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Die erste Gemeinde, Vorbild für alle Zeiten

13. April 2017

Das deutlichste Bild der neutestamentlichen Gemeinde finden wir, wenn wir die Urgemeinde in Jerusalem betrachten. Wenn Gott etwas Neues schafft, dann stellt er es immer am Anfang in seiner reinsten und klarsten Form vor. Dann vertraut er es Menschen an, und nach einiger Zeit lässt er zu, dass allmählich verändert und verdorben wird; wobei er aber immer wieder dazu aufruft, „zu den Anfängen zurückzukehren“. Aber wenn das Volk auf dem verkehrten Weg weitergeht, dann lässt er schliesslich zu, dass sie völlig abfallen und die entsprechenden Konsequenzen erleiden. Dieses Muster können wir durch die ganze biblische Geschichte hindurch beobachten:

Die ursprüngliche Schöpfung war vollkommen, und die ersten Menschen waren vollkommen. Am Anfang erklärte und offenbarte Gott seine Absichten mit der ganzen Schöpfung. „Am Anfang … war alles sehr gut.“ Dann, mit dem Sündenfall, begann die ganze Schöpfung zu verderben.

Als Gott anfing, Israel als eine unabhängige Nation zu gründen, da achtete er besonders darauf, sie während ihrer Wüstenwanderung zu reinigen. Während jener Zeit rief jede Sünde und jeder Ungehorsam ein strenges Gericht Gottes hervor. Das sehen wir auf Schritt und Tritt im zweiten und vierten Buch Mose. In jener Zeit erhielt Israel das Gesetz Gottes, den vollkommensten Ausdruck seines Willens für sie. Die Gegenwart Gottes war sichtbar mit ihnen und bewirkte in ihnen eine tiefe Ehrfurcht. – In späteren Zeiten entfernte sich das Volk von Gott und verdarb immer mehr; und gleichzeitig nahm die Kraft ihres Zeugnisses unter den Völkern ab.

Es sollte uns also nicht verwundern, wenn auch bei der Gründung der christlichen Gemeinde Gott auf dieselbe Weise vorging. In ihren Anfängen, in der Jerusalemer Urgemeinde, stellte Gott das deutlichste und reinste Beispiel auf, was „Gemeinde“ nach seinem Willen ist. Auch dort konnte keine Sünde verborgen bleiben. Die Gegenwart Gottes war mit ihnen und schuf eine Atmosphäre der Reinheit und heiligen Ehrfurcht.

Sechzig bis siebzig Jahre später, in den Sendschreiben der Johannesoffenbarung, ruft der Herr die von ihm abgewichenen Gemeinden dazu auf, zu ihren Anfängen zurückzukehren: „Erinnere dich also, wovon du gefallen bist, und kehre um, und tue die ersten Werke …“ (Offb.2,5) – „Erinnere dich also, was du erhalten und gehört hast; und halte es, und kehre um.“ (Offb.3,3) – Er sagt ihnen nicht: „Entwickelt euch weiter, wachst mehr, reift mehr“; nichts von dem.

Angesichts dieses deutlichen Musters kann ich nicht mit jenen einverstanden sein, die die Urgemeinde als „die unreife Kindheit der Gemeinde“ beschreiben und denken, mit den späteren Entwicklungen sei die Gemeinde „reifer“ und „besser“ geworden. Es gibt keine biblische Grundlage für diese Idee.
(Im Neuen Testament wird zwar davon ausgegangen, dass die einzelnen Gläubigen reifen und „in der Gnade wachsen“ und an Weisheit und Unterscheidungsvermögen zunehmen. Aber das hat nichts mit einer angeblichen „Reifung“ der Gemeinde als ganze Körperschaft zu tun.)
Im Gegenteil, die späteren Entwicklungen sind ein Abweichen vom ursprünglichen Vorbild. Das ist, wie wenn ich von einem schönen Bild eine Photokopie mache, und dann eine Kopie dieser Kopie, und dann eine Kopie dieser neuen Kopie, und so weiter. Jede neue Kopie wird minderwertiger sein als die vorhergehenden; ihre Qualität verschlechtert sich ständig und verbessert sich nicht. So ist es auch mit der Entwicklung der Gemeinde: Wenn jede Generation kopiert, was die vorherige Generation tat, und noch ihre eigenen Ideen hinzufügt, dann nimmt die Verderbnis zu. Nur wenn die Gemeinde zum ursprünglichen Vorbild der Urgemeinde zurückkehrt, kann sie ihre geistliche Qualität verbessern.

Deshalb kann ich als Vorbilder von „Gemeinde“ nicht die grossen katholischen und evangelischen Kirchen sehen, die viel Macht erworben haben und beeindruckende institutionelle Strukturen errichtet haben, aber ihren eigenen Wegen folgen und die Wege des Herrn verlassen haben. Auch die Gemeinden des zweiten und dritten Jahrhunderts sind nicht das Vorbild; und nicht einmal die Gemeinde von Korinth, die wir aus den Paulusbriefen kennen. (Einige missbrauchen das Beispiel dieser Gemeinde, indem sie sagen: „Siehst du, die damalige Gemeinde war auch voll von Problemen und Sünden, sie waren nicht besser als wir.“ Und daraus wollen sie ableiten, dass sie nun unbekümmert weitersündigen können. Aber das ist eine ganz verkehrte Schlussfolgerung, die weder dem Fall von Korinth noch dem Gesamtbild des Neuen Testamentes gerecht wird.) – Nein, wenn wir ein historisches Vorbild suchen, das die neutestamentliche Gemeinde auf richtige Weise verkörpert, dann müssen wir zur Jerusalemer Gemeinde in ihren Anfängen zurückkehren.

Einmal sprach ich mit einer Gruppe von Theologiestudenten eines evangelikalen Seminars, die gerade einen Kurs über die Apostelgeschichte besuchten. Ich fragte sie, ob sie in jenem Kurs Vergleiche zogen zwischen den Gemeinden, die in der Apostelgeschichte beschrieben werden, und ihren eigenen heutigen Kirchen. „Nein“, anworteten sie. Ich fragte sie, ob sie wenigstens von sich aus einmal einen solchen Vergleich gemacht hätten. „Nein, nie“, war die Antwort.
Das scheint die traurige Haltung vieler gegenwärtiger Kirchen und ihrer Leiter zu sein. Sie lesen die Apostelgeschichte nur wie eine vergangene Geschichte, die nichts mit ihnen selber zu tun hätte und auch nicht mit den Kirchen, denen sie vorstehen. Sie sehen nicht, dass in dem Beispiel der Urgemeinde die Medizin verborgen liegt gegen die geistlichen Krankheiten, an denen sie selber leiden. Das ist eine Form von Unglauben: Sie glauben nicht, dass Gott heute derselbe ist wie in jener Zeit; und sie glauben nicht, dass sein Wort heute noch ebenso gilt wie damals.

Um nun dieses Prinzip nicht ins Extrem zu führen, möchte ich es mit einem zweiten Prinzip ergänzen: Nicht alles, was historisch in der Urgemeinde geschah, sollte als Norm für die Gemeinde aller Zeiten verallgemeinert werden. Gott wirkt manchmal auf ganz spezielle Arten, und es gibt historisch einzigartige Situationen. Wir sollten nicht denken, dass solche Ausnahmesituationen sich durch die ganze Geschichte hindurch ständig wiederholen sollten. Deshalb möchte ich das erwähnte Prinzip auf folgende Weise ergänzen: Die Urgemeinde ist das Vorbild für die Gemeinde aller Zeiten in jenen Aspekten, die durch die Lehre der apostolischen Briefe bestätigt werden. In diesen Briefen haben wir die authentische „Lehre der Apostel“ (Apg.2,42). Diese Briefe lehren eindeutig zeitlose Prinzipien für die Gesamtgemeinde. Deshalb bin ich der Ansicht, dass wir auf sicherem Grund stehen, wenn wir das Vorbild der Urgemeinde mit der Lehre der Apostel auf die eben beschriebene Weise kombinieren.

Mit diesen Prinzipien im Hintergrund wollen wir, so Gott will, in zukünftigen Betrachtungen einige wichtige Stellen der Apostelgeschichte analysieren, und dabei auch die Apostelbriefe zum Vergleich heranziehen, wo es nötig ist. Die Schlüsselstelle zum Verständnis der ersten Gemeinde ist sicher Apg.2,36-47, wo die Eigenschaften der „neugeborenen“ Gemeinde beschrieben werden. Wir werden deshalb das Hauptgewicht auf diese Stelle legen.

John Wesley und die Methodisten – Teil 6: Wesley und die offizielle Kirche

24. August 2013

Wir haben in der vorhergehenden Folge gesehen, wie Wesley grundlegende Prinzipien und Praktiken der Urgemeinde wiederentdeckte und wiedereinführte. Es erhebt sich jetzt die Frage nach seiner Beziehung zur offiziellen Kirche. Wesley war in der anglikanischen Kirche geboren und aufgewachsen, und war zum Pfarrer dieser Kirche ordiniert worden. Zeit seines Lebens blieb er der anglikanischen Kirche treu. Wie konnte Wesley diese Treue zur offiziellen Kirche mit seinem Wunsch vereinbaren, zur Urgemeinde zurückzukehren?

Gewiss muss er selber diese Spannung in seinem eigenen Leben zutiefst verspürt haben, und noch mehr innerhalb der methodistischen Gesellschaften. Immer wieder brach in diesen Gesellschaften die Kontroverse darüber aus, ob sie sich von der Kirche trennen sollten oder nicht. In dieser Kontroverse vertrat Wesley immer kategorisch die Meinung, sie könnten sich nicht von der Kirche trennen, und die Methodisten müssten weiterhin die anglikanischen Gottesdienste besuchen. Anscheinend war er sich nicht darüber im Klaren, dass die Trennung von der Kirche eine logische Konsequenz des Weges war, den er selber eingeschlagen hatte. Und tatsächlich verliessen die Methodisten kurz nach Wesleys Tod die anglikanische Kirche und konstituierten sich als eigenständige Denomination.

Bei einer einzigen Gelegenheit, wenige Jahre vor seinem Tod, gab Wesley zu, dass er nicht verhindern konnte, dass seine Nachfolger diesem Weg bis zu seiner letzten Konsequenz folgen würden. Er schrieb in seinem Tagebuch über seinen Geburtsort:

„Was kann dann getan werden? Ich würde gerne verhindern, dass die Mitglieder hier die Kirche verlassen; aber ich kann es nicht. Da Herr C. (der Pfarrer) kein gottesfürchtiger Mann ist, sondern im Gegenteil ein Feind der Gottesfurcht, und oft gegen die Wahrheit predigt und gegen jene, die sie festhalten und lieben, kann ich mit all meinem Einfluss sie nicht davon überzeugen, ihm zuzuhören oder an dem Sakrament teilzunehmen, das er verwaltet. Wenn ich nicht auf diesem Punkt bestehen kann, solange ich lebe, wer kann es dann tun, wenn ich tot bin? Und was in Epworth der Fall ist, das ist in jeder Kirche der Fall, wo der Pfarrer das Evangelium weder liebt noch predigt. Die Methodisten werden an ihren Gottesdiensten nicht teilnehmen. Was kann dann getan werden?“

Es ging hier nicht so sehr um eine lehrmässige Frage, als vielmehr um ein sehr praktisches Problem. Das wird durch den folgenden Tagebucheintrag illustriert, der etwa um dieselbe Zeit geschrieben wurde und von einer landesweiten Konferenz der Methodisten handelt:

„Einer der wichtigsten Punkte, die an dieser Konferenz behandelt wurden, war die Frage des Verlassens der Kirche. Das Ergebnis einer langen Diskussion war:
1) Dass wir in unserem fünfzigjährigen Bestehen niemals auch nur von einem einzigen Artikel der Lehre oder der Disziplin der Kirche bewusst abgewichen waren.
2) Dass wir nichts davon wussten, in irgendeinem Lehrpunkt mit der Kirche uneins zu sein.
3) Dass wir im Lauf der Jahre, aus Notwendigkeit und nicht weil wir es gewollt hätten, in einigen Punkten allmählich von der Disziplin abgewichen waren, indem wir auf freiem Feld predigten, spontan beteten, Laienprediger aussandten, Gesellschaften bildeten und reglementierten, und jährliche Konferenzen durchführten. Aber wir taten nichts von all diesen Dingen, solange wir nicht davon überzeugt waren, dass wir sie nicht länger lassen konnten, ohne unsere eigenen Seelen in Gefahr zu bringen.“

Wesley bemühte sich immer, so weit es möglich war, gute Beziehungen zu den anglikanischen Pfarrern zu unterhalten. Und gegen das Ende seines Lebens scheint er damit tatsächlich Erfolg gehabt zu haben, denn bei einer Gelegenheit schrieb er: „Die Zeiten haben sich geändert. Jetzt habe ich mehr Einladungen, in Kirchen zu predigen, als ich annehmen kann.“
Andererseits hatte Wesley bereits 1746 seine Überzeugungen über die richtige Art der Gemeindeleitung geändert, und war zu einer Position gelangt, die der Urgemeinde viel näher stand. Seine früheren Überzeugungen beschreibt er als ein „vehementes Vorurteil meiner Ausbildung“:

„Ich reiste ab nach Bristol. Auf dem Weg las ich die ‚Chronik der Urgemeinde‘ von Lord King. Trotz des vehementen Vorurteils meiner Ausbildung war ich bereit zu glauben, dass dies ein ausgeglichener und unparteiischer Bericht war. Aber wenn es so war, dann musste ich schliessen, dass Bischöfe und Älteste im wesentlichen von derselben Ordnung waren, und dass ursprünglich jede christliche Versammlung eine Kirche unabhängig von allen anderen war!“

Warum hielt dann Wesley derart an der anglikanischen Kirche fest? Unterhielt er vielleicht eine ähnliche Hoffnung wie Luther in seinen ersten Jahren, die Kirche von innen her reformieren zu können, ohne sich von ihr zu trennen? – Vielleicht dachte er, mehr Grund für eine solche Hoffnung zu haben, da es sich in seinem Fall ja nicht mehr um die römische Kirche handelte. Es handelte sich jetzt um eine Kirche, die sich zu den Prinzipien der Reformation bekannte. Aber das Rad von Erweckung und Abfall hatte inzwischen eine neue Umdrehung ausgeführt; und jetzt waren es die reformierten Kirchen, die sich weit vom Evangelium entfernt hatten. Wesleys Kommentar über die Pastoren, „die das Evangelium weder lieben noch predigen“, ist Beweis genug dafür.

Es ist schwierig, diesen Widerspruch im Handeln Wesleys zu erklären. Einerseits ermahnte er seine Nachfolger ständig, die Kirche nicht zu verlassen. (Möglicherweise dachte er, viele evangelistische Gelegenheiten zu verlieren, wenn sie sich von der Kirche trennten.) Aber andererseits tat er Schritte, die unweigerlich zu einer Trennung zwischen Methodisten und Anglikanern führen mussten. Er sandte nicht anerkannte Prediger aus, und ordinierte sogar Pastoren für die Arbeit in Amerika, ohne von der Kirche dazu autorisiert zu sein. Er gründete eine ganze von der Kirche unabhängige Organisationsstruktur.

Der Biograph John Telford gibt folgende Erklärung:

„Das Glaubensbekenntnis Wesleys, seine Ordinationen, und die Lizensierung seiner Kapellen und Prediger (…) beweisen, dass es ihm mehr am Fortbestand der Arbeit gelegen war, als an der formellen Verbindung mit der Kirche von England. (…) Wesley traf alle möglichen Vorkehrungen, damit der Methodismus nicht nach seinem Tod zugrunde ginge. Die Verbindung zur Kirche lockerte sich allmählich, und die Gesellschaften wurden allmählich zu einer eigenen vollständigen Organisation. Der Tod Wesleys beseitigte die letzte Schranke gegen die völlige Unabhängigkeit. Bestimmt war es besser, im Interesse der Religion, dass die Methodisten die Sakramente ordnungsgemäss von ihren eigenen Predigern erhielten, anstelle des unbefriedigenden Abkommens, das am Ende von Wesleys Leben bestand, nur um eine Trennung zu vermeiden.“

Wenn diese Beurteilung zutrifft, dann war in Wesley die Loyalität zur anglikanischen Kirche sehr stark; aber noch stärker sein Wunsch, dass die begonnene Arbeit fortdauern möge. Bis zu seinem Lebensende versuchte er, diese beiden widersprüchlichen Prinzipien zusammenzuhalten. Aber nach seinem Tod obsiegte die Fortdauer der Arbeit als das wichtigere Prinzip, womit die Trennung von der Kirche unvermeidlich wurde.

– Trotz seiner starken Bindung an die offizielle Kirche hatte Wesley keine Vorurteile gegen andere Konfessionen, wie die folgende Begegnung zeigt:

„Als ich zu einem Dorf namens Sticklepath ritt, hielt mich jemand auf der Strasse auf und fragte abrupt: ‚Ist dein Name nicht John Wesley?‘ Sofort erschienen zwei oder drei weitere und sagten mir, ich sollte bei ihnen bleiben. Ich tat es, und bevor wir viele Worte gewechselt hatten, verbanden sich unsere Seelen freundschaftlich. Ich entdeckte, dass sie Quäker waren; aber das störte mich nicht, da ich sah, dass die Liebe Gottes in ihren Herzen war.“

(Fortsetzung folgt)

John Wesley und die Methodisten – Teil 5: Erweckung bedeutet, zu urgemeindlichen Zuständen zurückzukehren

17. August 2013

Jede Erweckung bedeutet eine neuerliche Annäherung an die Urgemeinde. In Zeiten des Abfalls entfernt sich die Gemeinde von den Prinzipien und Praktiken der Urgemeinde. In Erweckungszeiten kehrt sie um „zu dem, was im Anfang war“. (Siehe „Der fortlaufende Zyklus von Erweckung und Abfall“.) So erschienen auch in der methodistischen Erweckung wieder einige Kennzeichen der Urgemeinde:

  • Zuerst und vor allem die Betonung der Wiedergeburt. Eine abgefallene Kirche begnügt sich damit, ihre Mitglieder bei der Stange zu halten oder neue dazuzugewinnen, seien es auch blosse Namenschristen. Aber eine erweckte Gemeinde betont, dass nur jene wahre Christen sind, die eine Wiedergeburt erlebt haben und deren Leben dies bezeugt.
  • Die Predigten im Freien. Die Urgemeinde schloss sich nicht hinter vier Wänden ein und kannte keine „heiligen Gebäude“. Die Apostel, und Jesus selber, predigten oft in der Öffentlichkeit und im Freien. Wir haben bereits gesehen, wie Wesley anfangs grosse Vorurteile hatte gegen diese Art des Predigens; aber die Not zwang ihn dazu, und dann fand er, dass es auch biblisch war.
  • Die persönliche Gemeinschaft in kleinen Gruppen, in den Häusern, und wo jeder etwas beiträgt, ohne zwischen „Klerikern“ und „Laien“ zu unterscheiden. Mehrere Stellen im Neuen Testament zeugen von dieser Art von Versammlungen:
    „Und sie verharrten … in der Gemeinschaft miteinander …“ (Apg.2,42)
    „… und sie brachen das Brot in den Häusern, und assen zusammen mit Freude und Schlichtheit des Herzens…“ (Apg.2,46)
    „Wie ist es nun, ihr Brüder? Wenn ihr zusammenkommt, hat jeder von euch einen Psalm, hat eine Lehre, hat eine Sprachenrede, hat eine Offenbarung, hat eine Auslegung. Alles geschehe zur Erbauung.“ (1.Kor.14,26)
    Das war es, was die ersten Methodisten in ihren „Gesellschaften“ und „Klassen“ praktizierten. Wir haben gesehen, dass sie – dem Beispiel der Herrnhuter folgend – auch das urchristliche Liebesmahl wiederentdeckten.
  • Die Aussendung von „Laienpredigern“. Die Apostel selber sind ein Präzedenzfall dafür, denn sie waren von keiner religiösen Leiterschaft und von keiner Organisation anerkannt. Sie zogen aus, einzig aufgrund der Berufung durch Jesus selber. Ihre Qualifikationen bestanden nicht aus einem Theologiestudium oder einer kirchlichen Position, sondern aus ihrer persönlichen Bekanntschaft mit dem Herrn. Dieses selbe Kriterium wandte auch Wesley an bei der Auswahl und Aussendung seiner Prediger.
  • Ihre Sorge für die Armen, auf persönlicher Ebene und aus christlicher Liebe motiviert. Das war ebenfalls ein Kennzeichen der Urgemeinde:
    „So gab es unter ihnen keinen Bedürftigen; denn alle, die Grundstücke oder Häuser besassen, verkauften sie, und brachten den Erlöse des Verkauften, und legten es den Aposteln zu Füssen; und es wurde an jeden nach seinen Bedürfnissen verteilt.“ (Apg.4,34-35)
    „Nur baten sie uns, an die Armen zu denken; was ich mich auch fleissig bemühte zu tun.“ (Gal.2,10)

Der wesleyanische Autor Luke L.Keefer ist überzeugt, dass Wesley die Urgemeinde als Vorbild für die christliche Gemeinde aller Zeiten ansah:

„In den ersten Jahren der Erweckung kam Wesley zu einem neuen Gemeindeverständnis. (…) Seine fehlgeleitete Ekklesiologie (Lehre von der Gemeinde) von Oxford und Georgia rührte von einer statischen Sicht der alten Kirche her. Er hatte irrtümlich den Gemeindepraktiken, die lediglich Anpassungen an die kulturellen Gegebenheiten jener Zeit waren, universellen Wert zugeschrieben. Sein Studium der Gemeinde in der Apostelgeschichte offenbarte ein dynamisches Gemeindekonzept. Der Geist führte in seiner Vorsehung die Gemeinde zu Leitungs- und Dienstformen, die die Ausbreitung des Evangeliums förderten. Das passte genau zu den eigenen Erfahrungen Wesleys mit der Erweckung in Bristol und an anderen Orten, wo er zu Neuerungen geführt worden war, um die Erweckung auszubreiten.
Das bedeutete in erster Linie, dass die wahre Gemeinde eine missionarische Gemeinde war wie die Urgemeinde. Wesley sagte seinen Predigern, ihre Hauptaufgabe sei die Errettung von Seelen. Sie sollten sich nicht um die Pfarreigrenzen kümmern, die von jahrhundertelangen kirchlichen Traditionen errichtet worden waren. Wie die ersten Apostel sollten die methodistischen Prediger an jeden Ort hingehen, wohin der Geist sie führte, um die gute Nachricht von der Erlösung zu verkünden. Noch mehr: Der Methodismus lehnte die sakramentale Theologie ab, wonach die Erlösung der gesamten Gemeinschaft durch die Riten der Kirche verliehen sei. Für die Methodisten war das Christsein nicht eine Frage des Territoriums oder der Zeremonien; es war eine Frage der persönlichen Bekehrung.
In zweiter Linie betrachtete Wesley jetzt die Leitung und die Praxis der Gemeinde lediglich als etwas Funktionales. (…) Die entscheidende Frage zur Gemeindepraxis war jetzt: Wie weit fördert oder hindert dies den missionarischen Auftrag der Gemeinde? Wesley drückte es auf die beste Weise aus in seiner Antwort an ‚John Smith‘:
‚Ich frage, was ist der Zweck jeder gemeindlichen Ordnung? Ist es nicht, Seelen aus der Gewalt des satans zu Gott zu bringen, und sie in Gottes Furcht und Liebe aufzuerbauen? Somit hat die Ordnung Wert, solange sie diesen Zwecken dient; und wenn sie nicht dazu dient, dann ist sie nichts wert.‘
Man fühlt die Auswirkungen dieser Worte, wenn man die phänomenalen Änderungen entdeckt, die Wesley in seiner Ekklesiologie während der 1740er Jahre vornahm. Er gab seinen früheren Glauben an die apostolische Sukzession auf, an die dreifache Ordnung des Dienstes (Bischöfe, Priester und Diakone), und an das göttliche Recht der bischöflichen Regierung in der Kirche. (…) Nach seiner Einschätzung gewann die offizielle Kirche (die diesen Angelegenheiten der Regierungsform höchstes Gewicht beimass) keine Seelen. Tatsächlich verhinderte ihr Bestehen auf diesen Strukturen die evangelistische Arbeit. Andererseits erfüllte die methodistische Predigt der Laien auf den Feldern und unterwegs den evangelistischen Auftrag der Gemeinde.“
(Luke L. Keefer, Jr: „John Wesley, Disciple of Early Christianity“)

Ebenso interessant sind die Beobachtungen desselben Autors über Wesleys historische Sicht der Gemeinde:

„Die christlichen ‚Primitivisten‘ teilen eine Geschichtsschau, welche die Zeit in drei Perioden einteilt: ein Goldenes Zeitalter, einen Fall, und eine Wiederherstellung. (…)
Für Wesley dauerte das Goldene Zeitalter von der Menschwerdung Christi bis zur Krönung Konstantins. Aber sein Goldenes Zeitalter bestand aus einer Reihe von konzentrischen Kreisen. Ein Vergleich mit dem biblischen Tempel kann diesen Gedanken veranschaulichen. Die nachapostolische Zeit war der Vorhof des Tempels. Die neutestamentliche Zeit war das Heiligtum, qualitativ verschieden vom zweiten und dritten Jahrhundert. Innerhalb der neutestamentlichen Zeit war die Gemeinde der ersten vier Kapitel der Apostelgeschichte das Allerheiligste. Die Jerusalemer Gemeinde war für Wesley das höchste Idealbild des Urchristentums.
Im Kern des Falles, wie ihn Wesley verstand, war „das Geheimnis der Gesetzlosigkeit“. Dieses existierte bereits im Neuen Testament und befleckte sogar die Gemeinde in Jerusalem. Die Habsucht (Apg.5), die Parteilichkeit (Apg.6) und die Vorurteile (Apg.15) stellten sogar im Goldenen Zeitalter Probleme dar. Die apostolischen Briefe widerspiegeln verschiedene Fehler in der Gemeinde. Wesley glaubte, dass diese Fehler während des zweiten und dritten Jahrhunderts mehr und mehr zunahmen – ab und zu von periodischen Erweckungen aufgehalten -, und in einem abgrundtiefen Fall gipfelten, als Konstantin versuchte, das Reich zu christianisieren.
Wesley glaubte, dass die Wiederherstellung der Gemeinde mit der protestantischen Reformation begonnen hatte. Aber dies war eine unangemessene und unvollständige Reformation. Wesley anerkannte, dass die Reformatoren die Lehre und die Anbetung in der Gemeinde gereinigt hatten; aber das war für ihn nicht das Wesentliche. Die Kirche vom Romanismus zu reinigen, beseitigte die Fehler des Konstantinismus noch nicht. Solange die Menschen nicht in ihren Herzen und in ihren Leben reformiert würden, war auch eine ‚weniger römische‘ Kirche noch immer nicht eine Gemeinde wie die Urgemeinde.“
(Keefer, a.a.O.)

(Fortsetzung folgt)

DieTäufer – Teil 2: Der Glaube der Täufer

21. März 2013

Wie wir gesehen haben, waren die Täufer keine einheitliche Bewegung. Aufgrund ihres freiheitlichen Verständnisses hatten sie keine zentrale Organisation und kein einigendes Glaubensbekenntnis. (Sie formulierten zwar später verschiedene Glaubensartikel, die aber jeweils nur regionale Verbindlichkeit erhielten.) Deshalb konnten ihre Lehrüberzeugungen von einer Gruppe zur anderen variieren.

Natürlich hatten sie alle die reformierte Überzeugung gemeinsam, dass die Heilige Schrift die oberste Autorität im Leben eines Christen und in der Kirche ist. Einige Gruppen betonten zudem, dass Gott zu jedem Gläubigen persönlich spricht. Es gab einige Extremisten, die so weit gingen, dass sie ihre persönlichen Eingebungen wichtiger nahmen als die Bibel selbst. Aber die meisten Täufer lehnten diese Extreme ab und gründeten sich auf das geschriebene Wort Gottes.

Die Ablehnung der Staatskirche war eine gemeinsame Überzeugung der Täufer. Sie betonten, dass die Kirche die Gemeinschaft der wahren Gläubigen ist, die sich freiwillig dazu entschieden haben, Jesus nachzufolgen. Deshalb traten sie für eine strikte Trennung zwischen Kirche und Staat ein. Die weltliche Regierung hatte kein Recht, sich in die Angelegenheiten der Kirche einzumischen; und die Kirche hatte kein Recht, über den Staat zu herrschen. Deshalb verurteilten sie die Haltung der Reformatoren, die die weltliche Regierung dazu gebrauchten, die Sache der Reformation voranzutreiben. Nach einer Überlieferung antwortete der Täufer Michael Sattler auf die Idee, den Schutz eines wohlgesinnten Fürsten zu suchen: „Wenn ein Tuch einen einzigen falsch gewobenen Faden enthält, dann verdirbt dieser einzige Faden das ganze Tuch. Ebenso wird die ganze Kirche verdorben, wenn sie auch nur einem einzigen falschen Prinzip folgt.“ Eine weltliche Autorität über die Kirche zu setzen, wäre ein solcher „falsch gewobener Faden“.
In diesem Zusammenhang ist auch ihre Ablehnung der Säuglingstaufe zu sehen: Wenn ein Baby getauft wird, dann wird es ohne seine eigene Einwilligung und ohne eigenen Glauben zu einem Kirchenmitglied gemacht. In anderen Worten, es wird gezwungen, sich als Christ zu identifizieren, ohne persönlich Christ zu sein. Deshalb ist eine solche Taufe nicht die biblische Taufe.

Ein weiterer wichtiger Gegensatz zu den Reformatoren bestand darin, dass die Täufer den Missionbefehl Jesu (Matth.28,18-20 und Parallelen) als für alle Zeiten gültig verstanden. Deshalb stellten sie auch sich selber mit aller Selbstverständlichkeit unter diesen Auftrag. Die Reformatoren dagegen sagten, Jesus hätte diesen Auftrag nur den Aposteln persönlich erteilt, und es sei anmassend, den Missionsbefehl auf gegenwärtig lebende Christen anzuwenden. Diese reformatorische Auffassung sollte während langer Zeit als Hemmschuh der Weltmission nachwirken: Noch Jahrhunderte später musste der Missionspionier William Carey unter seinen Glaubensgeschwistern einen heftigen Kampf gegen ebendiese Auffassung führen, bis ihm schliesslich zugestanden wurde, es könnte tatsächlich der Wille Gottes sein, eine Missionsgesellschaft zur Evangelisierung Indiens zu gründen.

Die meisten Täufer waren Pazifisten und betonten das Prinzip des „Nicht-Widerstehens“. Sie gaben den Worten Jesu grosses Gewicht: „Widersteht dem Bösen nicht; sondern wer dich auf die rechte Wange schlägt, dem biete auch die andere dar…“ (Matthäus 5,39-41). Deshalb lehrten sie, dass ein Christ keine Waffen tragen soll, nicht Soldat sein kann, und gegen niemanden gerichtlich vorgehen soll. Viele sagten auch, ein Christ könne kein Regierungsamt übernehmen. Das begründeten sie mit dem Gebot: „Du sollst nicht töten“ (da die weltliche Regierung nach Römer 13,4 „das Schwert trägt“), und auch mit der Trennung von Kirche und Staat.
Persönlich meine ich, dass in der gegenwärtigen Welt diese Haltung nicht mehr sehr sinnvoll wäre: Die meisten modernen Staaten haben die Todesstrafe abgeschafft, sodass ein Regierungsamt nicht mehr automatisch den Bruch des sechsten Gebots mit sich bringt. Auch haben die Kirchen im allgemeinen nicht mehr viel politische Macht. Ein Christ von entsprechender Integrität und Fähigkeit könnte in der Politik viel Gutes tun. – Andererseits besitzen leider nur wenige Christen diese Integrität, während viele christliche Politiker von den Versuchungen der Macht verdorben worden sind. Aber das begründet noch kein Prinzip, sondern ist eine Angelegenheit des persönliches Charakters.
In der Reformationszeit war die Situation ganz anders. In jener Zeit machten sich die Regierenden tatsächlich vieler Tötungen schuldig; und wer ein solches Amt übernahm, musste damit rechnen, an religiösen Verfolgungen mitwirken zu müssen. Deshalb ist es verständlich, dass viele Täufer jede Mitwirkung in der Politik und Regierung ablehnten.
Sie weigerten sich auch, Eide zu schwören, gemäss Matthäus 5,33-37. Somit wären sie zu vielen Regierungsstellen gar nicht zugelassen worden, selbst wenn sie es gewünscht hätten. Andererseits zeigte diese Haltung an sich in späteren Jahrhunderten einen politischen Einfluss: Viele Regierungsstellen in Gegenden mit starkem täuferischem Einfluss, z.B. in der Schweiz, akzeptieren heute ein Gelübde (Versprechen) anstelle eines Eides, und anerkennen damit die Freiheit, aus Gewissensgründen den Eid abzulehnen.

Fast alle täuferischen Gruppen lehrten auch die Notwendigkeit, sich von der Welt abzusondern und ein heiliges Leben zu führen, gemäss Hebräer 12:14-16: „Strebt nach dem Frieden mit allen, und nach der Heiligkeit, ohne die niemand den Herrn sehen wird…“ Dadurch unterschieden sie sich von den Reformierten – insbesondere von den Lutheranern -, welche die Erlösung „allein aus Glauben, ohne Werke“ betonten. (Diese reformierte Lehre ist an sich richtig; aber bald wurde sie in eine „billigen Gnade“ verkehrt, wie Jahrhunderte später der lutherische Theologe Dietrich Bonhoeffer klagte.) Deshalb warfen die Reformierten den Täufern manchmal vor, sie wollten zu einer katholischen Werkgerechtigkeit zurückkehren. Die Täufer antworteten, dass sie das heilige Leben nicht als ein Mittel zum Erwerb des Heils ansahen, sondern als eine notwendige Konsequenz und Frucht der Bekehrung; und da die Reformierten mehrheitlich diese Frucht nicht zeigten, müsse bezweifelt werden, ob sie wirkliche Christen seien. So schreibt z.B. Menno Simons:

„Alle die dies für gewiss und wahrhaftig in ihren Herzen glauben können, und sind durch Gottes Wort in ihren Herzen und Geist versiegelt, die werden an dem innerlichen Menschen verändert, empfangen die Furcht und Liebe des Herrn, gebären aus ihrem Glauben, Gerechtigkeit, Frucht, Kraft, ein unsträfliches Leben und ein neues Wesen, wie Paulus sagt, nämlich, mit dem Herzen glaubt man zur Gerechtigkeit. Durch den Glauben, sagt Petrus, reinigt Gott unsere Herzen. Und also folgen die Früchte der Gerechtigkeit stets aus einem aufrichtigen, ungefälschten, frommen Christen Glauben. Habt darauf acht. (…)
Alle, sage ich, die dieses in ihrem Herzen mit Bestimmtheit glauben, werden sicherlich vor aller Ungerechtigkeit fliehen wie vor dem Zahn der Schlange, sie wenden sich von allen Sünden ab, und scheuen sie viel mehr als ein brennendes Feuer oder ein schneidendes Schwert (…)“
(In: „Von dem wahren christlichen Glauben“.)

Und:
„Die Lutherischen lehren und glauben, dass uns der Glaube allein selig mache, auch ohne irgend welches Zutun der Werke. Diese Lehren halten sie mit solcher Strenge aufrecht, als ob Werke ganz und gar unnötig wären; ja, als ob der Glaube von solcher Art und Natur sei, dass er keine Werke neben sich zulassen oder leiden könne. Und darum muss auch Jacobi hochwichtiger, ernster Brief (weil er eine solche leichtfertige, eitle Lehre und solchen Glauben straft) als strohern von ihnen angesehen und erachtet werden. O stolze Torheit! (Menno bezieht sich hier auf eine Bemerkung Luthers, der den Jakobusbrief eine „stroherne Epistel“ nannte.)
Ein jeder sehe wohl zu, wie und was er lehrt; denn gerade mit dieser Lehre haben sie das unbedachte, dumme Volk gross und klein, Bürger und gemeinen Mann, in ein solches fruchtloses, wildes Leben geführt und so weit den Zaum gelassen, dass man unter den Türken und Tartaren (vermute ich) kaum ein so gottloses, greuliches Leben, wie das ihre ist, finden könnte. Die offenbare Tat gibt Zeugnis; denn das überflüssige Essen und Trinken, die übermässige Pracht und Hoffart, das Huren, Lügen, Betrügen, Fluchen, Schwören bei des Herrn Wunden, Sakramenten und Leiden, das Blutvergiessen und Fechten etc., welches leider bei vielen von ihnen gefunden wird, hat weder Mass noch Ende. Lehrer und Jünger handeln in vielen fleischlichen Dingen einer wie der andere, wie man sehen kann.“
(In: „Von dem lutherischen Glauben“.)

Um das heilige Leben der Brüder zu bewahren, wandten viele Gemeinden eine strenge Gemeindezucht an. Aber im Unterschied zu den Katholischen und Reformierten, und aufgrund von Matthäus 18,15-17, wurde diese Gemeindezucht nicht durch eine autoritäre Leiterschaft auferlegt. Im Gegenteil, jeder Bruder hatte das Recht und die Pflicht, seine Mitbrüder zurechtzuweisen, wenn sie in Sünde lebten.

Die Hutterer pflegten auch die Gütergemeinschaft nach dem Vorbild der Urgemeinde (Apostelgeschichte 2,44), aber die übrigen Täufer hatten diese Praxis nicht.

In der Organisation der Gemeinde behielten die Täufer weiterhin das Pfarramt bei, in der Tradition der katholischen und reformierten Kirche. D.h. sie gelangten nicht zu einer pluralen Leiterschaft von Ältesten wie in der frühen Kirche, und auch nicht zu einer konsequenten Praxis des allgemeinen Priestertums in der gegenseitigen Auferbauung unter Mitwirkung aller Gemeindeglieder gemäss 1.Kor.14,26. Ihre „Pastoren“ waren vorwiegend „Prediger“, genau wie in den reformierten Kirchen. In diesem Punkt blieb auch die Reformation der Täufer unvollendet.

Aber in allen übrigen Belangen waren die Täufer die konsequenteste Gruppe ihrer Zeit, was die Rückkehr zur frühen Kirche angeht. Keine andere Gruppierung jener Zeit folgte so treu dem Wort Gottes als oberste Autorität der Kirche. Obwohl Luther, Zwingli und Calvin in der Theorie dieses selbe Prinzip lehrten, vermischten sie doch in der Praxis die Leiterschaft der Kirche mit der weltlichen Regierung. So sahen sie sich ständig gezwungen, mit den Mächten dieser Welt Kompromisse zu schliessen, und deshalb konnten sie in ihren Reformen nicht völlig konsequent sein.

Als Folge ihres Glaubens waren die Täufer auch die meistverfolgte Gruppierung jener Zeit. An ihnen erfüllten sich die Worte von Paulus:

„Denn wie ich denke, hat Gott uns, die Apostel, als die Geringsten hingestellt, wie zum Tod Verurteilte; denn wir sind ein Schauspiel geworden vor der Welt, den Engeln und den Menschen. (…) Bis zu dieser Stunde leiden wir Hunger und Durst und Blösse, werden wir geschlagen, und haben keine feste Wohnstatt. Wir mühen uns ab mit unserer eigenen Hände Arbeit; wir werden verflucht, und wir segnen; wir werden verfolgt, und ertragen es; wir werden verleumdet, und beten; wir sind bis jetzt wie der Kehricht der Welt geworden, ein Abschaum aller.“ (1. Korinther 4,9-13).

Meine zweite Bekehrung (Teil 1)

20. Oktober 2009

Während der letzten Jahre habe ich so etwas ähnliches wie eine „zweite Bekehrung“ durchgemacht. Es ging dabei zwar nicht direkt um meine persönliche Beziehung zu Gott; aber im Rückblick sehe ich doch einen so tiefgreifenden Wandel in mir, dass der Vergleich angebracht ist. Es handelt sich, einfach gesagt, um meine Sicht von der christlichen Gemeinde und meine Beziehung zu ihr.

Schon vor vielen Jahren war ich Opfer von „geistlichem Missbrauch“ geworden – d.h. des Missbrauchs von Macht, die religiöse Leiter haben aufgrund ihrer „besonderen Stellung vor Gott“ und des daraus resultierenden Abhängigkeitsverhältnisses anderer Menschen von ihnen. (Es ist hier nicht Platz, dieses ganze Thema aufzurollen. Wer sich dafür interessiert, kann mit einer Internet-Suche nach „Geistlicher Missbrauch“ diesbezügliche Informationen finden.)

Ich dachte damals, bei den beteiligten Organisationen und Leitern handelte es sich um einige wenige „schwarze Schafe“. Einige der betreffenden Leiter hatten sich auch einige Jahre später bei mir für gewisses Fehlverhalten entschuldigt und mich in gewisser Weise vor ihrer Organisation „rehabilitiert“. Mir kamen deshalb damals noch keine grundsätzlichen Bedenken inbezug auf die gegenwärtigen Gemeinde- und Leiterschaftsstrukturen. – Einige Jahre später musste ich jedoch bei Gesprächen feststellen, dass sich die grundsätzliche Haltung der Leiterschaft jener Organisationen, inbezug auf den Gebrauch und Missbrauch von Macht, kaum geändert hat.

Dann machte ich auch einige merkwürdige Beobachtungen bei Kursen und Einsätzen in peruanischen Gemeinden. Wer hinderte die Jugendlichen an der Teilnahme? Wer war überhaupt nicht daran interessiert, dass das Evangelium verkündet würde? Wer gab mit seinem Lebensstil der Gemeinde ein schlechtes Beispiel? Wer waren die gleichgültigsten Kursteilnehmer? – Sehr oft die Gemeindeleiter.
Ich möchte hier gleich anfügen, dass es natürlich auch Ausnahmen gibt. Aber schon die Tatsache, dass gute Leiter „Ausnahmen“ sind und nicht die Regel, spricht Bände. Die fleissigsten, hingegebensten, lerneifrigsten Mitarbeiter waren meistens nicht diejenigen, die offizielle Verantwortung innehatten – und die auch nicht Aussicht hatten, demnächst in Verantwortung berufen zu werden. (Auch wieder mit Ausnahmen.)

Pastoren aus dem deutschen Sprachraum, die dies lesen, werden diese Zeilen (und das, was folgt) möglicherweise als den endgültigen Beweis ansehen, dass ich tatsächlich ein „Rebell“ sei. (Das war ihr Hauptvorwurf an mich gewesen, als ich es gewagt hatte, Gottes Richtlinien zu folgen statt den von Menschen aufgestellten.) Nun, falls dies ihre Vorstellung von einem Rebellen sein sollte, nehme ich den Titel gerne an; denn dann waren die Apostel auch Rebellen, als sie zu den religiösen Leitern sagten: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apostelgeschichte 5,29).

Schlussfolgerung so weit: Etwas ist grundsätzlich nicht in Ordnung in den Gemeinden – und zwischen Südamerika und Europa besteht in dieser Hinsicht kein grosser Unterschied, nur die kulturellen Schattierungen sind anders. Christliche Gemeinden, und deren Leiter, sind ihren Mitgliedern oftmals keine Hilfe, sondern sogar ein Hindernis davor, Gott näherzukommen.

Dann kam mir eine Statistik aus den USA in die Hände, die meine Beobachtungen bestätigte und weiterführte. Rund 12 Millionen evangelikale Christen in jenem Land besuchen keine Gemeinde – nicht weil sie vom Glauben abgefallen wären, sondern im Gegenteil, weil die Gemeinde ihnen zum Anstoss und Hindernis geworden war in ihrem Glaubensleben. Dasselbe Phänomen wird anscheinend in vielen anderen Ländern (vorwiegend den englischsprachigen) beobachtet.
Weiter: diese Ausgetretenen „um des Glaubens willen“ sind anscheinend nicht irgendwelche Mitglieder. 94% von ihnen hatten in ihrer Gemeinde eine Leiterschaftsstellung inne, und 40% waren vollzeitliche Mitarbeiter in der Gemeinde!
(Veröffentlicht bei: http://www.livenet.ch/www/index.php/D/article/108/16786/  )

Weitere Erinnerungen aus früherer Zeit vervollständigten das Bild. An meiner Bekehrung, meinem geistlichen Wachstum und meiner Ausbildung zum christlichen Dienst waren fast ausschliesslich Menschen und Gruppen von über- bzw. aussergemeindlichen Organisationen beteiligt; denominationelle Ortsgemeinden spielten kaum eine Rolle dabei.
Ich erinnerte mich auch an mein seinerzeitiges Gemeindepraktikum als Theologiestudent. Meine Zeit war weitgehend ausgefüllt mit Büroarbeiten, Sitzungen, Pflichtbesuch von Veranstaltungen, und ab und zu Ausarbeitung von Lehrunterlagen für den Pastor (etwa einmal im Monat auch für eine Lehre, die ich selber zu halten hatte). Zu „geistlichem Dienst“ hatte ich nicht mehr Gelegenheiten als in meinen vorherigen Freizeit-Verantwortungen.

Am Ende meines letzten Semesters als Bibelschullehrer (ich wusste damals noch nicht, dass es das letzte sein sollte), fragte ich die Schüler des ersten Jahrgangs nach ihrem geistlichen Leben. Alle(!) sagten, sie seien während des Semesters in ihrem geistlichen Leben zurückgegangen und hätten an Eifer für den Herrn abgenommen.

Schon an mindestens fünf verschiedenen Orten habe ich dieselbe Geschichte gehört: „Ja, früher, da war unsere Kirche voll, fast das ganze Dorf ist zu uns in den Gottesdienst gekommen. Aber sie sind alle zurückgefallen, heute sind wir, wenn es gut geht, noch etwa zehn Personen.“ (Wobei „früher“ sich jeweils auf eine Zeit vor zehn bis zwanzig Jahren bezieht; manchmal noch weniger.) – Wenn ich Gelegenheit dazu hatte, dann stellte ich jeweils zwei Fragen: „Haben sich diese Gottesdienstbesucher denn auch bekehrt? – Und habt ihr auch eure Kinder das Evangelium gelehrt und evangelisiert?“ – Die Antworten waren ungefähr: „Nun, sie sind zur Gemeinde gekommen, sie haben ein Übergabegebet gesprochen, sie haben sich taufen lassen…“ (Ist irgendetwas davon ein Beweis für eine echte Bekehrung?) – „Manchmal hatten wir Sonntagschule, aber manchmal war auch niemand da, der die Kinder unterrichten wollte…“ (d.h. die Kinder sind nicht so wichtig – oder würde man die Erwachsenengottesdienste auch ausfallen lassen, weil vielleicht gerade „niemand da ist, der den Gottesdienst leiten will“? Und ist „Sonntagschule haben“ schon gleichbedeutend mit „das Evangelium lehren und evangelisieren“?)
Dann sehe ich diejenigen Gemeinden an, die zur Zeit florieren (meistens sind es solche, die erst in jüngerer Zeit, etwa vor fünf bis zehn Jahren, gegründet wurden), und frage mich: Was für ein Fundament haben diese Gemeinden? Werden sie in ein paar Jahren dasselbe sagen müssen wie die anderen? Wieviele ihrer Mitglieder (und Leiter) gehören tatsächlich zu Jesus? Wird hier vielleicht auch einfach eine Art Luftballon aufgeblasen, der eines Tages platzt?

So wurde die Frage immer drängender: Was ist falsch mit der Gemeinde? Und wie wäre es denn „richtig“?

Dann fand ich ein Buch, das es gedruckt gar nicht gibt, aber es ist auf Englisch im Internet veröffentlicht: „The Secrets of the Early Church“ (Die Geheimnisse der Urgemeinde), von Andrew Strom (http://www.revivalschool.com ). Dieses Buch drückt vieles aus, was ich so oder ähnlich auch schon gedacht und geschrieben hatte; aber der Autor stellt es so in einen Zusammenhang, dass sich für mich ein viel klareres Bild ergab. – Gleichzeitig ist es so provokativ, dass Eure Pastoren Euch wahrscheinlich warnen werden, es nicht zu lesen. Sollte dies geschehen, dann habt Ihr eine Bestätigung, dass diese Botschaft wirklich wichtig ist.

Das Buch stellt „neun Lügen“ bloss, die in den heutigen Gemeinden sehr verbreitet sind und oft sogar als „biblische Wahrheit“ gelehrt werden, obwohl sie in Wirklichkeit der Bibel entgegengesetzt sind. Demgegenüber stellt der Autor das Bild der Urgemeinde, wie sie v.a. in der Apostelgeschichte beschrieben wird. Seine Grundthese ist: Die Berichte der Apostelgeschichte (zusammen mit den Anweisungen in den Briefen) sind nicht nur als Berichte über eine vergangene Epoche aufzufassen, sondern als normative Richtlinien für die Gemeinde heute. Die heutigen Formen der evangelikalen Gemeinden (und erst recht der liberalen Landeskirchen) sind meilenweit von diesen Richtlinien entfernt. Zeiten der Reformation und Erweckung bestehen darin, dass die Gemeinde vorübergehend diesem Urbild wieder ein wenig näherkommt; aber selbst die historisch bezeugten Erweckungen blieben noch weit entfernt davon.

Eine „theoretische Grundlage“ hatte ich also, zumindest der Spur nach. (Auch wenn meine offene Fragen mir noch Stoff geben für viele Wochen des Bibelstudiums.) Viel wichtiger, und schwieriger, war aber die nächste Frage: Wie können wir praktisch dem Standard der Apostelgeschichte wieder näherkommen?

Eine ebenso naheliegende wie abgegriffene Antwort war: „Beten und den Herrn suchen“. Das habe ich in den vergangenen Jahren auch ausgiebig getan; meistens allein, ab und zu auch mit meiner Frau und (seltener) mit anderen Christen. Aber es musste einfach noch etwas mehr geschehen. Ich hatte (und habe) mittlerweile ein so starkes Verlangen nach „wirklicher Gemeinde“, dass ich mich nicht einfach damit zufriedengeben konnte und kann, in den bestehenden Strukturen weiterzugehen und zu warten, bis irgendwann einmal Gott etwas verändert.

Unsere Erfahrungen an der Bibelschule brachten mich zu einer ziemlich radikalen Schlussfolgerung. Ich musste dort eine derartige Häufung von Fällen von krasser Unehrlichkeit und Unmoral mitansehen – öfters ohne jegliche Folgen für die Schuldigen -, dass der Schluss naheliegend war, manche Bibelschüler, und auch Lehrer, seien in Wirklichkeit gar keine Christen. (Es geht ja nicht darum, dass ein Christ „perfekt“ sein soll; aber dass er Sünde klar bekennen und hinter sich lassen kann, statt zu versuchen, sie zu vertuschen.)
Zudem macht es die Struktur einer Bibelschule, mit ihrem Schwergewicht auf verstandesmässigem Wissen und Reglamentsgehorsam, sehr schwierig, solche Fälle wirklich auf persönlicher Ebene aufzuarbeiten. Und von den Gemeinden (ich habe oben die Situation ein wenig beschrieben) kann dies erst recht nicht erwartet werden. Diejenigen Aktivitäten, wo wirkliche geistliche Ergebnisse zu sehen waren, waren jene, die abseits der bestehenden „Gefässe“ von Bibelschule und Gemeinden stattfanden! (Z.B. eine unoffizielle sogenannte „Teenager-Bibelschule“, die wir eine Zeitlang führen konnten, bis die Leiter sie wieder auflösten.) – Eine ähnliche Erfahrung machten Bibelschüler, die in ihren Gemeindepraktika versuchten, z.B. Teenager geistlich weiterzuführen: Anfangs sehen sie oft Anzeichen von Erneuerung und Erweckung, aber dann kommen die Leiter und „bremsen“.

Fazit: Es ist nicht möglich, geistliche Erneuerung innerhalb der bereits bestehenden organisierten Strukturen zu verwirklichen.

Zu dieser – auf den ersten Blick übertrieben klingenden – Einsicht sind in Wirklichkeit fast alle Reformatoren und Erweckungsprediger der Vergangenheit früher oder später gekommen!
Bei einem kurzen Überflug der Kirchen- und Erweckungsgeschichte fiel mir bald eine eigenartige Gesetzmässigkeit auf: Die meisten Reformatoren und Erweckungsprediger begannen ihren Dienst innerhalb einer Kirche oder Bewegung, die aus einer vorhergegangenen Erweckung hervorgegangen war. Aber irgendwann kam ein Punkt, wo sie ihrer Kirche zu radikal wurden und es zu einem Bruch kam.
Martin Luther war ein katholischer Mönch und Priester. Zumindest am Anfang der Reformation dachte er nicht im Entferntesten daran, eine andere Kirche zu gründen; er wollte die katholische Kirche als solche reformieren. Aber je mehr er die Gedanken der Reformation verbreitete, desto „untragbarer“ wurde er für die Kirche, bis er schliesslich exkommuniziert wurde. So begann etwas Neues: die reformierten Kirchen.
John Wesley begann seinen Dienst in der anglikanischen Kirche; also einer Kirche, die aus der Reformation hervorgegangen war. Aber auch er musste bald feststellen, dass die Kirche seinen Erneuerungsversuchen nicht wohlgesinnt war. Wiederum entstand etwas Neues: die methodistische Bewegung (die mit der Zeit dann auch zu einer „Kirche“ wurde).
William Booth war ein methodistischer Prediger. Aber die Methodisten seiner Tage (Wesley war längst tot) konnten seine Vision nicht teilen, das Evangelium auf die Strasse hinaus und zu den Bedürftigen zu tragen. So brauchte auch hier der „neue Wein“ wieder ein „neues Gefäss“, und die Heilsarmee entstand.
Aus der Heilsarmee wiederum ging z.B. Smith Wigglesworth hervor, der aber nicht als Heilsarmist, sondern als Prediger der Pfingstbewegung bekannt wurde. – Und wenn ich jetzt Männer Gottes nennen würde, die sich von den heutigen Pfingstgemeinden trennen mussten, weil es dort zu eng war, dann würden sich meine pfingstlichen Freunde vermutlich ärgern…

Wir sehen also, dass die Träger fast jeder neuen Erweckung abgelehnt und oft sogar vefolgt wurden von den Trägern genau jener vergangenen Erweckung, aus deren Schoss sie selber hervorgegangen waren.

(Fortsetzung folgt)