Posts Tagged ‘Sünde’

Die neutestamentliche Gemeinde in Matthäus 18 (Teil 3)

22. Oktober 2016

Die christliche Versammlung ist der Ort, wo Sünde konfrontiert und korrigiert wird, und Gerechtigkeit hergestellt wird.

In der vorhergehenden Betrachtung sprachen wir über den Konsens, der entsteht, wenn alle ernsthaft und aufrichtig die Führung des Heiligen Geistes suchen. Damit möchte ich nicht den Eindruck erwecken, nur eine Gemeinde ohne Sünde und Konflikte sei eine neutestamentliche Gemeinde. Aber die neutestamentliche Gemeinde geht mit ihren Sünden und Konflikten auf biblische Weise um. Genau darüber spricht die erste Hälfte unseres Abschnitts Matthäus 18,15-20:

„Wenn dein Bruder gegen dich sündigt, geh und weise ihn unter vier Augen zurecht. Wenn er auf dich hört, hast du deinen Bruder gewonnen.“ (Vers 15)
Der erste Schritt besteht darin, dass eine private Sünde privat zurechtgewiesen werden sollte. Sie sollte noch nicht vor andere Personen getragen werden. Aber der Herr sagt auch nicht: „Vergib und vergiss!“, wie in vielen Kirchen fälschlich gelehrt wird. Nein, die Sünde muss konfrontiert werden. Die neutestamentliche Gemeinde unternimmt die nötigen Schritte, um sich von Sünde rein zu halten. So heisst es auch in Epheser 5.11: „Und nehmt nicht an den unfruchtbaren Taten der Finsternis teil, sondern weist sie zurecht.

Wir stellen fest, dass hier, in Matthäus 18,15, der Herr über private Sünden spricht. Eine öffentliche Sünde sollte von Anfang an öffentlich und vor Zeugen konfrontiert werden, wie Petrus in Apg.5,3-4 und 8,20-23 zeigt, sowie Paulus in Galater 2,11-14.

Wenn der fehlbare Bruder nach der privaten Konfrontation nicht umkehrt, dann soll er mit einem oder zwei weiteren Zeugen konfrontiert werden (Matthäus 18,16). Und „wenn er auf sie nicht hören will, dann sage es der Versammlung (Gemeinde) …“ (Vers 17)

„Gemeinde“ bedeutet hier „Versammlung“. Es bedeutet nicht „nur die Leiter“! Dieser Punkt muss betont werden, weil einige Kirchen und Gruppen erklären, Matthäus 18,15-17 zu praktizieren, aber in Wirklichkeit die (tatsächlich oder vermeintlich) fehlbaren Mitglieder vor die Leiter der Organisation bringen, welche dann nach ihrem eigenen Ermessen einen „Schuldspruch“ fällen. Das ist es nicht, was die Worte des Herrn bedeuten. Wenn eine Sache vor die „Versammlung“ gebracht wird, dann bedeutet das, dass sie öffentlich gemacht wird. Das ganze Volk Gottes wird informiert; und wenn eine Art „Gerichtsprozess“ durchgeführt wird, dann hat das ganze Volk Gottes das Recht, daran teilzunehmen. Dadurch wird verhindert, dass einzelne Leiter sich zu exklusiven Richtern aufschwingen, die oft Richter und Partei zugleich sind, und die hinter verschlossenen Türen Urteile fällen, ohne dass jemand kontrollieren oder Rechenschaft fordern könnte, ob es dabei mit rechten Dingen zuging. Solche willkürlichen Schuldsprüche werden in heutigen kirchlichen Organisationen allzu oft gefällt. Genau um dies zu verhindern, stellt der Herr hier ein Prinzip auf, das sogar in der weltlichen Justiz beachtet wird (und wieviel mehr sollte es im Volk Gottes beachtet werden!), nämlich dass Gerichtsprozesse öffentlich sein sollen. Noch mehr: Das Wort „ekklesia“ (Gemeinde / Versammlung) bedeutete im damaligen Griechisch ursprünglich „die Versammlung aller stimmberechtigten Bürger“. Jeder Bürger des Reiches Gottes hat ein Mitspracherecht, wenn es darum geht, einen Mitbürger zu konfrontieren und wiederherzustellen, der gesündigt hat.

Dasselbe finden wir in Galater 6,1: „Ihr Brüder, wenn jemand von einer Übertretung überrascht wird, dann sollt ihr, die geistlichen, ihn zurechtbringen in einem demütigen Geist; und achte auf dich selber, dass nicht auch du versucht wirst.“ Auch hier richtet sich der Aufruf, den fehlbaren Bruder zurechtzubringen, nicht nur an einige wenige Leiter, sondern an alle geistlich Gesinnten. (Gemäss Römer 8,1-16 und 1.Korinther 2,12-15 sollten wenn möglich alle Christen „geistlich“ sein!)

Beachten wir, dass das Ziel dieses Prozesses darin besteht, den Fehlbaren zurechtzubringen. Nicht ihn zu erniedrigen, nicht ihn zu verwerfen und zu verdammen. Aber beachten wir auch, dass dieses „Zurechtbringen“ nur dann geschehen kann, wenn der Fehlbare umkehrt. In Lukas 17,3 (Parallelstelle zu Matthäus 18,15) heisst es: „Wenn dein Bruder gegen dich sündigt, weise ihn zurecht; und wenn er umkehrt, vergib ihm.“ Wenn ein Sünder nicht umkehrt, nicht einmal nachdem er vor der Versammlung konfrontiert und überführt wurde, dann muss der Geschädigte ihm nicht vergeben. „Und wenn er auch auf die Versammlung (Gemeinde) nicht hören will, dann sei er dir wie ein Heide und ein Zöllner.“ (Matthäus 18,17). Im Gegensatz zu einer weitverbreiteten Lehre ist die Umkehr notwendig, damit Vergebung, Wiederherstellung und Versöhnung geschehen kann.

Das sollte uns nicht seltsam erscheinen, da ja dasselbe für die Beziehung zum Herrn selber gilt. Nur wer von seiner Sünde umkehrt, kann in eine persönliche Beziehung zu Jesus eintreten und gerettet werden. Das war die Botschaft, die Jesus vom Anfang bis zum Ende seiner irdischen Mission verkündigte (Matthäus 4,17; Lukas 24,47); und das war auch die Botschaft, die seine Apostel verkündeten (Apostelgeschichte 2,38; 3,26; 14,15; 26,18; usw). Der Herr gab zwar sein Leben für alle Menschen; aber seine Vergebung erreicht nur diejenigen, die umkehren.

Zurück zum Thema „Versammlung“. Unglücklicherweise ist dies ein Punkt, der heute fast unmöglich durchzuführen ist, weil wir gegenwärtig in einer nach biblischen Massstäben sehr irregulären Situation leben. An den allermeisten Orten finden sich die Christen unter verschiedene Konfessionen und Gemeindeverbände zerstreut, während die Mehrheit der Mitglieder dieser Verbände gar keine Christen nach biblischen Massstäben sind. Deshalb ist eine Versammlung der Mitglieder einer konfessionellen Kirche oder eines Gemeindeverbandes in keiner Weise eine Versammlung des Volkes Gottes. Um wieder eine „Versammlung“ im Sinne des Neuen Testamentes haben zu können, müssten alle echten Christen ihre jeweiligen Kirchen verlassen, und sich zusammen mit den echten Christen aus den anderen Kirchen versammeln.

Das ist gar keine so weit hergeholte oder revolutionäre Idee, wie es scheinen mag. Das ist nämlich tatsächlich schon geschehen, an Orten, wo es Erweckung gab. Wenn es gegenwärtig unmöglich scheint, dann liegt das daran, dass wir gegenwärtig sehr weit von einer Erweckungssituation entfernt sind, und dass die gegenwärtigen Kirchen sehr weit davon entfernt sind, „Gemeinde“ im Sinne des Neuen Testaments zu sein. In einer echten Erweckung zieht der Heilige Geist selber die Trennlinien: Nicht zwischen den verschiedenen Denominationen, sondern zwischen den echten und den falschen Christen in jeder Denomination. „Dann werdet ihr wieder den Unterschied sehen zwischen dem Gerechten und dem Bösen; zwischen dem, der Gott dient, und dem, der ihm nicht dient.“ (Maleachi 3,18)

Aber auch in der gegenwärtigen irregulären Situation bin ich der Meinung, dass wir zumindest folgendes fordern dürfen: Dass Sünden und Konflikte, die innerhalb einer Kirche oder eines Gemeindeverbandes nicht auf eine für beide Seiten zufriedenstellende bzw. gerechte Weise gelöst werden können, nicht als „interne Angelegenheiten“ der betreffenden Kirche oder des betreffenden Verbandes betrachtet werden dürfen. Dass solche Fälle – insbesondere wenn Leiter involviert sind – vor eine „Versammlung“ von Glaubensgeschwistern gebracht werden, die nicht demselben Gemeindeverband angehören, und die in der Lage sind, die Angelegenheit unparteiisch zu untersuchen. Wenn ein Gemeindeverband nicht dazu bereit ist, seine Probleme auf diese Weise behandeln zu lassen, dann können wir sicher sein, dass da keine neutestamentliche Gemeinde ist, sondern ein sektiererischer Geist.

Das Wort „Versammlung“ schliesst auch ein, dass es da keine Rangunterschiede gibt. In unserer Stelle in Matthäus 18 ist nirgends die Rede von irgendeinem Unterschied zwischen „Leitern“ und „Geleiteten“, oder zwischen „Geistlichen“ und „Laien“. Wo es um das Konfrontieren von Sünde geht, da gilt kein Ansehen der Person. Um es noch klarer zu sagen: Auch das einfachste Gemeindemitglied darf (und soll!) auch den mächtigsten „Leiter“ wegen einer Sünde zurechtweisen, und ihn sogar vor die „Versammlung“ bringen, wenn er nicht umkehrt. Matthäus 23,8-12 bekräftigt, dass es tatsächlich das ist, was der Herr sagen will.
Dabei muss „Sünde“ natürlich der Bibel gemäss definiert werden. Allzu viele religiöse Organisationen definieren fälschlich als „Sünde“ eine ganze Reihe von Handlungen, die u.a. genau das einschliessen, was der Herr hier ausdrücklich gebietet, nämlich einen Leiter zurechtzuweisen, wenn er sündigt.

Das einzige, was in der Versammlung des Volkes Gottes einen Unterschied macht, ist die geistliche Reife bzw. Weisheit jedes Mitglieds. In 1.Korinther 6,5 tadelt Paulus die Gemeinde in Korinth, weil es „keinen einzigen Weisen unter euch gibt, der zwischen seinen Brüdern Recht sprechen könnte“. Die korinthische Gemeinde war nicht in der Lage, im Konfliktfall die Gerechtigkeit wiederherzustellen.

Leider müssen wir dasselbe von den meisten heutigen Kirchen sagen. Einfachste Rechtsgrundsätze, die sogar in der weltlichen Rechtsprechung gelten, werden einfach übergangen. Entweder gilt das ungeschriebene Gesetz, dass Sünde toleriert werden muss, und den Opfern von Sünde, Betrug und Missbrauch wird gesagt: „Du musst vergeben und vergessen“. Oder die „Gemeindezucht“ wird hauptsächlich dazu eingesetzt, die Machtstellung der Leiterschaft auszubauen und Kritik an den Leitern zum Schweigen zu bringen. Schuldsprüche und „disziplinarische Massnahmen“ werden zum voraus abgesprochen von einem Klüngel von „Eingeweihten“, die als Kläger und Richter zugleich fungieren. Dem Angeklagten wird keine ordentliche Gelegenheit zur Verteidigung gegeben; die Verhandlungen finden unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt; Aussagen von Belastungszeugen werden anonym vom Kläger-Richter vorgetragen („Uns ist bekanntgeworden …“, „Es wurde über dich gesagt …“); Entlastungszeugen werden nicht angehört; Schuldsprüche werden nicht gesetzmässig begründet; und es gibt keine Möglichkeit der Apellation an eine höhere Instanz.
In den meisten evangelikalen Kirchen und Organisationen, in denen ich während meines Lebens aktiv mitarbeitete, wurde all dies als normal angesehen. Aber das Wort Gottes sagt, dass eine solche Situation sehr weit von der Normalität entfernt ist. Eine Kirche, die nicht gerecht urteilt, fällt selber unter das Urteil Gottes.

Advertisements

Möchtest du WIRKLICH Erweckung?

23. April 2016

Anm: Dies ist die Fortsetzung des Artikels: „Was ist Erweckung?“ – Es empfiehlt sich, jenen ersten Teil zuerst zu lesen.


In einem ersten Artikel (s.o.) haben wir gesehen, worin das Wesen einer echten Erweckung liegt. Nicht Massenbekehrungen, nicht gefühlsmässige Erlebnisse, nicht gesellschaftliche Veränderungen. Alle diese Dinge können Sekundärfolgen einer Erweckung sein und sind es oft auch. Aber der Kern einer Erweckung liegt darin, dass Christen (oder jene, die sich so nennen) von ihrer Sünde umkehren, reinen Tisch machen mit Gott, und anfangen wirklich für den Herrn zu leben. Und dass so erweckte christliche Gemeinschaften wieder zu dem zurückkehren, was „von Anfang an war“; d.h. sie lassen kirchliche Traditionen hinter sich und fangen wieder an, Gemeinde so zu leben, wie es im Neuen Testament beschrieben ist.

In diesem Artikel möchte ich mich nun auf einige „negative“ Aspekte von Erweckung konzentrieren. Ich habe bei manchen Gelegenheiten davon gesprochen und geschrieben, wie wünschenswert eine Erweckung wäre. Aber es gibt einige Aspekte von Erweckung, die manchen Christen weniger wünschenswert erscheinen. Wenn du also sagst, du möchtest Erweckung, dann ziehe auch diese Seite in Betracht und denke nochmals darüber nach. Sonst könntest du später, wenn Gott wirklich Erweckung sendet, enttäuscht sein und sagen: „Ich hätte das nicht so erwartet … warum hat es mir niemand zuvor gesagt?“

Eine Erweckung bringt Unordnung.

Wenn Gott Erweckung sendet, können die kirchlichen Versammlungen nicht wie gehabt weitergehen. Es werden ungewöhnliche Dinge geschehen, und das kann zu einer gewissen Unordnung führen.
In vielen historischen Erweckungen wurden die Leute derart vom Bewusstsein ihrer Sünde überwältigt, dass sie laut zu schreien und zu weinen anfingen, oder kraftlos zu Boden fielen. Sie blieben in diesem Zustand, bis sie ihre Sünde vollständig bereut hatten und zu dem Glauben und der Sicherheit kamen, dass der Herr ihnen vergeben hatte. Manchmal konnte der Prediger nicht weitersprechen wegen des lauten Weinens und Klagens der Zuhörer.

In seiner berühmten Predigt „Sünder in der Hand eines zornigen Gottes“ (1741) beschrieb Jonathan Edwards bildhaft den Hass und Abscheu, den Gott gegen die Sünde empfindet, und die Abgründe der Hölle, die den Sünder erwarten. Während er diese Predigt hielt, fiel eine solche Furcht auf die Zuhörer, dass sie sich an den Kirchenbänken und Säulen festhielten, um nicht in den Feuersee zu fallen, den sie unter ihren Füssen sich öffnen spürten.

Charles Finney schrieb über eine Versammlung, wo er predigte:
„Ich hatte während etwa fünfzehn Minuten in dieser Art der direkten Anwendung zu ihnen gesprochen, als plötzlich ein schrecklicher Ernst über sie kam. Die Versammlung begann in allen Richtungen von ihren Sitzen zu fallen und um Barmherzigkeit zu flehen. Hätte ich in jeder Hand ein Schwert gehabt, ich hätte sie nicht so schnell von ihren Sitzen hauen können, wie sie fielen. Weniger als zwei Minuten nach diesem ersten Schock lag fast die ganze Versammlung auf ihren Knieen oder auf ihrem Angesicht. Alle, die noch sprechen konnten, begannen für sich selbst zu beten.
Natürlich musste ich aufhören zu predigen, denn sie schenkten mir keine Aufmerksamkeit mehr. Ich sah den alten Mann, der mich eingeladen hatte, inmitten des Saales sitzen. Er sah äusserst erstaunt um sich. Ich erhob meine Stimme fast zu einem Schreien, um mich hörbar zu machen, zeigte auf ihn und sagte: ‚Können Sie nicht beten?‘ – Er fiel auf seine Kniee und schüttete mit lauter Stimme sein Herz vor Gott aus. Aber die Leute achteten nicht auf ihn. Da sagte ich, so laut ich konnte: ‚Ihr seid noch nicht in der Hölle. Lassen Sie mich jetzt Sie zu Christus führen.‘ … Mein Herz war so voll Freude angesichts dieser Szene, dass ich kaum an mich halten konnte. Nur mit grösster Mühe hielt ich mich davor zurück, zu Gottes Ehre laut zu schreien.“

Andrew Strom schreibt über die Anfänge der Heilsarmee:
„Im Jahre 1884 wurden in England insgesamt sechshundert Heilsarmisten von der Regierung ins Gefängnis gesperrt, weil sie Aufruhr in den Strassen verursacht hatten. Die Heilsarmee erklärte immer, sie hätten das Recht, unter freiem Himmel ihre Märsche und Versammlungen abzuhalten; und es sei eine Einschränkung der Religionsfreiheit, ihnen dieses Recht zu verweigern. … Tatsächlich weigerten sie sich prinzipiell, auch nur die kleinste Busse zu bezahlen, und so war das Gefängnis unausweichlich. Aber sie veranstalteten jedesmal einen riesigen und sehr lärmigen Marsch, um die verhafteten Heilssoldaten ins Gefängnis zu begleiten; und einen weiteren Marsch, um sie zu begleiten, wenn sie aus dem Gefängnis entlassen wurden.
… Ein verzweifelter Richter ermahnte ein anderes Kontingent verhafteter Heilssoldaten, ‚etwas mehr in ihren Bibeln zu lesen und zu meditieren, weniger zu sprechen, und weniger auf den Lärm von Trommeln und Blechinstrumenten zu vertrauen. Trommeln und Trompeten mögen eine angemessene Begleitung sein für einen Zirkus, aber sie sind fehl am Platz an einem Sonntag in einem ruhigen Städtchen wie Milton.‘ – Solche Ermahnungen hatten keinerlei Wirkung.“

Ein Zeuge der Erweckung von 1970 auf Timor (Indonesien) berichtete, dass eines Tages der Gottesdienst von den Sirenen sich nähernder Feuerwehrwagen unterbrochen wurde. Es brannte aber nirgends. Was war geschehen? – Einige Nachbarn hatten Feuerflammen über dem Kirchendach gesehen und die Feuerwehr alarmiert; aber es war kein Brand, es war das Feuer des Heiligen Geistes, das wie am Pfingsttag sichtbar geworden war.

Solche und ähnliche Szenen sind nichts Neues. Als Jesus an einem bestimmten Ort predigte, drängten sich die Leute sogar draussen vor der Türe, um ihm zuzuhören. Mitten in seiner Predigt wurde er unterbrochen von herunterfallenden Lehmbrocken. Einige Männer hatten ein Loch ins Dach gebrochen, um von dort einen Gelähmten herunterzulassen, damit Jesus ihn heilen würde. Es wird nicht berichtet, dass Jesus sie ermahnt hätte, die Ordnung zu wahren.
Als am Pfingsttag der Heilige Geist kam, benahmen sich die 120 versammelten Leute in der Öffentlichkeit auf eine Art und Weise, dass mehrere Augenzeugen dachten, sie seien betrunken. Sie verursachten einen Auflauf von mehr als dreitausend Menschen und tauften diese an Ort und Stelle.

Der Apostel Paulus verursachte auf seinen Missionsreisen in fast jeder Stadt, wo er hinkam, einen Aufruhr. In der Regel blieb er in jeder Stadt so lange, bis er sich gezwungen sah, vor einem Aufruhr oder einer Verfolgung zu fliehen. Lesen wir einmal die Apostelgeschichte unter diesem Gesichtspunkt!

– In Antiochien von Pisidien:
„Am folgenden Sabbat versammelte sich fast die ganze Stadt, um das Wort Gottes zu hören. Aber als die Juden die Volksmenge sahen, wurden sie voll Eifersucht, und widersprachen dem, was Paulus sagte, und lästerten. … Sie stifteten angesehene gottesfürchtige Frauen an, und die Vornehmsten der Stadt, und verursachten eine Verfolgung gegen Paulus und Barnabas, und vertrieben sie aus ihrem Gebiet.“ (Apg.13,44-45.50)

– In Ikonien:
„Aber als die Juden und Heiden, zusammen mit ihren Oberen, auf sie einstürmten, um sie zu misshandeln und zu steinigen, flohen sie, da sie es inne wurden, nach Lystra…“ (Apg. 14,5-6)

– In Lystra:
„… Und auch mit diesen Worten konnten sie nur mit Mühe verhindern, dass die Menge ihnen Opfer darbrachte. Da kamen einige Juden aus Antiochien und aus Ikonien, die die Menge überredeten; und nachdem sie Paulus gesteinigt hatten, schleiften sie ihn vor die Stadt hinaus, da sie dachten, er sei tot.“ (Apg.14,18-19)

– In Philippi:
„… und sie führten sie vor die Befehlshaber und sagten: Diese Männer, die Juden sind, versetzen unsere Stadt in Aufruhr… Und das Volk rottete sich gegen sie zusammen, und die Befehlshaber liessen ihnen die Kleider zerreissen und sie mit Ruten schlagen.“ (Apg.16,20-22)

– In Thessalonich:
„Da wurden die Juden, die nicht glaubten, eifersüchtig, und nahmen einige Herumstreicher und schlechte Menschen mit sich, rotteten sich zusammen und versetzten die Stadt in Aufruhr. Dann überfielen sie das Haus Jasons und versuchten sie vor das Volk zu schleppen…“ (Apg.17,5)

– In Beröa:
„Als die Juden von Thessalonich erfuhren, dass Paulus auch in Beröa das Wort Gottes verkündigte, gingen sie dorthin und versetzten auch dort die Mengen in Aufruhr.“ (Apg.17,13)

– In Korinth:
„Aber als Gallio Prokonsul von Achaja war, erhoben sich die Juden einmütig gegen Paulus und führten ihn vor Gericht. … Da ergriffen alle Griechen Sosthenes, den Vorsteher der Synagoge, und schlugen ihn vor dem Richterstuhl; aber Gallio kümmerte sich um all das nicht.“ (Apg.18,12-17)

– In Ephesus:
„Und die Stadt geriet in grosse Verwirrung, und sie stürmten miteinander ins Theater und schleppten Gajus und Aristarchus mit, die Reisebegleiter des Paulus. … Nun schrieen die einen dies, die anderen das; denn die Versammlung war verwirrt, und die meisten wussten nicht, weswegen sie zusammengekommen waren. … Aber als sie merkten, dass er ein Jude war, schrieen alle zusammen fast zwei Stunden lang: Gross ist die Artemis der Epheser!“ (Apg.19,29.32.34)

– In Jerusalem:
„So kam die ganze Stadt in Bewegung, und das Volk lief zusammen; und sie ergriffen Paulus und schleppten ihn aus dem Tempel und schlossen sofort die Türen zu. Und als sie versuchten ihn zu töten, wurde dem Obersten der Kohorte gemeldet, dass sich die ganze Stadt Jerusalem in Aufruhr befand. Dieser nun nahm Soldaten und Hauptleute mit sich und eilte zu ihnen. Und als sie den Obersten und die Soldaten sahen, hörten sie auf, Paulus zu schlagen. … Als er zur Treppe kam, musste er von den Soldaten getragen werden wegen der Gewalttätigkeit der Menge; denn die Volksmenge drängte sich hinter ihm und schrie: Er soll sterben!“ (Apg.21,30-36)

Wir stellen auch fest, dass sich in vielen Fällen die „Unordnung“ direkt gegen die etablierte Ordnung der Kirchen richtete. Angefangen mit Jesus selber, der vorsätzlich die Ordnung der Synagogenversammlungen brach, indem er am Sabbat Kranke heilte und andere Dinge tat, die die Schriftgelehrten und Pharisäer in Zorn versetzen.
Auch die Apostel riefen mit ihrer Verkündigung und ihren Taten oft den Zorn der religiösen Leiter hervor. Mehrmals wurden sie bedroht, nie mehr im Namen Jesu zu sprechen. Bei einer dieser Gelegenheiten antworteten sie den Priestern: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ (Apg.5,29) – Die Apostel und Jesus selber waren von der Synagoge nicht anerkannt (mit Ausnahme von Paulus, der ein Rabbiner war).

Während der Reformationszeit entstand die Bewegung der Täufer. Sie empfanden die Reformation Luthers und Zwinglis als zuwenig radikal; sie wollten zum Leben der ersten Christen zurückkehren und allem gehorchen, was die Bibel sagt. Während die Reformatoren die Staatsregierung damit beauftragten, die Kirche zu beschützen, lehrten die Täufer, die weltliche Regierung habe nichts zu tun mit den Angelegenheiten der Kirche. Und während die Reformatoren weiterhin Säuglinge tauften wie die katholische Kirche, lehrten die Täufer, die Taufe sei nur für die Bekehrten.
Die Auseinandersetzung verschärfte sich, und im Jahre 1525 verbot der Rat der Stadt Zürich den Täufern, sich zu versammeln und ihre Lehren zu verbreiten. Sie widersetzten sich offen diesem Befehl, versammelten sich am Ufer des Zürichsees und tauften einander gegenseitig. Das ging völlig gegen alles, was die Kirchen – sowohl die katholische wie die reformierte – erlaubten.
Interessanterweise folgen heute die meisten evangelikalen Kirchen der Lehre der Täufer, zumindest was die Taufe betrifft. Was einmal ein Skandal war, wurde später achtbar. Aber wenn heute jemand in diesen Kirchen vorschlägt, in einigen anderen Punkten zur biblischen Lehre zurückzukehren – z.B. das Abendmahl in den Häusern und Familien zu feiern; oder das Amt und den Titel des Pfarrers bzw. Pastors abzuschaffen -, dann verursacht er damit zweifellos einen neuen Skandal.

John Wesley war persönlich äusserst diszipliniert und ordentlich; aber auch er brach die Ordnung der Kirche von England in mindestens zwei wichtigen Punkten:
– Er nannte sich selbst „Evangelist“. Bis dahin lehrte die Kirche, dieser Titel sei für die ersten Zeugen des Herrn reserviert, und nach Ende der apostolischen Zeit dürfe sich niemand mehr so nennen. (Ganz ähnlich wie es heute Auseinandersetzungen um die Bezeichnungen „Prophet“ und „Apostel“ gibt.)
– Er bildete Laienprediger aus und sandte sie aus; d.h. Prediger ohne offizielle Predigterlaubnis. Die Kirche jener Zeit lehrte, nur ordinierte Pfarrer dürften das Evangelium verkünden. (Ganz ähnlich wie heute noch weithin gelehrt wird, nur ordinierte Pfarrer dürften taufen oder das Abendmahl halten.)

In Erweckungszeiten übergeht Gott oft die etablierte Leiterschaft der Kirchen, und wirkt durch Unbekannte ohne Position und ohne offizielle Anerkennung. Die Leiter der Täufer befanden sich völlig ausserhalb der organisierten Kirchen; aber die Mehrheit der heutigen Evangelikalen anerkennen, dass sie recht hatten.
Der Pionier der modernen Weltmissionsbewegung, William Carey, war ein einfacher Schuster, der auf eigene Faust Griechisch und Hebräisch lernte. Später wurde er zwar als baptistischer Pastor anerkannt; aber die grosse Mehrheit seiner Pastorenkollegen setzten seiner Idee grossen Widerstand entgegen, die Heiden Afrikas und Asiens zu evangelisieren.
Der Leiter der Erweckung von Wales (1904), Evan Roberts, war ein junger Bergarbeiter mit unvollendeter Bibelschulausbildung. Gott gebrauchte ihn, um hunderttausend Menschen zum Herrn zu führen.
In der Erweckung in Azusa Street (1906) gab es oft niemanden, der die Versammlungen „leitete“. Jeder konnte teilnehmen, wie der Heilige Geist ihn leitete, nach 1.Korinther 14,26. (Aber die Leiter griffen ein, wenn es Worte oder Manifestationen gab, die dem Wort Gottes entgegenstanden.) Ausserdem mischten sich Schwarze und Weisse in der Versammlung, was für die meisten Menschen jener Zeit ein Skandal war (sogar für viele christliche Leiter). Einer der Pioniere jener Erweckung, Frank Bartleman, klagte einige Jahre später, dass die Bewegung daran war, vom Glauben abzufallen und ihre Kraft zu verlieren, als sie wieder anfingen, zwischen „Pastoren“ und „Laien“ zu unterscheiden.

Es sollte klar sein, dass diese Beispiele von „Unordnung“ sich innerhalb des Rahmens des Wortes Gottes befinden. Keine echte Erweckung wird etwas ungültig machen, was im Wort Gottes geschrieben steht. Aber sie wird viele unserer Traditionen und menschlichen Reglemente zunichte machen.

Zusammengefasst: Wenn Gott eine Erweckung sendet, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass er unsere Traditionen, kirchlichen Ordnungen und Leiterschaftsstrukturen über den Haufen werfen wird. Jesus und die Apostel taten dasselbe. Bist du bereit, diesen Preis zu zahlen?

(Fortsetzung folgt)

Echte oder falsche Umkehr? (Teil 2)

9. Oktober 2015

Vorsicht vor Fälschungen

Nach alldem (siehe Teil 1) können wir verstehen, dass wahrscheinlich viele Mitglieder christlicher Gemeinden sich nie wirklich bekehrt haben. Sie haben eine äusserliche Handlung vollzogen (ein Übergabegebet, ein Sündenbekenntnis, eine Taufe), die Gemeinde hat das als Bekehrung aufgefasst, und jetzt nennen sie sich „Christen“. Aber sie erlebten keine echte Bekehrung.
Das ist eine ernste Angelegenheit. Es geht hier nicht um philosophische Unterscheidungen. Nur eine echte Bekehrung führt zur Erlösung. Deshalb sind viele, die sich Christen nennen, in Wirklichkeit auf dem Weg ins Verderben.

Als der Evangelist Philippus in Samarien das Evangelium verkündete, bekehrte sich eine sehr bekannte Persönlichkeit. Er war „ein Mann namens Simon, der vorher in jener Stadt Zauberei betrieben hatte und die Leute von Samarien verführt hatte … Aber als sie Philippus glaubten … glaubte auch Simon, liess sich taufen, und hängte sich an Philippus…“ (Apostelgeschichte 8,9.13)
Was für eine wunderbare Veränderung! Der berühmte Zauberer und Betrüger sagt der Zauberei ab und wird Christ!

Einige Tage später geschah etwas Besonderes. Die Apostel kamen von Jerusalem und beteten über den Bekehrten, damit sie den Heiligen Geist erhielten. „Als Simon sah, dass durch die Handauflegung der Apostel der Heilige Geist gegeben wurde, bot er ihnen Geld an und sagte: Gebt auch mir diese Macht…“ (Apg.8,18-19) Wäre das nicht wunderbar, einen Diener mehr zu haben, der den Heiligen Geist geben könnte? – Aber Petrus liess sich nicht so leicht hinters Licht führen. „Petrus sagte zu ihm: Dein Geld gehe mit dir ins Verderben, weil du gedacht hast, man könne die Gabe Gottes mit Geld kaufen. Du hast kein Los und keinen Anteil an dieser Sache, denn dein Herz ist nicht aufrichtig vor Gott. Kehre also um von deiner Bosheit, und bitte Gott, dass dir vielleicht der Gedanke deines Herzens vergeben werde…“ (Apg.8,20-22)

Hier wird Simon entlarvt. Seine Umkehr war nicht echt. Äusserlich hatte er der Zauberei abgesagt; aber innerlich dachte er nur daran, sie durch eine andere Art „Zauberei“ zu ersetzten: die Kraft des Heiligen Geistes. Er sehnte sich nach dieser Macht, nicht um Gott zu gefallen, sondern einfach um Macht zu besitzen. Die Motive seines Herzens hatten sich nicht geändert.

Jetzt hat Simon eine zweite Gelegenheit, wirklich umzukehren. Wird er diese Gelegenheit ergreifen?

– „Und Simon antwortete: Betet ihr für mich zum Herrn, dass nichts von dem, was ihr gesagt hat, über mich komme.“ (Apg.8,24)

Viele unserer heutigen Geschwister würden denken: „Jetzt hat sich Simon wirklich bekehrt.“ Zum zweiten Mal würden sie ihn fröhlich als Bruder willkommen heissen. Und zum zweiten Mal wären sie betrogen!

Untersuchen wir Simons Reaktion. Petrus hatte ihm gesagt: „Bitte Gott…“ Aber Simon tat das nicht. Stattdessen sagte er: „Betet ihr für mich zum Herrn…“ Er war nicht bereit, sich selber vor Gott zu demütigen! (Hier sehen wir gleichzeitig den Anfang des römisch-katholischen Systems, wo der Gläubige seine Sünden nicht direkt vor Gott bekennen kann, sondern die Vermittlung eines „Priesters“ benötigt. Aber das wäre ein anderes Thema…)
Ausserdem hatte ihm Petrus gesagt: „Kehre um … dass dir vielleicht der Gedanke deines Herzens vergeben werde“. Simon bat um etwas anderes. Er bat stattdessen, „dass nichts von dem über mich komme“. Mit anderen Worten, Simon bat darum, der Strafe Gottes entrinnen zu können, aber ohne sein Herz zu ändern. Er wollte die Vergebung und das Wohlwollen Gottes nicht; er wollte nur einer unbequemen Situation entrinnen.

Irenäus, ein Schriftsteller des zweiten Jahrhunderts, berichtet uns, was später mit Simon geschah:

„Er widmete sich dann … mit noch grösserem Eifer dem Studium der Zauberkunst, um die Mengen noch besser in Erstaunen zu versetzen und sie zu beherrschen. … Dieser Mann wurde dann von den Menschen verherrlicht, als ob er ein Gott wäre; und er lehrte, dass er selber unter den Juden als der Sohn erschienen sei, aber in Samarien als der Vater heruntergekommen sei. … Mit einem Wort, er stellte sich selbst dar, als wäre er die allerhöchste aller Mächte, der Vater über alles…“
(Irenäus, „Gegen die Irrlehrer“, I,23)

So weit verirrte sich der Mann, der nach aussen „bekehrt“ aussah, aber seine Bekehrung war nicht echt. Lassen wir uns nicht täuschen!

Ich erwarte jetzt nicht, dass du und ich fähig wären, alle falschen Bekehrten zu entdecken. Sogar der grosse Evangelist Philippus wurde anfangs von Simon getäuscht. Aber unsere eigene Bekehrung sollten wir überprüfen. War deine Bekehrung echt? Ist dein Herz aufrichtig vor Gott?

Zwei reuige Könige

Ich möchte zwei Beispiele aus dem Alten Testament erzählen, die den Unterschied zwischen einer echten und einer falschen Umkehr noch etwas mehr illustrieren.

Der König Saul war Gott ungehorsam gewesen. Der Prophet Samuel konfrontierte ihn: „Weil du das Wort des Herrn verworfen hat, hat auch er dich verworfen, dass du nicht mehr König seist.“ (1.Samuel 15,23)
Wie antwortete Saul?
– „Ich habe gesündigt; denn ich habe das Gebot des Herrn gebrochen und deine Worte, denn ich fürchtete das Volk und gab ihrer Stimme nach. Vergib also jetzt meine Sünde und kehre mit mir zurück, damit ich den Herrn anbete.“ (1.Samuel 15,24-25)

Es scheint, dass Saul seine Sünde eingesteht und bereut. Aber da ist ein kleines Detail: Saul bat zwar Samuel um Vergebung, aber nicht Gott. Saul verstand, dass Samuel verärgert war, denn Samuel stand in jenem Moment gerade vor ihm (und wahrscheinlich nicht mit einem sehr liebenswürdigen Gesichtsausdruck). Aber anscheinend verstand Saul nicht, dass sein Vergehen gegen Gott unvergleichlich schwerer wog als sein Vergehen gegen Samuel.

Samuel, der Prophet Gottes, sah sehr gut, wie es im Herzen Sauls wirklich aussah:
„Und Samuel antwortete Saul: Ich werde nicht mit dir zurückkehren, denn du hast das Wort des Herrn verworfen, und der Herr hat dich verworfen, dass du nicht mehr König seist über Israel.“ (1.Samuel 15,26) – Samuel sah, dass Sauls Reue nicht echt war, und nahm sie deshalb nicht an.

„Und er (Saul) sagte: Ich habe gesündigt; aber ich bitte dich, ehre mich vor den Ältesten meines Volkes und vor Israel, und kehre mit mir zurück, damit ich den Herrn, deinen Gott, anbete.“ (1.Samuel 15,30)

Jetzt kommt der wahre Beweggrund Sauls ans Licht: „damit du mich vor dem Volk ehrst“. Es war Saul wichtig, was die Leute von ihm dachten; aber was Gott von ihm dachte, kümmerte ihn nicht. Er wollte nur vor den Menschen gut dastehen.
„Menschenfurcht ist ein Fallstrick; aber wer auf den Herrn vertraut, wird erhöht werden.“ (Sprüche 29,25). Saul hatte Menschenfurcht, aber keine Gottesfurcht. Er wollte von Menschen geehrt werden, aber die Ehre Gottes kümmerte ihn nicht. Und mit diesem verkehrten Herzen konnte er sogar noch Reue heucheln!

Danach tat Samuel etwas Bedeutungsvolles. Er liess den König der Amalekiter herbeiholen (den Saul im Krieg gefangengenommen hatte) und tötete ihn. Das war der Befehl Gottes an Saul gewesen: den König von Amalek zu töten. Samuel tat also, was Saul hätte tun sollen. Hätte Saul seinen Ungehorsam wirklich bereut, dann hätte er selber den Befehl ausgeführt – zumindest nach der Konfrontation mit Samuel. Dass er es nicht tat, ist ein weiterer Hinweis, dass seine Umkehr nicht echt war.

Der König von Amalek personifiziert die Sünde in unserem Leben. Es nützt nichts, zu bekennen „Ich habe gesündigt“ und um Vergebung zu bitten, solange du den „König von Amalek“ am Leben lässt in deinem Herzen. Welches ist der „König von Amalek“ in deinem Leben, die Sünde, die du immer noch tolerierst, und die du schon lange hättest „töten“ sollen?

Wir sehen hier auch, wie schwierig es gerade für Autoritätspersonen ist, von Herzen umzukehren. Strebe keine Leiterschaftsposition an, solange du nicht fähig bist, vor deinen „Untergebenen“ ehrlich und ohne Umschweife deine Sünden zugeben zu können, ohne Rücksicht darauf, wie du nachher vor ihnen dastehst.


Sehen wir jetzt den Fall des Königs David an. David fiel auch in Sünde – und wenn wir näher hinsehen, in eine schlimmere Sünde als die Sünde Sauls: Er beging Ehebruch mit Bathseba, und liess den Ehemann Bathsebas mit List töten. Dennoch vergab Gott David, während er Saul nicht vergab. David wird sogar „ein Mann nach dem Herzen Gottes“ genannt. Was war der Unterschied?

Im Psalm 51 haben wir das Gebet Davids, nachdem er vom Propheten Nathan konfrontiert worden war:

„Hab Mitleid mit mir, oh Gott, nach deiner Barmherzigkeit;
nach der Grösse deines Erbarmens lösche meine Sünden aus.
… Gegen dich, gegen dich allein habe ich gesündigt, und habe das Böse getan vor deinen Augen…
Siehe, du liebst die Wahrheit im Innersten,
und im Verborgenen liessest du mich Weisheit verstehen.
… Schaffe in mir, oh Gott, ein reines Herz, und erneuere einen aufrichtigen Geist in mir.
Verwirf mich nicht von deiner Gegenwart, und nimm deinen Heiligen Geist nicht weg von mir.“
(Psalm 51, 1.4.6.10.11)

David wendet sich zuallererst an Gott. Er ist sich sehr bewusst, dass die erste Person, die durch seine Sünde verletzt wurde, Gott selber ist. „Gegen dich, gegen dich allein habe ich gesündigt…“ Gott ist auch der einzige, der David wiederherstellen kann. Alles andere ist im Vergleich dazu zweitrangig.
Dann sehen wir, was die tiefste Sehnsucht im Herzen Davids ist. Nicht die Ehre vor dem Volk; nicht das Entrinnen vor Gottes Strafe. Seine tiefste Sehnsucht ist „ein reines Herz und ein aufrichtiger Geist“. Das ist die Sehnsucht eines Menschen, der wirklich umgekehrt ist. Es kümmert ihn nicht, was die Leute sagen – tatsächlich legten die Leute Davids Verhalten nach seiner Umkehr völlig falsch aus, und er stand dann sehr schlecht da vor ihnen. Aber David wusste, dass Gott „die Wahrheit im Innersten liebt“, da, wo niemand hinsieht. Das war ihm wichtiger als alles andere.
Jemand hat einmal gesagt: „Deine Integrität zeigt sich in dem, was du tust, wenn niemand zusieht.“
Das war die Integrität, die David hatte. Deshalb vergab ihm Gott und verwarf ihn nicht. Obwohl David auch leiden musste, nahm ihm doch Gott weder das Königreich noch das Leben, wie er es mit Saul getan hatte.

Gott sucht die wahre Umkehr. Welcher Art ist deine Umkehr? Von der Art Sauls oder von der Art Davids? Ist es eine Umkehr nur vor den Menschen, oder eine echte Umkehr vor Gott, der „ins Verborgene sieht“?


Nachbemerkung: Diesen Artikel hatte ich schon vor Jahren zuerst auf Spanisch verfasst. Etwas später fand ich, dass manche der alten Erweckungsprediger (John Wesley, Charles Finney, Dwight L.Moody, …) diese Thematik ebenfalls behandelt hatten, z.T. sogar unter dem wortwörtlich gleichen Titel. Nicht dass ich etwa von ihnen abgeschrieben hätte – das Thema scheint sich einfach aufzudrängen, wenn man anfängt, sich etwas mehr um den geistlichen Zustand seiner Mitmenschen zu kümmern, welche die Kirchen und Gemeinden bevölkern.
Heute allerdings wird man vom sogenannten „evangelikalen Mainstream“ als komischer Kauz oder Extremist angesehen, wenn man diese Themen anspricht. – Apropos „Mainstream“: In meiner Jugend wurde in christlichen Jugendgruppen oft ein Lied gesungen: „Sei ein lebendiger Fisch, schwimme doch gegen den Strom … Nur die toten Fische schwimmen immer mit dem Strom, lassen sich von allen andern treiben …“ Dieses Lied – bzw. seine Aussage – ist heute wohl nicht mehr allzu populär?

Echte oder falsche Umkehr?

27. September 2015

„Kehrt um, und jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu des Messias zur Vergebung der Sünden; und ihr werdet die Gabe des Heiligen Geistes erhalten.“
(Petrus an Pfingsten, Apostelgeschichte 2,38)

„Ihr Schlangenbrut! Wer hat euch gelehrt, ihr könntet dem kommenden Zorn entfliehen? Bringt der Umkehr entsprechende Früchte, und denkt nicht daran, bei euch selbst zu sagen: ‚Wir haben Abraham zum Vater‘; denn ich sage euch: Gott kann sogar aus diesen Steinen Kinder Abrahams erwecken. Und die Axt ist schon an die Wurzel der Bäume gelegt; deshalb wird jeder Baum, der keine gute Frucht bringt, umgehauen und ins Feuer geworfen.“
(Johannes der Täufer, Matthäus 3,7-10)

Die Umkehr ist notwendig, um wiedergeboren zu werden und ein Christ zu werden. Ohne Umkehr gibt es keine Vergebung der Sünden und keine Erlösung. Wie wichtig ist es also zu verstehen, was Umkehr ist! – Leider haben die heutigen Gemeinden die Bedeutung dieses Wortes so verwässert, dass fast jeder Sünder sagen kann, er hätte sich „bekehrt“, und die Gemeinden glauben es ihm.

Was Umkehr NICHT ist

Ich möchte zuerst einige Handlungen aufzählen, die in gewissen Gemeinden als Umkehr gelten, es aber NICHT sind.

– Ein „Übergabegebet“ wiederholen und sagen: „Herr, vergib mir alle meine Sünden.“

Die Menschen, die das tun, tun es normalerweise, weil irgendein Leiter oder Prediger ihnen sagte, sie sollten es tun. Der Antrieb dazu kommt meistens nicht aus ihnen selbst. Frage irgendeine dieser Personen: „Von welchen Sünden genau möchtest du, dass Gott sie dir vergibt?“ – Viele werden keine einzige konkrete Sünde nennen können; in Wirklichkeit sind sie sich ihrer Sünden nicht bewusst. Und auch wenn sie z.B. sagen, dass sie gelogen oder gestohlen haben, nehmen viele es nicht so ernst: morgen könnten sie ohne weiteres dieselbe Sünde wieder begehen. Das ist keine Umkehr.

– Dasselbe, aber mit lautem Wehklagen und unter Tränen.

Einige liebe Geschwister denken, Tränen seien ein sicheres Zeichen der Umkehr. Leider irren sie sich hierin oft. In gewissen Kreisen vergiessen viele Menschen Tränen aufgrund eines Nachahmungseffektes: sie haben andere weinen gesehen, als diese ihre Sünden bereuten, und denken deshalb, sie müssten dasselbe tun. – Ich hatte selber mehrere Begegnungen mit Menschen, die eine Sünde begangen hatten, unter Tränen um Vergebung baten und versicherten: „Ich werde Ihnen jetzt die ganze Wahrheit sagen“ – aber die Dinge, die sie mit dieser Versicherung erzählten, waren lauter Lügen.

– Im Gottesdienst nach vorne gehen, niederknien und ein Übergabegebet sprechen.

Wie die vorhergehenden, ist auch das einfach ein äusserliches Ritual. Aber wirkliche Umkehr hängt nicht daran, was wir äusserlich tun; es ist eine Angelegenheit des Herzens und des ganzen Lebens.

– Die Sünden bekennen, die man begangen hat, und dafür um Vergebung bitten.

Jetzt kommen wir schon einen Schritt näher. Da gesteht jemand ein, was er getan hat, und dass es Sünde war. Aber ist das schon Umkehr? – Ein Mörder vor Gericht wird dasselbe tun, wenn die Beweise gegen ihn genügendes Gewicht haben. Aber er wird es nur deshalb tun, weil er weiss, dass dann sein Urteil milder ausfallen wird. Nicht weil er wirklich bereut, sondern um einer grösseren Strafe zu entgehen. – Auf ähnliche Weise bekennen einige Sünder ihre Sünden, nachdem diese ans Licht kamen, weil sie wissen, dass sie so vielleicht eine Disziplinarmassnahme oder ein anderes Problem vermeiden können. Wenn das das Motiv ist, dann ist es keine Umkehr!

– Traurig sein, weil die Sünde ans Licht kam.

Trauer gehört wirklich zu einer echten Umkehr. Aber ist das genug? – Wir müssen fragen, warum jemand traurig ist. Weil er sich schämt, weil seine Sünde ans Licht kam, weil er ein schlechtes Gewissen hat? Natürlich verursacht das alles auch Trauer – aber es ist noch keine Umkehr. Frage dich: Würdest du dieselbe Trauer spüren, wenn niemand von deiner Sünde wüsste?
Das eigentliche Problem ist, dass deine Sünde Gott beleidigt und dich von ihm distanziert. Wegen Gott solltest du umkehren; nicht wegen der anderen Christen, und auch nicht wegen deines schlechten Gewissens. – Selbst wenn du entscheiden würdest, diese Sünde nicht mehr zu begehen: wenn es nur darum geht, dass du dich nicht mehr schlecht fühlst, dann ist es keine echte Umkehr. Solange du noch nicht verstanden hast, wie sehr deine Sünde deiner Beziehung zu Gott schadet, und wie wichtig Gottes Ehre ist, so lange bist du noch nicht wirklich umgekehrt.

Was ist dann Umkehr?

Im Griechischen des Neuen Testamentes gibt es zwei Wörter, die mit „umkehren“ oder „sich bekehren“ übersetzt werden, und jedes dieser Wörter lehrt uns etwas über die eigentliche Bedeutung:

„epistrefo“ = „zurückkehren, sich umwenden“.
Hier können wir uns eine Person vorstellen, die auf einen Abgrund zugeht. Sie schreitet auf einem bösen Weg voran, in Richtung auf die Verlorenheit. Wer einfach sagt „Herr, vergib mir alle meine Sünden“, der ist wie jemand, der auf diesem bösen Weg weitergeht, nur ab und zu sagt „Herr, vergib mir“, und dann in derselben Richtung weitergeht. Wer seine Sünden eingesteht und bekennt, der ist wie jemand, der stehenbleibt, aber sonst nichts weiter tut.
Die wirkliche Umkehr bedeutet, nicht nur stehenzubleiben, sondern in die entgegengesetzte Richtung zu gehen. Gott sagt: „Wer seine Sünden zudeckt, wird keinen Erfolg haben; aber wer sie bekennt und hinter sich lässt, wird Barmherzigkeit erlangen.“ (Sprüche 28,13) Nicht nur die Sünde bekennen, sondern sie hinter sich lassen.
Sehr wichtig in diesem Zusammenhang ist die Wiedergutmachung. Sieh, wie Zachäus seine Umkehr ausdrückte: „Die Hälfte meines Besitzes gebe ich den Armen; und wo ich jemanden betrogen habe, gebe ich es ihm vierfach zurück.“ (Lukas 19,8). Wenn ein Dieb wirklich umkehrt, dann wird er zurückgeben, was er gestohlen hat (und das freiwillig, ohne dass irgendein Gesetz oder irgendeine Autorität ihn dazu zwingen würde). Wenn ein Lügner umkehrt, wird er seine Lügen richtigstellen und die Wahrheit sagen.

„metanoeo“ = „den Sinn ändern“.
Ein reuiger Sünder wird nicht nur seine Handlungsweise ändern, sondern auch seine Art zu denken. Statt die Sünde zu lieben, wird er sie jetzt hassen. Er wird gegen die Versuchung angehen, nicht erst wenn er bereits dabei ist, eine Sünde zu begehen, sondern schon wenn er ans Sündigen denkt. „…indem wir jeden Gedanken gefangennehmen unter den Gehorsam Christi“ (2.Kor.10,5). Schon in seinem Sinn sagt er der Sünde ab und trennt sich von ihr.
Auch die Motivation, das Gute zu tun, muss sich ändern. Viele Menschen versuchen, das Gute zu tun, aber sie tun es aus Gründen, die Gott nicht gefallen. Sie tun es, um vor den anderen als „gut“ zu erscheinen. Sie tun es, weil ihre Eltern, ihre Gemeindeleiter, oder sonst jemand ihnen Vorwürfe machen wird, wenn sie sündigen. Sie tun es, weil die Folgen der Sünde unangenehm sind und sie nicht leiden wollen. – Ein reuiger Sünder denkt anders. Er beginnt Gott zu lieben, und aus Liebe zu Gott entscheidet er sich gegen die Sünde.
Stelle dir zwei Diebe vor, die gerade aus dem Gefängnis kommen. Der erste sagt: „Ich werde nicht mehr stehlen, weil ich nicht ins Gefängnis zurück will, und weil die Polizei überall kontrolliert.“ So stiehlt er nicht mehr; aber nur aus Angst vor der Strafe. Hätte er eine sichere Gelegenheit zu stehlen, ohne entdeckt zu werden, dann würde er es tun. – Der zweite Dieb sagt: „Ich habe verstanden, dass Stehlen böse ist, dass ich vielen Menschen Leiden zugefügt habe mit meinem Stehlen und dass damit Gott beleidigt wurde. Ich habe begonnen Gott zu lieben, und deshalb werde ich nicht mehr stehlen.“ Dieser zweite Dieb wird nie mehr stehlen, selbst wenn er die Sicherheit hätte, nicht entdeckt zu werden. – Äusserlich handeln beide gleich. Aber nur der zweite Dieb ist wirklich umgekehrt. Die Umkehr des ersten ist nicht echt; seine Motivation hat sich nicht geändert.

Ist die Sünde noch etwas Anziehendes in deinem Denken? Wenn ja, dann hast du deinen Sinn noch nicht geändert.
Bemühst du dich sehr, nicht zu sündigen, weil andere Christen dich schief ansehen könnten; empfindest aber in deinem Inneren, dass diese Bemühungen gegen deine eigene Natur gehen, und sehnst dich im Grunde danach, eine bestimmte Sünde begehen zu können, ohne dass es jemand erfahren könnte? Wenn ja, dann bist du noch nicht wirklich umgekehrt; du hast nur dein Handeln geändert, aber nicht deine Denkweise.

Um zu einer echten Umkehr zu kommen, ist ein übernatürliches Werk des Heiligen Geistes in deinem Herzen notwendig. „Und wenn er (der Heilige Geist) kommt, wird er die Welt überführen von Sünde, von Gerechtigkeit und vom Gericht.“ (Johannes 16,8). Diese göttliche Überführung von der Sünde kann dich zur echten Umkehr führen, wenn du es zulässt. Vielleicht ist deine jetzige Kenntnis über die Sünde blosse Theorie: „Ja, ich weiss, dass ich gesündigt habe und umkehren sollte.“ Aber es ist nötig, dass der Heilige Geist es dir ins Herz spricht. Er wird es tun, wenn du ihn ernsthaft suchst. Er ist es auch, der dich zu einer ganz neuen Person machen kann.

(Fortsetzung folgt)

 

 

Jonathan Edwards: Ein getreuer Bericht vom überraschenden Wirken Gottes (Teil 5)

30. Mai 2014

Leicht gekürzte Übersetzung

III. Weitere Illustration dieses Werkes anhand spezifischer Fälle.

1. Eine kranke junge Frau

Um eine klarere Vorstellung vom Werk des Heiligen Geistes zu geben, möchte ich von zwei konkreten Beispielen berichten. Das erste handelt von einer jungen Frau namens Abigail Hutchinson. Ich spreche von ihr besonders, weil sie jetzt nicht mehr lebt, und ich deshalb von ihr freimütiger sprechen kann als von Menschen, die noch leben.

Sie kam aus einer intelligenten Familie, und nichts in ihrer Erziehung könnte zur Schwärmerei tendiert haben, ganz im Gegenteil. Vor ihrer Bekehrung war sie als eine stille und reservierte Person bekannt. Sie war schon längere Zeit krank gewesen; aber ihre Krankheit hatte sie nie zum Phantasieren oder zu religiöser Melancholie verleitet. Sie befand sich kaum eine Woche lang in einem erweckten Zustand, bis klare Zeichen sichtbar wurden, dass sie bekehrt worden war zur Errettung.

Sie wurde zuerst an einem Montag erweckt durch etwas, was ihr Bruder darüber sagte, wie nötig es sei, die Gnade zur Wiedergeburt ernsthaft zu suchen. Ausserdem erhielt sie Nachricht von der Bekehrung jener jungen Frau, die ich zuvor erwähnte und deren Bekehrung so grossen Eindruck machte auf die jungen Leute. Diese Nachricht weckte in ihr einen eifersüchtigen Geist gegen jene junge Frau, da sie dachte, es handele sich um eine sehr unwürdige Person, um so eine Gnade zu erhalten. Aber bei alldem fasste sie den festen Entschluss, das Äusserste zu tun, um denselben Segen zu erlangen. Da sie dachte, sie hätte nicht genügend Kenntnisse, um sich bekehren zu können, beschloss sie, in der Schrift zu forschen. Sie begann ganz am Anfang der Bibel und beschloss, sie ganz durchzulesen.
So fuhr sie fort bis am Donnerstag, und dann fand eine plötzliche Veränderung statt. Ihre Besorgnis aufgrund eines aussergewöhnlichen Bewusstseins ihrer Sünde, insbesondere der Bosheit ihres Herzens, nahm stark zu. Wie sie sagte, kam das über sie wie ein Blitzschlag, und löste in ihr äusserste Furcht aus. Daraufhin änderte sie die Reihenfolge ihres Bibellesens und wandte sich dem Neuen Testament zu, um zu sehen, ob sie da Erleichterung fände für ihre verzweifelte Seele.

Wie sie sagte, war es ihre grosse Furcht, dass sie gegen Gott gesündigt hatte; und ihre Verzweiflung nahm während drei Tagen noch mehr zu, bis sie nichts als Dunkelheit vor sich sah, und ihr Körper zitterte vor Furcht vor dem Zorn Gottes. Sie verwunderte sich über sich selbst, dass sie sich bisher so sehr um ihren Körper bekümmert hatte und so oft Ärzte aufgesucht hatte, um gesund zu werden; aber ihre Seele vernachlässigt hatte. Ihre Sünde erschien ihr sehr schrecklich, insbesondere in drei Dingen: ihre Erbsünde; und ihre Sünde des Murrens gegen Gottes Vorsehung (wegen ihrer körperlichen Schwachheit); und die Versäumnisse ihrer Pflichten ihren Eltern gegenüber (obwohl andere Menschen sie als äusserst pflichtbewusst ansahen).
Am Samstag war sie so ernsthaft darin vertieft, die Bibel und andere Bücher zu lesen, um etwas zu finden, was ihr Erleichterung verschaffen würde, dass sie damit fortfuhr, bis sie vor Müdigkeit kein Wort mehr erkennen konnte. Während dieses Lesens und Betens erinnerte sie sich an die Worte Christi, dass wir nicht wie die Heiden sein sollen, die denken, sie würden um ihrer vielen Worte willen erhört. Das brachte sie zur Erkenntnis, dass sie auf ihre eigenen Gebete und religiösen Leistungen vertraut hatte; aber das war jetzt zunichte gemacht worden, und sie wusste nicht, wohin sie sich wenden sollte oder wo sie Erleichterung suchen sollte.

Am selben Tag ging sie zu ihrem Bruder und machte ihm Vorwürfe, warum er ihr nicht mehr über ihre Sündhaftigkeit gesagt hätte, und fragte ihn ernsthaft, was sie nun tun sollte. Sie fühlte in ihrem Innern eine Feindschaft gegen die Bibel und wurde dadurch in Furcht versetzt. Später erzählte sie darüber, dass sie bis zu jenem Moment gedacht hatte, die Sünde Adams sei nicht ihre eigene Sünde, und sie hätte keinen Anteil daran; aber dass sie jetzt sah, dass sie selber dieser Sünde schuldig war und davon über und über befleckt war, und dass die Sünde, die sie mit sich in die Welt gebracht hatte, allein schon genug wäre, um sie zu verdammen.

Am Sonntag war sie so krank, dass ihre Freunde sie nicht zur Kirche gehen liessen, obwohl sie gehen wollte. Als sie sich am Abend niederlegte, beschloss sie, am nächsten Morgen zum Pfarrer zu gehen, um ihn um Rat zu fragen. Aber das war nicht nötig. Als sie am Montagmorgen erwachte, verwunderte sie sich selber über die Leichtigkeit und Ruhe in ihrem Sinn, wie sie sie noch nie zuvor gefühlt hatte. Diese Worte kamen in ihren Sinn: „Die Worte des Herrn sind reine Worte, Gesundheit für die Seele und Mark für die Knochen.“ Und dann diese: „Das Blut Christi reinigt von aller Sünde.“ Das war begleitet von einem lebendigen Bewusstsein der Vorzüglichkeit Jesu, und dass sein Opfer ausreichte für die Sünden der ganzen Welt. Dann erinnerte sie sich an diese Worte: „Es ist den Augen angenehm, die Sonne zu betrachten“, was ihr sehr gut auf Jesus Christus zu passen schien. So wurde ihr Sinn von solchen Gedanken und Bildern über Jesus erfüllt, dass sie aufs Äusserste von Freude erfüllt wurde. Sie erzählte ihrem Bruder, dass sie (in Bildern des Glaubens) Jesus gesehen hatte, und dass sie gedacht hatte, sie hätte nicht genug Kenntnisse, um bekehrt werden zu können; „aber“, sagte sie, „Gott kann es sehr einfach machen!“ Während des ganzen Montags fühlte sie eine anhaltende Lieblichkeit in ihrer Seele. Während drei Morgen hatte sie dieselben Eindrücke über Christus, aber jedesmal stärker.

Das letzte Mal, am Mittwochmorgen, während sie sich eines geistlichen Bildes von Jesu Herrlichkeit und Fülle erfreute, wurde ihre Seele mit Trauer erfüllt um die Menschen ohne Christus und ihre erbärmlich Lage. Sie fühlte den starken Wunsch, sofort hinzugehen und die Sünder zu warnen. Am nächsten Tag schlug sie ihrem Bruder vor, mit ihr zusammen von Haus zu Haus zu gehen; aber er hielt sie davon ab und sagte, das sei eine ungeeignete Methode. Zu einer ihrer Schwestern sagte sie an jenem Tag, sie liebte die ganze Menschheit, aber insbesondere das Volk Gottes. Ihre Schwester fragte sie, warum sie die ganze Menschheit liebte. Sie antwortete: „Weil Gott sie geschaffen hat.“ – Oft wurde sie von grosser Zuneigung zu den Menschen erfüllt, die ihr gottesfürchtig schienen, wenn sie mit ihnen sprach, und manchmal sogar schon wenn sie sie nur sah.

Sie hatte viele aussergewöhnliche Eindrücke von der Herrlichkeit Gottes und Christi. Einmal gingen ihr diese vier Worte durch den Sinn: Weisheit, Gerechtigkeit, Güte und Wahrheit; und ihre Seele wurde erfüllt mit einem Bewusstsein der Herrlichkeit einer jeden dieser göttlichen Eigenschaften, aber besonders der letzten. „Wahrheit“, sagte sie, „war am tiefsten!“ Ihr Sinn war so erfüllt davon, dass sie sagte, es schien ihr, als ob ihr Leben dahinschwände, und sie sah, dass Gott ihr ohne weiteres das Leben nehmen könnte mit solchen Offenbarungen seiner selbst.
Wenig später ging sie zu einer privaten religiösen Versammlung, und jemand fragte sie nach ihren Erfahrungen. Sie begann zu erzählen, aber während sie sprach, wurde sie wieder so von denselben Dingen beeindruckt, dass ihre Kräfte sie verliessen, und sie mussten sie auf ein Bett legen. Als sie wieder zu sich kam, rief sie voll Freude: „Würdig ist das Lamm, das geschlachtet ward!“

Einmal, als sie zu mir kam, sagte sie, dass sie zu einem gewissen Zeitpunkt dachte, sie hätte so viel von Gott gesehen, wie es nur möglich sei in diesem Leben; und doch habe sich Gott ihr später in noch viel reicherer Fülle offenbart. Es schien, dass sie eine so unmittelbare Beziehung zu Gott hatte wie ein Kind zu seinem Vater. Zugleich war sie weit davon entfernt, von sich selber hoch zu denken. Im Gegenteil, sie war wie ein kleines Mädchen, und hatte ein grosses Bedürfnis, belehrt zu werden. Sie sagte mir, sie sehnte sich oft danach, von mir Lehre zu empfangen, und sie würde gerne in meinem Haus wohnen, damit ich zu ihr über ihre Pflichten sprechen könne.

Oft fühlte sie die Herrlichkeit Gottes in den Bäumen erscheinen, in den Pflanzen des Feldes, und in anderen Werken Gottes. Einmal sagte sie zu ihrer Schwester, sie hätte früher gerne im Stadtzentrum wohnen wollen, aber jetzt gefiele es ihr viel besser, den Wind in den Bäumen wehen zu sehen und die Landschaft zu betrachten, die Gott geschaffen hatte.

Sie sehnte sich nach dem Sterben, damit sie bei Jesus sein könnte, sodass sie darüber sogar ungeduldig wurde. Aber als sie wieder einmal diese Sehnsucht verspürte, dachte sie bei sich selbst: „Wenn ich mich nach dem Sterben sehne, warum gehe ich dann zu den Ärzten?“ Und sie schloss daraus, dass ihr Wunsch zu sterben nicht gut war. Von da an dachte sie öfters darüber nach, ob es besser sei zu leben oder zu sterben, krank oder gesund zu sein. Schliesslich sagte sie: „Ich bin bereit zu leben und auch bereit zu sterben; ich bin bereit krank zu sein, und ich bin bereit gesund zu sein. Ich bin bereit zu allem, was Gott mit mir tun wird!“ – „Und dann“, sagte sie, „fühlte ich mich völlig erleichtert, ganz dem Willen Gottes hingegeben.“ Und es scheint, dass sie diese hingegebene Haltung bis zu ihrem Tod beibehielt.

(…) Zweifellos war es zum Teil ihrer körperlichen Schwachheit zuzuschreiben, dass ihre Kräfte sie so oft verliessen. Aber sie hatte auch mehr Gnade und grössere Offenbarungen von Gott empfangen, als ihr kränklicher Zustand zuliess. Sie wünschte an einem Ort zu sein, wo die mächtige Gnade grössere Freiheit hätte, und von dem Hindernis eines schwachen Körpers befreit zu sein; und zweifellos ist sie jetzt an jenem Ort. Dieser Bericht über sie ist sehr unvollkommen; er gibt nur einen sehr kleinen Eindruck von ihren Erfahrungen, und kann ihre tiefe Demut nicht angemessen wiedergeben. Aber, gelobt sei Gott! es gibt viele lebendige Beispiele von Menschen, die ähnlich sind wie sie und nicht weniger aussergewöhnlich.

Fortsetzung folgt

Jonathan Edwards: Ein getreuer Bericht vom überraschenden Wirken Gottes – Teil 2

13. April 2014

Leicht gekürzte Übersetzung

Vorwort des Übersetzers zum Teil II

Dies ist der theologisch-seelsorgerliche Hauptteil des Buches. Er setzt sich detailliert damit auseinander, wie Menschen im allgemeinen zur Bekehrung kommen. Der Autor stellt dabei klar, dass Gott nicht nach einem vorgegebenen Muster zu handeln braucht. Dennoch findet er viele Gemeinsamkeiten, die den biblischen Linien folgen: Überführung durch den Heiligen Geist, Demütigung und Zerbruch, Erkennen und vertrauendes Annehmen der Gnade Gottes in Jesus Christus, Heiligung.

Die ganze Atmosphäre moderner „Evangelisationsversammlungen“ und „Bekehrungsaufrufe“ müssen wir uns dabei wegdenken. Jonathan Edwards hielt zwar z.T. sehr strenge und überführende Predigten, und er sagte seinen Zuhörer auch sehr klar, sie müssten sich bekehren und wiedergeboren werden. Aber er erwartete nicht, dass dies als äusserliche Sofort-Antwort in Form eines gleich in der Versammlung durchzuführenden Rituals stattfinden müsse (wie heute z.B. das „Nach-Vorne-Kommen“ oder das Nachsprechen eines „Übergabegebets“). Im Gegenteil, aus den Beschreibungen Edwards‘ geht hervor, dass diese Bekehrungen eine ganz persönliche Angelegenheit zwischen jedem Menschen und Gott waren, und von jedem einzelnen persönlich „errungen“ werden mussten. Dabei liegt aber das Hauptgewicht der Handlung nicht beim „ringenden“ Menschen, sondern bei Gott, der den Menschen in seiner souveränen Gnade zu sich zieht.

Ist dann ein Mensch einmal zu diesem Durchbruch gekommen, dann ist es natürlich, dass er anderen bezeugt, was mit ihm geschehen ist. Das war der Weg, auf dem dann auch der Prediger selber von den stattgefundenen Bekehrungen erfuhr – meistens im persönlichen Seelsorgegespräch. Wie er berichtet, sah er sich dabei oft geführt, den Neubekehrten vom Wort Gottes her zuzusprechen, dass das, was sie erlebt hatten, tatsächlich eine Bekehrung war; denn wie er beobachtete, waren sich viele Neubekehrte dessen anfangs gar nicht bewusst (Punkt 6). – Durch die persönlichen Zeugnisse wurden diese Bekehrungen dann durchaus zu einer „öffentlichen“ Angelegenheit – aber erst nachdem sie stattgefunden hatten.

Wir sehen in den Schilderungen Edwards‘ auch, wie sehr er sich bemühte, die Menschen in ihrem Ringen vor Gott und auch nach der Bekehrung angemessen seelsorgerlich zu begleiten. Aus der folgenden Bemerkung (unter Punkt 4) geht hervor, als wie verantwortungsvoll Edwards diese Aufgabe ansah:
„So muss Überführung und Ermutigung, Furcht und Hoffnung in richtiger Weise gemischt und proportioniert werden, um ihren Geist in der Mitte zwischen den Extremen der Selbstüberhebung und der Verzagtheit zu halten…“
Diese Kombination von Seelsorger und Erweckungsprediger in einer Person ist übrigens m.W. einzigartig in der Kirchengeschichte. Die meisten Erweckungsprediger waren prophetische und „kantige“ Gestalten, die die Leute herausforderten und sogar schockierten, aber sich eher wenig um ihre inneren Empfindungen und um ihre seelsorgerliche Begleitung kümmerten – allenfalls noch um organisatorische Aspekte zur Weiterführung der Bekehrten. Bei Edwards hingegen sehen wir, wie er sich mit einer gewissen Strenge, aber doch sehr liebevoll, um jeden einzelnen kümmert.


II. Die Arten der Bekehrung sind vielfältig und haben doch grosse Gemeinsamkeiten.

Ich werde also darüber berichten, wie Gott in Menschen wirkt zu ihrer Bekehrung. Es gibt darin eine grosse Vielfalt, vielleicht so vielfältig wie es Einzelpersonen gibt; aber dennoch besteht zwischen allen eine grosse Analogie in vielen Dingen.

1. Die Anfänge der Überführung von der Sünde

– Menschen werden zuerst erweckt mit einem Gespür für ihren elenden Zustand von Natur aus, für die Gefahr, in der sie stehen, ins ewige Verderben zu gehen, und wie wichtig es ist, schnell zu entrinnen. Einige werden plötzlich von dieser Überführung erfasst – vielleicht durch die Nachricht von der Bekehrung einer anderen Person, oder durch etwas, was sie in der Öffentlichkeit hören, oder im persönlichen Gespräch -, und ihr Gewissen wird geschlagen, als ob ihr Herz von einem Pfeil durchbohrt würde. Andere erwachen allmählich, sie beginnen zuerst etwas ernsthafter und nachdenklicher zu werden, bis sie in ihrem Sinn zum Schluss kommen, das Beste und Weiseste sei nicht länger zu zögern, sondern die Gelegenheit zu ergreifen. Somit beschliessen sie, ernsthaft über Dinge zu meditieren, die erweckliche Wirkungen haben, um zu Überzeugungen zu kommen; und so erwachen sie mehr und mehr.

Die erste Wirkung dieses Erwachens bestand darin, dass die Menschen sofort ihre sündigen Gewohnheiten und Laster aufgaben und hassten. Als der Geist Gottes anfing so wunderbar auf die ganze Stadt ausgegossen zu werden, da hörten die Leute bald auf mit ihren alten Streitereien, Verleumdungen, und Einmischungen in die Angelegenheiten anderer. Die Kneipen blieben bald leer; niemand ging aus, ausser für notwendige Geschäfte; und es schien jeden Tag Sonntag zu sein.
Eine zweite Auswirkung war, dass die Menschen ernsthaft anfingen, nach ihrer Errettung zu suchen, indem sie sich dem Bibellesen, Beten, Meditieren, Gottesdienstbesuch, und privaten Versammlungen widmeten. Ihr Schrei war: „Was sollen wir tun, um errettet zu werden?“ Und ihr Zufluchtsort war nicht mehr die Kneipe, sondern das Pfarrhaus, das jetzt voller war, als es die Kneipen je waren.

Menschen erleben sehr unterschiedliche Grade von Furcht und Unruhe, bevor sie die Vergebung und Annahme von Gott erfahren. Einige werden von Anfang an mit sehr viel mehr Ermutigung und Hoffnung geführt als andere. Einige wurden über derselben Sache zehnmal weniger beunruhigt als andere. Einige fühlten das Missfallen Gottes und die grosse Gefahr, verlorenzugehen, so stark, dass sie nachts nicht schlafen konnten. Viele sagten, dass sie sich fürchteten, sich in einem solchen Zustand schlafen zu legen; und wenn sie doch einschliefen, erwachten sie mit derselben Furcht, Schwere und Seelennot auf ihrem Geist. Meistens nimmt dieses schreckliche Bewusstsein des eigenen Elends zu, je mehr sich jemand seiner Erlösung nähert.

Zusammen mit dieser wohlbegründeten Furcht mischten sich bei manchen die Auswirkungen eines melancholischen Temperaments, dessen sich der Versucher bedient, um eine unnötige Verzweiflung hervorzurufen und das Werk zu hindern. Man weiss nicht, wie man mit solchen Menschen umgehen soll, denn sie legen alles, was man ihnen sagt, falsch aus, und meistens zu ihrem eigenen Nachteil.
Aber in dieser Zeit aussergewöhnlichen Segens kam diese Mischung viel seltener vor als zu anderen Zeiten; denn viele, die früher unter dieser Schwierigkeit gelitten hatten, wurden jetzt davon befreit.
Einige, die früher lange Zeit in besondere Versuchungen der einen oder anderen Art verwickelt gewesen waren, überwanden nun die früheren Stolpersteine; sie wurden auf sanftere Weise überführt und fanden den Weg zum Leben. Und so schien satan zurückgebunden zu sein bis zum Ende dieser wunderbaren Zeit.

Oft waren Menschen, die erweckt wurden, besorgt, weil sie dachten, sie wären nicht erweckt, sondern immer noch elende, verhärtete, gefühllose Wesen, schlafend auf der Schwelle der Hölle. Je mehr sie erweckt werden, desto mehr werden sie sich ihrer Hartherzigkeit bewusst und der Notwendigkeit, noch mehr erweckt zu werden; sodass sie sich selber als äusserst gefühllos ansehen, wenn sie in Wirklichkeit äusserst feinfühlig geworden sind. Einige fühlten ihre Gefahr und ihr Elend bis zum Äussersten, was sie aushalten konnten; ein wenig mehr hätte sie wahrscheinlich zugrunde gerichtet; und dennoch erklärten sie sich äusserst besorgt über ihre eigene Gefühllosigkeit und Härte während einer so aussergewöhnlichen Zeit.

Einige geraten an den Rand der Verzweiflung, und alles scheint ihnen schwarz wie die dunkelste Nacht, kurz bevor der Tag in ihren Seelen anbricht. Einige schrieen auf unter dem überwältigenden Bewusstsein ihrer Sünde, erstaunt darüber, dass Gott eine derart schuldige Kreatur überhaupt noch am Leben liess, statt sie direkt zur Hölle zu schicken.
Andere fühlten keine derartige Verzweiflung, aber hatten in ihren Herzen ein tieferes Bewusstsein ihrer eigenen vollständigen Verderbtheit und Leblosigkeit in Sünde.

Viele, die sich in solchen Umständen befanden, fühlten eine grosse Eifersucht gegen die Frommen, besonders gegen jene, die sich kürzlich bekehrt hatten, und unter diesen insbesondere gegen ihre eigenen Bekannten. Einige waren sehr verärgert über Gott und murrten gegen sein Handeln an der Menschheit, und insbesondere an ihnen persönlich. Es musste oft darauf hingewiesen werden, dass solch eifersüchtige Gedanken aufs äusserste verabscheut werden sollen, denn wenn sie zugelassen werden, dämpfen sie Gottes Geist oder fordern ihn sogar dazu heraus, eine Person aufzugeben. Wo Menschen nicht ernsthaft gegen einen solchen Geist ankämpften, wurde dies zu einem grossen Hindernis gegen ihr Seelenheil. – Aber in anderen Fällen, wo Menschen sich dieser Bosheit ihrer Herzen bewusst wurden, wendete Gott das Böse zum Guten und machte daraus ein Mittel, sie von ihrer eigenen Sündhaftigkeit zu überführen und sie von aller Zuversicht auf sich selbst zu befreien.

Es scheint die Tendenz des Wirkens des Heiligen Geistes im Menschen zu sein, ihn von seiner völligen Abhängigkeit von Gottes souveräner Macht und Gnade zu überführen, und von der allgemeinen Notwendigkeit eines Mittlers. Er zeigt ihnen, wie ungenügend ihre eigene Gerechtigkeit ist; dass sie sich in keiner Weise selbst helfen können; und dass Gott völlig gerecht wäre darin, sie und alle ihre Taten zu verwerfen und sie für immer zu verstossen. Aber die Art und Weise, wie diese Überführung geschieht, kann äusserst unterschiedlich sein.

2. Die Überführung vertieft sich, wenn der Sünder versucht sich zu bekehren, und feststellt, dass er es nicht kann.

Wenn Menschen erweckt werden, reagiert ihr Gewissen anfangs hauptsächlich auf ihre äusseren Laster und sichtbaren Sünden. Aber später fühlen sie vielmehr die Last der Herzenssünden, die Verderbtheit ihrer Natur, ihre Feindschaft gegen Gott, den Stolz ihrer Herzen, ihren Unglauben, ihre Ablehnung Christi, ihre Eigenwilligkeit und Halsstarrigkeit, und ähnliches. In vielen gebraucht Gott ihre eigene Erfahrung beim Suchen nach der Errettung, um sie von ihrer eigenen Leere und Verderbtheit zu überführen.

Am Anfang des Erwecktwerdens, wenn sie über die Sünden ihres vergangenen Lebens nachdenken, beschliessen sie oft, aufrechter zu leben, ihre Sünden zu bekennen, und viele religiöse Pflichten zu erfüllen, in der geheimen Hoffnung, den Zorn Gottes zu beschwichtigen und für vergangene Sünden Ersatz zu leisten. In diesen ersten Anstrengungen werden oft ihre Gefühle so bewegt, dass sie bei ihren Gebeten und Bekenntnissen in Tränen ausbrechen und diese als eine Art Opfer ansehen, das die Macht hätte, in Gott selber entsprechende Gefühle hervorzurufen. So hegen sie eine Zeitlang grosse Erwartungen dessen, was Gott für sie tun würde, und stellen sich vor, sie besserten sich und wären bald vollständig bekehrt. Aber diese Gefühle sind kurzlebig: bald entdecken sie, dass sie versagen, und dann denken sie, sie seien wieder schlechter geworden. Sie finden, dass sie nicht so schnell bekehrt werden können, wie sie gerne möchten: statt näherzukommen, scheinen sie jetzt weiter weg vom Ziel zu sein; ihre Herzen fühlen sich härter an, und ihre Furcht vor dem Verlorensein nimmt zu. Je mehr sie sich anstrengen, desto mehr wächst ihre Verzweiflung; und sie sehen keinerlei Anzeichen, dass Gott ihnen sein Herz zugewandt hätte.

(Anm.d.Ü) Es scheint mir notwendig, hier eine Anmerkung einzufügen, wie verirrt und verwirrt wir heutzutage sind: Was Jonathan Edwards hier erwähnt, das Bekennen von Sünden und Erfüllen von religiösen Pflichten und Gebete unter Tränen, das sehen wir oft schon als eine Bekehrung an. Und wenn diese angeblichen Bekehrten wieder zurückfallen, dann sagen wir ihnen: „Macht nichts, Jesus vergibt alles.“ Nicht wahr? – Edwards sah hier klarer: das sind die unnützen Anstrengungen des Unbekehrten, den Zorn Gottes zu beschwichtigen. In der Folge wird er erklären, worin eine echte Bekehrung besteht.

3. Der Sünder muss zu einem Punkt des Zerbruchs kommen, wo er ans Ende aller seiner Möglichkeiten gelangt, damit er versteht, dass er überhaupt nichts tun kann, um sich zu bekehren.

Wenn dann der Heilige Geist mit seinem Werk der Überführung fortfährt – d.h. wenn er nicht herausgefordert wird, die Person ganz aufzugeben -, dann haben sie beklemmendere Vorstellungen vom Zorn Gottes gegen Menschen mit derart sündigen Herzen. Vielleicht fürchten sie sogar, sie hätten die unvergebbare Sünde begangen; oder dass Gott niemals Mitleid haben würde mit solchen Schlangen, wie sie es sind; und oft sind sie versucht zu verzweifeln und die ganze Suche aufzugeben. Aber dann lesen oder hören sie wieder etwas über die grenzenlose Gnade Gottes und die Allgenügsamkeit Christi für den grössten Sünder, und ihre Hoffnung wird erneuert; aber sie denken, sie seien noch nicht bereit, zu Christus zu kommen; sie seien so böse, dass er sie nie annehmen würde. So fahren sie vielleicht fort in ihren fruchtlosen Anstrengungen aus eigener Kraft, und werden doch immer wieder enttäuscht.

Sie wissen nicht, dass sie etwas ganz anderes tun müssen, um die Gnade der Bekehrung zu erlangen; etwas, was sie noch nie getan haben. Wenn ihnen jemand sagt, dass sie zu sehr auf ihre eigene Kraft und Gerechtigkeit vertrauen, dann können sie diese Gewohnheit nicht von einem Tag auf den andern verlernen. Alles erscheint ihnen wie die dunkelste Nacht, und sie wandern über Berge und Täler und suchen Ruhe und finden sie nicht, bis sie völlig geschwächt, zerbrochen und gedemütigt sind. Damit überführt Gott sie von ihrer eigenen äussersten Hilflosigkeit und ihrem Ungenügen, und offenbart ihnen das wahre Heilmittel in einer klareren Erkenntnis Christi und seines Evangeliums.

Wenn sie anfangen die Errettung zu suchen, dann kennen sie normalerweise sich selbst noch überhaupt nicht. Sie haben kein Gefühl dafür, wie blind sie sind, und wie wenig sie dazu beitragen können, geistliche Dinge richtig zu sehen, und ihre Seele auf Gottes Gnade auszurichten. Sie fühlen nicht, wie weit sie von der Liebe zu Gott entfernt sind, und wie tot sie in Sünde sind. Wenn sie unerwartete Befleckungen in ihren Herzen finden, dann beginnen sie diese wegzuwaschen, bis Gott ihnen zeigt, dass das vergeblich ist, und dass ihre Hilfe nicht da liegt, wo sie sie suchen.

Einige Menschen wandern in diesem Irrgarten zehnmal länger umher als andere. Es scheint also nicht diese Erfahrung allein zu sein, sondern der überführende Einfluss des Heiligen Geistes zusammen mit der Erfahrung, welcher sie zum Ziel bringt. Gott hat in letzter Zeit gezeigt, dass er nicht zu warten braucht, bis jemand diese fruchtlosen Bemühungen noch und noch wiederholt hat. Oft hat er die Gewissen von Menschen derart erweckt und überführt, und sie so sensibel gemacht für ihre eigene äusserste Verderbtheit, und ihnen ein solches Bewusstsein seines Zorns über die Sünde gegeben, dass ihr wertloses Selbstvertrauen schnell zunichte wurde und sie in den Staub gedemütigt wurden vor einem heiligen und gerechten Gott.

Und einige hatten keine so tiefe Überführung von diesen Dingen vor ihrer Bekehrung, aber sie hatten umso mehr davon danach. Gott hat sich nicht auf eine bestimmte Methode zur Überführung von Sündern beschränkt. In einigen Fällen scheint es unserem Verstand einfach, die Methoden der göttlichen Weisheit in seinem Handeln an einer erweckten Person zu erkennen; in anderen Fällen können wir seine Schritte nicht nachvollziehen und seine Wege nicht herausfinden. Einige, in denen Gott weniger deutlich wirkte in ihrer Vorbereitung zum Empfang der Gnade, erlebten nachher die Gnade ebenso stark.
In keinem Bereich sind die Unterschiede zwischen verschiedenen Menschen grösser als in der Zeit, während der sie in Seelennot sind: einige nur wenige Tage, und andere während Monaten oder sogar Jahren. Viele in dieser Stadt waren vor dieser Ausgiessung des Geistes mehrere Jahre lang um ihre Errettung besorgt, aber hatten nie die Gewissheit erlangt, mit Gott im Reinen zu sein. Mehrere von ihnen sind jetzt zum Licht gekommen, aber viele von ihnen gehörten zu den Letzten. Zuerst sahen sie zu, wie Mengen anderer Menschen frohlockten, die zuvor völlig gleichgültig gewesen waren. Ja, einige von ihnen hatten bis kurz vor ihrer Bekehrung ein ausschweifendes Leben geführt, und gelangten dann bald zu einer heiligen Freude über die unendlichen Segnungen Gottes.

Fortsetzung folgt

Der Reformator Martin Luther – Teil 8 – Fehler Luthers

2. Dezember 2012

Fehler Luthers

Einige Autoren versuchen die ganze Reformation zu disqualifizieren, indem sie auf die persönlichen Fehler und Schwächen Luthers hinweisen. Er hatte ein sehr impulsives Temperament und benutzte oft, auch in seinen Schriften, eine allzu derbe Sprache. Gegen gewisse Gruppen ging er mit einer unbegreiflichen und nicht zu entschuldigenden Grausamkeit vor: gegen die aufständischen Bauern, gegen die Täufer, und gegen die Juden. Nicht einmal mit den Schweizer Reformatoren Zwingli und Calvin konnte er zu einer brüderlichen Gemeinschaft kommen, obwohl die gegenseitigen Differenzen – aus heutiger Sicht – geringfügig waren.

Der Starrkopf

Offenbar lag es in Luthers Temperament, sich auf einen Standpunkt zu versteifen, und seine Gegner auf grobe und polemische Weise anzugreifen. Egal ob es um die Verteidigung einer hochwichtigen Angelegenheit ging, oder einer Nebensache, oder sogar eines Irrtums. – Disqualifiziert ihn das als Reformator?
Ich glaube, wir müssen da unterscheiden zwischen Luthers Grundprinzipien der Reformation (denen ich weitgehend zustimme), und seinem persönlichen Verhalten (an dem es vieles auszusetzen gibt). Ich glaube auch, dass Gott weiss, was für ein Temperament nötig ist für jede der Aufgaben, die er seinen Dienern zuweist. Wäre Luther weniger starrköpfig gewesen, dann hätte er die spannungsvollen Kämpfe und Konflikte in seinem Leben kaum ausgehalten. Dieselbe Charaktereigenschaft, die in gewissen Situationen eine Schwäche ist (z.B. bei seiner Begegnung mit Zwingli), wird in anderen Situationen zu einer Stärke (z.B. vor dem Wormser Reichstag). Wahrscheinlich war diese Starrköpfigkeit nötig, um der Reformation zum Durchbruch zu verhelfen.
Damit will ich nicht Luthers Fehlverhalten entschuldigen. Ich könnte mir ausmalen, dass Gott nach einem „vollkommeneren“ oder „geeigneteren“ Reformator Ausschau hielt – aber anscheinend fand er keinen solchen, und so gebrauchte er eben Luther, um den Hauptanstoss zur Reformation zu geben.

Luther, der Verfolger

Dies ist mir der unverständlichste Aspekt im Leben Luthers: Er selber war jahrelang um seines Glaubens willen verfolgt und bedroht. Er wusste, wie sich ein Gewissensflüchtling fühlt. Er schrieb starke Worte zur Verteidigung der christlichen Freiheit. Wie war es möglich, dass er selber in späteren Jahren andere mit derselben Grausamkeit verfolgen und töten liess?
Die Juden versuchte er zuerst zum Christentum zu bekehren. Aber als das keinen Erfolg hatte, begann er sie zu hassen und richtete äusserst gehässige Mordaufrufe gegen sie, sodass Jahrhunderte später Hitler hämisch sagen konnte, er setze ja nur in die Tat um, was bereits Luther geschrieben hätte.
Noch weniger verständlich ist sein Hass gegen die Täufer, die ja sein eigenes Werk, die Reformation, weiterführten. Nur taten sie einige Schritte über das hinaus, was Luther zu tun wagte, indem sie statt der Säuglingstaufe wieder die biblische Glaubenstaufe einführten, und betonten, dass ein echter Christ an einem heiligen Leben erkannt wird. Tausende von Täufern sind auf Betreiben Luthers (sowie Zwinglis in der Schweiz) ertränkt worden. Viele Tausende weiterer wurden in ganz Europa umhergehetzt, und ihre Nachkommen flohen schliesslich (falls sie überlebten) nach Amerika.
Als Vorwand für die Verfolgung diente das Massaker in Münster, das von einer extremistischen Splittergruppe verursacht worden war. Jene Gruppe war aber keineswegs repräsentativ für die Gesamtheit der Täufer, deren überwiegende Mehrheit überzeugte Pazifisten waren.
(Bei Gelegenheit werde ich, so Gott will, eingehender über die Geschichte der Täufer schreiben.)

Der holländische calvinistische Theologe Abraham Kuyper versucht ein ähnliches Verhalten Calvins (die Verbrennung des Ketzers Servet) folgendermassen zu erklären:

„Ich missbillige jene Exekution voll und ganz; aber nicht als ob sie ein charakteristischer Ausdruck des Calvinismus wäre, sondern im Gegenteil: Das war eine Spätfolge eines alten Systems, das vor dem Calvinismus bestand, unter dem der Calvinismus gewachsen war, und von dem er sich noch nicht vollständig befreit hatte.
(…) Jenes System, das religiöse Differenzen unter die Kriminaljustiz des Staates brachte, war das direkte Ergebnis der Überzeugung, dass die Kirche Christi auf Erden sich nur auf eine einzige Art, und in einer einzigen Institution, verwirklichen könnte. Im Mittelalter (…) wurde alles Andersartige als Feind dieser einzigen Kirche angesehen. Die Regierung war deshalb nicht dazu berufen, für sich selber zu richten oder zu entscheiden. Es gab eine einzige Kirche Christi auf Erden, und es war Aufgabe der Regierung, diese Kirche vor den Spaltungen, Ketzereien und Sekten zu beschützen.
Aber zerbrechen wir diese Kirche in Teile, und anerkennen wir, dass die Kirche Christi sich in vielerlei Formen manifestieren kann, (…) so verschwindet sofort alles, was aus jener Einheit der sichtbaren Kirche gefolgert wurde. (…) Und deshalb müssen wir das Charakteristische am Calvinismus nicht in dem suchen, was er noch eine Zeitlang vom alten System festhielt, sondern in dem, was neu und frisch aus seiner eigenen Wurzel hervorging.“
(Abraham Kuyper, „Vorträge über den Calvinismus“)

Es ist gut möglich, dass diese totalitäre römisch-katholische Mentalität in den Reformatoren noch weiterwirkte. Jahrhundertealte gesellschaftliche Formen und Anschauungen ändern sich nicht von heute auf morgen. Tragisch ist, dass darunter gerade jene zu leiden hatten, die dieser totalitären Mentalität am entschiedensten abgesagt hatten und jedes Staatskirchentum ablehnten.

Eine andere mögliche Erklärung könnte in der Beobachtung von Psychologen liegen, dass Missbraucher sehr oft selber Opfer von Missbrauch waren. Das Opfer steht in der Gefahr – wenn es sich dessen nicht bewusst ist und bewusst dagegen angeht -, die erlittenen Verhaltensmuster zu verinnerlichen und später selber zum Missbraucher zu werden. Das geschieht auch auf dem Gebiet des geistlichen Missbrauchs.

Die Persönlichkeit und Geschichte Luthers gibt uns hier ein kompliziertes und tragisches Rätsel auf. Kann ein echer Christ so verblendet sein (z.B. vom Zeitgeist), dass er meint, der Sache des Evangeliums zu dienen, indem er dessen (vermeinliche) Feinde verfolgen lässt? Aber gerade die Täufer geben uns ja das Beispiel, dass es auch in jener Zeit durchaus möglich war, von der Bibel geleitet diesem totalitären Zeitgeist entgegenzutreten (sofern man bereit war, mit seinem Leben dafür zu bezahlen). – Oder ist Luther irgenwann zwischen der Mitte der 1520er und Mitte der 1530er Jahre unter den Versuchungen der Macht und der weltlichen Politik vom Glauben abgefallen und wurde dann zum Spielball finsterer Mächte? Die so unterschiedlichen Früchte zwischen der Anfangs- und der Spätzeit der Reformation mögen darauf schliessen lassen. Aber andererseits verkündet ein vom Glauben Abgefallener nicht mehr Christus als seinen Herrn. – Oder war Luthers Bekehrung gar nicht echt, war er etwa gar nie ein wirklicher Christ? Aber dann können wir nicht erklären, warum gerade er es war, der als Grundprinzip das „Sola Scriptura“ („Allein die Schrift“) wiederentdeckte – diesen urchristlichen Grundstein, auf dem alle Erweckungen nach ihm aufbauten -, und der damit die Verblendung der römischen Kirche durchbrach.
Es sind zu diesem Punkt die unterschiedlichsten und z.T. sehr pointierte Ansichten vertreten worden, von der Verteidigung der Reformatoren (wie im obigen Kuyper-Zitat) bis zur völligen Verdammung von Luthers Person und Lebenswerk (siehe dazu die Kommentare zum 1.Teil). Der Leser möge die Standpunkte vergleichen und sich eine eigene Meinung bilden. Persönlich glaube ich, dass es uns aus einem Abstand von fünfhundert Jahren nicht mehr möglich ist, ein zutreffendes und gerechtes Urteil zu fällen.

Leider ist eine Entwicklung wie diejenige Luthers kein Einzelfall (nur ist er ein besonders extremes Beispiel): Ein Pionier des Glaubens wird von der traditionellen Kirche angegriffen und verfolgt, aber er bleibt seinen Überzeugungen treu, und mit der Zeit schenkt Gott ihm Erfolg und Erweckung. Die von ihm vertretene Strömung wird mit der Zeit „angesehen“ und „offiziell“. Der verfolgte Pionier wird zu einem einflussreichen und mächtigen Leiter. In diesem Moment scheint er sein vergangenes Leiden zu vergessen, und verfolgt schliesslich andere Pioniere, die weiter vorangehen als er selber.
Tatsächlich ist dieses Phänomen so häufig, dass einmal jemand sagte: „Die Vertreter der Erweckung von gestern verfolgen immer die Vertreter der Erweckung von heute.“
Wie nötig ist es da, dass wir uns immer von Gott prüfen und korrigieren lassen, damit wir nicht in dieselbe Falle gehen, wenn wir eines Tages grösseren Einfluss haben!

Vorläufer der billigen Gnade

Luther selber sagte einmal sinngemäss, man könne auf zwei Seiten vom Pferd fallen. D.h. wenn man einen Irrtum korrigiert, besteht immer noch die Gefahr, in den entgegengesetzten Irrtum zu fallen. Anscheinend ist es Luther selber mit der Lehre von der Gnade so ergangen.

Die katholische Kirche betonte „gute Werke“ als Weg zur Erlösung und zur Heiligung. (Wobei es sich meistens um Werke zugunsten der Kirche selber handelte.) Damit hielt sie die Menschen in einer ständigen Ungewissheit, ob sie nun wirklich errettet seien oder nicht; ob sie nun „genug“ Werke getan hätten oder nicht. (Natürlich sind unsere menschlichen Werke nie genug, um uns den Himmel zu erkaufen!)
Luther betonte demgegenüber, dass die Erlösung allein durch die Gnade Gottes möglich ist (sola gratia), und allein durch den Glauben erlangt werden kann (sola fide). Soweit war das eine notwendige Korrektur; aber Luther ging darüber hinaus und wollte von guten Werken überhaupt nichts mehr wissen. Bis heute ist für einen guten Lutheraner wohl der schlimmste Vorwurf, den man jemandem machen kann, er predige „Werkgerechtigkeit“. Mit Bibelstellen wie Epheser 2,10 konnte Luther deshalb nicht viel anfangen („Denn sein Werk sind wir, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zum voraus bereitet hat, damit wir in ihnen wandeln“); und den ganzen Jakobusbrief nannte er pauschal eine „stroherne Epistel“. Anscheinend konnte er nicht sehen, dass gute Werke, wenn sie auch nicht ein Weg zur Erlösung sind, so doch eine notwendige Folge davon.

So behauptete Luther auch, ein Christ sei „simul iustus et peccator“, „zugleich Gerechter und Sünder“. Damit hat er nicht nur der Lehre von der billigen Gnade (siehe Teil 2) und der Allversöhnungslehre den Weg bereitet, sondern hat auch eine Denkweise propagiert, die behauptet, echte Heiligung sei unmöglich, und einem Christen sei es ebenso unmöglich wie einem Nichtchristen, die Sünde zu überwinden. Hier liegt einer der Gründe, warum späteren Erweckungsbewegungen wie den Täufern, den Quäkern oder den Methodisten gerade aus reformierten Kreisen so viel Feindschaft entgegenkam. Das ernsthafte Streben nach Heiligung wurde als „Perfektionismus“, „Werkgerechtigkeit“ und „Überheblichkeit“ angeprangert. (Siehe dazu „Guten Tag, ihr unwürdigen Sünder“.) – In einer späteren Serie werden wir – so Gott will – sehen, dass mit John Wesley das Pendel wieder zur anderen Seite hin auszuschlagen begann.

Von der Schrift her muss dazu gesagt werden, dass es ein solches „zugleich“ nicht gibt. Im Neuen Testament wird klar unterschieden zwischen „Heiligen“ (Christen) und „Sündern“ (Nichtchristen). Zwar erlebt auch ein Christ Versuchungen und kann dabei ab und zu in Sünde fallen; aber Aussagen wie Römer 6,11-14; 8,2-13; 1.Korinther 10,13; Titus 2,11-14; 1.Petrus 1,14-19; 1.Johannes 3,3-9; u.a. belegen klar, dass die Gnade Gottes einen Christen dazu befähigt, Sünde zu überwinden, und dass die Apostel ein solches Überwinden als das „normale Christenleben“ voraussetzten.

Wir können Luthers Haltung der Heiligung und den guten Werken gegenüber vielleicht von seiner Zeit her verstehen: er musste da einige sehr extreme Aussagen machen, um gegen die Irrtümer des Katholizismus anzukämpfen. Aber sobald wir seine diesbezüglichen Aussagen aus dieser Kampfsituation herausnehmen, sehen wir, dass sie falsch und unbiblisch sind, und sich im weiteren Verlauf der Kirchengeschichte sehr verhängnisvoll ausgewirkt haben. Fast jede Erweckungs- und Reformbewegung nach Luther musste nicht mehr gegen die katholische Werkgerechtigkeit ankämpfen, sondern gegen das falsche reformierte Gnadenverständnis.

(Fortsetzung folgt)

Wer oder was ist ein Christ? (Teil 3)

6. September 2009

Aller guten Dinge sind drei … Ich habe bereits zwei Artikel zu diesem Thema geschrieben, aber zur Abrundung lasse ich hier noch einen dritten Teil folgen. Im ersten Teil habe ich einige landläufige Definitionen des Begriffs „Christ“ betrachtet. Im zweiten Teil habe ich vom Neuen Testament her untersucht, was ein Christ im biblischen Sinn ist. Hier nochmals kurz zusammengefasst die wichtigsten Punkte:

– Ein Christ ist ein Jünger (Nachfolger) von Jesus Christus.
– Diese Nachfolge, unter den von Jesus selber aufgestellten Bedingungen, ist „menschenunmöglich“. Christ werden kann man deshalb nur durch ein übernatürliches Werk Gottes, die Wiedergeburt.
– Die Wiedergeburt ist keine menschliche, äussere „Bekehrungszeremonie“. Von der menschlichen Seite her ist sie normalerweise begleitet von einer tiefen Überführung von Sünde, und von Umkehr und Glauben; das alles ist bei einer echten Wiedergeburt von Gottes Geist gewirkt und nicht menschlich „gemacht“.
– Ein Christ ist ein „neuer Mensch“, der jetzt Jesus nachfolgen kann, weil er vom Heiligen Geist erneuert wurde.

Es bleibt jetzt noch zu tun, was Paulus uns sagt:

„Prüft euch selbst, ob ihr im Glauben seid; stellt euch selbst auf die Probe. Oder erkennt ihr euch selber nicht, dass Jesus Christus in euch ist? – es sei denn, ihr seid verworfen.“
(2. Korinther 13,5)

Wir sollen also unser Christsein nicht als „gegeben“ ansehen, sondern uns immer wieder überprüfen. (Im griechischen Original steht hier das kontinuierliche Präsens, das wörtlich bedeutet: „Prüft euch ständig, immer wieder„.)

Das Neue Testament gibt uns verschiedene Kriterien, nach denen wir überprüfen können, ob tatsächlich „Jesus Christus in uns“ ist. Man beachte dabei, dass Paulus sagt: „Prüft euch selbst“, aber nicht „Prüft einander“. Ich kann niemandem ins Herz sehen. Ich kann von keinem Mitmenschen mit Bestimmtheit sagen, ob er ein Christ ist (im biblischen Sinn) oder nicht. Ich kann vielleicht seine Lehranschauungen oder seine Lebensführung „prüfen“; aber wie wir im 1.Teil gesehen haben, sind das keine schlüssigen Beweise für sein Christsein (im biblischen Sinn). Ich möchte also die folgenden Kriterien nicht in dem Sinn verstanden wissen, dass wir sie anderen Menschen überstülpen, sondern dass wir sie zur Selbstprüfung anwenden können.

(more…)