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Kennzeichen der Urgemeinde in Apostelgeschichte 2 (2.Teil)

24. Juni 2017

Einige Anmerkungen über den „Tempel“:
Es heisst mehrmals im Neuen Testament, dass Jesus oder die Apostel „im Tempel lehrten“. Manche wollen hiervon die heutige Praxis kirchlicher „Gottesdienste“ und spezieller Kirchengebäude ableiten. (In einigen Sprachen, wie z.B. im Französischen und im Spanischen, werden Kirchengebäude bis heute „Tempel“ genannt.) Lasst uns die biblische Bedeutung des Wortes „Tempel“ untersuchen, um zu sehen, ob es wirklich einen Zusammenhang mit heutigen „Kirchen“ gibt.

Das 5.Buch Mose enthält viele Gesetze darüber, was die Israeliten tun sollten, wenn sie einmal im Gelobten Land lebten. Eines dieser Gesetze sagt, dass Gott einen einzigen Ort erwählen würde, wo sie ihre Opfer darbringen sollten. (5.Mose 12,4-7.11-14). Dieser Ort würde der Tempel in Jerusalem sein. (Siehe 1.Könige, Kapitel 8.) Das ist also er einzige Ort auf der ganzen Welt, der rechtmässigerweise „Tempel Gottes“ oder „Haus Gottes“ genannt werden darf. Gott selber hat gesagt, dass es keinen anderen geben wird oder darf.
Der Tempel bestand aus einem relativ kleinen Hauptgebäude und einem weiten Platz darum herum, dem „Vorhof“. (Um genau zu sein: In der Form, wie der Tempel zur Zeit Jesu existierte, hatte er mehrere Vorhöfe.) Im griechischen Urtext des Neuen Testamentes werden zwei verschiedene Wörter für „Tempel“ verwendet, welche in den meisten Bibelübersetzungen unterschiedslos als „Tempel“ übersetzt werden:

„Naós“ bedeutet das eigentliche „Haus“ des Tempels, also das Hauptgebäude. Dieses enthielt das „Heiligtum“ und das „Allerheiligste“ mit verschiedenen symbolischen Gegenständen wie z.B. den goldenen Leuchter, den Schaubrottisch, den Räucheraltar, und ursprünglich auch (im Allerheiligsten) die Bundeslade. (Siehe 2.Mose 40 über die „Stiftshütte“ in der Wüste, deren Anordnung als Vorbild für den Tempel diente.)
Der „naós“ war also kein Versammlungsgebäude. Sein einziger Zweck bestand darin, dass die Priester dort Gott dienten, indem sie regelmässig die Schaubrote erneuerten, das Licht des Leuchters unterhielten (3.Mose 24,1-9), Räucheropfer darbrachten (2.Mose 40,26-27), usw. – und manchmal dort Offenbarungen Gottes erhielten. Infolgedessen konnten nur die diensthabenden Priester in den „naós“ hineingehen und niemand sonst.

„Hierón“ ist abgeleitet von „hierós“ (heilig, geweiht) und bedeutet also wörtlich „Heiligtum“ oder „geweihter Ort“. Im Neuen Testament beschreibt dieses Wort das gesamte Tempelareal, und insbesondere die Vorhöfe. Es ist deshalb missverständlich, wenn „hierón“ mit „Tempel“ übersetzt wird. Zutreffender wäre ein Ausdruck wie „heiliger Platz“.
Dreimal im Jahr musste das ganze Volk Israel nach Jerusalem reisen zu den grossen Festtagen (3.Mose 23). An jenen Tagen war der heilige Platz voll von Pilgern und Opfertieren, die aus allen Gegenden des Landes gekommen waren. – Der heilige Platz diente auch als ständig offene Gebetsstätte, und ausserdem als Marktplatz (!).

Während vielen Jahrhunderten seiner Geschichte kannte das Volk Israel überhaupt keine örtlichen Lehr- oder Bibelversammlungen, wie sie die meisten heutigen Kirchen pflegen. Ihre religiösen Aktivitäten wie Gebet, Bibellese, Opfer, usw. konzentrierten sich auf zwei Orte: Der Privatbereich des eigenen Heims, und der heilige Platz in Jerusalem unter freiem Himmel.
Erst nach der Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft begannen sie Synagogen als Versammlungsorte zu bauen, wo Rabbiner lehrten. Das ist die jüdische Institution, die am ehesten mit den heutigen christlichen Kirchen und ihren Pfarrern vergleichbar wäre. Aber wir müssen hier anmerken, dass die Synagogen und die Rabbiner nicht von Gott angeordnet waren und in keinem Vers des Alten Testamentes erwähnt werden. Sie sind eine menschliche Erfindung, die im Wort Gottes so nicht vorgesehen war.

Wenn die Bibel sagt, dass Jesus oder die Apostel „im Tempel lehrten“, dann verwendet sie immer das Wort „hierón“ (heiliger Platz oder Vorhof). Sie gingen nie in den „naós“, da sie keine levitischen Priester waren.
Und das geschah nur in Jerusalem, denn wie schon erwähnt, kann es an keinem anderen Ort ein „Haus Gottes“ geben. Der Jerusalemer Tempel war kein christliches Gebäude. Er war ein jüdisches Gebäude, und die ersten Christen versammelten sich dort und lehrten dort, weil sie alle Juden waren. Aber die Mehrheit der Juden folgten Jesus nicht. Die Mehrheit der Menschen, die sich dort auf dem heiligen Platz befanden, waren also keine Christen. Was die Apostel dort taten, kann nicht mit den „Gottesdiensten“ heutiger Kirchen verglichen werden. Viel eher ähnelte ihre Tätigkeit dort dem, was wir heute „Evangelisation unter freiem Himmel“ nennen würden.

Zudem müssen wir verstehen, dass der Tempel zur alttestamentlichen Ordnung gehörte. Im Jahr 70, etwa vierzig Jahre nach dem Tod und der Auferstehung Jesu, wurde er von den Römern vollständig zerstört. Das war ein klares Zeichen Gottes, dass die alttestamentliche Ordnung vorbei war. Bis heute ist der Tempel nicht wieder aufgebaut worden.
Die ersten Christen bauten keine „Tempel“ und auch keine „Synagogen“. Ausserhalb von Jerusalem versammelten sie sich immer in ihren eigenen Häusern, oder (solange sie nicht verfolgt wurden) auf öffentlichen Plätzen. Noch anfangs des 3.Jahrhunderts schreibt ein christlicher Verteidiger des Glaubens: „Wir haben weder Tempel noch Altäre.“ (Minucius Felix, „Octavius“, Kap.32).

Zusammengefasst: Die „Lehre der Apostel“ geschah nicht in formellen „Versammlungen“ oder „Gottesdiensten“, sondern öffentlich, unter freiem Himmel, zugänglich für jedermann. – Ausserdem gab es die Versammlungen in den Häusern, über die wir bei anderer Gelegenheit sprechen werden.

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