(Dasselbe Wort kann auf beide Arten übersetzt werden.)

Dieser Abschnitt enthält mehrere Gegensatzpaare, wie die folgende Gegenüberstellung verdeutlicht:

– Mörder, Dieb, Übeltäter, etc.
– die dem Evangelium Gottes nicht gehorchen
– Ungläubiger / Untreuer, Sünder
– Christ
– Familie Gottes
– Gerechter

Daraus geht folgendes hervor: Ein Christ ist ein Mitglied der Familie Gottes, ein Gerechter, der dem Evangelium Gottes gehorcht. Er ist kein Übeltäter usw, kein Ungläubiger bzw. Untreuer und kein Sünder. Darauf werde ich an gegebener Stelle zurückkommen.

Jetzt also zum Begriff „Jünger“

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