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Die neutestamentliche Gemeinde als „Familie Gottes“ – Teil 5

2. Oktober 2019

Die Unterordnung im Neuen Testament

Untersuchen wir nun den „hierarchischsten“ Begriff, den es im Neuen Testament gibt: die „Unterordnung“. Das griechische Wort für „sich unterordnen“ ist „hypotássomai“. Wenn wir die neutestamentlichen Stellen untersuchen, wo dieses Wort vorkommt, dann stellen wir zuerst fest, dass Gott der Einzige ist, der aktiv jemanden oder etwas ihm „unterordnet“. Nirgends heisst es, dass ein Mensch einen anderen ihm unterordnen solle, oder von jemandem Unterordnung verlangen solle. Das ist ein wichtiges Prinzip: Unterordnung im Sinne des Neuen Testamentes ist etwas, was man von sich aus tut. Es ist nicht etwas, was jemand von anderen Menschen einfordern könnte. – Mit anderen Worten: Es gibt verschiedene Stellen im Neuen Testament, die bestimmten Personen sagen, sie sollten sich anderen Personen unterordnen. Aber nie wird diesen anderen Personen gesagt, sie sollten von den ersteren Unterordnung verlangen.
So lesen wir auch mehrmals, dass die Apostel den Mitgliedern der Familie Gottes sagen, sie sollten sich bestimmten Personen unterordnen; aber kein Apostel oder Leiter im Neuen Testament sagte je: „Ordnet euch mir unter.“

Nun finden wir unter den Stellen, die von „Unterordnung“ zwischen Menschen sprechen, nur eine einzige, die sich auf das eigentliche Gemeindeleben bezieht: „Ihr kennt die Familie des Stephanas, die die Erstlingsfrucht von Achaja sind, und sich selbst zum Dienst für die Heiligen gesetzt haben; damit auch ihr euch solchen unterordnet, und jedem, der mitarbeitet und sich abmüht.“ (1.Korinther 16,15-16).
Es fällt auf, dass hier keine spezifische Leiterschaftsposition erwähnt wird (wie wenn z.B. gesagt würde: „Ordnet euch den Aufsehern unter“, oder „Ordnet euch den Aposteln unter“). Stattdessen spricht Paulus auf ziemlich allgemeine Weise von „jedem, der mitarbeitet und sich abmüht“. Es gibt also keinen fest definierten Kreis von Personen in der Gemeinde, die von sich aus ein Anrecht darauf hätten, dass sich die übrigen ihnen unterordneten. Paulus empfiehlt Stephanas und seine Familie namentlich, überlässt es aber den Gemeindegliedern zu erkennen und zu entscheiden, wer die anderen sind, die „mitarbeiten und sich abmühen“. Das liegt natürlich auf einer Linie mit der Aussage Jesu: „Der Grösste von euch sei euer Diener“ (Matthäus 23,12). Es liegt auch auf einer Linie mit dem früher Gesagten, dass Ältestenschaft weder durch demokratische Wahl noch durch Einsetzung „von oben“ definiert wird, sondern durch die Anerkennung von seiten der Gemeinde.

Diese Beobachtungen sind noch auffälliger, wenn wir sie damit vergleichen, dass in anderen Lebensbereichen das Neue Testament sehr wohl klare „Unterordnungsstrukturen“ festlegt: nämlich inbezug auf die staatliche Regierung, und noch klarer im Familienleben. Allen wird gesagt, sie sollten sich der Regierung unterordnen (Römer 13,1.5, Titus 3,1, 1.Petrus 2,13). (Wenn auch diese Unterordnung ihre Grenzen hat, wo es um die Gebote Gottes geht; aber es ist hier nicht der Ort, darauf einzugehen.) – Noch klarer und detaillierter sind die Worte, die eine „Unterordnungsstruktur“ in der Familie definieren:

– Die Frauen sollen sich ihren Ehemännern unterordnen. (Epheser 5,22, Kolosser 3,18, Titus 2,5, 1.Petrus 3,1.5). – Zusätzlich gibt es zwei Stellen, die sagen, die Frauen sollten in Unterordnung sein, ohne anzugeben wem gegenüber (1.Korinther 14,34, 1.Timotheus 2,11). Aber vor dem klaren Hintergrund der Ehestruktur können wir mit ziemlicher Sicherheit annehmen, dass auch hier die Unterordnung dem eigenen Ehemann gegenüber gemeint ist (und nicht irgendwelchen anderen Männern gegenüber).

– Kinder sollen sich ihren Eltern unterordnen. Das wird in Lukas 2,51 und 1.Timotheus 3,4 impliziert.

– Sklaven sollen sich ihren Herren unterordnen. (Titus 2,9, 1.Petrus 2,18). Das ist auch eine familiäre Beziehung, da Bedienstete und Sklaven zur Familie des Hausherrn gezählt wurden.

– Die Jüngeren sollen sich den Älteren unterordnen (1.Petrus 5,5). Einige denken, es handle sich hier um eine „kirchliche“ Beziehung, da die vorangehenden Verse über die Gemeindeältesten sprechen. Aber durch den Gebrauch des Wortes „die Jüngeren“ stellt Petrus klar, dass der Grund für die Unterordnung nicht in einer „Leiterschaftsposition“ der Älteren besteht, sondern im Altersunterschied (der zugleich als Unterschied an Erfahrung und Weisheit verstanden wird). Auch wo es sich um die Gemeindeältesten handelt, so ist der Hintergrund dieses Prinzips doch der gewöhnliche Brauch in der erweiterten Familie. Deshalb gehört dieser Vers in die Kategorie der familiären Beziehungen (die sich in der Gemeinde fortsetzen), nicht der „institutionellen“.

Dasselbe beobachten wir, wenn wir den Gebrauch des griechischen Wortes „hypakoúo“ (gehorchen) untersuchen. Die grosse Mehrheit der entsprechenden Stellen sprechen vom Gehorsam Gott und seinem Wort gegenüber. Die übrigen beziehen sich alle auf innerfamiliäre Beziehungen:

– Sarah gehorchte ihrem Mann Abraham (1.Petrus 3,6).

– Kinder sollen ihren Eltern gehorchen (Epheser 6,1, Kolosser 3,20).

– Sklaven sollen ihren Herren gehorchen (Epheser 6,5, Kolosser 3,22).

Es gibt keine neutestamentliche Stelle, wo das Wort „hypakoúo“ den Gehorsam gegenüber einem Leiter in der Gemeinde bezeichnen würde.

Einige zitieren Hebräer 13,17, um einen „Gehorsam“ gegenüber Gemeindeleitern oder „Pastoren“ zu begründen. Leider wird dieser Vers in einigen Bibelübersetzungen ungenau oder irreführend übersetzt. Im griechischen Original steht hier weder das Wort „hypotássomai“ (sich unterordnen) noch das Wort „hypakoúo“ (gehorchen). Stattdessen befinden sich hier zwei andere Worte von wesentlich schwächerer Bedeutung: „peíthomai“ =“sich (freiwillig) überzeugen lassen“, und „hypeíko“= „nachgeben“. Eine genauere Übersetzung wäre: „Lasst euch von euren Leitern überzeugen und gebt ihnen nach, denn sie wachen zum Besten eurer Seelen …“

Das Neue Testament verwendet also recht viele Worte darauf, die „richtige Ordnung“ in den Familienbeziehungen darzulegen; aber es sagt beinahe nichts über eine derartige „Unterordnungsstruktur“ in der christlichen Gemeinde!

Wir finden ausserdem im Zusammenhang mit den bereits zitierten Stellen zwei Verse, die sagen: „Ordnet euch einander unter“ (Epheser 5,21, 1.Petrus 5,5). Die „Unterordnungsstrukturen“, die wir bis jetzt betrachtet haben, sind also nicht absolut. Sie müssen eingebettet sein in eine Umgebung von gegenseitigem Respekt und Unterordnung – sowohl in der Familie als auch in der Gemeinde.

Wir kommen also zu folgendem Schluss:

Die Unterordnung in der Gemeinde des Herrn soll nicht als Ausdruck einer hierarchischen und künstlichen Struktur verstanden werden, wie es z.B. in den Institutionen des Staates der Fall ist. In der Gemeinde ist die Unterordnung vielmehr eine natürliche Folge der familiären Beziehungen, die in den Kern- und erweiterten Familien existieren. Aus biblischer Sicht besteht in den Familien eine viel stärkere und wichtigere „Unterordnungsstruktur“ als in der Gemeinde. Diese Familienstrukturen sind der natürliche Ursprung der Ältestenschaft in der Gemeinde, und sie sind auch der Ursprung des Respekts und der Unterordnung, die freiwillig den Ältesten als weisen und reifen Vätern im Herrn entgegengebracht werden.
Jene Personen, die würdig sind, dass man sich ihnen auf diese Weise unterordnet, unterscheiden sich nicht durch ein definiertes „Amt“ oder eine „Position“, sondern dadurch, dass sie sich freiwillig „zum Dienst für die Heiligen gesetzt haben“ (1.Korinther 16,15-16), und dass sie als solche von der Gemeinde anerkannt wurden. All das ist eingebettet in die gegenseitige Unterordnung, die allen Gliedern der Familie Gottes entgegengebracht wird, unabhängig von ihrer Funktion in der Gemeinde oder Familie.

Im Licht der neutestamentlichen Lehre sollte jedem Leiter misstraut werden, der Unterordnung unter seine Person einfordert; und insbesondere dann, wenn diese Unterordnung kollidiert mit den von Gott eingesetzten familiären Beziehungen zwischen Ehepartnern oder zwischen Eltern und Kindern.

Nochmals Autoritarismus: Gibt es eine gemässigte Form von G12?

29. April 2019

Als ferner Beobachter lese ich, dass eine ganze Anzahl Freikirchen im deutschsprachigen Raum, u.a. die ICF-Gemeinden (International Christian Fellowship), schon vor manchen Jahren aus Südamerika das Gemeindemodell „G12“ importiert haben und als effizientes Jüngerschaftskonzept anpreisen. Darüber sind mehrere kritische Artikel erschienen, sowohl in christlichen wie nichtchristlichen Nachrichtenmedien, und auch auf den Webseiten von Sektenberatungsstellen. Aber in keinem der kritischen Artikel, die ich bisher gefunden habe, wurden die zwei Kernfragen angeschnitten, die jeder Kenner des südamerikanischen Originalmodells vermutlich zuerst stellen würde:

– Was lehrt und praktiziert ihr betreffend „geistliche Abdeckung“, Autorität, und Unterordnung?

Und: – Was geht an euren „Begegnungswochenenden“ vor sich?

In einem idea-Interview las ich zwar, dass einer der ICF-Leiter sagte, sie hätten verschiedene Aspekte des originalen G12-Modells, die ihnen zu extrem erschienen, „angepasst“. Er bezog sich damit aber nicht auf die beiden erwähnten Punkte, sondern lediglich auf die zeitliche Überbelastung der Mitglieder durch mehrere Zellgruppentreffen pro Woche. Bei „infosekta“ ist auch zu lesen, ICF habe das G12-Zellgruppenmodell inzwischen wieder abgeschafft, weil dessen pyramidale Struktur stark kritisiert wurde, und sei zu einem „hauskreis-ähnlicheren“ Kleingruppenmodell zurückgekehrt. Das sind sicher Schritte in die richtige Richtung. Dennoch frage ich mich, wieviel von der ursprünglichen „G12-Erbmasse“ bei deren europäischen Ablegern weiterhin vorhanden ist.

G12 ist wahrscheinlich, neben Bill Gothards „Basic Life Principles“ und dessen Ablegern, und möglicherweise einigen katholischen Ordensgemeinschaften, gegenwärtig die einflussreichste und aggressivste Bewegung zur Verbreitung eines extremen Autoritarismus in christlichem Gewand. Ähnlich wie bei den anderen genannten Bewegungen, sind jedoch auch bei G12 ihre eigentlichen Lehren und Praktiken nur Insidern zugänglich. Wer in einer G12-Gemeinde lediglich Gottesdienstbesucher ist, der wird nur selten mit den überzogenen Forderungen nach „Unterordnung“ konfrontiert werden. (Er wird aber wahrscheinlich mit der Zeit angeworben werden, an einem „Begegnungswochenende“ teilzunehmen und sich dem „inneren Kreis“ von Zellgruppenteilnehmern und -leitern anzuschliessen.)

Ich kenne die südamerikanische – also die originale – Version von G12 aus eigener Teilnahme an einer Gemeinde, die angefangen hatte, diese Methode zu übernehmen; sowie aus verschiedenen weiteren Zeugenberichten. Praktisch alle autoritären Lehren, die ich in meiner Artikelserie über dieses Thema beschrieben habe, werden dort in extremer Form vertreten und durchgesetzt. U.a. wird gelehrt: „Du dienst Gott dadurch, dass du deinem Leiter dienst.“ In der Praxis fühlen sich dann die Mitglieder verpflichtet, ihren Zellenleitern z.B. die Wohnung aufzuräumen und sauberzumachen, deren Auto zu waschen, usw.
Die Pyramidenstruktur wird bei G12 mit militärischer Konsequenz umgesetzt: Jedes Mitglied gehört zu einer Zelle von 12 Personen (der Zahl 12 wird eine magische Bedeutung zugeschrieben). Diese Zellen sind streng nach Alter und Geschlecht getrennt (sodass also Ehepaare und Familien nicht gemeinsam an den Zellgruppentreffen teilnehmen können).* Jeder Zellenleiter gehört wiederum zu einer Gruppe von 12 Leitern derselben hierarchischen Stufe, die einen Leiter über sich haben. Und so weiter bis zum örtlichen, regionalen oder nationalen Hauptleiter an der Spitze. Bei den Gemeinden, die der originalen G12-Organisation angeschlossen sind, geht das international weiter bis zum Gründer César Castellanos, der wie ein Papst unumschränkt herrscht. – Die Abkürzung G12 bedeutet „Gobierno – Regierung (!) – der 12″.
Mitglieder werden ausserdem angehalten, selber weitere 12 „Jünger“ anzuwerben und mit ihnen eine neue Zellgruppe zu beginnen.

*Meines Wissens haben einige Gemeinden später Ehepaar-Zellen eingeführt, um diesen Umstand wenigstens für die Ehepaare ein wenig zu lindern. In der Original-„Vision“ wurden jedoch auch Ehepaare getrennt.

Über die verschiedenen Auswüchse autoritärer Lehren und Praktiken habe ich schon in früheren Artikeln geschrieben. Bei G12 kommt noch dazu, dass oft mit der Angst vor Flüchen operiert wird. Ich war selber Zeuge, wie ein G12-Pastor einmal seine nächste Lehrstunde (Vorbereitung zu einem „Begegnungswochenende“) folgendermassen ankündigte: „Wusstet ihr, dass die Bibel über achtzig Arten erwähnt, wie man unter einen Fluch kommen kann? Von all diesen Flüchen braucht ihr Befreiung! Darüber werde ich an der nächsten Vorbereitungsstunde sprechen. Ihr müsst deshalb unbedingt an dieser Vorbereitung und am Begegnungswochenende teilnehmen.“
Es ist auch gängige Praxis, dass Mitglieder, die eine G12-Gemeinde verlassen wollen, von der Kanzel herab „offiziell“ unter einen Fluch gestellt werden, und den anderen Mitgliedern verboten wird, mit ihnen irgendwelchen Kontakt zu haben. Ablehnung der G12-„Vision“ wird gleichgesetzt mit dem endgültigen Abfall vom Glauben. Damit erwischt man zwei Fliegen auf einen Streich: Die verbleibenden Mitglieder werden abgeschreckt, sodass sie es nicht wagen, an die Möglichkeit eines Austritts zu denken; und dem austretenden Mitglied wird es verunmöglicht, den verbleibenden seine Bedenken gegenüber G12 mitzuteilen.

Kommen wir nun zu den berüchtigten „Begegnungswochenenden“. Im Originalmodell ist so ein Wochenende der Grundstein der Indoktrinierung in die „Vision“ von G12. Das geschieht mit äusserst invasiven Manipulationstechniken.
Schon im Vorfeld wird den Teilnehmern vermittelt, ein „Begegnungswochenende“ sei das absolut wundervollste Erlebnis, das man machen könne. Sie würden eine „gewaltige“ Begegnung mit Gott erleben wie noch nie zuvor in ihrem Leben, und würden von allen Problemen und Hindernissen in ihrem Glaubensleben befreit werden.
Sie müssen an mehreren Vorbereitungstreffen teilnehmen. Dort wird ihnen nicht nur aufgezeigt, wie nötig sie das Wochenende hätten (siehe obiges Beispiel), sondern sie werden bereits auf einige der Regeln während des Wochenendes vorbereitet. Dazu gehört u.a, dass es strengstens verboten ist, Handys, Radios, Kameras, oder irgendwelche anderen Kommunikationsmittel mitzunehmen. Es wird alles getan, um die Teilnehmer während des Wochenendes so vollständig wie möglich von der Umwelt und von anderen Menschen abzuschirmen. Es wird darauf geachtet, dass sogar Küchen- und Reinigungspersonal ausschliesslich aus „Eingeweihten“ besteht. Die Wochenenden werden vorzugsweise an einem möglichst abgelegenen Ort durchgeführt. Es gibt Gemeinden, wo die Teilnehmer nicht einmal darüber informiert werden, wo das Wochenende stattfindet.

Die Atmosphäre eines „Begegnungswochenendes“ muss einem Mysterienkult ähneln. Es gibt zwei strenge Schweigegebote: Die Mitglieder müssen sich verpflichten, zu niemandem darüber zu sprechen, was an einem solchen Wochenende geschieht. Sie dürfen nur sagen: „Es war gewaltig!“ Und wenn jemand genauer nachfragt, müssen sie sagen: „Das kann man nicht beschreiben, das kann man nur selber erleben.“ Und vielleicht noch: „Du solltest auch an einem solchen Wochenende teilnehmen!“ (Diese Sätze werden ihnen wörtlich so vorgeschrieben.) – Ausserdem dürfen die Teilnehmer während des Wochenendes auch untereinander nicht sprechen! Damit soll offenbar verhindert werden, dass über fragwürdige Praktiken kritisch reflektiert wird. Sie dürfen nur in den gemeinsamen Versammlungen vor allen sprechen, wenn sie dazu aufgefordert werden; z.B. um ein öffentliches Sündenbekenntnis abzulegen. Wenn sie Fragen haben, oder irgendetwas nötig haben, dann dürfen sie das nur einem Leiter mitteilen, aber nicht anderen Teilnehmern.

Dennoch sind Informationen nach draussen gedrungen, dank einiger weniger „Whistleblower“, die es wagten, das Schweigegebot zu übertreten. Ich weiss von mindestens zwei Pastoren, die an einem solchen Wochenende teilnahmen – der eine ahnungslos, der andere absichtlich als „Spion“ -, und sich nachher klar gegen G12 aussprachen und Erlebnisse mitteilten. Auch andere Teilnehmer haben es gewagt, Erlebnisse zu veröffentlichen. Die ganze G12-Bewegung (zumindest im Originalmodell) ist stark zentralistisch gesteuert und vereinheitlicht, sodass anzunehmen ist, dass die „Begegnungswochenenden“ überall etwa nach demselben Schema ablaufen. Es gibt anscheinend ein Handbuch für „Begegnungswochenenden“, das die im folgenden erwähnten Praktiken detailliert beschreibt. Aber natürlich darf dieses Handbuch von „Unbefugten“ nicht eingesehen werden.

– Den Teilnehmern (egal ob bereits wiedergeboren oder nicht) wird gesagt, sie würden an diesem Wochenende ihre erste wirkliche Begegnung mit Gott erleben; alle ihre vorangegangenen christlichen Erfahrungen seien nichts dagegen. Infolgedessen müssen sie u.a. alle Sünden und alle „geistlich hinderlichen Gewohnheiten“ ihres Lebens bekennen (auch wenn diese schon längst bekannt und vergeben sind). Sie werden sogar dahingehend beeinflusst, frühere Erfahrungen mit Gott und in anderen christlichen Gemeinden in Frage zu stellen.

– Um das Erlebnis emotionell intensiver zu gestalten, werden alle möglichen Symbolhandlungen durchgeführt. Z.B. werden Papierblätter mit den aufgeschriebenen Sünden der Teilnehmer an ein Kreuz genagelt; oder in eine Urne gelegt und anschliessend verbrannt oder in der Erde vergraben. Den Teilnehmern werden Hände und Füsse mit schwarzen Papierstreifen zusammengebunden, die okkulte Belastungen und Flüche darstellen; dann müssen alle in einem bestimmten Moment diese Streifen zerreissen, worauf ihnen erklärt wird, sie seien jetzt frei davon. Jemand berichtete, die Teilnehmer seien angewiesen worden, ihre Geschlechtsorgane mit Öl zu salben, um von Krankheiten und von sündigen Gewohnheiten frei zu werden. Es wird den Teilnehmern gesagt, sie sollten immer eine Papier- oder Plastiktüte dabeihaben, weil manche Personen erbrechen müssten, wenn Dämonen aus ihnen ausfahren. Das hat anscheinend eine Suggestivwirkung, sodass viele Teilnehmer tatsächlich erbrechen müssen.

Es mag evtl. vertretbar sein, gewisse Symbolhandlungen zu verwenden, sofern die Teilnehmer aus eigenem Entschluss daran teilnehmen (was im Rahmen der „Begegnungswochenenden“ aber nicht der Fall ist!), und sofern allen Beteiligten klar ist, dass es in Wirklichkeit nicht auf das Symbol ankommt, sondern allein auf das Wirken Gottes. Doch besteht immer die ganz grosse Gefahr des sakramentalen Missverständnisses: Die Teilnehmer nehmen an (oder es wird ihnen sogar suggeriert), das Symbol oder Zeichen an sich bewirke eine geistliche Realität. Also z.B, sie würden tatsächlich durch das Zerreissen eines Papierbands von Belastungen befreit. Damit setzen sie ihr Vertrauen auf ein Symbol statt auf Gott.
Dazu kommt das priesterliche Missverständnis: Es wird der Eindruck erweckt, die Leiter einer solchen Veranstaltung hätten die Macht, nach ihrem Gutdünken Gottes Wirken herbeizubefehlen oder zu „spenden“. Dadurch machen sie sich fälschlicherweise zu „Mittlern zwischen Gott und Menschen“ (siehe 1.Tim.2,5), und stehlen Gott die Ehre.
Sehr bedenklich scheint mir auch die gruppenweise Abfertigung von sehr persönlichen Angelegenheiten wie okkulte Belastungen oder sexuelle Probleme, die eigentlich in die persönliche Seelsorge gehören und zu einer ernsthaften Aufarbeitung längere Zeit benötigen. Es wird damit suggeriert, alle Teilnehmer seien belastet, und alle würden durch die vollzogenen Riten frei – was sehr oft nicht der Wirklichkeit entspricht.

– Um „die Vergangenheit aufzuarbeiten“, werden die Teilnehmer psychologisch in ihre Kindheit zurückversetzt. Zu diesem Zweck müssen z.B. die Männer mit Spielzeugautos spielen und die Frauen mit Puppen. Dann müssen sie sich auf die Kniee eines Leiters oder einer Leiterin setzen, welche(r) stellvertretend Vater oder Mutter darstellen, und ihnen „alles sagen, was sie ihren Eltern schon immer sagen wollten, aber nicht konnten“; insbesondere um Vergebung bitten und Vergebung zusprechen. Das wird sogar dann durchgeführt, wenn die betreffenden Eltern gar nicht mehr leben. (Ein verhüllter Versuch zur Kontaktaufnahme mit Toten??) Es wurde berichtet, einzelne Teilnehmer hätten nach diesem Ritual nicht mehr in die Gegenwart zurückgefunden und hätten während des ganzen Wochenendes nur noch wie Kleinkinder sprechen können.

Psychologen kennen solche Methoden unter der Bezeichnung „Regressionstherapie“, und warnen, solche nur unter der Aufsicht von gut ausgebildeten und erfahrenen Fachleuten anzuwenden, da diese sonst mehr Schaden als Nutzen verursachen können. Bei G12 aber sind es psychologische Laien, die auf fahrlässige Weise sämtliche Teilnehmer einer solchen „Behandlung“ unterziehen, ohne Rücksicht darauf, ob eine solche überhaupt angezeigt wäre.

Mir ist persönlich der Fall einer jungen Frau bekannt, die nach einer schwierigen Lebensphase einen Neuanfang im Glauben machte und von verschiedenen Belastungen befreit wurde. Etwas später wurde sie von einer G12-Gemeinde an ein „Begegnungswochenende“ eingeladen und nahm teil. Sie hatte eine sehr problematische Beziehung zu ihrer Mutter. Natürlich ging sie am Wochenende auch durch diese ganze Regression und „stellvertretende Versöhnung“. Zudem hatten die Veranstalter die Eltern aller teilnehmenden Jugendlichen aufgeboten, diese bei der Rückkehr vom Wochenende festlich in Empfang zu nehmen mit Plakaten wie: „Wir lieben dich!“ „Wir freuen uns, dass du da bist!“, usw. Die Mutter jener jungen Frau hatte dem Aufruf auch Folge geleistet. Die Tochter war überwältigt und dachte, ihre Beziehung zu ihrer Mutter sei jetzt tatsächlich wiederhergestellt. Aber bald musste sie feststellen, dass jener Empfang nur Theater gewesen war, und dass sich in Wirklichkeit nichts geändert hatte. Enttäuscht zog sie von zuhause aus an einen weit entfernten Ort, begann mit einem ungläubigen Mann zusammenzuleben, und verlor jedes Interesse am christlichen Glauben.

– Aus persönlichen Gesprächen erfuhr ich zudem, dass die Teilnehmer sich formell zu unbedingtem Gehorsam ihren Leitern gegenüber verpflichten müssen. Aus einer Gemeinde hörte ich auch, dass die Teilnehmer sich zu speziellen Kleidungs- und Verhaltensnormen verpflichten mussten, insbesondere während der Sonntagsgottesdienste. Ich weiss nicht, ob das Sonderregeln jener Gemeinde waren, oder ob das für G12-Gemeinden allgemein zutrifft.

Soweit also die originale G12-Vision. Angesichts dieser Hintergründe wäre es interessant zu wissen, wie viel von diesem Modell in europäischen G12-Gemeinden tatsächlich umgesetzt wird. Journalisten, Kritiker, und interessierte Aussenstehende haben die entsprechenden Fragen anscheinend noch nicht gestellt – oder wenn, dann sind diese nicht beantwortet worden. Der geneigte Leser wird unschwer verstehen, dass da, wo das Originalmodell angewandt wird, man von gegenwärtigen Mitgliedern und Leitern kaum wahrheitsgemässe Antworten auf diese Fragen erhalten wird. Man wird sich in diesem Fall wahrscheinlich nach ausgetretenen Ex-Mitgliedern umsehen müssen, die bereit wären, das Schweigegebot zu übertreten und damit möglicherweise ihren Frieden und ihre seelische und körperliche Gesundheit aufs Spiel zu setzen.

Vielleicht sind ja die deutschsprachigen Freikirchen, die mit G12 liebäugeln, nicht so extrem. Aber dann müsste gefragt werden, warum sie überhaupt Konzepte von G12 aufnehmen. Man sollte dazu wissen, dass César Castellanos selber seinen Anhängern streng verboten hat, auch nur das Geringste an seiner „Vision“ zu ändern. „Man kann die Vision nicht adaptieren (anpassen), man kann sie nur adoptieren (d.h. detailgetreu 1:1 übernehmen)“, soll er kategorisch festgestellt haben. Von daher ist sehr fraglich, ob es eine „gemässigte“ Version von G12 überhaupt geben kann. Bzw, falls es eine solche gäbe, dürfte sie sich eigentlich (nach dem Diktat des Gründers) nicht mehr G12 nennen.

Autoritarismus bei Aussteigern aus der kirchlichen Welt

21. April 2019

In vergangenen Artikeln habe ich aus verschiedenen Perspektiven die Themen „Autoritarismus“ und „Machtmissbrauch“ beleuchtet. Oft geschehen solche Dinge in Freikirchen und ähnlichen Organisationen. Als Gegenbewegung dazu hörte man in den vergangenen Jahrzehnten von verschiedenen Richtungen von nicht-institutionellen christlichen Gemeinschaften, „einfachen Gemeinden“, „Out-of-Church-Christians“ („Christen ausserhalb der Kirche“), usw. Ich nehme an, dass nicht wenige Menschen, die sich mit solchen Bewegungen identifizieren, vor dem Machtmissbrauch in institutionellen Kirchen geflüchtet sind.

Doch auch solche Bewegungen sind vor hierarchischem Denken und autoritären Lehren nicht sicher. Manche Hausgemeindebewegungen sind von Anfang an mit einer klaren hierarchischen Struktur und dem Konzept von „Unterordnung“ gegründet worden, und sind in dieser Hinsicht nicht besser als die institutionellen Kirchen. Bei anderen kommen die autoritären Ideen und Praktiken eher durch die Hintertür herein.

– So fand ich einmal eine Webseite einer „nicht-institutionellen“ christlichen Gemeinschaft, die viel von der Rückkehr zum neutestamentlichen Gemeindemodell sprach, wo jeder nach seinen Gaben beiträgt, die Mitglieder ihr Leben miteinander teilen, und echte Bruderschaft gelebt wird. Auf der Webseite selber teilten Mitglieder Gedanken, Gebete und Lieder mit. Alles sah sehr ansprechend und harmonisch aus.
Später fand ich Zeugnisse von ehemaligen Mitgliedern, wonach im Innern dieser Gemeinschaft die Dinge ganz anders aussahen. Von Mitgliedern wurde erwartet, dass sie in dasselbe Wohnviertel umzogen, wo bereits die anderen Mitglieder lebten. Das „gemeinsame Leben“ wurde derart überbetont, dass Mitglieder unter ständige Überwachung gestellt wurden, sodass sie nicht einmal allein zum Einkaufen gehen durften. Sie mussten den Kontakt zu Verwandten abbrechen, die der Gruppe skeptisch gegenüberstanden; und wenn sie doch einmal Verwandte besuchten, mussten sie dabei von einem „gut indoktrinierten“ Mitglied begleitet werden. Sie durften nicht einmal allein die Bibel lesen oder beten; alles musste „in Gemeinschaft“ geschehen. Obwohl es offiziell „keine Hierarchie“ gab, war allen Insidern völlig klar, wer die Leiter waren; und den Anordnungen des Hauptleiters durfte auf keinen Fall widersprochen werden. Neue Mitglieder mussten beim Eintritt eine Generalbeichte ablegen über sämtliche Sünden, die sie je begangen hatten. Diese Beichte wurde protokolliert, sodass die Leiter diese Liste später dazu gebrauchen konnten, „rebellische“ Mitglieder zu erpressen. – Ausserdem wurde vermeldet, dass Internetseiten, die negative Informationen über die Gruppe enthielten, jeweils nach kurzer Zeit auf mysteriöse Weise zu verschwinden pflegten.

– Mike Dowgiewicz ist ein Autor, der stark das Engagement christlicher Väter in ihren eigenen Familien betont, vor allen Verantwortungen in Beruf, Gemeinde, usw. Ich verdanke ihm wertvolle Einsichten über biblische Ältestenschaft vor dem Hintergrund der altjüdischen Kultur. Doch fand ich heraus, dass auch er ein Verfechter der unbiblischen „Chain of command“ ist (militärische Befehlshierarchie innerhalb der christlichen Gemeinschaft). Als ich ihm deswegen schrieb, antwortete er sehr unwirsch, und warf mir vor, ich versuchte ihn „psychologisch zu manipulieren“. Leider ein typisches Reaktionsmuster: Wenn autoritäre Leiter wegen eines konkreten Punktes in Frage gestellt werden und die Argumente nicht entkräften können, dann gehen sie zu persönlichen Angriffen über und unterstellen dem Fragesteller unlautere Motive.

– In diesem Zusammenhang beobachte ich schon seit längerer Zeit mit einiger Besorgnis die Entwicklung von Wolfgang Simson. Während langer Zeit hat er in seinen Veröffentlichungen hauptsächlich nicht-hierarchische, z.T. sogar fast familiäre Strukturen und Modelle von Gemeinschaft beschrieben. In einer Hausgemeinden-Konferenz 2006 in Spokane (USA) [eine Aufnahme davon war seinerzeit im Internet veröffentlicht] machte er eine Aussage, die mich sehr berührte und mich hoffen liess, er sei drauf und dran, die Familienstruktur christlicher Gemeinschaft zu entdecken: „Wenn wir glauben, dass Gott ein Richter ist, dann wird die Kirche wie ein Gerichtssaal. Wenn wir glauben, dass Gott ein Arzt ist, dann wird die Kirche wie ein Spital, wo wir unsere Wunden pflegen, und nachher einander wieder von neuem verletzen. Wenn wir glauben, dass Gott ein General ist, dann wird die Kirche wie eine Kaserne. Wenn wir aber Gott als unseren Vater sehen, dann wird die Kirche wie eine Familie sein.“

Aber leider ist er von dieser Idee wieder abgedriftet. Seine neueren Publikationen neigen immer mehr zu autoritär-hierarchischen Vorstellungen. Statt vom „Haus“ (Familie), von „organischer Gemeinschaft“, oder ähnlichen Konzepten, spricht er nun fast ausschliesslich vom „Königreich“. Zugleich beobachte ich eine abnehmende Transparenz darüber, was er nun wirklich lehrt über die praktische Verwirklichung dieses Konzepts.

Schon in jenen Aufnahmen von 2006 waren einige alarmierende Aussagen zu finden, die ich damals einfach „übersah“ – bzw. ich verfiel in den Fehler, auch das Problematische einfach hinzunehmen, weil mir der Mann und seine Ideen sympathisch waren. Im Rückblick sehe ich, dass er schon damals seine spätere Entwicklung klar vorgezeichnet hat. Ich möchte nur den „dicksten Hund“ erwähnen:

In Simsons Königreich ist es obligatorisch, dass Neubekehrte alle ihre Güter, die über das Lebensnotwenige hinausgehen, „den Aposteln zu Füssen legen“. Diese Apostel entscheiden dann darüber, was für Personen bzw. Projekte mit diesem Geld unterstützt werden sollen. Wolfgang Simson sagt in seinem Vortrag: „Das waren also ganz enorme Summen, die den Aposteln zu Füssen gelegt wurden. Der Gegenwert vieler Häuser und Grundstücke! Das war praktisch der Eintrittspreis, den alle bezahlten, die ins Christentum eintraten. Sie gaben alle Sicherheiten auf, weil sie zwei neue Sicherheiten gefunden hatten: in Gott und in der Gemeinde. Was brauchten sie mehr? Die Schlussfolgerung war deshalb, in der Urgemeinde, dass wenn jemand reich werden wollte, dann war er besessen …“ – Auch der Ausdruck „Idiot“ bezeichne jemanden, der nicht bereit sei, sich von überflüssigen Gütern zu trennen und diese „den Aposteln zu Füssen zu legen“. – Etwas später sagt er: „Das heutige Äquivalent des Ortes ‚zu Füssen der Apostel‘ wäre eine apostolische Stiftung in einer Region, verwaltet von Personen, die an Ort eine ‚Geschichte des Vertrauens‘ haben, d.h. von den anderen als echte Apostel anerkannt sind … Ich schlage vor, dass einfach jemand mit einer solchen Stiftung anfangen sollte; und die Beiträge der neuen Hausgemeinden und der vielen Christen, die keiner Kirche mehr vertrauen, und der Geschäfte und der Neubekehrten werden dort einbezahlt; und dann gäbe es genügend Geld, um 50, 100 oder 200 Erntearbeiter zu bezahlen …“
In seinem Buch „Die Verfassung des Königreichs“ (2014) erscheint dieser Gedanke wieder (S.134):
„Das Königreich kennt, wie jedes andere Land, eine zentrale Finanzverwaltung. Die Bibel benutzt dafür Ausdrücke wie (…) der Platz vor den Füssen der Apostel (Apg.4,34-35; 5,1-2) (…) So wie Judas der Banker von Jesus war (er hatte „den Beutel“ Joh.13,29), waren (und sind) die Apostel Gottes Banker.“ [Hervorhebungen im Original.]

Dazu ist einiges zu sagen. Angesichts der gegenwärtigen Verhältnisse unter jenen, die sich Christen (oder auch „Königreichsbürger“) nennen, ist ein solcher Vorschlag zumindest blauäugig, wenn nicht Schlimmeres. Integrität – besonders finanzielle Integrität – ist eine derartige Mangelware, dass überall da, wo in „christlichen“ Kreisen bisher ein paar tausend Dollars veruntreut werden, diese Summe sofort in Millionenhöhe schnellen würde.
Zweitens würde ein solches Vorgehen den Einzelnen entmündigen. Was ist dann mit den Aufrufen an die Verantwortung des Einzelnen, selber mit den Bedürftigen, von denen er Kenntnis hat, zu teilen? (Z.B. Gal.6,6.9-10; Eph.4,28; Jak.1,27) Zum reichen Jüngling sagte Jesus: „Verkaufe, was du hast, und gib es den Armen.“ (Matth.19,21 und Parallelen.) Er sagte nicht: „Lege es den Aposteln zu Füssen.“ Und auch nicht: „Gib es mir, damit ich es so verteilen kann, wie es recht ist.“ Jesus traute dem reichen Jüngling zu, selber bedürftige Personen zu finden und seinen Besitz angemessen verteilen zu können. Bestimmt traut er das auch jedem seiner Nachfolger zu.
Im Neuen Testament ist Geben freiwillig. Die Mitglieder der Urgemeinde gaben grosszügig, weil der Heilige Geist sie so leitete. (Auf weitere Faktoren gehe ich weiter unten ein.) Es wäre aber anmassend und tyrannisch, dasselbe als Obligatorium von Menschen zu fordern, in denen der Heilige Geist nicht auf diese Weise gewirkt hat. Tatsächlich liefe dies auf eine zwangsweise Umverteilung von Gütern nach kommunistischem Muster hinaus.

Von der Bibel her ist dazu zu sagen, dass Geschehnisse, die berichtet werden, nicht einfach so als normativ und „obligatorisch“ für alle Zeiten und alle Orte erklärt werden können. Es gibt kein neutestamentliches Gebot, Häuser und Grundstücke zu verkaufen und den Erlös „den Aposteln zu Füssen“ zu legen. Ebensowenig wurden Mitglieder der Urgemeinde als „besessen“ oder „Idioten“ beschimpft und beschämt, wenn sie dies nicht taten. Wolfgang Simson begeht den Fehler, die besondere Situation der Urgemeinde in Jerusalem für die Gemeinde aller Zeiten und aller Orte verpflichtend zu machen. Dabei lässt er folgende Umstände ausser Acht:
– Jesus hat die Zerstörung Jerusalems (und nur Jerusalems) prophetisch vorhergesagt. Deshalb war es sinnvoll, Häuser und Grundstücke in dieser Stadt zu verkaufen, denn die Jünger wussten, dass diese nach relativ kurzer Zeit sowieso zerstört werden würden. Aus anderen Städten berichtet das Neue Testament nichts vom Verkaufen von Liegenschaften.
– Auch in der Jerusalemer Gemeinde war das kein Obligatorium. Ananias und Saphira wurden nicht deshalb gerichtet, weil sie Geld zurückbehalten hatten, sondern weil sie deswegen gelogen hatten (Apg.5,4). Es wäre besser für sie gewesen, alles Geld für sich zu behalten; denn das wäre wenigstens ein ehrlicher Ausdruck ihrer Herzenshaltung gewesen, und wäre nicht verurteilt worden: „Bliebe es nicht unverkauft dein [Eigentum]; und [auch] nach dem Verkauf war es in deiner Gewalt?“
– In der Urgemeinde herrschte eine aussergewöhnliche Heiligkeit und Integrität. Deshalb war es dort möglich, den Aposteln zu vertrauen hinsichtlich der Verwaltung der Güter. Nie in ihrer weiteren Geschichte hat die christliche Gemeinde auch nur annähernd diese Höhe wieder erreicht. Später war es deshalb vernünftiger, im Normalfall das Geben der Verantwortung des Einzelnen zu überlassen (siehe die weiter oben angeführten Stellen), und nur in Ausnahmefällen Spenden zentral zu verwalten. (Die Sammlungen für Jerusalem – Apg.11,29-30; 2.Kor.8 und 9 – waren solche Ausnahmen; die einzigen, die im Neuen Testament berichtet werden.)
– Die Apostel selber haben nie eine Verantwortung als „Banker“ gesucht oder gar gefordert. Sie sahen darin keine von Gott gegebene Berufung, sondern im Gegenteil eine unangemessene Last, die sehr bald zu Problemen führte, und die sie so bald wie möglich wieder loswerden wollten: „Es ist nicht angemessen, dass wir das Wort vernachlässigen und bei den Tischen Dienst tun. (…) Wir jedoch wollen beim Gebet und beim Dienst des Wortes verharren.“ (Apg.6,1-4.)

Nun wird eine Beurteilung der Lehren Simsons erschwert dadurch, dass er sich widersprüchlich äussert. Er weiss offenbar um die Problematik des Autoritarismus und kritisiert ganz direkt gewisse autoritäre Strömungen, z.B. den Dominionismus oder Rekonstruktionismus (eine v.a. in den USA verbreitete Strömung mit dem Ziel, dass Christen politischen und gesellschaftlichen Einfluss gewinnen sollen, um biblische Werte in der gesamten Gesellschaft durchzusetzen und so das Königreich Gottes herbeizuführen). In einem Rundbrief vom Januar 2018 beklagte er auch, wie die Ausbreitung des Christentums oft mit der Kolonisierung Hand in Hand ging, und statt des Königreichs Gottes nur westlich-kulturelle kirchliche Formen exportiert wurden. (Seltsamerweise erwähnt er dabei aber nur reformierte und evangelikale Kirchen. In einem persönlichen Mail bagatellisierte er dagegen die Eroberung und Unterwerfung eines grossen Teils Amerikas durch die Spanier auf Geheiss des Vatikans, und zeigte kein Interesse, eine Initiative amerikanischer Eingeborener zu unterstützen, die seit 1992 Petitionen an den Papst richten, um die diesbezügliche Bulle von 1493 endlich(!) widerrufen zu lassen.)
Öfters warnt Simson vor „religiösen Stars“, Personenkult, und vor Leitern, die andere zu ihren eigenen Jüngern machen wollen. Dem traditionellen institutionellen Kirchensystem wirft er vor, aus eigenmächtig aufgebauten Königreichen zu bestehen, die Menschen folgen statt Gott.

Doch dann baut er genau dasselbe wieder auf, was er soeben niedergerissen hat. Z.B. scheut er sich nicht, gewisse Menschen als „seine“ Jünger zu bezeichnen.
– In den kolonialisierten Ländern wurde das Evangelium nicht als Erlösungsbotschaft verkündet, sondern als Botschaft der Unterwerfung unter die „christliche“ Kolonialmacht, die angeblich Gottes Reich verkörperte. Wolfgang Simsons Königreichstheologie begeht genau denselben kolonialen Fehler: Aus der von Jesus begründeten Bruderschaft ohne Hierarchie (Matth.23,8-12), bzw. „Schafherde“ mit Jesus als einzigem Hirten (Joh.10), macht er ein reglementiertes „Königreich“. In dieses Reich einzutreten wird gleichgesetzt mit der Unterordnung unter „apostolische Menschen“, die Gottes „Regierungsvertreter“ auf dieser Erde seien. Damit wird der Grundstein gelegt zu einer neuen Generation von entmündigten, indoktrinierten Nachfolgern, die ihre Gottesbeziehung aus zweiter Hand leben. Ja, Simsons „Kingdom Manifesto“ spricht ausdrücklich von „Kolonien des Königreichs Gottes auf Erden“.

Von diesem Königreich spricht Simson fast ausschliesslich in einer amtlichen, institutionellen Sprache. Es geht um „Regierung“, „Gesetze“, „Legalität“, „Einbürgerung“, „Staatsbank“, sogar „Staatsgeheimnisse“ und einen „Amtseid“. Die neutestamentlichen Aussagen über christliche Gemeinschaft und christliches Leben, die mehr beziehungsmässige und organische Aspekte betonen, treten dagegen in den Hintergrund, oder kommen in Simsons neueren Verlautbarungen überhaupt nicht mehr vor.

In einem neueren Rundbrief (März 2019) sagte er u.a: „Viele Bibelübersetzer mögen den Gedanken nicht, dass der Mensch im Königreich ein Untergebener, und damit ein Befehlsempfänger Gottes ist.“ Das ist zwar richtig, wenn es über unsere Stellung vor Gott gesagt wird. Aber:
– Es ist nur eine Teilwahrheit. Wir sind nicht nur Befehlsempfänger, sondern auch geliebte Kinder, Freunde und Mitarbeiter Gottes, Glieder am Leib Christi, und noch so manches mehr!
– Diese Teilwahrheit wird regelmässig von autoritären Leitern dazu missbraucht, Gehorsam und Unterordnung ihnen gegenüber zu erzwingen. Wo immer die Wahrheit über Gott als König überbetont wurde, da erschienen sofort zahlreiche Unterkönige, die ihren Anteil an Gottes Befehlsgewalt beanspruchten. Sogar wenn Simson das nicht vorhätte: garantiert werden es zahlreiche seiner Anhänger tun.

Über seinen „Plan B“, seine Alternative zur herkömmlichen Kirche, schrieb er im Oktober 2018: „Es geht ja hier um viel mehr als darum, die klassische Kirche mit ihren Synagogenstrukturen in ein Privathaus zu verlegen und es „Hauskirche“ zu nennen. Es geht um die Frage, wie das Haus Gottes, die Nation Gottes, Gestalt gewinnt. Es ist fast wie eine Wiedererfindung der römisch-katholischen Kirche, nur dass das Ergebnis weder römisch ist, noch katholisch, noch eine klassische Kirche.“
Und ähnlich im März 2019: „Es geht ja um nicht weniger als um eine biblische Alternative zum Kirchgänger-tum, und letztlich um eine neue Landeskirche auf der Basis der Hauptbotschaft von Jesus – dem Königreich.“
Diese Aussagen machen sehr deutlich, wohin die Reise geht. Nicht zurück zum Neuen Testament, sondern zurück zum konstantinischen Zeitalter. Zurück zu genau jener „Erfindung“, die von den meisten anderen Kritikern des traditionellen Kirchensystems als der katastrophalste Tiefpunkt der ganzen Kirchengeschichte angesehen wird.

Simsons Königreich hat eine „Verfassung“, auf die jeder „Bürger“ einen „Loyalitätseid“ schwören muss – entgegen Matth.5,34-37, und entgegen Simsons eigener Beteuerung, es sei nicht richtig, einer irdischen Leiterschaft gegenüber irgendeine „Bundesverpflichtung“ einzugehen. Diese „Verfassung“ ist nun aber nicht die Bibel, sondern Simsons eigener Extrakt und eigenwillige Auslegung davon, die er unter dem Titel „Die 75 Gebote Jesu“ zusammenfasst. Seine Nachfolger sollen also offenbar nicht eine eigenständige Beziehung zu Jesus aufbauen oder selber um ein richtiges Verständnis der biblischen Aussagen ringen, sondern exakt Simsons spezieller Auswahl und Auslegung folgen. Unter seiner Auslegung des Gebots „Hortet nicht …“ findet man z.B. die eingangs zitierte Forderung, aller nicht lebensnotwendige Besitz müsse zentralistisch „zu Füssen der Apostel“ gesammelt werden.

Liebe Nachfolger von Jesus Christus, bitte lasst euch von niemandem enteignen, weder materiell noch geistlich. Jesus allein hat die Verfügungsgewalt über unsere Zeit, unseren Besitz, unsere Talente und Fähigkeiten, unsere Beziehungen, unsere Berufung und unseren Platz in seinem Reich. Er hat nie irgendeinen seiner Jünger bevollmächtigt, diese Verfügungsgewalt über andere Jünger auszuüben. Deshalb wollten die neutestamentlichen Apostel weder Vermögensverwalter (Apg.6,2-4) noch „Herren über jemandes Glauben“ (2.Kor.1,24) sein. Erst neuere Strömungen wie Dominionismus, Peter Wagners „Neue Apostolische Reformation“ (NAR), und eben Wolfgang Simsons „Königreichslehre“, wollen Apostel zu Herrschern, Regierungsfunktionären und Bankern machen.

In der Bibel ist klar, dass die sichtbare Aufrichtung des Reiches Gottes dann geschieht, wenn Jesus wiederkommt (Matth.25,31-34; Luk.19,11-15; Offb.19,11-16; 20,4). Zu jenem Zeitpunkt werden tatsächlich manche seiner Jünger „Regierungsfunktionen“ erhalten (Luk.19,16-19; 22,29-30; Offb.20,4.6) – aber nicht vorher.
Wolfgang Simson erklärt aber Stellen wie Daniel 2,44-45 als eine esoterische „Kingdom Singularity“, einen nahe bevorstehenden Moment, wo sich Gottes Königreich auf der Erde manifestieren würde aufgrund der Wirksamkeit der „Königreichsbürger“. (So in seinem „Kingdom Manifesto“.) Die Wiederkunft Jesu kommt in diesem Zusammenhang nicht vor! Das ist genau die „Kingdom Now“ („Königreich jetzt“) – Theologie, die den Kern des Dominionismus und verwandter Strömungen bildet: Nachfolger Jesu würden schon vor seiner Wiederkunft auf dieser Erde die Zustände des Reiches Gottes einführen, und würden damit zu einem dominierenden Einfluss werden.
Der Verdacht liegt daher nahe, dass Simson Strömungen wie Dominionismus, „Neue Apostolische Reformation“ (NAR) und ähnliche nur deshalb kritisiert, damit er umso einfacher seine eigene Konkurrenzversion davon einführen kann.

Man mag mir vorwerfen, ich hätte seine Anliegen falsch verstanden. Doch in diesem Fall hätte er über ein Jahr Zeit gehabt für eine Klarstellung. Ich habe ihm per e-Mail mehrmals meine Bedenken unterbreitet, und er hat jedes Mal ausweichend oder gar nicht darauf geantwortet. Dies ist mein letztes Mail an ihn, vom März 2018 (nicht 2019!), welches bis heute ohne Antwort blieb:

Lieber Wolfgang,

danke für Dein Mail. Danke für den Hinweis, dass nicht nur das Königtum, sondern auch die Vaterschaft Gottes von Menschen usurpiert und verfälscht werden kann.

Eine Antwort auf meine Anfragen finde ich in Deinem Artikel („Father-Son-Wineskins“) allerdings nicht. Er hat ja nur ganz am Rande etwas zu tun mit dem, was ich Dir geschrieben habe. Ja, Du grenzt Dich darin verbal von autoritären Strömungen ab, und sprichst schön von „horizontaler Bruderschaft“ usw… – aber nur da, wo Du andere kritisierst. Dein eigenes Konzept kommt in diesem Artikel ja gar nicht zur Sprache. Wo kommen diese Gedanken in Deinem eigenen Modell vor, und wie werden sie da praktisch verwirklicht? Du sprichst ja u.a. von einer „Regierungsbildung im Königreich Gottes“, die gegenwärtig vorbereitet werden soll; und Du forderst sogar, Apostel zu Verwaltern von Millionen- und gar Milliardenbeträgen zu machen – also praktisch eine Enteignung der Staatsbürger nach kommunistischem Muster. Damit gehst Du bezüglich Autoritarismus noch weiter als die meisten Vertreter von Dominionismus, NAR, usw. – in eklatantem Widerspruch zu dem, was Du in dem mir zugesandten Artikel schreibst. Und einer Beantwortung meiner diesbezüglichen Anfragen bist Du nun zum zweiten Mal ausgewichen.

Also, zum dritten Mal, und etwas klarer ausgeführt:

– Was für Machtbefugnisse haben Apostel genau, gemäss Deinem Modell?
– Was verstehst Du unter der „Regierungsbildung im Königreich Gottes“ in der gegenwärtigen Zeit, und wie soll diese konkret verwirklicht bzw. vorbereitet werden?
– Inwiefern unterscheidet sich Deiner Meinung nach Dein eigener Ansatz wesensmässig von den autoritären Strömungen, die Du kritisierst?
– Und was triffst Du konkret für Vorkehrungen, damit dieser wesensmässige Unterschied nicht nur in der Theorie besteht, sondern auch in der Praxis? D.h. was tust Du konkret, um der Errichtung autoritärer Strukturen unter Deinen Mitarbeitern und Nachfolgern vorzubeugen?

Falls ich etwas an Deinen Aussagen missverstanden haben sollte, wäre ich für eine Klarstellung dankbar. Solange Du aber meine Anfragen einfach nicht oder nur ausweichend beantwortest, trägt das nur dazu bei, meine Bedenken zu verstärken und Dich und Deine Projekte als zumindest „verdächtig“ einzustufen. Ich hoffe, Du verstehst das. Mangelnde Transparenz ist auch ein Kennzeichen autoritärer Strukturen und Leiter.

Mit vielen Grüssen,

Hans

Abschliessend möchte ich kurz versuchen, ein biblisches Gegengewicht zu Simsons Königreichslehre aufzuzeigen.

Das Königtum und die Souveränität Gottes sind tatsächlich wichtige biblische Wahrheiten. Und ich habe den Eindruck, manche christliche Gemeinschaften brauchen tatsächlich eine Korrektur in dieser Richtung. Doch wenn dieser Aspekt einseitig überhöht wird, dann entsteht auch wieder ein verzerrtes Bild von Gottes Plan, und führt zu einer frommen Diktatur.

Jesus sagte zu seinen Jüngern: „Ihr wisst, dass die Regierenden der Völker über sie dominieren, und ihre Grossen unterdrücken sie. So soll es nicht sein unter euch; sondern wer unter euch gross werden will, sei euer Diener; und wer unter euch der erste sein will, sei euer Sklave; so wie auch der Menschensohn nicht gekommen ist, um bedient zu werden sondern zu dienen, und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.“ (Matth.20,25-28; ebenso Mk.10,42-25; Luk.22,25-27.)
Bezeichnenderweise hat Wolfgang Simson genau dieses Gebot in seiner „Verfassung des Königreichs“ ausgelassen. Jesus sagt, dass in seinem Reich Autorität gerade nicht so verstanden und ausgeübt werden solle wie in einem weltlichen Staat. Das bedeutet aber auch, dass der Begriff „Reich Gottes“ nicht mit Inhalten gefüllt werden darf, die weltlichen Regierungsformen entnommen sind. Damit werden alle Vergleiche hinfällig, welche das Reich Gottes in den Begriffen eines heutigen Staatswesens erklären wollen.

So sagt z.B. das Neue Testament nicht, man werde „ins Reich Gottes eingebürgert“, sondern man werde „in Gottes Familie hineingeboren“. Der entscheidende Unterschied zwischen den beiden Metaphern besteht darin, dass Einbürgerung ein bürokratisch-institutioneller Vorgang ist, Geburt dagegen ein natürlich-organischer. Wer daraus eine „Einbürgerung“ machen möchte, der ist mit Volldampf auf dem Weg zurück zur institutionellen Amtskirche, ob er das nun wahrhaben will oder nicht. – Und wer sind dann die „Einbürgerungsbeamten“ (die ein Gesuch annehmen oder ablehnen können)? Muss sich von jetzt an jeder Anwärter auf das Reich Gottes von einem Simson-Anhänger überprüfen lassen, ob er Simsons Eintrittsbedingungen erfüllt?

Im übrigen ist das „Königreich Gottes“ nur eines von mehreren Bildern, die uns die Ordnungen Gottes verdeutlichen wollen. Dieses Bild wird aber nirgends im Neuen Testament mit bürokratischen und aus weltlichen Regierungsordnungen übernommenen Details ausgestaltet.
Ein anderes Bild ist z.B. die Familie Gottes. Die Vorstellung von Gott als gestrengem König wandelt sich sofort, wenn wir in Betracht ziehen, dass dieser König zugleich unser liebender Vater ist. Wir sind dann nicht einfach „Befehlsempfänger“, sondern Söhne und Töchter im königlichen Haushalt. Und insbesondere haben wir dann keinerlei Veranlassung, von irgendwelchen Unterkönigen oder Funktionären Befehle entgegenzunehmen, sondern nur von unserem Vater selber.
Wieder ein anderes Bild ist der Leib Christi. Im Gegensatz zu einem Staat ist ein Leib kein künstliches oder institutionelles Gebilde, sondern ein organisch gewachsenes. Die Glieder eines Leibes brauchen kein Organigramm und keine „Regierungsorgane“. Sie üben auf natürlich-organische Weise ihre jeweilige Funktion aus. Sie werden alle gleichermassen vom „Haupt“ (bzw. Zentralnervensystem) koordiniert, ohne dass ein Glied dem anderen Befehle erteilen müsste.

Den aktuellen Gegensatz zwischen der neutestamentlichen christlichen Gemeinschaft und dem traditionellen institutionellen Kirchensystem sehe ich hauptsächlich in den folgenden Aspekten:

– Ist die Struktur der christlichen Gemeinschaft organisch, lebendig, aus der Beziehung zum lebendigen Herrn und zueinander gewachsen; oder ist sie mechanistisch, institutionell, und bürokratisch reglementiert?

– Beruht Autorität in der christlichen Gemeinschaft auf gegenseitiger Anerkennung, Integrität, Transparenz, geistlicher Reife, usw; oder beruht sie auf einer hierarchischen Stellung, Dominanz, und der Forderung nach Gehorsam und Unterordnung?

– Beruht geistliches Leben und eine gottgefällige Lebensweise auf der direkten, persönlichen Beziehung zu Gott und der Befähigung durch den Heiligen Geist, oder auf dem Befolgen äusserlicher Anweisungen und auf der Vermittlung durch Personen mit „priesterlichen“ Funktionen?

– Ist die geistliche Wiedergeburt eine von Gott übernatürlich bewirkte Herzens- und Wesenveränderung, oder ist sie ein ritueller Vorgang, der vom Menschen selbst (oder von anderen Menschen mit „priesterlichen“ Funktionen) vollzogen oder vermittelt wird?

Simson ist zwar weiterhin ein heftiger Kirchenkritiker. Aber in den vier genannten Punkten widerspiegelt sein eigenes neueres Modell, allen gegenteiligen Beteuerungen zum Trotz, den Standpunkt der institutionellen Amtskirche. In der Vergangenheit hat er viel Gutes und Wichtiges gesagt. Sein Buch „Häuser, die die Welt verändern“ würde ich auch heute noch empfehlen. Ich bin sehr enttäuscht darüber, dass er, nach den vielversprechenden Anfängen, nun bei solchen Positionen landet.

Es ist natürlich eine raffinierte Strategie, eine neue Kolonialisierung der Welt ausgerechnet unter dem Banner des Antikolonialismus voranzutreiben. Und mit Hilfe der Kritik an autoritärer Leiterschaft ein Machtvakuum zu schaffen, das man dann selber ausfüllen kann. Aber wenn wir einmal den „Hype“ weglassen, das verbale Brimborium, das Simson so meisterhaft beherrscht, dann steckt dahinter wohl „nichts Neues unter der Sonne“. Anscheinend nur ein weiterer Versuch zur Errichtung einer irdischen Autoritätspyramide, die dann als das Reich Gottes gelten soll. Falls das nicht Simsons eigene Absicht sein sollte, so werden zumindest seine Anhänger dafür sorgen, dass es so weit kommt.

Autoritarismus im deutschen Staat

14. April 2019

In den vorangegangenen Artikeln schrieb ich über autoritäre Strömungen in evangelikalen Kirchen und Familien. Doch Autoritarismus kann ebensogut von der säkularen Gesellschaft und vom Staat ausgehen. Letzteres scheint mir insbesondere in Deutschland der Fall zu sein, soweit ich als ferner Beobachter dies aus den Nachrichten schliessen kann.

Gegenüber der Staatsregierung besteht tatsächlich ein biblisches Gebot der Unterordnung (Römer 13,1-2, 1.Petrus 2,13). Aber auch diese Unterordnung hat ihre Grenzen. Die Regierung ist dazu da, jene zu loben, die das Gute tun, und jene zu bestrafen, die das Böse tun (Römer 13,3-4, 1.Petrus 2,14). Wenn die Regierung das nicht tut, oder sogar das Gegenteil davon tut, dann gilt auch hier: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apg.5,29).

In den vorangehenden Artikeln haben wir u.a. die Haupt-Losung des Autoritarismus untersucht: „Man muss sich der Leiterschaft/Regierung unterordnen, auch wenn diese im Unrecht ist.“ So falsch das in der christlichen Gemeinschaft ist, so falsch ist es auch im Staat. In einem Unrechtsstaat stehen auch Christen unter keinerlei Gebot, sich dem Unrecht zu unterwerfen, das dieser Staat tut oder fordert.

Ich lese z.B, dass die deutsche Regierung mit ihrem Vorgehen im Zusammenhang mit der sogenannten „Flüchtlingskrise“ während der letzten Jahre mehrfach ihre Kompetenzen überschritten hat, und damit das deutsche Grundgesetz sowie EU-Verträge gebrochen hat. In einem Rechtsstaat wäre die Regierung dafür zur Rechenschaft gezogen worden. Da dies nicht geschehen ist, muss ich daraus schliessen, dass Deutschland nun hochoffiziell ein Unrechtsstaat ist.

Ich lese auch, dass gewisse deutsche Behörden anscheinend weiterhin Homeschooling-Familien verfolgen. Ich hätte gedacht, gerade wegen der „Flüchtlingskrise“ hätten sie jetzt Wichtigeres zu tun. Z.B. dafür zu sorgen, dass zigtausende Migrantenkinder eine Bildung erhalten, die diesen Namen tatsächlich verdient. Aber stattdessen scheint es immer noch eine Priorität gewisser Behördenvertreter zu sein, deutsche Familien zu schikanieren und zu verfolgen, die ihren Kindern eine bessere Bildung vermitteln, als es in der Schule möglich wäre.

So berichtet die Familie Wunderlich, es sei ein neues Sorgerechtsverfahren gegen sie eingeleitet worden. Dies anscheinend in der Folge eines (vorläufigen und fragwürdigen) Urteils des Europäischen Gerichtshofs in Strassburg, wonach die Praxis der deutschen Behörden in dieser Sache nicht gegen die Menschenrechte verstiesse. (Nur nebenbei: Auch die EU ist ein zunehmend autoritäres Gebilde, wie u.a. aus deren Reaktion auf den Brexit deutlich wurde.) Dabei ist der 2013 gegen die Wunderlichs verfügte Sorgerechts- und Kindesentzug bereits 2014 vom OLG Frankfurt als ungesetzlich erklärt worden. Die behauptete „Kindeswohlgefährdung“ konnte nicht nachgewiesen werden. Es zeugt von einer gehörigen Portion Unverschämtheit, wenn ein Richter dasselbe Vorgehen, das zuvor von einer übergeordneten Instanz als ungesetzlich erklärt wurde, erneut wiederholen will.

Ich habe vor Jahren schon mehrere Artikel zu dem Thema geschrieben (man suche in diesem Blog nach „Homeschooling“ und „Deutschland“). Ich möchte mich deshalb im folgenden auf einen einzigen Aspekt beschränken:

Der deutsche Bundesgerichtshof hat im November 2007 in einem Grundsatzurteil festgehalten, dass die brutale Durchsetzung der deutschen Schulpflicht weder auf einer Sorge um die Bildung noch um das Kindeswohl gründet, sondern einzig auf dem „berechtigten Interesse der Allgemeinheit“, „der Entstehung von religiös oder weltanschaulich motivierten ‚Parallelgesellschaften‘ entgegenzuwirken und Minderheiten zu integrieren.“ – Also im Klartext, das ideologische Indoktrinierungsmonopol des Staates durchzusetzen. (Die zitierte Formulierung wurde anscheinend u.a. in einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom Oktober 2014 wortwörtlich wiederholt.) In der öffentlichen Debatte wurde damals vor allem das Schreckgespenst islamisch-extremistischer Parallelgesellschaften beschworen, die angeblich dann zustande kämen, wenn auch islamistischen Eltern das Recht zugestanden werde, ihre Kinder zuhause auszubilden.

Das ist schon ziemlich lange her. Heute muss ich als ferner Beobachter aus den Nachrichten schliessen, dass islamische und islamistische Parallelgesellschaften mittlerweile in den meisten deutschen Grossstädten Wirklichkeit geworden sind. Als Folge grösserer Bildungsfreiheit? – Keineswegs. Es hat in dieser Hinsicht ja keine Änderung der Gesetze oder der Praxis stattgefunden. Nicht nur hat die Schulpflicht die Entstehung dieser Parallelgesellschaften nicht verhindert; das Schulsystem hat sie in gewisser Hinsicht sogar gefördert:

„… Diese 16- und 17-jährigen [moslemischen Schüler] sehen sich täglich Versionen dieser Frage gegenübergestellt: Gehöre ich auch dazu? Kann ich Deutscher und Moslem sein?
Öffentliche (sic) Schulen in einigen der bevölkerungsreichsten Städte Deutschlands helfen solchen Schülern, Antworten zu finden in einer unerwarteten Umgebung: Islamunterricht.
Dieser Unterricht, erteilt von Moslems und an moslemische Schüler gerichtet, … wird nun als Wahlfach in neun deutschen Bundesländern erteilt, in mehr als 800 öffentlichen (sic) Primar- und Sekundarschulen … Er enthält Lektionen über den Koran, die Geschichte des Islams, vergleichende Religion und Ethik. Oft dreht sich die Diskussion um die Identitätsprobleme der Schüler, oder ihre Gefühle der Entfremdung …“
(Übersetzt aus der „Washington Post“, 3.November 2018)

Der Artikel in der „Washington Post“ behauptet zwar, dieser Unterricht sei zum Zweck der „Integration“ eingeführt worden:

„Einige deutsche Politiker setzen sich für eine Erweiterung des Islamunterrichts in öffentlichen (sic) Schulen ein, als ein Weg, die kulturelle Integration moslemischer Schüler zu fördern, und eine Interpretation des Islam, die deutsche Werte betont.
… Eine weitere Begründung für den Islamunterricht ist, dass moslemische Schüler gegen den Fundamentalismus ‚geimpft‘ werden sollen, wie es der protestantische Leiter Heinrich Bedford-Strohm ausdrückte.“

Eine ziemlich seltsame Begründung dafür, an den „öffentlichen“ Schulen moslemische Schüler in ihrem eigenen Unterricht abzusondern. Absonderung ist das genaue Gegenteil von Integration. Und wer garantiert, dass nicht genau dieser Islamunterricht mit der Zeit von „Fundamentalisten“ bzw. Extremisten übernommen wird?
Der syrisch-deutsche Politikwissenschafter Bassam Tibi setzt sich als Moslem seit Jahrzehnten für einen kulturell angepassten „Euro-Islam“ ein – erfolglos. Mittlerweile findet er in der deutschen Presse kaum noch eine Plattform. Das deutet vielmehr daraufhin, dass die deutsche „Allgemeinheit“ keinerlei Interesse hat an einer „Interpretation des Islam, die deutsche Werte betont“.

„… Seit zwei Jahrzehnten dringen periodisch Hilferufe und Alarmmeldungen verzweifelter Pädagogen, Schulleiter und Lehrerkollegien durch den Wall des verordneten Schweigens, mit dem Politiker und Schulbürokraten die Überlastung der Schulen durch hohe Ausländeranteile und integrationsunwillige Parallelgesellschaften umgeben.
…’Die Willkommenskultur zerreißt unsere Schulen‘ – Josef Kraus, Oberstudiendirektor a.D. und früherer Präsident des deutschen Lehrerverbands, spricht aus, was viele Lehrer nur hinter vorgehaltener Hand zu sagen wagen. Je höher der Anteil von Schülern ‚mit Migrationshintergrund‘, besonders mit islamischem, desto rasanter verwandeln sich Klassenzimmer in Chaosgebiete, in denen Angst und Gewalt herrschen und statt regulärem Unterricht und Wissensvermittlung für Lehrkräfte und restdeutsche Schüler vor allem Durchwursteln und Überleben auf dem Stundenplan stehen.
Der jüngste Warnruf kam von der Leiterin der Neuköllner Grundschule ‚an der Köllnischen Heide‘, Astrid-Sabine Busse, von deren 103 neu eingeschulten Erstklässlern nur ein einziger noch zu Hause Deutsch spricht.
… Und an zwei weiteren Schulen im Viertel sind unter 109 neu eingeschulten Kindern noch ganze zwei deutsche…“
(Deutschland-Kurier, 4.Dezember 2018)

„Die achtjährige Yara war das letzte Kind in ihrer Klasse, das zuhause Deutsch sprach. Ihre Schule hat mehrheitlich türkische und arabische Migranten als Schüler.
‚Sie mussten einen Übersetzer anstellen, um von Deutsch auf Türkisch oder Arabisch zu übersetzen, damit die Schüler überhaupt verstanden, was vorging …‘, erzählt der Vater des Mädchens, Mike F, gegenüber Sat 1.
… ‚[Yara] wurde zu Boden geworfen von einem arabischen Kind, das sie nicht einmal kannte. Dieses Kind schlitzte mit einem scharfen Gegenstand ihren Unterleib auf‘, sagt ihr Vater.
‚Sie ging natürlich zur Lehrerin und zeigte ihr, was geschehen war. Sie hatte Schmerzen und blutete. Die Lehrerin verharmloste den Vorfall und zwang meine Tochter, den ganzen Rest des Tages an der Schule zu bleiben.‘
… Mike F. versuchte mit der Lehrerin zu sprechen, wurde aber abgewiesen. – ‚Ich beging den Fehler zu erwähnen, dass es sich um arabische Kinder handelte; das war zuviel. Die Lehrerin sagte: Oh, das geschieht auf jedem Schulhof. Das hat nichts mit der Herkunft der Kinder zu tun.‘ “
(Übersetzt aus „Voice of Europe“, 30.November 2018)

Wenn mit „Allgemeinheit“ die regierungstreuen Kreise und Medien gemeint sind, dann sind für die „Allgemeinheit“ solche „religiös oder weltanschaulich motivierten Parallelgesellschaften“ jetzt anscheinend kein Schreckgespenst mehr, sondern im Gegenteil eine „kulturelle Bereicherung“, die toleriert und sogar geschützt werden soll. So z.B. wenn Polizei und Presse angewiesen werden, den kulturellen und religiösen Hintergrund von Gewalttätern zu verschweigen. Oder wenn zugelassen wird, dass gewisse Bezirke und Schulen faktisch von diesen Parallelgesellschaften regiert werden.
Damit hat natürlich die Argumentation des Bundesgerichtshofs von 2007 jegliche Glaubwürdigkeit verloren. Wollte man diese Argumentation aufrechterhalten, dann müssten Schulbehörden, welche die Bildung solcher Parallelgesellschaften in Schulen dulden oder gar fördern, mindestens ebenso streng strafrechtlich verfolgt werden wie Homeschooling-Familien; und den Schulen müsste das Betreuungsrecht über die Kinder entzogen werden. Gibt man aber zu, dass in Wirklichkeit die „Allgemeinheit“ keinerlei Interesse daran gezeigt hat, die Entstehung von Parallelgesellschaften zu verhindern, dann wird der einzige von den obersten Gerichten zugestandene Grund zur Verfolgung von Homeschool-Familien hinfällig.

„Hat Gemeinschaft mit dir der Thron des Verderbens, der das Gesetz vorschützt und Unheil schafft? Sie rotten sich zusammen wider das Leben des Gerechten, und verurteilen unschuldiges Blut.“ (Psalm 94,20-21 ZÜ)

Der Mann, dem der Evangelikalismus sein hässliches Gesicht verdankt

3. April 2019

Der bibeltreue Evangelikalismus hat ein freundliches und ein hässliches Gesicht. Das freundliche Gesicht ist Ausdruck von allem, was mit dem Evangelium von Jesus Christus zu tun hat: Befreiung von Schuld und Sünde; Vergebung, Versöhnung, Mitleid, vertrauensvolle Gemeinschaft; ein erneuertes Leben in der Kraft des Heiligen Geistes. Mag sein, dass es auch heute noch Gruppen gibt, wo ein solches von Jesus erneuertes Leben tatsächlich gelebt wird; ich weiss es nicht.
Das hässliche Gesicht kann beschrieben werden als: Engstirnigkeit, Gesetzlichkeit, diktatorische Leiterschaft, geistlicher Missbrauch (oft verbunden mit anderen, „handfesteren“ Formen von Machtmissbrauch).

Bei meinen Nachforschungen bin ich darauf gestossen, dass in neuerer Zeit anscheinend ein einziger Mann massgeblich dazu beigetragen hat, den amerikanischen Evangelikalismus (und in der Folge weltweit) innerhalb einer Generation auf die Seite der Gesetzlichkeit und des Autoritarismus zu ziehen. Natürlich ist er nicht der einzige. Aber wenn jemand Zehntausende von evangelikalen Pastoren und mehrere Millionen Mitglieder verschiedenster Denominationen zu seinen direkten, hingegebenen „Jüngern“ zählen kann, sowie zig Millionen von „indirekten“ Nachfolgern, dann stehen wir schon vor einem ganz aussergewöhnlichen Phänomen.

Man stelle sich vor: Ein Manipulator, der tausende von jungen Menschen psychisch und finanziell ausgebeutet hat, z.T. sogar körperlich misshandeln liess, und dutzende von jungen Frauen sexuell belästigt hat, hat jahrzehntelang in der evangelikalen Welt als grosse Koryphäe gegolten. Er hatte einen Grossteil der evangelikalen Gemeindeverbände, Ausbildungsstätten und Buchverlage – zumindest in den USA – derart unter seiner Fuchtel, dass diese auf sein Geheiss hin sicherstellten, dass so gut wie nichts Negatives über ihn veröffentlicht werden konnte. Die wenigen Gemeindeleiter und Bibellehrer, die es wagten, öffentlich vor ihm zu warnen, wurden beschimpft und verleumdet, oder einfach ignoriert.

Seine Gefolgschaft erstreckt sich über das gesamte theologische Spektrum, rekrutiert sich aber anscheinend mehrheitlich aus den konservativeren, bibeltreuen Reihen. Dabei sind einige seiner (weniger bekannten) Lehren derart abwegig, dass bibeltreue Gemeinden sie sofort abgewiesen hätten, wenn ein anderer sie verkündet hätte. Andererseits sind die wichtigeren seiner Lehren offenbar vor allem daraufhin angelegt, zu verhindern, dass jemand ihn selber zur Rechenschaft ziehen oder seine Autorität in Frage stellen könnte.

Fast jedes Mal, wenn ich mit evangelikalen Kreisen in Kontakt komme, stosse ich von neuem auf den direkten oder indirekten Einfluss dieses Mannes. Erfahrungsgemäss lassen Leiter, die unter diesem Einfluss stehen, keinerlei offene Diskussion zu über die Frage, ob diese Lehren und Praktiken einer biblischen Überprüfung standhalten. Traurig ist, dass tausende von Menschen von solchen Leitern verletzt und geschädigt werden. Und besorgniserregend, dass die meisten anderen Leiter, auch wenn sie selber ihre Macht nicht missbrauchen, sich mit ihrem Schweigen zu Komplizen machen.

(Weiterlesen)

… und hier ist eine biblische Analyse der Lehren des
Autoritarismus zu finden (die vorangegangene Artikelserie in
einem einzigen PDF-Dokument).

Steht fest in der Freiheit, für die uns Christus frei gemacht hat! – Teil 7

29. März 2019

Galater 5,1

Eine Untersuchung autoritärer Lehren und Praktiken in evangelikalen Kirchen und Organisationen

Die Leiter im Volk Gottes sollen dem Autoritarismus widerstehen

Der Apostel Paulus benützt an einigen Stellen in seinen Briefen ziemlich harte Ausdrücke. Bei einigen Gelegenheiten „gebietet“ er gewissen Personen oder „weist zurecht“. Ist das ein Ausdruck von Autoritarismus?

Wenn wir den Zusammenhang untersuchen, dann finden wir, dass an den meisten Stellen, wo Paulus auf diese Weise spricht, er es genau zu dem Zweck tut, zu verhindern, dass sich der Autoritarismus in der Gemeinde ausbreitet:

„Wenn jemand euch evangelisiert entgegen dem, was ihr angenommen habt, sei er verflucht.“ (Gal.1,9) – Von wem spricht er? – Von den „infiltrierten falschen Brüdern, die sich eingeschlichen haben, um unsere Freiheit auszuspionieren, die wir in Christus Jesus haben, und um uns zu versklaven; denen wir keine Stunde in Unterordnung nachgegeben haben, damit die Wahrheit des Evangeliums bei euch bleibe.“ (Gal.2,4-5). D.h. Paulus musste sich durchsetzen, um den Galatern die Freiheit zu erhalten; um sie zu befreien von der Unterordnung unter gewisse Leiter, die sie wieder unter das Gesetz stellen wollten.

„… und wir sind dazu bereit, jeden Ungehorsam zu rächen, wenn euer Gehorsam vollständig ist.“ (2.Kor.10,6) – In diesem selben Zusammenhang sagt er später: „Denn ihr ertragt gern die Unverständigen, obwohl ihr verständig seid. Denn ihr ertragt es, wenn jemand euch versklavt, wenn jemand euch auffrisst, wenn jemand euch das Eure nimmt, wenn jemand sich selbst erhöht, wenn jemand euch ins Gesicht schlägt.“ (11,19-20)
Es geht also nicht darum, dass die Korinther einem Befehl des Paulus ungehorsam gewesen wären. Es geht darum, dass sie sich fälschlicherweise untergeordnet hatten unter die „Überapostel“, die eine autoritäre Leiterschaft über sie ausübten und sie misshandelten. Paulus spricht auf diese harte Weise, nicht um zu sagen: „Ordnet euch jetzt mir unter!“, sondern um ihnen die Freiheit in Christus zurückzugeben. „… Ich habe euch mit einem einzigen Mann verlobt, um [euch als] eine reine Jungfrau vor Christus zu stellen“ (11,2). – Das ist das Ziel von Paulus, nicht dass die Korinther sich ihm unterordnen, sondern dass sie mit Christus vereint werden.

„Aber der Geist sagt ausdrücklich, dass in den letzten Zeiten einige vom Glauben abfallen werden. Sie werden betrügerischen Geistern und Lehren von Dämonen folgen (…) Sie werden das Heiraten verhindern, und [gebieten] sich von Speisen zu enthalten …“ (1.Tim.4,1.3) – Auch hier warnt Paulus vor falschen Lehrern, die eine äusserliche Disziplin und „Menschengebote“ einführen werden.

„Deshalb weise sie streng zurecht, damit sie gesund im Glauben werden, und sich nicht jüdischen Mythen widmen, noch Geboten von Menschen, die sich von der Wahrheit abgewandt haben.“ (Titus 1,13-14) – Auch hier soll Titus gewisse Personen „streng zurechtweisen“, nicht damit die Geschwister sich ihm unterordnen, sondern damit sie nicht unter Menschengebote versklavt werden.

„Denn das weiss ich, dass nach meiner Abreise gefährliche Wölfe zu euch hereinkommen werden, die die Herde nicht verschonen werden; und aus eurer eigenen Mitte werden Männer aufstehen, die verkehrte Dinge reden, um die Jünger hinter sich selbst her wegzuführen.“ (Apg.20,29-30) – Eines der Kennzeichen der falschen Leiter besteht darin, dass sie die Jünger „hinter sich selbst her“ führen, statt ihnen zu helfen, dem Herrn nachzufolgen. D.h. sie verlangen von den Jüngern eine solche Loyalität ihnen selbst gegenüber, wie sie nur dem Herrn Jesus gebührt. Paulus weist die Ältesten von Ephesus an, wachsam zu sein gegen die autoritären Leiter, die aus ihrer eigenen Mitte aufstehen werden.

Auf ähnliche Weise warnen auch die Apostel Petrus und Johannes vor dem Autoritarismus:

„Weidet die Herde Gottes, die bei euch ist … nicht als Herrscher über jene, die euch zugeteilt sind …“ (1.Petrus 5,1-3)

„Aber Diotrephes, dem es gefällt, der wichtigste unter ihnen zu sein, nimmt uns nicht auf. Deshalb werde ich, wenn ich komme, an seine Taten erinnern, (…) und nicht genug damit, nimmt er zudem die Brüder nicht auf; und jenen, die [sie aufnehmen] wollen, wehrt er es, und wirft sie aus der Gemeinde hinaus.“ (3.Joh.9-10)

Es ist eine der schwierigsten Aufgaben für einen echten geistlichen Leiter, Widerstand zu leisten gegen die Versuche autoritärer Leiter, die Macht zu ergreifen. Ein echter geistlicher Leiter hat die Frucht des Heiligen Geistes in seinem Leben, und ist deshalb eine gütige, barmherzige und integre Person. Er wird dazu neigen, seinen Geschwistern zu vertrauen. Er hat keine Freude daran, anderen zu widerstehen oder sie zurechtweisen zu müssen. Ein autoritärer Leiter dagegen wird alles tun, um Macht zu erlangen und über seine Geschwister zu herrschen. Dazu mag er sich auch einen sehr demütigen und geistlichen Anschein geben, wenn das zu seinen Zielen beiträgt. Gerade in diesen Situationen muss sich ein echter geistlicher Leiter durchsetzen, auch wenn das nicht seinem Wesen entspricht; aber es ist nötig, um zu verhindern, dass die Geschwister zu Opfern von missbrauchenden Leitern werden.

Warum folgen so viele evangelikale Leiter autoritären Lehren und Praktiken?

Angesichts der lehrmässigen Probleme des Autoritarismus, und seiner schädlichen Auswirkungen, fragt man sich, warum Millionen von Evangelikalen diesen Strömungen folgen.

Doch die Probleme sind nicht überall und auf den ersten Blick offenbar. Ich kam selber relativ bald nach meiner Bekehrung in eine Umgebung, wo autoritäre Lehren verkündet wurden. Als junger Christ hatte ich noch nicht gelernt, anhand der Schrift „alles zu prüfen“, was gelehrt wird. Ich kannte das Gesamtbild der neutestamentlichen Aussagen über christliche Gemeinschaft noch nicht, und war deshalb nicht in der Lage zu erkennen, wo Bibelstellen aus dem Zusammenhang gerissen und falsch angewandt wurden. Ich war hungrig nach Anleitung für mein Leben mit Jesus.
Die meisten Lehrer des Autoritarismus, denen ich damals begegnete, waren freundliche und hilfsbereite Menschen. Sie waren auch überzeugende Redner, hatten „geistliche Erfolgsgeschichten“ zu erzählen, und lehrten im übrigen manch Gutes und Wahres. Einige Menschen, die mir in meinem persönlichen Glaubensleben weitergeholfen hatten, empfah­len diese Lehrer, oder verkündeten selber autoritäre Lehren.
In einer Umgebung, wo ich die Leiter als im grossen ganzen ehrlich und integer kennenlernte, fiel mir auch die „Unterordnung“ nicht schwer. Doch der Haken daran war: Ich gewöhnte mich daran, „geistlichen Leitern“ praktisch bedingungslos zu vertrauen und zu gehorchen. Auch nachdem meine Bibelkenntnis zugenommen hatte, getraute ich mich noch nicht wirklich, biblisches Unterscheidungsvermögen anzuwenden. Insbesondere kam es mir während langen Jahren nie in den Sinn, die Grundlage meiner „Leichtgläubigkeit“ an sich in Frage zu stellen, nämlich die Lehren von „Autorität und Unterordnung“. Als ich später in eine Umgebung kam, wo die Leiter alle Arten von unehrlichen Machen­schaften und Missbrauch betrieben, erkannte ich deshalb lange Zeit nicht, was vorging, und wusste auch nicht wie mich dagegen zur Wehr zu setzen.

Meine eigene Geschichte illustriert einige Gründe, warum manche junge Christen autoritären Lehren folgen:

– Autoritäre Leiter und Gruppen müssen nicht unbedingt „hart“, „gesetzlich“ oder missbrauchend sein. Einige sind es; aber andere können sehr anziehend und hilfreich und sogar weitgehend „rechtschaffen“ sein.

– Auch in tatsächlich missbrauchenden Gruppen können viele Christen jahrelang dabei sein, ohne ein Problem zu sehen. Die dunkle Seite lernen in der Regel nur jene kennen, die Zugang zu Insider-Kenntnissen über Vorgänge innerhalb der Leiterschaft erhalten, oder die sich irgendwann veranlasst sehen, der Leiterschaft zu widersprechen. Die tatsächliche Einstellung eines Leiters zu Macht und Machtmissbrauch kommt oft erst dann ans Licht, wenn man einen Konflikt mit ihm hat.

– Aber auch in den „rechtschaffenen“ Gruppen konditioniert der Autoritarismus seine Nachfolger dazu, später Opfer von Irrlehrern zu werden, und von Leitern, die ihre Macht missbrauchen.

– Der Autoritarismus ist ein Lehrgebäude, das sich sozusagen selber vor seiner Entlarvung schützt: „Warum soll ich dieser Lehre folgen?“ – „Weil die Leiter es sagen.“ – „Und warum soll ich den Leitern glauben?“ – „Weil diese Lehre sagt, wir sollen ihnen glauben und folgen.“ Wer auf diesen ewigen Zirkelschluss hereinfällt, der bleibt darin gefangen und fragt gar nicht mehr, ob diese Lehren auf einer tragfähigen biblischen Grundlage aufbauen.

So habe auch ich selber viele Jahre lang autoritäre Lehren gelehrt und praktiziert, ohne diese wirklich am Wort Gottes geprüft zu haben. Verschiedene schmerzliche Erfahrungen waren nötig, sowie der Mut, das Neue Testament zu studieren, ohne sogleich die mir gewohnten kirchlichen Strukturen und Traditionen hineinzulesen, um zur Einsicht zu kommen, dass die Bibel etwas anderes lehrt.

Warum folgen aber auch viele reife Christen, Leiter, Pastoren, den Lehren des Autoritarismus?

Eine mögliche Antwort ist, dass manche von ihnen in einer solchen Umgebung aufwuchsen und es ihnen aus „Tradition“ gar nie in den Sinn kam, den obenerwähnten Zirkelschluss biblisch zu überprüfen.

Ein anderer möglicher Grund ist, dass viele religiöse Leiter an einem starken Machtstreben leiden. Sie sind dann sehr dankbar, wenn ihnen jemand ein Rezept anbietet, wie sie ihre Macht und ihren Einfluss festigen können, und die Gemeindeglieder „unterwürfiger“ machen können. Und wenn das Rezept zu funktionieren scheint, dann halten die wenigsten inne, um ihr Unterscheidungsvermögen zu aktivieren und sich zu fragen, ob das Rezept wirklich biblisch ist.

Die grosse Popularität autoritärer Lehren und Praktiken ist zugleich ein Anzeichen, dass auch in evangelikalen Kreisen das Erbe der Reformation am Verlorengehen ist: nämlich die Überzeugung, dass die Heilige Schrift die oberste Autorität über christliche Lehre und Praxis ist. Der Autoritarismus stellt die Autorität eines „Pastors“, Lehrers oder Leiters über die Autorität des Wortes Gottes; und er lässt nicht zu, dass jemand auf biblischer Grundlage die Lehre oder Praxis dieser „Autoritäten“ in Frage stellt. Eine solche Haltung ist aber weder reformiert noch evangelikal.

Steht fest in der Freiheit, für die uns Christus frei gemacht hat! – Teil 6

23. März 2019

Galater 5,1

Eine Untersuchung autoritärer Lehren und Praktiken in evangelikalen Kirchen und Organisationen

Untersuchung einiger spezifischer Lehren des Autoritarismus

– „Gehorcht euren Pastoren.“

Hebr.13,17 wird oft zur Begründung autoritärer Lehren herangezogen: „Gehorcht euren Vorstehern und füget euch [ihnen], denn sie wachen über euren Seelen als solche, die Rechenschaft ablegen werden …“ (ZÜ). – Diesen Text müssen wir im Original näher betrachten. Das Wort für Vorsteher ist hägoúmenoi (wörtlich „Führer, Leiter“) – dasselbe Wort, das Jesus in Luk.22,26 benützt, um zu lehren, dass der „Leiter“ ein Dienender sein soll, nicht jemand, der Gehorsam einfordert. In Hebr.13,7 heisst es ausserdem von den hägoúmenoi: „Seht auf das Ergebnis ihres Betragens, und ahmt ihren Glauben nach.“ Es handelt sich also um Menschen, deren Beispiel der Nachahmung würdig ist. Niemand kann eine solche Autorität beanspruchen, nur weil er eine Leitungsstellung einnimmt in einer Organisation, die sich „Kirche“ nennt. Zumindest muss sein Autoritätsanspruch abgedeckt sein durch das Zeugnis eines gottgefälligen Lebens.
„Gehorchen“ heisst auf griechisch hypakoúo. Aber in Hebr.13,17 steht nicht dieses Wort, sondern peíthomai, was bedeutet „sich überzeugen lassen“. Es steht hier auch nichts von „sich unterordnen“ (hypotássomai); stattdessen steht hypeiko, was bedeutet „Raum geben“, „nachgeben“, oder „sich anpassen“ – nicht unter Zwang, weil man eine untergeordnete Stellung innehätte, sondern als freiwillige Entscheidung. Die hier verwendeten Ausdrücke sind also viel weniger stark, als der Autoritarismus vorgibt. Es geht nicht um „Unterordung“ bloss weil jemand „Autorität“ ist. Es geht darum, „sich überzeugen zu lassen“ von jemandem, der uns tatsächlich überzeugt, mit dem Beispiel seines Lebens und seiner geistlichen Reife.

Einige Leiter wollen aus unserem Vers zusätzlich die Lehre ableiten, dass Christen vor ihren Leitern Rechenschaft ablegen müssten über alles, was sie tun. Aber die Grammatik des Verses ist eindeutig: Die „Rechenschaft ablegen werden“, sind die Leiter, nicht „eure Seelen“. Es sind die Leiter, die vor Gott Rechenschaft ablegen müssen über die Art und Weise, wie sie ihre Leiterschaft ausgeübt haben.

Die Priester in Jerusalem (also die religiösen Leiter) wollten den Aposteln verbieten, den Namen Jesu zu verkünden. Die Apostel antworteten: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ (Apg.5,29). Die Priester waren im Irrtum, ihr Befehl war entgegen dem Willen Gottes; somit musste man ihnen nicht gehorchen. Dieses Prinzip widerlegt klar die Lehre, man müsse dem Leiter gehorchen, auch wenn er im Irrtum ist.

– „Die Leiter der Kirche sind Obrigkeiten.“

Einige benützen Römer 13,1: „Jedermann unterordne sich den herrschenden Obrigkeiten“, und wenden dies auf die kirchlichen Leiter an. Aber diese Stelle spricht einzig von der Staatsregierung! Das ist aus dem Zusammenhang klar ersichtlich. Der Abschnitt spricht von den „Regierenden“ árchontes, (13,3), die böse Taten bestrafen, sogar mit dem Schwert (v.4), und die Steuern erheben (v.6). Nichts davon trifft auf Gemeindeleiter zu; und die Leiter der Gemeinde heissen nirgends „árchontes“. Sie werden auch nicht „Obrigkeiten“ (exousíai, (13,1) genannt.
Dasselbe gilt für die Parallelstelle 1.Petrus 2,13-14.

– „Die Rebellion ist eine der schlimmsten Sünden.“

Als Beispiel wird oft Saul zitiert, zu dem Samuel sagte: „Gehorsam ist besser als Opfer, Aufmerken besser als Fett von Widdern. Denn Ungehorsam ist gerade so Sünde wie Wahrsagerei, und Widerspenstigkeit ist gerade so Frevel wie Abgötterei.“ (1.Sam15,22-23 ZÜ). – Das Problem mit dieser Auslegung besteht darin, dass der Text vom Ungehorsam Gott gegenüber spricht, nicht gegen einen Menschen. Es heisst weiter: „Weil du das Wort des Herrn verworfen hast, hat er dich verworfen als König.“ Das ist das Thema aller Bibelstellen, welche „Rebellion“ oder „Ungehorsam“ verurteilen: Es geht immer um die Rebellion gegen Gott, nicht gegen die Leiterschaft von Menschen.
Natürlich wollen die autoritären Leiter uns glauben machen, ihre Befehle seien identisch mit den Geboten Gottes. Aber diese Identität besteht nur da, wo das geschriebene Wort Gottes dasselbe sagt. Deshalb ruft uns die Schrift dazu auf, alles zu prüfen, was ein Leiter sagt, und das zu verwerfen, was nicht schriftgemäss ist.

– „Du hast nur dann den Schutz Gottes, wenn du unter einer ‚Abdeckung‘ stehst [einer hierarchischen menschlichen Leiterschaft]“.

Als Begründung wird oft Mat.8,9 zitiert, wo der Hauptmann von Kapernaum sagt: „Denn auch ich bin ein Mensch unter Autorität, und habe Soldaten unter meinem Befehl; und ich sage zu diesem: ‚Geh!‘, und er geht; und zum andern: ‚Komm!‘, und er kommt; und zu meinem Diener: ‚Tue dies!‘, und er tut es.“ So begründet der Hauptmann seine Überzeugung, dass Jesus Macht hat über die Krankheiten, und dass sein Diener allein durch das Wort Jesu geheilt werden würde. Deshalb – so der Autoritarismus – solle sich jeder Christ einer „Befehlshierarchie“ unterstellen, so wie der Hauptmann der militärischen Hierarchie unterstellt ist.
Diese Auslegung schiebt dem Text eine Anwendung unter, die nicht vorhanden ist. Der Hauptmann spricht von der Befehlsstruktur der römischen Armee, und von der Macht Jesu über Krankheiten (nicht über Menschen). Er sieht eine Analogie zwischen diesen beiden Arten von Autorität, weil die Armee die einzige Autoritätsstruktur ist, die er aus Erfahrung kennt. Soweit ist der Vergleich legitim, und Jesus lobt den Hauptmann für seinen Glauben. Aber beachten wir: für seinen Glauben daran, wer Jesus ist; nicht für seinen Glauben an eine
Befehlshierarchie.

Wenn wir darauf eine Lehre über die Leitungsstruktur der christlichen Gemeinde aufbauen wollen, dann gehen wir in die Irre. Die Gemeinde ist hier in keiner Weise im Blickfeld! Der Text gibt uns keine Grundlage zu behaupten, die Gemeinde müsse in derselben Weise organisiert sein wie die römische Armee, oder römische Hauptleute müssten uns belehren über die Struktur der christlichen Gemeinde. Wenn wir wissen wollen, was Jesus oder die Apostel zu diesem Thema sagen, dann müssen wir jene Aussagen in Betracht ziehen, die tatsächlich von der Gemeinde sprechen! Und wir haben in Teil 2 [LINK] gesehen, dass die Lehre Jesu und der Apostel in keiner Weise für eine „militärische“ Gemeindestruktur spricht. Wir haben dort auch gesehen, dass die Idee, menschliche Leiterschaft sei unser geistlicher Schutz, unbiblisch ist.

– „Gib deine Rechte auf.“

Jesus rief seine Jünger dazu auf, „sich selbst zu verleugnen, ihr Kreuz auf sich zu nehmen, und ihm zu folgen“ (Mat.16,24 u.a). Vertreter des Autoritarismus haben das zum Vorwand genommen, um zu verlangen, ein Christ solle sich völlig „hingeben“ an die Ansprüche seiner religiösen Leiter: „Gib dein Recht auf, über dein Leben zu entscheiden; tue, was dein Leiter dir sagt. Gib dein Recht auf, über die Wahl deiner Freunde zu entscheiden, über deine Arbeit, deinen Wohnort, wen du heiratest, … gehorche den Weisungen deiner Leiter. Gib dein Recht auf, recht zu haben; widersprich deinen Leitern nicht.“ Und wenn jemand gegen die Ansprüche der Leiter protestiert, wird ihm gesagt, er sei nicht genügend „hingegeben“.
Es geht hier aber wiederum darum, dass Jesus einzig davon spricht, sich ihm selber, dem Herrn, hinzugeben; nicht anderen Menschen. Gott ist der einzige, der ein Eigentumsrecht auf unser Leben geltend machen kann, weil er uns geschaffen hat und er uns erlöst hat. Kein Mensch auf der Erde hat das für uns getan. Deshalb darf kein Mensch auf der Erde von einem anderen diese „Hingabe“ verlangen, die nur der Herr verdient. „Mit einem Preis seid ihr erkauft worden; macht euch nicht zu Sklaven von Menschen“ (1.Kor.7,23). Der Herr Jesus ist berechtigt, uns in allen Aspekten unseres Lebens zu führen. Aber das tut er persönlich, nicht mittels fehlbarer Leiter: „Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir“ (Joh.10,27). Und wir dürfen darauf vertrauen, dass er das mit Liebe und zu unserem Besten tut, nicht wie die „Mietlinge“.

– „Richtet nicht.“

Wenn ein missbraucherischer Leiter wegen seiner Taten konfrontiert wird, verteidigt er sich oft mit diesen Worten (Mat.7,1).
Aber dieselben Leiter, die sich mit diesem Zitat verteidigen, richten die ganze Zeit! Oder ist es etwa kein „Richten“, die Geschwister in „Gehorsame“ und „Rebellen“ einzuteilen, je nachdem, ob sie alle Forderungen der Leiter erfüllen oder nicht? Ist es etwa kein „Richten“, einen Bruder unter Zensur zu stellen und auszuschliessen, nur weil er etwas gesagt hat, was dem Leiter missfällt? oder gar, weil er eine Sünde des Leiters aufgedeckt hat?
„Richten“ schliesst ein, dass ein Schuldspruch gefällt und eine Strafe verhängt wird. Es ist daher unsinnig, jemanden des „Richtens“ zu bezichtigen, der gar nicht die Macht hat, irgendwelche effektiven Strafen zu verhängen. Einige Leiter sind solche Heuchler, dass sie ihre Geschwister anklagen, einen „Richtgeist“ oder einen „kritischen Geist“ zu haben, „rachsüchtig“ oder „bitter“ und „rebellisch“ zu sein, während jene Geschwister keinerlei Macht oder Einfluss haben, um irgendwie die Machtposition des Leiters zu beeinträchtigen in der autokratischen Pyramidenstruktur, die er errichtet hat. Und oft stellen diese Leiter zum vornherein sicher, dass es innerhalb dieser Struktur keine Instanz gibt, die sie tatsächlich „richten“ könnte oder von ihnen Rechenschaft fordern könnte. Und gleichzeitig verhängen diese Leiter ständig Urteile von „Gemeindezucht“, Zensur, Ausschluss, Verfluchungen, Kontaktverbote, usw, gegen Geschwister, die es wagen, das Verhalten der Leiter in Frage zu stellen. Damit wendet sich dieses Argument des „nicht Richtens“ gegen die Leiter selber.

Das Wort vom Splitter und vom Balken (Mat.7,1-5) bezieht sich auf einen kleinen Fehler im Leben meines Bruders, den ich zu korrigieren versuche, ohne dass dieser Fehler mich selber schädigen würde. (Der Splitter im Auge meines Bruders beeinträchtigt nur ihn selber; er tut niemand anderem weh.)
Autoritäre Lehren und Machtmissbrauch gehören zu einer ganz anderen Kategorie: Sie schädigen und verletzen eine grosse Zahl von Menschen. Deshalb handelt es sich um Sünden, die gemäss den biblischen Anweisungen konfrontiert werden müssen. Wo Sünde oder falsche Lehre herrscht, da soll sehr wohl „gerichtet“ werden (1.Kor.5,3-5; 6,5; 14,29). Das soll mit Gerechtigkeit und ohne Ansehen der Person geschehen, auf der Grundlage des Wortes Gottes. „Die Gemeinde“ soll das tun, d.h. die Gemeinschaft aller Nachfolger des Herrn.

– „Wenn du unsere Gruppe verlässt, bist du abgefallen und unter dem Gericht Gottes.“

Diese Lehre missbraucht das Konzept des „Abfalls vom Glauben“, um die Mitglieder an die autoritäre Gruppe gebunden zu halten, und um zu verhindern, dass sie Hilfe oder auch nur Kontakte ausserhalb der Gruppe suchen. Aber im Neuen Testament bedeutet „Abfall“, die Gemeinschaft mit dem Herrn Jesus zu verlassen, nicht die Gemeinschaft mit einer bestimmten Gruppe oder Organisation. Der Glaubensabfall ist eine Angelegenheit des persönlichen Glaubens und des Herzens, nicht der Zugehörigkeit zu dieser oder jener Gruppe. Ein Christ soll sogar eine Gruppe verlassen, wenn diese von falschen Lehren und Praktiken (z.B. Autoritarismus) beherrscht wird, aus Gewissensgründen und um seine eigene geistliche Gesundheit zu bewahren. „Hütet euch vor dem Sauerteig der Sadduzäer und Pharisäer“ (Mat.16,6). – „Geht hinaus aus ihrer Mitte, und trennt euch“ (2.Kor.6,17). – „Gehen wir also zu ihm hinaus, ausserhalb des Lagers, und tragen wir seine Schmach“ (Hebr.13,13).

– Mit einer religiösen Organisation oder deren Leitern einen „Bund“ schliessen und Verpflichtungen eingehen.

In letzter Zeit ist es in einigen Kreisen Mode geworden, dass Gemeindeglieder einen „Bund“ oder eine „Mitgliedschaftsverpflichtung“ unterschreiben müssen. Oft ist darin der Gehorsam den Leitern gegenüber enthalten, oder die regelmässige Teilnahme an gewissen Versammlungen, oder bestimmte finanzielle Verpflichtungen. Dafür gibt es keine biblische Grundlage. Die Schrift ruft uns auf, mit Gott einen Bund einzugehen, aber nicht mit Leitern auf dieser Erde. Es ist besser, keine Versprechen zu machen: „Besser, du gelobst gar nichts, als dass du gelobst und nicht hältst.“ (Pred.5,4 ZÜ). Keine der im Neuen Testament erwähnten Gemeinden unterwarf ihre Mitglieder irgendeiner „Mitgliedschaftsverpflichtung“.

In der Bibel gilt die Loyalität und Verpflichtung eines Christen immer dem Herrn, nicht einer irdischen Leiterschaft. Die Warnungen des Paulus in 1.Kor.1,12-13 und 3,3-4.21-23 richten sich nicht nur gegen die Bildung von „Parteien“ und Denominationen. Sie richten sich auch gegen die Praxis, einem Leiter eine Loyalität zu versprechen, die allein Christus gebührt. Ein Christ ist Eigentum Christi mit allem, was er ist und hat. Deshalb kann er sich nicht gleichzeitig einem irdischen Leiter hingeben mit einem „Gehorsamsbund“ o.ä. Solche Praktiken haben grosse Ähnlichkeit mit den Mönchsgelübden, wo auch unbedingter Gehorsam gelobt werden muss. In diesem Zusammenhang bekäme es uns gut, zu den Lehren der Reformation zurückzukehren und die Worte Luthers zu hören. Was er über das Papsttum sagt, müsste er heute auch vielen evangelikalen Kirchen sagen:

„Das soll klar sein: Weder der Papst, noch die Bischöfe, noch irgendein Mensch ist berechtigt, den Christen auch nur mit einer Silbe dem Gesetz zu unterwerfen, ohne dessen Einwilligung. Jede andere Art des Vorgehens ist Tyrannei. … Nun ist die Unterwerfung unter diese tyrannischen Gesetze und Einrichtungen dasselbe, wie sich unter die Knechtschaft von Menschen zu begeben.
… Den Christen können rechtmässigerweise weder Menschen noch Engel Gesetze auferlegen, ausser in dem Mass, wie die Christen selber es wünschen; wir sind vollständig befreit. … Deshalb richte ich meine Anklage gegen den Papst und gegen alle Papisten, und sage ihnen: Wenn sie nicht ihre Kirchengesetze und Traditionen widerrufen, wenn sie den Kirchen Christi nicht ihre Freiheit zurückgeben, wenn sie nicht veranlassen, dass diese Freiheit proklamiert wird, dann machen sie sich des Verderbens aller Seelen schuldig, die in dieser elenden Gefangenschaft zugrunde gehen, und das Papsttum wird nichts anderes sein als das Reich Babylons und des wahren Antichristen.“
Martin Luther, „Die babylonische Gefangenschaft der Kirche“, 1520 (rückübersetzt aus einer spanischen Ausgabe)

Steht fest in der Freiheit, für die uns Christus frei gemacht hat! – Teil 5

17. März 2019

Galater 5,1

Eine Untersuchung autoritärer Lehren und Praktiken in evangelikalen Kirchen und Organisationen

Untersuchung einiger spezifischer Lehren des Autoritarismus

Die Vertreter des Autoritarismus benützen verschiedene Bibelstellen, um ihre besonderen Lehren zu begründen. Aber wenn wir ihre Argumente untersuchen, finden wir oft, dass diese Zitate aus dem Zusammenhang gerissen sind, oder dass sie nicht wirklich das aussagen, was der Autoritarismus behauptet. Betrachten wir einige Beispiele.

– „Der Leiter ist die Stimme Gottes für dich.“

Einige Gruppen lehren, die Leiter seien beauftragt, den Christen die Wegweisung Gottes für persönliche Entscheidungen zu vermitteln, z.B. betreffend Wohnort, Arbeit, Wahl ihrer Freunde, Heirat, usw. Sie begründen das mit einigen biblischen Geschichten, wo Gott tatsächlich durch besonders beauftragte Personen Weisungen erteilte.
In der Bibel finden wir zwei Arten von Menschen, die von Gott beauftragt wurden, Menschen sein Wort zu vermitteln: die alttestamentlichen Propheten, und die neutestamentlichen Apostel. Sie waren die einzigen, die mit voller Autorität sagen konnten: „So spricht der Herr.“
Wenn wir zu den Propheten des Neuen Testaments kommen, sehen wir bereits nicht mehr dasselbe Mass an Autorität: die Propheten des Neuen Testaments mussten von der ganzen Gemeinde geprüft werden (1.Kor.14,29; 1.Thess.5,20-21). Heute gibt es niemanden mehr, der anderen Weisungen erteilen könnte „im Namen Gottes“.
In der Ordnung des Neuen Testamentes möchte Gott vielmehr zu jedem Gläubigen persönlich sprechen und ihn persönlich führen, ohne die Einmischung eines Leiters: „Meine Schafe hören meine Stimme…“ (Joh.10,27). Gottes Kinder sind „von Gott gelehrt“ (Joh.6,45) und „vom Heiligen Geist geleitet“ (Röm.8,14).
Ein reifer, weiser Christ kann anderen Rat geben; aber er kann nicht „im Namen Gottes“ Befehle erteilen, die über das hinausgehen, was in der Bibel ausdrücklich geboten ist.

– „Man darf den Pastor nicht kritisieren. Taste den Gesalbten Gottes nicht an.“

Hierzu wird oft Psalm 105,15 zitiert: „Tastet meine Gesalbten nicht an, und tut meinen Propheten kein Leid!“ (ZÜ) Es lohnt sich, den Zusammenhang zu lesen. Der Psalm spricht von Gottes Bund mit Jakob (Israel) und seinen Nachkommen. Von ihnen heisst es, vor dem Auszug aus Ägypten: „Da sie noch wenige Männer waren, erst kurz im Lande und Fremdlinge dort, wanderten sie von Volk zu Volk, von einem Königreiche zum andern. Er liess sie von niemand bedrücken und wies Könige um ihretwillen zurecht: Tastet meine Gesalbten nicht an…“ (v.12-14, ZÜ)
Die „Gesalbten“ sind hier also das ganze Volk Gottes! Nicht ein autoritärer Leiter, sondern das demütige Volk, das als Fremdling „von einem Volk zum andern“ wandert. Und zu wem sagt Gott: „Tastet meine Gesalbten nicht an“? Zu den Königen der anderen Völker! Wir haben hier also keine Grundlage für den Autoritarismus. Im Gegenteil, es ist eine Verheissung Gottes, dass er auch das einfachste Glied seines Volkes in Schutz nimmt vor den Misshandlungen der „Könige“.
Im Reich Gottes gilt kein Ansehen der Person, es gibt keine hierarchischen Privilegien. Jeder Christ, unabhängig von seiner Funktion im Leib Christi, ist nicht mehr als ein Bruder unter Brüdern (Mat.23,8). So soll er auch brüderlich zurechtgewiesen werden, wenn er sündigt oder falsch lehrt.

– „Man darf nie über einen Leiter schlecht reden.“

Zur Begründung werden biblische Warnungen vor Klatsch und Verleumdung genannt (Ps.15,3; Spr.16,28; 26,20). Autoritäre Leiter lehren, dass jeder, der etwas Schlechtes über sie sagt, die Sünde des „Klatsches“ oder der „Verleumdung“ begeht. Damit verhindern sie, dass Opfer von Missbrauch Hilfe suchen, und dass die Probleme offen diskutiert werden.
Die Wahrheit ist, dass die Wahrheit nie Verleumdung ist! Böse Taten sollen getadelt und ans Licht gebracht werden (Eph.5,11), ob der Täter ein „gewöhnliches Mitglied“ oder ein Leiter ist. – Paulus schreibt an Tiimotheus: „Alexander, der Schmied, hat mir viel Böses zugefügt; der Herr wird ihm nach seinen Werken vergelten. Und auch du hüte dich vor ihm! denn er hat unsern Worten grossen Widerstand geleistet.“ (2.Tim.4,14-15). Ist das „Klatsch“ oder „Verleumdung“? Nein, Paulus gibt Timotheus eine nötige Warnung. Auf ähnlich Weise spricht Johannes in seinem dritten Brief „schlecht“ von Diotrephes. Wenn jemand eine Gefahr für andere darstellt (z.B. weil er ein Sexualstraftäter oder ein Psychopath ist), dann müssen diese anderen gewarnt werden.

Ein ähnlicher Trick missbrauchender Leiter besteht darin, darauf zu bestehen, dass jede Konfrontation „privat“ zu erfolgen habe. Manchmal stellen sie sogar eine Menge von Vorbedingungen auf, bevor sie jemandem überhaupt erlauben, sie zur Rede zu stellen: „Bist du sicher, dass du selber ohne Schuld bist? – Hast du genau überprüft, ob alles, was du sagst, exakt den Tatsachen entspricht? – Ist deine Motivation rein, oder handelst du aus Bitterkeit?“ (Als ob es Sünde wäre, sich wegen einer erlittenen Misshandlung erbittert zu fühlen …)
Wenn diese Leiter selber alle diese Bedingungen erfüllen müssten, dann kämen sie nie dazu, ihre Leiterschaft auszuüben; denn sie selber konfrontieren, fordern, kritisieren und beschuldigen ihre „Untergebenen“ ständig, und aus ziemlich fragwürdigen Motiven. Aber in der Weltanschauung des Autoritarismus gelten die Regeln nur für „Untergebene“; die Leiter können tun, was sie wollen. Im Widerspruch zu allen biblischen Ermahnungen, die Person nicht anzusehen.

Ja, in Mat.18,15-17 heisst es, man solle den Täter zuerst privat konfrontieren, „wenn dein Bruder gegen dich sündigt“. Aber das gilt nicht in Fällen wie den folgenden:
– Wenn die Sünde öffentlich ist. Private Sünden sollen privat behandelt werden, aber öffentliche Sünden in der Öffentlichkeit. Deshalb musste Paulus Petrus vor allen Anwesenden zurechtweisen (Gal.2,14), weil dessen Heuchelei alle beeinflusst hatte. Dasselbe gilt für jemanden, der öffentlich falsche Lehren verbreitet: In diesem Fall ist es richtig, ihn öffentlich zu widerlegen.
– Wenn der Sünder ein Leiter ist, und es mindestens zwei oder drei Zeugen gibt. (1.Tim.5,19-20). In diesem Fall soll er öffentlich zurechtgewiesen werden.
– Wenn das Opfer sich in einer verletzbaren Situation dem Täter gegenüber befindet. Es ist ein wichtiges biblisches Prinzip, die Schwachen und Verletzlichen zu schützen. „Öffne deinen Mund für die Witwe, schaffe Recht allen verwaisten Kindern. Öffne deinen Mund zu gerechtem Spruch, und schaffe Recht den Elenden und Armen.“ (Spr.31,8-9, ZÜ). „… damit die Glieder alle sich umeinander kümmern“ (1.Kor.12,25). Es wäre unverantwortlich und nicht dem Geist Gottes gemäss, wenn z.B. verlangt würde, eine junge Frau solle den Mann, der sie vergewaltigt hat, privat und hinter verschlossenen Türen zurechtweisen. Keine Bibelstelle verbietet einem Opfer von Missbrauch irgendeiner Art, die Hilfe anderer Menschen in Anspruch zu nehmen, um sich gegen weitere Fälle von Missbrauch zu schützen.

– „Man muss dem Leiter gehorchen, auch wenn er im Irrtum ist.“

Zur Begründung wird oft die Geschichte von David und Saul zitiert. Als David sich in der Wüste versteckt hielt, hatte er zwei Gelegenheiten, Saul zu töten; aber er entschied, ihn zu verschonen (1.Samuel Kap.24 und 26). David sagte: „Nie werde ich meinem Gebieter, dem Gesalbten des Herrn, das antun, dass ich Hand an ihn legte; denn er ist der Gesalbte des Herrn.“ (1.Samuel 24,6 ZÜ). Und: „Denn wer könnte Hand an den Gesalbten des Herrn legen und bliebe ungestraft?“ (1.Samuel 26,9 ZÜ) Von daher lehren autoritäre Leiter: „David ordnete sich Saul unter, obwohl Saul böse handelte. So müssen sich auch die Christen ihren Leitern unterordnen, auch wenn die Leiter im Irrtum sind.“ Und: „Man darf einen Leiter nicht kritisieren; er ist der Gesalbte des Herrn.“

Entspricht diese Auslegung der Botschaft dieser biblischen Geschichten?

Erinnern wir uns, dass David ein Diener Sauls war. Aber als er verstand, dass Saul ihn töten wollte, floh er zu Samuel (1.Sam.19,11-19). Als Diener Sauls hätte er nicht weglaufen dürfen!
Erinnern wir uns auch, dass David eindeutig ein Rebell war in den Augen Sauls. Sonst hätte er ihn nicht verfolgt. Auch nachdem ihn David zum ersten Mal verschont hatte, sah Saul das offenbar nicht als ein Zeichen der Unterordnung an, denn er verfolgte ihn von neuem. Das zweite Mal sagte Saul: „Komm zurück, mein Sohn David, ich will dir forthin kein Leid mehr tun …“ (1.Sam.26,21 ZÜ). Aber David ging nicht mit Saul. Auch bei dieser Gelegenheit gehorchte David Saul nicht.
Trotzdem zeigt die ganze Geschichte klar, dass Gott auf der Seite des „rebellischen“ David stand und gegen „seinen Gesalbten“ Saul.
Betrachten wir nun die Worte „Hand anlegen an den Gesalbten des Herrn“. Es ging darum, dass Davids Leute Saul töten wollten. Aber einige heutige „Pastoren“ ertragen es nicht einmal, dass jemand sie mit Worten kritisiert: sofort beklagen sie sich, man „lege Hand an den Gesalbten des Herrn“. Zwischen Kritisieren und Töten ist ein riesiger Unterschied!
David kritisierte Saul sehr wohl, und das öffentlich: „Warum hörst du auf das Gerede der Leute, die da sagen: ‚Siehe, David sinnt auf dein Verderben‘? … Wen verfolgt doch der König von Israel? wem jagst du nach? einem toten Hund! einem Floh!“ (1.Sam.24,10.15-16 ZÜ)
Wenn wir also David als Beispiel nehmen, dürfen wir sehr wohl einen Leiter kritisieren, der verkehrt handelt. Und wir haben auch das Recht, einem solchen Leiter nicht zu gehorchen, wenn wir sonst sündigen oder Schaden erleiden müssten.

Ein letzter Aspekt: Wenn ein Leiter die angebliche „Unterordnung“ Davids als Beispiel darstellt, mit wem vergleicht er sich selber? Offenbar mit Saul, dem Verfolger, der selber Gott ungehorsam war. Wer also diese Geschichte benützt, um „Unterordnung“ zu lehren, verrät sich selbst als ein Rebell gegen Gott. Dieser selbe Saul verleumdete David und verdrehte die Tatsachen, als er zu seinen Dienern sagte: „…dass ihr euch alle wider mich verschworen habt und niemand es mir offenbarte, als mein Sohn sich mit dem Sohne Isais verbündete, und dass niemand unter euch Mitleid mit mir hatte und es mir offenbarte, dass mein Sohn meinen Knecht aufgestiftet hat, mir nachzustellen, wie es jetzt am Tage ist?“ (1.Sam.22,8 ZÜ)
So stellte Saul sich selbst als Opfer dar und David als den Angreifer, während es in Wirklichkeit umgekehrt war. So machen es auch viele autoritäre Leiter: Wenn jemand sich darüber beklagt, dass er von ihnen misshandelt wurde, oder sie zurechtweist wegen einer Sünde, dann sagen sie, sie seien Opfer einer „Verschwörung“ und des „Murrens“, und verlangen die Bestrafung des „Rebellen“, oder rufen die Strafe Gottes auf ihn herab und schliessen ihn aus.

Andere gebrauchen das Beispiel Sarahs, die auf Geheiss Abrahams lügen musste (1.Mose 12,11-13; 20,13). Das sei ein „gutes Beispiel der Unterordnung unter ihren Ehemann“. Sie sagen, „in diesem Fall verurteilt Gott Sarah nicht, denn sie war gehorsam; nur Abraham trägt die Verantwortung, weil er die Autorität ist.“ – Aber das Wort Gottes sagt nirgends, dass Sarah richtig gehandelt hätte mit ihrer Lüge! Dass eine Tat in der Bibel berichtet wird, bedeutet noch lange nicht, dass Gott diese Tat gutheisst. Und erst recht nicht, dass es eine Norm für das christliche Leben sei. Die Gebote Gottes sind klar: „Du sollst kein falsches Zeugnis geben“ – egal, wer einem das aufträgt. Und: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ – Das Wort Gottes ist auch klar darin, dass jeder gerichtet wird nach dem, was er selber getan hat: „Denn wir alle müssen vor dem Richterstuhl Christi erscheinen, damit jeder erhält nach dem, was er mittels des Körpers getan hat, sei es gut oder böse.“ (2.Kor.5,10). Vor dem Thron Gottes kann sich niemand herausreden: „Mein Mann hat mich geheissen“, oder „Mein Gemeindeleiter hat mich geheissen.“
Wohin dieser Autoritarismus in letzter Konsequenz führt, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg offenbar. Viele Nazi-Kriegsverbrecher verteidigten sich damit, sie hätten auf Befehl ihrer Vorgesetzten gehandelt. So tötet der Autoritarismus das Gewissen des Einzelnen ab und verwandelt ihn in ein willenloses Folterwerkzeug.

Steht fest in der Freiheit, für die uns Christus frei gemacht hat! – Teil 4

11. März 2019

Galater 5,1

Eine Untersuchung autoritärer Lehren und Praktiken in evangelikalen Kirchen und Organisationen

Was ist so schlimm an der Lehre von „Abdeckung“ und „Unterordnung“? (Fortsetzung)

Sie verletzt und misshandelt Gottes Volk.

Jesus sagte über autoritäre Leiter: „…sie binden schwere und schwierig zu tragende Bürden, und legen sie auf die Schultern der Menschen; sie selber aber wollen sie nicht mit einem Finger bewegen.“ (Mat.23,4) Autoritäre Leiter auferlegen ihren Untergebenen oft schwierige und ermüdende Vorschriften; aber sie selber folgen ihren eigenen Regeln nicht. Diese Doppelmoral ist eine Wurzel der Heuchelei, die Jesus kritisiert: „sie sagen, aber sie tun es nicht“ (Mat.23,3).

So kann ein autoritärer Leiter z.B. von seinen Untergebenen völlige Transparenz und Ehrlichkeit verlangen; aber er selber legt vor niemandem Rechenschaft ab, und verdreht die Wahrheit.
Oder er verlangt, dass seine Untergebenen „ihre Rechte aufgeben“, z.B. im finanziellen Bereich; aber er selber bereichert sich auf ihre Kosten.
Oder er stellt strenge Regeln auf über „sexuelle Reinheit“, die Kleidung der Frauen, und strenge Beschränkungen der Kontakte zwischen Männern und Frauen; aber er selber begeht Unzucht und sexuellen Missbrauch.
Oder er verbietet alle kritischen Äusserungen über ihn; aber er selber kritisiert, verflucht, und „diszipliniert“ seine Untergebenen hemmungslos.

In Teil 1 nannten wir einige Beispiele, was in solchen Umgebungen geschehen kann. Da es in autoritären Systemen kein gesundes Kräftegleichgewicht gibt, ist es oft nur ein Schritt von einem autoritären System zu einem missbrauchenden.

Oft finden Vertreter des Autoritarismus scheinheilige Vorwände, um ihren Untergebenen die Schuld zuzuschieben an den Problemen und an den Misshandlungen, die diese erleben. Z.B. erkrankt jemand wegen des Stresses, ständig die Vorwürfe der Leiter ertragen zu müssen; und sie sagen ihm: „Du bist krank, weil du einen Geist der Bitterkeit hast.“ – Oder eine Frau wird sexuell missbraucht, und sie sagen ihr: „Das geschah wegen der Art, wie du dich anziehst.“ – Oder eine Mutter hat rebellische Kinder, und sie sagen ihr: „Das liegt daran, dass du selber dich deinem Mann nicht genügend unterordnest.“

Es gibt keine biblische Grundlage für solche Anschuldigungen. Wo jemand unter der Sünde einer anderen Person leidet, da liegt die Schuld immer bei demjenigen, der die Sünde begangen hat! Und der Sünder muss nach Mat.18,15-17 konfrontiert werden, ohne Ausweichmanöver oder zusätzliche Hindernisse. Auch oder erst recht, wenn der Sünder ein Leiter ist. Aber die Lehren des Autoritarismus verdunkeln diese einfache Wahrheit, und beschuldigen die Opfer.

Zudem werden wir in 1.Kor.4,5 gewarnt, nicht vorschnell über die Absichten und Motive anderer Personen zu urteilen: „Richtet also nichts vor der Zeit, bis der Herr kommt. Er wird auch das im Dunkeln Verborgene ans Licht bringen, und die Absichten der Herzen sichtbar machen…“ – Autoritäre Leiter geben dagegen fälschlich vor, die verborgenen Absichten und Haltungen ihrer Untergebenen zu kennen, und fällen Urteile aufgrund solcher angeblicher Absichten.

Leiter, die autoritären Lehren folgen, fühlen sich manchmal unter einem enormen Druck, ihre Mitchristen „vor der Sünde bewahren zu müssen“, da sie glauben, sie seien die „geistliche Abdeckung“ ihrer laubensgeschwister. Wir haben bereits gesehen, dass es in Wirklichkeit Gott ist, der jeden Gläubigen beschützt. Aber wenn ein Leiter glaubt, das sei nicht genügend, und seine „Abdeckung“ sei notwendig, dann beginnt er ausgefeilte Mechanismen von „pastoraler Überwachung“ oder „Rechenschaftspflicht“ einzuführen, um alles zu überwachen und unter Kontrolle zu halten, was die Mitglieder in ihrem Privatleben tun. Z.B. benutzen sie „Seelsorgegespräche“, um die Mitglieder über ihr Leben und übereinander auszufragen; oder sie leiten die Mitglieder an, dem Leiter jedes „Fehlverhalten“ zu berichten, das sie bei einem anderen Mitglied beobachten (ähnlich wie die Netze von Denunzianten in den kommunistischen Diktaturen); und andere ähnliche Massnahmen.
All dies zerstört die mitmenschlichen Beziehungen unter den Geschwistern. Die Überwachung vermittelt Misstrauen: „Wir vertrauen nicht darauf, dass du dich gut benimmst. Wir misstrauen deinem guten Willen, ein gottgefälliges Leben zu führen. Wir müssen dich überwachen, weil du verdächtig bist.“ So geht die geschwisterliche Liebe und das Vertrauen zwischen Christen verloren. Stattdessen herrscht in den gegenseitigen Beziehungen das Misstrauen, die Angst, die Anpassung, und die Scham. All das verhindert ein gesundes geistliches Wachstum.

Einige rechtfertigen solche Praktiken mit Hebr.13,17: „…denn sie wachen über eure Seelen, als solche, die Rechenschaft ablegen müssen…“ – Aber der Ausdruck „über eure Seelen“ ist nicht verbunden mit dem „Rechenschaft ablegen“. D.h. es steht hier nicht, die Leiter müssten über die Seelen anderer Menschen Rechenschaft ablegen. Jeder muss Rechenschaft ablegen über das, was er selber getan hat (2.Kor.5,10, Offb.20,12-13). Die Bedeutung ist also: die Leiter müssen vor Gott Rechenschaft ablegen über die Art und Weise, wie sie ihre Leiterschaft ausgeübt haben.
Zweitens bedeutet „über eure Seelen wachen“ nicht, hinter den Mitgliedern herzuspionieren, und auch nicht jedem zu misstrauen, oder sie einer strengen Kontrolle zu unterwerfen. Das griechische Wort ist agrypnéo und bedeutet wörtlich „ohne Schlaf bleiben“. D.h. die Leiter sollen sich (positiv) „Tag und Nacht“ um ihre Geschwister kümmern. Wenn wir ein Beispiel suchen, was das bedeutet, so finden wir es im Bericht des Paulus über seinen Umgang mit den Thessalonichern: „Sondern wir waren gütig in eurer Mitte, wie eine stillende Mutter ihre eigenen Kinder nährt und pflegt. Wir hatten gute Absichten euch gegenüber, und es gefiel uns, mit euch nicht nur das Evangelium Gottes zu teilen, sondern auch unsere eigenen Seelen, denn ihr seid uns sehr lieb geworden.
Denn erinnert euch, Brüder, an unsere harte Arbeit und Mühe; denn wir arbeiteten Tag und Nacht, um niemandem von euch zur Last zu fallen, und so verkündeten wir euch das Evangelium Gottes. Ihr und Gott seid Zeugen, wie ehrerbietig und gerecht und untadelig wir zu euch, die Gläubigen, waren, wie ihr wisst; wie wir jeden einzelnen von euch ermutigten und trösteten wie ein Vater seine eigenen Kinder, damit ihr Gottes würdig lebt, der euch zu seinem eigenen Reich und zu seiner Herrlichkeit berufen hat.“ (1.Thess.2,7-12)

In Wirklichkeit will ein wiedergeborener Christ von sich selber aus das Gute tun, weil Gott ihm ein neues Herz gegeben hat. (Ez.36,25-27; 2.Kor. 5,17). Christus lebt in ihm, und bewirkt in ihm ein gottgefälliges Leben, durch die Gnade Gottes. „Denn durch das Gesetz bin ich dem Gesetz gestorben, um für Gott zu leben. Ich bin zusammen mit Christus gekreuzigt; und nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir; und was ich jetzt im Fleisch lebe, das lebe ich im Glauben des Sohnes Gottes, der mich geliebt hat und sich selber für mich gegeben hat.“ (Gal.2,20; siehe auch 1.Kor.15,10). Die „pastorale Überwachung“ zieht diese grosse Wahrheit des Evangeliums in Zweifel. Sie macht, dass die Christen sich ständig schuldig fühlen (für Dinge, die keine Sünden sind), an ihrer Stellung vor Gott zu zweifeln beginnen, und „von der Gnade fallen“ (Gal.5,4).
(Ein anderer Fall ist es, wenn jemand in Wirklichkeit nicht von neuem geboren wurde. Aber diese Situation ist nicht im Blickfeld der vorliegenden Artikelserie.)

Jesu Rede vom guten Hirten (Joh.10) erinnert die Zuhörer an Ezechiel 34, eine Prophetie, die die Folgen einer autoritären und missbrauchenden Leiterschaft beschreibt:

„Wehe den Hirten Israels, die sich selbst geweidet haben! Sollten die Hirten nicht die Schafe weiden? Die Milch geniesst ihr, mit der Wolle bekleidet ihr euch, und das Gemästete schlachtet ihr; die Schafe aber weidet ihr nicht. Das Schwache habt ihr nicht gestärkt, das Kranke nicht geheilt und das Gebrochene nicht verbunden; ihr habt das Versprengte nicht heimgeholt und das Verirrte nicht gesucht, und das Kräftige habt ihr gewalttätig niedergetreten. So zerstreuten sich denn meine Schafe, weil kein Hirte da war, und wurden allem Getier des Feldes zum Frasse.“ (Ez.34,2-5)

Weiter sagt Gott, er werde sich gegen die bösen Hirten wenden, die Schafe aus ihrer Hand befreien, und einen guten Hirten bestellen („meinen Knecht David“ = Jesus), der sie weiden wird. Gott zwingt niemanden, unter einer schlechten Leiterschaft zu bleiben, nur „weil sie die Leiter sind“.

Sie verhindert eine offene Diskussion der Probleme.

Alle Mitglieder der neutestamentlichen Gemeinde sind aufgerufen, ihr Unterscheidungsvermögen einzusetzen, um zu prüfen, was gelehrt wird:

„Prüft alles, behaltet das Gute.“ (1 Thess.5,21)

„Propheten sollen zwei oder drei sprechen, und die übrigen richten.“ (1.Kor.14,29)

Die Beröer wurden „edel“ genannt, weil sie prüften, was Paulus sprach: „sie forschten täglich in der Schrift, ob es so war“ (Apg.17,11).

Paulus schrieb den Galatern, sie sollten nicht einmal ihn selber aufnehmen, falls er ein anderes Evangelium als das ursprüngliche lehren würde (Gal.1,8). Nicht einmal ein Apostel kann fordern, dass seine Geschwister seine Lehren ungeprüft aufnehmen. Die römisch-katholische Kirche irrte während des Mittelalters so weit ab, weil sie ihren Mitgliedern das Recht verweigerte, die Lehren ihrer Leiter zu prüfen und in Frage zu stellen.

Ebenso sollen auch Sünden offen konfrontiert werden, unabhängig davon, ob der Sünder ein „gewöhnliches Mitglied“ oder ein Leiter ist. (Siehe Mat.18,15-17; Gal.2,11-14.)

Autoritäre Leiter verdrehen diese Prinzipien. Sie errichten Machtstrukturen, wo nur sie andere zurechtweisen können, aber niemand kann sie zurechtweisen. Wenn es ein Problem gibt in der Gemeinde, eine Sünde, oder eine falsche Lehre, dann wird die offene Diskussion darüber unterdrückt, und es wird gelehrt, es sei „Klatsch“ oder „Rebellion“, auf einen Fehler eines Leiters hinzuweisen.

In einer gesunden Gemeinde können falsche Lehren, extreme Ansichten, und Machtmissbrauch von seiten der Leiter eingedämmt und korrigiert werden durch die offene, allgemeine Diskussion auf biblischer Grundlage. In einer autoritär geleiteten Gemeinde wird dagegen jede abweichende Meinung als „Disziplinarfall“ behandelt. Statt die Probleme offen und ehrlich zu diskutieren, werden jene Personen, die Probleme aufzeigen, eingeschüchtert und als „Sünder“ behandelt. Infolgedessen leben die Mitglieder in gegenseitigem Misstrauen, und das schlechte Verhalten von seiten der Leiter nimmt zu, weil niemandem erlaubt wird, sie zurechtzuweisen.

Sie führt zum Denominationalismus und Sektiererei

Von allen Gemeinden, die im Neuen Testament erwähnt werden, war jene von Korinth offenbar am stärksten beeinflusst von der Idee der „Unterordnung unter die Leiterschaft“. Sie waren nicht damit zufrieden, zu Christus zu gehören; sie wollten auch einem ihrer Leiter „gehören“. Deshalb sagten einige: „Ich gehöre Paulus“, andere: „Ich gehöre Apollos“, usw. (1.Kor.1,12)
Die genannten Leiter hatten selber nie diese Art von „Unterordnung“ gefordert, und hatten auch nie ein „Eigentumsrecht“ über die Korinther geltend gemacht. Paulus erklärt: „Wer ist also Paulus? Und wer Apollos? – Diener, durch die ihr zum Glauben kamt; und jeder [dient], wie der Herr es ihm gegeben hat. Ich habe gepflanzt, Apollos hat begossen, aber Gott liess es wachsen. So ist nicht der etwas, der gepflanzt hat, noch der, der begossen hat, sondern Gott, der es wachsen liess.“ (1Kor.3,5-7)

Die neutestamentliche Gemeinde wird von einer Vielfalt von „Diensten“ aufgebaut. (Eph.4,11 nennt „Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer“). Diese bilden keine „Hierarchie“ oder „Befehlskette“, sondern ergänzen einander. Im vorherigen Zitat (1.Kor.3,5-7) erklärt Paulus, dass zwischen ihm und Apollos keine Vorgesetzten-Untergebenen-Beziehung besteht (und auch nicht zwischen ihm und Kephas=Petrus). Beide sind gleichermassen von Gott gebrauchte „Diener“, jeder mit seiner eigenen Gabe. Die einzige Person, die eine „privilegierte“ Stellung einnimmt in der neutestamentlichen Gemeinde, ist Jesus Christus selber. „Denn niemand kann ein anderes Fundament legen ausser dem, das gelegt ist, welches Jesus Christus ist.“ (1.Kor.3,11)

Nun hat jeder Leiter oder Lehrer gewisse persönliche Vorlieben oder Neigungen in seiner Bibelauslegung, und in seiner Art, das christliche Leben zu leben. Deshalb werden zwei Leiter nie völlig übereinstimmen in allen Details ihrer Lehre und Praxis. Die Korinther waren anscheinend nicht in der Lage, diese Unterschiede auf reife Weise zu handhaben – ähnlich wie heute viele Evangelikale (inbegriffen Leiter) nicht auf geistliche Weise umgehen können mit den Unterschieden zwischen Calvinisten und Arminianern; zwischen Pfingstlern und Nichtpfingstlern; zwischen jenen, die den Frauen das Hosentragen erlauben und jenen, die es nicht erlauben; zwischen jenen, die beim Singen die Hände erheben und jenen, die das nicht tun, usw.
Der Fehler der Korinther bestand darin, diese persönlichen Vorlieben der Leiter auf den Rang göttlicher Gebote zu erheben. Dieser Fehler wird in 1.Kor.4,6 angesprochen: „Und dies, Brüder, habe ich um euretwillen auf mich und Apollos angewandt, damit ihr an uns[erem Beispiel] lernt, nicht über das hinaus zu denken, was geschrieben steht, damit niemand von euch aufgeblasen werde wegen des einen [Leiters und] gegen den anderen.“ – Die Korinther waren „aufgeblasen“ geworden, indem die einen allen übrigen die persönlichen Vorlieben des Apollos auferlegen wollten, und andere die persönlichen Vorlieben des Paulus. Paulus erklärt, dass ein Leiter rechtmässigerweise der Gemeinde nur das auferlegen kann, „was geschrieben steht“. Kein Leiter hat Autorität, seinen Geschwistern besondere Auslegungen oder Praktiken aufzuzwingen, die über das hinausgehen, was die Heilige Schrift festlegt.

Wegen dieses Problems sagt Paulus den Korinthern: „Ihr seid mit einem Preis erkauft worden; werdet nicht Sklaven von Menschen.“ (1.Kor.7,23)

Wegen dieses Problems widmet Paulus ein ganzes Kapitel (1.Kor.12) der Beschreibung des Leibes Christi, wo die Glieder unterschiedliche Funktionen haben, aber alle dieselbe Wichtigkeit und Würde. Die Glieder haben untereinander eine Beziehung der gegenseitigen Ergänzung, nicht der „Autorität“ und „Unterordnung“.

Ein evangelikaler „Pastor“ antwortete einmal darauf: „Aber die Gemeinde ist ein Leib, dessen Haupt der Herr ist. Könnt ihr euch einen Leib vorstellen, wo die Hände und die Füsse direkt am Haupt angebracht sind? Ein Monster!“ – Dieser Pastor ist im Irrtum, sowohl biblisch als auch anatomisch. Die Bibel bekräftigt ausdrücklich, was er verneint:

„Lasst euch durch niemand um den Kampfpreis bringen, der sich gefällt in [unterwürfiger] Demut und Verehrung der Engel, der sich auf Dinge einlässt, die er [gar] nicht gesehen hat, ohne Ursache aufgeblasen von dem Sinn seines Fleisches, und der sich nicht hält an das Haupt, von dem aus der ganze Leib, durch die Gelenke und Bänder unterstützt und zusammengehalten, das Wachstum vollzieht, das Gott gibt.“ (Kol.2,18-19, ZÜ)

Jedes Glied des Leibes Christi soll sich also „an das Haupt halten“, das Christus ist. So ist es auch eine anatomische Tatsache, dass z.B. die Finger ihre Befehle nicht von der Hand erhalten, auch nicht vom Vorderarm, sondern direkt vom Haupt (d.h. genauer, vom Zentralnervensystem). Dadurch befindet sich tatsächlich jedes Glied in direkter Kommunikation mit dem Haupt; und die Glieder erteilen einander keine Befehle.

Wenn wir nun zum zweiten Korintherbrief gehen, dann sehen wir, dass dieses Problem das einzige ist, das nicht korrigiert wurde, sondern sich sogar verschlimmerte (Kap.10 und 11): Nun ziehen die Korinther jene Leiter vor, die tatsächlich „Unterordnung“ fordern (d.h. die „Überapostel“), entgegen den echten Leitern wie Paulus, Apollos und Petrus. Deshalb muss Paulus auch im zweiten Brief betonen: „Nicht dass wir Herren wären über euren Glauben, sondern wir sind Mitarbeiter zu eurer Freude; denn im Glauben steht ihr.“ (2.Kor.1,24) – Sein Ziel ist es nicht, dass die Korinther sich ihm unterordnen; sondern dass sie mit Christus vereint werden (2.Kor.11,2).

Da der Autoritarismus es nicht erlaubt, die Lehre und Praxis der Leiter biblisch zu prüfen und zu diskutieren, produziert und verschlimmert er genau dieses Problem. Zuerst produziert er Denominationalismus und Parteisucht (die Situation von 1.Korinther); und wenn er weiter fortschreitet, Sektiererei (die Situation von 2.Korinther).

Sie führt zum Papsttum.

Wenn ein Leiter „die Stimme Gottes“ ist für seine Nachfolger, und wenn der Gehorsam der Untergegebenen Gott gegenüber sich ausdrückt in ihrem Gehorsam dem Leiter gegenüber, dann stellt sich dieser Leiter zwischen seine Untergebenen und Gott. Er wird zu einer „Brücke“ oder einem „Mittler“ zwischen den Menschen und Gott. Das ist das Wesen des katholischen Priestertums: eine „Brücke“, die den Zugang der Gläubigen zu Gott vermittelt. Deshalb ist einer der Titel des Papstes „Pontifex Maximus“, „der grösste Brückenbauer“.

Aber es ist nicht biblisch, dass ein Mensch diese Stellung einnimmt. (Siehe in Teil 2 über den direkten Zugang des Christen zu Gott.) Das war eines der Schlüsselthemen der Reformation: Brauchen wir die Vermittlung eines Priesters, oder kann sich jeder Christ direkt Gott nähern, durch Jesus Christus? Die Lehren des Autoritarismus sind in Wirklichkeit ein Rückfall zur katholischen Auffassung vom Priestertum.

Und wenn jeder Leiter seinerseits einen übergeordneten Leiter in der „Befehlshierarchie“ haben soll, und das konsequent fortgeführt wird, dann gelangen wir zu einer Pyramidenstruktur, wo notwendigerweise jemand die Stellung an der Spitze einnehmen muss. Und es ist nötig, dass dieser Leiter an der Spitze die Bibel unfehlbar auslegen kann; denn er ist verantwortlich dafür, die ganze Christenheit zu lehren, und er hat niemanden, der ihn belehren könnte, ausser Gott selber. Diese Logik führt unvermeidlicherweise zum römischen Papsttum.

Auf der evangelikalen Seite hat diese Logik des Autoritarismus zwei Ergebnisse hervorgebracht, die wir gegenwärtig beobachten können. Eines ist das Erscheinen verschiedener evangelikaler „Päpste“, die sich an die Spitze ihrer eigenen „Pyramide“ stellen, jeder mit seinen eigenen Nachfolgern. Einige von ihnen sind örtliche Pastoren mit einigen hundert „Jüngern“; andere haben internationalen Einfluss und Millionen von Nachfolgern. Gemeinsam ist ihnen ihr Anspruch auf unantastbare Autorität. Auch wenn sie nicht offen sagen, sie betrachteten sich als „unfehlbar“, so handeln sie doch in der Praxis, als ob sie es wären. Sie fügen der Bibel ihre eigenen Gebote und Ideen hinzu; sie bestrafen ihre Nachfolger, wenn sie ihnen nicht gehorchen; und sie nehmen von niemandem Korrektur an.

Das zweite Ergebnis ist, dass in den letzten Jahren eine wachsende Anzahl evangelikaler Leiter (sogar von internationalem Einfluss) tatsächlich begonnen hat, die Reformation zu widerrufen und die „sichtbare Einheit“ mit dem römischen Papst zu suchen. Unter ihnen sind mehrere Leiter der Weltweiten Evangelischen Allianz, d.h. die oberste Vertretung der Evangelikalen weltweit. Auch das ist eine logische Folge des Autoritarismus: Wenn man „dem Leiter gehorchen muss, auch wenn er im Irrtum ist“, dann war die Reformation eine Rebellion gegen die rechtmässige Leiterschaft der Kirche ihrer Zeit. Alle evangelikalen Kirchen haben ihre Wurzeln in dieser „Rebellion“. Wer sich als Erbe der Reformation oder der Täufer versteht, der kann nicht an den Lehren des Autoritarismus festhalten, ohne den Ast abzusägen, auf dem er selber sitzt.
Tatsächlich ist der Unterschied zwischen Reformation und Katholizismus wesentlich ein Unterschied zwischen christlicher Freiheit und Autoritarismus. Wir sehen dies anhand zweier von Luther formulierter Prinzipien: Das Priestertum aller Gläubigen, und „Sola Scriptura“.

Das Priestertum aller Gläubigen

Im Neuen Testament gibt es genau fünf Stellen, wo Christen „Priester“ oder „Priestertum“ genannt werden:

„… Lasst euch auch selbst wie lebendige Steine aufbauen als ein geistliches Haus zu einer heiligen Priesterschaft … Ihr aber seid das auserwählte Geschlecht, die königliche Priesterschaft, das heilige Volk, das Volk des Eigentums …“ (1.Petrus 2,5.9 ZÜ)
(Jesus Christus) „machte aus uns Könige und Priester für Gott, seinen Vater …“ (Offb.1,6)
„…denn du wurdest geschlachtet, und erkauftest für Gott mit deinem Blut aus jedem Stamm und Sprache und Volk und Nation, und machtest sie zu Königen und Priestern für unseren Gott …“ (Offb.5,9-10)
„… Über diese hat der zweite Tod keine Autorität, sondern sie werden Priester Gottes und Christi sein, und werden mit ihm tausend Jahre regieren.“ (Offb.20,6)

Diese Stellen sprechen von allen wahren Christen. Es gibt keine Christen, die „priesterlicher“ wären als andere. Jeder Christ ist ein Priester vor Gott, unter dem Hohenpriester Jesus Christus (Hebr. 4,14; 7,26-28).

Im katholischen System sind das besondere Priestertum und die von ihm verwalteten Sakramente notwendig, um den Zugang der Gläubigen zu Gott zu sichern. Die Reformation schaffte diese menschliche Vermittlung ab (siehe 1.Tim.2,5). Aber der Autoritarismus führt die evangelikalen Kirchen zurück zu einer Situation, wo die Gläubigen eine „Priesterschaft“ nötig haben (die „Autoritäten“), die sich zwischen sie und Gott stellen.

Sola Scriptura

Die katholische Kirche kennt drei „Autoritäten“ über die christliche Lehre und Praxis: die Heilige Schrift, die „Tradition“, und das Lehramt der Kirche. Diese drei „Autoritäten“ sind gleichrangig. Deshalb hat die römische Kirche im Lauf der Zeit von ihren Meistern verschiedene Lehren angenommen, die der Bibel widersprechen. Wenn menschlichen Lehrern dieselbe Autorität gegeben wird wie der Heiligen Schrift, dann gibt es keine Möglichkeit, diese Lehrer anhand der Bibel zu korrigieren.

Angesichts dieser Situation postulierten die Reformatoren, dass die Heilige Schrift die einzige massgebende Autorität für die Lehre und das christliche Leben ist. Das kann mit den neutestamentlichen Stellen begründet werden, die jedem Gläubigen auftragen, die Lehren, die er hört, zu prüfen (1.Kor.14,29; Gal.1,8; 1.Thess.5,21; Apg.17,11); und mit den Verheissungen, dass Gott selber jeden Gläubigen lehrt (Joh.6,45; 10,27; 1.Joh.2,27). Jeder Gläubige ist in der Lage, die Bibel zu verstehen, soweit es nötig ist; und es ist weder nötig noch gerechtfertigt, dass die Leiter der Kirche eine „autoritative Auslegung“ als verbindlich erklären.

Infolgedessen hat jeder Gläubige das Recht, einen Leiter oder Lehrer zu konfrontieren und zu korrigieren, wenn ein biblischer Grund dazu besteht. Die Autorität über die Kirche liegt nicht in einer Person oder einem „Amt“, sondern in der Heiligen Schrift. Auch der einfachste Christ, der sich auf die Bibel stützt, hat grössere Autorität als ein Leiter, der im Widerspruch zur Bibel lehrt oder handelt.

Die Lehren und Praktiken des Autoritarismus leugnen das „Sola Scriptura“, und setzen von neuem die Autorität fehlbarer Menschen anstelle der Autorität der Heiligen Schrift.

Steht fest in der Freiheit, für die uns Christus frei gemacht hat! – Teil 2

25. Februar 2019

Galater 5,1

Eine Untersuchung autoritärer Lehren und Praktiken in evangelikalen Kirchen und Organisationen

Was ist so schlimm an der Lehre von „Abdeckung“ und „Unterordnung“?

Sie ist unbiblisch.

Der erste Test für jede Lehre und Praktik ist immer: Entspricht es der Heiligen Schrift; insbesondere dem Neuen Testament?

Die Vertreter des Autoritarismus zitieren einige Bibelstellen als Begründungen. Aber bei näherer Untersuchung findet man meistens, dass diese Stellen aus dem Zusammenhang gerissen wurden, falsch angewandt werden, und/oder nicht wirklich das aussagen, was die Lehrer des Autoritarismus behaupten. In einem späteren Artikel werden wir einige dieser Stellen untersuchen. Zuerst aber sehen wir kurz, was Jesus und die Apostel über die Struktur der Gemeinde sagen, und über christliche Leiterschaft:

„Aber ihr sollt euch nicht Rabbi (Meister) nennen lassen; denn einer ist euer Meister, Christus; und ihr alle seid Brüder. Und nennt niemanden auf der Erde euren Vater, denn einer ist euer Vater, der in den Himmeln ist.“ (Mat.23,8-9)

„Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte gibt sein Leben für die Schafe. Aber der Angestellte, der nicht der Hirte ist und dem die Schafe nicht gehören, schaut zu, wie der Wolf kommt, und verlässt die Schafe und flieht …“ (Joh.10,11-12)

Die neutestamentliche Gemeinde ist eine Bruderschaft unter einem einzigen Vater; eine Herde unter einem einzigen Hirten. In diesen Bibelstellen gibt es keine hierarchischen Unterschiede zwischen einem Bruder und dem anderen, oder zwischen einem Schaf und dem anderen. Auch der berühmteste Apostel ist nicht mehr als ein Kind in der Familie des himmlischen Vaters; nicht mehr als ein Schaf in der Herde des guten Hirten. Im Leib Christi gibt es unterschiedliche Funktionen; aber diese Verschiedenheit begründet keine „Unterordnung“ unter eine Hierarchie, keine militärische „Befehlskette“.

„Und das Auge kann nicht zur Hand sagen: ‚Ich brauche dich nicht‘; noch der Kopf zu den Füssen: ‚Ich brauche euch nicht.‘ Im Gegenteil, jene Körperteile, die uns schwächer scheinen, sind viel notwendiger; und jene, die wir weniger wertschätzen, umgeben wir mit grösserer Wertschätzung (…) Aber Gott fügte den Körper (so) zusammen: er gab jenen grössere Wertschätzung, denen sie fehlt, damit der Körper einig sei, und damit die Glieder sich in gleicher Weise umeinander kümmern.“ (1.Kor.12,21-25)

Diese Worte stehen im Zusammenhang mit den verschiedenen „Gaben“ oder „Funktionen“, die Gott der Gemeinde gegeben hat: Apostel, Propheten, Lehrer, usw.

Jesus sprach zu seinen Jüngern sehr klar über die Gefahr, Strukturen der „Autorität und Unterordnung“ errichten zu wollen:

„Die Könige der Nationen machen sich zu Herren über sie [d.h. verlangen Unterordnung], und jene, die Autorität ausüben über sie, lassen sich Wohltäter nennen. Aber unter euch soll es nicht so sein; sondern der Grösste unter euch soll wie der Jüngste werden, und der Führende wie der Dienende. Denn wer ist wichtiger: der zu Tisch sitzt, oder der Dienende? Nicht der, der zu Tisch sitzt? Aber ich bin mitten unter euch wie der Dienende.“ (Luk.22,25-27, siehe auch Mat.20,25-28, 23,12, Joh.13,13-15, 1.Petrus 5,3.)

In dieser Hinsicht drücken sich die Schreiber des Neuen Testaments sehr genau aus. In einem säkularen Zusammenhang haben sie kein Problem damit, zu sagen, ein Leiter stehe „über“ anderen. Aber nie brauchen sie dieses Wort „über“, wenn sie von einem Leiter von Christen sprechen. Z.B. Mat.20,25-27: „Ihr wisst, dass die Regierenden der Nationen sich zu Herren über sie machen (wörtlich: „hinunter-herrschen“), und die Grossen üben Autorität über sie aus (wörtlich: „hinunter-Autorität ausüben“). Unter euch soll es nicht so sein; sondern wer gross sein möchte unter („en“ = wörtlich „in“) euch … und wer der Wichtigste sein möchte unter euch …“ – Diese Stelle macht deutlich, dass Autoritätsstrukturen, wie sie in den weltlichen Regierungen bestehen, nicht in die christliche Gemeinschaft hineingetragen werden sollen.

Von Christus sagt die Schrift, er sei „zum Haupt über alles“ erhoben worden (Eph.1,22). Aber von den christlichen Leitern heisst es: „… die unter euch arbeiten und euch vorstehen im Herrn …“ (1.Thess.5,12). Es heisst nicht „die über euch stehen“. Die Idee von „Oberen“ und „Untergebenen“ findet keine Anwendung in der neutestamentlichen Gemeinde. (Siehe auch 1.Petrus 5,2-3.)

Anstelle einer „vertikalen“ Struktur betont das Neue Testament viel stärker die „horizontalen“ Beziehungen, die „Einander-„Beziehungen im Leib Christi:

„Wir sind … Glieder voneinander“ (Röm.12,5, Eph.4,25)
„Liebt
einander.“ (Joh.13,34-35, Röm.12,10, 1.Petrus 1,22, 1.Joh. 3,11.23, u.a.)
„Tragt
einer des anderen Last …“ (Gal. 6,2)
„Und vergesst nicht Gutes zu tun, und die Gemeinschaft [untereinander] …“ (Hebr. 13,16)
„Beherbergt
einander ohne Murren.“ (1.Petrus 4,9)
„Legt die Lüge ab, und sprecht Wahrheit
jeder zu seinem Nächsten …“ (Eph.4,25)
„Ihr selber
[alle Gemeindeglieder] seid voll Tugend, voll aller Erkenntnis, fähig, auch andere zu ermahnen.“ (Röm.15,14)
„… lehrt und ermahnt
einander in aller Weisheit …“ (Kol.3,16)
„Ermutigt einander, und erbaut
einander“ (1.Thess.5,11)
„… um
einander anzuspornen zur Liebe und zu guten Taten …“ (Hebr.10,24)
„… indem ihr
zueinander sprecht mit Psalmen, Hymnen und geistlichen Liedern …“ (Eph.5,19)
„Bekennt
einander eure Übertretungen und betet füreinander, damit ihr geheilt werdet.“ (Jak.5,16)
„Seid gütig
zueinander, barmherzig, vergebt einander …“ (Eph.4,32)
„Ordnet euch
einander unter in der Furcht Gottes.“ (Eph.5,21)
„… und alle,
einander untergeordnet, zieht Demut an …“ (1.Petrus 5,5)

Die zwei letzten Stellen sind besonders wichtig, weil sie den Begriff der „Unterordnung“ enthalten, den der Autoritarismus so sehr betont. In der neutestamentlichen Gemeinde ist auch die „Unterordnung“ gegenseitig, sie geht in beide Richtungen. Es gibt keine „Oberen“, die von ihren „Untergebenen“ „Unterordnung“ verlangen könnten; der Herr ruft uns auf, uns einander unterzuordnen.

Was die Gemeindeleitung betrifft, so finden wir, dass alle neutestamentlichen Gemeinden, soweit wir darüber informiert sind, von einem Team von mehreren Leitern gemeinsam geleitet wurden. Das ist wichtig, weil so auch innerhalb des Leitungsteams die gegenseitige Unterordnung praktiziert wurde, nicht eine Unterordnung aller unter einen einzigen „Hauptleiter“.

Sie unterwirft das Volk Gottes einer unangemessenen Form von Autorität.

Die Vertreter des Autoritarismus stützen sich auf eine einzige Form von Autorität ab: die delegierte Autorität bzw. Autorität aufgrund einer Position. Das ist die Art von Autorität, die wir in den weltlichen Regierungen finden, oder in der Armee: Die Leiter kommen zu ihrer Position, weil sie von ihren Vorgesetzten dahin befördert wurden. Ihre Pflicht besteht darin, die Befehle ihrer Vorgesetzten an ihre Untergebenen weiterzuleiten. Die Untergebenen müssen jedem gehorchen, der eine „übergeordnete“ Position innehat, unabhängig vom Charakter dieser Person, und unabhängig davon, ob sie ihre Leiterschaft gut oder schlecht ausübt.

Jesus erklärte in Lukas 22,25-27 und Parallelstellen, dass in seinem Volk eine andere Art von Autorität gilt: die beziehungsmässige Autorität, bzw. Autorität aufgrund von Anerkennung. Das ist z.B. die Autorität eines älteren Freundes, dessen Ratschläge ich respektiere, weil ich ihn als einen reifen und weisen Christen kenne. Diese Art von Autorität zwingt sich nicht auf, und hat nichts zu tun mit einer „Position“ oder einem „Amt“, das mein Freund innehätte. Sie beruht darauf, wer er ist, und auf meiner Anerkennung seiner Qualitäten. (Einige Autoren nennen diese Art von Autorität eine moralische Autorität.)

In den folgenden Zitaten finden wir weitere Hinweise darauf, dass dies die Art von Autorität ist, die in der neutestamentlichen Gemeinde ausgeübt wurde:

„Sucht also, Brüder, sieben Männer unter euch mit gutem Zeugnis, voll des Heiligen Geistes und Weisheit, die wir über diese Notwendigkeit einsetzen können…“ (Apg.6,3)

Das war keine „Delegation“ oder „Beförderung“ gewisser Personen von seiten der Apostel, um die neuen Verantwortungen wahrzunehmen. Stattdessen wurde die ganze Gemeinde gebeten, Personen zu suchen mit den nötigen Qualifikationen. Mit anderen Worten, die Sieben wurden ausgewählt aufgrund ihrer Anerkennung durch die Gesamtgemeinde.

„Aber von jenen, die als etwas gelten (…), mir haben jene, die etwas gelten, nichts auferlegt (…) Jakobus und Kephas und Johannes, die als Säulen gelten…“ (Gal.2,6.9)

Jakobus, Kephas (Petrus) und Johannes galten als „Säulen“, nicht aufgrund einer „Position“, die sie innegehabt hätten, sondern wegen ihrer hohen Wertschätzung in der Gemeinde. Das mit „gelten“ übersetzte Wort (dreimal dokéo) bedeutet „denken, meinen, [jemandem] scheinen, ansehen [als]“, manchmal auch „wertschätzen“. Die Autorität dieser drei Leiter gründete sich auf der Anerkennung ihrer Qualitäten durch die ganze Gemeinde.

1.Tim.3 zählt einige Anforderungen an Leiter auf. Diese Anforderungen zeigen, dass die Autorität der Ältesten nicht darauf beruhte, in ein „Amt“ eingesetzt worden zu sein (delegierte Autorität), sondern auf dem Erweis ihrer persönlichen Qualitäten und Integrität (moralische Autorität).
Das entspricht auch der Art und Weise, wie die Ältesten in Israel gewählt wurden: Die Stämme oder Sippen wählten die reifsten und weisesten Familienväter zu Ältesten. Ihre eigenen Familienmitglieder und nächsten Bekannten konnten diese Qualitäten bezeugen, und so entscheiden, welche Personen Älteste sein sollten.

In einigen Bibelübersetzungen scheint Apg.14,23 dieser Ansicht zu widersprechen: „Und sie [Paulus und Barnabas] setzten in jeder Gemeinde Älteste ein…“ Das kann den Eindruck vermitteln, die Apostel hätten bestimmte Gemeindeglieder zu Ältesten „ernannt“ oder „befördert“. Aber das mit „einsetzen“ übersetzte Wort ist cheirotonéo, „durch Handaufheben bestätigen“. Die Apostel entschieden also nicht allein. Wir können annehmen, dass ihre Meinung grosses Gewicht hatte, da sie als erste das Evangelium gebracht hatten. Aber die Anerkennung von seiten der Gemeinde hatte mindestens dasselbe Gewicht.

Hierarchische Strukturen in der Form einer „Befehlskette“ mögen in einer weltlichen Regierung oder in der Armee angebracht sein. Aber wenn sie in die Gemeinde Gottes eingeführt werden, dann wird der Gemeinde eine fremde Art von Autorität aufgezwungen, die weltlich und nicht biblisch ist.

Sie hält das Volk Gottes in der Unreife fest.

Die Mitglieder einer autoritären Gruppe sind vom Leiter abhängig. Der Leiter muss für sie die Bibel auslegen; muss für sie beten; muss ihnen sagen, was sie tun und lassen sollen, sogar in ihrem Privatleben… Dieser Lebensstil mag vielen Menschen anziehend erscheinen, die nicht gerne für ihr Leben Verantwortung übernehmen. Sie können dann in der Illusion leben, ihre Leiter seien für alles verantwortlich. Wo es keine Entscheidungsfreiheit gibt, da ist auch keine Gelegenheit, Verantwortlichkeit zu lernen und auszuüben.

Aber Gott möchte nicht, dass wir einen solchen sklavischen Geist haben. Er möchte uns den Geist von Söhnen geben, freien und verantwortlichen Söhnen, die in der Liebe des Vaters Sicherheit finden. „Denn ihr habt nicht einen Geist der Sklaverei empfangen, um wiederum Angst zu haben. Sondern ihr habt einen Geist der Adoption empfangen, in dem wir rufen: ‚Abba („Papi“), Vater!‘ Der Geist selber bezeugt zusammen mit unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind.“ (Röm.8,15-16). Wer als Kind Gottes adoptiert worden ist, der wird sich nicht wieder in eine sklavische Abhängigkeit von menschlichen Leitern begeben.

„Steht also fest in der Freiheit, für die uns Christus frei gemacht hat, und lasst euch nicht wieder einem Joch der Sklaverei unterwerfen.“ (Gal.5,1)

„Er (Christus) hat euch mit einem Preis erkauft; werdet nicht Sklaven von Menschen.“ (1.Kor.7,23)

Der direkte Zugang zu Gott ist ein äusserst wichtiger Aspekt des christlichen Lebens:

„Da wir also einen grossen Hohenpriester haben, der durch die Himmel hindurchgegangen ist, Jesus, den Sohn Gottes, lasst uns am Bekenntnis festhalten. (…) Treten wir also mit Freimut zum Gnadenthron hinzu, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade von Gott finden zur rechtzeitigen Hilfe.“ (Hebr.4,14-16)

„Also, Brüder, da wir Freimut haben, in das Allerheiligste einzutreten durch das Blut Jesu, welches ein neuer und lebendiger Weg ist, den er für uns eingeweiht hat durch den Vorhang hindurch, das ist sein Fleisch, und einen grossen Priester über das Heim Gottes, lasst uns hinzutreten mit wahrhaftigem Herzen, in der Fülle des Glaubens, die Herzen besprengt [zur Reinigung] vom schlechten Gewissen, und den Körper gewaschen mit reinem Wasser.“ (Hebr.10,19-22)

Dieser Zugang geschieht durch Jesus Christus. Wir brauchen keine Vermittlung durch einen Leiter, Priester, Pastor, oder irgendeinen anderen Menschen auf Erden.

„Denn Gott ist einer, und einer ist Mittler zwischen Gott und den Menschen, der Mensch Christus Jesus.“ (1 Tim.2,5)

Der Herr möchte auch jedes Glied seines Volkes direkt und persönlich führen und lehren:

„Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir.“ (Joh.10,27)

„Und die Salbung, die ihr von ihm empfangen habt, bleibt in euch, und ihr habt nicht nötig, dass jemand euch lehrt, sondern wie die Salbung selber euch über alles belehrt …“ (1.Joh.2,27)

Diese direkte Beziehung zu Gott geht verloren, wenn Christen sich angewöhnen, in allen Aspekten des christlichen Lebens von ihren Leitern abhängig zu sein. Sie wissen dann nicht, wie sie selber die Bibel verstehen können; sie sind sich nicht gewohnt, selber zu beten; sie wissen nicht, wie sie selber Gottes Führung für ihr Leben suchen können; sie wissen nicht, wie sie den Versuchungen widerstehen können, oder wie sie sich gegen Angriffe und gegen falsche Lehren wehren können.