Posts Tagged ‘Verfolgung’

Weiteres über die erste Gemeinde in der Apostelgeschichte (Teil 2)

12. Oktober 2017

Die neutestamentliche Gemeinde wird verfolgt.

In der vorherigen Betrachtung haben wir gesehen, dass die grosse Verfolgung gegen die Jerusalemer Urgemeinde im Endeffekt zu ihrer weiteren Ausbreitung beitrug.
Tatsächlich erfuhr die Gemeinde von ihren Anfängen an Verfolgung. Kaum war durch die Apostel das erste Wunder geschehen, wurden sie sogleich bedroht, nicht mehr im Namen Jesu zu reden (Apg.4,17-21). Bald darauf wurden sie gefangengesetzt und ausgepeitscht (Apg.5,17-18.40). Einige Zeit später wurde Stephanus gesteinigt (Apg.7).

Warum heisst es dann, „sie hatten die Gunst des ganzen Volkes“ (Apg.2,47), und „das Volk machte sie gross“ (Apg.5,13)? Wie passt das zu den Verfolgungen?
– In Wirklichkeit war diese „Gunst des Volkes“ gerade ein Verfolgungsgrund. Die Christen lebten reine, ehrliche, Gott wohlgefällige Leben; und das wurde vom Volk gesehen und anerkannt. Aber das erregte den Neid gewisser Leiter, die selber nicht Gott wohlgefällig lebten: „Aber der Hohepriester und alle, die mit ihm waren, das heisst die Partei der Sadduzäer, wurden voll Neid.“ (Apg.5,17) – “ … aber sie waren nicht imstande, der Weisheit und dem Geist zu widerstehen, mit dem er (Stephanus) redete. So stifteten sie einige Männer an, zu sagen: ‚Wir hörten ihn gegen Moses und gegen Gott lästern.‘ Und sie wiegelten das Volk auf und die Ältesten und die Schriftgelehrten …“ (Apg. 6,10-12).
– Auch bei Paulus‘ Missionsreisen sehen wir, dass oft der Neid anderer zu Verfolgung führte: „Und als die Juden die Volksmenge sahen, wurden sie voll Neid und widersprachen dem, was Paulus sagte … und erregten eine Verfolgung gegen Paulus und Barnabas und warfen sie aus ihrem Gebiet hinaus.“ (Apg.13,45.50) – „Aber die ungehorsamen Juden waren neidisch, nahmen einige böse Männer von der Strasse, versammelten eine Volksmenge und versetzten die Stadt in Aufruhr …“ (Apg. 17,5)

Wir stellen fest, dass es sehr oft gerade die religiösen Leiter waren, welche die Verfolgungen anzettelten: die Priester, die Theologen, die Synagogenvorsteher … also gerade jene, welche die Bibel gut kannten und als religiös galten. Der Dienst der Apostel hatte dieselbe Wirkung wie zuvor schon der Dienst Jesu: Er stellte öffentlich die Heuchelei der religiösen Leiter bloss, die „sagen, aber es nicht tun“ (Matth.23,3).
Das ist schon immer ein Kennzeichen der neutestamentlichen Gemeinde gewesen: Sie erregt den Zorn der Leiter der offiziellen Kirchen. Wenn also eine christliche Gruppierung mit den Leitern der institutionellen Kirchen in friedlichem Einvernehmen lebt, dann sollte sie sich fragen, ob sie wirklich neutestamentliche Gemeinde ist, oder ob sie sich vielleicht auch an die Wege der Welt angepasst hat, so wie alle „respektablen“ Kirchen.

Die Anwesenheit oder Abwesenheit von Verfolgung ist allerdings kein untrügliches Unterscheidungsmerkmal der neutestamentlichen Gemeinde, denn das hängt auch von äusseren Faktoren ab. (Und es gibt auch Gruppen, die verfolgt werden, nicht weil sie Nachfolger Jesu wären, sondern weil sie schändliche Lehren oder Praktiken ausüben.) Aber wenn eine Gruppe von Christen lange Zeit unbehelligt wirken und sich ausbreiten kann, ohne den Zorn und Neid der etablierten Kirchen hervorzurufen, dann sollte sie sich doch prüfen, ob sie wirklich dem Weg der neutestamentlichen Gemeinde folgt.

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Möchtest du WIRKLICH Erweckung? (Teil 3)

18. Mai 2016

Eine Erweckung bringt Verfolgung.

Viele Leiter und Anhänger vergangener Erweckungen mussten Verfolgung leiden. Manchmal kam die Verfolgung von seiten der Heiden, die sich dem Christentum widersetzten. Aber noch häufiger waren es gerade die Leiter der „christlichen“ Kirchen, welche die Erweckung verfolgten.

Von der Opposition der katholischen Kirche gegen Luther haben wir schon gesprochen. Nachdem er exkommuniziert worden war, wurde Luther auch noch vom Kaiser unter die Reichsacht gestellt. Das bedeutete praktisch sein Todesurteil, denn jeder, der ihn fand, konnte ihn straflos töten. Luther überlebte nur, weil der Kurfürst von Sachsen ihm wohlgesinnt war und ihn auf der Wartburg verborgen hielt. – Während die Reformation fortschritt, wurden Tausende von „Protestanten“ von der Inquisition und von katholischen Herrschern ermordet.

So unglaublich es erscheint, verfolgten doch die Leiter der Reformation ihrerseits die Täufer mit fast derselben Grausamkeit. Tausende von Täufern wurden in Flüssen und Seen ertränkt – eine grausame Art, sich über ihre Überzeugungen lustig zu machen, indem die Reformierten erklärten: „Da ihr euch gerne ein zweites Mal taufen lässt, taufen wir euch jetzt ein drittes Mal.“
Es ist gesagt worden: „Die Vertreter der Erweckung von gestern verfolgen die Erweckung von morgen“. Hier haben wir ein Beispiel dieser traurigen Wahrheit.

John Wesley schien an Verfolgung gewöhnt zu sein. Dies ist eine Zusammenfassung von Tagebucheinträgen Wesleys in der Anfangszeit der Erweckung:
„Sonntag, 5.Mai, morgens – Predigte in St.Anna; sie sagten mir, ich solle nie mehr zurückkommen.
Sonntag, 5.Mai, nachmittags – Predigte in St.John; die Diakone sagten: ‚Geh raus und bleibe draussen.‘
Sonntag, 12.Mai, morgens – Predigte in St.Judas; dahin darf ich auch nicht mehr zurückkehren.
Sonntag, 12.Mai, nachmittags – Predigte in St.George, auch da wurde ich hinausgeworfen.
Sonntag, 19.Mai, morgens – Predigte nochmals woanders; die Diakone beriefen eine ausserordentliche Sitzung ein und sagten, ich könne nicht mehr hierher zurückkommen.
Sonntag, 19.Mai, nachmittags – Predigte auf der Strasse; sie vertrieben mich von der Strasse.
Sonntag, 26.Mai, morgens – Predigte auf einer Wiese; ich musste fliehen, als jemand während des Gottesdienstes einen Stier auf mich losliess.
Sonntag, 2.Juni, morgens – Predigte am Eingang der Stadt; sie vertrieben mich von der Strasse.
Sonntag, 2.Juni, nachmittags – Zum Nachmittagsgottesdienst predigte ich draussen auf dem Feld; zehntausend Personen kamen.“

Eine andere Anekdote über Wesley:
Eines Tages war Wesley zu Pferd unterwegs, und plötzlich wurde ihm bewusst, dass drei ganze Tage ohne Verfolgung vergangen waren. Man hatte ihm nicht einmal einen Stein oder ein Ei nachgeworfen. Wesley hielt sein Pferd an und kniete nieder: „Könnte es sein, dass ich gesündigt habe oder zurückgefallen bin?“, fragte er, und bat Gott, ihm zu zeigen, ob er irgendwie fehlgegangen war. – Ein rauher Bursche, der auf der anderen Seite der Hecke vorüberging, hörte das Gebet, erkannte Wesley und dachte: „Ich werde diesem Prediger eine Lektion erteilen.“ Er ergriff einen Backstein und warf ihn nach Wesley. Der Backstein verfehlte sein Ziel knapp; aber Wesley erhob sich und rief aus: „Danke, Herr, alles ist gut! Ich bin noch in deiner Gegenwart.“

Eines der bekanntesten Werke der christlichen Literatur, und der Weltliteratur überhaupt, ist John Bunyans „Pilgerreise“. Dieses Buch wurde im Gefängnis von Bedford geschrieben. Was für ein Verbrechen hatte Bunyan begangen? – Er hatte ohne eine offizielle Erlaubnis der Kirche von England das Evangelium gepredigt. Dafür wurde er zu mehreren Jahren Gefängnis verurteilt.

Auch die Heilsarmee war in ihren Anfangsjahren oft das Ziel von Verfolgung. Andrew Strom fasst zusammen: „Während des Jahres 1882 wurden allein in England 669 Heilssoldaten körperlich angegriffen, und 56 Lokale der Heilsarmee ganz oder teilweise zerstört. Es formten sich ‚Skelett-Armeen‘ von Verbrechern und Schlägern, um die Heilsarmisten anzugreifen … Und erstaunlicherweise waren an vielen Orten die örtlichen Pastoren daran beteiligt, diese Mobs aufzureizen.“

Gegenwärtig findet eine der erstaunlichsten und am längsten dauernden Erweckungen in China statt. Aber China ist gleichzeitig eines der Länder mit der stärksten Christenverfolgung. Viele christliche Leiter sind im Gefängnis und werden gefoltert. Es gibt sehr wenig religiöse Freiheit.

Verwundern wir uns darüber nicht. Jesus selber wurde verfolgt, und nach nur drei Jahren öffentlichen Dienstes wurde er getötet. Die Wirkungszeit seines Wegbereiters, Johannes des Täufers, war noch kürzer. Und Jesus warnte seine Jünger zum voraus, sie sollten sich auf dasselbe Schicksal vorbereiten:
„Wenn jemand mir nachfolgen will, verleugne er sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich, und folge mir nach. Denn jeder, der sein Leben retten will, wird es verlieren; und jeder, der sein Leben um meinetwillen verliert, wird es finden.“ (Matthäus 16,24.25)
„Dann werden sie euch der Drangsal überliefern und euch töten, und ihr werdet von allen Völkern gehasst sein um meines Namens willen… Aber wer bis zum Ende ausharrt, wird gerettet werden.“ (Matthäus 24,9.13)
„Sie werden euch aus den Synagogen ausschliessen; und es wird sogar die Stunde kommen, wo jeder, der euch tötet, denken wird, er leiste Gott einen Dienst.“ (Johannes 16,2)
„Fürchte nichts, was du leiden wirst. Siehe, der Teufel wird einige von euch ins Gefängnis werfen, damit ihr geprüft werdet, und ihr werdet zehn Tage lang Drangsal haben. Sei treu bis zum Tod, und ich werde dir die Krone des Lebens geben.“ (Offenbarung 2,10)

Aus der Geschichte der alten Kirche weiss man, dass elf der zwölf Apostel den Märtyrertod starben. Johannes war der einzige, der eines natürlichen Todes starb; aber auch er erlitt die Verbannung nach Patmos. Paulus zählt folgende Gründe auf, sich zu rühmen:
„Sind sie Diener Christi? Ich spreche, als ob ich wahnsinnig wäre: Ich noch mehr. Unter viel mehr Mühen; unter unzähligen Schlägen; öfter in Gefängnissen; viele Male in Todesgefahr. Von den Juden erhielt ich fünfmal die vierzig Schläge weniger einen. Dreimal wurde ich mit Ruten geschlagen; einmal gesteinigt; dreimal erlitt ich Schiffbruch; eine Nacht und einen Tag lang trieb ich als Schiffbrüchiger auf hoher See; …“ (2.Korinther 11,23-25)

Über diese Dinge kann ich nur mit Furcht und Zittern schreiben, weil ich von mir selber nicht weiss, wie ich solche Situationen überstehen würde. Ich glaube, es ist überhaupt nur durch die Gnade Gottes möglich, solche Verfolgung um Christi willen auszuhalten. Paulus schrieb an die Philipper: „Denn euch ist es gegeben um Christi willen, nicht nur an ihn zu glauben, sondern auch für ihn zu leiden …“ (Philipper 1,29)
Es ist eine Gabe Gottes und ein besonderes Vorrecht, für den Glauben an Jesus zu leiden. Nachdem die Apostel geschlagen worden waren, „gingen sie von dem Rat fort, voll Freude, dass sie für würdig erachtet worden waren, um des Namens (Jesu) willen Schmach zu leiden.“ (Apostelgeschichte 5,14)

Bist du bereit, mit den Aposteln dieses Vorrecht zu teilen?

John Wesley und die Methodisten – Teil 7: Verfolgung und Leiden

1. September 2013

Wie alle grossen Männer Gottes musste auch Wesley durch Verfolgungen und Leiden gehen; besonders während der Anfangszeit der Erweckung. Manchmal predigte er unter unvorstellbaren Umständen:

„In Chelsea erklärte ich den Glauben, der durch Liebe tätig ist. Ich war sehr schwach, als ich in den Saal trat; aber je mehr die ‚Bestien von Menschen‘ tobten und rasten, desto mehr wurde ich gestärkt an Körper und Seele; sodass ich glaube, dass niemand in dem überfüllten Haus auch nur einen Satz von meiner Rede verlor. Tatsächlich konnten sie mich nicht einmal sehen, noch einander auf ein paar Meter Abstand, wegen des dichten Rauches von dem Brand, den sie (die Störefriede) verursacht hatten, und anderer Dinge, die sie ständig hereinwarfen. Aber jene, die Gott loben konnten inmitten von Feuern, hatten keine Angst vor einem bisschen Rauch.“

(Während einer Versammlung im Freien trieben einige Männer einen Stier mitten unter die Zuhörer.) „Nachdem sie sich Bahn geschafft hatten bis zu dem Tisch, auf dem ich stand, versuchten sie ihn mehrmals umzuwerfen, indem sie den Stier gegen den Tisch stiessen, aber er stiess ihn nicht um. Ein- oder zweimal stiess ich seinen Kopf mit meiner Hand zurück, damit das Blut nicht über meine Kleider tropfte; und ich nahm mir vor, fortzufahren, sobald die Unterbrechung vorbei wäre. Aber der Tisch fiel um, und einige unserer Freunde fingen mich in ihren Armen auf, und trugen mich auf ihren Schultern. In der Zwischenzeit rächten sich die Eindringlinge an dem Tisch, indem sie ihn Stück für Stück auseinanderrissen. Wir entfernten uns ein wenig von dort, und ich beendete meine Rede ohne weiteren Lärm oder Unterbrechungen.“

Aber Wesley berichtet auch von Gelegenheiten, wo ihm Gott eine übernatürliche Gnade gab vor seinen Verfolgern:

„Als ich nach Hause kam, fand ich einen unzählbaren Haufen vor der Tür, und alle öffneten ihre Rachen, sobald sie mich sahen. Ich wollte, dass meine Freunde ins Haus gingen; und dann ging ich mitten unter den Leuten umher und proklamierte ‚den Namen des Herrn, gnädig und barmherzig, und der sich des Unheils gereut.‘ Sie sahen einander nur an. Ich sagte ihnen, dass sie vor dem Angesicht dieses grossen Gottes nicht fliehen konnten, und ermahnte sie deshalb, gemeinsam ihn um Erbarmen anzurufen. Damit waren sie schnell einverstanden. So empfahl ich sie seiner Gnade an und ging zu der kleinen Versammlung im Haus, ohne weiter belästigt zu werden.“

„Wir kamen etwa um fünf Uhr nachmittags nach Bolton. Kaum waren wir zur Hauptstrasse gelangt, als wir feststellten, dass die Löwen von Rochdale Lämmer waren im Vergleich mit denen von Bolton. Eine derartige Wut und Bitterkeit hatte ich kaum je zuvor in menschengestaltigen Kreaturen gesehen. Sie folgten uns laut schreiend zu dem Haus, zu dem wir gingen; und sobald wir eingetreten waren, besetzten sie alle Zugangswege und füllten die Strasse von einem Ende zum anderen.
Nach einiger Zeit brüllten die Wellen nicht mehr so laut. Da dachte Herr P, er könne sich nach draussen wagen. Sofort schlossen sie ihn ein, warfen ihn zu Boden und wälzten ihn im Dreck. Als er sich von ihnen befreien konnte und wieder ins Haus kam, konnte man kaum sagen, was oder wer er war. Als der erste Stein durch das Fenster in unsere Mitte flog, erwartete ich, dass ein ganzer Schauer folgen würde; dies umso mehr, als sie nun eine Glocke besorgt hatten, um alle ihre Kräfte zusammenzurufen. Aber sie hatten nicht vor, den Angriff auf Distanz weiterzuführen: sogleich rannte jemand auf uns zu und sagte uns, dass der Haufe ins Haus eingedrungen sei; und fügte hinzu, sie hätten J.B. in ihrer Gewalt. So war es; und er benützte die Gelegenheit, um ihnen von ‚den Schrecken des Herrn‘ zu erzählen. In der Zwischenzeit beschäftigte D.T. einen anderen Teil von ihnen mit sanfteren Worten.
Ich dachte, meine Zeit sei nun gekommen, und ging mitten in das dichteste Gedränge hinein. Sie füllten jetzt alle Räume des Erdgeschosses. Ich verlangte einen Stuhl. Der Wind legte sich, und alles war ruhig. Mein Herz war erfüllt mit Liebe, meine Augen mit Tränen, und mein Mund mit Argumenten. Sie waren erstaunt; sie waren beschämt; sie schmolzen dahin; sie verschlangen jedes Wort. Was für eine Wende war das! Oh, wie hat Gott den Rat des alten Ahitophel in Narrheit verkehrt und hat alle Trunkenbolde, Lästerer, Sabbatschänder und gewöhnlichen Sünder an diesen Ort gebracht, damit sie von seiner reichlichen Erlösung hören durften!“

Manchmal wurden die absurdesten Verleumdungen über Wesley verbreitet:

„Einer der Reiter sagte: ‚Mein Herr, ich werde Ihnen den Grund von all diesem erzählen. Alle Herren dieser Ortschaften sagen, dass Sie lange Zeit in Frankreich und Spanien verbracht haben, und dass Sie jetzt vom Thronanwärter hierher gesandt wurden; und dass diese Gesellschaften dazu dienen, sich ihm anzuschliessen. Bestimmt werden nicht alle Herren dieser Ortschaften gegen ihr eigenes Gewissen lügen!“

„(Die von Breage) waren vor zehn Jahren so wild, und das ist kein Wunder, hatte ihnen doch ihr unglücklicher Pfarrer von der Kanzel aus gesagt, dass ‚John Wesley wegen schlechten Betragens von der Schule ausgeschlossen wurde, und seither sehr verwirrt gewesen sei; und dass alle Methodisten in ihren privaten Gesellschaften das Licht zu löschen pflegten‘, usw.“

„Montag, 7.Dezember. Ich predigte über: ‚Vertraue auf den Herrn, denn im Herrn ist ewige Kraft‘ (Jes.26,4). Ich zeigte, wieviel Grund wir haben, auf den Anführer unserer Erlösung zu vertrauen, als jemand mitten im Saal ausrief: ‚Und wer war Ihr Anführer letzthin, als Sie sich erhängten? Ich kenne den Mann, der Sie sah, als das Seil durchgeschnitten wurde, um Sie herunterzuholen.‘ – Es scheint, dass diese schlaue Geschichte von vielen Leuten in Bristol fleissig verbreitet und von Herzen geglaubt worden war. Ich wünschte, dass sie dem Mann Platz machten, damit er sich mir nähern konnte. Aber in dem Moment, als er sah, dass der Weg frei war, rannte er mit höchster Geschwindigkeit nach draussen, ohne sich auch nur umzusehen.
– Samstag, 12.Dezember. Am Nachmittag wollte jemand mit mir sprechen. Ich sah ihn in äusserster Verwirrung, sodass er einige Zeit lang nicht sprechen konnte. Schliesslich sagte er: ‚Ich bin es, der am Montag Ihre Versammlung unterbrochen hat. Seither hatte ich Tag und Nacht keine Ruhe, bis ich mit Ihnen gesprochen hätte. Ich hoffe, dass Sie mir vergeben können, und es wird mir für den Rest meines Lebens eine Warnung sein.'“

Die Verfolgungen richteten sich nicht nur gegen Wesley selber, sondern auch gegen seine Prediger und Nachfolger. In einer gewissen Ortschaft war ein Erlass ergangen, alle, die als Methodisten bekannt waren, zwangsweise zur Armee einzuziehen:

„(Der Erlass) war vom Verwalter von Sir John St.Aubyn mit den Namen von sieben oder acht Personen bekräftigt worden. Von den meisten von ihnen war wohlbekannt, dass sie einer gesetzmässigen Arbeit nachgingen und davon ausreichende Einkünfte hatten. Aber das spielte keine Rolle: sie wurden ‚Methodisten‘ genannt, und deshalb mussten sie Soldaten werden. Darunter war hinzugefügt: ‚Eine Person unbekannten Namens, die den Frieden der Pfarrei stört.‘
Ein Wort an die Weisen: Die guten Leute verstanden mit Leichtigkeit, dass dies kein anderer als der methodistische Prediger sein konnte; denn wer ’stört den Frieden der Pfarrei‘, wenn nicht einer, der allen Trinkern, Hurern und Fluchern sagt, sie befänden sich auf dem direkten Weg zur Hölle?“

Dies sind einige weitere der vielen Vorfälle, die Wesley in seinem Tagebuch vermerkte:

„… Alle Bauern hier hatten vor gewisser Zeit vereinbart, alle ihre Knechte zu entlassen und keinem Arbeit zu geben, der einem Methodistenprediger zuhören würde. Aber kein Rat hat Bestand gegen den Herrn. Einer der wichtigsten unter ihnen, Herr G., wurde kurz darauf von der Wahrheit überzeugt, und wünschte, dass diese selben Männer in seinem Haus predigten. Viele der anderen Verschwörer kamen und hörten zu, und ihre Knechte und Arbeiter folgten ihnen fröhlich. So fiel der ganze Plan des Teufels dahin, und das Wort Gottes wuchs und blieb bestehen.“

„Am Nachmittag predigte ich auf einem Platz in Colne vor einer grossen Menge, alle voll Verlangen, das Wort zu hören. Selten sah ich eine Versammlung, wo Männer, Frauen und Kinder so aufmerksam zuhörten; und das ist die Stadt, wo vor dreissig Jahren kein Methodist wagen konnte, sein Gesicht zu zeigen! Der erste, der hier predigte, war John Jane. Er ritt unschuldig durch die Stadt, als der eifersüchtige Haufe ihn von seinem Pferd riss und sie ihn in den Block schlossen. Er ergriff die Gelegenheit und ermahnte sie inbrünstig, ‚dem kommenden Zorn zu entfliehen‘.“

„Ich ritt zu einer Nachbarstadt, um einen Friedensrichter zu besuchen, einen verständigen Mann. Ich war informiert worden, dass ihm einige verärgerte Nachbarn einen Wagen voll von diesen neuen Ketzern vorgeführt hatten. Aber als er fragte, was sie getan hätten, herrschte tiefes Schweigen; denn das war der Punkt, den ihre Ankläger vergessen hatten. Schliesslich sagte einer: ‚Sie sagen, sie seien besser als die anderen; und ausserdem beten sie von morgens bis abends.‘ – Der Richter fragte: ‚Aber sonst haben sie nichts getan?‘ – ‚Doch, mein Härr‘, sagte ein alter Mann, ‚mit Verlaub, euer Ähren, sie haben meine Frau bekährt. Bevor sie sich ihnen anschloss, hatte sie solch ein Maul! Und jetzt ist sie still wie ein Lamm.‘ – ‚Bringt sie zurück, bringt sie zurück‘, antwortete der Richter, ‚und lasst sie alle zänkischen Mäuler in der Stadt bekehren.'“

Wesley war sich derart gewöhnt an die Verfolgungen und die Feindschaft der Leute, dass er sich verwunderte, wenn sie ihn freundlich behandelten. Wenn eine längere Zeit ohne Verfolgung verging, begann er sich vor Gott zu prüfen, ob er sich vielleicht in etwas verfehlt hätte:

„Die Freundlichkeit der Leute, wo immer ich hinging, überraschte mich sehr. Niemand zeigte mit dem Finger auf mich, niemand beschimpfte mich wie früher; sie lachten nicht einmal über mich. Was bedeutet das? Bin ich der Menschen Knecht geworden? Oder ist das Kreuz kein Ärgernis mehr?“

(Fortsetzung folgt)

Die Täufer – Teil 5

11. April 2013

Spätere Entwicklung der Täufer

Die Verfolgung der Täufer dauerte über ein Jahrhundert lang an. Z.B. wurde 1659 in der Schweiz, im reformierten Kanton Bern, folgendes Edikt erlassen (Auszüge nach dem „Märtyrerspiegel“ von Th.J.Van Braght):

„… Ihre Lehrer, von denen einer oder mehrere nach gründlicher Suche verhaftet werden können, sollen vom Gerichtsdiener in unser Waisenhaus gebracht werden, wo sie in Sicherheit gehalten werden, um dort die nötigen Schritte zu ihrer Bekehrung zu unternehmen; oder wenn sie halsstarrig bleiben, sollen sie angemessen bestraft werden. In der Zwischenzeit sollen die Amtshaber ihren Besitz einziehen und uns dessen Inventar überreichen. (…)

Aber jene, die keine Warnung, Belehrung oder Ermahnung annehmen wollen, sondern ungehorsam und störrisch bleiben, noch widerrufen oder von ihrem Irrtum ablassen, sollen des Landes verwiesen werden, und ihre Halsstarrigkeit und Verworfenheit soll den von uns beauftragten Direktoren über die täuferischen Angelegenheiten bekanntgemacht werden, damit sie unsere Befehle in dieser Hinsicht erwarten.

Und wenn solche halsstarrigen und irrenden Personen gemäss dem erwähnten Bericht gerichtlich verurteilt werden, sollen sie unter Bewachung zur Grenze eskortiert und definitiv aus unserem Gebiet vertrieben werden, mit einem Gelübde (anstelle eines Eides, da sie keine Eide schwören), bis zu ihrer offenbaren Bekehrung; und wenn sie trotz des Verweises unbekehrt zurückkehren und gefasst werden, und nicht widerrufen, sondern halsstarrig in ihrem Irrtum verbleiben wie zuvor, dann sollen sie jedesmal, wenn dieses geschieht, öffentlich mit Ruten gezüchtigt werden, gebrandmarkt, und wiederum aus dem Land vertrieben werden. (…)

Ausserdem erklären und verbieten wir streng, dass niemand, wer immer es auch sei, einheimische oder ausländische Wiedertäufer aufnehme oder beschütze, seien es Verwandte oder nicht; noch zu ihren Versammlungen, Predigten usw. helfe, indem er ihnen Häuser oder Scheunen zur Verfügung stelle; noch ihnen mit anderen Mitteln helfe; noch irgendwelchen Umgang mit irgendeinem von ihnen pflege, weder schriftlich noch mündlich (…)“

Dasselbe geschah in anderen Ländern, sowohl reformierten wie katholischen. Nur in den Niederlanden fanden die Täufer ein wenig Ruhe. Als im 17.Jahrhundert englische „Dissenters“ anfingen, in Nordamerika Kolonien zu gründen, flohen auch die meisten Täufer nach Amerika, wo sie in Freiheit leben konnten. Aber viele von ihnen verloren ihren missionarischen Eifer und ihre christliche Radikalität, und wurden traditionalistisch und gesetzlich. Es ging ihnen ähnlich wie anderen Erweckungen: Nach einer gewissen Zeit wurden sie „respektabel“, begannen sich auf dieser Erde einzurichten und zu institutionalisieren, und zugleich entfernten sie sich von dem christlichen Leben, das sie anfangs gehabt hatten. Einige dieser Gruppierungen, wie z.B. die „Amish“ in den USA, sind v.a. bekannt für ihre Traditionsgebundenheit in äusserlichen Dingen: sie leben heute noch wie ihre Vorfahren im 17.Jahrhundert und lehnen die moderne Technik ab. Andere wiederum, wie z.B. gewisse Sektoren der Mennoniten, nähern sich der ökumenischen Bewegung an und folgen so den Strömungen dieser Welt.

So sind die Täufer ein weiteres Beispiel für den Kreislauf von Erweckung und Abfall, der sich durch die ganze Kirchengeschichte hindurch beobachten lässt. Wie fast alle echten Erweckungen, wurden sie aus dem Wunsch heraus geboren, zu den Anfängen der christlichen Kirche zurückzukehren. Da die institutionellen Kirchen ihrer Zeit sich weit von diesen Anfängen entfernt hatten, war ein Konflikt mit ihnen unvermeidlich. Aber inmitten dieser Konflikte und Verfolgungen blühte und verbreitete sich die täuferische Erweckung. In der ganzen Kirchengeschichte waren sie eine der Bewegungen, die am längsten in einem Erweckungszustand verblieben. Doch auch sie erlebten später eine Zeit der Abkühlung. Ohne es bewusst zu wollen, richteten sie ihre eigenen Traditionen auf; und in späteren Generationen verdrängten diese Traditionen allmählich das echte geistliche Leben. Sodass wiederum eine Erweckung nötig wurde…

DieTäufer – Teil 2: Der Glaube der Täufer

21. März 2013

Wie wir gesehen haben, waren die Täufer keine einheitliche Bewegung. Aufgrund ihres freiheitlichen Verständnisses hatten sie keine zentrale Organisation und kein einigendes Glaubensbekenntnis. (Sie formulierten zwar später verschiedene Glaubensartikel, die aber jeweils nur regionale Verbindlichkeit erhielten.) Deshalb konnten ihre Lehrüberzeugungen von einer Gruppe zur anderen variieren.

Natürlich hatten sie alle die reformierte Überzeugung gemeinsam, dass die Heilige Schrift die oberste Autorität im Leben eines Christen und in der Kirche ist. Einige Gruppen betonten zudem, dass Gott zu jedem Gläubigen persönlich spricht. Es gab einige Extremisten, die so weit gingen, dass sie ihre persönlichen Eingebungen wichtiger nahmen als die Bibel selbst. Aber die meisten Täufer lehnten diese Extreme ab und gründeten sich auf das geschriebene Wort Gottes.

Die Ablehnung der Staatskirche war eine gemeinsame Überzeugung der Täufer. Sie betonten, dass die Kirche die Gemeinschaft der wahren Gläubigen ist, die sich freiwillig dazu entschieden haben, Jesus nachzufolgen. Deshalb traten sie für eine strikte Trennung zwischen Kirche und Staat ein. Die weltliche Regierung hatte kein Recht, sich in die Angelegenheiten der Kirche einzumischen; und die Kirche hatte kein Recht, über den Staat zu herrschen. Deshalb verurteilten sie die Haltung der Reformatoren, die die weltliche Regierung dazu gebrauchten, die Sache der Reformation voranzutreiben. Nach einer Überlieferung antwortete der Täufer Michael Sattler auf die Idee, den Schutz eines wohlgesinnten Fürsten zu suchen: „Wenn ein Tuch einen einzigen falsch gewobenen Faden enthält, dann verdirbt dieser einzige Faden das ganze Tuch. Ebenso wird die ganze Kirche verdorben, wenn sie auch nur einem einzigen falschen Prinzip folgt.“ Eine weltliche Autorität über die Kirche zu setzen, wäre ein solcher „falsch gewobener Faden“.
In diesem Zusammenhang ist auch ihre Ablehnung der Säuglingstaufe zu sehen: Wenn ein Baby getauft wird, dann wird es ohne seine eigene Einwilligung und ohne eigenen Glauben zu einem Kirchenmitglied gemacht. In anderen Worten, es wird gezwungen, sich als Christ zu identifizieren, ohne persönlich Christ zu sein. Deshalb ist eine solche Taufe nicht die biblische Taufe.

Ein weiterer wichtiger Gegensatz zu den Reformatoren bestand darin, dass die Täufer den Missionbefehl Jesu (Matth.28,18-20 und Parallelen) als für alle Zeiten gültig verstanden. Deshalb stellten sie auch sich selber mit aller Selbstverständlichkeit unter diesen Auftrag. Die Reformatoren dagegen sagten, Jesus hätte diesen Auftrag nur den Aposteln persönlich erteilt, und es sei anmassend, den Missionsbefehl auf gegenwärtig lebende Christen anzuwenden. Diese reformatorische Auffassung sollte während langer Zeit als Hemmschuh der Weltmission nachwirken: Noch Jahrhunderte später musste der Missionspionier William Carey unter seinen Glaubensgeschwistern einen heftigen Kampf gegen ebendiese Auffassung führen, bis ihm schliesslich zugestanden wurde, es könnte tatsächlich der Wille Gottes sein, eine Missionsgesellschaft zur Evangelisierung Indiens zu gründen.

Die meisten Täufer waren Pazifisten und betonten das Prinzip des „Nicht-Widerstehens“. Sie gaben den Worten Jesu grosses Gewicht: „Widersteht dem Bösen nicht; sondern wer dich auf die rechte Wange schlägt, dem biete auch die andere dar…“ (Matthäus 5,39-41). Deshalb lehrten sie, dass ein Christ keine Waffen tragen soll, nicht Soldat sein kann, und gegen niemanden gerichtlich vorgehen soll. Viele sagten auch, ein Christ könne kein Regierungsamt übernehmen. Das begründeten sie mit dem Gebot: „Du sollst nicht töten“ (da die weltliche Regierung nach Römer 13,4 „das Schwert trägt“), und auch mit der Trennung von Kirche und Staat.
Persönlich meine ich, dass in der gegenwärtigen Welt diese Haltung nicht mehr sehr sinnvoll wäre: Die meisten modernen Staaten haben die Todesstrafe abgeschafft, sodass ein Regierungsamt nicht mehr automatisch den Bruch des sechsten Gebots mit sich bringt. Auch haben die Kirchen im allgemeinen nicht mehr viel politische Macht. Ein Christ von entsprechender Integrität und Fähigkeit könnte in der Politik viel Gutes tun. – Andererseits besitzen leider nur wenige Christen diese Integrität, während viele christliche Politiker von den Versuchungen der Macht verdorben worden sind. Aber das begründet noch kein Prinzip, sondern ist eine Angelegenheit des persönliches Charakters.
In der Reformationszeit war die Situation ganz anders. In jener Zeit machten sich die Regierenden tatsächlich vieler Tötungen schuldig; und wer ein solches Amt übernahm, musste damit rechnen, an religiösen Verfolgungen mitwirken zu müssen. Deshalb ist es verständlich, dass viele Täufer jede Mitwirkung in der Politik und Regierung ablehnten.
Sie weigerten sich auch, Eide zu schwören, gemäss Matthäus 5,33-37. Somit wären sie zu vielen Regierungsstellen gar nicht zugelassen worden, selbst wenn sie es gewünscht hätten. Andererseits zeigte diese Haltung an sich in späteren Jahrhunderten einen politischen Einfluss: Viele Regierungsstellen in Gegenden mit starkem täuferischem Einfluss, z.B. in der Schweiz, akzeptieren heute ein Gelübde (Versprechen) anstelle eines Eides, und anerkennen damit die Freiheit, aus Gewissensgründen den Eid abzulehnen.

Fast alle täuferischen Gruppen lehrten auch die Notwendigkeit, sich von der Welt abzusondern und ein heiliges Leben zu führen, gemäss Hebräer 12:14-16: „Strebt nach dem Frieden mit allen, und nach der Heiligkeit, ohne die niemand den Herrn sehen wird…“ Dadurch unterschieden sie sich von den Reformierten – insbesondere von den Lutheranern -, welche die Erlösung „allein aus Glauben, ohne Werke“ betonten. (Diese reformierte Lehre ist an sich richtig; aber bald wurde sie in eine „billigen Gnade“ verkehrt, wie Jahrhunderte später der lutherische Theologe Dietrich Bonhoeffer klagte.) Deshalb warfen die Reformierten den Täufern manchmal vor, sie wollten zu einer katholischen Werkgerechtigkeit zurückkehren. Die Täufer antworteten, dass sie das heilige Leben nicht als ein Mittel zum Erwerb des Heils ansahen, sondern als eine notwendige Konsequenz und Frucht der Bekehrung; und da die Reformierten mehrheitlich diese Frucht nicht zeigten, müsse bezweifelt werden, ob sie wirkliche Christen seien. So schreibt z.B. Menno Simons:

„Alle die dies für gewiss und wahrhaftig in ihren Herzen glauben können, und sind durch Gottes Wort in ihren Herzen und Geist versiegelt, die werden an dem innerlichen Menschen verändert, empfangen die Furcht und Liebe des Herrn, gebären aus ihrem Glauben, Gerechtigkeit, Frucht, Kraft, ein unsträfliches Leben und ein neues Wesen, wie Paulus sagt, nämlich, mit dem Herzen glaubt man zur Gerechtigkeit. Durch den Glauben, sagt Petrus, reinigt Gott unsere Herzen. Und also folgen die Früchte der Gerechtigkeit stets aus einem aufrichtigen, ungefälschten, frommen Christen Glauben. Habt darauf acht. (…)
Alle, sage ich, die dieses in ihrem Herzen mit Bestimmtheit glauben, werden sicherlich vor aller Ungerechtigkeit fliehen wie vor dem Zahn der Schlange, sie wenden sich von allen Sünden ab, und scheuen sie viel mehr als ein brennendes Feuer oder ein schneidendes Schwert (…)“
(In: „Von dem wahren christlichen Glauben“.)

Und:
„Die Lutherischen lehren und glauben, dass uns der Glaube allein selig mache, auch ohne irgend welches Zutun der Werke. Diese Lehren halten sie mit solcher Strenge aufrecht, als ob Werke ganz und gar unnötig wären; ja, als ob der Glaube von solcher Art und Natur sei, dass er keine Werke neben sich zulassen oder leiden könne. Und darum muss auch Jacobi hochwichtiger, ernster Brief (weil er eine solche leichtfertige, eitle Lehre und solchen Glauben straft) als strohern von ihnen angesehen und erachtet werden. O stolze Torheit! (Menno bezieht sich hier auf eine Bemerkung Luthers, der den Jakobusbrief eine „stroherne Epistel“ nannte.)
Ein jeder sehe wohl zu, wie und was er lehrt; denn gerade mit dieser Lehre haben sie das unbedachte, dumme Volk gross und klein, Bürger und gemeinen Mann, in ein solches fruchtloses, wildes Leben geführt und so weit den Zaum gelassen, dass man unter den Türken und Tartaren (vermute ich) kaum ein so gottloses, greuliches Leben, wie das ihre ist, finden könnte. Die offenbare Tat gibt Zeugnis; denn das überflüssige Essen und Trinken, die übermässige Pracht und Hoffart, das Huren, Lügen, Betrügen, Fluchen, Schwören bei des Herrn Wunden, Sakramenten und Leiden, das Blutvergiessen und Fechten etc., welches leider bei vielen von ihnen gefunden wird, hat weder Mass noch Ende. Lehrer und Jünger handeln in vielen fleischlichen Dingen einer wie der andere, wie man sehen kann.“
(In: „Von dem lutherischen Glauben“.)

Um das heilige Leben der Brüder zu bewahren, wandten viele Gemeinden eine strenge Gemeindezucht an. Aber im Unterschied zu den Katholischen und Reformierten, und aufgrund von Matthäus 18,15-17, wurde diese Gemeindezucht nicht durch eine autoritäre Leiterschaft auferlegt. Im Gegenteil, jeder Bruder hatte das Recht und die Pflicht, seine Mitbrüder zurechtzuweisen, wenn sie in Sünde lebten.

Die Hutterer pflegten auch die Gütergemeinschaft nach dem Vorbild der Urgemeinde (Apostelgeschichte 2,44), aber die übrigen Täufer hatten diese Praxis nicht.

In der Organisation der Gemeinde behielten die Täufer weiterhin das Pfarramt bei, in der Tradition der katholischen und reformierten Kirche. D.h. sie gelangten nicht zu einer pluralen Leiterschaft von Ältesten wie in der frühen Kirche, und auch nicht zu einer konsequenten Praxis des allgemeinen Priestertums in der gegenseitigen Auferbauung unter Mitwirkung aller Gemeindeglieder gemäss 1.Kor.14,26. Ihre „Pastoren“ waren vorwiegend „Prediger“, genau wie in den reformierten Kirchen. In diesem Punkt blieb auch die Reformation der Täufer unvollendet.

Aber in allen übrigen Belangen waren die Täufer die konsequenteste Gruppe ihrer Zeit, was die Rückkehr zur frühen Kirche angeht. Keine andere Gruppierung jener Zeit folgte so treu dem Wort Gottes als oberste Autorität der Kirche. Obwohl Luther, Zwingli und Calvin in der Theorie dieses selbe Prinzip lehrten, vermischten sie doch in der Praxis die Leiterschaft der Kirche mit der weltlichen Regierung. So sahen sie sich ständig gezwungen, mit den Mächten dieser Welt Kompromisse zu schliessen, und deshalb konnten sie in ihren Reformen nicht völlig konsequent sein.

Als Folge ihres Glaubens waren die Täufer auch die meistverfolgte Gruppierung jener Zeit. An ihnen erfüllten sich die Worte von Paulus:

„Denn wie ich denke, hat Gott uns, die Apostel, als die Geringsten hingestellt, wie zum Tod Verurteilte; denn wir sind ein Schauspiel geworden vor der Welt, den Engeln und den Menschen. (…) Bis zu dieser Stunde leiden wir Hunger und Durst und Blösse, werden wir geschlagen, und haben keine feste Wohnstatt. Wir mühen uns ab mit unserer eigenen Hände Arbeit; wir werden verflucht, und wir segnen; wir werden verfolgt, und ertragen es; wir werden verleumdet, und beten; wir sind bis jetzt wie der Kehricht der Welt geworden, ein Abschaum aller.“ (1. Korinther 4,9-13).

Der Reformator Martin Luther – Teil 8 – Fehler Luthers

2. Dezember 2012

Fehler Luthers

Einige Autoren versuchen die ganze Reformation zu disqualifizieren, indem sie auf die persönlichen Fehler und Schwächen Luthers hinweisen. Er hatte ein sehr impulsives Temperament und benutzte oft, auch in seinen Schriften, eine allzu derbe Sprache. Gegen gewisse Gruppen ging er mit einer unbegreiflichen und nicht zu entschuldigenden Grausamkeit vor: gegen die aufständischen Bauern, gegen die Täufer, und gegen die Juden. Nicht einmal mit den Schweizer Reformatoren Zwingli und Calvin konnte er zu einer brüderlichen Gemeinschaft kommen, obwohl die gegenseitigen Differenzen – aus heutiger Sicht – geringfügig waren.

Der Starrkopf

Offenbar lag es in Luthers Temperament, sich auf einen Standpunkt zu versteifen, und seine Gegner auf grobe und polemische Weise anzugreifen. Egal ob es um die Verteidigung einer hochwichtigen Angelegenheit ging, oder einer Nebensache, oder sogar eines Irrtums. – Disqualifiziert ihn das als Reformator?
Ich glaube, wir müssen da unterscheiden zwischen Luthers Grundprinzipien der Reformation (denen ich weitgehend zustimme), und seinem persönlichen Verhalten (an dem es vieles auszusetzen gibt). Ich glaube auch, dass Gott weiss, was für ein Temperament nötig ist für jede der Aufgaben, die er seinen Dienern zuweist. Wäre Luther weniger starrköpfig gewesen, dann hätte er die spannungsvollen Kämpfe und Konflikte in seinem Leben kaum ausgehalten. Dieselbe Charaktereigenschaft, die in gewissen Situationen eine Schwäche ist (z.B. bei seiner Begegnung mit Zwingli), wird in anderen Situationen zu einer Stärke (z.B. vor dem Wormser Reichstag). Wahrscheinlich war diese Starrköpfigkeit nötig, um der Reformation zum Durchbruch zu verhelfen.
Damit will ich nicht Luthers Fehlverhalten entschuldigen. Ich könnte mir ausmalen, dass Gott nach einem „vollkommeneren“ oder „geeigneteren“ Reformator Ausschau hielt – aber anscheinend fand er keinen solchen, und so gebrauchte er eben Luther, um den Hauptanstoss zur Reformation zu geben.

Luther, der Verfolger

Dies ist mir der unverständlichste Aspekt im Leben Luthers: Er selber war jahrelang um seines Glaubens willen verfolgt und bedroht. Er wusste, wie sich ein Gewissensflüchtling fühlt. Er schrieb starke Worte zur Verteidigung der christlichen Freiheit. Wie war es möglich, dass er selber in späteren Jahren andere mit derselben Grausamkeit verfolgen und töten liess?
Die Juden versuchte er zuerst zum Christentum zu bekehren. Aber als das keinen Erfolg hatte, begann er sie zu hassen und richtete äusserst gehässige Mordaufrufe gegen sie, sodass Jahrhunderte später Hitler hämisch sagen konnte, er setze ja nur in die Tat um, was bereits Luther geschrieben hätte.
Noch weniger verständlich ist sein Hass gegen die Täufer, die ja sein eigenes Werk, die Reformation, weiterführten. Nur taten sie einige Schritte über das hinaus, was Luther zu tun wagte, indem sie statt der Säuglingstaufe wieder die biblische Glaubenstaufe einführten, und betonten, dass ein echter Christ an einem heiligen Leben erkannt wird. Tausende von Täufern sind auf Betreiben Luthers (sowie Zwinglis in der Schweiz) ertränkt worden. Viele Tausende weiterer wurden in ganz Europa umhergehetzt, und ihre Nachkommen flohen schliesslich (falls sie überlebten) nach Amerika.
Als Vorwand für die Verfolgung diente das Massaker in Münster, das von einer extremistischen Splittergruppe verursacht worden war. Jene Gruppe war aber keineswegs repräsentativ für die Gesamtheit der Täufer, deren überwiegende Mehrheit überzeugte Pazifisten waren.
(Bei Gelegenheit werde ich, so Gott will, eingehender über die Geschichte der Täufer schreiben.)

Der holländische calvinistische Theologe Abraham Kuyper versucht ein ähnliches Verhalten Calvins (die Verbrennung des Ketzers Servet) folgendermassen zu erklären:

„Ich missbillige jene Exekution voll und ganz; aber nicht als ob sie ein charakteristischer Ausdruck des Calvinismus wäre, sondern im Gegenteil: Das war eine Spätfolge eines alten Systems, das vor dem Calvinismus bestand, unter dem der Calvinismus gewachsen war, und von dem er sich noch nicht vollständig befreit hatte.
(…) Jenes System, das religiöse Differenzen unter die Kriminaljustiz des Staates brachte, war das direkte Ergebnis der Überzeugung, dass die Kirche Christi auf Erden sich nur auf eine einzige Art, und in einer einzigen Institution, verwirklichen könnte. Im Mittelalter (…) wurde alles Andersartige als Feind dieser einzigen Kirche angesehen. Die Regierung war deshalb nicht dazu berufen, für sich selber zu richten oder zu entscheiden. Es gab eine einzige Kirche Christi auf Erden, und es war Aufgabe der Regierung, diese Kirche vor den Spaltungen, Ketzereien und Sekten zu beschützen.
Aber zerbrechen wir diese Kirche in Teile, und anerkennen wir, dass die Kirche Christi sich in vielerlei Formen manifestieren kann, (…) so verschwindet sofort alles, was aus jener Einheit der sichtbaren Kirche gefolgert wurde. (…) Und deshalb müssen wir das Charakteristische am Calvinismus nicht in dem suchen, was er noch eine Zeitlang vom alten System festhielt, sondern in dem, was neu und frisch aus seiner eigenen Wurzel hervorging.“
(Abraham Kuyper, „Vorträge über den Calvinismus“)

Es ist gut möglich, dass diese totalitäre römisch-katholische Mentalität in den Reformatoren noch weiterwirkte. Jahrhundertealte gesellschaftliche Formen und Anschauungen ändern sich nicht von heute auf morgen. Tragisch ist, dass darunter gerade jene zu leiden hatten, die dieser totalitären Mentalität am entschiedensten abgesagt hatten und jedes Staatskirchentum ablehnten.

Eine andere mögliche Erklärung könnte in der Beobachtung von Psychologen liegen, dass Missbraucher sehr oft selber Opfer von Missbrauch waren. Das Opfer steht in der Gefahr – wenn es sich dessen nicht bewusst ist und bewusst dagegen angeht -, die erlittenen Verhaltensmuster zu verinnerlichen und später selber zum Missbraucher zu werden. Das geschieht auch auf dem Gebiet des geistlichen Missbrauchs.

Die Persönlichkeit und Geschichte Luthers gibt uns hier ein kompliziertes und tragisches Rätsel auf. Kann ein echer Christ so verblendet sein (z.B. vom Zeitgeist), dass er meint, der Sache des Evangeliums zu dienen, indem er dessen (vermeinliche) Feinde verfolgen lässt? Aber gerade die Täufer geben uns ja das Beispiel, dass es auch in jener Zeit durchaus möglich war, von der Bibel geleitet diesem totalitären Zeitgeist entgegenzutreten (sofern man bereit war, mit seinem Leben dafür zu bezahlen). – Oder ist Luther irgenwann zwischen der Mitte der 1520er und Mitte der 1530er Jahre unter den Versuchungen der Macht und der weltlichen Politik vom Glauben abgefallen und wurde dann zum Spielball finsterer Mächte? Die so unterschiedlichen Früchte zwischen der Anfangs- und der Spätzeit der Reformation mögen darauf schliessen lassen. Aber andererseits verkündet ein vom Glauben Abgefallener nicht mehr Christus als seinen Herrn. – Oder war Luthers Bekehrung gar nicht echt, war er etwa gar nie ein wirklicher Christ? Aber dann können wir nicht erklären, warum gerade er es war, der als Grundprinzip das „Sola Scriptura“ („Allein die Schrift“) wiederentdeckte – diesen urchristlichen Grundstein, auf dem alle Erweckungen nach ihm aufbauten -, und der damit die Verblendung der römischen Kirche durchbrach.
Es sind zu diesem Punkt die unterschiedlichsten und z.T. sehr pointierte Ansichten vertreten worden, von der Verteidigung der Reformatoren (wie im obigen Kuyper-Zitat) bis zur völligen Verdammung von Luthers Person und Lebenswerk (siehe dazu die Kommentare zum 1.Teil). Der Leser möge die Standpunkte vergleichen und sich eine eigene Meinung bilden. Persönlich glaube ich, dass es uns aus einem Abstand von fünfhundert Jahren nicht mehr möglich ist, ein zutreffendes und gerechtes Urteil zu fällen.

Leider ist eine Entwicklung wie diejenige Luthers kein Einzelfall (nur ist er ein besonders extremes Beispiel): Ein Pionier des Glaubens wird von der traditionellen Kirche angegriffen und verfolgt, aber er bleibt seinen Überzeugungen treu, und mit der Zeit schenkt Gott ihm Erfolg und Erweckung. Die von ihm vertretene Strömung wird mit der Zeit „angesehen“ und „offiziell“. Der verfolgte Pionier wird zu einem einflussreichen und mächtigen Leiter. In diesem Moment scheint er sein vergangenes Leiden zu vergessen, und verfolgt schliesslich andere Pioniere, die weiter vorangehen als er selber.
Tatsächlich ist dieses Phänomen so häufig, dass einmal jemand sagte: „Die Vertreter der Erweckung von gestern verfolgen immer die Vertreter der Erweckung von heute.“
Wie nötig ist es da, dass wir uns immer von Gott prüfen und korrigieren lassen, damit wir nicht in dieselbe Falle gehen, wenn wir eines Tages grösseren Einfluss haben!

Vorläufer der billigen Gnade

Luther selber sagte einmal sinngemäss, man könne auf zwei Seiten vom Pferd fallen. D.h. wenn man einen Irrtum korrigiert, besteht immer noch die Gefahr, in den entgegengesetzten Irrtum zu fallen. Anscheinend ist es Luther selber mit der Lehre von der Gnade so ergangen.

Die katholische Kirche betonte „gute Werke“ als Weg zur Erlösung und zur Heiligung. (Wobei es sich meistens um Werke zugunsten der Kirche selber handelte.) Damit hielt sie die Menschen in einer ständigen Ungewissheit, ob sie nun wirklich errettet seien oder nicht; ob sie nun „genug“ Werke getan hätten oder nicht. (Natürlich sind unsere menschlichen Werke nie genug, um uns den Himmel zu erkaufen!)
Luther betonte demgegenüber, dass die Erlösung allein durch die Gnade Gottes möglich ist (sola gratia), und allein durch den Glauben erlangt werden kann (sola fide). Soweit war das eine notwendige Korrektur; aber Luther ging darüber hinaus und wollte von guten Werken überhaupt nichts mehr wissen. Bis heute ist für einen guten Lutheraner wohl der schlimmste Vorwurf, den man jemandem machen kann, er predige „Werkgerechtigkeit“. Mit Bibelstellen wie Epheser 2,10 konnte Luther deshalb nicht viel anfangen („Denn sein Werk sind wir, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zum voraus bereitet hat, damit wir in ihnen wandeln“); und den ganzen Jakobusbrief nannte er pauschal eine „stroherne Epistel“. Anscheinend konnte er nicht sehen, dass gute Werke, wenn sie auch nicht ein Weg zur Erlösung sind, so doch eine notwendige Folge davon.

So behauptete Luther auch, ein Christ sei „simul iustus et peccator“, „zugleich Gerechter und Sünder“. Damit hat er nicht nur der Lehre von der billigen Gnade (siehe Teil 2) und der Allversöhnungslehre den Weg bereitet, sondern hat auch eine Denkweise propagiert, die behauptet, echte Heiligung sei unmöglich, und einem Christen sei es ebenso unmöglich wie einem Nichtchristen, die Sünde zu überwinden. Hier liegt einer der Gründe, warum späteren Erweckungsbewegungen wie den Täufern, den Quäkern oder den Methodisten gerade aus reformierten Kreisen so viel Feindschaft entgegenkam. Das ernsthafte Streben nach Heiligung wurde als „Perfektionismus“, „Werkgerechtigkeit“ und „Überheblichkeit“ angeprangert. (Siehe dazu „Guten Tag, ihr unwürdigen Sünder“.) – In einer späteren Serie werden wir – so Gott will – sehen, dass mit John Wesley das Pendel wieder zur anderen Seite hin auszuschlagen begann.

Von der Schrift her muss dazu gesagt werden, dass es ein solches „zugleich“ nicht gibt. Im Neuen Testament wird klar unterschieden zwischen „Heiligen“ (Christen) und „Sündern“ (Nichtchristen). Zwar erlebt auch ein Christ Versuchungen und kann dabei ab und zu in Sünde fallen; aber Aussagen wie Römer 6,11-14; 8,2-13; 1.Korinther 10,13; Titus 2,11-14; 1.Petrus 1,14-19; 1.Johannes 3,3-9; u.a. belegen klar, dass die Gnade Gottes einen Christen dazu befähigt, Sünde zu überwinden, und dass die Apostel ein solches Überwinden als das „normale Christenleben“ voraussetzten.

Wir können Luthers Haltung der Heiligung und den guten Werken gegenüber vielleicht von seiner Zeit her verstehen: er musste da einige sehr extreme Aussagen machen, um gegen die Irrtümer des Katholizismus anzukämpfen. Aber sobald wir seine diesbezüglichen Aussagen aus dieser Kampfsituation herausnehmen, sehen wir, dass sie falsch und unbiblisch sind, und sich im weiteren Verlauf der Kirchengeschichte sehr verhängnisvoll ausgewirkt haben. Fast jede Erweckungs- und Reformbewegung nach Luther musste nicht mehr gegen die katholische Werkgerechtigkeit ankämpfen, sondern gegen das falsche reformierte Gnadenverständnis.

(Fortsetzung folgt)

Deutsche Bildungspolitiker sollten von Kolumbien lernen

15. November 2012

Warum gerade von Kolumbien?

Nun, die kolumbianischen Gesetze schreiben eine Schulpflicht vor – vergleichbar mit Deutschland. Dennoch gibt es in Kolumbien eine Homeschool-Bewegung – ebenso wie in Deutschland. Werden nun kolumbianische Homeschooler gerichtlich verfolgt wie in Deutschland, werden sie von Staates wegen ihres Besitzes beraubt wie in Deutschland, werden ihre Kinder mit Polizeigewalt zur Schule geschleppt oder zwangspsychiatriert wie in Deutschland, sehen sie sich zur Auswanderung und zur Suche nach politischem Asyl gezwungen wie deutsche Homeschool-Familien?

Überhaupt nicht. Die nachstehenden Ausführungen einer Vertreterin des kolumbianischen Bildungsministeriums zeigen, dass eine gesetzlich vorgeschriebene Schulpflicht keineswegs als Mandat zur gewalttätigen staatlichen Verfolgung von Homeschoolern aufgefasst werden muss. Die Gesetze können auch auf andere, viel humanere, friedfertigere und konstruktivere Weise ausgelegt werden:

„… es ist völlig klar, dass die Normen das Recht jedes Menschen zu verteidigen und zu schützen suchen, zu einer Bildung von Qualität Zugang zu haben und eine solche zu erhalten. In diesem Fall suchen sie das Recht der Kinder auf eine solche zu schützen, die wegen ihrer Situation eine durch Entscheidungen von Erwachsenen verletzliche Bevölkerungsgruppe darstellen, seien diese Erwachsenen nun Lehrer, der Staat, oder Familien und Eltern.
Die Alternative einer Bildung ohne Schule entspricht nicht der Wahl einer Mehrheit in Kolumbien, noch weltweit, und ist deshalb in der Gesetzgebung nicht ausdrücklich angeführt. Das ist verständlich, da die öffentliche Politik aufgrund ihrer eigenen Natur zu dem Zweck entworfen wird, sich mit den Mehrheiten zu befassen.
Dennoch, da die Gesetze klar in erster Linie die Eltern für die Erziehung ihrer Kinder verantwortlich machen, und die (Eltern) Autonomie besitzen, um über die Rechte ihrer Kinder zu wachen und diese zu schützen, können sie wählen, ob sie ihre Kinder an eine Bildungseinrichtung senden oder nicht. Die Bildung ohne Schule kann eine mögliche Wahl sein, vorausgesetzt, dass die Eltern dem Staat gegenüber sicherstellen, dass die Kinder eine Ausbildung von Qualität erhalten.
Und durch welche Mechanismen können diese Wahlmöglichkeiten verwirklicht werden? – Durch die Anerkennungsprüfungen (exámenes de validación), die die Kinder und Jugendlichen ablegen können. Die Reglemente (genaugenommen das Dekret Nr.2832 von 2005) sehen vor, dass jedes Kind und jeder Jugendliche unter Beweis stellen kann, dass er die Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten erreicht hat in jedem der obligatorischen und grundlegenden Fächer für die Grund- und mittleren Schuljahre, indem seine Studien durch Prüfungen oder akademische Aktivitäten kostenlos für gültig erklärt werden, an Bildungseinrichtungen, die die entsprechenden gesetzlichen Voraussetzungen erfüllen.“

(Heublyn Castro Valderrama, Subdirektorin für die Normierung und Überprüfung der Bildungsqualität, Nationales Bildungsministerium Kolumbien.)

Man beachte, dass die erwähnten Anerkennungsprüfungen den Homeschoolern (und anderen Kindern und Jugendlichen) nicht als Pflicht (im Sinne staatlicher Beaufsichtigung) aufgezwungen werden, sondern ihnen vom Staat angeboten werden als eine Möglichkeit, ihre Kenntnisse und Fähigkeiten unter Beweis zu stellen und offiziell beglaubigen zu lassen – dann, wenn sie selber der Ansicht sind, sie seien zu einer solchen Prüfung bereit. Jeder zuhause ausgebildete Jugendliche kann also selber entscheiden, wann und wo er diese Prüfung ablegen will.
Hier sind die Prioritäten noch ziemlich in Ordnung: Der Staat verpflichtet sich, ein zureichendes Angebot bereitzustellen, um das Recht der Bevölkerung auf Bildung sicherzustellen. Die Familien ihrerseits sind frei zu entscheiden, ob sie von diesem Angebot Gebrauch machen möchten, oder ob sie auf andere Möglichkeiten zurückgreifen möchten, ihre Kinder auszubilden (z.B. mittels Privatschule, Fernschule, oder eben Homeschooling). Wenn schon ein Staatsschulsystem, dann sollte es so verstanden werden: als Hilfe und Angebot an jene Eltern, die ihre Kinder nicht selber ausbilden können oder wollen; aber nicht als ein Mittel zur diktatorischen Kontrolle und Gleichschaltung der ganzen Bevölkerung, wie es leider u.a. in Deutschland geschieht.

Das obige Zitat ist ein Ausschnitt aus einem Vortrag am Kongress „Bildung ohne Schule, Kollaboratives eigenständiges Lernen und Bildung in der Familie“, welcher in den Jahren 2009 und 2010 an der Nationalen Universität von Kolumbien in Bogotá durchgeführt wurde. Da führt also eine staatliche Universität einen Kongress über Homeschooling durch, und eine Vertreterin der obersten staatlichen Schulbehörde hält einen Vortrag, in welchem sie die Rechtmässigkeit des Homeschooling verteidigt!
Das Beispiel Kolumbien zeigt somit, dass auch bei einer mit Deutschland vergleichbaren Rechtslage ein friedliches Nebeneinander und sogar ein fruchtbarer gegenseitiger Austausch zwischen Schulbehörden, staatlichen Universitäten und Homeschoolbewegung möglich ist. Wenn sich deutsche Bildungspolitiker schon nicht für das US-amerikanische Konzept von Freiheit und Menschenrechten erwärmen können, dann sollten sie sich doch wenigstens an Kolumbien ein Beispiel nehmen.

Schon wieder: Verfolgung von deutschen Homeschoolern

27. Oktober 2012

Die Menschenrechtsverletzungen in Deutschland gehen weiter. Mit einiger Verspätung erfuhr ich vom folgenden Fall:

„Wie jetzt bekannt geworden ist, hat das Familiengericht Darmstadt am 6. September 2012 Dirk W. und seiner Frau Petra die elterliche Sorge über ihre vier schulpflichtigen Kinder weitgehend entzogen. Damit gab es einem Antrag des Staatlichen Schulamtes statt, das um eine derartige gerichtliche Maßnahme gebeten hatte, da die Kinder nicht zur Schule gehen würden.“
(Quelle: http://derblauebrief.net/sorgerechtsentzug-ultima-ratio-des-unrechtstaats/)

Es handelt sich hierbei um eine christliche Familie, die aus christlicher Glaubensüberzeugung ihre Kinder selber erzieht, statt sie staatlichen Einrichtungen zu überlassen. Dass es sich bei solchen Massnahmen zur Durchsetzung des staatlichen Schulzwangs um grobe Menschenrechtsverletzungen handelt, ist u.a. von einem US-amerikanischen Gericht deutlich bestätigt worden, indem es einer deutschen Homeschooling-Familie politisches Asyl gewährte. (Siehe „Homeschooling ist ein Menschenrecht“.)

Besonders hässlich ist an diesem neuerlichen Fall, dass im selben Monat der Bundestagsabgeordnete Volker Kauder – der sich u.a. für verfolgte Christen einsetzt! – einem Homeschool-Aktivisten einen Brief schrieb, in welchem er erklärte, solche Fälle stellten keineswegs eine Verfolgung dar, denn die deutsche Schulpflicht (und deren unverhältnismässig gewaltsame Durchsetzung??) sei völlig verfassungsgemäss. Dieser „Christ“ fällt also in seinem eigenen Land verfolgten Christen in den Rücken!

Gerade Christen (insofern sie wirklich Christen sind) sollten eigentlich zumindest die folgenden einfachen Tatsachen verstanden haben:

– dass die Familie die von Gott eingesetzte Kerngemeinschaft des christlichen Lebens, der christlichen Gemeinde, und der Gesellschaft überhaupt darstellt, und deshalb Vorrang hat vor allen anderen gesellschaftlichen, politischen und religiösen Institutionen (insbesondere vor dem Staat).

– dass von der Bibel her eindeutig die Eltern mit der Erziehung der Kinder beauftragt sind, nicht der Staat.

– dass die Schule die familienfeindlichste Institution ist, die es überhaupt gibt, und dass die gegenwärtige galoppierende Zerstörung der Familien parallel läuft zur zunehmenden schulischen Belastung und Inanspruchnahme der Kinder.

– dass die Staatsschulen gegenwärtig auch zu immer antichristlicheren Institutionen werden und deshalb keine geeigneten Aufenthaltsorte sind für Kinder aus christlichem Elternhaus.

Könnten wir uns z.B. angesichts von Epheser 6,1-4 den Apostel Paulus vorstellen, wie er die Familien seiner Gemeinden dazu anhalten würde, ihre Kinder an heidnische Schulen zu schicken, wo seine apostolischen Worte (z.B. zur Auferstehung Jesu, zur Sexualethik, oder zur Nichtigkeit griechischer Gelehrsamkeit) mit Füssen getreten werden? – Oder würde der Apostel Petrus den Besuch solcher Schulen empfehlen, nachdem er gesagt hatte: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apg.5,29)?

Von daher finde ich es etwas vom Befremdlichsten an der deutschen Homeschooling-Situation, dass die christliche Gemeinschaft zu dieser Verfolgung mehrheitlich einfach schweigt, oder sie sogar ausdrücklich gutheisst. Merken die deutschen Christen denn gar nicht, dass sie damit fleissig an ihrer eigenen Abschaffung mitarbeiten? Wenn es denn überhaupt Christen sind – vielleicht liegt da der Hund begraben…


Im folgenden zitiere ich die ersten Seiten aus der fast hundertseitigen Stellungnahme der Familie W. an das Familiengericht Darmstadt. Die hier ausgesprochenen Grundsätze scheinen mir äusserst wichtig und lesenswert. Ein Staat, der die im folgenden ausgeführten Rechtsgrundsätze missachtet, arbeitet nicht nur auf die Abschaffung des Christentums hin, sondern auf seine eigene Abschaffung als Staat, Gesellschaft und Kultur überhaupt. (Siehe „Die weisen Lektionen der Geschichte für Erzieher“.)

„Die ganze Sache ist eigentlich eine sehr einfache Angelegenheit: Wir berufen uns nämlich in der Schulsache auf unser naturrechtlich verankertes ELTERNRECHT, dessen Ausübung auch das grundsätzliche Recht beinhaltet, unsere Kinder selbst zu unterrichten, wenn wir dies für gut und richtig ansehen. Auch wenn das NATURRECHT heutzutage geleugnet wird, um statt dessen Willkür-»Staatsrecht« erfinden1 (und an Stelle des NATURRECHTS setzen) zu können, so bleibt es dennoch bis zum Jüngsten Tag bestehen. Unser ELTERNRECHT entspringt höherer Instanz als positives (von unzulänglichen Menschen gesetztes) Recht und bricht somit letzteres. Punkt! Diese Begründung reicht völlig aus und leuchtet auch jedem einfachen (und juristisch nicht ausgebildeten) Menschen ein.

Kompliziert wird es erst dadurch, daß dieser einfache Sachverhalt gar nicht (mehr) bekannt ist und lediglich auf § 182 HSchG gebannt geschaut wird wie das Kaninchen auf die Schlange. Doch das HSchG ist drei Stufen unter dem ELTERNRECHT angesiedelt, weshalb dessen § 182 in unserem Fall gar nicht angewendet werden darf.

Das ELTERNRECHT ist ein Teil des NATURRECHTS
In den Anfangsjahren der Bundesrepublik bekannte sich das BVerfG (und deutlicher noch der BGH) zum NATURRECHT:

Das Bundesverfassungsgericht erkennt die Existenz überpositiven, auch den Verfassungsgesetzgeber bindenden Rechtes an und ist zuständig, das gesetzte Recht daran zu messen.2

Daß das ELTERNRECHT ein Teil des NATURRECHTS ist, gibt das BVerfG auch zu (auch wenn es diesen Bezug nicht direkt ausspricht), indem es dessen Besonderheit klarstellt:

1. Art. 6 Abs. 2 Satz 1 GG garantiert den Eltern das Recht auf Pflege und Erziehung ihrer Kinder. Die Erziehung des Kindes ist damit primär in die Verantwortung der Eltern gelegt, wobei dieses „natürliche Recht“ den Eltern nicht vom Staate verliehen worden ist, sondern von diesem als vorgegebenes Recht anerkannt wird.3

Folgende »Besonderheiten« des ELTERNRECHTS lassen sich hier feststellen: Erstens, unser ELTERNRECHT wurde uns »nicht vom Staate verliehen«. Das ist ein sehr wichtiger Punkt, den es zu beachten gilt. Wenn es aber »nicht vom Staate verliehen« wurde, wer gibt uns Eltern dann dieses Recht bzw. woher kommt es? Die Antworten darauf sind sehr einfach bzw. liegen auf der Hand, nur will sie heute niemand mehr hören: Das ELTERNRECHT ist natürlich von DEM »verliehen«, der auch den Menschen geschaffen hat, und es ist Bestandteil des NATURRECHTS (welches nicht nur »Menschenrechte«, sondern auch Pflichten gegenüber GOTT und seinem Nächsten enthält). Wer sollte es sonst »verliehen« haben bzw. wer käme sonst noch in Betracht? Es gibt – wie in allen grundsätzlichen Fragen – keine vernünftige Alternative zu einem personalen Schöpfer einschließlich der von IHM festgelegten Rahmenbedingungen (wie z. B. Naturgesetze, NATURRECHT). Es gibt nur wüste (und völlig unhaltbare) Spekulationen,die alle dem gleichen Motiv entspringen: die Gegenwart GOTTES zu verneinen/leugnen, um sich damit seiner geschöpflichen Verantwortung zu entziehen.

Zweitens, auch die Formulierung »vorgegebenes Recht« macht unmißverständlich deutlich, daß es sich bei dem ELTERNRECHT um ein Recht völlig anderer, nämlich höherer Qualität handelt. Was bedeutet »vorgegeben« anderes, als daß man eine höhere Rechtssphäre voraussetzt, aus der die unveränderliche Natur des RECHTS entspringt, und an der sich »das gesetzte Recht« – z. B. § 182 HSchG – »messen« lassen muß? Wo finden wir sonst noch »Vorgegebenes«? Wir finden z. B. Naturgesetze »vorgegeben«, d. h. wir finden diese vor und finden uns mit ihnen (mehr oder weniger) ab. Wir haben sie also nicht gemacht. Genauso verhält es sich mit dem NATURRECHT/ELTERNRECHT: Die Verfassungsväter haben es »als vorgegebenes Recht« vorgefunden, es brauchte deshalb nicht »gesetzt«, positiviert werden. Im Gegensatz zu den Naturgesetzen (denen man sich unmöglich entziehen kann) ist der deutsche Staat mit der Gegebenheit ELTERNRECHT leider viel weniger geneigt sich abzufinden und versucht – durch Leugnung des Tatbestands ELTERNRECHT = NATURRECHT einerseits und Erfindung von »Staatsrecht« andererseits – seinen unrechtmäßigen Schulzwang pseudo zu legitimieren.

Drittens, anscheinend war das BVerfG in seinem Urteil der Meinung, die zuvor beschriebene Gegebenheit des ELTERNRECHTS sei von den Verfassungsvätern »anerkannt« worden. Es stimmt natürlich, daß der einzig richtige Umgang mit solch einer Gegebenheit wie der des ELTERNRECHTS nur der des Anerkennens sein kann (und heute nach wie vor sein sollte). Doch einig waren sich die Verfassungsväter bzgl. des naturrechtlichen Wesens des ELTERNRECHTS nicht4, weshalb es eine »Anerkennung« (wie vom BVerfG unterstellt) leider so nicht gab, was auch an der unzureichenden Formulierung des Art. 6 GG zu ersehen ist.

Viertens, wenn das ELTERNRECHT »nicht vom Staate verliehen« wurde, dann kann der Staat es den Eltern auch nicht streitig machen! Dieser Punkt wird in den aktuellen Diskussionen völlig außer acht gelassen. Denn wenn das ELTERNRECHT solcher Art ist wie dargelegt, dann
ist es »unantastbar« und kann auch nicht eingeschränkt werden. Und: Es kann ebenfalls nicht dadurch eingeschränkt werden, indem es von irgendwelchen Verfassungsvätern nur unzureichend ausformuliert wurde. Das ist ebenfalls sehr wichtig zu beachten. Es gilt nicht das, was als Formulierung in Art. 6 GG zu finden ist (und etwa das nicht, was weggelassen wurde), auch gilt nicht das, was das BVerfG oder eine Mehrheit von Kommentatoren des GG aus Art. 6 herauszulesen meint, sondern es gilt das, was es tatsächlich beinhaltet. Was aber sollte es anderes beinhalten als das RECHT der Eltern, den Lebensentwurf, der ihnen als der beste erscheint (und die »Freiheit der Andersdenkenden« nicht beeinträchtigt) gemeinsam mit ihren Kindern umzusetzen? (Und welches »Recht« vermag dies einzuschränken?)“

1 Auf den Erfindungsreichtum bundesdeutscher Verfassungsrichter werden wir im weiteren Verlauf noch eingehen.
2 BVerfGE 1, 14 – 2 BvG 1/51 vom 23.10.1951, Leitsatz 27.
3 BVerfGE 59, 360 – 1 BvR 845/79 vom 9.2.1982, Abs. 85.
4 Näheres dazu auf S. 54.

(Die gesamte Stellungnahme kann hier eingesehen werden.)

Homeschooling ist ein Menschenrecht! – USA gewährt Deutschen politisches Asyl

5. Februar 2010

Der Fall machte kürzlich Schlagzeilen: Ein amerikanisches Gericht hat der deutschen Familie Romeike politisches Asyl gewährt, weil sie in Deutschland verfolgt wurden wegen ihrer Entscheidung, ihre Kinder selber zu erziehen. Damit ist jetzt offiziell festgestellt worden, dass die deutsche Regierung (mehrmals auch von EU-Instanzen gedeckt) mit ihrem Vorgehen gegen „Homeschooler“ grundlegende Menschenrechte massiv verletzt.

Ich habe mir ein paar Pressestimmen und Kommentare dazu angesehen. Grösstenteils traurig, was dazu geschrieben und gedacht wird (zumindest im deutschen Sprachraum):

Da wird gedankenlos die Argumentation deutscher Regierungsstellen und Lehrerverbände wiederholt, Eltern könnten ihren Kindern keine angemessene Bildung vermitteln, und deshalb müsse die Schulpflicht mit Gewalt durchgesetzt werden. Dabei ist schon längst durch die Forschung gezeigt worden, dass genau das Gegenteil der Fall ist: Zuhause ausgebildete Kinder sind generell den Schulkindern überlegen, nicht nur intellektuell, sondern auch psychologisch und sozial. (In einem späteren Artikel gedenke ich konkrete Daten dazu zu veröffentlichen. – Nachtrag: Ist hiermit geschehen!)

Ein zweites häufiges „Totschlag-Argument“ in den deutschen Kommentaren war, die Romeikes seien religiöse Fundamentalisten und deshalb habe der Staat das Recht, ihnen ihre Überzeugungen zu verbieten. Da muss man sich wirklich fragen, auf welcher Seite die Intoleranz liegt: auf der Seite einer Familie, die einfach ihren Überzeugungen nachleben will, ohne andere Menschen zu belästigen; oder auf der Seite eines Staates, der solche Überzeugungen unter Gewaltanwendung verfolgt? – Ich erlaube mir hier die neue Wortschöpfung „Staatsfundamentalisten“: für alle jene, die glauben, der Staat hätte das Recht, seinen Bürgern eine bestimmte Ideologie aufzuzwingen und Andersgläubige zu verfolgen.

Und ein dritter Punkt, wo ich mich beklommen frage, was für ein gesellschaftliches Klima zur Zeit in deutschen Landen herrscht (ich wohne ja zum Glück weit weg…): Kaum ein Kommentator zeigte irgendwelches Mitgefühl mit dem unsäglichen Leiden, das die Familie Romeike auf sich nehmen musste: Unverhältnismässige Geldbussen und Enteignungen, als sie die Bussen nicht mehr bezahlen konnten; monatelange Gerichtsstreitigkeiten; Drohungen mit Gefängnis und Kindesentzug; zweimal drang die Polizei in ihr Haus ein, um die Kinder gewaltsam zur Schule zu schleppen. Das alles wird offenbar in Deutschland heute als normal empfunden?! – Kommentatoren behaupteten, die Familie Romeike schade mit ihrer Erziehung ihren eigenen Kindern. Aber kaum jemand fragte danach, was für Schädigungen diese Kinder durch das brutale Vorgehen der deutschen Behörden erlitten haben.

Es handelt sich ja nicht um einen Einzelfall. Wer im deutschsprachigen Bereich des Internets nach „Homeschooling“, „Bildungsfreiheit“ usw. sucht, wird bald auf weitere ähnliche Horrorgeschichten stossen. Eltern, die in Deutschland ihre Kinder selber erziehen, müssen damit rechnen, dass sie ihr Hab und Gut verlieren, ins Gefängnis gesperrt werden, ihre Kinder in Heime oder psychiatrische Kliniken zwangsinterniert werden, und dass sie sogar im Ausland noch von deutschen Behörden weiter verfolgt werden.

Dass es sich hier tatsächlich um politische Verfolgung handelt, ist jetzt im amerikanischen Asylverfahren klar festgestellt worden. Im Blog „Freie Bildung“ wurde die Urteilsbegründung detailliert dargestellt und kommentiert. Ebenso wurde herausgestellt, dass der „religiöse Fundamentalismus“ nur ganz am Rande etwas mit der Sache zu tun hat (deshalb der Titel des Blog-Artikels: „Der Religionskrieg lebt“), sondern dass es um die Grundüberzeugung geht, Kindererziehung gehöre in die Familie.

Da die Zitate in dem erwähnten Blog-Artikel auf Englisch sind, habe ich hier einige davon übersetzt:

Verfolgung

(…) Herr Romeike und seine Frau und Kinder erlitten ständige Verfolgung, weil sie ihre Kinder zuhause ausbildeten. Nachstehend eine nicht vollständige Liste der Verfolgung, die sie erlitten:

Bedrohung:
(Es werden acht Vorfälle innerhalb von drei Monaten aufgeführt, wo der Familie von Behörden und Polizei konkret Bussen, Polizeigewalt und andere Zwangsmassnahmen angedroht wurden.)

Körperliche Schädigungen:
Am 20.10.2006, um ca. 7.30 Uhr, betraten bewaffnete und uniformierte Polizeibeamte das Heim der Romeikes. Ohne einen schriftlichen Befehl zu haben, führten die Beamten die Kinder gewaltsam ab und fuhren die weinenden, traumatisierten Kinder zu der staatlichen Schule.
Am 23.10.2006, um ca. 8.30 Uhr, kamen wiederum bewaffnete und uniformierte Polizeibeamte zum Heim der Romeikes, um die Kinder gewaltsam wegzuführen. Sie hätten damit Erfolg gehabt, wenn nicht eine Gruppe deutscher Bürger vor dem Heim der Romeikes protestiert hätte.

Einschüchterung und Verachtung:
Im November 2006 wurden Herr und Frau Romeike von Dr.Klein konfrontiert, der zu dem Treffen unangekündigt einen Beamten des Jugendamts mitbrachte (welches das Recht hat, den Eltern ihre Kinder wegzunehmen).
Die deutschen Behörden dispensierten die Kinder Romeike vorübergehend vom Schulbesuch, begründet mit einem Arztzeugnis vom 13.November 2006, wonach ein zwangsweiser Schulbesuch den Kindern unangemessenen Stress mit psychosomatischen Konsequenzen bereiten würde. (…) Diese Begründung alarmierte Herrn und Frau Romeike, weil solche Gründe in anderen Fällen in Deutschland dazu benützt worden waren, zuhause ausgebildete Kinder zwangsweise in eine psychiatrische Klinik einzuweisen und sie den Eltern wegzunehmen.
Die deutschen Behörden, inbegriffen Zivilrichter, lehnten ständig die Argumente der Romeikes ab betreffend ihr Gewissen, elterliche Rechte, und die Freiheit in der Wahl der Bildung.

Geldbussen und Enteignung:
(Es werden sieben Fälle aufgeführt, wo die Romeikes gebüsst wurden, insgesamt mit einem fünfstelligen Betrag, und der Androhung einer Zwangsenteignung. Das Enteignungsverfahren war bereits eingeleitet worden, als die Familie in die USA floh.)

Im weiteren wird begründet, dass die Verfolgung von „Homeschoolern“ in Deutschland eindeutig auf ihrer Zugehörigkeit zu einer definierten sozialen Gruppe mit bestimmten Überzeugungen beruht:

Homeschooler, als Mitglieder einer besonderen und sichtbaren sozialen Bewegung, können ihrem Gewissen in jedem grösseren westlichen Land folgen, mit Ausnahme von Deutschland. Die deutsche Regierung, unterstützt von den höchsten Gerichten, hat stattdessen eine Position der offiziellen Intoleranz gegen diese besondere soziale Gruppe eingenommen. Das deutsche Bundesverfassungsgericht stellte fest, dass die deutsche Regierung ein berechtigtes Interesse daran hat, auf individuelle Homeschooler abzuzielen, mit dem eigentlichen Zweck, die Homeschool-Bewegung zu unterdrücken und diese besondere soziale Gruppe an ihrer Ausbreitung zu hindern.

(…) Die besondere soziale Gruppe, zu der Herr Romeike gehört, besteht aus jenen Eltern, die aus religiösen, politischen, sozialen, akademischen oder Gewissensgründen ihre Kinder nicht in staatlich genehmigte Schulen schicken, sondern sie zuhause erziehen. (…) Ihre religiösen und Gewissensüberzeugungen sind so grundlegend für ihre Identität, dass sie nicht gezwungen werden sollten, diese zu ändern. Homeschooler in Deutschland sind ohne Frage eine besondere soziale Gruppe.

(Anm: Das wird herausgehoben, weil Verfolgung aufgrund der Zugehörigkeit zu einer besonderen sozialen Gruppe ein Grund für politisches Asyl ist.)

(Die Verfolgung dieser Gruppe) wird bewiesen durch das Zeugnis der zahlreichen Familien, die diesem Gericht eidesstattliche Erklärungen vorgelegt haben. Der deutsche Staat betrachtet Homeschooler als eine soziale Gruppe und hat ministerielle Erklärungen über Homeschooling abgegeben, sowohl auf Bundes- wie auf Länderebene. Bezeichnend ist hierzu das Urteil des deutschen Bundesverfassungsgerichts, wonach die Regierung berechtigt sei, Homeschooler zu unterdrücken, „um der Entwicklung religiös oder philosophisch motivierter Parallelgesellschaften entgegenzuwirken“.
(…) Eltern, die ihr Menschenrecht auf die Ausbildung und Erziehung ihrer Kinder in der Form von Homeschooling ausüben, haben gemeinsame Merkmale, die sie zu einer erkennbaren Gruppe machen und sie von der allgemeinen deutschen Gesellschaft unterscheiden. Somit ist der deutsche Staat motiviert, Herrn Romeike zu verfolgen, weil er ein Homeschooler ist.
(…) Der deutsche Staat nimmt Homeschooler aufs Korn, nicht wegen der individuellen bildungsmässigen Folgen für jedes Kind, sondern wegen der mutmasslichen weiteren Folgen für die Gesellschaft. Deutsche Beamte gehen gegen Homeschooler härter vor als gegen Eltern von Kindern, die einfach die Schule schwänzen und keinerlei Bildung erhalten, weder in der Schule noch zuhause.
Anscheinend mit dem Segen des Verfassungsgerichts in Konrad, bewirkt das harte Vorgehen gegen Homeschooler einen Terroreffekt, um andere Mitglieder derselben sozialen Gruppe abzuschrecken, sowie Menschen aus der allgemeinen Bevölkerung, die gerne dieser Gruppe beitreten würden. Das harte und gezielte Vorgehen der deutschen Regierung gegen Homeschooler trägt dazu bei, diese besondere soziale Gruppe zu definieren, beweist deren Existenz, und zeigt den Zusammenhang zwischen der Schädigung und dem geschützten Grund für die Gewährung von Asyl.

(…) Im vorliegenden Fall würden andere westliche Staaten kein Verbrechen sehen, da sie Homeschooling erlauben. Die Schwere der Bestrafung, der Herr Romeike unterzogen wurde (…), ist völlig unverhältnismässig im Vergleich zu dem geringen Vergehen. Seine politische Ansicht, dass es ihm erlaubt sein solle, seine Kinder zuhause auszubilden, ist motiviert durch seine religiöse Sicht von seiner Rolle als Vater. In diesem Fall besteht die „Natur der Tat“ darin, seinen Kindern eine gute Erziehung zu geben; aber der deutsche Staat hat dies als irrelevant angesehen. (…) Es ist klar, dass die gerichtliche Verfolgung gegen Herrn Romeike sich auf seine politische Ansicht gründet, seine Kinder zuhause ausbilden zu sollen (…). Dass der Staat überhaupt nicht um die Qualität der Ausbildung der Kinder besorgt war, zeigt, dass die Verfolgung politisch ist, nicht einfach bildungsmässig.
(…) Auch die Beweise, dass die Bestrafung für eine politische motivierte Tat unverhältnismässig ist, können auf Verfolgung aufgrund politischer Ansichten hinweisen, statt rechtmässiger gerichtlicher Verfolgung. Wie oben behandelt, ist die Bestrafung für die politische Tat des Homeschooling unverhältnismässig. Das beweist nicht nur, dass es sich wirklich um Verfolgung handelt (…); es beweist auch, dass die Verfolgung wegen Herrn Romeikes politischer Ansicht geschieht.

Wie das amerikanische Gericht festgestellt hat, ist also der einzige „religiöse“ Konfliktpunkt in dieser Auseinandersetzung Herrn Romeikes Überzeugung über seine Aufgabe als Vater – eine Überzeugung, die er durchaus auch mit nichtreligiösen oder „anders religiösen“ Menschen teilt. Der Kern der Auseinandersetzung ist politisch: wer hat das Recht, Kinder zu erziehen, die Eltern oder der Staat?

Nun möchte ich auch noch positiv einen Medienkommentar erwähnen, wo offenbar jemand gemerkt hat, worum es geht. Unter dem Titel „Deutschland muss noch viel lernen“ sagt ein Kommentator des WDR u.a.

Wenn hier einer spinnt, dann ist es Deutschland mit seiner obrigkeitsstaatlichen Tradition, die für Länder, die aus Freiheitswillen entstanden, unbegreiflich, ja geradezu abstoßend ist. Die USA sind geboren als eine Nation gegen die damals in Europa herrschende Unfreiheit und Unterdrückung. Grundlegend ist die Überzeugung, dass die Menschen nicht dem Staat gehören, sondern sich selber, und dass der Staat nur eine dienende Funktion hat (…)
Durch die Bank führt aber der Hausunterricht nicht zu schlechteren Ergebnissen, ganz im Gegenteil: durchweg sind sie besser als die der staatlichen Schulen.
Wenn es nicht nur im großen Wissenschaftsland USA und in mehr als einem Dutzend renommierter Staaten Mitteleuropas ohne Schulzwang geht, dann stimmt doch was mit Deutschland nicht. Und so ist es: Es hat ein Bildungsdefizit in punkto Freiheit. Es muss noch viel lernen.