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Warum sind die evangelikalen Leiter nun so schnell bereit, nach Rom zurückzukehren?

24. März 2016

In einem früheren Artikel habe ich dokumentiert, wie evangelische und evangelikale Kirchenführer weltweit nun auf höchster Ebene Vorbereitungen treffen, um sich mit der römisch-katholischen Kirche wiederzuvereinigen. Aber wie konnte in relativ kurzer Zeit eine so drastische Kursänderung geschehen?

Zuerst müssen wir verstehen, dass die evangelischen Kirchen die von Luther begonnene Reformation nie vollendet haben. Ein Wahlspruch der ersten Reformatoren war: „Ecclesia semper reformandum“ – d.h. etwa: „In der Kirche gibt es immer etwas zu reformieren“, oder: „Die Kirche sollte sich ständig weiter reformieren.“ Im Licht des reformatorischen Prinzips „sola Scriptura“ würde das bedeuten, dass die Kirche ständig ihre Lehren und Praktiken anhand der Heiligen Schrift überprüfen sollte, und alles korrigieren sollte, was nicht der Schrift gemäss ist. Aber das haben die Kirchen nicht getan.

Luther selber liess tausende von (fälschlich so genannten) „Wiedertäufern“ hinrichten, nur weil diese die Schrift auf zwei Punkte anwandten, wo Luther sich weigerte, das Wort der Bibel anzuerkennen: dass die Taufe nur für Bekehrte ist; und dass die Kirche sich nicht mit dem Staat vermischen sollte. Mit diesen Verfolgungen zeigte Luther, dass auch ihm der politische Opportunismus wichtiger war als sein eigenes Prinzip „Sola Scriptura“.

Und so schleppen die evangelischen und evangelikalen Kirchen bis heute noch viel katholischen Ballast mit sich herum. Sie sind wie Hühner, an deren Körper rundum noch die Schalen des Eis kleben, aus dem sie einst gekrochen sind. Statt diesen Ballast abzuwerfen, fügten sie sogar noch eigene Traditionen hinzu. Mit ihrer Inkonsequenz inbezug auf die reformatorischen Prinzipen säten die Reformationskirchen den Samen ihrer eigenen Vernichtung.

Ich möchte einige dieser katholischen Rückstände aufzählen.

Die Kindertaufe

Heute geben zwar die meisten evangelikalen Freikirchen in diesem Punkt den Täufern recht und praktizieren die Glaubenstaufe. Aber die ökumenische Bewegung wurde hauptsächlich von jenen Kirchen ins Leben gerufen, die weiterhin Säuglinge taufen (und die in vielen Ländern Staatskirchen sind, sodass wir hier auch die Vermischung von Kirche und Staat haben): Lutheraner, Calvinisten, Zwinglianer und Anglikaner. Dann schlossen sich ihnen die orthodoxen Kirchen und die Methodisten an, zwei weitere Denominationen, welche die Säuglingstaufe beibehalten haben. Es verwundert nicht, dass der Ökumenismus genau dort begann: Diese Kirchen haben, obwohl reformiert, noch den grössten Anteil an katholischer Mentalität beibehalten.

Aber die folgenden Punkte treffen auch auf die meisten Evangelikalen zu:

Priester- oder Pastorenzentriertheit

Ein Priester ist ein Vermittler zwischen dem Volk und Gott. Er bringt Gott die Opfer des Volkes dar; er tut Fürbitte vor Gott für das Volk; und er lehrt das Volk den Willen Gottes. Das Priestertum ist ein wichtiges Fundament des Katholizismus: Der katholische Gläubige kann sich nicht Gott nähern, noch gerettet werden, noch die Bibel verstehen, ohne priesterliche Vermittlung.

Im neutestamentlichen Christentum gab es kein solches Priestertum. Ein Christ braucht keinen Vermittler ausser Jesus:

„Denn es gibt einen Gott, und einen Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Jesus Christus …“ (1.Timotheus 2,5)

Jeder wahre Christ hat direkten Zugang zu Gott durch Jesus Cristus. (Siehe Römer 8,14-16; Galater 4,6-7; Hebräer 4,16-16; 10,19-22.)

Infolgedessen schaffte Luther das katholische Priestertum ab und verkündigte das „allgemeine Priestertum aller Gläubigen“ (siehe 1.Petrus 2,5.9). Aber gleichzeitig – und entgegen seinen eigenen reformatorischen Prinzipien – führte er das „Pfarramt“ als Lehramt ein. So behielt das Luthertum die Idee bei, dass „die Laien die Bibel nicht selber verstehen können“. Das war immer noch die Grundidee des Katholizismus: dass es „Kleriker“ und „Laien“ gibt, und dass die „Laien“ von den „Klerikern“ abhängig sind, um mit Gott in eine Beziehung treten zu können.

Bis heute sind nur sehr, sehr wenige Evangelikale zu den biblischen Prinzipen der Gemeinde als „Familie Gottes“ (Epheser 2,19; Matthäus 23,8) zurückgekehrt, zur biblischen Ältestenschaft und zur pluralen Leiterschaft. (Siehe in „Das biblische Konzept der Familie“.) Die Mehrheit behält eine hierarchische Struktur bei, wo ein „Pastor“ über die übrigen Ältesten gesetzt wird und ein „Bischof“ (oder eine andere Form regionaler bzw. nationaler Leiterschaft) über die Pastoren. Diese Struktur wurde vom Katholizismus übernommen und hat nichts mit dem biblischen Hirtendienst gemeinsam. Und diese evangelikalen Hierarchien haben ihrerseits eigene kirchliche Traditionen geschaffen, denen in der Praxis grösseres Gewicht beigemessen wird als dem Wort der Bibel. Es gibt kaum evangelikale Leiter, die sich vom Wort Gottes her korrigieren oder zurechtweisen lassen, was ihre Kirchentraditionen oder auch persönliche Sünde betrifft. So haben sie das „Sola Scriptura“ und das allgemeine Priestertum aufgehoben.

Gerade als ich diesen Artikel vorbereitete, erhielt ich eine aufschlussreiche Illustration dieses evangelikalen Traditionalismus. Ein Leser meines (spanischsprachigen) Blogs kommentierte zu einem Artikel, in welchem ich einige biblische Prinzipien über Leiterschaft beschrieben hatte:
„Jeder Pastor, der dem Willen Gottes untergeordnet ist, ist eine Autorität, suchen Sie vom Alten Testament her die Definition eines Pastors (Hirten), und vegleichen Sie sie mit den Aussprüchen Jesu über den Pastor.“
(Damit wollte er ausdrücken, dass er mit mehreren Dingen, die ich von der Bibel her geschrieben hatte, nicht einverstanden war.)
Da jener Kommentator keine Bibelstellen anführte, bat ich ihn, die folgenden drei Fragen zu beantworten:
1. Welche alttestamentliche(n) Bibelstelle(n) betrachten Sie als „die Definition eines Pastors“?
2. Warum glauben Sie, ein „Pastor“ (Hirte) im Alten Testament sei dasselbe wie ein „Hirte“ im Neuen Testament?
3. In welchen Stellen des Neuen Testaments spricht Jesus von einem „Hirten“, abgesehen von den Stellen, die sich auf ihn selber beziehen?

Ich erhielt keine Antwort. (Ich kann bereits anmerken, dass es auf die Frage 3 gar keine Antwort gibt. Nirgends in den Worten Jesu können wir eine Stelle finden, wo er das Wort „Hirte“ auf jemand anderen als sich selber angewandt hätte.) Der oben zitierte Kommentar ist ein typisches Beispiel dafür, wie ein Gemeindeglied blindlings wiederholt, was ihn seine kirchliche Tradition gelehrt hat, und sogar glaubt, es handle sich um biblische Lehre; aber wenn er herausgefordert wird, die biblischen Grundlagen dieser Lehre zu identifizieren, dann stellt sich heraus, dass es keine solchen gibt.

(Nebenbemerkung: Es ist prinzipiell richtig, dass es in der christlichen Gemeinde „Autoritäten“ (im biblischen Sinn definiert) gibt, die als solche anerkannt werden, sofern sie von Gott beauftragt und seinem Willen unterstellt sind. Allerdings heissen diese im Neuen Testament nicht „Pastoren“, sondern „Älteste“. Das Hauptproblem besteht aber darin, dass viele sogenannte „Pastoren“ eine Stellung innehaben, die Gott nie für seine Gemeinde vorgesehen hat und für die es keine biblische Grundlage gibt. Somit ist ihre Leiterschaft von Anfang an nicht Gottes Willen gemäss, wie sehr sie sich auch (einige von ihnen) im übrigen um persönliche Integrität bemühen mögen.)

Viele Evangelikalen schreiben ihren „Pastoren“ sogar priesterliche Eigenschaften zu. Z.B. glauben sie, die Fürbitte oder „Segnung“ von seiten eines „Pastors“ habe grössere Vollmacht als das Gebet eines „Laien“, nur weil es sich um einen „Pastor“ handelt. Sie glauben, die Anordnungen eines „Pastors“ seien die Stimme Gottes für die gewöhnlichen Gläubigen, sogar wo es um ganz persönliche Privatangelegenheiten geht. Sie lehren, nur ein „ordinierter Pastor“ (was es im Neuen Testament nicht gibt) dürfe taufen oder das Abendmahl leiten. Es überrascht daher nicht, dass viele ihrer Leiter nun auch noch die letzte Konsequenz ziehen wollen, nämlich sich dem römisch-katholischen Priestertum zu unterwerfen.

Die Kirche als „heilsvermittelnde Institution“

Eine andere katholische Lehre lautet: „Ausserhalb der Kirche gibt es kein Heil.“ – Reformierte und Evangelikale sind etwas toleranter, aber im Grunde behalten sie die katholische Idee bei. Sie sagen: „Es gibt viele mögliche Kirchen, aber zu einer davon musst du gehen, um gerettet zu werden.“

Sie verstehen nicht, dass schon diese Vorstellung des Zur-Kirche-Gehens falsch ist und nicht dem Neuen Testament entspricht. Diese katholische Idee setzt voraus, dass „die Kirche“ eine abgesonderte, unpersönliche Institution ist, die ein vom individuellen Gläubigen unabhängiges Eigenleben führt, und die sogar ein Besitzrecht auf den Gläubigen hat. Gemäss diesem Konzept ist diese gesichtslose Institution, die sich „Kirche“ nennt, beauftragt, das Heil zu verwalten, und deshalb sei es nötig, „zur Kirche zu gehen“, um den Herrn kennenzulernen und gerettet zu werden.

Das Neue Testament beschreibt etwas ganz anderes: Die Kirche (Gemeinde) ist nicht eine separate Institution. Die Gemeinde ist die Versammlung aller Wiedergeborenen. Wenn du also wiedergeboren bist, dann bist du Teil der Gemeinde, wo immer du dich befindest. Und wenn du nicht wiedergeboren bist, dann gibt es keinen Ort auf der Erde, wohin du gehen könntest, um ein Mitglied der Gemeinde zu werden. Du musst von neuem geboren werden.

Deshalb luden die Verkünder des Evangeliums im Neuen Testament niemanden ein, „zur Kirche zu kommen“. Sie gingen dorthin, wo die Verlorenen waren, und dort verkündeten sie das Evangelium, und dort bekehrten sich „so viele zum ewigen Leben bestimmt waren“ (Apg.13,48) und wurden wiedergeboren. Das geschah auf den Strassen und öffentlichen Plätzen, oder in Privathäusern. Von jenem Moment an waren die Neubekehrten auch „Gemeinde“. Und überall, wo sich „zwei oder drei“ von ihnen versammelten (Matthäus 18,20), da war „Gemeinde“.

Und wer fügte neue Glieder zur Gemeinde hinzu? Der Priester, der „Pastor“? – Keineswegs. „Und der Herr tat täglich solche hinzu, die gerettet wurden.“ (Apg.2,47) – Zur Zeit der Urgemeinde wäre es sinnlos gewesen, einen Ungläubigen einzuladen, „zur Kirche zu kommen“: „Von den übrigen aber wagte niemand, sich ihnen anzuschliessen.“ (Apg.5,13)

Jesus sagt in Johannes 10,7-11:

„Ich bin die Tür zu den Schafen. … Wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden; und er wird ein und aus gehen, und Weide finden. … Ich bin der Gute Hirte.“

Was muss also jemand tun, um gerettet zu werden? – Nicht „zur Kirche gehen“, sondern „zur Tür hineingehen“, die Jesus ist. Wer zu dieser Tür hineingeht, wird ein Teil der Gemeinde. Er wird gerettet werden, wird Weide finden, und dort wird er auch die anderen Schafe finden, d.h. die Gemeinde. Der katholische Wahlspruch ist also verkehrt herum. Richtiger wäre: „Ausserhalb des Heils gibt es keine Kirche.“

Wenn wir glauben, die Kirche sei eine „Institution zur Verwaltung des Heils“, dann sind wir bereits auf dem Weg nach Rom. Es ist der Herr und niemand sonst, der „das Heil verwaltet“.

(Fortsetzung folgt)

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Der Reformator Martin Luther – Teil 8 – Fehler Luthers

2. Dezember 2012

Fehler Luthers

Einige Autoren versuchen die ganze Reformation zu disqualifizieren, indem sie auf die persönlichen Fehler und Schwächen Luthers hinweisen. Er hatte ein sehr impulsives Temperament und benutzte oft, auch in seinen Schriften, eine allzu derbe Sprache. Gegen gewisse Gruppen ging er mit einer unbegreiflichen und nicht zu entschuldigenden Grausamkeit vor: gegen die aufständischen Bauern, gegen die Täufer, und gegen die Juden. Nicht einmal mit den Schweizer Reformatoren Zwingli und Calvin konnte er zu einer brüderlichen Gemeinschaft kommen, obwohl die gegenseitigen Differenzen – aus heutiger Sicht – geringfügig waren.

Der Starrkopf

Offenbar lag es in Luthers Temperament, sich auf einen Standpunkt zu versteifen, und seine Gegner auf grobe und polemische Weise anzugreifen. Egal ob es um die Verteidigung einer hochwichtigen Angelegenheit ging, oder einer Nebensache, oder sogar eines Irrtums. – Disqualifiziert ihn das als Reformator?
Ich glaube, wir müssen da unterscheiden zwischen Luthers Grundprinzipien der Reformation (denen ich weitgehend zustimme), und seinem persönlichen Verhalten (an dem es vieles auszusetzen gibt). Ich glaube auch, dass Gott weiss, was für ein Temperament nötig ist für jede der Aufgaben, die er seinen Dienern zuweist. Wäre Luther weniger starrköpfig gewesen, dann hätte er die spannungsvollen Kämpfe und Konflikte in seinem Leben kaum ausgehalten. Dieselbe Charaktereigenschaft, die in gewissen Situationen eine Schwäche ist (z.B. bei seiner Begegnung mit Zwingli), wird in anderen Situationen zu einer Stärke (z.B. vor dem Wormser Reichstag). Wahrscheinlich war diese Starrköpfigkeit nötig, um der Reformation zum Durchbruch zu verhelfen.
Damit will ich nicht Luthers Fehlverhalten entschuldigen. Ich könnte mir ausmalen, dass Gott nach einem „vollkommeneren“ oder „geeigneteren“ Reformator Ausschau hielt – aber anscheinend fand er keinen solchen, und so gebrauchte er eben Luther, um den Hauptanstoss zur Reformation zu geben.

Luther, der Verfolger

Dies ist mir der unverständlichste Aspekt im Leben Luthers: Er selber war jahrelang um seines Glaubens willen verfolgt und bedroht. Er wusste, wie sich ein Gewissensflüchtling fühlt. Er schrieb starke Worte zur Verteidigung der christlichen Freiheit. Wie war es möglich, dass er selber in späteren Jahren andere mit derselben Grausamkeit verfolgen und töten liess?
Die Juden versuchte er zuerst zum Christentum zu bekehren. Aber als das keinen Erfolg hatte, begann er sie zu hassen und richtete äusserst gehässige Mordaufrufe gegen sie, sodass Jahrhunderte später Hitler hämisch sagen konnte, er setze ja nur in die Tat um, was bereits Luther geschrieben hätte.
Noch weniger verständlich ist sein Hass gegen die Täufer, die ja sein eigenes Werk, die Reformation, weiterführten. Nur taten sie einige Schritte über das hinaus, was Luther zu tun wagte, indem sie statt der Säuglingstaufe wieder die biblische Glaubenstaufe einführten, und betonten, dass ein echter Christ an einem heiligen Leben erkannt wird. Tausende von Täufern sind auf Betreiben Luthers (sowie Zwinglis in der Schweiz) ertränkt worden. Viele Tausende weiterer wurden in ganz Europa umhergehetzt, und ihre Nachkommen flohen schliesslich (falls sie überlebten) nach Amerika.
Als Vorwand für die Verfolgung diente das Massaker in Münster, das von einer extremistischen Splittergruppe verursacht worden war. Jene Gruppe war aber keineswegs repräsentativ für die Gesamtheit der Täufer, deren überwiegende Mehrheit überzeugte Pazifisten waren.
(Bei Gelegenheit werde ich, so Gott will, eingehender über die Geschichte der Täufer schreiben.)

Der holländische calvinistische Theologe Abraham Kuyper versucht ein ähnliches Verhalten Calvins (die Verbrennung des Ketzers Servet) folgendermassen zu erklären:

„Ich missbillige jene Exekution voll und ganz; aber nicht als ob sie ein charakteristischer Ausdruck des Calvinismus wäre, sondern im Gegenteil: Das war eine Spätfolge eines alten Systems, das vor dem Calvinismus bestand, unter dem der Calvinismus gewachsen war, und von dem er sich noch nicht vollständig befreit hatte.
(…) Jenes System, das religiöse Differenzen unter die Kriminaljustiz des Staates brachte, war das direkte Ergebnis der Überzeugung, dass die Kirche Christi auf Erden sich nur auf eine einzige Art, und in einer einzigen Institution, verwirklichen könnte. Im Mittelalter (…) wurde alles Andersartige als Feind dieser einzigen Kirche angesehen. Die Regierung war deshalb nicht dazu berufen, für sich selber zu richten oder zu entscheiden. Es gab eine einzige Kirche Christi auf Erden, und es war Aufgabe der Regierung, diese Kirche vor den Spaltungen, Ketzereien und Sekten zu beschützen.
Aber zerbrechen wir diese Kirche in Teile, und anerkennen wir, dass die Kirche Christi sich in vielerlei Formen manifestieren kann, (…) so verschwindet sofort alles, was aus jener Einheit der sichtbaren Kirche gefolgert wurde. (…) Und deshalb müssen wir das Charakteristische am Calvinismus nicht in dem suchen, was er noch eine Zeitlang vom alten System festhielt, sondern in dem, was neu und frisch aus seiner eigenen Wurzel hervorging.“
(Abraham Kuyper, „Vorträge über den Calvinismus“)

Es ist gut möglich, dass diese totalitäre römisch-katholische Mentalität in den Reformatoren noch weiterwirkte. Jahrhundertealte gesellschaftliche Formen und Anschauungen ändern sich nicht von heute auf morgen. Tragisch ist, dass darunter gerade jene zu leiden hatten, die dieser totalitären Mentalität am entschiedensten abgesagt hatten und jedes Staatskirchentum ablehnten.

Eine andere mögliche Erklärung könnte in der Beobachtung von Psychologen liegen, dass Missbraucher sehr oft selber Opfer von Missbrauch waren. Das Opfer steht in der Gefahr – wenn es sich dessen nicht bewusst ist und bewusst dagegen angeht -, die erlittenen Verhaltensmuster zu verinnerlichen und später selber zum Missbraucher zu werden. Das geschieht auch auf dem Gebiet des geistlichen Missbrauchs.

Die Persönlichkeit und Geschichte Luthers gibt uns hier ein kompliziertes und tragisches Rätsel auf. Kann ein echer Christ so verblendet sein (z.B. vom Zeitgeist), dass er meint, der Sache des Evangeliums zu dienen, indem er dessen (vermeinliche) Feinde verfolgen lässt? Aber gerade die Täufer geben uns ja das Beispiel, dass es auch in jener Zeit durchaus möglich war, von der Bibel geleitet diesem totalitären Zeitgeist entgegenzutreten (sofern man bereit war, mit seinem Leben dafür zu bezahlen). – Oder ist Luther irgenwann zwischen der Mitte der 1520er und Mitte der 1530er Jahre unter den Versuchungen der Macht und der weltlichen Politik vom Glauben abgefallen und wurde dann zum Spielball finsterer Mächte? Die so unterschiedlichen Früchte zwischen der Anfangs- und der Spätzeit der Reformation mögen darauf schliessen lassen. Aber andererseits verkündet ein vom Glauben Abgefallener nicht mehr Christus als seinen Herrn. – Oder war Luthers Bekehrung gar nicht echt, war er etwa gar nie ein wirklicher Christ? Aber dann können wir nicht erklären, warum gerade er es war, der als Grundprinzip das „Sola Scriptura“ („Allein die Schrift“) wiederentdeckte – diesen urchristlichen Grundstein, auf dem alle Erweckungen nach ihm aufbauten -, und der damit die Verblendung der römischen Kirche durchbrach.
Es sind zu diesem Punkt die unterschiedlichsten und z.T. sehr pointierte Ansichten vertreten worden, von der Verteidigung der Reformatoren (wie im obigen Kuyper-Zitat) bis zur völligen Verdammung von Luthers Person und Lebenswerk (siehe dazu die Kommentare zum 1.Teil). Der Leser möge die Standpunkte vergleichen und sich eine eigene Meinung bilden. Persönlich glaube ich, dass es uns aus einem Abstand von fünfhundert Jahren nicht mehr möglich ist, ein zutreffendes und gerechtes Urteil zu fällen.

Leider ist eine Entwicklung wie diejenige Luthers kein Einzelfall (nur ist er ein besonders extremes Beispiel): Ein Pionier des Glaubens wird von der traditionellen Kirche angegriffen und verfolgt, aber er bleibt seinen Überzeugungen treu, und mit der Zeit schenkt Gott ihm Erfolg und Erweckung. Die von ihm vertretene Strömung wird mit der Zeit „angesehen“ und „offiziell“. Der verfolgte Pionier wird zu einem einflussreichen und mächtigen Leiter. In diesem Moment scheint er sein vergangenes Leiden zu vergessen, und verfolgt schliesslich andere Pioniere, die weiter vorangehen als er selber.
Tatsächlich ist dieses Phänomen so häufig, dass einmal jemand sagte: „Die Vertreter der Erweckung von gestern verfolgen immer die Vertreter der Erweckung von heute.“
Wie nötig ist es da, dass wir uns immer von Gott prüfen und korrigieren lassen, damit wir nicht in dieselbe Falle gehen, wenn wir eines Tages grösseren Einfluss haben!

Vorläufer der billigen Gnade

Luther selber sagte einmal sinngemäss, man könne auf zwei Seiten vom Pferd fallen. D.h. wenn man einen Irrtum korrigiert, besteht immer noch die Gefahr, in den entgegengesetzten Irrtum zu fallen. Anscheinend ist es Luther selber mit der Lehre von der Gnade so ergangen.

Die katholische Kirche betonte „gute Werke“ als Weg zur Erlösung und zur Heiligung. (Wobei es sich meistens um Werke zugunsten der Kirche selber handelte.) Damit hielt sie die Menschen in einer ständigen Ungewissheit, ob sie nun wirklich errettet seien oder nicht; ob sie nun „genug“ Werke getan hätten oder nicht. (Natürlich sind unsere menschlichen Werke nie genug, um uns den Himmel zu erkaufen!)
Luther betonte demgegenüber, dass die Erlösung allein durch die Gnade Gottes möglich ist (sola gratia), und allein durch den Glauben erlangt werden kann (sola fide). Soweit war das eine notwendige Korrektur; aber Luther ging darüber hinaus und wollte von guten Werken überhaupt nichts mehr wissen. Bis heute ist für einen guten Lutheraner wohl der schlimmste Vorwurf, den man jemandem machen kann, er predige „Werkgerechtigkeit“. Mit Bibelstellen wie Epheser 2,10 konnte Luther deshalb nicht viel anfangen („Denn sein Werk sind wir, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zum voraus bereitet hat, damit wir in ihnen wandeln“); und den ganzen Jakobusbrief nannte er pauschal eine „stroherne Epistel“. Anscheinend konnte er nicht sehen, dass gute Werke, wenn sie auch nicht ein Weg zur Erlösung sind, so doch eine notwendige Folge davon.

So behauptete Luther auch, ein Christ sei „simul iustus et peccator“, „zugleich Gerechter und Sünder“. Damit hat er nicht nur der Lehre von der billigen Gnade (siehe Teil 2) und der Allversöhnungslehre den Weg bereitet, sondern hat auch eine Denkweise propagiert, die behauptet, echte Heiligung sei unmöglich, und einem Christen sei es ebenso unmöglich wie einem Nichtchristen, die Sünde zu überwinden. Hier liegt einer der Gründe, warum späteren Erweckungsbewegungen wie den Täufern, den Quäkern oder den Methodisten gerade aus reformierten Kreisen so viel Feindschaft entgegenkam. Das ernsthafte Streben nach Heiligung wurde als „Perfektionismus“, „Werkgerechtigkeit“ und „Überheblichkeit“ angeprangert. (Siehe dazu „Guten Tag, ihr unwürdigen Sünder“.) – In einer späteren Serie werden wir – so Gott will – sehen, dass mit John Wesley das Pendel wieder zur anderen Seite hin auszuschlagen begann.

Von der Schrift her muss dazu gesagt werden, dass es ein solches „zugleich“ nicht gibt. Im Neuen Testament wird klar unterschieden zwischen „Heiligen“ (Christen) und „Sündern“ (Nichtchristen). Zwar erlebt auch ein Christ Versuchungen und kann dabei ab und zu in Sünde fallen; aber Aussagen wie Römer 6,11-14; 8,2-13; 1.Korinther 10,13; Titus 2,11-14; 1.Petrus 1,14-19; 1.Johannes 3,3-9; u.a. belegen klar, dass die Gnade Gottes einen Christen dazu befähigt, Sünde zu überwinden, und dass die Apostel ein solches Überwinden als das „normale Christenleben“ voraussetzten.

Wir können Luthers Haltung der Heiligung und den guten Werken gegenüber vielleicht von seiner Zeit her verstehen: er musste da einige sehr extreme Aussagen machen, um gegen die Irrtümer des Katholizismus anzukämpfen. Aber sobald wir seine diesbezüglichen Aussagen aus dieser Kampfsituation herausnehmen, sehen wir, dass sie falsch und unbiblisch sind, und sich im weiteren Verlauf der Kirchengeschichte sehr verhängnisvoll ausgewirkt haben. Fast jede Erweckungs- und Reformbewegung nach Luther musste nicht mehr gegen die katholische Werkgerechtigkeit ankämpfen, sondern gegen das falsche reformierte Gnadenverständnis.

(Fortsetzung folgt)

Der Reformator Martin Luther – Teil 6 – Gebunden im Gewissen; Die Bibel in der Sprache des Volkes

12. November 2012

Gebunden im Gewissen

Nachdem Luther exkommuniziert worden war, wurde er 1521 vom Kaiser vor den Reichstag von Worms zitiert. Dort wurde er öffentlich aufgefordert, seine Bücher zu widerrufen. Seine Anwort:

„Man möge mich mit dem Zeugnis der Schrift und mit klaren Gründen der Vernunft überzeugen – denn ich glaube weder dem Papst noch den Konzilien allein, da es bewiesen ist, dass sie oft irrten und sich selber widersprachen. Durch die Worte der Heiligen Schrift, die ich zitiert habe, bin ich meinem Gewissen unterworfen und an das Wort Gottes gebunden. Deshalb kann und will ich nichts widerrufen, denn etwas entgegen dem Gewissen zu tun, ist weder sicher noch heilsam. Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Gott helfe mir!“

Daraufhin zeigten Luthers Gegner ihren wahren Standpunkt. Sie weigerten sich entschieden, auf der Grundlage der Heiligen Schrift zu diskutieren:

„Dennoch wiederbeleben Sie, was das allgemeine Konzil von Konstanz, versammelt aus der ganzen deutschen Nation, verurteilt hat; und Sie wollen durch die Schrift überzeugt werden, auf die Sie sich so gewalttätig stützen. … Es ist eine Tatsache, dass wenn Sie in diesem Punkt obsiegen, dass jeder, der den Konzilien und den Lehren der Kirche widerspricht, durch die Schrift widerlegt werden müsste, dann hätten wir nicht Sicheres oder Beständiges mehr in der Christenheit.“

In der römischen Kirche gab es keine Gewissensfreiheit. Alle mussten glauben, was die Kirche glaubte – selbst wenn die Bibel das Gegenteil sagte. Alle mussten ihre Gewissen der Kirche unterwerfen.
Luther machte mit seiner Kühnheit einen gewaltigen Eindruck. In der römisch-katholischen Kirche hatte es niemand zuvor gewagt, nur der Bibel und seinem Gewissen zu folgen – und das öffentlich zu erklären. Das war der Beginn der Gewissensfreiheit.

Aber jede von Menschen gemachte Institution beginnt nach einiger Zeit ein Eigenleben zu entwickeln. Die Kirchen sind nicht frei von dieser Tendenz. Nach einer gewissen Zeit wird auf einmal „das Ansehen der Institution“ wichtiger als das Ansehen Gottes. Eine „Sünde gegen die Institution“ wird streng bestraft, während die wirklichen Sünden, die innerhalb der Institution begangen werden, verheimlicht werden – insbesondere die Sünden der Leiter. Deshalb wird eine neue Erweckung auch in den evangelikalen Kirchen die wahre Gewissensfreiheit wiederherstellen müssen. – Siehe „Das Tier in der Offenbarung, das Milgram-Experiment und die Kirchen„.

Die Bibel in der Sprache des Volkes

Nach dem Wormser Reichstag wurde Luther vom Kaiser geächtet. D.h. jeder konnte ihn töten, ohne dafür bestraft zu werden. Das war praktisch sein Todesurteil.
Auf der Heimreise von Worms verschwand Luther unter geheimnisvollen Umständen. Es gingen Gerüchte um, er sei entführt und getötet worden. (So war es schon anderen aus der Kirche ausgeschlossenen „Ketzern“ ergangen.)
Glücklicherweise war es nicht so. Der Kurfürst Friedrich von Sachsen, ein Freund Luthers, hatte beschlossen, ihn zu beschützen. Er hatte einigen Soldaten befohlen, Luther zu entführen und auf sein Schloss, die Wartburg, zu bringen. Dort hielt er ihn ein Jahr lang versteckt.
Das ist ein weiteres Beispiel, wie Gott zu seiner Zeit eingriff, um den Erfolg der Reformation zu sichern. Ohne dieses Eingreifen hätte Luther ebenso geendet wie Hus.

Das Jahr auf der Wartburg war für Luther keine verlorene Zeit. Er arbeitete fleissig an der deutschen Übersetzung des Neuen Testamentes. Er wusste, dass das Volk die Bibel brauchte, um sich in Angelegenheiten des Glaubens eine Meinung bilden zu können. Bisher hatten nur die Priester und Mönche Zugang zur Bibel, und nur auf Latein. Das „gewöhnliche Volk“ konnte nicht wissen, was die Bibel wirklich sagte. Sie mussten blind glauben, was die Priester lehrten.
Deshalb war die Übersetzung der Bibel so wichtig: Jetzt konnten die Leute selber das Wort Gottes lesen und ihre eigenen Schlussfolgerungen ziehen. Die deutsche Bibel trug viel zum Fortschritt der Reformation bei. Beim Lesen der Bibel stellten viele Leute fest, dass Luther tatsächlich recht hatte, und dass seine Verurteilung unrecht war.

Wie ist die Situation heute? Die Bibel ist in alle wichtigen Sprachen der Welt übersetzt worden. In vielen Ländern herrscht Freiheit, die Bibel zu lesen, und Bibeln sind frei verkäuflich. Das ist ein gewaltiges Vorrecht, verglichen mit der Situation vor der Reformation.
Wertschätzen wir dieses Vorrecht wirklich? Ich fürchte nein. Wie viele Evangelische lesen wirklich selber regelmässig in der Bibel? Wie viele wenden das Wort Gottes an, um die Predigten und Lehren zu prüfen, die sie hören, nach Apg.17,11 und 1.Thess.5,21?

Zur Zeit Luthers konnten die Christen die Lehre der Kirche nicht prüfen, weil sie keinen Zugang zur Bibel hatten. Heute haben sie die Bibel, aber sie gebrauchen sie selten. Die Mehrheit hat ihr Urteilsvermögen aufgegeben, wenn es um das Verständnis der Bibel geht. Deshalb besteht heute die reale Gefahr, in die Situation vor Luther zurückzufallen, obwohl wir heute die Bibel in unserer Sprache haben: Viele Kirchenmitglieder folgen blind den Traditionen und Vorgaben ihrer Kirche, ohne sie im Licht der Bibel zu prüfen. In vielen Kirchen wird die „Unterordnung unter die Leiterschaft“ viel stärker betont als das eigene Forschen in der Bibel. Deshalb gibt es auch heute wieder allzu viele Situationen, wo in der Kirche das Gute böse und das Böse gut genannt wird.

Nützen wir die Freiheit zum Bibellesen aus, solange wir sie noch haben!

(Fortsetzung folgt)

Der Reformator Martin Luther – Teil 5 – Die Bibel oder die Tradition der Kirche?

2. November 2012

Sehen wir uns einige Punkte der Auseinandersetzung zwischen Luther und der katholischen Kirche genauer an. Ich glaube, wenn Luther heute wieder aufträte, müsste er viele Dinge, die er seinerzeit sagte, auch heute noch sagen – aber heute müsste er sie auch den evangelischen und evangelikalen Kirchen sagen.

Die Bibel oder die Tradition der Kirche?

Ein päpstlicher Gesandter, der Kardinal Cayetan, bewies Luther, dass eine seiner Thesen einem Dekret des Papstes Clemens VI von 1343 widersprach. Luther antwortete, die Bibel habe Vorrang über alle Dekrete. Darauf antwortete Cayetan, der Papst stehe über den Konzilien und der Schrift. „Ich leugne, dass er über der Schrift stehe“, antwortete Luther. Damit endete das Gespräch.
In einer anderen Debatte sagte Luther, viele der Meinungen von Jan Hus seien völlig richtig. „Dann hat sich das Konzil geirrt, das ihn verurteilte?“, fragte Eck. Luther antwortete: „Auch Konzilien können irren.“ Diese Aussage war einer der Gründe dafür, dass Luther zum Ketzer erklärt wurde.
(Nach „Martin Luther“, bei http://www.proel.org)

Hier haben wir eines der wichtigsten Themen der Reformation. Welches ist die höchste Autorität der Kirche: die Bibel oder die Tradition?

Wenn wir glauben, dass die Bibel von Gott inspiriert und irrtumslos ist, dann sollte die Antwort klar sein. In der Bibel haben wir die unfehlbare Lehre Jesu und seiner Apostel. Niemand sonst kann sich auf dieselbe göttliche Inspiration berufen wie die von Jesus selber beauftragten Apostel. Wenn also ein menschlicher Leiter der Bibel widerspricht, dann müssen wir immer die Bibel an die erste Stelle setzen. Die wichtigste Errungenschaft der Reformation besteht darin, dass sie die Kirche wieder zum Wort Gottes zurückgeführt hat.

Aber in den heutigen evangelischen und evangelikalen Kirchen sind die Dinge nicht mehr so klar. Tatsächlich befinden wir uns wieder in einer Situation wie vor der Reformation. Ist es übertrieben, das zu sagen? – Evangelische/Evangelikale feiern zwar nicht die römische Messe, und sie beten auch keine Heiligenbilder an. Aber die grundlegenden Fragen sind dieselben wie zur Zeit Luthers:

1. Muss ein Christ von seiner Sünde umkehren, oder kann er sich die Vergebung Gottes auf andere Weise „erkaufen“?

In seinen 95 Thesen erklärte Luther, dass Gott eine echte Reue und Herzensumkehr sucht, nicht nur eine äusserliche „Busse“. Die ersten drei seiner Thesen lauten:

„1. Als unser Herr und Meister Jesus Christus sagte „Tut Busse“ (richtiger: „Kehrt um“), wollte er, dass das ganze Leben des Gläubigen Busse (Umkehr) sei.
2. Dieses Wort kann nicht als sakramentale Busse verstanden werden, d.h. Beichte und Genugtuung, die von den Priestern erteilt wird.
3. Aber ebensowenig bedeutet es eine nur innerliche Reue. Es gibt keine innerliche Reue, die nicht auch äusserlich verschiedene Abtötungen des Fleisches bewirkte.“

Heute stehen wir wieder vor demselben Problem, aber in den evangelikalen Kirchen. Diese verkaufen zwar keine Ablässe. Aber sie bieten eine billige Gnade an; eine „Erlösung“ mittels eines „Übergabegebetes“, ohne sich darum zu kümmern, ob eine wirkliche Umkehr geschehen ist. Der neue Gläubige bezahlt später für seinen „Ablass“, wenn er unter das Gesetz der „Zehnten und Opfer“ gestellt wird.

Es ist ein Zeichen jeder echten Erweckung, dass Umkehr und Abkehr von der Sünde gepredigt und praktiziert wird.

2. Welches ist die Autorität über dem Leben eines Christen: die Tradition der Kirche, oder das Wort Gottes?

Die Evangelikalen haben zwar keinen Papst. Aber viele ihrer Pastoren und Leiter benehmen sich wie kleine Päpste: Wenn jemand versucht, sie vom Wort Gottes her zu korrigieren, dann disqualifizieren sie ihn als „Rebellen“ und suchen einen Weg, ihn zum Schweigen oder in Verruf zu bringen. (Habe ich selber mehrmals erlebt.) Es kommt ihnen aber nicht in den Sinn, in der Schrift nachzuforschen, ob die Kritik vielleicht berechtigt sei.
In vielen Kirchen sind die Gottesdienstordnung, die internen Reglemente, der Anbetungsstil, oder das Machtwort des Leiters, „heiliger“ als die Schrift selbst.
Ausserdem haben auch unter den evangelikalen Kirchen viele einer Theologie Raum gegeben, die an der göttlichen Inspiration der Bibel zweifelt. Viele Bibelkommentare, und die Bibelgesellschaften selbst, verbreiten diese kritische Theologie.

Auch das wäre ein Zeichen jeder echten Erweckung: dass die Christen sich wieder auf ihre Ursprünge im Wort Gottes zurückbesinnen, und dass sie diesem Wort Vorrang geben vor jeder Tradition.

3. Darf über diese Dinge offen diskutiert werden, oder werden Machtmittel angewandt, um die Diskussion zum Verstummen zu bringen?

Wir haben gesehen, wie die katholischen Leiter sich ständig einer offenen und öffentlichen Debatte mit Luther entzogen. Sie zogen es vor, ihn privat zu konfrontieren. Und das nicht, um ihm eine Möglichkeit zu geben, sich zu erklären; sondern nur um ihn zum Widerruf zu zwingen. Als das nichts fruchtete, exkommunizierten sie ihn; und schliesslich verfolgten sie ihn politisch.

Philipp Melanchthon schreibt über diese Handlungsweise:

„Wir wissen, dass die politischen Menschen alle Änderungen verabscheuen; und wir geben zu, dass auch wenn eine Revolution von den gerechtesten Anliegen angetrieben wird, es immer irgendein Übel zu beklagen gibt in dieser traurigen Unordnung des menschlichen Lebens. Dennoch ist es in der Kirche nötig, das Gebot Gottes über allem Menschlichen vorzuziehen. … Deshalb war es die Pflicht Luthers… die zerstörerischen Irrtümer abzuweisen; … und es war die Pflicht seiner Hörer, dem zu folgen, was er richtig lehrte. Obwohl es in einer Revolution viele Unbequemlichkeiten gibt, wie wir es mit grosser Traurigkeit sehen, so ist es doch die Schuld jener, die anfangs die Irrtümer verbreiteten, und jener, die jetzt diese Irrtümer mit teuflischem Hass verteidigen.“

Auch in diesem Punkt – heute „geistlicher Missbrauch“ genannt – unterscheiden sich die evangelischen und evangelikalen Kirchen nicht mehr gross von der katholischen. Sie verbieten die Verbreitung von auf der Bibel gegründeten Schriften, gegen die sie kein einziges biblisches Argument anführen können, nur weil sie die „heiligen Traditionen“ ihrer Denomination oder das Ansehen und die „Autorität“ ihrer Institution in Gefahr sehen. (Was ist denn das für eine Autorität, wenn sie sich nicht auf die Bibel gründen kann??)

Leider müssen wir heute auch auf viele evangelische Kirchen anwenden, was Luther seinerzeit über das Papsttum schrieb:

„Es sei klargestellt: weder der Papst, noch die Bischöfe, noch irgendein Mensch haben das Recht, den Christen ohne dessen Einverständnis auch nur unter eine Silbe des Gesetzes zu unterwerfen. Jede andere Handlungsweise ist Tyrannei. … Nun ist die Unterwerfung unter diese tyrannischen Gesetze und Dekrete dasselbe wie sich in die Sklaverei der Menschen zu begeben.
In der Einpflanzung dieser gottlosen und verlorenen Tyrannei wirken die Jünger des Papstes mit, indem sie die Worte Christi verdrehen und verderben: ‚Wer euch hört, hört mich.‘ Mit ihren Riesenmäulern blähen sie diese Worte auf, um sie auf ihre Traditionen anzuwenden; und im Ergebnis passen sie die zitierten Worte nur ihren Fabeln an, ohne Bezug auf das Evangelium; während in Wirklichkeit Christus sie an seine Apostel richtete, als sie auszogen, das Evangelium zu verkünden, und nur auf das Evangelium können sie sich beziehen. … Deshalb ist niemand den Traditionen des Pontifex unterworfen; man muss ihn nicht einmal hören, ausser wenn er das Evangelium und Christus predigt. … Schliesslich ist es unumgänglich, dass da, wo der wahre Glaube ist, auch das Wort des Glaubens ist. Weshalb hört dann der Papst nicht ab und zu auf einen seiner treuen Diener, der das Wort des Glaubens hat? Blindheit, lauter Blindheit herrscht unter den Hohepriestern.
… Ihr Vorhaben ist es, das Gewissen unserer Freiheit so in Eisen zu legen, dass wir glauben, sie täten recht, und wir könnten sie nicht kritisieren noch uns beklagen über diese Ungerechtigkeiten. Sie sind Wölfe und möchten als Hirten erscheinen; sie sind Antichristen und ersehnen sich, angebetet zu werden wie Christus.
… Weder Menschen noch Engel dürfen den Christen rechtmässig Gesetze auferlegen, ausser in dem Mass, wie die Christen selber es wünschen; wir sind vollkommen befreit. … Deshalb richte ich meine Anklage gegen den Papst und gegen alle Papisten, und ich sage ihnen: Wenn sie nicht ihre Kirchengesetze und ihre Traditionen zurückziehen, wenn sie nicht den Kirchen Christi ihre Freiheit zurückgeben, wenn sie nicht machen, dass diese Freiheit ausgerufen wird, dann machen sie sich des Verderbens aller Seelen schuldig, die in dieser elenden Gefangenschaft zugrunde gehen, und das Papsttum wird nichts anderes sein als das Reich Babylons und des leibhaftigen Antichristen.“
(Martin Luther, „Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche“, 1520)

In einer echten Erweckung werden die Christen dazu befreit, Jesus nachzufolgen frei von jedem kirchlichen Joch.

(Fortsetzung folgt)

Der Reformator Martin Luther – Teil 1

14. Oktober 2012

Dies ist mein dritter Versuch, etwas über Luther zu schreiben. Diesmal wage ich es, das Ergebnis zu veröffentlichen, obwohl ich auch jetzt mit der Artikelserie noch nicht wirklich zufrieden bin. Aber ich kann mir nicht vorstellen, diese neue Artikel-Kategorie über „Erweckung und Erweckungsgeschichte“ mit irgendjemand anderem als Martin Luther zu beginnen. Man mag Luther schätzen und ihn leidenschaftlich verehren, oder man mag ihn schmähen und ihn seiner Fehler wegen ablehnen – aber man kommt einfach nicht an ihm vorbei. Dieser Mann steht wie ein Koloss mitten in der Kirchengeschichte und lenkt deren Strom in eine veränderte Bahn. Nachfolgende Erweckungsbewegungen haben zwar Luther in wichtigen Punkten widersprochen und korrigiert. Dennoch stehen sie alle – Calvinisten, Täufer, Puritaner, Pietisten, Herrnhuter, Methodisten, Heiligkeitsbewegung, Pfingstbewegung, usw. – direkt oder indirekt auf seinen Schultern. Wie verschieden diese nachfolgenden Bewegungen auch von der Reformation Luthers sein mögen, sie sind alle nicht denkbar, ohne dass Luther den Stein ins Rollen gebracht hätte. „Zurück zur Schrift!“ – „Zurück zum Ursprung!“ – das war der entscheidende Weckruf, der durch Luther erstmals wieder weithin hörbar gemacht wurde, und der viele andere nach ihm ermutigte, in dieser Richtung noch viel weiter zu gehen als Luther selber.

Anm: Zitate von deutschsprachigen Autoren sind in der Regel aus dem Spanischen rückübersetzt und stimmen deshalb nicht wörtlich mit dem Original überein.

Reformatoren vor Luther

Luther war nicht der erste Reformator. Es gab andere vor ihm, die ähnlich wie er lehrten, und die die Kirche zur Wahrheit des Wortes Gottes zurückbringen wollten. Die bekanntesten unter ihnen waren John Wyclif in England (1320-1384) und Jan Hus in Böhmen (1374-1415), der den Märtyrertod starb. Beide konnten eine beträchtliche Anzahl Nachfolger hinter sich scharen, aber sie erreichten nicht wirklich die Reformen, die sie wünschten.

Warum konnte Luther den Erfolg sehen, den sie nicht erreicht hatten? – Ich glaube nicht, dass die „Vorreformatoren“ Luther unterlegen waren. Ich glaube, dass einfach die Zeit Gottes noch nicht gekommen war. Eine so weitreichende Reformation geschieht nicht von heute auf morgen. Es war nötig, den Weg dazu vorzubereiten. In der Zeit Luthers gab es in ganz Europa einen grossen „Hunger“ nach Gott und seinem Wort. Ohne die Arbeit der „Vorreformatoren“ wäre wahrscheinlich dieser Hunger nicht vorhanden gewesen; und damit hätte Luther nicht so viele Zuhörer gefunden.

Jeder von uns hat von Gott seine eigene Aufgabe und seinen eigenen Platz in der Geschichte zugewiesen erhalten. Einige sind gerufen zu säen, andere zu begiessen und andere zu ernten. Einige sind gerufen, Pioniere zu sein; und andere sind gerufen, auf dem Werk der Pioniere weiter aufzubauen. (Siehe 1.Korinther 3,5-13). Einige sind gerufen, in einer Zeit allgemeiner geistlicher Finsternis zu leben und in dieser Umgebung ihren Glauben zu bewähren; andere sind gerufen, Gott in Erweckungszeiten zu dienen.
Die Pioniere oder Vorläufer werden oft dazu gerufen, sogar ihr Leben hinzugeben, damit andere leichter nachfolgen können auf dem Weg, den sie vorbereiteten. Wie Abraham müssen sie im Glauben sterben, „ohne das Verheissene zu empfangen; sondern sie schauten es von ferne und glaubten es und begrüssten es, und bekannten, dass sie Fremde und Pilger auf der Erde waren.“ (Hebräer 11:13). Johannes der Täufer bereitete den Weg vor für den Messias, aber er musste sterben, bevor das Werk des Messias vollendet war. Der rumänische Pfarrer Josef Tson, der unter dem Kommunismus verfolgt wurde, schreibt: „Für jedes Land, das sich dem Evangelium öffnete, war der Preis dafür sehr hoch. Ein Botschafter Gottes musste sein Blut vergiessen für jenes Land …“ Gilt vielleicht dasselbe für jede grosse Reformation in der Kirche?

Ein interessantes Detail: Im Jahr 1415 wurde Jan Hus vom Konzil zu Konstanz zum Tod verurteilt. Während er zum Scheiterhaufen geführt wurde, sagte er prophetisch: „Jetzt verbrennt ihr diese alte Gans („Hus“ bedeutet „Gans“), aber in hundert Jahren wird ein Schwan aufstehen, den ihr nicht werdet verbrennen können.“ – Fast genau hundert Jahre später (1517) begann die Reformation mit den 95 Thesen Luthers.

Der katholische Luther

Luther war kein Feind der Kirche. Im Gegenteil, er war ein treuer Katholik und wollte Gott dienen gemäss den Traditionen dieser Kirche.

„Nach dem Wunsch seines Vaters begann er ein Jurastudium. Aber alles änderte sich, als er 1505 in ein Gewitter geriet. Ein Blitz schlug ganz in seiner Nähe ein, während er sich auf dem Rückweg von einem Besuch nach Hause befand. Erschreckt rief er aus: ‚Hilf, heilige Anna! Ich will Mönch werden.‘ Er überstand das Gewitter unversehrt und gab das Studium auf, verkaufte alle seine Bücher ausser jene von Vergil, und trat am 17.Juli 1505 ins Augustinerkloster Erfurt ein.“ (Nach Wikipedia.)
Obwohl Luther später dieses übereilte Gelübde bereute, fühlte er sich verpflichtet, es zu erfüllen, da Gott als Antwort darauf im Gewitter sein Leben gerettet hatte. Später sah er darin die Hand Gottes in seinem Leben, denn so hatte ihn Gott zum Studium der Heiligen Schrift geführt. Im Kloster war es, wo Luther zum ersten Mal in seinem Leben eine Bibel in der Hand hatte.

Wir sehen in dieser ersten Berufung Luthers einige Aspekte, die nicht der Bibel gemäss sind:
– Er rief nicht zu Gott um Hilfe, sondern zur „Heiligen Anna“.
– Um Gott zu dienen, kannte er keinen anderen Weg, als Mönch zu werden.
Werden wir ihm deswegen Vorwürfe machen? – Erinnern wir uns, dass Luther als treuer Sohn der römisch-katholischen Kirche aufwuchs und kaum irgendwelche davon abweichende Information finden konnte. Erst nachdem er selber die Bibel gründlich studiert hatte, konnten ihm diese Fehler bewusst werden. Schon vorher hatte er den glühenden Wunsch, Gott zu dienen, „aber nicht mit Erkenntnis“ (Römer 10,2). Es war dieser Wunsch, den Gott sah und ernstnahm; und so konnte er Luther allmählich zum Licht der Wahrheit führen. „Selig sind, die nach Gerechtigkeit hungern und dürsten, denn sie werden gesättigt werden.“ (Matthäus 5,6).

Da, wo Luther auch nach seinem Bibelstudium weiter den toten Traditionen der Kirche diente, da müssen wir ihn tadeln. Aber nachdem er das Wort Gottes kennengelernt hatte, hatte er den Mut, in vielen Dingen auf die Wahrheit hin zu handeln, die Gott ihm gezeigt hatte, auch entgegen allen kirchlichen Traditionen.

Das ist der Punkt, wo Gott uns auch heute herausfordert. Wenn Du ein „guter Evangelischer“ bist, dann willst Du wahrscheinlich Gott nach Kräften dienen, nach den Traditionen Deiner Kirche: zum Gottesdienst gehen, Verantwortung für eine Gruppe oder einen Hauskreis übernehmen, neue Mitglieder für die Gemeinde gewinnen… Wenn das Deine Vorstellung ist, dann bist Du wie Luther in seiner Jugend: Du möchtest Gott dienen, aber Du tust es in einer von Menschen übernommenen Weise. Es ist nötig, selber den Willen Gottes zu suchen.
Wenn Du das tust, dann wirst Du feststellen, dass der Wille Gottes über die Traditionen Deiner Kirche (egal welcher Denomination) hinausgeht. Wie Luther wirst auch Du in einigen Punkten die Tradition Deiner Kirche brechen müssen, wenn Du Gottes Willen ganz folgen willst.
Hierin wird sich entscheiden, ob Du wirklich „reformiert“ bist. Bist Du bereit, Gott zu dienen und seinen Willen zu tun, auch wenn sein Wille der Tradition Deiner eigenen Kirche entgegensteht?

Luther und ich

Dies ist einer der Punkte (ich werde später noch andere nennen), wo ich mich persönlich mit dem Leben Luthers identifiziere und deshalb aus eigener Betroffenheit schreibe.
Ähnlich wie Luther sah ich als junger Christ nur einen Weg, auf Gottes Ruf zu antworten: mein Leben als vollzeitlicher Mitarbeiter in den Dienst der Institution „christliche Gemeinde“ zu stellen. (Nur dass ich, im Unterschied zu Luther, diesen Schritt tat, als ich bereits die Rechtfertigung aus Glauben erfahren hatte. Anscheinend war da noch ein grosser Rest von „klösterlichem“ bzw. „kirchlich-institutionellem“ Denken in mir.) Es kam mir damals – und bis vor einigen Jahren – nicht in den Sinn, dass es einen Widerspruch geben könnte zwischen „Dienst in den Gemeinden“ und „Dienst im Reich Gottes“.

Luther kam in seinem späteren Leben zur Einsicht, dass das Entscheidende am „Gottes-Dienst“ weder in der äusseren Absonderung noch im „institutionellen Umfeld“ liegt, sondern in der persönlichen Hingabe an Gott, die in jeder Umgebung gelebt werden kann. Schliesslich widerrief er sogar seine Mönchsgelübde, da er darin nichts als Menschengebote sah, die ihn in Wirklichkeit sogar daran gehindert hatten, Gottes Willen zu tun. So musste auch ich erkennen, dass der Dienst in den heutigen christlichen Gemeinden ebensosehr Dienst an Menschengeboten ist, wie es Luthers Mönchsdienst im Kloster war. Und dass es gerade die existierenden Strukturen und Verhältnisse in den Gemeinden sind, die allzuoft einen echten „Gottes-Dienst“ verunmöglichen.

Luther hat zwar bis zu seinem Lebensende als Amtsträger der Kirche gearbeitet, die sich durch seinen Einfluss immerhin halbwegs reformierte. Das war wahrscheinlich das Äusserste, was er in seiner persönlichen Situation und zu seiner Zeit erreichen konnte. Könnte er aber heute auf 500 Jahre Reformationsgeschichte zurückblicken, dann käme er wahrscheinlich auch zu dem Schluss, dass die existierenden Kirchen sich nicht wirklich von Grund auf reformieren lassen.

(Fortsetzung folgt)

„Christlicher Aussteiger“ – und wann kommt der Einstieg?

5. Oktober 2010

Ich sehe mich veranlasst, nochmals etwas über den Titel meines Blogs zu schreiben. Ich wurde nämlich darauf aufmerksam gemacht, dass er missverständlich ist: „Das klingt, als wolltest du vom Christentum nichts mehr wissen.“ Und jemand anders meinte: „Aussteiger – das klingt so negativ. Warum nicht ‚christlicher Einsteiger‘?“

Zur Eröffnung dieses Blogs habe ich zwar unter dem Titel „Warum christlicher Aussteiger?“ schon einige Stichworte dazu geschrieben. Aber ich denke, einige zusätzliche Bemerkungen sind jetzt dran.

Zuerst: Ich bin tatsächlich aus manchem ausgestiegen, was so landläufig mit dem „Christentum“ in Verbindung gebracht wird. Das „Kirchentum“, das „Pfarrertum“, und viele damit verbundene Erscheinungen, sagen mir tatsächlich nichts mehr. Aber nicht weil ich gegen das Christentum wäre, sondern im Gegenteil: Ich habe festgestellt, dass diese Dinge ein echtes Christentum verhindern. Wenn wir zum Anfang des Christentums zurückgehen, d.h. zur Urgemeinde, dann finden wir keine „Kirche“ (in der Art der heutigen kirchlichen Organisationen), keine Kirchengebäude (weder mit Turm noch ohne), keine Pfarrer, keine Sonntags-Predigtgottesdienste, keine theologischen Fakultäten oder Bibelschulen, etc. So manches, was heute untrennbar mit dem „Christentum“ verbunden scheint, ist in Wirklichkeit völlig unwesentlich (und z.T. sogar hinderlich) für ein echtes Christenleben. In anderen Worten: Ich bin aus einem missverstandenen „Christentum“ ausgestiegen, um wieder näher an das ursprüngliche, echte Christentum heranzukommen.

Damit komme ich zur Frage nach dem „Einstieg“: Warum also nicht „Einsteiger“ in das ursprüngliche Christentum?

Das hat vor allem mit meiner persönlichen Situation zu tun. Ich bin schlicht noch nicht so weit! Ich musste feststellen, dass zwischen „Ausstieg“ und neuem „Einstieg“ eine Durststrecke liegt, die länger ist als erwartet. So wie zwischen dem Auszug aus Ägypten und dem Einzug ins Gelobte Land eine lange Wüstenwanderung lag. Oder so wie der Prophet Jeremias zuerst den Ruf ausführen musste, „auszureissen, zu zerstören und niederzureissen“, bevor er dann auch „aufbauen und pflanzen“ durfte (Jer.1,10). Ein unnütz gewordenes und abbruchreifes Gebäude muss zuerst vollends abgerissen werden, bevor am selben Ort ein Neubau errichtet werden kann. Das Unkraut muss zuerst ausgerissen werden, bevor am selben Ort etwas Neues gepflanzt werden kann.

Ich glaube, dass die gegenwärtige Zeit tatsächlich eine Zeit des „Abbruchs“ oder des Niedergangs ist für das traditionelle, missverstandene Christentum. Nicht nur in meinem eigenen Leben, sondern überhaupt in der Welt. „Denn es ist Zeit, dass das Gericht anfange beim Hause Gottes …“, schreibt Petrus (1.Petrus 4,17). Viele der gegenwärtigen Krisen in den traditionellen Kirchen sind von Gott zugelassene „Abbrucharbeiten“, damit wenigstens ein Überrest zum echten Christentum zurückfinden möge. – Dazu muss ich auch die persönlichen Krisen rechnen, durch die Gott mich in den vergangenen Jahren hindurchgeführt hat. Er musste auch in mir selbst viel falsches „Christentum“ abbrechen, das auf menschlichen Traditionen aufgebaut war statt auf einem persönlichen Kennenlernen Gottes.

Wann also werde ich wieder „einsteigen“ können?

Wenn in mir selbst dieses alte Gebäude des Traditionschristentums abgebrochen sein wird, sodass Gott mich wirklich gebrauchen kann. (Manchmal habe ich das Gefühl, es sei bald so weit; aber ich weiss, mein eigenes Gefühl kann mich täuschen.)

Und wenn um mich herum andere Christen von Gott erweckt werden, die ebenfalls durch diesen „Abbruchprozess“ gegangen sind und dann anfangen können, auf dem wahren Fundament wieder aufzubauen. Wenn „Kirche“ wieder zur Familie wird unter Gott dem Vater (statt einer von Mietlingen beherrschten Institution). Wenn Jesus wieder zum Fundament wird – nicht Machtmenschen und Bürokraten, nicht von Menschen aufgestellte Kirchengesetze und Kirchentraditionen.

Hoffnung sehe ich in einigen Hausgemeindebewegungen, die an verschiedensten Orten der Welt aufspriessen. In manchen dieser Bewegungen wird ernsthaft versucht, auf urchristliche Prinzipien zurückzugehen. Aber selbst in diesen Bewegungen sehe ich z.T. noch die Gefahr des „Programmatismus“. Sie werfen zwar alte Traditionen über Bord, kommen aber in die Gefahr, stattdessen einfach neue Traditionen und Programme zu institutionalisieren, die ebenso zum Wort Gottes „hinzugefügt“ werden wie vorher die alten. (Ich hoffe, sie werden sich dieser Gefahr bewusst, bevor sie in dasselbe Fahrwasser kommen, das sie verlassen haben.) – Und hier in Perú gibt es noch nicht einmal eine Hausgemeindebewegung…

„Mehr Familie, weniger Institution“ – das ist mein persönliches Motto in diesem Wandlungsprozess. Wenn das eines Tages in meiner eigenen Familie sichtbar wird, und wenn Gott um uns herum Gleichgesinnte erweckt – dann werde ich mich wieder „Einsteiger“ nennen können. Wann es soweit sein wird, weiss Gott allein.

Auf der Suche nach dem neutestamentlichen Christentum

1. März 2010

Der folgende Artikel ist schon einige Jahre alt, aber immer noch aktuell. Ich möchte ihn hier hineinstellen als logische Folge des Artikels „Meine zweite Bekehrung“ – d.h. er stellt den darauffolgenden Schritt in meiner Lebensgeschichte dar. Ursprünglich schrieb ich ihn zur Gebetsinformation für Personen, die mich damals via eine Organisation unterstützten. Leider stiess der Artikel auf wenig Gegenliebe: Die Organisation, die ihn damals zur Veröffentlichung angefordert hatte, strich (ohne Rücksprache mit mir) die wesentlichen Abschnitte weg. Er erscheint deshalb hier in der Kategorie „Zensurierte Artikel“.


Gerne würde ich Euch mit diesem Bericht den Beginn einer neuen Etappe in unserem Dienst ankündigen; aber Gottes Zeit ist anscheinend noch nicht gekommen. Eine Etappe ist zu Ende gegangen; den Neuanfang suchen wir noch.

In den vergangenen Jahren haben wir viele Sonntagschulmitarbeiter ausgebildet, Teenager gelehrt, und evangelistische Kinderlager durchgeführt. An diesen Anlässen sahen wir manche Teilnehmer Glaubensschritte tun, Dinge in ihrem Leben in Ordnung bringen, oder zum ersten Mal überhaupt ihr Leben in Gottes Hand legen.

Leider war aber die langfristige „Frucht“ nicht dementsprechend. Nachdem sie der „Obhut“ ihrer Gemeinden überlassen wurden, haben die meisten Sonntagsschullehrer ihren Dienst aufgegeben, sind die meisten Teenager im Glauben zurückgefallen, und sind die Lagerkinder in ihrem Glauben nicht weitergeführt worden.

Es tut weh, dies zu sehen. Ich musste meinen eigenen Dienst, und die Realität der Gemeinden, neu überdenken:

  • Bisher nahm ich an, meine Lehrangebote seien eine Ergänzung zu den bestehenden Gemeindeprogrammen, und die Gemeinden täten das übrige. Leider ist das nicht (mehr) so. Insbesondere werden junge Christen in den Gemeinden nicht in ihrem Glaubensleben weitergeführt.
  • Ich habe das Evangelium zuwenig klar verkündigt. Die meisten Gemeinden verstehen unter „Sünde bereuen“ einfach: „ein Gebet sprechen“, und unter „Jesus nachfolgen“ verstehen sie „sich einer Gemeinde anschliessen und deren Tradition folgen“. Solange ich solche Ausdrücke ohne klare Erklärung verwendete, wurden sie in diesem Kontext verstanden, und das führte zu mehr Scheinbekehrungen als echten Bekehrungen. Nur eine Minderheit der evangelischen Gemeindeglieder ist wirklich wiedergeboren. Sie brauchen eine viel deutlichere Erklärung des Evangeliums.
  • Viele Gemeinden haben sich vom neutestamentlichen Christentum entfernt. Drei Symptome möchte ich nennen:
    1. Autoritäre Strömungen machen die Mitglieder von menschlichen Leitern abhängig statt von Gott. An einigen Orten wird gelehrt, man dürfe den Pastor nie in Frage stellen, selbst wenn er in Sünde lebt oder Irrlehren verkündigt. Das führt zu einer Art „Papsttum in evangelischem Gewand“. Nur wenige Christen lesen selber in der Bibel, und noch weniger prüfen die Lehre ihrer Leiter anhand der Bibel.
    2. Bibelkritische Theologie ist in fast alle Denominationen eingedrungen. Und selbst manche „bibeltreue“ Leiter nehmen in der Praxis die neutestamentlichen Berichte und Anweisungen über das Gemeindeleben nicht ernst. Deshalb werden Entscheidungen immer mehr nach menschlich-politischen Erwägungen, statt nach biblischen Kriterien getroffen.
    3. „Organisation“, „Tradition“ und „Routine“ sind im praktischen Gemeindeleben wichtiger geworden als die persönliche Herzensbeziehung zum Herrn. Z.B. wird die „richtige“ Durchführung des Gottesdienstprogramms wichtiger genommen als die geistliche Auferbauung und Gemeinschaft der Mitglieder.

Nachdem ich all dies gesehen hatte, fragte ich mich: Wo sind Christen, die ernsthaft ein biblisches Christentum leben wollen?

Mit einer Gruppe von jugendlichen Mitarbeitern konnte ich einige Wochen lang im Hochland „von Haus zu Haus“ „Gemeinschaft und Brotbrechen“ praktizieren (Apg.2,42), wo jeder etwas beiträgt zur Auferbauung der anderen (1.Kor.14,26). – Auch konnte ich in einigen Gemeinden und Gruppen über Bekehrung und Wiedergeburt lehren, und über die zeitlose Gültigkeit des Wortes Gottes. Aber das waren seltene Ausnahmen. Besonders als ich das Thema der Bibelkritik ansprach, wurde ich von Vertretern der (theologisch liberalen) Bibelgesellschaften heftig angegriffen.

Deshalb bin ich weiterhin auf der Suche, bis Gott irgendwo, irgendwie eine Türe öffnet. Wir sind dankbar, wenn Ihr dieses Anliegen in Euren Gebeten mittragt. – Bis es so weit ist, reduziert sich unser Kinderdienst auf die Nachbarskinder, die uns besuchen für Spiele, Aufgabenhilfe oder improvisierte Kinderstunden.


Aktuelle Nachbemerkung: Die erwähnten Gruppen jugendlicher Mitarbeiter existieren nicht mehr, weil die Gemeinden ihren Jugendlichen die Teilnahme verboten. Dafür haben die zuletzt erwähnten Aktivitäten mit den Nachbarskindern im letzten Jahr zugenommen, wie ich im Artikel „Sie sehnen sich nach Familie“ berichtete.