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Möchtest du WIRKLICH Erweckung? (Teil 3)

18. Mai 2016

Eine Erweckung bringt Verfolgung.

Viele Leiter und Anhänger vergangener Erweckungen mussten Verfolgung leiden. Manchmal kam die Verfolgung von seiten der Heiden, die sich dem Christentum widersetzten. Aber noch häufiger waren es gerade die Leiter der „christlichen“ Kirchen, welche die Erweckung verfolgten.

Von der Opposition der katholischen Kirche gegen Luther haben wir schon gesprochen. Nachdem er exkommuniziert worden war, wurde Luther auch noch vom Kaiser unter die Reichsacht gestellt. Das bedeutete praktisch sein Todesurteil, denn jeder, der ihn fand, konnte ihn straflos töten. Luther überlebte nur, weil der Kurfürst von Sachsen ihm wohlgesinnt war und ihn auf der Wartburg verborgen hielt. – Während die Reformation fortschritt, wurden Tausende von „Protestanten“ von der Inquisition und von katholischen Herrschern ermordet.

So unglaublich es erscheint, verfolgten doch die Leiter der Reformation ihrerseits die Täufer mit fast derselben Grausamkeit. Tausende von Täufern wurden in Flüssen und Seen ertränkt – eine grausame Art, sich über ihre Überzeugungen lustig zu machen, indem die Reformierten erklärten: „Da ihr euch gerne ein zweites Mal taufen lässt, taufen wir euch jetzt ein drittes Mal.“
Es ist gesagt worden: „Die Vertreter der Erweckung von gestern verfolgen die Erweckung von morgen“. Hier haben wir ein Beispiel dieser traurigen Wahrheit.

John Wesley schien an Verfolgung gewöhnt zu sein. Dies ist eine Zusammenfassung von Tagebucheinträgen Wesleys in der Anfangszeit der Erweckung:
„Sonntag, 5.Mai, morgens – Predigte in St.Anna; sie sagten mir, ich solle nie mehr zurückkommen.
Sonntag, 5.Mai, nachmittags – Predigte in St.John; die Diakone sagten: ‚Geh raus und bleibe draussen.‘
Sonntag, 12.Mai, morgens – Predigte in St.Judas; dahin darf ich auch nicht mehr zurückkehren.
Sonntag, 12.Mai, nachmittags – Predigte in St.George, auch da wurde ich hinausgeworfen.
Sonntag, 19.Mai, morgens – Predigte nochmals woanders; die Diakone beriefen eine ausserordentliche Sitzung ein und sagten, ich könne nicht mehr hierher zurückkommen.
Sonntag, 19.Mai, nachmittags – Predigte auf der Strasse; sie vertrieben mich von der Strasse.
Sonntag, 26.Mai, morgens – Predigte auf einer Wiese; ich musste fliehen, als jemand während des Gottesdienstes einen Stier auf mich losliess.
Sonntag, 2.Juni, morgens – Predigte am Eingang der Stadt; sie vertrieben mich von der Strasse.
Sonntag, 2.Juni, nachmittags – Zum Nachmittagsgottesdienst predigte ich draussen auf dem Feld; zehntausend Personen kamen.“

Eine andere Anekdote über Wesley:
Eines Tages war Wesley zu Pferd unterwegs, und plötzlich wurde ihm bewusst, dass drei ganze Tage ohne Verfolgung vergangen waren. Man hatte ihm nicht einmal einen Stein oder ein Ei nachgeworfen. Wesley hielt sein Pferd an und kniete nieder: „Könnte es sein, dass ich gesündigt habe oder zurückgefallen bin?“, fragte er, und bat Gott, ihm zu zeigen, ob er irgendwie fehlgegangen war. – Ein rauher Bursche, der auf der anderen Seite der Hecke vorüberging, hörte das Gebet, erkannte Wesley und dachte: „Ich werde diesem Prediger eine Lektion erteilen.“ Er ergriff einen Backstein und warf ihn nach Wesley. Der Backstein verfehlte sein Ziel knapp; aber Wesley erhob sich und rief aus: „Danke, Herr, alles ist gut! Ich bin noch in deiner Gegenwart.“

Eines der bekanntesten Werke der christlichen Literatur, und der Weltliteratur überhaupt, ist John Bunyans „Pilgerreise“. Dieses Buch wurde im Gefängnis von Bedford geschrieben. Was für ein Verbrechen hatte Bunyan begangen? – Er hatte ohne eine offizielle Erlaubnis der Kirche von England das Evangelium gepredigt. Dafür wurde er zu mehreren Jahren Gefängnis verurteilt.

Auch die Heilsarmee war in ihren Anfangsjahren oft das Ziel von Verfolgung. Andrew Strom fasst zusammen: „Während des Jahres 1882 wurden allein in England 669 Heilssoldaten körperlich angegriffen, und 56 Lokale der Heilsarmee ganz oder teilweise zerstört. Es formten sich ‚Skelett-Armeen‘ von Verbrechern und Schlägern, um die Heilsarmisten anzugreifen … Und erstaunlicherweise waren an vielen Orten die örtlichen Pastoren daran beteiligt, diese Mobs aufzureizen.“

Gegenwärtig findet eine der erstaunlichsten und am längsten dauernden Erweckungen in China statt. Aber China ist gleichzeitig eines der Länder mit der stärksten Christenverfolgung. Viele christliche Leiter sind im Gefängnis und werden gefoltert. Es gibt sehr wenig religiöse Freiheit.

Verwundern wir uns darüber nicht. Jesus selber wurde verfolgt, und nach nur drei Jahren öffentlichen Dienstes wurde er getötet. Die Wirkungszeit seines Wegbereiters, Johannes des Täufers, war noch kürzer. Und Jesus warnte seine Jünger zum voraus, sie sollten sich auf dasselbe Schicksal vorbereiten:
„Wenn jemand mir nachfolgen will, verleugne er sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich, und folge mir nach. Denn jeder, der sein Leben retten will, wird es verlieren; und jeder, der sein Leben um meinetwillen verliert, wird es finden.“ (Matthäus 16,24.25)
„Dann werden sie euch der Drangsal überliefern und euch töten, und ihr werdet von allen Völkern gehasst sein um meines Namens willen… Aber wer bis zum Ende ausharrt, wird gerettet werden.“ (Matthäus 24,9.13)
„Sie werden euch aus den Synagogen ausschliessen; und es wird sogar die Stunde kommen, wo jeder, der euch tötet, denken wird, er leiste Gott einen Dienst.“ (Johannes 16,2)
„Fürchte nichts, was du leiden wirst. Siehe, der Teufel wird einige von euch ins Gefängnis werfen, damit ihr geprüft werdet, und ihr werdet zehn Tage lang Drangsal haben. Sei treu bis zum Tod, und ich werde dir die Krone des Lebens geben.“ (Offenbarung 2,10)

Aus der Geschichte der alten Kirche weiss man, dass elf der zwölf Apostel den Märtyrertod starben. Johannes war der einzige, der eines natürlichen Todes starb; aber auch er erlitt die Verbannung nach Patmos. Paulus zählt folgende Gründe auf, sich zu rühmen:
„Sind sie Diener Christi? Ich spreche, als ob ich wahnsinnig wäre: Ich noch mehr. Unter viel mehr Mühen; unter unzähligen Schlägen; öfter in Gefängnissen; viele Male in Todesgefahr. Von den Juden erhielt ich fünfmal die vierzig Schläge weniger einen. Dreimal wurde ich mit Ruten geschlagen; einmal gesteinigt; dreimal erlitt ich Schiffbruch; eine Nacht und einen Tag lang trieb ich als Schiffbrüchiger auf hoher See; …“ (2.Korinther 11,23-25)

Über diese Dinge kann ich nur mit Furcht und Zittern schreiben, weil ich von mir selber nicht weiss, wie ich solche Situationen überstehen würde. Ich glaube, es ist überhaupt nur durch die Gnade Gottes möglich, solche Verfolgung um Christi willen auszuhalten. Paulus schrieb an die Philipper: „Denn euch ist es gegeben um Christi willen, nicht nur an ihn zu glauben, sondern auch für ihn zu leiden …“ (Philipper 1,29)
Es ist eine Gabe Gottes und ein besonderes Vorrecht, für den Glauben an Jesus zu leiden. Nachdem die Apostel geschlagen worden waren, „gingen sie von dem Rat fort, voll Freude, dass sie für würdig erachtet worden waren, um des Namens (Jesu) willen Schmach zu leiden.“ (Apostelgeschichte 5,14)

Bist du bereit, mit den Aposteln dieses Vorrecht zu teilen?

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Möchtest du WIRKLICH Erweckung?

23. April 2016

Anm: Dies ist die Fortsetzung des Artikels: „Was ist Erweckung?“ – Es empfiehlt sich, jenen ersten Teil zuerst zu lesen.


In einem ersten Artikel (s.o.) haben wir gesehen, worin das Wesen einer echten Erweckung liegt. Nicht Massenbekehrungen, nicht gefühlsmässige Erlebnisse, nicht gesellschaftliche Veränderungen. Alle diese Dinge können Sekundärfolgen einer Erweckung sein und sind es oft auch. Aber der Kern einer Erweckung liegt darin, dass Christen (oder jene, die sich so nennen) von ihrer Sünde umkehren, reinen Tisch machen mit Gott, und anfangen wirklich für den Herrn zu leben. Und dass so erweckte christliche Gemeinschaften wieder zu dem zurückkehren, was „von Anfang an war“; d.h. sie lassen kirchliche Traditionen hinter sich und fangen wieder an, Gemeinde so zu leben, wie es im Neuen Testament beschrieben ist.

In diesem Artikel möchte ich mich nun auf einige „negative“ Aspekte von Erweckung konzentrieren. Ich habe bei manchen Gelegenheiten davon gesprochen und geschrieben, wie wünschenswert eine Erweckung wäre. Aber es gibt einige Aspekte von Erweckung, die manchen Christen weniger wünschenswert erscheinen. Wenn du also sagst, du möchtest Erweckung, dann ziehe auch diese Seite in Betracht und denke nochmals darüber nach. Sonst könntest du später, wenn Gott wirklich Erweckung sendet, enttäuscht sein und sagen: „Ich hätte das nicht so erwartet … warum hat es mir niemand zuvor gesagt?“

Eine Erweckung bringt Unordnung.

Wenn Gott Erweckung sendet, können die kirchlichen Versammlungen nicht wie gehabt weitergehen. Es werden ungewöhnliche Dinge geschehen, und das kann zu einer gewissen Unordnung führen.
In vielen historischen Erweckungen wurden die Leute derart vom Bewusstsein ihrer Sünde überwältigt, dass sie laut zu schreien und zu weinen anfingen, oder kraftlos zu Boden fielen. Sie blieben in diesem Zustand, bis sie ihre Sünde vollständig bereut hatten und zu dem Glauben und der Sicherheit kamen, dass der Herr ihnen vergeben hatte. Manchmal konnte der Prediger nicht weitersprechen wegen des lauten Weinens und Klagens der Zuhörer.

In seiner berühmten Predigt „Sünder in der Hand eines zornigen Gottes“ (1741) beschrieb Jonathan Edwards bildhaft den Hass und Abscheu, den Gott gegen die Sünde empfindet, und die Abgründe der Hölle, die den Sünder erwarten. Während er diese Predigt hielt, fiel eine solche Furcht auf die Zuhörer, dass sie sich an den Kirchenbänken und Säulen festhielten, um nicht in den Feuersee zu fallen, den sie unter ihren Füssen sich öffnen spürten.

Charles Finney schrieb über eine Versammlung, wo er predigte:
„Ich hatte während etwa fünfzehn Minuten in dieser Art der direkten Anwendung zu ihnen gesprochen, als plötzlich ein schrecklicher Ernst über sie kam. Die Versammlung begann in allen Richtungen von ihren Sitzen zu fallen und um Barmherzigkeit zu flehen. Hätte ich in jeder Hand ein Schwert gehabt, ich hätte sie nicht so schnell von ihren Sitzen hauen können, wie sie fielen. Weniger als zwei Minuten nach diesem ersten Schock lag fast die ganze Versammlung auf ihren Knieen oder auf ihrem Angesicht. Alle, die noch sprechen konnten, begannen für sich selbst zu beten.
Natürlich musste ich aufhören zu predigen, denn sie schenkten mir keine Aufmerksamkeit mehr. Ich sah den alten Mann, der mich eingeladen hatte, inmitten des Saales sitzen. Er sah äusserst erstaunt um sich. Ich erhob meine Stimme fast zu einem Schreien, um mich hörbar zu machen, zeigte auf ihn und sagte: ‚Können Sie nicht beten?‘ – Er fiel auf seine Kniee und schüttete mit lauter Stimme sein Herz vor Gott aus. Aber die Leute achteten nicht auf ihn. Da sagte ich, so laut ich konnte: ‚Ihr seid noch nicht in der Hölle. Lassen Sie mich jetzt Sie zu Christus führen.‘ … Mein Herz war so voll Freude angesichts dieser Szene, dass ich kaum an mich halten konnte. Nur mit grösster Mühe hielt ich mich davor zurück, zu Gottes Ehre laut zu schreien.“

Andrew Strom schreibt über die Anfänge der Heilsarmee:
„Im Jahre 1884 wurden in England insgesamt sechshundert Heilsarmisten von der Regierung ins Gefängnis gesperrt, weil sie Aufruhr in den Strassen verursacht hatten. Die Heilsarmee erklärte immer, sie hätten das Recht, unter freiem Himmel ihre Märsche und Versammlungen abzuhalten; und es sei eine Einschränkung der Religionsfreiheit, ihnen dieses Recht zu verweigern. … Tatsächlich weigerten sie sich prinzipiell, auch nur die kleinste Busse zu bezahlen, und so war das Gefängnis unausweichlich. Aber sie veranstalteten jedesmal einen riesigen und sehr lärmigen Marsch, um die verhafteten Heilssoldaten ins Gefängnis zu begleiten; und einen weiteren Marsch, um sie zu begleiten, wenn sie aus dem Gefängnis entlassen wurden.
… Ein verzweifelter Richter ermahnte ein anderes Kontingent verhafteter Heilssoldaten, ‚etwas mehr in ihren Bibeln zu lesen und zu meditieren, weniger zu sprechen, und weniger auf den Lärm von Trommeln und Blechinstrumenten zu vertrauen. Trommeln und Trompeten mögen eine angemessene Begleitung sein für einen Zirkus, aber sie sind fehl am Platz an einem Sonntag in einem ruhigen Städtchen wie Milton.‘ – Solche Ermahnungen hatten keinerlei Wirkung.“

Ein Zeuge der Erweckung von 1970 auf Timor (Indonesien) berichtete, dass eines Tages der Gottesdienst von den Sirenen sich nähernder Feuerwehrwagen unterbrochen wurde. Es brannte aber nirgends. Was war geschehen? – Einige Nachbarn hatten Feuerflammen über dem Kirchendach gesehen und die Feuerwehr alarmiert; aber es war kein Brand, es war das Feuer des Heiligen Geistes, das wie am Pfingsttag sichtbar geworden war.

Solche und ähnliche Szenen sind nichts Neues. Als Jesus an einem bestimmten Ort predigte, drängten sich die Leute sogar draussen vor der Türe, um ihm zuzuhören. Mitten in seiner Predigt wurde er unterbrochen von herunterfallenden Lehmbrocken. Einige Männer hatten ein Loch ins Dach gebrochen, um von dort einen Gelähmten herunterzulassen, damit Jesus ihn heilen würde. Es wird nicht berichtet, dass Jesus sie ermahnt hätte, die Ordnung zu wahren.
Als am Pfingsttag der Heilige Geist kam, benahmen sich die 120 versammelten Leute in der Öffentlichkeit auf eine Art und Weise, dass mehrere Augenzeugen dachten, sie seien betrunken. Sie verursachten einen Auflauf von mehr als dreitausend Menschen und tauften diese an Ort und Stelle.

Der Apostel Paulus verursachte auf seinen Missionsreisen in fast jeder Stadt, wo er hinkam, einen Aufruhr. In der Regel blieb er in jeder Stadt so lange, bis er sich gezwungen sah, vor einem Aufruhr oder einer Verfolgung zu fliehen. Lesen wir einmal die Apostelgeschichte unter diesem Gesichtspunkt!

– In Antiochien von Pisidien:
„Am folgenden Sabbat versammelte sich fast die ganze Stadt, um das Wort Gottes zu hören. Aber als die Juden die Volksmenge sahen, wurden sie voll Eifersucht, und widersprachen dem, was Paulus sagte, und lästerten. … Sie stifteten angesehene gottesfürchtige Frauen an, und die Vornehmsten der Stadt, und verursachten eine Verfolgung gegen Paulus und Barnabas, und vertrieben sie aus ihrem Gebiet.“ (Apg.13,44-45.50)

– In Ikonien:
„Aber als die Juden und Heiden, zusammen mit ihren Oberen, auf sie einstürmten, um sie zu misshandeln und zu steinigen, flohen sie, da sie es inne wurden, nach Lystra…“ (Apg. 14,5-6)

– In Lystra:
„… Und auch mit diesen Worten konnten sie nur mit Mühe verhindern, dass die Menge ihnen Opfer darbrachte. Da kamen einige Juden aus Antiochien und aus Ikonien, die die Menge überredeten; und nachdem sie Paulus gesteinigt hatten, schleiften sie ihn vor die Stadt hinaus, da sie dachten, er sei tot.“ (Apg.14,18-19)

– In Philippi:
„… und sie führten sie vor die Befehlshaber und sagten: Diese Männer, die Juden sind, versetzen unsere Stadt in Aufruhr… Und das Volk rottete sich gegen sie zusammen, und die Befehlshaber liessen ihnen die Kleider zerreissen und sie mit Ruten schlagen.“ (Apg.16,20-22)

– In Thessalonich:
„Da wurden die Juden, die nicht glaubten, eifersüchtig, und nahmen einige Herumstreicher und schlechte Menschen mit sich, rotteten sich zusammen und versetzten die Stadt in Aufruhr. Dann überfielen sie das Haus Jasons und versuchten sie vor das Volk zu schleppen…“ (Apg.17,5)

– In Beröa:
„Als die Juden von Thessalonich erfuhren, dass Paulus auch in Beröa das Wort Gottes verkündigte, gingen sie dorthin und versetzten auch dort die Mengen in Aufruhr.“ (Apg.17,13)

– In Korinth:
„Aber als Gallio Prokonsul von Achaja war, erhoben sich die Juden einmütig gegen Paulus und führten ihn vor Gericht. … Da ergriffen alle Griechen Sosthenes, den Vorsteher der Synagoge, und schlugen ihn vor dem Richterstuhl; aber Gallio kümmerte sich um all das nicht.“ (Apg.18,12-17)

– In Ephesus:
„Und die Stadt geriet in grosse Verwirrung, und sie stürmten miteinander ins Theater und schleppten Gajus und Aristarchus mit, die Reisebegleiter des Paulus. … Nun schrieen die einen dies, die anderen das; denn die Versammlung war verwirrt, und die meisten wussten nicht, weswegen sie zusammengekommen waren. … Aber als sie merkten, dass er ein Jude war, schrieen alle zusammen fast zwei Stunden lang: Gross ist die Artemis der Epheser!“ (Apg.19,29.32.34)

– In Jerusalem:
„So kam die ganze Stadt in Bewegung, und das Volk lief zusammen; und sie ergriffen Paulus und schleppten ihn aus dem Tempel und schlossen sofort die Türen zu. Und als sie versuchten ihn zu töten, wurde dem Obersten der Kohorte gemeldet, dass sich die ganze Stadt Jerusalem in Aufruhr befand. Dieser nun nahm Soldaten und Hauptleute mit sich und eilte zu ihnen. Und als sie den Obersten und die Soldaten sahen, hörten sie auf, Paulus zu schlagen. … Als er zur Treppe kam, musste er von den Soldaten getragen werden wegen der Gewalttätigkeit der Menge; denn die Volksmenge drängte sich hinter ihm und schrie: Er soll sterben!“ (Apg.21,30-36)

Wir stellen auch fest, dass sich in vielen Fällen die „Unordnung“ direkt gegen die etablierte Ordnung der Kirchen richtete. Angefangen mit Jesus selber, der vorsätzlich die Ordnung der Synagogenversammlungen brach, indem er am Sabbat Kranke heilte und andere Dinge tat, die die Schriftgelehrten und Pharisäer in Zorn versetzen.
Auch die Apostel riefen mit ihrer Verkündigung und ihren Taten oft den Zorn der religiösen Leiter hervor. Mehrmals wurden sie bedroht, nie mehr im Namen Jesu zu sprechen. Bei einer dieser Gelegenheiten antworteten sie den Priestern: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ (Apg.5,29) – Die Apostel und Jesus selber waren von der Synagoge nicht anerkannt (mit Ausnahme von Paulus, der ein Rabbiner war).

Während der Reformationszeit entstand die Bewegung der Täufer. Sie empfanden die Reformation Luthers und Zwinglis als zuwenig radikal; sie wollten zum Leben der ersten Christen zurückkehren und allem gehorchen, was die Bibel sagt. Während die Reformatoren die Staatsregierung damit beauftragten, die Kirche zu beschützen, lehrten die Täufer, die weltliche Regierung habe nichts zu tun mit den Angelegenheiten der Kirche. Und während die Reformatoren weiterhin Säuglinge tauften wie die katholische Kirche, lehrten die Täufer, die Taufe sei nur für die Bekehrten.
Die Auseinandersetzung verschärfte sich, und im Jahre 1525 verbot der Rat der Stadt Zürich den Täufern, sich zu versammeln und ihre Lehren zu verbreiten. Sie widersetzten sich offen diesem Befehl, versammelten sich am Ufer des Zürichsees und tauften einander gegenseitig. Das ging völlig gegen alles, was die Kirchen – sowohl die katholische wie die reformierte – erlaubten.
Interessanterweise folgen heute die meisten evangelikalen Kirchen der Lehre der Täufer, zumindest was die Taufe betrifft. Was einmal ein Skandal war, wurde später achtbar. Aber wenn heute jemand in diesen Kirchen vorschlägt, in einigen anderen Punkten zur biblischen Lehre zurückzukehren – z.B. das Abendmahl in den Häusern und Familien zu feiern; oder das Amt und den Titel des Pfarrers bzw. Pastors abzuschaffen -, dann verursacht er damit zweifellos einen neuen Skandal.

John Wesley war persönlich äusserst diszipliniert und ordentlich; aber auch er brach die Ordnung der Kirche von England in mindestens zwei wichtigen Punkten:
– Er nannte sich selbst „Evangelist“. Bis dahin lehrte die Kirche, dieser Titel sei für die ersten Zeugen des Herrn reserviert, und nach Ende der apostolischen Zeit dürfe sich niemand mehr so nennen. (Ganz ähnlich wie es heute Auseinandersetzungen um die Bezeichnungen „Prophet“ und „Apostel“ gibt.)
– Er bildete Laienprediger aus und sandte sie aus; d.h. Prediger ohne offizielle Predigterlaubnis. Die Kirche jener Zeit lehrte, nur ordinierte Pfarrer dürften das Evangelium verkünden. (Ganz ähnlich wie heute noch weithin gelehrt wird, nur ordinierte Pfarrer dürften taufen oder das Abendmahl halten.)

In Erweckungszeiten übergeht Gott oft die etablierte Leiterschaft der Kirchen, und wirkt durch Unbekannte ohne Position und ohne offizielle Anerkennung. Die Leiter der Täufer befanden sich völlig ausserhalb der organisierten Kirchen; aber die Mehrheit der heutigen Evangelikalen anerkennen, dass sie recht hatten.
Der Pionier der modernen Weltmissionsbewegung, William Carey, war ein einfacher Schuster, der auf eigene Faust Griechisch und Hebräisch lernte. Später wurde er zwar als baptistischer Pastor anerkannt; aber die grosse Mehrheit seiner Pastorenkollegen setzten seiner Idee grossen Widerstand entgegen, die Heiden Afrikas und Asiens zu evangelisieren.
Der Leiter der Erweckung von Wales (1904), Evan Roberts, war ein junger Bergarbeiter mit unvollendeter Bibelschulausbildung. Gott gebrauchte ihn, um hunderttausend Menschen zum Herrn zu führen.
In der Erweckung in Azusa Street (1906) gab es oft niemanden, der die Versammlungen „leitete“. Jeder konnte teilnehmen, wie der Heilige Geist ihn leitete, nach 1.Korinther 14,26. (Aber die Leiter griffen ein, wenn es Worte oder Manifestationen gab, die dem Wort Gottes entgegenstanden.) Ausserdem mischten sich Schwarze und Weisse in der Versammlung, was für die meisten Menschen jener Zeit ein Skandal war (sogar für viele christliche Leiter). Einer der Pioniere jener Erweckung, Frank Bartleman, klagte einige Jahre später, dass die Bewegung daran war, vom Glauben abzufallen und ihre Kraft zu verlieren, als sie wieder anfingen, zwischen „Pastoren“ und „Laien“ zu unterscheiden.

Es sollte klar sein, dass diese Beispiele von „Unordnung“ sich innerhalb des Rahmens des Wortes Gottes befinden. Keine echte Erweckung wird etwas ungültig machen, was im Wort Gottes geschrieben steht. Aber sie wird viele unserer Traditionen und menschlichen Reglemente zunichte machen.

Zusammengefasst: Wenn Gott eine Erweckung sendet, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass er unsere Traditionen, kirchlichen Ordnungen und Leiterschaftsstrukturen über den Haufen werfen wird. Jesus und die Apostel taten dasselbe. Bist du bereit, diesen Preis zu zahlen?

(Fortsetzung folgt)

Reformation – oder Sterben und Auferstehung?

14. Januar 2016

Ich habe ab und zu über die Notwendigkeit einer neuen Reformation im Sinne einer Rückkehr zum Wort Gottes geschrieben; aber in der letzten Zeit musste ich darüber nachdenken, ob diese Idee wirklich im Sinne Gottes ist.

Unter jenen, die sich „Christen“ nennen, ist es heute tatsächlich nötiger denn je, zum Wort Gottes zurückzukehren. Nicht nur die Landeskirchen, auch die Freikirchen verleugnen weitgehend das Wort Gottes mit ihren Lehren und Taten, und sind z.T. sogar zu regelrechten „Räuberhöhlen“ geworden (Lukas 19,46). Aber ist „Reformation“ der richtige Begriff?

Dahinter steht ja die Idee, eine bestehende Struktur zu korrigieren und umzuformen. Das war es, was Luther im Sinn hatte: die römisch-katholische Kirche von unbiblischen Elementen zu reinigen, damit ihre Praxis wieder näher am Wort Gottes wäre. Aber wir müssen verstehen, dass von diesem Standpunkt aus Luthers Unternehmen scheiterte. Es gelang ihm nicht im geringsten, die katholische Kirche zu reformieren. Im Gegenteil, die Kirche exkommunizierte ihn. Damit sah sich Luther gezwungen, eine neue Kirche zu gründen. Somit ist „Reformation“ eigentlich nicht der richtige Ausdruck dafür, denn es war in Wirklichkeit keine Reformation, sondern ein Neubeginn. Nur war Luther derart fixiert auf die Idee, das Bestehende zu „reformieren“, dass die neue lutherische Kirche noch viele der Ideen und Praktiken des Katholizismus mit übernahm.
Unter den Gruppen, die von den Gedanken der Reformation beeinflusst wurden, waren die Täufer die konsequentesten. Ihnen war es von Anfang an klar, dass sie, wenn sie zu biblischen Prinzipien zurückkehren wollten, alle Verbindungen zur katholischen Kirche abschneiden mussten – und auch zu den reformierten Kirchen, nachdem diese sich geweigert hatten, konsequent die Prinzipien anzuwenden, die sie selber predigten. Die Täufer wiegten sich nicht in der Illusion, ein antibiblisches religiöses System „reformieren“ zu können. Sie mussten diesem System absterben – was für viele von ihnen den physischen Tod unter der Verfolgung durch Katholiken oder Reformierte bedeutete. Aber nur so konnte eine neue Kirche auferstehen, die dem, „was von Anfang an war“, besser entsprach.

Sehen wir, wie Gott in den Zeiten des Abfalls handelte, von denen die Bibel berichtet:

Nachdem die erste Menschheit aufs Äusserste verdorben war, liess Gott die Sintflut kommen. Jene abgefallene Menschheit musste sterben. Gott rettete nur acht Menschen aus ihnen heraus: Noah und seine Familie. Mit ihnen machte er einen Neuanfang. Nichts von den alten Strukturen und Gewohnheiten sollte diesen Neuanfang verunreinigen.

Später kam eine Zeit, wo die Menschheit sich von neuem gegen Gott auflehnte und den Turm von Babel baute. Gott versuchte nicht ihren Völkerzusammenschluss und ihre Weltregierung zu „reformieren“, die sie aufgerichtet hatten, um ihr Werk auszuführen. Im Gegenteil, er zerbrach ihre Vereinigung vollständig und zerstreute sie in alle Winde. Dann nahm er aus den Zerstreuten einen einzigen Menschen heraus, nämlich Abraham, um mit ihm einen Neuanfang zu machen. Und Abraham musste zuerst sein Land, seine Verwandtschaft und die Familie seines Vaters verlassen. Nur so konnte Gott ihn gebrauchen. So begann auch das erwählte Volk Gottes, Israel, mit einer einzigen Familie, der Familie Abrahams.

Aber auch Israel begann Gott zu vergessen, so weit, bis sie sich völlig dem Dienst heidnischer Götter hingaben. Auch da versuchte Gott nicht, Israel zu „reformieren“. Er schickte sie in die Gefangenschaft unter den Assyrern und Babyloniern. Sie verloren ihre Freiheit, ihr Land, ihre Unabhängikeit und nationale Souveränität. Sie wurden Gefangene in einem fremden Land. Israel als Nation musste sterben.
Im Zusammenhang mit diesem Gericht Gottes prophezeit Jesaja:
„Ein Rest wird umkehren, der Rest Jakobs zum starken Gott. Denn wenn dein Volk, o Israel, würde wie der Sand des Meeres, nur ein Rest davon wird umkehren; Vertilgung ist beschlossen, heranflutend die Gerechtigkeit.“ (Jesaja 10,21-22)
So handelt Gott, wenn sein Volk (oder die es früher waren) vollends von ihm abfällt. Er nimmt einen kleinen Überrest aus diesem System heraus, das unter sein Gericht gefallen ist. Dann macht er mit dem Überrest einen Neuanfang.

Einige Jahrhunderte nach der Rückkehr aus der Gefangenschaft begannen die Priester und Theologen Israels ein religiöses System zu errichten, das ihnen selber viele Vorteile brachte, anstatt Gott zu dienen. Sie dienten nicht mehr offen fremden Göttern; im Gegenteil: Ihr System hatte den Ruf strikter Treue zu Gottes Gesetz. Aber das war nur Schein; ihre Herzen waren fern von Gott.
Diese Situation hat vieles gemeinsam mit den heutigen Evangelikalen. Sie nehmen nicht am Götzendienst des Katholizismus teil. Sie haben den Ruf, sehr „bibeltreu“ zu sein. Aber die Herzen vieler Leiter sind falsch, fern von Gott, und mehr auf den eigenen Vorteil und das Wachstum der eigenen Organisation bedacht, als dem Herrn zu gefallen. Wenn wir in der Gegenwart diejenige religiöse Gruppe suchen, die am ehesten mit den „Schriftgelehrten und Pharisäern“ der Zeit Jesu zu vergleichen wären, dann sind es bestimmt die Evangelikalen.
Das war die historische Situation, in die Jesus hineinkam. Er deckte öffentlich die Heuchelei der religiösen Leiter auf. Er versuchte nicht einmal sie zu „reformieren“. Er konfrontierte sie direkt als „Schlangenbrut“, ohne auch nur zu berücksichtigen, dass sich unter ihnen doch auch noch einige aufrichtige und gottesfürchtige Männer befanden wie z.B. Nikodemus oder Joseph von Arimathäa. (So wie sicherlich auch einige Leser dieses Artikels protestieren werden, „man dürfe doch nicht so verallgemeinern, es seien doch längst nicht alle Leiter Heuchler“, usw. Aber wenn die dominanten Einflüsse in einer Gruppe oder deren Leiterschaft Abfall von Gott bedeuten, dann ist es gerechtfertigt, die ganze Gruppe als abgefallen zu bezeichnen, weil auch jene, die persönlich noch in einer rechten Beziehung zu Gott stehen, diese Einflüsse nicht mehr aufhalten können oder wollen.)
Damit war bereits vorprogrammiert, dass die Nachfolger Jesu sich früher oder später vom jüdischen System trennen mussten. Sie wurden zum neuen Überrest, von Gott berufen, „vor das Lager hinauszugehen“ (Hebräer 13,13). So erklärt auch Paulus: „So ist auch in der jetzigen Zeit ein Überrest gemäss der Auswahl durch die Gnade zustande gekommen.“ (Römer 11,5). Es war nicht der Plan Gottes, das System der Schriftgelehrten und Pharisäer zu „reformieren“, sondern es zu vernichten, und mit einem neuen treuen Überrest einen Neuanfang zu machen. Vierzig Jahre später geschah das endgültige Gericht Gottes über das Reich der Priester, Schriftgelehrten und Pharisäer, als die Römer Jerusalem und den Tempel zerstörten.

Betrachten wir auch die Art und Weise, wie Gott einen Einzelmenschen rettet: Er ruft uns nicht dazu auf, den sündigen alten Menschen zu „reformieren“. Nein, dieser alte Mensch muss sterben, und ein neuer Mensch muss auferstehen. (Siehe Römer 6.) Jesus sagte zu seinen Jüngern: „Wer sein Leben retten will, der wird es verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird es finden.“ (Matthäus 16,25) Das ist viel radikaler als eine „Reformation“. Mit dem Herrn zu leben bedeutet, einen radikalen Neuanfang zu machen. Das gilt sowohl für einen Einzelmenschen als auch für das ganze Volk Gottes.

Es ist also wohl illusorisch, die bestehenden Kirchen reformieren zu wollen. Der Überrest Gottes muss dem abgefallenen System „absterben“, und muss einen neuen Anfang machen, indem er zu dem zurückkehrt, „was von Anfang an war“. In diesem Prozess ist es noch der einfachste Schritt, aus einer Kirche hinauszugehen, die zu diesem abgefallenen System gehört. Viel schwieriger, aber viel wichtiger ist es, dass das System aus dir hinausgeht. Der Überrest Gottes muss sich trennen von den Gewohnheiten, Konzepten und Ansichten des abgefallenen Systems. Er muss diesem System „absterben“, das auf Sünde aufgebaut ist. Nur so wird es eine „Auferstehung“ der neutestamentlichen Gemeinde geben können – ein Neuanfang, der mehr ist als nur eine „Reformation“ des Bestehenden.

Die Täufer – Teil 5

11. April 2013

Spätere Entwicklung der Täufer

Die Verfolgung der Täufer dauerte über ein Jahrhundert lang an. Z.B. wurde 1659 in der Schweiz, im reformierten Kanton Bern, folgendes Edikt erlassen (Auszüge nach dem „Märtyrerspiegel“ von Th.J.Van Braght):

„… Ihre Lehrer, von denen einer oder mehrere nach gründlicher Suche verhaftet werden können, sollen vom Gerichtsdiener in unser Waisenhaus gebracht werden, wo sie in Sicherheit gehalten werden, um dort die nötigen Schritte zu ihrer Bekehrung zu unternehmen; oder wenn sie halsstarrig bleiben, sollen sie angemessen bestraft werden. In der Zwischenzeit sollen die Amtshaber ihren Besitz einziehen und uns dessen Inventar überreichen. (…)

Aber jene, die keine Warnung, Belehrung oder Ermahnung annehmen wollen, sondern ungehorsam und störrisch bleiben, noch widerrufen oder von ihrem Irrtum ablassen, sollen des Landes verwiesen werden, und ihre Halsstarrigkeit und Verworfenheit soll den von uns beauftragten Direktoren über die täuferischen Angelegenheiten bekanntgemacht werden, damit sie unsere Befehle in dieser Hinsicht erwarten.

Und wenn solche halsstarrigen und irrenden Personen gemäss dem erwähnten Bericht gerichtlich verurteilt werden, sollen sie unter Bewachung zur Grenze eskortiert und definitiv aus unserem Gebiet vertrieben werden, mit einem Gelübde (anstelle eines Eides, da sie keine Eide schwören), bis zu ihrer offenbaren Bekehrung; und wenn sie trotz des Verweises unbekehrt zurückkehren und gefasst werden, und nicht widerrufen, sondern halsstarrig in ihrem Irrtum verbleiben wie zuvor, dann sollen sie jedesmal, wenn dieses geschieht, öffentlich mit Ruten gezüchtigt werden, gebrandmarkt, und wiederum aus dem Land vertrieben werden. (…)

Ausserdem erklären und verbieten wir streng, dass niemand, wer immer es auch sei, einheimische oder ausländische Wiedertäufer aufnehme oder beschütze, seien es Verwandte oder nicht; noch zu ihren Versammlungen, Predigten usw. helfe, indem er ihnen Häuser oder Scheunen zur Verfügung stelle; noch ihnen mit anderen Mitteln helfe; noch irgendwelchen Umgang mit irgendeinem von ihnen pflege, weder schriftlich noch mündlich (…)“

Dasselbe geschah in anderen Ländern, sowohl reformierten wie katholischen. Nur in den Niederlanden fanden die Täufer ein wenig Ruhe. Als im 17.Jahrhundert englische „Dissenters“ anfingen, in Nordamerika Kolonien zu gründen, flohen auch die meisten Täufer nach Amerika, wo sie in Freiheit leben konnten. Aber viele von ihnen verloren ihren missionarischen Eifer und ihre christliche Radikalität, und wurden traditionalistisch und gesetzlich. Es ging ihnen ähnlich wie anderen Erweckungen: Nach einer gewissen Zeit wurden sie „respektabel“, begannen sich auf dieser Erde einzurichten und zu institutionalisieren, und zugleich entfernten sie sich von dem christlichen Leben, das sie anfangs gehabt hatten. Einige dieser Gruppierungen, wie z.B. die „Amish“ in den USA, sind v.a. bekannt für ihre Traditionsgebundenheit in äusserlichen Dingen: sie leben heute noch wie ihre Vorfahren im 17.Jahrhundert und lehnen die moderne Technik ab. Andere wiederum, wie z.B. gewisse Sektoren der Mennoniten, nähern sich der ökumenischen Bewegung an und folgen so den Strömungen dieser Welt.

So sind die Täufer ein weiteres Beispiel für den Kreislauf von Erweckung und Abfall, der sich durch die ganze Kirchengeschichte hindurch beobachten lässt. Wie fast alle echten Erweckungen, wurden sie aus dem Wunsch heraus geboren, zu den Anfängen der christlichen Kirche zurückzukehren. Da die institutionellen Kirchen ihrer Zeit sich weit von diesen Anfängen entfernt hatten, war ein Konflikt mit ihnen unvermeidlich. Aber inmitten dieser Konflikte und Verfolgungen blühte und verbreitete sich die täuferische Erweckung. In der ganzen Kirchengeschichte waren sie eine der Bewegungen, die am längsten in einem Erweckungszustand verblieben. Doch auch sie erlebten später eine Zeit der Abkühlung. Ohne es bewusst zu wollen, richteten sie ihre eigenen Traditionen auf; und in späteren Generationen verdrängten diese Traditionen allmählich das echte geistliche Leben. Sodass wiederum eine Erweckung nötig wurde…

Die Täufer – Teil 4 (Menno Simons)

4. April 2013

Menno war ein niederländischer katholischer Priester. Er trat sein Priesteramt an, ohne je die Bibel selber gelesen zu haben. Aber während zwei Jahren hatte er starke Zweifel an der Transsubstantiationslehre (d.h. dass im Messopfer die Hostie und der Wein sich physisch in den Leib und das Blut Jesu verwandeln). Da diese Zweifel weder durch Gebet noch durch Beichten und Bussübungen verschwanden, beschloss Menno schliesslich, die Sache in der Bibel zu untersuchen. Da fand er zu seiner grossen Überraschung, dass diese katholische Lehre keine biblische Grundlage hat.
Nach dieser Entdeckung begann sich Menno reformierten Lehren zuzuneigen. Er begann die Autorität der Bibel anzuerkennen, über den kirchlichen Leitern. Er begann auch einige Werke der Reformatoren zu lesen, und nahm Kontakt zu Täufern auf. (Einige von diesen waren Anhänger Müntzers.) In der Tauffrage fand er, dass die Reformatoren „jeder seinem eigenen Sinn folgte“ und sie sich gegenseitig widersprachen. Er kam zum Schluss, dass die täuferische Auffassung die biblische war.
Andererseits sah er auch, dass die Anhänger Müntzers irrten in ihrem Unterfangen, ein „Neues Jerusalem“ auf dieser Erde zu gründen. Er ermahnte sie ab und zu, sich von ihrem Irrtum abzuwenden, und hatte bei einigen von ihnen Erfolg. Aber er lebte weiterhin das bequeme und luxuriöse Leben eines Priesters.

Sein Leben änderte sich dramatisch nach der Schlacht von Münster (und einem ähnlichen Vorfall in den Niederlanden). Menno war entsetzt über die Nachricht und zutiefst verstört. Er fühlte sich an dem Blutvergiessen mitschuldig, weil er – wie er später sagte – die Möglichkeit gehabt hätte, viele Anhänger Müntzers zu konfrontieren und von ihrem Irrtum abzubringen, aber er hatte nur einige wenige gewarnt. Seine eigene Bequemlichkeit war ihm wichtiger gewesen als das geistliche Leben seiner Brüder.
So demütigte sich Menno zutiefst vor Gott und beschloss sich definitiv den Täufern anzuschliessen. Er gab sein Pfarramt auf und begann ein Leben im Untergrund: Da er verfolgt werden würde, konnte er keinen festen Wohnsitz mehr haben. Während vielen Jahren seines Lebens konnte er sich nicht mehr in der Öffentlichkeit zeigen.
Schon als Priester hatte Menno die biblische Wahrheit verkündigt, sobald er sie verstanden hatte. Aber sein Leben entsprach nicht der Wahrheit, die er predigte. Deshalb wurden seine Predigten zwar gut aufgenommen, brachten aber kaum geistliche Frucht. Seine Entscheidung, das Pfarramt aufzugeben und die katholische Kirche zu verlassen, um „das Kreuz Christi zu tragen“, war seine eigentliche Bekehrung. Er selber schreibt über diesen entscheidenden Wendepunkt in seinem Leben:

„… Nachdem das geschehen war, fiel das Blut der Opfer, obgleich sie verführt waren, so heiss auf mein Herz, dass ich es nicht ertragen, noch Ruhe in meiner Seele erlangen konnte. Ich überdachte mein unreines, fleischliches Leben, dazu meine heuchlerische Lehre und Abgötterei, die ich täglich im Schein der Gottseligkeit gegen meine Seele verübte (gemeint ist das Zelebrieren der Messe); sah mit Augen, dass diese eifrigen Kinder (die Anhänger Müntzers) Leib und Gut, wiewohl nicht in heilsamer Lehre, für ihre Lehre und ihren Glauben freiwillig hingaben. Und ich war einer derer, die einige von ihren Greueln zum Teil auch entdeckt hatte, und blieb doch noch bei meinem losen Leben und bekannten Greueln; allein darum, dass ich das Gemach meines Fleisches pflegen und ausserhalb des Herrn Kreuz bleiben konnte.
Bei dieser Betrachtung hat mich meine Seele also genagt, dass ich es nicht länger aushalten konnte. Ich dachte bei mir selbst: Ich elendiger Mensch, was soll ich machen? So ich bei diesem Wesen bleibe, und meines Herrn Wort in meiner empfangenen Erkenntnis nicht belebe; der Gelehrten Heuchelei, und das unbussfertige, fleischliche Leben, und ihre verkehrte Taufe, Nachtmahl und falschen Gottesdienst nicht nach miner geringen Gabe mit des Herrn Wort bestrafe; den rechten Grund der Wahrheit um der Furcht meines Fleisches nicht entdecke; die unschuldigen, irrenden Schafe, die so gern recht tun möchten, wenn sie es nur recht wüssten, nicht nach besten Kräften zu der rechten Weide Christi weise; – ach, wie wird das vergossene Blut, wiewohl es im Missbegriffe floss, in dem Gerichte des allmächtigen und grossen Gottes gegen dich auftreten und über deine arme, elendige Seele vor deinem Gott das Recht aussprechen.
Das Herz erbebte in meinem Leibe; ich bat meinen Gott mit Seufzen und Tränen, er wolle mir betrübten Sünder die Gabe seiner Gnade geben; mir ein reines Herz verleihen; meinen unreinen Wandel und eitles Leben, durch die Verdienste des roten Blutes Christi, gnädiglich vergeben; mich mit Weisheit, Geist, Freimütigkeit und einem männlichen Mut beschenken, damit ich seinen anbetungswürdigen, hohen Namen und sein heiliges Wort unverfälscht predigen, und seine Wahrheit zu seinem Preise an den Tag bringen möchte.“

Danach sagt er:

„Ich fing an im Namen des Herrn das Wort einer wahren Busse von der Kanzel öffentlich zu lehren; das Volk auf den schmalen Weg zu weisen; alle Sünden und Gottlosigkeit, dazu alle Abgötterei und falschen Gottesdienst, mit Kraft der Schrift zu bestrafen; den rechten Gottesdienst, auch Taufe und Nachtmahl, nach dem Sinn und der Lehre Christi, öffentlich zu bezeugen, nach dem Grade meiner zu jener Zeit von Gott empfangenen Gnade.
Auch habe ich einen jeglichen gegen die Münsterschen Greuel, als gegen König, Vielweiberei, Reich, Schwert, etc. getreulich gewarnt, bis mir der gnädige, grosse Herr, nach einer Zeit von etwa neun Monaten, seinen väterlichen Geist, seine Hilfe, Kraft und Hand reichte, dass ich meinen guten Ruf, Ehre und Namen, welche ich bei den Menschen hatte, und alle meine antichristlichen Greuel, Messen, Kindertaufe, eitles Leben, und zwar alles auf einmal, freiwillig verliess, mich in alles Elend und Armut unter das drückende Kreuz meines Herrn Christi williglich begab; in meiner Schwachheit meinen Gott fürchtete; nach gottesfürchtigen Menschen suchte, und auch etliche, wiewohl wenige, in gutem Eifer und Lehre fand; zu den Verkehrten redete; einige, durch Gottes Hilfe und Kraft, aus den Banden ihrer Verdammnis mit Gottes Wort erlöste und Christo gewann, und die Halsstarrigen und Verstockten dem Herrn befahl.“
(In: „Die Bekehrung Menno Simons und sein Ausgang aus der römischen Kirche“.)

Da erfuhr Menno, was jeder Erweckungspionier erlebt: Solange man mit der institutionellen Kirche Kompromisse schliesst und ihren Leitern zu gefallen sucht, kann man die Wahrheit verkünden, so viel man will, ohne in grössere Schwierigkeiten zu kommen – aber man wird auch keine echte Umkehr bewirken unter den Zuhörern. Sobald man jedoch konsequent den Weg des Herrn geht und die institutionelle Kirche direkt zurechtweist, verliert man jeglichen guten Ruf und muss alle Arten von Verleumdungen und Verfolgungen erleiden, wie der Herr sagt:
„Selig seid ihr, wenn sie euch um meinetwillen schmähen und verleumden, und lügnerisch alles Böse gegen euch reden. Freut euch und frohlockt, denn euer Lohn ist gross in den Himmeln; denn so verfolgten sie die Propheten vor euch.“ (Matthäus 5,11-12)

In Mennos eigenen Worten:

„Ich bin gottlos gewesen, und habe das Panier der Ungerechtigkeit getragen manches Jahr; der erste war ich in aller Torheit; unnütze Worte, Eitelkeit, Spielen, Saufen, Fressen, waren mein Zeitvertreib alle Tage, Gottesfurcht war nicht vor meinen Augen, dazu war ich auch ein Herr und Fürst in Babel geworden, ein jeglicher suchte und begehrte mein, die Welt liebte mich und ich die Welt, der erste Platz war mein bei den Gastmahlen und in Synagogen (…) Sobald ich aber das alles mit Salomon für Eitelkeit, und mit Paulo für Schaden achtete, das hoffärtige, gottlose Leben dieser Welt verliess, dich und dein Reich suchte, das ewig bleiben wird, habe ich allenthalben das Gegenteil gefunden: zuvor war ich geehrt, nun bin ich entehrt, zuvor lieb, nun verhasst, zuvor ein Freund, nun ein Feind, zuvor weise, nun ein Tor, zuvor fromm, nun böse, zuvor ein Christ, nun ein Ketzer, ja ein Greuel und Missetäter bin ich einem jeglichen geworden.“
(In: „Der fünfundzwanzigste Psalm, gebetsweise ausgelegt“.)

Man sollte verstehen, dass „die Welt“ sich hier nicht nur auf die ungläubige Welt bezieht. Menno meint damit auch jene Glieder seiner Pfarrei, die zuvor schon die Wahrheiten angenommen hatten, die er predigte. Schon vor seiner Bekehrung war Menno Simons als „evangelischer Prediger“ bekannt gewesen, weil er reformierte Lehren predigte. Die niederländische Kirche war ziemlich tolerant inbezug auf die Predigten der Priester: sie waren frei, reformierte Lehren zu predigen – solange sie nicht versuchten, direkt die Praxis der Kirche zu ändern. Deshalb war Menno „von allen geliebt“, solange er lediglich predigte; aber diese Liebe verwandelte sich in Hass, sobald er anfing, seine Predigt in die Praxis umzusetzen.

Etwa ein Jahr später kam eine Gruppe von sieben oder acht Täufern zu Menno, „welche mit mir ein Herz und eine Seele waren, und deren Glauben und Leben, soweit menschliche Beurteilung reicht, unsträflich waren; sie waren in Übereinstimmung mit dem Zeugnis der Schrift von der Welt abgeschieden, dem Kreuze unterworfen; hatten nicht allein gegen die münstersche, sondern auch wider die Verfluchungen und Greuel aller Welt Sekten einen herzlichen Abscheu“, wie Menno sagt. Sie baten ihn inständig, das Talent zu gebrauchen, das Gott ihm gegeben hatte, indem er ihr Leiter und Prediger würde.
Menno wurde angesichts dieser Bitte von Furcht übermannt. Er fühlte sich ungenügend und zu schwach für diese Aufgabe; aber andererseits sah er auch die grosse Not: Die niederländischen Täufer waren in jener Zeit tatsächlich „wie Schafe ohne Hirten“. Er versprach, über der Sache zu beten, und bat die Brüder, dasselbe zu tun. So wurde er schliesslich davon überzeugt, dass es Gottes Wille für ihn war, die Leiterschaft der niederländischen Täufer zu übernehmen.
Damit begann ein ruheloses Leben: ständig war Menno unterwegs, lehrte die Brüder, evangelisierte die Ungläubigen, und taufte die Bekehrten. Die Regierung erfuhr bald von seiner Tätigkeit. Überall wurde er gesucht, weshalb er ständig von einem Ort zum nächsten flüchten musste. Um 1540 schrieb er, dass es ihm nicht möglich war, eine kleine Hütte oder auch nur einen Schweinestall zu finden, wo seine Frau und seine kleinen Kinder ein Jahr lang oder auch nur ein halbes Jahr hätten ungestört leben können. Mehrere Brüder wurden zum Tod verurteilt, nur weil bekannt wurde, dass sie Menno bei sich untergebracht hatten. Aber Gott gebrauchte ihn mächtig, um die niederländischen Täufer auf den Grund der Schrift zurückzubringen (denn viele waren durch die Lehren der Extremisten verwirrt worden), sie zu einigen, aufzubauen, und in ihrem Glauben zu stärken. Da er ihr anerkannter Leiter war, wurden sie bald „Mennoniten“ genannt. (Die Denomination dieses Namens existiert noch heute.)
Seine Reisen führten ihn durch die ganzen Niederlande und auch in das benachbarte Deutschland. Er hatte mehrere Dispute mit reformierten Leitern, sowohl schriftlich wie auch persönlich; aber auch mit den Anhängern von Thomas Müntzer und von David Joris.
Öfters wurde Menno auf übernatürliche Weise vor der Verfolgung bewahrt. Einmal hatte ein Mann, der die Versammlungen der Brüder besuchte, der Regierung versprochen, gegen eine bestimmte Geldsumme Menno in ihre Hände zu überliefern. Er versprach sogar, mit seinem Leben zu bezahlen, falls er sein Versprechen nicht einhielte. Aber jedesmal konnte Menno entrinnen. Einmal war der Verräter zusammen mit einem Offizier auf der Suche nach ihm, als unerwartet Menno in einem Boot auf dem Kanal an ihnen vorüberfuhr. Aber der Verräter sagte nichts, bis Menno in einiger Entfernung ans andere Ufer sprang. Da sagte der Verräter: „Siehe, der Vogel ist entflohen.“ Der Offizier stellte ihn wütend zur Rede, warum er nicht rechtzeitig etwas gesagt hätte. Aber der Verräter antwortete: „Ich konnte nicht sprechen, denn meine Zunge war gebunden.“
Im Jahre 1554 fand Menno schliesslich eine Zuflucht in Oldesloe, wo ein wohlgesinnter Adliger auf seinen Besitztümern verfolgte Täufer aufnahm. Dort verbrachte er seine letzten Lebensjahre mit dem Schreiben und Drucken von Büchern, bis er 1561 starb.

Einige Autoren bezeichnen Menno Simons als den eigentlichen Reformator der Niederlande. Im Unterschied zu den übrigen reformierten Ländern begann die niederländische Reformation in ihrer radikalen oder täuferischen Form. Erst nach Menno gewannen auch die anderen reformierten Strömungen (insbesondere die calvinistische) an Einfluss. Wie der Biograph John Horsch sagt, liegt das daran, dass die reformierten Prediger das Land verliessen, sobald die Verfolgung zu stark wurde. Die Täufer waren die einzigen, die bereit waren, die Verfolgung und selbst den Tod zu erdulden. Später, als die Calvinisten stärker wurden und Macht erlangten, waren sie sich bewusst, dass sie in der Schuld der Täufer standen. Deshalb war ihr Regent Wilhelm von Oranien der einzige europäische Machthaber seiner Zeit, der die Täufer in Ruhe liess. Während vielen Jahren waren die Niederlande das einzige Land Europas, wo die Täufer in relativer Sicherheit leben konnten; und das erste Land, das offiziell die Religions- und Gewissensfreiheit erklärte. Das ist in grossem Mass dem täuferischen Erbe zu verdanken.

(Fortsetzung folgt)

Die Täufer – Teil 3

27. März 2013

Die Extremisten

Wie die Lutheraner, so hatten auch die Täufer ihre Extremisten. Einer von ihnen, der Niederländer David Joris, wurde ein extremer Mystiker und sagte, die Bibel könne unmöglich richtig verstanden werden, es sei denn, man erhalte besondere Offenbarungen Gottes (und er sagte, er selber erhielte solche spezielle Offenbarungen). Aber Menno Simons, der Leiter der niederländischen Täufer, wies ihn zurecht und warnte vor ihm als einem falschen Propheten. Wenig später floh Joris in die Schweiz und wohnte dort unter einem falschen Namen, indem er sich als Reformierter ausgab. Erst nach seinem Tod wurde der Betrug aufgedeckt.

Besonders traurig war der Fall von Thomas Müntzer. Er und seine Anhänger lehrten, das Tausendjährige Reich sei im Anbruch, und sie seien dazu bestimmt, jetzt mit Christus zusammen zu regieren. Tatsächlich gelangten sie 1534 in Münster an die Macht. Einige unter ihnen liessen sich von ungeprüften persönlichen Eingebungen leiten, indem sie z.B. sagten, die Polygamie sei erlaubt, da sie im Alten Testament existierte. Einer von ihnen sagte sogar, er sei der neue König David, und liess sich als solcher krönen.
In dieser Situation schlossen sich Katholiken und Reformierte zusammen und vereinigten ihre Truppen, um die Stadt zu erobern. Daraufhin griffen die Anhänger Müntzers ebenfalls zu den Waffen. In einem schrecklichen Gemetzel wurden sie besiegt.
Durch diese Vorkommnisse verlor die Täuferbewegung ihr Ansehen in den Augen grosser Teile der Bevölkerung. Aber in Wirklichkeit waren die Anhänger Müntzers keine typischen Täufer. J.H.Yoder und Alan Kreider machen die folgenden Beobachtungen:

„Jahrhundertelang nahmen Kirchen und Regierungen die Ausschreitungen dieser Wochen vor dem Fall der Stadt (Juni 1535) zum Anlass, das Täufertum insgesamt mit Fanatismus und Anarchie gleichzusetzen. Es ist aber auffallend, dass viele Merkmale dieses Täuferreichs (etwa die Verbindung von staatlicher und kirchlicher Obrigkeit, die Gültigkeit alttestamentlicher Sozialordnungen oder die Anwendung von Gewalt durch Christen) eher typisch sind für die offiziellen Kirchen als für die übrigen Täufer.“
(John H.Yoder und Alan Kreider, „Die Täufer“, in Tim Dowley, „Handbuch Die Geschichte des Christentums“.)

Tatsächlich missachteten die Anhänger Müntzers die Prinzipien der Trennung von Kirche und Staat, und des Nicht-Widerstehens; beides wesentliche Prinzipien der Täuferbewegung. Sie waren somit keineswegs typische Vertreter dieser Bewegung. Es trifft hier dasselbe zu wie auf die lutherische Reformation: „Wenn der Teufel eine Erweckung nicht aufhalten kann, dann versucht er sie in Verruf zu bringen, indem er einige ihrer Anhänger zu Extremen und Exzessen verleitet.“

Luther und die Täufer

Martin Luther war es, der die Bezeichnung „Wiedertäufer“ populär machte. Aber er verstand diese Bewegung nicht wirklich, noch hatte er nähere Kontakte mit ihnen. Anfänglich ging er gegen sie auf dieselbe Weise vor wie gegen andere „Ketzer“ (d.h. die von ihm als solche wahrgenommen wurden):

„Die Ketzer müssen mit der Schrift überwunden werden, nicht mit dem Feuer. Wenn es eine Kunst wäre, die Ketzer mit Feuer zu besiegen, dann wären die Henker die gelehrtesten Doktoren der Welt.“
(in: „Sendschreiben an den christlichen Adel der deutschen Nation“, 1520)

Noch 1524 schrieb er:
„Lasst sie nur predigen, soviel sie wollen und mit aller Zuversicht; denn wie ich sagte, ist es nötig, dass Sekten auftreten, und das Wort Gottes muss auf das Schlachtfeld gehen und streiten.“
(In: „Sendschreiben an die sächsischen Fürsten über den aufrührerischen Geist“)

(Anm: Beide Zitate sind aus dem Englischen rückübersetzt und stimmen deshalb nicht wörtlich mit dem deutschen Original überein.)

Deshalb schrieb Luther mehrere Artikel gegen die „Wiedertäufer“ und predigte mehrmals gegen sie. Er hoffte, sie so zu überzeugen. Aber seine Enttäuschung war gross, als sie umso mehr an ihren Überzeugungen festhielten und seine Argumente widerlegten. (Es kam ihm nie in den Sinn, dass in dieser Sache er selber derjenige sein könnte, der sich der Schrift widersetzte. Seine biblischen Argumente zugunsten der Säuglingstaufe waren recht schwach, und widersprachen zudem den Argumenten Zwinglis und Calvins.) Deshalb begann sich seine Haltung den Täufern gegenüber zu verhärten.

Ausserdem begann Luther die Auseinandersetzung als eine mehr politische als geistliche Angelegenheit zu sehen. Nach der Schlacht von Münster war er davon überzeugt, alle Täufer seien Rebellen und Aufrührer. (Mangels richtiger Information unterschied er nicht zwischen den Anhängern Müntzers und den pazifistischen Täufern.) Deshalb ordnete er an – wie schon Zwingli vor ihm -, die „Wiedertäufer“ seien politisch zu verfolgen und zu töten.

Wenn wir den Weg Luthers betrachten, dann scheint es unglaublich, dass er zu einem Christenverfolger werden könnte. Er selber war während vielen Jahren seines Lebens um seines Glaubens willen verfolgt worden. Nachdem er selber so viel gelitten hatte, konnte er nicht mit den Täufern mitfühlen? Sie gingen denselben Weg wie er. Nur wagten sie, einige Schritte weiter zu gehen; Schritte, die Luther selber nicht zu tun wagte.

Tatsächlich ist diese Geschichte schwer zu verstehen; aber sie ist nicht die einzige ihrer Art. Im Gegenteil, es handelt sich um ein Muster, das in der Kirchengeschichte mehrmals wiederkehrt. Bei Calvin und Zwingli beobachten wir dasselbe: Ein Pionier des Glaubens wird von der traditionellen Kirche angegriffen, aber er bleibt seinen Überzeugungen treu, und mit der Zeit gibt Gott ihm Erfolg und Erweckung. Die Strömung, für die er steht, beginnt „angesehen“ und „offiziell“ zu werden. Aus dem verfolgten Pionier wird ein einflussreicher und mächtiger Leiter. In diesem Moment scheint er zu vergessen, was er in der Vergangenheit leiden musste, und verfolgt schliesslich andere Pioniere, die noch weiter gehen als er selber.

So geschieht es auch in der Gegenwart. Ich weiss von mehreren evangelikalen Leitern, die einen recht radikalen Glauben vertraten und deshalb von den Gemeinden abgelehnt wurden. Wegen ihres Bestrebens, dem Herrn nachzufolgen, auch entgegen allen Strömungen der Zeit, wurden sie „Rebellen“, „Kirchenspalter“, „konfliktiv“ und „lieblos“ genannt, und weitere Schimpfnamen, die die evangelikale Welt für solche Fälle auf Lager hat. Aber sie gingen vorwärts in den Überzeugungen, die Gott in ihr Herz gelegt hatte, trotz allen Angriffen. Mit der Zeit begann um sie herum eine kleine Erweckung, der Herr veränderte Leben, und sie wurden zu Leitern eines eigenen „Werkes“, von Gott gesegnet, von den einen bewundert und von den anderen beneidet. Aber gleichzeitig wurden ihre Besonderheiten, die einmal Ausdruck einer echten Erweckung gewesen waren, zu einer neuen Tradition. Einer Tradition, die nicht hinterfragt werden durfte, da sie doch in ihren Anfängen so von Gott gesegnet gewesen war. Einige Gottesmänner in diesen Bewegungen begannen das zu sehen, suchten authentischere Wege und begannen zu protestieren. Aber dann griff der Pionier-Leiter sie an und schloss sie aus, genau so, wie er selber in seinen Anfängen angegriffen worden war. Jetzt war er es, der „Unterordnung unter die Leiterschaft“ forderte, selbst wenn die Leiterschaft im Irrtum war. Er wollte den anderen nicht das Recht zugestehen, dasselbe zu tun wie er selber einige Jahrzehnte früher. (Tatsächlich sind die meisten gegenwärtig existierenden evangelikalen Denominationen unter so ähnlichen Umständen entstanden.)

Tatsächlich ist diese traurige Erscheinung so häufig, dass jemand sagte: „Die Erweckung von gestern verfolgt immer die Erweckung von morgen.“ Wie nötig ist es da, ständig Gott zu erlauben, uns zu prüfen und zurechtzuweisen, damit wir nicht in dieselbe Falle gehen, wenn wir einmal in diese Situation kommen!

– Es gibt hier noch einen weiteren beachtenswerten Punkt. Wir finden in dieser Geschichte auch die Wurzeln des gegenwärtigen Konfliktes zwischen der ökumenischen Bewegung und dem echten Christentum. Nicht zufällig begann die moderne ökumenische Bewegung gerade mit den reformierten Staatskirchen. Für die Reformatoren waren Kirche und Staat eins. Sie wollten, dass die Kirche alle einschlösse – deshalb zwang Zwingli alle Bürger, ihre Kleinkinder taufen zu lassen. Damit wurde angenommen, jedermann sei Christ, ob bekehrt oder nicht. Das war der grösste Skandal, den die Täufer verursachten: Sie wagten es, den getauften Kirchenmitgliedern zu sagen, sie seien noch gar keine Christen, und sie müssten sich erst bekehren. Wir werden sehen, dass John Wesley zweihundert Jahre später in der anglikanischen Kirche denselben Skandal verursachte – obwohl Wesley sich nicht gegen die Säuglingstaufe aussprach. Im Kern ging es nämlich nicht um die Säuglingstaufe, sondern um den Ruf zur Umkehr.
Die ökumenische Bewegung hat im Grunde dasselbe Kirchenverständnis wie Luther: Alle Getauften sind Christen, bekehrt oder nicht; und niemand hat das Recht, ihnen zu sagen, sie müssten sich bekehren. Daher die Politik des „Neins zum Proselytismus“ des Weltkirchenrates. Diese Politik verbietet jede Evangelisation unter Namenschristen. Inzwischen hat sich auch die grosse Mehrheit der Evangelikalen dieser ökumenischen Politik der Nicht-Evangelisation angeschlossen. (Siehe „Evangelische Allianz paktiert mit Ökumene und Vatikan“.) Heute ist der Zankapfel nicht mehr die Säuglingstaufe. Tausende und Millionen Erwachsener erhalten heutzutage ihre „Glaubenstaufe“ in evangelikalen Kirchen, ohne sich wirklich zu Christus bekehrt zu haben. Aber die heutigen evangelischen Kirchen, im Zuge der weltkirchenrätlichen Politik, reagieren sehr aggressiv, wenn jemand ihnen sagt, sie müssten zuerst von neuem geboren werden, oder eine „Bekehrung“ ohne Lebensumkehr sei keine Bekehrung. Das ist im Kern dieselbe Kontroverse wie zwischen den Reformatoren und den Täufern. Nur dass sich heute auch die „täuferischen“ Kirchen in dieser Sache mehrheitlich mit dem Standpunkt der Reformatoren identifizieren (welcher in diesem Punkt nicht wesentlich vom katholischen abweicht).

Die katholische Kirche und die Täufer

Die katholische Kirche unterschied nicht gross zwischen Reformierten und Täufern. Vom katholischen Standpunkt aus gesehen waren beide gleichermassen Ketzer und wurden gleichermassen verfolgt.
Doch selbst die erbittertsten Gegner der Täufer konnten nicht umhin, deren tugendhaftes Leben anzuerkennen. Nur argwöhnten die Katholiken dahinter ein teuflisches Täuschungsmanöver. Der katholische Priester von Feldsberg (Österreich) schrieb 1603:

„Von all den Ketzern und Sekten …, welche hatte je eine schönere Erscheinung und grössere äussere Heiligkeit als die Wiedertäufer? Andere Sekten, wie zum Beispiel die Calvinisten, Lutheraner und Zwinglianer, sind zum grössten Teil aufrührerisch, grausam, und fleischlichen Genüssen ergeben. Nicht so die Wiedertäufer. Sie nennen einander Brüder und Schwestern, sie gebrauchen keine profanen oder Schimpfworte, sie schwören nicht, sie gebrauchen keine Waffen, und anfänglich trugen sie nicht einmal Messer. Sie sind nicht unmässig im Essen und Trinken; sie tragen keine Gewänder zur weltlichen Zurschaustellung. Sie gehen nicht vor Gericht; sie ertragen alles mit Geduld und im Heiligen Geist, wie sie vorgeben. Wer würde glauben, dass sich unter diesen Schafskleidern lauter reissende Wölfe verbergen!“
(Christoph Andreas Fischer, „Von der Wiedertäufer verfluchten Ursprungs“)

Auch die reformierten Feinde der Täufer bezeugten, dass sie ein tugendhaftes Leben führten, doch machten sie ihnen gerade dieses zum Vorwurf: sie übten Werkgerechtigkeit und verleugneten die Rechtfertigung aus Glauben. (Wie wir oben schon sahen, beruht dieser Vorwurf auf dem Unverständnis der täuferischen Lehre, und auf einem grundlegenden Fehler in der reformierten Gnadenlehre.)

(Fortsetzung folgt)

DieTäufer – Teil 2: Der Glaube der Täufer

21. März 2013

Wie wir gesehen haben, waren die Täufer keine einheitliche Bewegung. Aufgrund ihres freiheitlichen Verständnisses hatten sie keine zentrale Organisation und kein einigendes Glaubensbekenntnis. (Sie formulierten zwar später verschiedene Glaubensartikel, die aber jeweils nur regionale Verbindlichkeit erhielten.) Deshalb konnten ihre Lehrüberzeugungen von einer Gruppe zur anderen variieren.

Natürlich hatten sie alle die reformierte Überzeugung gemeinsam, dass die Heilige Schrift die oberste Autorität im Leben eines Christen und in der Kirche ist. Einige Gruppen betonten zudem, dass Gott zu jedem Gläubigen persönlich spricht. Es gab einige Extremisten, die so weit gingen, dass sie ihre persönlichen Eingebungen wichtiger nahmen als die Bibel selbst. Aber die meisten Täufer lehnten diese Extreme ab und gründeten sich auf das geschriebene Wort Gottes.

Die Ablehnung der Staatskirche war eine gemeinsame Überzeugung der Täufer. Sie betonten, dass die Kirche die Gemeinschaft der wahren Gläubigen ist, die sich freiwillig dazu entschieden haben, Jesus nachzufolgen. Deshalb traten sie für eine strikte Trennung zwischen Kirche und Staat ein. Die weltliche Regierung hatte kein Recht, sich in die Angelegenheiten der Kirche einzumischen; und die Kirche hatte kein Recht, über den Staat zu herrschen. Deshalb verurteilten sie die Haltung der Reformatoren, die die weltliche Regierung dazu gebrauchten, die Sache der Reformation voranzutreiben. Nach einer Überlieferung antwortete der Täufer Michael Sattler auf die Idee, den Schutz eines wohlgesinnten Fürsten zu suchen: „Wenn ein Tuch einen einzigen falsch gewobenen Faden enthält, dann verdirbt dieser einzige Faden das ganze Tuch. Ebenso wird die ganze Kirche verdorben, wenn sie auch nur einem einzigen falschen Prinzip folgt.“ Eine weltliche Autorität über die Kirche zu setzen, wäre ein solcher „falsch gewobener Faden“.
In diesem Zusammenhang ist auch ihre Ablehnung der Säuglingstaufe zu sehen: Wenn ein Baby getauft wird, dann wird es ohne seine eigene Einwilligung und ohne eigenen Glauben zu einem Kirchenmitglied gemacht. In anderen Worten, es wird gezwungen, sich als Christ zu identifizieren, ohne persönlich Christ zu sein. Deshalb ist eine solche Taufe nicht die biblische Taufe.

Ein weiterer wichtiger Gegensatz zu den Reformatoren bestand darin, dass die Täufer den Missionbefehl Jesu (Matth.28,18-20 und Parallelen) als für alle Zeiten gültig verstanden. Deshalb stellten sie auch sich selber mit aller Selbstverständlichkeit unter diesen Auftrag. Die Reformatoren dagegen sagten, Jesus hätte diesen Auftrag nur den Aposteln persönlich erteilt, und es sei anmassend, den Missionsbefehl auf gegenwärtig lebende Christen anzuwenden. Diese reformatorische Auffassung sollte während langer Zeit als Hemmschuh der Weltmission nachwirken: Noch Jahrhunderte später musste der Missionspionier William Carey unter seinen Glaubensgeschwistern einen heftigen Kampf gegen ebendiese Auffassung führen, bis ihm schliesslich zugestanden wurde, es könnte tatsächlich der Wille Gottes sein, eine Missionsgesellschaft zur Evangelisierung Indiens zu gründen.

Die meisten Täufer waren Pazifisten und betonten das Prinzip des „Nicht-Widerstehens“. Sie gaben den Worten Jesu grosses Gewicht: „Widersteht dem Bösen nicht; sondern wer dich auf die rechte Wange schlägt, dem biete auch die andere dar…“ (Matthäus 5,39-41). Deshalb lehrten sie, dass ein Christ keine Waffen tragen soll, nicht Soldat sein kann, und gegen niemanden gerichtlich vorgehen soll. Viele sagten auch, ein Christ könne kein Regierungsamt übernehmen. Das begründeten sie mit dem Gebot: „Du sollst nicht töten“ (da die weltliche Regierung nach Römer 13,4 „das Schwert trägt“), und auch mit der Trennung von Kirche und Staat.
Persönlich meine ich, dass in der gegenwärtigen Welt diese Haltung nicht mehr sehr sinnvoll wäre: Die meisten modernen Staaten haben die Todesstrafe abgeschafft, sodass ein Regierungsamt nicht mehr automatisch den Bruch des sechsten Gebots mit sich bringt. Auch haben die Kirchen im allgemeinen nicht mehr viel politische Macht. Ein Christ von entsprechender Integrität und Fähigkeit könnte in der Politik viel Gutes tun. – Andererseits besitzen leider nur wenige Christen diese Integrität, während viele christliche Politiker von den Versuchungen der Macht verdorben worden sind. Aber das begründet noch kein Prinzip, sondern ist eine Angelegenheit des persönliches Charakters.
In der Reformationszeit war die Situation ganz anders. In jener Zeit machten sich die Regierenden tatsächlich vieler Tötungen schuldig; und wer ein solches Amt übernahm, musste damit rechnen, an religiösen Verfolgungen mitwirken zu müssen. Deshalb ist es verständlich, dass viele Täufer jede Mitwirkung in der Politik und Regierung ablehnten.
Sie weigerten sich auch, Eide zu schwören, gemäss Matthäus 5,33-37. Somit wären sie zu vielen Regierungsstellen gar nicht zugelassen worden, selbst wenn sie es gewünscht hätten. Andererseits zeigte diese Haltung an sich in späteren Jahrhunderten einen politischen Einfluss: Viele Regierungsstellen in Gegenden mit starkem täuferischem Einfluss, z.B. in der Schweiz, akzeptieren heute ein Gelübde (Versprechen) anstelle eines Eides, und anerkennen damit die Freiheit, aus Gewissensgründen den Eid abzulehnen.

Fast alle täuferischen Gruppen lehrten auch die Notwendigkeit, sich von der Welt abzusondern und ein heiliges Leben zu führen, gemäss Hebräer 12:14-16: „Strebt nach dem Frieden mit allen, und nach der Heiligkeit, ohne die niemand den Herrn sehen wird…“ Dadurch unterschieden sie sich von den Reformierten – insbesondere von den Lutheranern -, welche die Erlösung „allein aus Glauben, ohne Werke“ betonten. (Diese reformierte Lehre ist an sich richtig; aber bald wurde sie in eine „billigen Gnade“ verkehrt, wie Jahrhunderte später der lutherische Theologe Dietrich Bonhoeffer klagte.) Deshalb warfen die Reformierten den Täufern manchmal vor, sie wollten zu einer katholischen Werkgerechtigkeit zurückkehren. Die Täufer antworteten, dass sie das heilige Leben nicht als ein Mittel zum Erwerb des Heils ansahen, sondern als eine notwendige Konsequenz und Frucht der Bekehrung; und da die Reformierten mehrheitlich diese Frucht nicht zeigten, müsse bezweifelt werden, ob sie wirkliche Christen seien. So schreibt z.B. Menno Simons:

„Alle die dies für gewiss und wahrhaftig in ihren Herzen glauben können, und sind durch Gottes Wort in ihren Herzen und Geist versiegelt, die werden an dem innerlichen Menschen verändert, empfangen die Furcht und Liebe des Herrn, gebären aus ihrem Glauben, Gerechtigkeit, Frucht, Kraft, ein unsträfliches Leben und ein neues Wesen, wie Paulus sagt, nämlich, mit dem Herzen glaubt man zur Gerechtigkeit. Durch den Glauben, sagt Petrus, reinigt Gott unsere Herzen. Und also folgen die Früchte der Gerechtigkeit stets aus einem aufrichtigen, ungefälschten, frommen Christen Glauben. Habt darauf acht. (…)
Alle, sage ich, die dieses in ihrem Herzen mit Bestimmtheit glauben, werden sicherlich vor aller Ungerechtigkeit fliehen wie vor dem Zahn der Schlange, sie wenden sich von allen Sünden ab, und scheuen sie viel mehr als ein brennendes Feuer oder ein schneidendes Schwert (…)“
(In: „Von dem wahren christlichen Glauben“.)

Und:
„Die Lutherischen lehren und glauben, dass uns der Glaube allein selig mache, auch ohne irgend welches Zutun der Werke. Diese Lehren halten sie mit solcher Strenge aufrecht, als ob Werke ganz und gar unnötig wären; ja, als ob der Glaube von solcher Art und Natur sei, dass er keine Werke neben sich zulassen oder leiden könne. Und darum muss auch Jacobi hochwichtiger, ernster Brief (weil er eine solche leichtfertige, eitle Lehre und solchen Glauben straft) als strohern von ihnen angesehen und erachtet werden. O stolze Torheit! (Menno bezieht sich hier auf eine Bemerkung Luthers, der den Jakobusbrief eine „stroherne Epistel“ nannte.)
Ein jeder sehe wohl zu, wie und was er lehrt; denn gerade mit dieser Lehre haben sie das unbedachte, dumme Volk gross und klein, Bürger und gemeinen Mann, in ein solches fruchtloses, wildes Leben geführt und so weit den Zaum gelassen, dass man unter den Türken und Tartaren (vermute ich) kaum ein so gottloses, greuliches Leben, wie das ihre ist, finden könnte. Die offenbare Tat gibt Zeugnis; denn das überflüssige Essen und Trinken, die übermässige Pracht und Hoffart, das Huren, Lügen, Betrügen, Fluchen, Schwören bei des Herrn Wunden, Sakramenten und Leiden, das Blutvergiessen und Fechten etc., welches leider bei vielen von ihnen gefunden wird, hat weder Mass noch Ende. Lehrer und Jünger handeln in vielen fleischlichen Dingen einer wie der andere, wie man sehen kann.“
(In: „Von dem lutherischen Glauben“.)

Um das heilige Leben der Brüder zu bewahren, wandten viele Gemeinden eine strenge Gemeindezucht an. Aber im Unterschied zu den Katholischen und Reformierten, und aufgrund von Matthäus 18,15-17, wurde diese Gemeindezucht nicht durch eine autoritäre Leiterschaft auferlegt. Im Gegenteil, jeder Bruder hatte das Recht und die Pflicht, seine Mitbrüder zurechtzuweisen, wenn sie in Sünde lebten.

Die Hutterer pflegten auch die Gütergemeinschaft nach dem Vorbild der Urgemeinde (Apostelgeschichte 2,44), aber die übrigen Täufer hatten diese Praxis nicht.

In der Organisation der Gemeinde behielten die Täufer weiterhin das Pfarramt bei, in der Tradition der katholischen und reformierten Kirche. D.h. sie gelangten nicht zu einer pluralen Leiterschaft von Ältesten wie in der frühen Kirche, und auch nicht zu einer konsequenten Praxis des allgemeinen Priestertums in der gegenseitigen Auferbauung unter Mitwirkung aller Gemeindeglieder gemäss 1.Kor.14,26. Ihre „Pastoren“ waren vorwiegend „Prediger“, genau wie in den reformierten Kirchen. In diesem Punkt blieb auch die Reformation der Täufer unvollendet.

Aber in allen übrigen Belangen waren die Täufer die konsequenteste Gruppe ihrer Zeit, was die Rückkehr zur frühen Kirche angeht. Keine andere Gruppierung jener Zeit folgte so treu dem Wort Gottes als oberste Autorität der Kirche. Obwohl Luther, Zwingli und Calvin in der Theorie dieses selbe Prinzip lehrten, vermischten sie doch in der Praxis die Leiterschaft der Kirche mit der weltlichen Regierung. So sahen sie sich ständig gezwungen, mit den Mächten dieser Welt Kompromisse zu schliessen, und deshalb konnten sie in ihren Reformen nicht völlig konsequent sein.

Als Folge ihres Glaubens waren die Täufer auch die meistverfolgte Gruppierung jener Zeit. An ihnen erfüllten sich die Worte von Paulus:

„Denn wie ich denke, hat Gott uns, die Apostel, als die Geringsten hingestellt, wie zum Tod Verurteilte; denn wir sind ein Schauspiel geworden vor der Welt, den Engeln und den Menschen. (…) Bis zu dieser Stunde leiden wir Hunger und Durst und Blösse, werden wir geschlagen, und haben keine feste Wohnstatt. Wir mühen uns ab mit unserer eigenen Hände Arbeit; wir werden verflucht, und wir segnen; wir werden verfolgt, und ertragen es; wir werden verleumdet, und beten; wir sind bis jetzt wie der Kehricht der Welt geworden, ein Abschaum aller.“ (1. Korinther 4,9-13).

Die Täufer (1.Teil) – Die Anfänge

13. März 2013

Als Luther den ersten Anstoss zu einer Reformation der Kirche gab, da hatte er keine Ahnung von der geistlichen Lawine, die er auslösen würde. Aber er hatte bereits das wichtigste Prinzip proklamiert: Die Heilige Schrift ist die oberste Autorität der Kirche, über allen Traditionen und Kirchenführern. So begann das Volk, die Schrift zu erforschen und sie auf das eigene Leben anzuwenden. Und die Christen zogen ihre eigenen Schlussfolgerungen daraus. Einige kamen zu viel radikaleren Schlussfolgerungen als Luther selber.
Zum Beispiel hielten die Reformatoren immer noch wie die katholische Kirche an der Säuglingstaufe fest. Aber als die Christen selber die Bibel zu lesen begannen, fanden sie, dass es da kein Gebot gab, Säuglinge zu taufen. Im Gegenteil, sie fanden, dass jene getauft werden sollen, die an Jesus Christus gläubig wurden. Überall begannen Christen aufzustehen und den Reformatoren zu sagen, sie sollten radikaler sein und dem ganzen Wort Gottes gehorchen, nicht nur einigen Punkten daraus. Zum Beispiel sollten sie die erwachsenen Bekehrten taufen, und nicht die kleinen Babies. (Weiter unten werden wir sehen, dass dies nicht der entscheidende Punkt ihrer Lehre war. Aber es war der Punkt, der den grössten Zorn der Reformatoren auf sich zog.) Diese Bewegungen entstanden an verschiedenen Orten gleichzeitig, aber besonders in jenen Ländern, wo die reformatorische Botschaft am weitesten verbreitet war: in Deutschland, in der Schweiz und in den Niederlanden.

Einige Autoren behaupten, der Ursprung der Täufer sei von der Reformation unabhängig, und suchen ihre Wurzeln in den Waldensern oder in noch früheren Bewegungen; oder sie sagen, die Täuferbewegung hätte ganz unabhängig begonnen. Aber das ist schwer mit den Tatsachen zu vereinbaren: Die meisten Leiter der Täufer gingen durch drei Lebensphasen. Zuerst waren sie katholisch, dann folgten sie den Gedanken der Reformation, und schliesslich wurden sie Täufer. Der kritische Punkt war dieser: Folgen wir der Autorität der Bibel, oder der Autorität der Kirche? Das war der Grund, warum die Reformatoren sich von der katholischen Kirche distanziert hatten. Und aus diesem selben Grund distanzierten sich die Täufer von den Reformierten. Wir können also sagen, dass sie im Grunde „reformierter als die Reformierten“ waren.

Die radikale Reformation in Zürich

Wie Luther, hatte auch der Zürcher Reformator Zwingli verstanden, dass sich verschiedene Praktiken der katholischen Kirche nicht aus der Bibel begründen lassen, so z.B. die Messe, die Bilderverehrung und die Säuglingstaufe. Aber Zwingli sah sich einer politischen Notwendigkeit gegenüber: Um die Kirche reformieren zu können, musste er das Wohlwollen der Stadtregierung gewinnen. Vergessen wir nicht, dass in jenen ersten Jahren der Reformation noch die ganze politische Macht in den Händen der katholischen Kirche lag, und die Reformierten waren eine kleine Minderheit. Als Hauptpastor der Stadt Zürich wollte Zwingli die römische Messe abschaffen; aber er fürchtete Repressalien von seiten des Stadtrates. Deshalb wollte er vorsichtig sein und warten, bis sich die politische Situation zu seinen Gunsten änderte.
Einige Freunde Zwinglis dachten radikaler; unter ihnen Konrad Grebel, Felix Manz und Georg Blaurock. Sie begannen Zwingli Vorwürfe zu machen: Warum hielt er selber noch die Messe, wo er doch wusste, dass sie der Schrift widersprach? War es überhaupt richtig, dass der Stadtrat über die Angelegenheiten der Kirche zu entscheiden hatte? Die drei Freunde fühlten sich von Zwingli verraten. Mehrmals suchten sie ihn auf und versuchten ihn von der Notwendigkeit zu überzeugen, eine neue Kirche zu beginnen, eine Kirche von wahren Christen. Aber Zwingli widersetzte sich diesem Plan immer entschiedener. Er wollte die Kirche als ganze reformieren, aber unter der Autorität der staatlichen Regierung.

Das war also der Hauptunterschied zwischen den Reformatoren und den Täufern. Ja, die Reformatoren wollten die Kirche reformieren, aber mit Hilfe der Regierung und unter dem Schutz der politischen Autoritäten. Sie hielten an der katholischen Idee fest, die Religion sei eine Staatsangelegenheit, und es dürfte nur eine einzige, staatliche Kirche geben. – Die Täufer hingegen betonten, dass die Entscheidung zum Christsein freiwillig ist, und dass die wahre Kirche aus Bekehrten besteht. Die wahre Kirche sollte freiwillig sein, und unabhängig vom Staat.

Im Lauf des Jahres 1523 nahmen die Differenzen zwischen Zwingli und den Radikalen zu. Schliesslich trennten sich die Radikalen von Zwingli und begannen sich gesondert zu versammeln.
Im Jahre 1525 konnte Zwingli schliesslich den Stadtrat dazu bringen, einige Reformen in der Kirche durchzuführen. Aber gleichzeitig überzeugte er auch die Regierung davon, dass die Gruppe der „radikalen Reformation“ gefährlich sei und verboten werden solle. (Obwohl es sich zu der Zeit um nur fünfzehn Personen handelte!) Am 21.Januar 1525 verbot der Stadtrat die Versammlungen der Radikalen, und es wurde ihnen auch verboten, ihre Lehren zu verbreiten. Der Reformator Zwingli gebrauchte also gegen seine Gegner dieselben Mittel wie zuvor die katholische Kirche: Er gebrauchte die weltliche Regierung dazu, Andersdenkende zu verfolgen.
Dazu kam, dass die Radikalen ihre Kinder nicht taufen liessen. Sie sagten, sie müssten sich zuerst bekehren, bevor sie getauft werden könnten. (Markus 16,16, Apg.2,38, 8,37). Die Regierung befahl ihnen, ihre Kinder innerhalb von acht Tagen zur Taufe zu bringen; aber sie weigerten sich.
Am Abend desselben Tages versammelten sich die Radikalen in Zollikon bei Zürich, um zu beten und über ihr weiteres Vorgehen zu beraten. Ohne etwas Derartiges geplant zu haben, fühlte sich in dieser Versammlung Georg Blaurock von Gott geführt, zu Konrad Grebel zu sagen: „Um Gottes Willen, taufe mich mit der wahren Taufe des Glaubens.“ Grebel taufte ihn, und daraufhin tauften sich alle Anwesenden gegenseitig. Damit setzten sie ein öffentliches Zeichen, dass sie die Säuglingstaufe als ungültig ansahen und auf biblische Weise getauft werden mussten, aufgrund ihres eigenen Willens. Damit begann eine Erweckung, die sich über die ganze Schweiz und Süddeutschland ausbreitete, wo viele von ihren Sünden überführt wurden, zur Umkehr kamen, sich taufen liessen, und ein Leben im Gehorsam Jesus gegenüber begonnen.

Die Tauffrage bedeutete die endgültige Trennung zwischen Zwingli und den Radikalen. Zwingli erlaubte auf keinen Fall, dass im Säuglingsalter getaufte Erwachsene nochmals getauft würden. In früheren Jahren war er noch bereit gewesen, auf die Säuglingstaufe zu verzichten. Jetzt versteifte sich aber seine Position auch in dieser Frage, und er begann nicht nur jene zu verfolgen, die sich (seiner Auffassung nach) zum zweitenmal taufen liessen, sondern auch jene, die ihre Kleinkinder nicht taufen liessen.
Da die Taufe der Zankapfel zwischen den Reformierten und den Radikalen war, wurden letztere unter dem Namen „Täufer“ bekannt. Sie selber nannten sich einfach „Brüder“. Aber später wurden sie „Wiedertäufer“ genannt. Dieser Name blieb haften, obwohl sie unermüdlich zu erklären versuchten, dass die Säuglingstaufe nach der Bibel nicht gültig war, und dass deshalb ihre Erwachsenentaufe ihre erste und wahre Taufe war.

Nun begann eine blutige Verfolgung der Täufer. Zuerst wurden sie gebüsst und ins Gefängnis geworfen; dann bedroht, des Landes verwiesen zu werden. Grebel musste ins Exil gehen und starb 1526 an der körperlichen Schwächung aufgrund der Gefangenschaft.
Ausserdem wurden die hässlichsten Verleumdungen über sie verbreitet: sie lebten in Ausschweifung und Unmoral (genau das Gegenteil dessen, was sie lehrten und lebten); sie folgten ihren eigenen Eingebungen statt der Bibel (hier wurden sie anscheinend mit den „Zwickauer Propheten“ oder anderen Extremisten verwechselt); sie seien Staatsfeinde und planten eine Revolution (während sie in Wirklichkeit Pazifisten waren). Diese Verleumdungen wurden jahrhundertelang wiederholt und sogar noch in Geschichtsbüchern neuerer Zeit unkritisch wiedergegeben (so z.B. im 19.Jh. in J.A.Wylie (reformiert), „Geschichte des Protestantismus“).
Als nach alldem die Bewegung nicht ausgerottet werden konnte, wurde über die Täufer die Todesstrafe verhängt. Ihr erster Märtyrer war Felix Manz, der im Januar 1527 auf Befehl des Stadtrates im Zürichsee ertränkt wurde. Im Urteilsspruch hiess es:

„… weil er sagte, er wolle alle jene zusammenführen, die Christus annahmen und Ihm folgen wollten, und er selber sich durch die Taufe ihnen anschliessen wollte, während er die übrigen ihren eigenen Glauben leben lassen wolle; sodass er und seine Anhänger sich von der christlichen Kirche trennten und eine eigene Sekte gründeten unter dem Gewand einer christlichen Kirche und Versammlung; (…) was zum Anstoss, Aufruhr und Abtrünnigkeit gegen die Regierung führt …“

Wir sehen hier, dass die Reformatoren im Grunde an einem römisch-katholischen Konzept von Kirche festhielten: Die Kirche sollte eine einzige sein, sollte für alle Bürger obligatorisch sein, und die weltliche Regierung sollte über ihrer Einheit wachen, wenn nötig mit Gewalt. Wenn eine Gruppe von der Staatskirche abweichende Überzeugungen vertrat, wurden sie des „Aufruhrs“ bezichtigt. Deshalb gingen die Reformatoren gegen die Täufer mit denselben Mitteln vor wie die katholische Kirche gegen die Reformation. Bis zu einer echten Religions- und Gewissensfreiheit war es noch ein weiter Weg. Die Täufer hingegen waren echte Vorreiter dieser Freiheit. Sie zwangen niemanden, ihnen zu folgen. Im Gegenteil, sie wollten „alle übrigen ihren eigenen Glauben leben lassen“, wie der Urteilsspruch gegen Manz zugibt.
1529 starb auch Blaurock den Märtyrertod im katholischen Tirol, wohin er als Missionar gezogen war.

In den folgenden Jahrzehnten wurde viele Tausende Täufer in Seen und Flüssen ertränkt, „zum dritten Mal getauft“, wie die Reformierten spöttisch sagten. In den katholischen Ländern wurden sie als „Ketzer“ verbrannt. So fanden sie in ganz Europa keinen sicheren Ort. Während mehr als einem Jahrhundert mussten sie ständig von einem Ort zum anderen fliehen, oder sie lebten in Wäldern und Höhlen versteckt. Noch heute ist eine abgelegene Höhle im Zürcher Oberland als „Täuferhöhle“ bekannt, weil eine Gruppe von ihnen jahrelang dort versteckt lebte.

Aber wie es oft in der Kirchengeschichte geschah: „Das Blut der Märtyrer ist der Same der Kirche.“ Je mehr die Täufer verfolgt wurden, desto stärker vermehrten sie sich. Ihre erste Versammlung in Zollikon löste sich zwar nach weniger als einem Jahr auf wegen der Verfolgung. Aber gleichzeitig reisten ihre Missionare im Geheimen durch die ganze Schweiz, Deutschland, die Niederlande, Österreich, und andere Länder; und überall entstanden Versammlungen. (Eine auffällige Parallele zu Apg.8,1-4!)

Mehrere täuferische Bewegungen entstanden an verschiedenen Orten unabhängig von der Bewegung in Zürich. Ausser diesen auch „Schweizer Brüder“ genannten Gruppen gab es u.a. die Hutterer in Böhmen, die Mennoniten in den Niederlanden, und verschiedene Gruppen in Deutschland. Da die Reformation die persönliche Lektüre der Bibel förderte, ist es nicht verwunderlich, dass verschiedene Personen und Gruppen an verschiedenen Orten unabhängig voneinander zu denselben Schlussfolgerungen kamen, aufgrund der Bibel.

Der Reformator Martin Luther – Teil 8 – Fehler Luthers

2. Dezember 2012

Fehler Luthers

Einige Autoren versuchen die ganze Reformation zu disqualifizieren, indem sie auf die persönlichen Fehler und Schwächen Luthers hinweisen. Er hatte ein sehr impulsives Temperament und benutzte oft, auch in seinen Schriften, eine allzu derbe Sprache. Gegen gewisse Gruppen ging er mit einer unbegreiflichen und nicht zu entschuldigenden Grausamkeit vor: gegen die aufständischen Bauern, gegen die Täufer, und gegen die Juden. Nicht einmal mit den Schweizer Reformatoren Zwingli und Calvin konnte er zu einer brüderlichen Gemeinschaft kommen, obwohl die gegenseitigen Differenzen – aus heutiger Sicht – geringfügig waren.

Der Starrkopf

Offenbar lag es in Luthers Temperament, sich auf einen Standpunkt zu versteifen, und seine Gegner auf grobe und polemische Weise anzugreifen. Egal ob es um die Verteidigung einer hochwichtigen Angelegenheit ging, oder einer Nebensache, oder sogar eines Irrtums. – Disqualifiziert ihn das als Reformator?
Ich glaube, wir müssen da unterscheiden zwischen Luthers Grundprinzipien der Reformation (denen ich weitgehend zustimme), und seinem persönlichen Verhalten (an dem es vieles auszusetzen gibt). Ich glaube auch, dass Gott weiss, was für ein Temperament nötig ist für jede der Aufgaben, die er seinen Dienern zuweist. Wäre Luther weniger starrköpfig gewesen, dann hätte er die spannungsvollen Kämpfe und Konflikte in seinem Leben kaum ausgehalten. Dieselbe Charaktereigenschaft, die in gewissen Situationen eine Schwäche ist (z.B. bei seiner Begegnung mit Zwingli), wird in anderen Situationen zu einer Stärke (z.B. vor dem Wormser Reichstag). Wahrscheinlich war diese Starrköpfigkeit nötig, um der Reformation zum Durchbruch zu verhelfen.
Damit will ich nicht Luthers Fehlverhalten entschuldigen. Ich könnte mir ausmalen, dass Gott nach einem „vollkommeneren“ oder „geeigneteren“ Reformator Ausschau hielt – aber anscheinend fand er keinen solchen, und so gebrauchte er eben Luther, um den Hauptanstoss zur Reformation zu geben.

Luther, der Verfolger

Dies ist mir der unverständlichste Aspekt im Leben Luthers: Er selber war jahrelang um seines Glaubens willen verfolgt und bedroht. Er wusste, wie sich ein Gewissensflüchtling fühlt. Er schrieb starke Worte zur Verteidigung der christlichen Freiheit. Wie war es möglich, dass er selber in späteren Jahren andere mit derselben Grausamkeit verfolgen und töten liess?
Die Juden versuchte er zuerst zum Christentum zu bekehren. Aber als das keinen Erfolg hatte, begann er sie zu hassen und richtete äusserst gehässige Mordaufrufe gegen sie, sodass Jahrhunderte später Hitler hämisch sagen konnte, er setze ja nur in die Tat um, was bereits Luther geschrieben hätte.
Noch weniger verständlich ist sein Hass gegen die Täufer, die ja sein eigenes Werk, die Reformation, weiterführten. Nur taten sie einige Schritte über das hinaus, was Luther zu tun wagte, indem sie statt der Säuglingstaufe wieder die biblische Glaubenstaufe einführten, und betonten, dass ein echter Christ an einem heiligen Leben erkannt wird. Tausende von Täufern sind auf Betreiben Luthers (sowie Zwinglis in der Schweiz) ertränkt worden. Viele Tausende weiterer wurden in ganz Europa umhergehetzt, und ihre Nachkommen flohen schliesslich (falls sie überlebten) nach Amerika.
Als Vorwand für die Verfolgung diente das Massaker in Münster, das von einer extremistischen Splittergruppe verursacht worden war. Jene Gruppe war aber keineswegs repräsentativ für die Gesamtheit der Täufer, deren überwiegende Mehrheit überzeugte Pazifisten waren.
(Bei Gelegenheit werde ich, so Gott will, eingehender über die Geschichte der Täufer schreiben.)

Der holländische calvinistische Theologe Abraham Kuyper versucht ein ähnliches Verhalten Calvins (die Verbrennung des Ketzers Servet) folgendermassen zu erklären:

„Ich missbillige jene Exekution voll und ganz; aber nicht als ob sie ein charakteristischer Ausdruck des Calvinismus wäre, sondern im Gegenteil: Das war eine Spätfolge eines alten Systems, das vor dem Calvinismus bestand, unter dem der Calvinismus gewachsen war, und von dem er sich noch nicht vollständig befreit hatte.
(…) Jenes System, das religiöse Differenzen unter die Kriminaljustiz des Staates brachte, war das direkte Ergebnis der Überzeugung, dass die Kirche Christi auf Erden sich nur auf eine einzige Art, und in einer einzigen Institution, verwirklichen könnte. Im Mittelalter (…) wurde alles Andersartige als Feind dieser einzigen Kirche angesehen. Die Regierung war deshalb nicht dazu berufen, für sich selber zu richten oder zu entscheiden. Es gab eine einzige Kirche Christi auf Erden, und es war Aufgabe der Regierung, diese Kirche vor den Spaltungen, Ketzereien und Sekten zu beschützen.
Aber zerbrechen wir diese Kirche in Teile, und anerkennen wir, dass die Kirche Christi sich in vielerlei Formen manifestieren kann, (…) so verschwindet sofort alles, was aus jener Einheit der sichtbaren Kirche gefolgert wurde. (…) Und deshalb müssen wir das Charakteristische am Calvinismus nicht in dem suchen, was er noch eine Zeitlang vom alten System festhielt, sondern in dem, was neu und frisch aus seiner eigenen Wurzel hervorging.“
(Abraham Kuyper, „Vorträge über den Calvinismus“)

Es ist gut möglich, dass diese totalitäre römisch-katholische Mentalität in den Reformatoren noch weiterwirkte. Jahrhundertealte gesellschaftliche Formen und Anschauungen ändern sich nicht von heute auf morgen. Tragisch ist, dass darunter gerade jene zu leiden hatten, die dieser totalitären Mentalität am entschiedensten abgesagt hatten und jedes Staatskirchentum ablehnten.

Eine andere mögliche Erklärung könnte in der Beobachtung von Psychologen liegen, dass Missbraucher sehr oft selber Opfer von Missbrauch waren. Das Opfer steht in der Gefahr – wenn es sich dessen nicht bewusst ist und bewusst dagegen angeht -, die erlittenen Verhaltensmuster zu verinnerlichen und später selber zum Missbraucher zu werden. Das geschieht auch auf dem Gebiet des geistlichen Missbrauchs.

Die Persönlichkeit und Geschichte Luthers gibt uns hier ein kompliziertes und tragisches Rätsel auf. Kann ein echer Christ so verblendet sein (z.B. vom Zeitgeist), dass er meint, der Sache des Evangeliums zu dienen, indem er dessen (vermeinliche) Feinde verfolgen lässt? Aber gerade die Täufer geben uns ja das Beispiel, dass es auch in jener Zeit durchaus möglich war, von der Bibel geleitet diesem totalitären Zeitgeist entgegenzutreten (sofern man bereit war, mit seinem Leben dafür zu bezahlen). – Oder ist Luther irgenwann zwischen der Mitte der 1520er und Mitte der 1530er Jahre unter den Versuchungen der Macht und der weltlichen Politik vom Glauben abgefallen und wurde dann zum Spielball finsterer Mächte? Die so unterschiedlichen Früchte zwischen der Anfangs- und der Spätzeit der Reformation mögen darauf schliessen lassen. Aber andererseits verkündet ein vom Glauben Abgefallener nicht mehr Christus als seinen Herrn. – Oder war Luthers Bekehrung gar nicht echt, war er etwa gar nie ein wirklicher Christ? Aber dann können wir nicht erklären, warum gerade er es war, der als Grundprinzip das „Sola Scriptura“ („Allein die Schrift“) wiederentdeckte – diesen urchristlichen Grundstein, auf dem alle Erweckungen nach ihm aufbauten -, und der damit die Verblendung der römischen Kirche durchbrach.
Es sind zu diesem Punkt die unterschiedlichsten und z.T. sehr pointierte Ansichten vertreten worden, von der Verteidigung der Reformatoren (wie im obigen Kuyper-Zitat) bis zur völligen Verdammung von Luthers Person und Lebenswerk (siehe dazu die Kommentare zum 1.Teil). Der Leser möge die Standpunkte vergleichen und sich eine eigene Meinung bilden. Persönlich glaube ich, dass es uns aus einem Abstand von fünfhundert Jahren nicht mehr möglich ist, ein zutreffendes und gerechtes Urteil zu fällen.

Leider ist eine Entwicklung wie diejenige Luthers kein Einzelfall (nur ist er ein besonders extremes Beispiel): Ein Pionier des Glaubens wird von der traditionellen Kirche angegriffen und verfolgt, aber er bleibt seinen Überzeugungen treu, und mit der Zeit schenkt Gott ihm Erfolg und Erweckung. Die von ihm vertretene Strömung wird mit der Zeit „angesehen“ und „offiziell“. Der verfolgte Pionier wird zu einem einflussreichen und mächtigen Leiter. In diesem Moment scheint er sein vergangenes Leiden zu vergessen, und verfolgt schliesslich andere Pioniere, die weiter vorangehen als er selber.
Tatsächlich ist dieses Phänomen so häufig, dass einmal jemand sagte: „Die Vertreter der Erweckung von gestern verfolgen immer die Vertreter der Erweckung von heute.“
Wie nötig ist es da, dass wir uns immer von Gott prüfen und korrigieren lassen, damit wir nicht in dieselbe Falle gehen, wenn wir eines Tages grösseren Einfluss haben!

Vorläufer der billigen Gnade

Luther selber sagte einmal sinngemäss, man könne auf zwei Seiten vom Pferd fallen. D.h. wenn man einen Irrtum korrigiert, besteht immer noch die Gefahr, in den entgegengesetzten Irrtum zu fallen. Anscheinend ist es Luther selber mit der Lehre von der Gnade so ergangen.

Die katholische Kirche betonte „gute Werke“ als Weg zur Erlösung und zur Heiligung. (Wobei es sich meistens um Werke zugunsten der Kirche selber handelte.) Damit hielt sie die Menschen in einer ständigen Ungewissheit, ob sie nun wirklich errettet seien oder nicht; ob sie nun „genug“ Werke getan hätten oder nicht. (Natürlich sind unsere menschlichen Werke nie genug, um uns den Himmel zu erkaufen!)
Luther betonte demgegenüber, dass die Erlösung allein durch die Gnade Gottes möglich ist (sola gratia), und allein durch den Glauben erlangt werden kann (sola fide). Soweit war das eine notwendige Korrektur; aber Luther ging darüber hinaus und wollte von guten Werken überhaupt nichts mehr wissen. Bis heute ist für einen guten Lutheraner wohl der schlimmste Vorwurf, den man jemandem machen kann, er predige „Werkgerechtigkeit“. Mit Bibelstellen wie Epheser 2,10 konnte Luther deshalb nicht viel anfangen („Denn sein Werk sind wir, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zum voraus bereitet hat, damit wir in ihnen wandeln“); und den ganzen Jakobusbrief nannte er pauschal eine „stroherne Epistel“. Anscheinend konnte er nicht sehen, dass gute Werke, wenn sie auch nicht ein Weg zur Erlösung sind, so doch eine notwendige Folge davon.

So behauptete Luther auch, ein Christ sei „simul iustus et peccator“, „zugleich Gerechter und Sünder“. Damit hat er nicht nur der Lehre von der billigen Gnade (siehe Teil 2) und der Allversöhnungslehre den Weg bereitet, sondern hat auch eine Denkweise propagiert, die behauptet, echte Heiligung sei unmöglich, und einem Christen sei es ebenso unmöglich wie einem Nichtchristen, die Sünde zu überwinden. Hier liegt einer der Gründe, warum späteren Erweckungsbewegungen wie den Täufern, den Quäkern oder den Methodisten gerade aus reformierten Kreisen so viel Feindschaft entgegenkam. Das ernsthafte Streben nach Heiligung wurde als „Perfektionismus“, „Werkgerechtigkeit“ und „Überheblichkeit“ angeprangert. (Siehe dazu „Guten Tag, ihr unwürdigen Sünder“.) – In einer späteren Serie werden wir – so Gott will – sehen, dass mit John Wesley das Pendel wieder zur anderen Seite hin auszuschlagen begann.

Von der Schrift her muss dazu gesagt werden, dass es ein solches „zugleich“ nicht gibt. Im Neuen Testament wird klar unterschieden zwischen „Heiligen“ (Christen) und „Sündern“ (Nichtchristen). Zwar erlebt auch ein Christ Versuchungen und kann dabei ab und zu in Sünde fallen; aber Aussagen wie Römer 6,11-14; 8,2-13; 1.Korinther 10,13; Titus 2,11-14; 1.Petrus 1,14-19; 1.Johannes 3,3-9; u.a. belegen klar, dass die Gnade Gottes einen Christen dazu befähigt, Sünde zu überwinden, und dass die Apostel ein solches Überwinden als das „normale Christenleben“ voraussetzten.

Wir können Luthers Haltung der Heiligung und den guten Werken gegenüber vielleicht von seiner Zeit her verstehen: er musste da einige sehr extreme Aussagen machen, um gegen die Irrtümer des Katholizismus anzukämpfen. Aber sobald wir seine diesbezüglichen Aussagen aus dieser Kampfsituation herausnehmen, sehen wir, dass sie falsch und unbiblisch sind, und sich im weiteren Verlauf der Kirchengeschichte sehr verhängnisvoll ausgewirkt haben. Fast jede Erweckungs- und Reformbewegung nach Luther musste nicht mehr gegen die katholische Werkgerechtigkeit ankämpfen, sondern gegen das falsche reformierte Gnadenverständnis.

(Fortsetzung folgt)