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„Du sollst den Namen des HERRN nicht missbrauchen“

6. Oktober 2013

„Sie reden in meinem Namen, aber ich habe sie nicht gesandt“, sagte Gott über die falschen Propheten. Es ist anzunehmen, dass er dasselbe über ein gewisses Internetportal zu sagen hätte, das sich ganz unverschämt „Jesus.de“ nennt. Nicht nur dürfte es den Betreibern schwerfallen, ein göttliches Mandat zur Vertretung der Person Jesu im Internet nachzuweisen; sondern die dort veröffentlichten Nachrichten und Kommentare verherrlichen auch zu einem grossen Teil nicht Jesus, sondern verhandeln blosse weltliche Kirchenpolitik. Das ist ein eklatanter Verstoss gegen das dritte Gebot (Missbrauch des Namens Gottes).

Es gibt auf jenem Portal zwar eine ausführliche Sektion mit dem Titel „Fast alles über Jesus“. Aber was für ein „Evangelium“ wird da verkündet? – Zitat:

„Gott ist bereit, die Verantwortung für deine Schuld zu übernehmen. Eigentlich hat er es schon damals am Kreuz vor den Toren Jerusalems getan und es kann auch für dein Leben Wirkung haben – aber nur, wenn du es zulässt.
(…) Gott sein Leben anzuvertrauen ist wie zu seinem liebenden Menschen zu gehen und sich in seinen Schoß zu setzen. Das kann zum Beispiel ein einfaches Gebet sein, in etwa so:
Gott,
ich möchte dir mein Leben anvertrauen. Bitte trage du die Verantwortung für meine Schuld.
Hefte du alles, wo ich je an dir und an anderen Menschen schuldig geworden bin, und sicherlich auch noch schuldig werde, an das Kreuz von Golgatha. (…)“

Zuerst einmal fällt auf, dass hier die Bedeutung und die Wirkung des Opfers Jesu ganz in das Belieben des Menschen gestellt wird. Die Erlösung wird lediglich als ein „Angebot“ dargestellt (so weiter oben im Text), das der Mensch „annimmt“ bzw. „zulässt“. Damit werden die Rollen vertauscht: Der Mensch befiehlt, Gott gehorcht. Aber Jesus und seine Apostel haben nie die Menschen dazu aufgerufen, „ein Angebot anzunehmen“! Vielmehr riefen sie dazu auf, von der Sünde umzukehren und sich der Herrschaft Jesu zu unterstellen. (Matth.4,17; Lukas 24,47; Apg.2,36-40; 7,51-53; 10,42-43; 14,15; 17,30-31; 26,18-20; u.a.) Im biblischen Evangelium geht es nicht darum, ob ich mich dazu herablasse, gnädigerweise Gott und sein Angebot „anzunehmen“. Im Gegenteil, es geht darum, ob Gott mich annehmen kann!

Schockierend ist zudem die Aussage, dass Gott „die Verantwortung für meine Schuld“ übernähme. „Verantwortung übernehmen“ bedeutet doch: Für das eigene Verschulden geradestehen; die Sünde bekennen statt sie zu leugnen; und davon umkehren. Also genau das, was Gott von mir erwartet, damit er mich annehmen kann. Aber jesus.de stiftet seine Leser dazu an, Gott die Verantwortung zuzuschieben. Etwa so wie Adam, der auf Gottes Frage „Hast du von dem verbotenen Baum gegessen?“, nicht mit einem schlichten „Ja“ antworten konnte. Stattdessen sagte er: „Die Frau, die du mir gegeben hast, hat mir von dem Baum gegeben.“ Mit anderen Worten: „Ich bin nicht verantwortlich; du bist schuld, dass ich gesündigt habe.“ Ja, der in Sünde gefallene Adam wäre ein vorbildlicher Christ nach der jesus.de-Theologie.
Das oben zitierte „Übergabegebet“ (es ist an sich schon eine unbiblische Lehre, dass man durch das Sprechen eines „Übergabegebets“ zu einem Christen würde) lehrt ausserdem den an Jesus interessierten Sünder, von vornherein mit weiterem fortgesetztem Sündigen zu rechnen. Das ist billige Gnade in Reinkultur. Eine Erlösung von der Macht der Sünde gibt es in diesem „Evangelium“ nicht. Im Gegenteil: Man sündigt fröhlich weiter und macht sogar noch Gott dafür verantwortlich. Dann kann man also, wie seinerzeit eine deutsche „Bischöfin“, betrunken am Steuer durch die Gegend rasen und sagen: „Macht nichts, Gott trägt die Verantwortung dafür“? – Nein, das hat Frau Kässmann nicht gesagt. Sie hat nach dem Vorfall zugegeben, dass sie für ihr Verschulden verantwortlich war, und ist folgerichtig von ihrem Amt zurückgetreten. Damit hat sogar diese erzliberale, modernistische Theologin mehr Integrität bewiesen, als die jesus.de-Theologie einem Christen für zumutbar hält.

Noch bedenklicher wird die Sache, wenn man in Betracht zieht, was alles in diesem falschen „Evangelium“ nicht vorkommt. Da steht kein Wort davon, dass ein Christ dem Vorbild Jesu folgt (1.Joh.2,6), seine Gebote hält (1.Joh.2,3-5), die Welt nicht lieb hat (1.Joh.2,15-17), sein Leben verliert um Jesu willen (Matth.16,24-26) – kurz, sich Jesus als dem absoluten HERRN unterstellt. In diesem falschen Konzept von Bekehrung findet kein Herrschaftswechsel statt. Trotz allem Gerede von „Gott sein Leben anzuvertrauen“ bleibt in Tat und Wahrheit der sündige Mensch weiterhin auf seinem eigenen Thron sitzen.

Um ganz sicherzugehen, dass ich nichts übersehen habe, habe ich auf der erwähnten Website mehrere Global-Suchen nach „Herrschaft Jesu“ und verwandten Begriffen durchgeführt. Kein Ergebnis. Nirgendwo auf dieser Website wird etwas darüber gesagt, was es bedeutet, dass Jesus der HERR über alles ist, oder dass ein Christ Jesus gehorcht.

Auch in der Berichterstattung zum „Fall Wunderlich“ wird deutlich, dass die Betreiber dieses Portals die Souveränität Jesu als HERR nicht anerkennen. Da wird unkritisch und einseitig die beschönigende Darstellung der Behörden übernommen, und die Familie Wunderlich als Gesetzesbrecher hingestellt. Die Sichtweise der betroffenen Familie kommt dagegen überhaupt nicht zur Sprache. Ebensowenig kommt zur Sprache, wem im Konfliktfall zu gehorchen sei: Gott oder der weltlichen Obrigkeit? (Apg.5,29) Und aus den Leserkommentaren ist ersichtlich, dass anscheinend die Mehrheit der Leser die Anschauungen der Redaktion teilt. Das ist kein gutes Omen für die Zukunft eines biblischen Christentums in Deutschland. Was ist davon zu halten, wenn ein „christliches“ Medium über eine christliche Familie ausschliesslich vom Standpunkt ihrer Feinde aus berichtet? Wird sich die deutsche Geschichte in baldiger Zukunft wiederholen?

Wie würde sich das ausnehmen, wenn über die Verfolgung von Christen in anderen Ländern wie z.B. China ebenso einseitig aus der Sichtweise des Staates berichtet würde? Etwa so:

„Vergangene Woche wurde der chinesische Dissident Li Sheng (Name frei erfunden) verhaftet und in einem summarischen Verfahren zu einer fünfjährigen Gefängnisstrafe verurteilt, weil er fortgesetzt illegale Versammlungen abgehalten hatte. Nach Auskunft der zuständigen Behörde war dieser Schritt unumgänglich geworden, nachdem Li jahrelang entsprechende Verwarnungen missachtet hatte. Er hatte in seiner Unnachgiebigkeit sogar das Kompromissangebot ausgeschlagen, sich der gesetzlich zugelassenen Drei-Selbst-Kirche anzuschliessen. Bei der Verhaftung sei es ruhig und ordentlich zugegangen, und eine angebrachte Behandlung des Häftlings sei sichergestellt, informierte der zuständige Beamte.“

Und dazu noch einige „christliche“ Leserkommentare wie:

„Recht so! Diese Gesetzesbrecher gehören alle eingesperrt. Wem sogar die Kirche noch zuwenig fromm ist, der muss ja gefährlich extreme Anschauungen haben.“

Oder:

„Unglaublich, dass sich sogar Christen dazu hergeben, die staatlichen Gesetze zu missachten. Hat dieser Herr noch nie davon gehört, dass man sich der Obrigkeit unterordnen soll (Römer 13,1)? Offensichtlich gehört er einer sektiererischen Randgruppe an. In diesem Zusammenhang von ‚Christenverfolgung‘ zu sprechen, ist eine Verleumdung der chinesischen Regierung.“

Den Christen der ersten Jahrhunderte war es sonnenklar, dass Christsein bedeutet, Jesus als HERRN über alle Lebensbereiche und über alle weltlichen Machthaber anzuerkennen. Deshalb weigerten sie sich, bestimmte Bürgerpflichten wie z.B. das vorgeschriebene Weihrauchopfer an den Kaiser zu erfüllen. Der christliche Apologet Francis Schaeffer erklärt hierzu:

„Wir dürfen nicht vergessen, warum die Christen getötet wurden. Sie wurden nicht getötet, weil sie Jesus anbeteten. In der römischen Welt gab es zahlreiche verschiedene Religionen. (…) Niemand kümmerte sich darum, was man anbetete, solange der Anbetende nicht die Einheit des Staates störte, deren Mittelpunkt die formale Anbetung des Kaisers war. Die Christen wurden getötet, weil sie Rebellen waren. (…) Was die Cäsaren nicht tolerieren wollten, war die Exklusivität, mit der sie nur den einen Gott anbeteten. Das galt als Landesverrat. (…) Hätten sie Jesus und Cäsar angebetet, wäre ihnen nichts geschehen (…)
Wir können den Grund, warum die Christen verfolgt wurden, auch auf eine andere Weise ausdrücken: Keine totalitäre Autorität, kein autoritärer Staat kann diejenigen tolerieren, die einen absoluten Massstab besitzen, nach dem sie diesen Staat und seine Handlungen beurteilen. Die Christen hatten einen solchen absoluten Massstab in der Offenbarung Gottes. Weil die Christen einen absoluten, universal gültigen Massstab hatten, nach dem sie nicht nur die persönliche Ethik, sondern auch das Verhalten des Staates beurteilen konnten, galten sie als Feinde des totalitären Roms und wurden den wilden Tieren vorgeworfen.“
(Aus Francis Schaeffer, „Wie können wir denn leben?“)

Genau diese Situation haben wir auch heute wieder. Es herrscht ein Anschein von Religionsfreiheit, da ja jeder anbeten kann, wen oder was er will. Das Handeln des Staates nach übergeordneten Massstäben zu beurteilen, gilt aber als ungesetzlich und zieht Verfolgung nach sich. Christen dürfen zwar „privat ihre Religion ausüben“ (was auch immer darunter zu verstehen ist). Sobald sie aber versuchen, auch in ihrem familiären und gesellschaftlichen Zusammenleben der HERRSCHAFT Jesu gemäss zu leben, werden sie angeklagt, eine „Parallelgesellschaft“ errichten zu wollen (d.h. dem totalitären Herrschaftsanspruch des Staates ausweichen zu wollen), und werden dementsprechend verfolgt. Die deutsche Staatsideologie unterscheidet sich in ihrem Wesen nicht von der altrömischen: die Staatsregierung wird absolut gesetzt, d.h. vergöttlicht. Wer in dieser Konfliktsituation dem Staat den Vorrang gibt über dem Anspruch Jesu, der hat nicht verstanden, was es bedeutet, Jesus den HERRN zu nennen. Auf Englisch hat es einmal jemand so gesagt: „Either Jesus is Lord of all, or he is not Lord at all.“ („Entweder ist Jesus Herr über alles, oder er ist überhaupt nicht Herr.“)

Nachfolge Jesu bedeutet, in allem den Willen des HERRN zu tun (Matth.7,21, Lukas 6,46). Der Wille Gottes beschränkt sich nicht auf einen religiösen Privatbereich. Es gibt klare biblische Anweisungen z.B. über Geschäfte und den Umgang mit Geld; über Kindererziehung; über die Aneignung und Anwendung von Wissen; über die Hilfe an Bedürftige; über den Staat und die Regierung; u.v.m. – Was die Kindererziehung betrifft, so gehört diese aus biblischer Sicht eindeutig zum Autoritätsbereich der Familie. Eltern werden angewiesen, ihre Kinder dem Willen Gottes gemäss zu erziehen und zu lehren (5.Mose 6,6-9, Psalm 78,5-8, Epheser 6,4, u.a.). Kinder werden angewiesen, ihre Eltern zu ehren, ihnen zu gehorchen und von ihnen Belehrung anzunehmen (2.Mose 20,12, Sprüche 4,1-5, Epheser 6,1-3, u.a.). Es gibt keinerlei entsprechenden Gebote betreffend den Staat, Schulen, oder andere Institutionen. Die Kinder gehören Gott, nicht dem Staat; und Gott hat die Erziehung und Ausbildung der Kinder an die Eltern delegiert.

Es kann offensichtlich nur eine einzige absolute Herrschaft geben; und diese absolute Herrschaft relativiert alle anderen Gewalten. Wenn wir Jesus als HERRN anerkennen, bedeutet das, seinem Willen in allem den Vorrang zu geben vor allen anderen Gewalten. Die Konfliktpunkte können dabei je nach historischem, gesellschaftlichem und kulturellem Umfeld ganz verschieden aussehen. Im Römischen Reich war das Opfer für den Kaiser der hauptsächliche Kristallisationspunkt des Konflikts. Zur Reformationszeit war es der Ablasshandel und die Kindertaufe. Im heutigen Europa kristallisiert sich der Konflikt offensichtlich um die Rechte der Eltern und den Schutz der Familie, was sich z.B. im Bereich der Lebensrechts- und Sexualethik äussert. In Deutschland kommt dazu die völlig unverhältnismässige Erzwingung der Schulpflicht, deren Brutalität weltweit ihresgleichen sucht. Die deutschen Kirchen und ihr obenerwähntes Internetportal stellen sich in diesem Konflikt auf die Seite des Staates. Sie wollen Jesus und den Kaiser anbeten. Damit verabsolutieren sie aber den Staat (im Gegensatz zur Herrschaft Christi) und fördern somit den staatlichen Totalitarismus. Sie fügen sich so „politisch korrekt“ in die gegenwärtige Weltordung ein, verleugnen aber den exklusiven Herrschaftsanspruch Gottes zugunsten des Götzen „Staat“. Ihr Anspruch, den biblischen Jesus zu vertreten, verliert damit jegliche Legitimität.

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Noch ein Ausstieg

17. Oktober 2011

Hatte ich doch gedacht, ich sei jetzt so ziemlich aus allen äusseren Umständen ausgestiegen, die mich noch an Menschenwerk statt Gottes Werk festhalten. Irrtum! Da kam dieses Jahr ein Brief, der mich daran erinnerte, dass ich noch zu einer Institution gehörte, die ich nicht zu hinterfragen wagte. Ich spreche von der Schweizerischen AHV (Alters- und Hinterbliebenenversicherung). Für Nicht-Schweizer: Die AHV gilt in der Schweiz als grösste soziale Errungenschaft des 20.Jahrhunderts und ist inzwischen zu einer heiligen Kuh geworden. Ich muss also damit rechnen, dass dieser Artikel von einigen Lesern als Sakrileg aufgefasst wird.

Nun wurde ich also in besagtem Brief aufgefordert, „die genaue Rechtsform Ihres Unternehmens (AG, GmbH, etc.)“ bekanntzugeben, und die „Bilanz, Gewinn- und Verlustrechnung“ dieses (gar nicht existierenden) Unternehmens einzureichen, sowie „Einzelheiten über Ihre Arbeitsstunden“, eine „detaillierte Aufstellung der Einnahmen und Aufwendungen pro Monat“, „Belege des Bruttoeinkommens Ihrer/Ihres Ehepartners/-in“ (ganz im herrschenden Zeitgeist: Obwohl sie mich als „Herrn Soundso“ ansprechen, sind die sich anscheinend über das Geschlecht meiner Ehefrau im Unklaren), – und anderes mehr.

Dabei weiss der Funktionär der AHV genau, dass ich weder Unternehmer noch Angestellter bin, dass ich in bescheidenen Verhältnissen lebe und auf Unterstützung Dritter angewiesen bin, und dass ich unter diesen Umständen von Gesetzes wegen sowieso den Mindestbeitrag bezahle, egal wie viele Bücher voll Belege ich einreiche.

Nun ist das nicht das erste Mal, dass ich von der AHV ein unsinniges Schreiben erhalte. Dieses Mal aber empfand ich den Vorfall als enen „Stubs“ von Gott, grundsätzlich darüber nachzudenken, wie er die AHV beurteilt, und ob es richtig sei, weiterhin in dieser Institution zu verbleiben.

Fürsorge für Alte und Bedürftige ist natürlich etwas Gutes und Lobenswertes. Effektiv ist die AHV eine der Institutionen, die dazu beigetragen haben, dass es in der Schweiz während der letzten Jahrzehnte und bis heute so gut wie keine (finanzielle) Armut gibt. Und sie zeugt von Solidarität unter dem schweizerischen Volk.

Aber das ist nur die eine Seite der Medaille. Wenn wir dem Urgedanken solcher sozialer Einrichtungen nachforschen, stossen wir auf die biblischen Anweisungen, sich um die Armen, Witwen und Waisen zu kümmern. Diese Anweisungen richten sich aber nicht an staatliche Institutionen, sondern in erster Linie an die Familienangehörigen der Bedürftigen (1.Timotheus 5,8.16), und in zweiter Linie an deren Mitchristen, also die geistliche Familie (Galater 2,10, Römer 15,26-27, Jakobus 2,15-16). Das ist die Art und Weise, wie die Armen- und Altersfürsorge jahrhundertelang funktioniert hat und in Ländern wie Perú auch heute noch weitgehend funktioniert. So kommen wir als Familie z.B. zusammen mit zwei weiteren Geschwisterfamilien für den Lebensunterhalt meiner betagten Schwiegereltern auf. Die Existenz und Notwendigkeit einer AHV ist also nicht nur ein Zeugnis für die Solidarität des Schweizervolkes. Sie ist ebenso ein Zeugnis dafür, dass die Einrichtungen, die traditionellerweise und biblischerweise für die Altersvorsorge zuständig waren, nämlich die natürliche und die geistliche Familie, nicht mehr funktionieren und in Auflösung begriffen sind oder sich bereits aufgelöst haben.

In dieser Situation ist es zwar besser, eine staatliche Altersvorsorge zu haben als gar keine. Aber ein wichtiges Element geht dabei verloren, nämlich die mitmenschliche Fürsorge. Es ist nicht dasselbe, ob ich meine Schwiegereltern unterstütze, denen ich persönlich nahestehe und mit deren Verhältnissen ich vertraut bin, oder ob ich Geld an eine anonyme Institution einzahle, deren Funktionäre mich nicht einmal kennen und mir nur ab und zu einen mehr oder weniger absurden Brief schreiben. In einem früheren Artikel habe ich ausführlicher über die Gefahren dieser Ver-Institutionalisierung der mitmenschlichen Hilfe geschrieben. In ähnlichem Sinn schreibt auch Randy Alcorn in „Geld, Besitz und Ewigkeit“:

„Früher mussten die Menschen auf Gott vertrauen, dass er die Mittel für die Arztrechnungen zur Verfügung stellte, wenn sie krank wurden. Wenn sie krank blieben, waren sie und ihre Familien von Gott, der Familie und der christlichen Gemeinschaft abhängig, was die materielle und persönliche Unterstützung anging. Eine Person, die verletzt war und nicht mehr arbeiten konnte, wurde von ihrer Familie, der Kirche, den Nachbarn und der Gemeinschaft versorgt. Ihre „Versicherung“ bestand in ihrer eigenen Beteiligung an dieser Gemeinschaft. Die Menschen sorgten füreinander, halfen einander und beteten füreinander. Gott wirkte durch diese persönlichen Beziehungen, um nicht nur materielle, sondern auch emotionale und geistliche Bedürfnisse zu decken. Wenn jemand starb, traten andere an seine Stelle, um bei der Versorgung der Familie zu helfen. Mit den Versicherungen wurde all das anders. Aber hat es sich zum Besseren gewandelt?
Vor hundert Jahren versammelten sich die Nachbarn und Gemeindemitglieder, wenn ein Haus abbrannte, gaben aus ihrem Vermögen an Zeit und Geld und halfen beim Wiederaufbau. (Das haben Sie doch sicher schon im Film gesehen, bei den Amish oder in „Unsere kleine Farm“!) Aber heute hat das die Versicherungsgesellschaft übernommen. Freunde, Nachbarn und Gemeindeglieder sind dann vielleicht kurz traurig und bieten kurzfristig emotionale Unterstützung an, aber dann kehren sie wieder in ihr eigenes Leben zurück, über ihren leidenden Nachbarn kaum betroffen und minimal an ihrem Unglück Anteil nehmend.
(…)
Um diese beiden Quellen der Fürsorge zu unterscheiden, nennen wir die vertraglich geregelte Versicherung durch eine Versicherungsgesellschaft „formelle Versicherung“ und die spontane Versorgung durch eine geographische oder geistliche Gemeinschaft „informelle Versicherung“. Die Geschichte hat gezeigt, dass mit der breiten Einführung der formellen Versicherungen die Rolle der informellen Versicherung durch die Gemeinschaft minimiert und letztendlich fast abgeschafft worden ist. Wenn eine Person ausreichend formell versichert ist, dann gibt es wenig oder gar keinen sichtbaren Bedarf an informeller Versicherung.
Der Tod der informellen Versicherung durch die Gemeinschaft ist nicht nur für die formelle Versicherung, sondern auch für die endlose Zahl an staatlichen Programmen ein Problem, die Geld austeilen, ohne die ganzheitliche Versorgung zu bieten, die ganz natürlich in einem Netzwerk gewachsener Beziehungen geschieht. Der Fehler liegt nicht nur beim Staat oder bei den Anbietern formeller Versicherungen, sondern auch bei den Mitgliedern der Gemeinschaft, die nicht erkennen, dass diese informellen Versicherungen nach wie vor nötig sind. Versicherungen treiben Menschen nicht nur aus unterstützenden Beziehungen heraus, sondern sie treten auch in die Lücke, die Menschen reißen, die sich aus Beziehungen verabschieden.
Ungeachtet dessen, wer daran schuld ist, hat aber eine tragische Erosion der Gemeinschaft, der kirchlichen Beziehungen und des Engagements stattgefunden. Die natürlichen Ereignisse im Leben, die einst die Leute zusammengebracht haben, tun das nicht mehr. Weil für alles vorgesorgt ist, beteiligen sich die Menschen nur noch selten sinnvoll am Leben ihrer Mitmenschen.“

– Ein anderes Detail ist mir erst jetzt aufgefallen: Warum nennt sich die AHV überhaupt „Versicherung“? Ist nicht bei jeder anderen Versicherung der Kunde frei, jenen Beitrags- und Leistungsplan auszuwählen, der ihm am besten entspricht? Oder hat man je von einer Versicherung gehört, die alljährliche Bescheinigungen über Vermögen und Einkommen ihrer Kunden anfordert und demgemäss deren Beiträge bemisst? Das sollte korrekterweise nicht „Versicherungsbeitrag“ heissen, sondern „Steuer“, bzw. „Staatliche Umverteilung von Reichtum und Armut nach kommunistischem Muster“.

Nun gehöre ich ja zu jenen, die von dieser Umverteilung profitieren (d.h. falls ich das Rentenalter erreiche), da ich die meiste Zeit meines Lebens nahe am Existenzminimum gelebt habe und deshalb weder ein guter Steuerzahler noch ein guter Konsument war. Ich bin aber zum Schluss gekommen, dass es mit meinem Vertrauen auf Gott als meinen Versorger unvereinbar ist, mich weiterhin in so hohem Mass von solcher staatlicher Umverteilung abhängig zu machen. In letzter Konsequenz ist die staatliche Fürsorge eine antichristliche Fälschung der christlichen Nächstenliebe. Auf diese Art Fürsorge zu vertrauen statt auf die Versorgung Gottes, ist in letzter Konsequenz Götzendienst.

Nun könnte jemand fragen, ob ich damit nicht „Ungehorsam gegen die Obrigkeit“ predige, entgegen Römer 13. Aber für Auslandschweizer ist die AHV freiwillig. Ich bin also durchaus berechtigt, auszutreten.
Ausserdem sollte genau gelesen werden, was nach Römer 13 die Aufgabe der Obrigkeit ist: „Tue das Gute, und du wirst Lob von ihr haben; denn Gottes Dienerin ist sie für dich zum Guten. (…) eine Rächerin zum Zorngericht für den, der das Böse verübt.“ – Ebenso auch 1.Petrus 2,14: „…um die Übeltäter zu bestrafen und die zu beloben, die das Rechte tun.“ Das „Untertan-Sein“ bezieht sich also einzig darauf, sich der staatlichen Rechtsprechung zu fügen, insofern diese die guten Taten lobt und die bösen bestraft. Es steht hier aber nichts davon, dass der Staat Kranke pflegen, Alte und Arme versorgen, Kinder erziehen oder Reichtum und Armut umverteilen solle – geschweige denn, dass der Bürger unter einen Zwang gestellt werden solle, von solchen staatlichen Tätigkeiten Gebrauch zu machen. Das alles gehört, wie bereits erwähnt, in den Zuständigkeitsbereich der Familie – in erster Linie der natürlichen und in zweiter Linie der geistlichen. Beim Nachdenken über dieses Thema ist mir wieder neu bewusst geworden, wie wichtig es ist, gerade im Dienst am Nächsten – d.h. an den Menschen in meiner unmittelbaren Umgebung – einen Schwerpunkt zu setzen und damit die „informelle Versicherung“ zu stärken.

Jemand anders wird vielleicht sagen: „Wie kannst du nur so leichtsinnig deine Altersvorsorge aufs Spiel setzen? Wir leben nun einmal in dieser Welt und können nicht einfach so zu den Zuständen der familiären, gemeindlichen oder nachbarschaftlichen Altersvorsorge zurückkehren.“ – Ich weiss. Ich fordere ja nicht, die AHV abzuschaffen und gesamtgesellschaftlich zur familiären und christlichen Sozialhilfe zurückzukehren. Obwohl das aus biblischer Sicht und für eine christlich geprägte Gesellschaft das Richtige wäre – für die gegenwärtige gottferne Gesellschaft wäre es vollkommen unrealistisch und unmöglich. Aber ich bin überzeugt, dass ich als Christ dazu berufen bin, mit meinem Leben in dieser Welt Zeichen zu setzen, nicht für das, was realistischerweise ist, sondern für das, was nach Gottes Willen sein soll. Auch wenn es riskiert ist und etwas kostet. Auch wenn ich damit zum Vertreter einer Lebensform werde, die es in weitem Umkreis nicht mehr gibt und nicht verstanden wird. Der christlichen Berufung gerecht zu werden, ist mir wichtiger als die Frage, ob ich mein Alter in Reichtum oder in Armut verbringen werde. Deshalb bin ich – einmal mehr – ein „christlicher Aussteiger“.

Was? Ihre Kinder essen nicht in der Staatsküche?

20. Oktober 2010

Was? Sie kochen selber zuhause? Und alle Ihre Kinder essen mit? Wie können Sie das verantworten? Sind Sie wenigstens staatlich zugelassener Ernährungswissenschafter? Nicht? Das ist ja unerhört! Wie sollen da Ihre Kinder je zu gesunden, kräftigen Bürgern heranwachsen? Nicht zu reden von den möglichen gesundheitlichen Schädigungen! Sie haben doch gar nicht das nötige Wissen, um Ihren Kindern die richtigen Nährstoffe zu verabreichen. Und können Sie etwa zuhause den ganzen Produktionsprozess einer Staatsküche originalgetreu nachbauen? Und überhaupt, das ist strafbar. Sie können froh sein, dass Ihre Kinder noch nicht in ein Heim eingewiesen worden sind.

Was, Sie wollen sich sogar dafür einsetzen, dass das Kochen zuhause gesetzlich erlaubt wird? Das wird ja immer schöner. Wo kämen wir denn da hin, wenn jeder für sich zuhause so kochen würde, wie er es für gut hält! Da würden ja einige fundamentalistische Gruppen sogar darauf bestehen, dass in ihrer Familie ihre religiösen Speisevorschriften befolgt werden. Das würde der Entwicklung religiöser Parallelgesellschaften geradezu Vorschub leisten. Wir haben als Kinder schliesslich auch alles gegessen, was man uns in der Staatsküche vorgesetzt hat. Und wenn wir nachher Bauchschmerzen hatten, dann war das nur eine angemessene Vorbereitung auf das wirkliche Leben, denn Bauchschmerzen gehören nun einmal zum wirklichen Leben.

Also wirklich, diese Selbstkocher gehörten alle eingesperrt. Und dann wagen sie es noch, die Erklärung der Menschenrechte für ihre extremen Positionen zu missbrauchen. Als ob ihr Elternrecht das Recht auf gesunde, staatlich geprüfte Ernährung ausser Kraft setzen würde. Und dazu operieren sie mit ausländischen Statistiken, wonach Kinder in den Ländern, wo zuhause Kochen erlaubt ist, gesünder seien. Die Situation jener Länder lässt sich doch überhaupt nicht mit der unsrigen vergleichen. Bei uns herrscht Ordnung und eine solide Ernährung. Dazu gehört, dass die Kinder lernen richtig zu essen, unter Aufsicht von staatlich geprüften Experten. Was andere Länder in dieser Hinsicht machen, geht uns doch gar nichts an. Dank der Staatsküchenpflicht sind wir heute ein fortschrittliches, einheitliches Land. Es lebe die Staatsküchenpflicht!

PS: Allfällige Ähnlichkeiten mit der aktuellen Diskussion um Schulpflicht und Homeschooling sind nicht zufällig, sondern beabsichtigt.

Homeschooling ist ein Menschenrecht! – USA gewährt Deutschen politisches Asyl

5. Februar 2010

Der Fall machte kürzlich Schlagzeilen: Ein amerikanisches Gericht hat der deutschen Familie Romeike politisches Asyl gewährt, weil sie in Deutschland verfolgt wurden wegen ihrer Entscheidung, ihre Kinder selber zu erziehen. Damit ist jetzt offiziell festgestellt worden, dass die deutsche Regierung (mehrmals auch von EU-Instanzen gedeckt) mit ihrem Vorgehen gegen „Homeschooler“ grundlegende Menschenrechte massiv verletzt.

Ich habe mir ein paar Pressestimmen und Kommentare dazu angesehen. Grösstenteils traurig, was dazu geschrieben und gedacht wird (zumindest im deutschen Sprachraum):

Da wird gedankenlos die Argumentation deutscher Regierungsstellen und Lehrerverbände wiederholt, Eltern könnten ihren Kindern keine angemessene Bildung vermitteln, und deshalb müsse die Schulpflicht mit Gewalt durchgesetzt werden. Dabei ist schon längst durch die Forschung gezeigt worden, dass genau das Gegenteil der Fall ist: Zuhause ausgebildete Kinder sind generell den Schulkindern überlegen, nicht nur intellektuell, sondern auch psychologisch und sozial. (In einem späteren Artikel gedenke ich konkrete Daten dazu zu veröffentlichen. – Nachtrag: Ist hiermit geschehen!)

Ein zweites häufiges „Totschlag-Argument“ in den deutschen Kommentaren war, die Romeikes seien religiöse Fundamentalisten und deshalb habe der Staat das Recht, ihnen ihre Überzeugungen zu verbieten. Da muss man sich wirklich fragen, auf welcher Seite die Intoleranz liegt: auf der Seite einer Familie, die einfach ihren Überzeugungen nachleben will, ohne andere Menschen zu belästigen; oder auf der Seite eines Staates, der solche Überzeugungen unter Gewaltanwendung verfolgt? – Ich erlaube mir hier die neue Wortschöpfung „Staatsfundamentalisten“: für alle jene, die glauben, der Staat hätte das Recht, seinen Bürgern eine bestimmte Ideologie aufzuzwingen und Andersgläubige zu verfolgen.

Und ein dritter Punkt, wo ich mich beklommen frage, was für ein gesellschaftliches Klima zur Zeit in deutschen Landen herrscht (ich wohne ja zum Glück weit weg…): Kaum ein Kommentator zeigte irgendwelches Mitgefühl mit dem unsäglichen Leiden, das die Familie Romeike auf sich nehmen musste: Unverhältnismässige Geldbussen und Enteignungen, als sie die Bussen nicht mehr bezahlen konnten; monatelange Gerichtsstreitigkeiten; Drohungen mit Gefängnis und Kindesentzug; zweimal drang die Polizei in ihr Haus ein, um die Kinder gewaltsam zur Schule zu schleppen. Das alles wird offenbar in Deutschland heute als normal empfunden?! – Kommentatoren behaupteten, die Familie Romeike schade mit ihrer Erziehung ihren eigenen Kindern. Aber kaum jemand fragte danach, was für Schädigungen diese Kinder durch das brutale Vorgehen der deutschen Behörden erlitten haben.

Es handelt sich ja nicht um einen Einzelfall. Wer im deutschsprachigen Bereich des Internets nach „Homeschooling“, „Bildungsfreiheit“ usw. sucht, wird bald auf weitere ähnliche Horrorgeschichten stossen. Eltern, die in Deutschland ihre Kinder selber erziehen, müssen damit rechnen, dass sie ihr Hab und Gut verlieren, ins Gefängnis gesperrt werden, ihre Kinder in Heime oder psychiatrische Kliniken zwangsinterniert werden, und dass sie sogar im Ausland noch von deutschen Behörden weiter verfolgt werden.

Dass es sich hier tatsächlich um politische Verfolgung handelt, ist jetzt im amerikanischen Asylverfahren klar festgestellt worden. Im Blog „Freie Bildung“ wurde die Urteilsbegründung detailliert dargestellt und kommentiert. Ebenso wurde herausgestellt, dass der „religiöse Fundamentalismus“ nur ganz am Rande etwas mit der Sache zu tun hat (deshalb der Titel des Blog-Artikels: „Der Religionskrieg lebt“), sondern dass es um die Grundüberzeugung geht, Kindererziehung gehöre in die Familie.

Da die Zitate in dem erwähnten Blog-Artikel auf Englisch sind, habe ich hier einige davon übersetzt:

Verfolgung

(…) Herr Romeike und seine Frau und Kinder erlitten ständige Verfolgung, weil sie ihre Kinder zuhause ausbildeten. Nachstehend eine nicht vollständige Liste der Verfolgung, die sie erlitten:

Bedrohung:
(Es werden acht Vorfälle innerhalb von drei Monaten aufgeführt, wo der Familie von Behörden und Polizei konkret Bussen, Polizeigewalt und andere Zwangsmassnahmen angedroht wurden.)

Körperliche Schädigungen:
Am 20.10.2006, um ca. 7.30 Uhr, betraten bewaffnete und uniformierte Polizeibeamte das Heim der Romeikes. Ohne einen schriftlichen Befehl zu haben, führten die Beamten die Kinder gewaltsam ab und fuhren die weinenden, traumatisierten Kinder zu der staatlichen Schule.
Am 23.10.2006, um ca. 8.30 Uhr, kamen wiederum bewaffnete und uniformierte Polizeibeamte zum Heim der Romeikes, um die Kinder gewaltsam wegzuführen. Sie hätten damit Erfolg gehabt, wenn nicht eine Gruppe deutscher Bürger vor dem Heim der Romeikes protestiert hätte.

Einschüchterung und Verachtung:
Im November 2006 wurden Herr und Frau Romeike von Dr.Klein konfrontiert, der zu dem Treffen unangekündigt einen Beamten des Jugendamts mitbrachte (welches das Recht hat, den Eltern ihre Kinder wegzunehmen).
Die deutschen Behörden dispensierten die Kinder Romeike vorübergehend vom Schulbesuch, begründet mit einem Arztzeugnis vom 13.November 2006, wonach ein zwangsweiser Schulbesuch den Kindern unangemessenen Stress mit psychosomatischen Konsequenzen bereiten würde. (…) Diese Begründung alarmierte Herrn und Frau Romeike, weil solche Gründe in anderen Fällen in Deutschland dazu benützt worden waren, zuhause ausgebildete Kinder zwangsweise in eine psychiatrische Klinik einzuweisen und sie den Eltern wegzunehmen.
Die deutschen Behörden, inbegriffen Zivilrichter, lehnten ständig die Argumente der Romeikes ab betreffend ihr Gewissen, elterliche Rechte, und die Freiheit in der Wahl der Bildung.

Geldbussen und Enteignung:
(Es werden sieben Fälle aufgeführt, wo die Romeikes gebüsst wurden, insgesamt mit einem fünfstelligen Betrag, und der Androhung einer Zwangsenteignung. Das Enteignungsverfahren war bereits eingeleitet worden, als die Familie in die USA floh.)

Im weiteren wird begründet, dass die Verfolgung von „Homeschoolern“ in Deutschland eindeutig auf ihrer Zugehörigkeit zu einer definierten sozialen Gruppe mit bestimmten Überzeugungen beruht:

Homeschooler, als Mitglieder einer besonderen und sichtbaren sozialen Bewegung, können ihrem Gewissen in jedem grösseren westlichen Land folgen, mit Ausnahme von Deutschland. Die deutsche Regierung, unterstützt von den höchsten Gerichten, hat stattdessen eine Position der offiziellen Intoleranz gegen diese besondere soziale Gruppe eingenommen. Das deutsche Bundesverfassungsgericht stellte fest, dass die deutsche Regierung ein berechtigtes Interesse daran hat, auf individuelle Homeschooler abzuzielen, mit dem eigentlichen Zweck, die Homeschool-Bewegung zu unterdrücken und diese besondere soziale Gruppe an ihrer Ausbreitung zu hindern.

(…) Die besondere soziale Gruppe, zu der Herr Romeike gehört, besteht aus jenen Eltern, die aus religiösen, politischen, sozialen, akademischen oder Gewissensgründen ihre Kinder nicht in staatlich genehmigte Schulen schicken, sondern sie zuhause erziehen. (…) Ihre religiösen und Gewissensüberzeugungen sind so grundlegend für ihre Identität, dass sie nicht gezwungen werden sollten, diese zu ändern. Homeschooler in Deutschland sind ohne Frage eine besondere soziale Gruppe.

(Anm: Das wird herausgehoben, weil Verfolgung aufgrund der Zugehörigkeit zu einer besonderen sozialen Gruppe ein Grund für politisches Asyl ist.)

(Die Verfolgung dieser Gruppe) wird bewiesen durch das Zeugnis der zahlreichen Familien, die diesem Gericht eidesstattliche Erklärungen vorgelegt haben. Der deutsche Staat betrachtet Homeschooler als eine soziale Gruppe und hat ministerielle Erklärungen über Homeschooling abgegeben, sowohl auf Bundes- wie auf Länderebene. Bezeichnend ist hierzu das Urteil des deutschen Bundesverfassungsgerichts, wonach die Regierung berechtigt sei, Homeschooler zu unterdrücken, „um der Entwicklung religiös oder philosophisch motivierter Parallelgesellschaften entgegenzuwirken“.
(…) Eltern, die ihr Menschenrecht auf die Ausbildung und Erziehung ihrer Kinder in der Form von Homeschooling ausüben, haben gemeinsame Merkmale, die sie zu einer erkennbaren Gruppe machen und sie von der allgemeinen deutschen Gesellschaft unterscheiden. Somit ist der deutsche Staat motiviert, Herrn Romeike zu verfolgen, weil er ein Homeschooler ist.
(…) Der deutsche Staat nimmt Homeschooler aufs Korn, nicht wegen der individuellen bildungsmässigen Folgen für jedes Kind, sondern wegen der mutmasslichen weiteren Folgen für die Gesellschaft. Deutsche Beamte gehen gegen Homeschooler härter vor als gegen Eltern von Kindern, die einfach die Schule schwänzen und keinerlei Bildung erhalten, weder in der Schule noch zuhause.
Anscheinend mit dem Segen des Verfassungsgerichts in Konrad, bewirkt das harte Vorgehen gegen Homeschooler einen Terroreffekt, um andere Mitglieder derselben sozialen Gruppe abzuschrecken, sowie Menschen aus der allgemeinen Bevölkerung, die gerne dieser Gruppe beitreten würden. Das harte und gezielte Vorgehen der deutschen Regierung gegen Homeschooler trägt dazu bei, diese besondere soziale Gruppe zu definieren, beweist deren Existenz, und zeigt den Zusammenhang zwischen der Schädigung und dem geschützten Grund für die Gewährung von Asyl.

(…) Im vorliegenden Fall würden andere westliche Staaten kein Verbrechen sehen, da sie Homeschooling erlauben. Die Schwere der Bestrafung, der Herr Romeike unterzogen wurde (…), ist völlig unverhältnismässig im Vergleich zu dem geringen Vergehen. Seine politische Ansicht, dass es ihm erlaubt sein solle, seine Kinder zuhause auszubilden, ist motiviert durch seine religiöse Sicht von seiner Rolle als Vater. In diesem Fall besteht die „Natur der Tat“ darin, seinen Kindern eine gute Erziehung zu geben; aber der deutsche Staat hat dies als irrelevant angesehen. (…) Es ist klar, dass die gerichtliche Verfolgung gegen Herrn Romeike sich auf seine politische Ansicht gründet, seine Kinder zuhause ausbilden zu sollen (…). Dass der Staat überhaupt nicht um die Qualität der Ausbildung der Kinder besorgt war, zeigt, dass die Verfolgung politisch ist, nicht einfach bildungsmässig.
(…) Auch die Beweise, dass die Bestrafung für eine politische motivierte Tat unverhältnismässig ist, können auf Verfolgung aufgrund politischer Ansichten hinweisen, statt rechtmässiger gerichtlicher Verfolgung. Wie oben behandelt, ist die Bestrafung für die politische Tat des Homeschooling unverhältnismässig. Das beweist nicht nur, dass es sich wirklich um Verfolgung handelt (…); es beweist auch, dass die Verfolgung wegen Herrn Romeikes politischer Ansicht geschieht.

Wie das amerikanische Gericht festgestellt hat, ist also der einzige „religiöse“ Konfliktpunkt in dieser Auseinandersetzung Herrn Romeikes Überzeugung über seine Aufgabe als Vater – eine Überzeugung, die er durchaus auch mit nichtreligiösen oder „anders religiösen“ Menschen teilt. Der Kern der Auseinandersetzung ist politisch: wer hat das Recht, Kinder zu erziehen, die Eltern oder der Staat?

Nun möchte ich auch noch positiv einen Medienkommentar erwähnen, wo offenbar jemand gemerkt hat, worum es geht. Unter dem Titel „Deutschland muss noch viel lernen“ sagt ein Kommentator des WDR u.a.

Wenn hier einer spinnt, dann ist es Deutschland mit seiner obrigkeitsstaatlichen Tradition, die für Länder, die aus Freiheitswillen entstanden, unbegreiflich, ja geradezu abstoßend ist. Die USA sind geboren als eine Nation gegen die damals in Europa herrschende Unfreiheit und Unterdrückung. Grundlegend ist die Überzeugung, dass die Menschen nicht dem Staat gehören, sondern sich selber, und dass der Staat nur eine dienende Funktion hat (…)
Durch die Bank führt aber der Hausunterricht nicht zu schlechteren Ergebnissen, ganz im Gegenteil: durchweg sind sie besser als die der staatlichen Schulen.
Wenn es nicht nur im großen Wissenschaftsland USA und in mehr als einem Dutzend renommierter Staaten Mitteleuropas ohne Schulzwang geht, dann stimmt doch was mit Deutschland nicht. Und so ist es: Es hat ein Bildungsdefizit in punkto Freiheit. Es muss noch viel lernen.