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Kennzeichen der Urgemeinde in Apostelgeschichte 2 (3.Teil)

30. Juni 2017

Sie blieben ausdauernd in der Gemeinschaft miteinander.

Das griechische Wort für „Gemeinschaft“ ist „koinonía“; und das ist ein sehr gewichtiges Wort. Unter anderem schliesst es die folgenden Aspekte ein:

Eine persönliche Beziehung tiefen gegenseitigen Verständnisses und Identifikation. – Zwischen zwei echten Christen ist ein gegenseitiges tiefes geistliches Verständnis möglich, weil es derselbe Heilige Geist ist, der in beiden lebt. Sie können sich gegenseitig in ihrem geistlichen Leben ermutigen, und einander helfen, die Dinge Gottes besser zu verstehen. Diese gegenseitige „Auferbauung“ ist keineswegs auf „religiöse Versammlungen“ beschränkt. Sie geschieht spontan, wo immer sich zwei echte Christen begegnen, sei es auf der Strasse, am Arbeitsplatz, oder wo auch immer.
Der Heilige Geist befähigt auch dazu, sich mit den Freuden, Problemen und Leiden anderer Christen zu identifizieren: „Und wenn ein Glied leidet, dann leiden alle Glieder mit ihm; und wenn ein Glied Ehre empfängt, dann freuen sich alle Glieder mit ihm.“ (1.Korinther 12,26). „Freut euch mit den Fröhlichen, und weint mit den Weinenden.“ (Römer 12,15).
Diese Art von Gemeinschaft erfordert Transparenz und Ehrlichkeit: „Aber wenn wir im Licht leben, wie er im Licht ist, haben wir Gemeinschaft miteinander …“ (1.Johannes 1,7). So heisst es auch von den ersten Christen, dass ihre Gemeinschaft „mit einfachen Herzen“ geschah (Apg.2,46). D.h. sie verstellten sich nicht in ihren Beziehungen untereinander. Sie dachten nicht etwas und sagten etwas anderes. Sie gaben nicht vor, etwas zu sein, was sie nicht waren.
Kennst du die Freuden, die Sehnsüchte, die Lebensziele, die Anstrengungen, die persönlichen Schwierigkeiten der Christen, mit denen du zusammenkommst? Und kennen sie dich auf diese Weise? Nimmst du Anteil am Leben deiner Glaubensgeschwister, um sie zu ermutigen, aufzubauen, für sie zu beten, ihnen zu helfen, ihnen Rat zu geben? Nehmen deine Glaubensgeschwister in derselben Weise an deinem Leben teil?
Wenn wir das geistliche Leben einer christlichen Gruppe messen wollen, dann ist die Qualität ihrer persönlichen Beziehungen untereinander eines der aufschlussreichsten Merkmale. Herrscht da diese transparente und aufrichtige Gemeinschaft, diese echte Identifikation mit dem Leben der Geschwister, diese gegenseitige geistliche Auferbauung? Oder herrschen die „institutionellen“ Beziehungen vor, die nur dazu da sind, die Zusammenarbeit für die Zwecke der religiösen Institution sicherzustellen, ohne dass eine echte Bruderliebe vorhanden wäre? (Siehe dazu auch: „Institution Kirche, Institution Schule – dieselben Probleme“, sowie „Das Tier, das Milgram-Experiment und die Kirchen“.)
– In manchen heutigen Kirchen reden die Mitglieder einander als „Geschwister“ an; aber in Wirklichkeit haben sie längst nicht dasselbe Vertrauen unter „Geschwistern“ wie unter den Mitgliedern ihrer natürlichen Familie. Sie sind Mitglieder derselben religiösen Institution, aber sie können nicht miteinander transparent kommunizieren, weil sie nicht wirklich Geschwister im Geist sind. Wo das der Fall ist, da ist es Heuchelei, die Bezeichnungen „Bruder“ und „Schwester“ zu verwenden, weil gar keine Wirklichkeit dahintersteht, und weil wahrscheinlich ein grosser Teil der Mitglieder dieser Kirchen gar nicht wiedergeboren sind.

Sie entspringt einer Beziehung derselben Qualität mit dem Herrn Jesus selber. – Jede geistliche koinonía unter Christen fliesst aus der persönlichen Beziehung, die jeder von ihnen mit Jesus hat. Ein Christ kann seinen Bruder lieben, weil der Herr ihn liebt (1.Johannes 4,10-11), und weil er den Herrn liebt, der in seinem Bruder lebt. Er kann seinen Bruder trösten, weil der Herr ihn bereits getröstet hat (2.Korinther 1,3-6). Er kann seinen Bruder geistlich auferbauen mit den Gaben, die der Herr ihm gegeben hat (1.Petrus 4,10-11).
Die Beziehung, die der Herr mit uns haben möchte, ist so tiefgehend, dass Paulus schreiben kann: „… (ich wünsche) ihn kennenzulernen, und die Kraft seiner Auferstehung, und die koinonía seiner Leiden, indem ich ihm ähnlich werde in seinem Tod, ob ich irgendwie zur Auferstehung aus den Toten gelangen möge.“ (Philipper 3,10-11). Paulus schreibt hier nicht davon, einfach etwas über die Leiden Jesu zu „wissen“, oder sich seine Leiden „vorzustellen“. Er spricht von seinen eigenen Leiden um Christi willen! Vergessen wir nicht, dass Paulus diesen Brief aus dem Gefängnis schrieb, wo er leiden musste, weil er das Evangelium verkündigt hatte. So schreibt er an die Philipper auch: „Denn euch wurde um Christi willen die Gnade gegeben, nicht nur an ihn zu glauben, sondern auch für ihn zu leiden, da ihr denselben Kampf habt, wie ihr ihn an mir gesehen habt…“ (Philipper 1,29-30). Die Identifikation mit Christus kann unser eigenes Leiden für ihn einschliessen. Und das war die Art von Identifikation, die auch die ersten Christen untereinander hatten. Hier ein weiteres Beispiel: „Grüsst Priszilla und Aquila, … die für mich ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben …“ (Römer 16,3-4).
Wie weit geht deine koinonía mit Christus und mit deinen Glaubensgeschwistern?

Geistliche Gaben miteinander teilen, die jeder vom Herrn empfangen hat. – Wir haben schon die gegenseitige geistliche Auferbauung als einen wichtigen Aspekt der koinonía erwähnt. Darüber lesen wir z.B. in 1.Korinther 14,26, Epheser 5,18-19, Kolosser 3,16, 1.Petrus 4,10-11. Die Zusammenkünfte der ersten Christen bestanden nicht darin, passiv einer „Predigt“ zuzuhören. Im Gegenteil, ihre Zusammenkünfte lebten von den geistlichen Beiträgen aller Anwesenden.

Sie schliesst auch das Teilen des täglichen Lebens und materieller Güter mit ein. – Kehren wir zu Apostelgeschichte 2 zurück. Im Vers 46 lesen wir, dass die ersten Christen täglich in ihren Häusern zusammen waren und gemeinsam assen. Sie hatten also keine besonderen Versammlungen an einem besonders diesem Zweck gewidmeten Ort. Sie hatten Gemeinschaft inmitten ihres Alltagslebens, und sie teilten ihren Alltag miteinander. Auch das ist ein Ausdruck der transparenten Beziehungen, die die ersten Christen miteinander hatten. Wenn ich zu meinem Bruder eine Vertrauensbeziehung habe, dann brauche ich nicht vor ihm zu verstecken, wie ich zuhause mein Alltagsleben lebe.
In einer institutionalisierten Kirche, die sich zu besonderen Zeiten an einem besonderen Ort versammelt, ist es allzu einfach, eine Geistlichkeit vorzutäuschen, die in Wirklichkeit nicht da ist. Die Mitglieder lernen das Leben ihrer Geschwister nicht wirklich kennen. Insbesondere die Leiter können sich gut hinter einem „Kanzel-Image“ verstecken. So ist es allzu einfach für einen Heuchler, einen Lügner, einen Ehebrecher, einen Dieb, einen Betrüger, einen Ungläubigen, eine Leiterschaftsposition einzunehmen – und das ist es, was tatsächlich in vielen Kirchen geschieht. Eine Gruppe von Menschen, die in ihrem Alltagsleben keine koinonía haben untereinander und unter ihren Familien (inbegriffen die Familien der Leiter), wird bald sehr weit vom neutestamentlichen Weg abkommen.

Beachten wir den feinen Unterschied zwischen „Gemeinschaft haben“ und „Versammlungen haben“. Tatsächlich kommt das Wort „Versammlung“ in Apostelgeschichte 2 gar nicht vor! Wenn wir von „Versammlungen“ sprechen, betonen wir den „Anlass“, also etwas Abstraktes. Aber wenn wir von „Gemeinschaft“ sprechen, betonen wir die Menschen: „Ich möchte zu Soundso nach Hause gehen, um Gemeinschaft mit ihm zu haben!“ Wenn wir zur neutestamentlichen Gemeinde zurückkehren wollen, dann müssen wir diese ganze institutionelle Mentalität von „Versammlungen haben“ ändern, und stattdessen in den Begriffen von „Gemeinschaft“ denken.

Wir lesen ausserdem, dass sie „alles gemeinsam hatten, und verkauften ihren Besitz und ihre Güter und verteilten sie an alle, gemäss dem, was jeder nötig hatte.“ (Apg.2,44-45).
In den Apostelbriefen wird nichts mehr davon erwähnt, dass sie „alles gemeinsam hatten“; das scheint eine Besonderheit der Jerusalemer Urgemeinde gewesen zu sein. Aber in allen Gemeinden wurde die gegenseitige Hilfe wichtig genommen, die Grosszügigkeit, die Gastfreundschaft, und die Unterstützung der Armen in ihrer Mitte:

„An den Bedürfnissen der Heiligen nehmt Anteil (habt koinonía), pflegt die Gastfreundschaft.“ (Römer 12,13)
„Nur dass wir an die Armen denken sollen; was ich auch fleissig tat.“ (Galater 2,10)
„So wie wir Gelegenheit haben, lasst uns allen Gutes tun, und besonders den Gliedern der Familie des Glaubens.“ (Galater 6,10).
„Wer stahl, soll nicht mehr stehlen, sondern arbeiten und mit seinen Händen Gutes tun, damit er etwas zu teilen hat mit dem, der Not leidet.“ (Epheser 4,28)
„Nehmt einander gastfreundlich auf ohne Murren.“ (1.Petrus 4,9)
„Wer aber die Güter der Welt hat und sieht seinen Bruder Not leiden, und verschliesst sein Herz vor ihm, wie kann die Liebe Gottes in ihm bleiben?“ (1.Johannes 3,17)

Das waren keine institutionalisierten „Sozialhilfeprogramme“. Die ersten Christen waren nicht von einer Art „humanitären Verpflichtung“ oder von „Entwicklungshilfe“ motiviert. Ihre Motivation war das Bewusstsein, dass sie alle eine erweiterte Familie bildeten. Deshalb spricht Galater 6,10 von der „Familie des Glaubens“. In einer Familie ist es nur natürlich, dass die Mitglieder einander aushelfen, wo Not herrscht. Und in jenen Zeiten, als die Familien noch gesünder waren als heute, schloss diese gegenseitige Hilfe auch die erweiterte Familie mit ein (Grosseltern, Onkel und Tanten, Vettern und Basen, usw.) Wenn die ersten Christen einander „Brüder“ nannten, dann war das nicht einfach ein „Titel“ oder eine Höflichkeitsformel; es war Wirklichkeit. Diese Wirklichkeit drückte sich auch in der gegenseitigen materiellen Hilfe aus.
Wenn diese gegenseitige Hilfe als „Sozialhilfe“ institutionalisiert wird, dann geht dieser beziehungsmässige und familiäre Aspekt verloren, der die Stärke der Urgemeinde war. Es ist nicht dasselbe, ob ich meinen Bruder Soundso unterstütze, den ich persönlich kenne, oder ob ich eine „Spende“ an eine unpersönliche Institution gebe, damit diese damit (hoffentlich) einige mir fremde Menschen unterstützt.

Die Qualität einer aufrichtigen und transparenten „koinonia“ ist ein Mass dafür, wie viel oder wie wenig eine Gruppe von Christen mit der neutestamentlichen Gemeinde gemeinsam hat.