Posts Tagged ‘Wiedergeburt’

Die neutestamentliche Gemeinde als "Familie Gottes" – Teil 1

1. Juli 2019

In den vorhergehenden Betrachtungen haben wir die Beschreibung der Gemeinde als „Leib Christi“ untersucht, und wir haben die innere Funktionsweise dieses Leibes betrachtet. Nun gehen wir zu einem anderen, ebenso wichtigen Vergleich über: die Gemeinde ist die Familie Gottes.

Die Struktur der neutestamentlichen Gemeinde ist auf den Familien aufgebaut.

Die Gemeinde wird „Familie Gottes“ (Epheser 2,19) oder „Familie des Glaubens“ (Galater 6,10) genannt. Ein wenig weiter im Epheserbrief erklärt Paulus den Existenzgrund der Familie: „Deshalb beuge ich meine Kniee vor dem Vater unseres Herrn Jesus dem Christus, nach dem jede Familie (wörtl. Vaterschaft) im Himmel und auf der Erde benannt ist.“ (Epheser 3,14-15). Die irdische Familie – oder genauer, die Vaterschaft – ist also ein Bild und Abglanz der Vaterschaft, die Gott Vater ausübt. Die Familie ist nicht einfach eine Form des Zusammenlebens in der menschlichen Gesellschaft. Sie ist eine göttliche Institution mit dem ausdrücklichen Ziel, die Vaterschaft Gottes auf der Erde zu widerspiegeln.
Genau das ist auch einer der wichtigsten Zwecke der Gemeinde. Im Epheserbrief spricht Paulus auch über die Gemeinde mit Ausdrücken der Familie und der Ehe: „…denn der Mann ist Haupt der Frau, wie auch Christus Haupt der Gemeinde ist, und er ist der Erlöser des Leibes. … Deshalb verlässt der Mann seinen Vater und seine Mutter, und hängt seiner Frau an, und die beiden werden ein Fleisch. Dieses Geheimnis ist gross, aber ich sage es von Christus und der Gemeinde.“ (Epheser 5,23.31-32)

Deshalb ist die neutestamentliche Gemeindestruktur im wesentlichen die Struktur einer Familie, nicht einer Organisation oder Institution. In ihrem Kern befindet sich die natürliche Familie, die die Vaterschaft Gottes widerspiegelt. Und wenn die mitmenschlichen Beziehungen in der Gemeinde wie gesunde Familienbeziehungen funktionieren, dann widerspiegelt die ganze Gemeinde die Vaterschaft Gottes. Die Vaterschaft Gottes ist vollkommen, gerecht, treu, liebend, barmherzig, verständnisvoll, aufrichtig, transparent, und immer zum Besten seiner „Kinder“.

Schon das alte Israel, das Gottesvolk des Alten Bundes, war vollständig nach Familien, Sippen und Stämmen strukturiert und organisiert. Im Neuen Testament gibt es wenige Stellen, die ausdrücklich diese Familienstruktur erwähnen, und so wird diese Tatsache allzu leicht übersehen. Aber die Urgemeinde war noch völlig in die jüdische Kultur eingebunden. Deshalb müssen wir die jüdische Familienstruktur als einen Hintergrund betrachten, der in allen Berichten über die Urgemeinde gegenwärtig ist, auch wo er nicht ausdrücklich erwähnt wird.

Das beginnt schon mit der Metapher, die Jesus gebraucht, um den Anfang eines christlichen Lebens zu beschreiben: „… denen gab er Vollmacht, Kinder Gottes zu werden, die an seinen Namen glauben; die nicht aus Blut noch aus dem Willen des Fleisches gezeugt sind, noch aus dem Willen eines Mannes, sondern aus Gott.“ (Johannes 1,12-13) – „Wer nicht von neuem geboren wird, kann das Reich Gottes nicht sehen.“ (Johannes 3,3). Ein Leben als Jünger Jesu beginnt mit einer neuen Geburt. Wer wiedergeboren wird, wird zu einem „Kind Gottes“. So wie ein Baby in einer Familie geboren wird (nicht in einer Fabrik, und auch nicht in einer Schule), so wird auch ein neuer Christ in einer geistlichen Familie geboren, nicht in einer „Institution“.
Paulus gebraucht den Ausdruck „wiedergeboren werden“ nicht, aber stattdessen spricht er von einer „Adoption“ als Kinder Gottes (Römer 8,14-16, Galater 4,3-7).

Weiter finden wir Hinweise auf diese Familienstruktur in allen jenen Stellen, die bezeugen, dass sich die Urgemeinde in den Häusern versammelte. In den biblischen Sprachen, dem Hebräischen und dem Griechischen, ist „Haus“ gleichbedeutend mit „Familie“.
Damit stimmt überein, dass wir mehrmals von ganzen Familien lesen, die ihre Leben dem Herrn gaben:
Cornelius mit „seinen Verwandten und nächsten Freunden“ (Apg. 10,24.44),
Lydia „und ihre Familie“ (Apg.16,15),
der Gefängniswärter von Philippi „mit den Seinen“ (Apg.16,33),
„das Haus des Aristobulus“ und „die vom Haus des Narzissus“ (Römer 16,10-11),
„die Familie des Stephanas“ (1.Korinther 16,15).

Wir finden in den Apostelbriefen auch Abschnitte, die sich an Ehemänner und Ehefrauen richten, an Eltern und Kinder, Herren und Sklaven. (Epheser 5,21-6,9, Kolosser 3,18-4,1, 1.Johannes 2,12-14.) Von daher können wir schliessen, dass die Familien in den Versammlungen vereint waren. Kinder oder Jugendliche trafen sich nicht in gesonderten Gruppen, auch zwischen Frauen und Männern wurde nicht getrennt. Die Urgemeinde war wirklich eine „Familie von Familien“. Es war nicht eine Gruppe von Einzelpersonen, die willkürlich aus ihren Familien herausgenommen und als „Institution“ organisiert wurden. Die neutestamentliche Gemeinde erhält und stärkt die Einheit und den Zusammenhalt der Familien. Sie trennt Familienmitglieder nicht voneinander in ihren Versammlungen und Anlässen. Sie stellt keine Ansprüche, die erfordern, dass Eheleute ihre Ehepartner oder ihre Kinder allein lassen; sie erzieht Kinder nicht getrennt von ihren Eltern; sie greift nicht ungebeten in innerfamiliäre Angelegenheiten ein. Die gesamte Struktur der neutestamentlichen Gemeinde ist familiär, nicht institutionell.

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Autoritarismus bei Aussteigern aus der kirchlichen Welt

21. April 2019

In vergangenen Artikeln habe ich aus verschiedenen Perspektiven die Themen „Autoritarismus“ und „Machtmissbrauch“ beleuchtet. Oft geschehen solche Dinge in Freikirchen und ähnlichen Organisationen. Als Gegenbewegung dazu hörte man in den vergangenen Jahrzehnten von verschiedenen Richtungen von nicht-institutionellen christlichen Gemeinschaften, „einfachen Gemeinden“, „Out-of-Church-Christians“ („Christen ausserhalb der Kirche“), usw. Ich nehme an, dass nicht wenige Menschen, die sich mit solchen Bewegungen identifizieren, vor dem Machtmissbrauch in institutionellen Kirchen geflüchtet sind.

Doch auch solche Bewegungen sind vor hierarchischem Denken und autoritären Lehren nicht sicher. Manche Hausgemeindebewegungen sind von Anfang an mit einer klaren hierarchischen Struktur und dem Konzept von „Unterordnung“ gegründet worden, und sind in dieser Hinsicht nicht besser als die institutionellen Kirchen. Bei anderen kommen die autoritären Ideen und Praktiken eher durch die Hintertür herein.

– So fand ich einmal eine Webseite einer „nicht-institutionellen“ christlichen Gemeinschaft, die viel von der Rückkehr zum neutestamentlichen Gemeindemodell sprach, wo jeder nach seinen Gaben beiträgt, die Mitglieder ihr Leben miteinander teilen, und echte Bruderschaft gelebt wird. Auf der Webseite selber teilten Mitglieder Gedanken, Gebete und Lieder mit. Alles sah sehr ansprechend und harmonisch aus.
Später fand ich Zeugnisse von ehemaligen Mitgliedern, wonach im Innern dieser Gemeinschaft die Dinge ganz anders aussahen. Von Mitgliedern wurde erwartet, dass sie in dasselbe Wohnviertel umzogen, wo bereits die anderen Mitglieder lebten. Das „gemeinsame Leben“ wurde derart überbetont, dass Mitglieder unter ständige Überwachung gestellt wurden, sodass sie nicht einmal allein zum Einkaufen gehen durften. Sie mussten den Kontakt zu Verwandten abbrechen, die der Gruppe skeptisch gegenüberstanden; und wenn sie doch einmal Verwandte besuchten, mussten sie dabei von einem „gut indoktrinierten“ Mitglied begleitet werden. Sie durften nicht einmal allein die Bibel lesen oder beten; alles musste „in Gemeinschaft“ geschehen. Obwohl es offiziell „keine Hierarchie“ gab, war allen Insidern völlig klar, wer die Leiter waren; und den Anordnungen des Hauptleiters durfte auf keinen Fall widersprochen werden. Neue Mitglieder mussten beim Eintritt eine Generalbeichte ablegen über sämtliche Sünden, die sie je begangen hatten. Diese Beichte wurde protokolliert, sodass die Leiter diese Liste später dazu gebrauchen konnten, „rebellische“ Mitglieder zu erpressen. – Ausserdem wurde vermeldet, dass Internetseiten, die negative Informationen über die Gruppe enthielten, jeweils nach kurzer Zeit auf mysteriöse Weise zu verschwinden pflegten.

– Mike Dowgiewicz ist ein Autor, der stark das Engagement christlicher Väter in ihren eigenen Familien betont, vor allen Verantwortungen in Beruf, Gemeinde, usw. Ich verdanke ihm wertvolle Einsichten über biblische Ältestenschaft vor dem Hintergrund der altjüdischen Kultur. Doch fand ich heraus, dass auch er ein Verfechter der unbiblischen „Chain of command“ ist (militärische Befehlshierarchie innerhalb der christlichen Gemeinschaft). Als ich ihm deswegen schrieb, antwortete er sehr unwirsch, und warf mir vor, ich versuchte ihn „psychologisch zu manipulieren“. Leider ein typisches Reaktionsmuster: Wenn autoritäre Leiter wegen eines konkreten Punktes in Frage gestellt werden und die Argumente nicht entkräften können, dann gehen sie zu persönlichen Angriffen über und unterstellen dem Fragesteller unlautere Motive.

– In diesem Zusammenhang beobachte ich schon seit längerer Zeit mit einiger Besorgnis die Entwicklung von Wolfgang Simson. Während langer Zeit hat er in seinen Veröffentlichungen hauptsächlich nicht-hierarchische, z.T. sogar fast familiäre Strukturen und Modelle von Gemeinschaft beschrieben. In einer Hausgemeinden-Konferenz 2006 in Spokane (USA) [eine Aufnahme davon war seinerzeit im Internet veröffentlicht] machte er eine Aussage, die mich sehr berührte und mich hoffen liess, er sei drauf und dran, die Familienstruktur christlicher Gemeinschaft zu entdecken: „Wenn wir glauben, dass Gott ein Richter ist, dann wird die Kirche wie ein Gerichtssaal. Wenn wir glauben, dass Gott ein Arzt ist, dann wird die Kirche wie ein Spital, wo wir unsere Wunden pflegen, und nachher einander wieder von neuem verletzen. Wenn wir glauben, dass Gott ein General ist, dann wird die Kirche wie eine Kaserne. Wenn wir aber Gott als unseren Vater sehen, dann wird die Kirche wie eine Familie sein.“

Aber leider ist er von dieser Idee wieder abgedriftet. Seine neueren Publikationen neigen immer mehr zu autoritär-hierarchischen Vorstellungen. Statt vom „Haus“ (Familie), von „organischer Gemeinschaft“, oder ähnlichen Konzepten, spricht er nun fast ausschliesslich vom „Königreich“. Zugleich beobachte ich eine abnehmende Transparenz darüber, was er nun wirklich lehrt über die praktische Verwirklichung dieses Konzepts.

Schon in jenen Aufnahmen von 2006 waren einige alarmierende Aussagen zu finden, die ich damals einfach „übersah“ – bzw. ich verfiel in den Fehler, auch das Problematische einfach hinzunehmen, weil mir der Mann und seine Ideen sympathisch waren. Im Rückblick sehe ich, dass er schon damals seine spätere Entwicklung klar vorgezeichnet hat. Ich möchte nur den „dicksten Hund“ erwähnen:

In Simsons Königreich ist es obligatorisch, dass Neubekehrte alle ihre Güter, die über das Lebensnotwenige hinausgehen, „den Aposteln zu Füssen legen“. Diese Apostel entscheiden dann darüber, was für Personen bzw. Projekte mit diesem Geld unterstützt werden sollen. Wolfgang Simson sagt in seinem Vortrag: „Das waren also ganz enorme Summen, die den Aposteln zu Füssen gelegt wurden. Der Gegenwert vieler Häuser und Grundstücke! Das war praktisch der Eintrittspreis, den alle bezahlten, die ins Christentum eintraten. Sie gaben alle Sicherheiten auf, weil sie zwei neue Sicherheiten gefunden hatten: in Gott und in der Gemeinde. Was brauchten sie mehr? Die Schlussfolgerung war deshalb, in der Urgemeinde, dass wenn jemand reich werden wollte, dann war er besessen …“ – Auch der Ausdruck „Idiot“ bezeichne jemanden, der nicht bereit sei, sich von überflüssigen Gütern zu trennen und diese „den Aposteln zu Füssen zu legen“. – Etwas später sagt er: „Das heutige Äquivalent des Ortes ‚zu Füssen der Apostel‘ wäre eine apostolische Stiftung in einer Region, verwaltet von Personen, die an Ort eine ‚Geschichte des Vertrauens‘ haben, d.h. von den anderen als echte Apostel anerkannt sind … Ich schlage vor, dass einfach jemand mit einer solchen Stiftung anfangen sollte; und die Beiträge der neuen Hausgemeinden und der vielen Christen, die keiner Kirche mehr vertrauen, und der Geschäfte und der Neubekehrten werden dort einbezahlt; und dann gäbe es genügend Geld, um 50, 100 oder 200 Erntearbeiter zu bezahlen …“
In seinem Buch „Die Verfassung des Königreichs“ (2014) erscheint dieser Gedanke wieder (S.134):
„Das Königreich kennt, wie jedes andere Land, eine zentrale Finanzverwaltung. Die Bibel benutzt dafür Ausdrücke wie (…) der Platz vor den Füssen der Apostel (Apg.4,34-35; 5,1-2) (…) So wie Judas der Banker von Jesus war (er hatte „den Beutel“ Joh.13,29), waren (und sind) die Apostel Gottes Banker.“ [Hervorhebungen im Original.]

Dazu ist einiges zu sagen. Angesichts der gegenwärtigen Verhältnisse unter jenen, die sich Christen (oder auch „Königreichsbürger“) nennen, ist ein solcher Vorschlag zumindest blauäugig, wenn nicht Schlimmeres. Integrität – besonders finanzielle Integrität – ist eine derartige Mangelware, dass überall da, wo in „christlichen“ Kreisen bisher ein paar tausend Dollars veruntreut werden, diese Summe sofort in Millionenhöhe schnellen würde.
Zweitens würde ein solches Vorgehen den Einzelnen entmündigen. Was ist dann mit den Aufrufen an die Verantwortung des Einzelnen, selber mit den Bedürftigen, von denen er Kenntnis hat, zu teilen? (Z.B. Gal.6,6.9-10; Eph.4,28; Jak.1,27) Zum reichen Jüngling sagte Jesus: „Verkaufe, was du hast, und gib es den Armen.“ (Matth.19,21 und Parallelen.) Er sagte nicht: „Lege es den Aposteln zu Füssen.“ Und auch nicht: „Gib es mir, damit ich es so verteilen kann, wie es recht ist.“ Jesus traute dem reichen Jüngling zu, selber bedürftige Personen zu finden und seinen Besitz angemessen verteilen zu können. Bestimmt traut er das auch jedem seiner Nachfolger zu.
Im Neuen Testament ist Geben freiwillig. Die Mitglieder der Urgemeinde gaben grosszügig, weil der Heilige Geist sie so leitete. (Auf weitere Faktoren gehe ich weiter unten ein.) Es wäre aber anmassend und tyrannisch, dasselbe als Obligatorium von Menschen zu fordern, in denen der Heilige Geist nicht auf diese Weise gewirkt hat. Tatsächlich liefe dies auf eine zwangsweise Umverteilung von Gütern nach kommunistischem Muster hinaus.

Von der Bibel her ist dazu zu sagen, dass Geschehnisse, die berichtet werden, nicht einfach so als normativ und „obligatorisch“ für alle Zeiten und alle Orte erklärt werden können. Es gibt kein neutestamentliches Gebot, Häuser und Grundstücke zu verkaufen und den Erlös „den Aposteln zu Füssen“ zu legen. Ebensowenig wurden Mitglieder der Urgemeinde als „besessen“ oder „Idioten“ beschimpft und beschämt, wenn sie dies nicht taten. Wolfgang Simson begeht den Fehler, die besondere Situation der Urgemeinde in Jerusalem für die Gemeinde aller Zeiten und aller Orte verpflichtend zu machen. Dabei lässt er folgende Umstände ausser Acht:
– Jesus hat die Zerstörung Jerusalems (und nur Jerusalems) prophetisch vorhergesagt. Deshalb war es sinnvoll, Häuser und Grundstücke in dieser Stadt zu verkaufen, denn die Jünger wussten, dass diese nach relativ kurzer Zeit sowieso zerstört werden würden. Aus anderen Städten berichtet das Neue Testament nichts vom Verkaufen von Liegenschaften.
– Auch in der Jerusalemer Gemeinde war das kein Obligatorium. Ananias und Saphira wurden nicht deshalb gerichtet, weil sie Geld zurückbehalten hatten, sondern weil sie deswegen gelogen hatten (Apg.5,4). Es wäre besser für sie gewesen, alles Geld für sich zu behalten; denn das wäre wenigstens ein ehrlicher Ausdruck ihrer Herzenshaltung gewesen, und wäre nicht verurteilt worden: „Bliebe es nicht unverkauft dein [Eigentum]; und [auch] nach dem Verkauf war es in deiner Gewalt?“
– In der Urgemeinde herrschte eine aussergewöhnliche Heiligkeit und Integrität. Deshalb war es dort möglich, den Aposteln zu vertrauen hinsichtlich der Verwaltung der Güter. Nie in ihrer weiteren Geschichte hat die christliche Gemeinde auch nur annähernd diese Höhe wieder erreicht. Später war es deshalb vernünftiger, im Normalfall das Geben der Verantwortung des Einzelnen zu überlassen (siehe die weiter oben angeführten Stellen), und nur in Ausnahmefällen Spenden zentral zu verwalten. (Die Sammlungen für Jerusalem – Apg.11,29-30; 2.Kor.8 und 9 – waren solche Ausnahmen; die einzigen, die im Neuen Testament berichtet werden.)
– Die Apostel selber haben nie eine Verantwortung als „Banker“ gesucht oder gar gefordert. Sie sahen darin keine von Gott gegebene Berufung, sondern im Gegenteil eine unangemessene Last, die sehr bald zu Problemen führte, und die sie so bald wie möglich wieder loswerden wollten: „Es ist nicht angemessen, dass wir das Wort vernachlässigen und bei den Tischen Dienst tun. (…) Wir jedoch wollen beim Gebet und beim Dienst des Wortes verharren.“ (Apg.6,1-4.)

Nun wird eine Beurteilung der Lehren Simsons erschwert dadurch, dass er sich widersprüchlich äussert. Er weiss offenbar um die Problematik des Autoritarismus und kritisiert ganz direkt gewisse autoritäre Strömungen, z.B. den Dominionismus oder Rekonstruktionismus (eine v.a. in den USA verbreitete Strömung mit dem Ziel, dass Christen politischen und gesellschaftlichen Einfluss gewinnen sollen, um biblische Werte in der gesamten Gesellschaft durchzusetzen und so das Königreich Gottes herbeizuführen). In einem Rundbrief vom Januar 2018 beklagte er auch, wie die Ausbreitung des Christentums oft mit der Kolonisierung Hand in Hand ging, und statt des Königreichs Gottes nur westlich-kulturelle kirchliche Formen exportiert wurden. (Seltsamerweise erwähnt er dabei aber nur reformierte und evangelikale Kirchen. In einem persönlichen Mail bagatellisierte er dagegen die Eroberung und Unterwerfung eines grossen Teils Amerikas durch die Spanier auf Geheiss des Vatikans, und zeigte kein Interesse, eine Initiative amerikanischer Eingeborener zu unterstützen, die seit 1992 Petitionen an den Papst richten, um die diesbezügliche Bulle von 1493 endlich(!) widerrufen zu lassen.)
Öfters warnt Simson vor „religiösen Stars“, Personenkult, und vor Leitern, die andere zu ihren eigenen Jüngern machen wollen. Dem traditionellen institutionellen Kirchensystem wirft er vor, aus eigenmächtig aufgebauten Königreichen zu bestehen, die Menschen folgen statt Gott.

Doch dann baut er genau dasselbe wieder auf, was er soeben niedergerissen hat. Z.B. scheut er sich nicht, gewisse Menschen als „seine“ Jünger zu bezeichnen.
– In den kolonialisierten Ländern wurde das Evangelium nicht als Erlösungsbotschaft verkündet, sondern als Botschaft der Unterwerfung unter die „christliche“ Kolonialmacht, die angeblich Gottes Reich verkörperte. Wolfgang Simsons Königreichstheologie begeht genau denselben kolonialen Fehler: Aus der von Jesus begründeten Bruderschaft ohne Hierarchie (Matth.23,8-12), bzw. „Schafherde“ mit Jesus als einzigem Hirten (Joh.10), macht er ein reglementiertes „Königreich“. In dieses Reich einzutreten wird gleichgesetzt mit der Unterordnung unter „apostolische Menschen“, die Gottes „Regierungsvertreter“ auf dieser Erde seien. Damit wird der Grundstein gelegt zu einer neuen Generation von entmündigten, indoktrinierten Nachfolgern, die ihre Gottesbeziehung aus zweiter Hand leben. Ja, Simsons „Kingdom Manifesto“ spricht ausdrücklich von „Kolonien des Königreichs Gottes auf Erden“.

Von diesem Königreich spricht Simson fast ausschliesslich in einer amtlichen, institutionellen Sprache. Es geht um „Regierung“, „Gesetze“, „Legalität“, „Einbürgerung“, „Staatsbank“, sogar „Staatsgeheimnisse“ und einen „Amtseid“. Die neutestamentlichen Aussagen über christliche Gemeinschaft und christliches Leben, die mehr beziehungsmässige und organische Aspekte betonen, treten dagegen in den Hintergrund, oder kommen in Simsons neueren Verlautbarungen überhaupt nicht mehr vor.

In einem neueren Rundbrief (März 2019) sagte er u.a: „Viele Bibelübersetzer mögen den Gedanken nicht, dass der Mensch im Königreich ein Untergebener, und damit ein Befehlsempfänger Gottes ist.“ Das ist zwar richtig, wenn es über unsere Stellung vor Gott gesagt wird. Aber:
– Es ist nur eine Teilwahrheit. Wir sind nicht nur Befehlsempfänger, sondern auch geliebte Kinder, Freunde und Mitarbeiter Gottes, Glieder am Leib Christi, und noch so manches mehr!
– Diese Teilwahrheit wird regelmässig von autoritären Leitern dazu missbraucht, Gehorsam und Unterordnung ihnen gegenüber zu erzwingen. Wo immer die Wahrheit über Gott als König überbetont wurde, da erschienen sofort zahlreiche Unterkönige, die ihren Anteil an Gottes Befehlsgewalt beanspruchten. Sogar wenn Simson das nicht vorhätte: garantiert werden es zahlreiche seiner Anhänger tun.

Über seinen „Plan B“, seine Alternative zur herkömmlichen Kirche, schrieb er im Oktober 2018: „Es geht ja hier um viel mehr als darum, die klassische Kirche mit ihren Synagogenstrukturen in ein Privathaus zu verlegen und es „Hauskirche“ zu nennen. Es geht um die Frage, wie das Haus Gottes, die Nation Gottes, Gestalt gewinnt. Es ist fast wie eine Wiedererfindung der römisch-katholischen Kirche, nur dass das Ergebnis weder römisch ist, noch katholisch, noch eine klassische Kirche.“
Und ähnlich im März 2019: „Es geht ja um nicht weniger als um eine biblische Alternative zum Kirchgänger-tum, und letztlich um eine neue Landeskirche auf der Basis der Hauptbotschaft von Jesus – dem Königreich.“
Diese Aussagen machen sehr deutlich, wohin die Reise geht. Nicht zurück zum Neuen Testament, sondern zurück zum konstantinischen Zeitalter. Zurück zu genau jener „Erfindung“, die von den meisten anderen Kritikern des traditionellen Kirchensystems als der katastrophalste Tiefpunkt der ganzen Kirchengeschichte angesehen wird.

Simsons Königreich hat eine „Verfassung“, auf die jeder „Bürger“ einen „Loyalitätseid“ schwören muss – entgegen Matth.5,34-37, und entgegen Simsons eigener Beteuerung, es sei nicht richtig, einer irdischen Leiterschaft gegenüber irgendeine „Bundesverpflichtung“ einzugehen. Diese „Verfassung“ ist nun aber nicht die Bibel, sondern Simsons eigener Extrakt und eigenwillige Auslegung davon, die er unter dem Titel „Die 75 Gebote Jesu“ zusammenfasst. Seine Nachfolger sollen also offenbar nicht eine eigenständige Beziehung zu Jesus aufbauen oder selber um ein richtiges Verständnis der biblischen Aussagen ringen, sondern exakt Simsons spezieller Auswahl und Auslegung folgen. Unter seiner Auslegung des Gebots „Hortet nicht …“ findet man z.B. die eingangs zitierte Forderung, aller nicht lebensnotwendige Besitz müsse zentralistisch „zu Füssen der Apostel“ gesammelt werden.

Liebe Nachfolger von Jesus Christus, bitte lasst euch von niemandem enteignen, weder materiell noch geistlich. Jesus allein hat die Verfügungsgewalt über unsere Zeit, unseren Besitz, unsere Talente und Fähigkeiten, unsere Beziehungen, unsere Berufung und unseren Platz in seinem Reich. Er hat nie irgendeinen seiner Jünger bevollmächtigt, diese Verfügungsgewalt über andere Jünger auszuüben. Deshalb wollten die neutestamentlichen Apostel weder Vermögensverwalter (Apg.6,2-4) noch „Herren über jemandes Glauben“ (2.Kor.1,24) sein. Erst neuere Strömungen wie Dominionismus, Peter Wagners „Neue Apostolische Reformation“ (NAR), und eben Wolfgang Simsons „Königreichslehre“, wollen Apostel zu Herrschern, Regierungsfunktionären und Bankern machen.

In der Bibel ist klar, dass die sichtbare Aufrichtung des Reiches Gottes dann geschieht, wenn Jesus wiederkommt (Matth.25,31-34; Luk.19,11-15; Offb.19,11-16; 20,4). Zu jenem Zeitpunkt werden tatsächlich manche seiner Jünger „Regierungsfunktionen“ erhalten (Luk.19,16-19; 22,29-30; Offb.20,4.6) – aber nicht vorher.
Wolfgang Simson erklärt aber Stellen wie Daniel 2,44-45 als eine esoterische „Kingdom Singularity“, einen nahe bevorstehenden Moment, wo sich Gottes Königreich auf der Erde manifestieren würde aufgrund der Wirksamkeit der „Königreichsbürger“. (So in seinem „Kingdom Manifesto“.) Die Wiederkunft Jesu kommt in diesem Zusammenhang nicht vor! Das ist genau die „Kingdom Now“ („Königreich jetzt“) – Theologie, die den Kern des Dominionismus und verwandter Strömungen bildet: Nachfolger Jesu würden schon vor seiner Wiederkunft auf dieser Erde die Zustände des Reiches Gottes einführen, und würden damit zu einem dominierenden Einfluss werden.
Der Verdacht liegt daher nahe, dass Simson Strömungen wie Dominionismus, „Neue Apostolische Reformation“ (NAR) und ähnliche nur deshalb kritisiert, damit er umso einfacher seine eigene Konkurrenzversion davon einführen kann.

Man mag mir vorwerfen, ich hätte seine Anliegen falsch verstanden. Doch in diesem Fall hätte er über ein Jahr Zeit gehabt für eine Klarstellung. Ich habe ihm per e-Mail mehrmals meine Bedenken unterbreitet, und er hat jedes Mal ausweichend oder gar nicht darauf geantwortet. Dies ist mein letztes Mail an ihn, vom März 2018 (nicht 2019!), welches bis heute ohne Antwort blieb:

Lieber Wolfgang,

danke für Dein Mail. Danke für den Hinweis, dass nicht nur das Königtum, sondern auch die Vaterschaft Gottes von Menschen usurpiert und verfälscht werden kann.

Eine Antwort auf meine Anfragen finde ich in Deinem Artikel („Father-Son-Wineskins“) allerdings nicht. Er hat ja nur ganz am Rande etwas zu tun mit dem, was ich Dir geschrieben habe. Ja, Du grenzt Dich darin verbal von autoritären Strömungen ab, und sprichst schön von „horizontaler Bruderschaft“ usw… – aber nur da, wo Du andere kritisierst. Dein eigenes Konzept kommt in diesem Artikel ja gar nicht zur Sprache. Wo kommen diese Gedanken in Deinem eigenen Modell vor, und wie werden sie da praktisch verwirklicht? Du sprichst ja u.a. von einer „Regierungsbildung im Königreich Gottes“, die gegenwärtig vorbereitet werden soll; und Du forderst sogar, Apostel zu Verwaltern von Millionen- und gar Milliardenbeträgen zu machen – also praktisch eine Enteignung der Staatsbürger nach kommunistischem Muster. Damit gehst Du bezüglich Autoritarismus noch weiter als die meisten Vertreter von Dominionismus, NAR, usw. – in eklatantem Widerspruch zu dem, was Du in dem mir zugesandten Artikel schreibst. Und einer Beantwortung meiner diesbezüglichen Anfragen bist Du nun zum zweiten Mal ausgewichen.

Also, zum dritten Mal, und etwas klarer ausgeführt:

– Was für Machtbefugnisse haben Apostel genau, gemäss Deinem Modell?
– Was verstehst Du unter der „Regierungsbildung im Königreich Gottes“ in der gegenwärtigen Zeit, und wie soll diese konkret verwirklicht bzw. vorbereitet werden?
– Inwiefern unterscheidet sich Deiner Meinung nach Dein eigener Ansatz wesensmässig von den autoritären Strömungen, die Du kritisierst?
– Und was triffst Du konkret für Vorkehrungen, damit dieser wesensmässige Unterschied nicht nur in der Theorie besteht, sondern auch in der Praxis? D.h. was tust Du konkret, um der Errichtung autoritärer Strukturen unter Deinen Mitarbeitern und Nachfolgern vorzubeugen?

Falls ich etwas an Deinen Aussagen missverstanden haben sollte, wäre ich für eine Klarstellung dankbar. Solange Du aber meine Anfragen einfach nicht oder nur ausweichend beantwortest, trägt das nur dazu bei, meine Bedenken zu verstärken und Dich und Deine Projekte als zumindest „verdächtig“ einzustufen. Ich hoffe, Du verstehst das. Mangelnde Transparenz ist auch ein Kennzeichen autoritärer Strukturen und Leiter.

Mit vielen Grüssen,

Hans

Abschliessend möchte ich kurz versuchen, ein biblisches Gegengewicht zu Simsons Königreichslehre aufzuzeigen.

Das Königtum und die Souveränität Gottes sind tatsächlich wichtige biblische Wahrheiten. Und ich habe den Eindruck, manche christliche Gemeinschaften brauchen tatsächlich eine Korrektur in dieser Richtung. Doch wenn dieser Aspekt einseitig überhöht wird, dann entsteht auch wieder ein verzerrtes Bild von Gottes Plan, und führt zu einer frommen Diktatur.

Jesus sagte zu seinen Jüngern: „Ihr wisst, dass die Regierenden der Völker über sie dominieren, und ihre Grossen unterdrücken sie. So soll es nicht sein unter euch; sondern wer unter euch gross werden will, sei euer Diener; und wer unter euch der erste sein will, sei euer Sklave; so wie auch der Menschensohn nicht gekommen ist, um bedient zu werden sondern zu dienen, und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.“ (Matth.20,25-28; ebenso Mk.10,42-25; Luk.22,25-27.)
Bezeichnenderweise hat Wolfgang Simson genau dieses Gebot in seiner „Verfassung des Königreichs“ ausgelassen. Jesus sagt, dass in seinem Reich Autorität gerade nicht so verstanden und ausgeübt werden solle wie in einem weltlichen Staat. Das bedeutet aber auch, dass der Begriff „Reich Gottes“ nicht mit Inhalten gefüllt werden darf, die weltlichen Regierungsformen entnommen sind. Damit werden alle Vergleiche hinfällig, welche das Reich Gottes in den Begriffen eines heutigen Staatswesens erklären wollen.

So sagt z.B. das Neue Testament nicht, man werde „ins Reich Gottes eingebürgert“, sondern man werde „in Gottes Familie hineingeboren“. Der entscheidende Unterschied zwischen den beiden Metaphern besteht darin, dass Einbürgerung ein bürokratisch-institutioneller Vorgang ist, Geburt dagegen ein natürlich-organischer. Wer daraus eine „Einbürgerung“ machen möchte, der ist mit Volldampf auf dem Weg zurück zur institutionellen Amtskirche, ob er das nun wahrhaben will oder nicht. – Und wer sind dann die „Einbürgerungsbeamten“ (die ein Gesuch annehmen oder ablehnen können)? Muss sich von jetzt an jeder Anwärter auf das Reich Gottes von einem Simson-Anhänger überprüfen lassen, ob er Simsons Eintrittsbedingungen erfüllt?

Im übrigen ist das „Königreich Gottes“ nur eines von mehreren Bildern, die uns die Ordnungen Gottes verdeutlichen wollen. Dieses Bild wird aber nirgends im Neuen Testament mit bürokratischen und aus weltlichen Regierungsordnungen übernommenen Details ausgestaltet.
Ein anderes Bild ist z.B. die Familie Gottes. Die Vorstellung von Gott als gestrengem König wandelt sich sofort, wenn wir in Betracht ziehen, dass dieser König zugleich unser liebender Vater ist. Wir sind dann nicht einfach „Befehlsempfänger“, sondern Söhne und Töchter im königlichen Haushalt. Und insbesondere haben wir dann keinerlei Veranlassung, von irgendwelchen Unterkönigen oder Funktionären Befehle entgegenzunehmen, sondern nur von unserem Vater selber.
Wieder ein anderes Bild ist der Leib Christi. Im Gegensatz zu einem Staat ist ein Leib kein künstliches oder institutionelles Gebilde, sondern ein organisch gewachsenes. Die Glieder eines Leibes brauchen kein Organigramm und keine „Regierungsorgane“. Sie üben auf natürlich-organische Weise ihre jeweilige Funktion aus. Sie werden alle gleichermassen vom „Haupt“ (bzw. Zentralnervensystem) koordiniert, ohne dass ein Glied dem anderen Befehle erteilen müsste.

Den aktuellen Gegensatz zwischen der neutestamentlichen christlichen Gemeinschaft und dem traditionellen institutionellen Kirchensystem sehe ich hauptsächlich in den folgenden Aspekten:

– Ist die Struktur der christlichen Gemeinschaft organisch, lebendig, aus der Beziehung zum lebendigen Herrn und zueinander gewachsen; oder ist sie mechanistisch, institutionell, und bürokratisch reglementiert?

– Beruht Autorität in der christlichen Gemeinschaft auf gegenseitiger Anerkennung, Integrität, Transparenz, geistlicher Reife, usw; oder beruht sie auf einer hierarchischen Stellung, Dominanz, und der Forderung nach Gehorsam und Unterordnung?

– Beruht geistliches Leben und eine gottgefällige Lebensweise auf der direkten, persönlichen Beziehung zu Gott und der Befähigung durch den Heiligen Geist, oder auf dem Befolgen äusserlicher Anweisungen und auf der Vermittlung durch Personen mit „priesterlichen“ Funktionen?

– Ist die geistliche Wiedergeburt eine von Gott übernatürlich bewirkte Herzens- und Wesenveränderung, oder ist sie ein ritueller Vorgang, der vom Menschen selbst (oder von anderen Menschen mit „priesterlichen“ Funktionen) vollzogen oder vermittelt wird?

Simson ist zwar weiterhin ein heftiger Kirchenkritiker. Aber in den vier genannten Punkten widerspiegelt sein eigenes neueres Modell, allen gegenteiligen Beteuerungen zum Trotz, den Standpunkt der institutionellen Amtskirche. In der Vergangenheit hat er viel Gutes und Wichtiges gesagt. Sein Buch „Häuser, die die Welt verändern“ würde ich auch heute noch empfehlen. Ich bin sehr enttäuscht darüber, dass er, nach den vielversprechenden Anfängen, nun bei solchen Positionen landet.

Es ist natürlich eine raffinierte Strategie, eine neue Kolonialisierung der Welt ausgerechnet unter dem Banner des Antikolonialismus voranzutreiben. Und mit Hilfe der Kritik an autoritärer Leiterschaft ein Machtvakuum zu schaffen, das man dann selber ausfüllen kann. Aber wenn wir einmal den „Hype“ weglassen, das verbale Brimborium, das Simson so meisterhaft beherrscht, dann steckt dahinter wohl „nichts Neues unter der Sonne“. Anscheinend nur ein weiterer Versuch zur Errichtung einer irdischen Autoritätspyramide, die dann als das Reich Gottes gelten soll. Falls das nicht Simsons eigene Absicht sein sollte, so werden zumindest seine Anhänger dafür sorgen, dass es so weit kommt.

Kennzeichen der Urgemeinde in Apostelgeschichte 2 (7.Teil)

5. September 2017

In den vorhergehenden Artikeln dieser Serie haben wir einige Kennzeichen der Urgemeinde untersucht, wie sie in Apostelgeschichte 2,36-47 beschrieben werden. Fassen wir zusammen:

  • Die neutestamentliche Gemeinde besteht aus Menschen, die durch den Heiligen Geist wiedergeboren wurden. Das geschieht nicht einfach durch das Nachsprechen eines „Übergabegebets“. Zu einer echten Wiedergeburt ist eine heftige „Kollision“ mit Gott nötig, die eine Überführung von der Sünde bewirkt. Die Wiedergeburt schliesst eine radikale Neuausrichtung des Denkens und Handelns ein (was die Bibel „Umkehr“ bzw. „Bekehrung“ nennt). Sie schliesst ein, den Heiligen Geist zu empfangen, welcher den Gläubigen befähigt, die Sünde zu überwinden und ständig unter der Herrschaft Jesu zu leben. – Eine „Gemeinde“, die sich mit weniger zufriedengibt, kann schon von da her nicht neutestamentliche Gemeinde sein.
  • Die neutestamentliche Gemeinde ist auf die „Lehre der Apostel“ gegründet, so wie sie im Neuen Testament niedergelegt ist. Sie gründet sich nicht auf die „Tradition der Kirche“, noch auf „unser Glaubensbekenntnis“, noch auf die „Unterordnung unter den Pastor“, noch darauf, „wie wir es immer schon gemacht haben“. – Eine Gemeinde, die sich nicht vom Neuen Testament her korrigieren lässt, ist nicht neutestamentliche Gemeinde.
  • Die neutestamentliche Gemeinde lebt in koinonia, d.h. in einer tiefen persönlichen, aufrichtigen und transparenten Gemeinschaft in der Liebe Jesu. Das schliesst ein, das Alltagsleben, geistliche Gaben und materielle Güter miteinander zu teilen. Diese Gemeinschaft geschieht auf persönlicher und familiärer Ebene, ohne dass dazu organisierte Versammlungen notwendig wären. – Wenn die Qualität dieser Gemeinschaft in einer Gemeinde mangelhaft ist oder ganz fehlt, dann ist das ein Anzeichen dafür, dass sich diese Gemeinde in irgendeiner Form vom Vorbild des Neuen Testamentes entfernt hat.
  • Die neutestamentliche Gemeinde bricht das Brot in den Häusern, „mit einfachem Herzen“, als eine Form der materiellen koinonia, und zugleich als Erinnerung an den Tod und die Auferstehung des Herrn. Das waren normale Mahlzeiten, wo mehrere Familien beisammen waren, ohne dass die Anwesenheit eines Apostels, Priesters, Pastors, o.ä. erforderlich wäre. – Eine Gemeinde, die lehrt, das Mahl des Herrn sei von irgendeiner Form eines speziellen Priesteramtes abhängig, ist vom neutestamentlichen Vorbild abgewichen.
  • Die neutestamentliche Gemeinde unternahm keine besonderen Anstrengungen, um zu „wachsen“ oder um neue Mitglieder anzuwerben. Sie lebten einfach ihr Alltagsleben im Gehorsam dem Herrn gegenüber, und als Folge dieses Gehorsams „fügte Gott hinzu, die gerettet wurden“. (Die Apostel verkündeten die Botschaft des Herrn auch auf den Strassen und Plätzen unter freiem Himmel. Aber das waren keine „Gemeindeversammlungen“; das war die besondere Tätigkeit, zu der die Apostel vom Herrn beauftragt waren.) Sie riefen niemanden dazu auf, „ihr Leben jetzt dem Herrn zu geben“; aber sie warteten darauf, dass Menschen vom Herrn berührt und von ihrer Sünde überführt würden, und diesen boten sie dann die Umkehr und die Erlösung in Jesus Christus an. – Eine Gemeinde, die Erlösung ohne Überführung von der Sünde und ohne radikale Umkehr anbietet, oder die die Menschen manipuliert, damit sie Mitglieder werden, ist nicht neutestamentliche Gemeinde.

Jeder Vers in Apostelgeschichte 2,36-47 betont dieselbe unangenehme Wahrheit: Was Evangelische/Evangelikale und Katholiken heute „Gemeinde“ oder „Kirche“ nennen, hat nichts gemeinsam mit dem Leben der ersten Christen. Heutige Kirchen nehmen als Mitglieder Menschen auf, die niemals ihr sündiges Leben hinter sich gelassen haben; und sie rechtfertigen diese Praxis mit dem Ausspruch: „Es gibt keine vollkommene Gemeinde.“ – Sie behaupten vielleicht in der Theorie, dass sie sich auf das Wort Gottes gründen; aber in der Praxis regiert das Wort des Pastors und die kirchliche Tradition – bei den Evangelikalen genauso wie bei den Katholiken. – Sie haben die koinonía in den Häusern ersetzt durch organisierte Veranstaltungen und Predigtversammlungen in institutionellen Gebäuden; und um die Verwirrung komplett zu machen, nennen sie solche Gebäude „Kirchen“. – Sie haben das Mahl des Herrn aus seinem ursprünglichen Lebenszusammenhang der familiären Mahlzeit herausgerissen und zu einem feierlichen institutionellen Ritual gemacht, das von einem „Priester“ oder „Pfarrer“ verwaltet wird. – Sie haben den Gehorsam dem Herrn gegenüber im täglichen Leben verlassen, sodass ihre Nächsten nicht mehr das Leben des Herrn in ihnen sehen können; und stattdessen versuchen sie mit Shows und Werbetricks neue Mitglieder für ihre Institutionen zu gewinnen.

Sie verharren auf diesen Abwegen, weil die meisten von ihnen die Apostelgeschichte als ein Märchen aus vergangenen Zeiten lesen, das uns heute nichts anginge. (Wenn sie sie überhaupt lesen.) Aber dieses Buch wurde geschrieben, um uns darüber zu informieren, wie die christliche Gemeinschaft in ihren Anfängen aussah, dem Plan Gottes gemäss; und damit wir uns heute anhand dieser Beschreibung prüfen.

So komme ich zu meinem letzten Punkt über Apostelgeschichte 2:

Die neutestamentliche Gemeinde ist ein übernatürliches Werk Gottes.

Angesichts der hier vorgestellten Kennzeichen einer wahren Gemeinschaft von Nachfolgern Jesu wird der eine oder andere Leser mich der Übertreibung bezichtigen: „Du bist zu radikal.“ – „Du hast eine zu idealistische Vorstellung.“ – „Es gibt keine vollkommene Gemeinde.“ – „Es ist unmöglich, diese Kriterien zu erfüllen.“ – „Wir können die Apostelgeschichte heute nicht mehr wörtlich nehmen.“

Und warum nicht? Wir wissen, dass die Jerusalemer Urgemeinde tatsächlich existierte mit all den beschriebenen Eigenschaften. Und in meiner Bibel gibt es keinen Vers, der sagte, Gott hätte seither seine Massstäbe geändert.

Tatsächlich verraten alle die genannten kritischen Kommentare Unglauben: „Sollte Gott wirklich gesagt haben …?“ – Ja, Gott hat all das gesagt, was ich bisher aus seinem Wort zitiert habe; und so er will, werde ich in zukünftigen Betrachtungen noch mehr zitieren. Was ist unser Wahrheitskriterium: was Gott gesagt hat, oder was wir als menschenmöglich ansehen?

Ja, ich gebe es zu, ich verlange Unmögliches. Denn Unmöglichkeit ist das Markenzeichen eines jeden echten Wirkens Gottes. Wo Menschenmögliches, Machbares als ein Werk Gottes ausgegeben wird, da handelt es sich um eine Fälschung.
Neutestamentliche Gemeinde ist niemals „machbar“ oder „menschenmöglich“. Tatsächlich ist es völlig unmöglich, mit menschlichen Methoden neutestamentliche Gemeinde zu bauen. Wo „Gemeinde geschieht“, da handelt es sich immer um ein übernatürliches Werk Gottes.

Statt also auf die Unmöglichkeiten hinzuweisen, wäre es eine angemessenere Reaktion, uns zu fragen: Warum haben wir dieses übernatürliche Werk Gottes verloren? Und wie können wir wieder dahin zurückkehren? – Und dann sollten wir zu Gott umkehren, uns vor ihm demütigen und ihn ernsthaft suchen.
„Wenn mein Volk, das nach meinem Namen genannt ist, sich demütigt, und betet und mein Angesicht sucht und von seinen bösen Wegen umkehrt, dann werde ich es vom Himmel her erhören und seine Sünde vergeben und sein Land heilen.“ (2. Chronik 7,14)
Diese Verheissung gilt auch dem neutestamentlichen Gottesvolk.

Kennzeichen der Urgemeinde in Apostelgeschichte 2 (6.Teil)

18. August 2017

Der Herr tat neue Gläubige hinzu.

„Und der Herr tat täglich zur Versammlung hinzu, die gerettet wurden.“ (Apostelgeschichte 2,47). – Das ist ein starker Kontrast zu der Art, wie die meisten heutigen Kirchen wachsen (wenn sie überhaupt wachsen). Wenn heute eine Kirche wächst, dann ist es fast immer deshalb, weil sie selber „Aussenstehende“ zu ihren Versammlungen einladen, weil sie selber evangelisieren, weil sie selber irgendeine „Gemeindewachstumsstrategie“ anwenden. Aber von der neutestamentlichen Gemeinde heisst es, dass „der Herr hinzutat“. Sehen wir das Wachstum der Gemeinde als ein menschliches oder ein göttliches Werk an?

Die neutestamentliche Gemeinde unternahm keine evangelistischen Anstrengungen, die spezifisch auf Gemeindewachstum ausgerichtet waren. – Ich möchte in diesem Punkt nicht missverstanden werden. Ich sage nicht, die neutestamentliche Gemeinde hätte nicht evangelisiert. Natürlich taten sie das. Die Apostel verkündeten jeden Tag öffentlich das Evangelium. Und sicher bezeugte jeder Christ den Herrn in seinem täglichen Leben, in seinen alltäglichen Begegnungen mit Nachbarn, Verwandten, Arbeitskollegen, Kunden … Was ich aber sage, ist: Die ersten Christen taten dies nicht zu dem spezifischen Zweck, „zum Gemeindewachstum beizutragen“. Vielmehr taten sie es aus einfachem Gehorsam gegenüber dem Gebot des Herrn, „das Evangelium zu verkünden“ und „Jünger zu machen“. Wir müssen uns also eine weitere Frage stellen: Sehen wir Gemeindewachstum als einen Selbstzweck an, oder sehen wir es als etwas, was der Herr „hinzutut“, wenn wir einen höheren Zweck verfolgen, nämlich dem Herrn zu gehorchen und seine Ehre zu vergrössern?

Ein besonderes Detail finden wir in Apostelgeschichte 5,13: „Und von den übrigen wagte es niemand, sich ihnen anzuschliessen; aber das Volk pries sie hoch.“ – Insbesondere kamen also keine Aussenstehenden zu den Versammlungen, wo Christen sich unter sich trafen.
In fast allen heutigen Kirchen, die „Wachstumsziele“ haben, sind ihre wichtigsten Anlässe die wöchentlichen Versammlungen, die sie „Gottesdienst“ nennen, und die „halb-öffentlich“ sind: Es sind Versammlungen der „Gemeinde“, aber gleichzeitig versuchen sie, Personen anzuziehen, die nicht zur Gemeinde gehören. So kann man keine echte koinonía unter Christen leben, aber ebensowenig kann man einen grossen öffentlichen Effekt erzielen.
– Die neutestamentliche Gemeinde kannte keine solchen „halb-öffentlichen“ Versammlungen. Ihre Versammlungen waren entweder ganz öffentlich (so wie die Lehre der Apostel auf dem heiligen Platz), oder dann waren es wirkliche Gemeinde-Versammlungen (so wie die Gemeinschaft der Christen unter sich in ihren Häusern). Und in letzteren wagte niemand einzutreten, der kein Christ war.
Warum nicht? – Der Grund muss derselbe gewesen sein wie der Grund, warum „das Volk sie hoch pries“: Unter den ersten Christen herrschte eine derartige Atmosphäre von Reinheit und Heiligkeit, dass ein Aussenstehender sich dort äusserst unwohl fühlen musste. Wer nicht wiedergeboren war, musste sich dort so fühlen wie Petrus vor dem Herrn anlässlich des wunderbaren Fischfangs: „Geh weg von mir, Herr, denn ich bin ein sündiger Mensch! – Denn er war voll Schrecken …“ (Lukas 5,8-9)

Und gleich darauf heisst es wiederum: „Und Gott tat mehr [Menschen] hinzu, die auf den Herrn vertrauten, eine Menge von Männern und Frauen…“ (Apostelgeschichte 5,14). Wie wurden denn diese Menschen „hinzugetan“, wenn kein Unbekehrter in die Versammlungen der Christen kam?
Die offensichtlichste Antwort ist jene, die der Text selber gibt: Gott brachte sie. Es ist Gott selber, der durch seinen Heiligen Geist „Überführung von Sünde, von Gerechtigkeit und vom Gericht“ wirkt (Johannes 16,8). Es ist Gott selber, der „seinen Sohn offenbart“ in jenen, die er retten will (Galater 1,15-16). Es ist Gott selber, der die Wiedergeburt schenkt. Anerkennen wir zuerst und vor allem, dass die neutestamentliche Gemeinde kein menschliches Unternehmen war. Es war Gott, der souverän in ihr wirkte.
Das kann unsere ganze Sicht von der Gemeinde verändern. Wenn wir Gott als den Eigentümer und Urheber der Erlösung anerkennen, dann werden wir ihn auch als Herrn und Eigentümer der „Gemeindeglieder“ anerkennen. Sie sind nicht „unsere Mitglieder“; sie sind nicht Mitglieder einer bestimmten Kirche; sie sind Gottes Eigentum. Wenn eine Gruppe von „Gemeindewachstum“ spricht und damit sagen will: „die Vergrösserung unserer eigenen Versammlung“, dann folgt sie nicht den Wegen des Neuen Testamentes.
Aber natürlich benützt Gott irdische, menschliche Werkzeuge. Wie schon erwähnt, verkündeten die Apostel öffentlich das Evangelium, und jeder Christ bezeugte den Herrn in seinem Alltagsleben. Somit hatten die „Aussenstehenden“ genügend Gelegenheiten, das Evangelium zu hören, ohne dazu in eine Versammlung von Christen gehen zu müssen.

Ein anderer bemerkenswerter Unterschied zu heute besteht darin, dass wir in der ganzen Apostelgeschichte keinen „Bekehrungsaufruf“ finden im Stil von: „Komm nach vorne, sprich mir dieses Gebet nach, tritt einer Kirche bei …“ (usw.) – Wir haben bereits gesehen, dass Petrus‘ Worte in Apg.2,38, „Kehrt um und lasst euch taufen …“, sich nur an jene Personen richteten, die bereits „in ihren Herzen schmerzhaft durchbohrt“ worden waren, und die von sich aus bereits gefragt hatten: „Was sollen wir tun?“ – Ja, die Verkünder des Evangeliums sagten ihren Zuhörern, dass sie weit entfernt waren von Gott und zu ihm zurückkehren mussten. Aber wenn dadurch jemand von Gott berührt und von seiner Sünde überführt wurde, dann wurde erwartet, dass diese Person von sich aus kommen und einen Christen suchen würde, um ihre Bekehrung zu bezeugen und sich taufen zu lassen. Und so geschah es auch.
So war auch die Praxis der Evangelisten und Erweckungsprediger durch die ganze Kirchengeschichte hindurch, mindestens bis zur ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts. Die „Bekehrungsaufrufe“, wie sie heute in den meisten evangelikalen Kirchen praktiziert werden, sind eine recht neue Erfindung. Deshalb bringen heutige „Evangelisationen“ mehrheitlich oberflächliche und Scheinbekehrungen hervor, während in der neutestamentlichen Gemeinde die allermeisten Bekehrungen echt waren.

Zeichen der Wiedergeburt

30. Mai 2017

Wir haben gesehen, dass die Urgemeinde aus Menschen bestand, die ihr Leben radikal geändert hatten, die durch den Heiligen Geist von neuem geboren wurden, und die ihr Leben unter die Autorität von Jesus Christus stellten als ihrem Herrn und König. Sehen wir nun einige Kennzeichen wiedergeborener Menschen:

Das innere Zeugnis des Heiligen Geistes, ein Kind Gottes zu sein. – „Denn alle, die vom heiligen Geist angetrieben werden, sind Kinder Gottes. Denn ihr habt nicht einen Geist der Sklaverei erhalten, sodass ihr wieder Angst hättet, sondern ihr habt einen Geist der Adoption erhalten, durch den wir rufen: ‚Abba („Papi“), oh Vater!‘ Der Geist selber bezeugt zusammen mit unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind.“ (Römer 8,14-17)
„Denn ihr alle sind Kinder Gottes durch den Glauben an den Christus, Jesus. Denn alle, die in den Christus getauft wurden, sind mit dem Christus bekleidet worden. (…) Und weil sie Kinder sind, sandte und beauftragte Gott den Geist seines Sohnes in ihre Herzen, der ruft: ‚Abba („Papi“), oh Vater!‘ “ (Galater 3,26-27; 4,6)

Wer wiedergeboren ist, hat in sich dieses kindliche Vertrauen: „Gott ist mein Vater. Er hat mich adoptiert und als sein Kind angenommen.“
Es ist nicht einfach zu beschreiben, worin genau dieses „Zeugnis des Heiligen Geistes“ besteht. Es ist (normalerweise) keine aussergewöhnliche Erfahrung wie z.B. eine Vision oder eine Stimme vom Himmel. (Solche Erfahrungen können sogar Fälschungen aus der bösen Geisterwelt sein, um einem Nichtwiedergeborenen eine falsche Sicherheit zu geben.) Aber es ist auch kein Produkt des eigenen Denkens oder der eigenen Vorstellungskraft. Nicht wie an einigen Orten zu Neubekehrten gesagt wird: „Du musst jetzt einfach glauben, dass du ein Kind Gottes bist.“ – Nein, das Zeugnis des Heiligen Geistes ist eine innere Gewissheit, die Gott selber seinen Kindern gibt. Wer dieses Zeugnis in sich hat, der weiss, dass es von Gott kommt und nicht aus seinem eigenen Denken. Wer es erfahren hat, der weiss, worum es sich handelt.

„Hunger und Durst“ nach göttlichen Dingen. – Petrus schreibt: „… Wie neugeborene Säuglinge, habt Verlangen nach der unverfälschten, logischen Milch (oder: nach der unverfälschten Milch des Wortes), damit ihr durch sie wachst zur Errettung, wenn ihr denn geschmeckt habt, dass der Herr gütig ist.“ (1.Petrus 2,2-3)
Für einen neugeborenen Säugling ist es das Natürlichste von der Welt, nach Milch zu schreien. Ein Baby muss nicht erst überzeugt oder gezwungen werden, Milch zu trinken; es tut das von selber. Ausser es wäre schwer krank. Ebenso ist es für einen wiedergeborenen Christen das Natürlichste von der Welt, Verlangen nach Gott zu haben. Der Zusammenhang des obigen Zitats spricht hauptsächlich vom Wort Gottes (vgl. 1,23-25). Wer wiedergeboren wurde, hat ein natürliches Verlangen zu hören und zu lesen, was Gott ihm sagt.
Wir können unter „Milch“ auch einige andere Dinge verstehen: Gemeinschaft mit Gott im Gebet; Gemeinschaft mit anderen Christen; und alles, was wir tun können, um Gott zu dienen. Ein wiedergeborener Christ hat ein natürliches Verlangen nach diesen Dingen.
In manchen Gruppierungen, die sich „christlich“ nennen, beobachtete ich, dass die Mitglieder kein Verlangen hatten, selber in der Bibel zu lesen. In einigen Gruppen schien es den Leitern nötig, den Mitgliedern als „Pflicht“ vorzuschreiben, alle Versammlungen zu besuchen. Eine Kirche, die ich kennenlernte, kontrollierte sogar den „Gottesdienstbesuch“ mit einer Anwesenheitsliste. Das sind Anzeichen, dass wahrscheinlich die meisten Mitglieder nicht wiedergeboren sind (und vermutlich auch die Leiter nicht). Sonst wäre ein solcher Zustand ebenso unnatürlich wie ein Säugling, der zum Milchtrinken gezwungen werden muss.
Man müsste in solchen Fällen untersuchen, worin die „Krankheit“ besteht. Meist wird man finden, dass gar kein geistliches Leben vorhanden ist. Oder vielleicht ist jemand wiedergeboren, leidet aber an einer schweren geistlichen „Krankheit“; z.B, dass er in einer wichtigen Sache Gott nicht gehorchen will und deshalb keine Vertrauensbeziehung zu ihm hat. – Oder aber die „Milch“, die in jenen Versammlungen angeboten wird, ist verdorben.

Liebe zu den Glaubensgeschwistern. – Im ersten Petrusbrief lesen wir im selben Zusammenhang, einige Verse vorher: „Nachdem ihr eure Seelen durch den Gehorsam der Wahrheit gegenüber gereinigt habt, durch den Geist, zur ungeheuchelten Bruderliebe, so liebt einander innig aus reinem Herzen, da ihr wiedergeboren seid …“ (1.Petrus 1,22-23)
Beachten wir die Reihenfolge: Petrus sagt nicht: „Um gereinigt zu werden (bzw. um wiedergeboren zu werden), müsst ihr einander lieben.“ – Vielmehr sagt er: „Da ihr bereits gereinigt und wiedergeboren seid, so liebt einander jetzt mit der ungeheuchelten Bruderliebe, die Gott euch bereits gegeben hat.“ Bruderliebe und ein reines Herz sind nicht Dinge, die sich ein Christ mit äusserster Anstrengung erarbeiten müsste. Es sind Dinge, die Gott mit der Wiedergeburt bereits in ihn hineingelegt hat. Wenn also jemand diese Dinge bei sich findet, dann darf er daraus mit ziemlicher Sicherheit schliessen, dass er wiedergeboren ist – und wenn nicht, dann sollte er annehmen, dass er nicht wiedergeboren ist.

Zwei Punkte scheinen mir hier wichtig:

– Die Bruderliebe ist ungeheuchelt. Sie beschreibt also nicht das Lächeln und die Umarmungen nach einer Versammlung. Ungeheuchelte Liebe handelt immer zum Besten des Bruders, ohne versteckte Absichten, und ohne wichtig zu nehmen, was andere sehen oder denken könnten. Ein reines Herz gibt sich nicht den Anschein von etwas, was nicht ist; es ist ehrlich und transparent. Das muss sich nicht immer in „Liebenswürdigkeit“ ausdrücken. Ungeheuchelte Liebe kann auch einmal sagen: „Mein Bruder, hier liegst du aber ganz falsch!“ – wenn es zu seinem Besten ist, ihm das zu sagen.

– Christliche Bruderliebe ist nicht dasselbe wie allgemeine Nächstenliebe. Christliche Bruderliebe ist in einer „geistlichen Verwandtschaft“ begründet: Der Heilige Geist, der in mir lebt, antwortet auf denselben Heiligen Geist, der in meinem Bruder lebt.
Charles Finney hat diesen Unterschied sehr gut beschrieben in seinen „Reden über Erweckung“:

„Gott liebt alle Menschen mit wohlwollender Liebe, aber er fühlt keine Liebe des Wohlgefallens gegenüber jenen, die keine heiligen Leben führen. Ebenso können auch wir Christen einander keine Liebe des Wohlgefallens zeigen, ausser im Verhältnis zu unserer Heiligkeit. Wenn christliche Liebe die Liebe zum Bild Christi in seinem Volk ist, dann kann sie nirgends wirken, ausser wo dieses Bild existiert. Jemand muss das Bild Christi widerspiegeln und den Geist Christi zeigen, bevor andere Christen ihn mit einer Liebe des Wohlgefallens lieben können.
Es ist vergebens, uns Christen zu bitten, uns aneinander zu erfreuen, wenn wir nicht geistlich sind. Dann finden wir aneinander nichts, was diese Liebe hervorbringen würde. Wie könnten wir (in diesem Zustand) etwas anderes für den anderen empfinden, als was wir für die Sünder empfinden? Lediglich zu wissen, dass sie Kirchenmitglieder sind (…), wird keine christliche Liebe hervorbringen – ausser wir können in ihnen das Bild Christi sehen.“

In einigen Kirchen wird den Mitgliedern „mangelnde Liebe“ vorgeworfen, wenn sie die Sünden anderer Mitglieder (oder der Leiter) nicht gutheissen. Aber eine solche Situation könnte im Gegenteil ein Anzeichen dafür sein, dass die anderen Mitglieder nicht wiedergeboren sind. Ein Christ kann keine Bruderliebe empfinden für jemanden, der in Sünde lebt und nicht umkehrt.

Wer wiedergeboren ist, lebt nicht in Sünde.

„Jeder, der in ihm bleibt, sündigt nicht; jeder, der sündigt, hat ihn nicht gesehen noch erkannt. Kindlein, niemand soll euch täuschen: Wer Gerechtigkeit tut, ist gerecht, so wie er gerecht ist. Wer die Sünde praktiziert, ist vom Teufel; denn der Teufel sündigt von Anfang an. Dazu ist der Sohn Gottes erschienen, um die Werke des Teufels zunichte zu machen. Jeder, der aus Gott geboren ist, praktiziert die Sünde nicht, denn der Same Gottes bleibt in ihm; und er kann nicht sündigen, weil er aus Gott geboren ist.“ (1.Johannes 3,6-9)

Einige jener, die sich Christen nennen, wollen nicht glauben, dass das in der Bibel geschrieben steht. Sie haben sich angewöhnt zu sagen: „Wir sind alle Sünder.“ In Wirklichkeit gibt es keine Stelle im Neuen Testament, wo die Christen „Sünder“ genannt werden! Die echten Christen sind „Gläubige“, „Gerechte“, „Heilige“.

Vielleicht sollte ich ein mögliches Missverständnis über 1.Johannes 3,9 aufklären. Wenn Johannes sagt: „…er kann nicht sündigen“, dann meint er damit nicht, ein Christ könne nie mehr eine Sünde begehen. Er wusste gut, dass auch Christen ab und zu sündigen. Deshalb schreibt er ein wenig vorher: „Und wenn jemand gesündigt haben sollte, so haben wir einen Anwalt beim Vater, Jesus den Christus, den Gerechten“ (1.Johannes 2,1). Aber damit es niemandem in den Sinn kommt zu denken, das sei der Normalfall, schreibt er im selben Vers: „Meine Kindlein, das schreibe ich euch, damit ihr nicht sündigt.
Der Normalfall ist also, dass ein Christ nicht sündigt. Im Vers 9 steht im griechischen Original das Verb in der Zeitform des kontinuierlichen Präsens, das genauer so übersetzt würde: „… er kann nicht ständig sündigen“, oder „…er kann nicht in Sünde leben“. Ab und zu kommt es vor, dass ein Christ sündigt. Aber dann reagiert sein Gewissen darauf, und der Christ bereut seine Sünde, bekennt sie und bringt die Dinge vor Gott und vor den betroffenen Menschen in Ordnung. Wenn jemand sündigen kann, ohne dass es ihn gross kümmert; oder wenn jemand nicht dazu bereit ist, einer bestimmten Sünde abzusagen; oder wenn jemand sündigt im vollen Bewusstsein, dass es Sünde ist – solche Menschen sind keine Christen, nach den Worten des Apostels Johannes.

Paulus schreibt etwas Ähnliches:

„Oder wisst ihr nicht, dass die Ungerechten das Reich Gottes nicht erben werden? Täuscht euch nicht: Weder Unzüchtige, noch Götzendiener, noch Ehebrecher, noch Verweiblichte, noch jene, die mit Männern schlafen, noch Diebe, noch Habsüchtige, noch Trinker, noch Flucher, noch Räuber werden das Reich Gottes erben. Und einige (von euch) waren solche. Aber ihr wurdet gewaschen, ihr wurdet geheiligt, ihr wurdet gerecht gemacht im Namen des Herrn Jesus und im Geist unseres Gottes.“ (1.Korinther 6,9-11)

Im Leben eines Christen gibt es klar ein „Vorher“ und ein „Nachher“. Einige der Korinther waren „vorher“ grobe Sünder im Sinne einer der erwähnten Kategorien. Aber das Verb steht in der Vergangenheit. Das bedeutet, dass sie es jetzt nicht mehr sind. Sie wurden von der Sünde befreit. Wenn jemand dieses „Vorher“ und „Nachher“ in seinem Leben nicht erlebt hat, dann ist er kein Christ nach den Worten des Apostels Paulus.

Für einen wahren Christen ist diese Botschaft weder „Perfektionismus“ noch eine „schwere Last“. Im Gegenteil, es ist eine befreiende Botschaft: In Christus ist es möglich, von der Sünde frei zu werden! Christus ist „mächtig, euch ohne Fall zu bewahren“ (Judas 24)!

Die neutestamentliche Gemeinde besteht aus Menschen, die durch den Heiligen Geist wiedergeboren wurden und somit die erwähnten Zeichen vorweisen:
– Sie haben
das innere Zeugnis des Heiligen Geistes, Kinder Gottes zu sein.
– Sie haben
Hunger und Durst nach göttlichen Dingen.
– Sie haben Bruderliebe gegenüber den Geschwistern, die wiedergeboren sind wie sie.
– Sie leben nicht in Sünde.
In jeder Gruppe, die sich auf irgendeine Weise vom Vorbild des Neuen Testamentes entfernt hat, ist das der erste Punkt, der in Ordnung gebracht werden muss: Die Mitglieder (und Leiter) müssen wiedergeboren werden. Solange das nicht geschieht, hat es keinen Sinn, über Aktivitäten, Leiterschaftsstrukturen, Versammlungen und Anlässe, usw. zu sprechen. Um neutestamentliche Gemeinde zu sein, müssen wir zuallererst „neutestamentliche Menschen“ sein!

Der grosse Beginn der neutestamentlichen Gemeinde (Apostelgeschichte 2)

29. April 2017

(Petrus sagte): ‚… So soll das ganze Volk Israel mit Gewissheit erkennen, dass Gott ihn zum Herrn und Gesalbten gemacht hat, diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt.‘
Als sie das hörten, wurden ihre Herzen [schmerzhaft] durchbohrt, und sie sagten zu Petrus und den übrigen Aposteln: ‚Was sollen wir tun, ihr Brüder?‘
Und Petrus sagte zu ihnen: ‚Kehrt um, und jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen von Jesus dem Christus zur Vergebung der Sünden, so werdet ihr das Geschenk des Heiligen Geistes erhalten. Denn für euch ist die Verheissung und für eure Kinder und für alle, die ferne sind, so viele der Herr unser Gott zu ihm rufen wird.‘ Und mit vielen weiteren Worten bezeugte er feierlich und ermutigte sie: ‚Lasst euch retten aus dieser verkehrten Generation!‘ So nahmen sie bereitwillig sein Wort auf und liessen sich taufen; und an jenem Tag wurden etwa dreitausend Seelen hinzugetan.“
(Apostelgeschichte 2,36-41)

Lasst uns einige Kennzeichen der Urgemeinde ansehen, wie sie in diesem Abschnitt ersichtlich sind.

Die neutestamentliche Gemeinde besteht aus wiedergeborenen Christen.

Dieses Kennzeichen unterscheidet die neutestamentliche Gemeinde von allen Organisationen, Institutionen und Gruppen dieser Welt. Beobachten wir, wie Gott wirkte, um die erste Gemeinde zu begründen:

Zuerst goss er den Heiligen Geist über die hundertzwanzig versammelten Jünger aus. (Apg.2,1-6). Das geschah mit sicht- und hörbaren Zeichen, sodass die Menschen in Jerusalem erkennen mussten, dass es sich um ein Werk Gottes handelte.

Dann, nachdem Petrus diese Erscheinungen erklärt und die Auferstehung Jesu bezeugt hatte, wurden viele Anwesende von ihrer Sünde und ihrer Erlösungsbedürftigkeit überführt: „Als sie das hörten, wurden ihre Herzen [schmerzhaft] durchbohrt, und sie sagten zu Petrus und den übrigen Aposteln: ‚Was sollen wir tun, ihr Brüder?‘ “ (Apg.2,37) – In diesem Moment tat der Heilige Geist sein Werk an den Zuhörern, wie Jesus es in Johannes 16,8 versprochen hatte: „Und wenn er (der Heilige Geist) kommt, wird er die Welt überführen von Sünde, von Gerechtigkeit und vom Gericht …“
Worin genau besteht die Überführung von Sünde? – Jesus fährt weiter: „Von Sünde, weil sie nicht an mich glauben.“ (Joh.16,9). – „An Jesus glauben“ ist viel mehr als nur glauben, dass er einmal lebte und für uns starb. Es ist viel mehr als nur verstandesmässig damit einverstanden zu sein, dass Jesus der Sohn Gottes ist. Am Pfingsttag konfrontierte Petrus (unter der Leitung des Heiligen Geistes) seine Zuhörer mit zwei spezifischen Punkten:

1. „Diesen (Jesus) habt ihr genommen und von den Gesetzlosen beseitigen lassen, indem sie ihn ans Kreuz nagelten.“ (Apg.2,23)

2. „So soll das ganze Volk Israel mit Gewissheit erkennen, dass Gott ihn zum Herrn und Gesalbten gemacht hat, diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt.“ (Apg. 2,36)

Zuerst also machte der Heilige Geist die Anwesenden für den Tod Jesu verantwortlich. Das war eine ziemlich skandalöse Anschuldigung, denn das waren ja nicht die Anhänger der Priester, die mit ihnen zusammen geschrieen hatten: „Kreuzige ihn!“. Im Gegenteil, wir müssen annehmen, dass sich unter den Dreitausend von Pfingsten viele befanden, die vorher schon Jesus nachgefolgt waren und seine Worte gehört hatten. (Wir erinnern uns, dass Jesus bei einer Gelegenheit fünftausend Menschen zu essen gegeben hatte, die alle gekommen waren, um ihm zuzuhören.) Menschlich gedacht, hätten viele von ihnen Grund gehabt zu protestieren: „Aber ich war mit seiner Kreuzigung nicht einverstanden!“
Doch das Wort „durchbohrte ihre Herzen“. Gott zeigte ihnen, dass in einem gewissen Sinn sie alle mitschuldig waren am Tod Jesu. Jesus war für die Sünden der ganzen Welt gestorben, die deinen und die meinen. Wenn du und ich nicht gesündigt hätten, dann hätte Jesus nicht sterben müssen.
Die Überführung von Sünde, die der Heilige Geist bewirkt, geht viel tiefer als ein gelegentliches schlechtes Gewissen wegen einer Lüge oder weil man jemanden schlecht behandelt hat. Der Heilige Geist offenbart dir, dass jede einzelne dieser „kleinen Sünden“ dich am Tod Jesu mitschuldig macht.

Gab es einen Moment in deinem Leben, als du von dieser schrecklichen Wahrheit überführt wurdest? Hat dir der Herr schon die Augen geöffnet für den Zusammenhang zwischen deiner Sünde und dem Tod Jesu?

Punkt 2 hängt mit der Auferstehung zusammen. (Siehe die vorhergehenden Verse, Apg.2,30-35.) Aber das ist kein oberflächlicher Trost: „Gott sei Dank, nun ist alles wieder gut.“ Im Gegenteil, die Auferstehung Jesu offenbart den Zuhörern eine weitere grosse und erschreckende Wahrheit: Nun steht fest, dass Jesus wirklich der Herr ist, der verheissene Messias, der König des Universums. Er war nicht einfach irgendein Unschuldiger, der da am Kreuz hing. Er ist der König und Herr, dem wir alle Treue und Gehorsam schulden. Wir haben nicht nur seine Herrschaft ignoriert; wir haben ihn verraten und getötet!

Es überrascht daher nicht, dass die Zuhörer an jenem Tag zutiefst erschraken. Es ging nicht einfach um eine „kleine Entscheidung“, sich einer religiösen Gruppe anzuschliessen, oder „ein Übergabegebet zu sprechen“. Jene Dreitausend sahen sich vor dem Thron der allerhöchsten Majestät stehen, des Hochverrats angeklagt. Beim oberflächlichen Lesen stellt man das vielleicht nicht fest; aber ihre Frage „Was sollen wir tun?“ drückt äusserste Verzweiflung aus: Wir sind für ewig verloren. Gibt es noch irgendeine Möglichkeit, dem Gericht Gottes zu entrinnen und begnadigt zu werden?

Hast du je einmal einen Eindruck von der wahren Macht und Majestät Gottes erhalten? Ist dir wirklich bewusst, was es bedeutet, dass er DER HERR ist?

Wir sehen hier, dass die Praxis und Erfahrung vieler heutiger Kirchen, auch der Evangelikalen, weit vom Neuen Testament entfernt ist. Sünder werden aufgefordert, „ein Übergabegebet zu wiederholen“, obwohl sie noch keinerlei Überführung durch den Heiligen Geist erfahren haben und ihre Sünden nicht wirklich bereuen. In ihrem Eifer, neue Mitglieder zu gewinnen, bringen manche Prediger nicht die Geduld auf zu warten, bis der Heilige Geist sein Werk in einem Menschen tut (was Tage, Wochen, oder auch Monate dauern kann). So füllen sich die Kirchen mit unwiedergeborenen Namenschristen.
Wer wirklich vom Heiligen Geist überführt wurde, dem muss niemand sagen: „Komm nach vorne“ oder „Sprich mir dieses Gebet nach.“ Durch das Werk des Heiligen Geistes sieht sich diese Person bereits vor dem Thron Gottes. Sie wird von selber ausrufen: „Was muss ich tun, um gerettet zu werden?“

Nun verstehen wir besser das grosse Gewicht der Antwort, die Petrus gibt: „Kehrt um!“ (Apg.2,38) Oder, nach dem wörtlichen Sinn übersetzt: „Ändert euer Denken radikal!“ Biblische Umkehr ist eine vollständige Änderung unserer Art zu leben, zu handeln und zu denken. Der „natürliche Mensch“, der nicht zur Umkehr gekommen ist, ist ein Bürger dieser Welt. Er dient dieser Welt, sich selber, und dem Teufel. „Umzukehren“ bedeutet, die Nationalität zu wechseln, nicht nur symbolisch, sondern ganz real. Es bedeutet, zu einem Bürger des Reiches Gottes zu werden und zu einem Diener des Königs, ganz unter seinem Befehl. Wie Jesus sagte: „Wenn jemand mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich, und folge mir. Denn jeder, der sein Leben retten will, wird es verlieren; und jeder, der sein Leben verliert um meinetwillen, wird es finden.“ (Matthäus 16,24-25). – Oder wie es Paulus ausdrückte: „Durch ihn (Jesus) ist mir die Welt gekreuzigt und ich der Welt.“ (Galater 6,14) – Zu einem geringeren Preis kann man nicht ins Reich Gottes eintreten.

Um es noch klarer zu sagen: Biblische Umkehr hat nichts mit religiösen Riten zu tun, auch nicht mit „Gottesdiensten“ und Worten der Anbetung, auch nicht mit der Mitgliedschaft in einer Institution, die sich „Kirche“ oder „Gemeinde“ nennt.
Biblische Umkehr bedeutet, mein ganzes Leben unter die Herrschaft Jesu zu stellen. Ich verzichte auf meine Art zu leben, und beginne so zu leben, wie Christus mir befiehlt. Ich verzichte auf meine Art, meiner Familie vorzustehen, und mache es so, wie Christus sagt. Ich verzichte auf meine Art, meine Kinder zu erziehen, und erziehe sie so, wie Christus sagt. Ich verzichte auf meine Art zu arbeiten und Geschäfte zu machen, und mache es so, wie Christus sagt. Ich verzichte auf meine Freunde und meine Art, mit ihnen umzugehen, und lasse den Herrn darüber entscheiden, mit wem ich mich zusammentun soll und wie ich sie behandeln soll. Ich verzichte auf meine Art der Freizeitgestaltung und mache mit meiner Freizeit, was der Herr sagt. Ich verzichte auf die Mittel dieser Welt für meinen Lebensunterhalt, und setze mein ganzes Vertrauen auf Gott als meinen Versorger. Ich verzichte auch auf meine Ideen darüber, was „Kirche“ oder „Gemeinde“ ist, und unterstelle mich den Anweisungen des Herrn für die Gemeinschaft unter seinen Nachfolgern.

All das und noch viel mehr ist inbegriffen in dem kurzen Wort: „Kehrt um!“

Die Urgemeinde bestand aus Menschen, die ihr Leben auf diese radikale Weise geändert hatten.

Petrus als Säule der Gemeinde (2.Teil)

31. März 2017

In der vorherigen Betrachtung haben wir einige Punkte im Leben von Petrus gesehen, die ihn dazu befähigten, später eine der „Säulen der Gemeinde“ (Galater 2,9) zu sein: Eine tiefe Überführung von seiner eigenen Sündhaftigkeit, und in der Folge eine Umkehr zu Jesus, und eine radikale Abkehr von allem, was mit seinem alten Leben verbunden war.

Die Überführung von Sünde sollte zur Umkehr führen, zur Bekehrung, und zum rettenden Glauben. All das sind Aspekte des Vorgangs, den das Neue Testament als „Wiedergeburt“ bezeichnet. Wenn jemand von neuem geboren wird, dann lebt Jesus in dieser Person durch seinen Heiligen Geist. (Siehe Galater 2,20, Epheser 3,16-17). Diese Wiedergeburt und diese Errettung ist möglich dank des Blutes Jesu, das er vergoss, um uns freizukaufen.
Damit ist bereits gesagt, dass es nicht möglich war, im Sinne des Neuen Testamentes wiedergeboren zu werden, bevor Jesus gestorben und auferstanden war. Auch Petrus war sich zwar bewusst geworden, dass er ein Sünder war, aber er hatte noch nicht diese radikale Veränderung der Wiedergeburt erfahren. Während er mit Jesus auf der Erde umherzog, handelte er noch aus seiner eigenen Kraft, welche die Gerechtigkeit Gottes nicht erfüllen kann. (Siehe Römer 8,3-8. Das „Fleisch“ bedeutet dort unsere eigene Kraft und Fähigkeit.) Deshalb konnte er in einem Moment empfänglich sein für die Offenbarung Gottes, und im nächsten Moment den Gedankengängen satans folgen (Matthäus 16,16-23). Deshalb konnte er in einem Moment all seinen Glauben und Mut zusammennehmen und auf dem Wasser gehen, und im nächsten Moment zweifeln und sinken. (Matthäus 14,28-31). Deshalb konnte er in einem Moment Jesus versprechen, mit ihm bis in den Tod zu gehen, und ihn im nächsten Moment dreimal verleugnen.
Als Jesus die Verleugnung des Petrus voraussagte, da sagte er etwas Bedeutungsvolles: „… und du, wenn du dich einst bekehrt hast, stärke deine Brüder!“ (Lukas 22,32). Bevor er sich wirklich bekehren konnte, musste Petrus erfahren, dass er in seiner Schwäche sogar seinen Herrn verleugnen konnte. All sein Vertrauen in seinen eigenen „Glauben“ musste zunichte werden. Seine wirkliche Bekehrung begann, als ihm Jesus nach seiner Auferstehung eine neue Gelegenheit gab, ihm zu sagen „Ich liebe dich“. (Johannes 21,15-19). Und seine Wiedergeburt war erst vollständig an Pfingsten, als der Heilige Geist kam.

Vor Pfingsten waren die Apostel (inbegriffen Petrus) ängstlich und eingeschüchtert. Sie versammelten sich hinter verschlossenen Türen aus Angst vor den Feinden Jesu (Johannes 20,19). Aber als der Heilige Geist auf sie kam, sprachen sie mutig in aller Öffentlichkeit. Und folgendes war die Wirkung der Rede von Petrus: „Als sie es hörten, wurden ihre Herzen [schmerzhaft] durchbohrt, und sie sagten zu Petrus und den anderen Aposteln: ‚Was sollen wir tun, ihr Brüder?‘ “ (Apostelgeschichte 2,37)

In diesem Moment erfüllten sich die Worte des Herrn: „Und dir werde ich die Schlüssel des Himmelreichs geben; und alles, was du auf Erden binden wirst, wird im Himmel gebunden sein; und alles, was du auf Erden lösen wirst, wird im Himmel gelöst sein.“ (Matthäus 16,19). (- Man beachte, dass Jesus kurz danach diese selbe Vollmacht allen seinen Jüngern gab, Matthäus 18,18.) – Petrus gebrauchte die „Schlüssel“, die Jesus ihm gegeben hatte, um das Himmelreich vor seinen Zuhörern zu öffnen; und dreitausend von ihnen reagierten mit Umkehr und Glauben, und konnten so ins Himmelreich eintreten. (Apostelgeschichte 2,38-41). Und das war der Beginn der Urgemeinde.

So wiederholte sich in seinen Zuhörern dieselbe Erfahrung, die Petrus schon zuvor gemacht hatte: die Überführung von Sünde, der Zerbruch vor Gott, das Bewusstsein, verloren zu sein und durch kein menschliches Mittel gerettet werden zu können. Und nach der Umkehr die Erfahrung der wunderbaren Gnade Gottes, und die Wiedergeburt durch den Heiligen Geist. Deshalb gehört Petrus zu den „Säulen“ der Gemeinde. Er verkörpert auf beispielhafte Weise den Weg, den Gott mit jedem Menschen geht, den er erwählt, ruft und rettet. Er konnte die neuen Jünger auf diesem Weg anleiten, weil er ihn zuvor selber gegangen war. Petrus verkörpert nicht eine Institution oder eine hierarchische Stellung. Er ist ein lebendiges Zeugnis des Erlösers und seines Heilsweges. Jeder von uns muss „mit Christus sterben“ und „mit Christus auferstehen“ (Römer 6,4-8; siehe auch 1.Petrus 1,3.23). Das ist es, was den „Felsengrund der Gemeinde“ ausmacht.

Damit stehen wir an der Schwelle zur Geschichte der Urgemeinde, die wir in späteren Betrachtungen untersuchen wollen. Ich möchte nur noch eine kurze Bemerkung zu Matthäus 16 anfügen:

Bei all diesem Interesse für Petrus könnten wir allzuleicht vergessen, dass er gar nicht die Hauptperson dieses Abschnitts ist. Das Gespräch begann mit der Frage Jesu: „Und ihr, wer sagt ihr, dass ICH BIN?“ (Vers 15) – Es ging Jesus nicht darum, darüber zu sprechen, wer Petrus war, sondern darüber, WER ER SELBER WAR. Und so sollten wir nicht übergehen, dass auch in Vers 18 Jesus sagt: „ICH werde MEINE Gemeinde bauen.“ Die Gemeinde gehört nicht Petrus; sie gehört Jesus und niemandem sonst. So sagt auch Paulus über den Aufbau der Gemeinde: „Denn niemand kann ein anderes Fundament legen als das, das gelegt ist, nämlich Jesus Christus.“ (1.Korinther 3,11). Und Petrus selber beansprucht in seinen Briefen nicht, Eigentümer oder Fundament der Gemeinde zu sein. Im Gegenteil, er erklärt, dass Jesus der „Grundstein“ der Gemeinde ist: „Tretet hinzu zu ihm (dem Herrn), dem lebendigen Stein, wahrhaftig von den Menschen verworfen, aber von Gott auserwählt und wertvoll; und lasst auch euch so als lebendige Steine auferbaut werden als ein geistliches Haus und ein heiliges Priestertum, um Gott wohlgefällige geistliche Opfer darzubringen durch Jesus Christus.“ (1.Petrus 2,4-5)
– Also kann kein Mensch ein Eigentumsrecht über die Gemeinde beanspruchen, auch nicht über das geringste ihrer Glieder. Alles in der Gemeinde soll auf Christus hinweisen, nicht auf irgendeinen Menschen. Eine Kirche, die als „Haupt“ jemanden anders als Christus hat, oder die ihre Glieder lehrt, sich vor einem Menschen verantworten zu müssen statt vor Christus, ist nicht neutestamentliche Gemeinde.

Jonathan Edwards: Ein getreuer Bericht vom überraschenden Wirken Gottes (Teil 5)

30. Mai 2014

Leicht gekürzte Übersetzung

III. Weitere Illustration dieses Werkes anhand spezifischer Fälle.

1. Eine kranke junge Frau

Um eine klarere Vorstellung vom Werk des Heiligen Geistes zu geben, möchte ich von zwei konkreten Beispielen berichten. Das erste handelt von einer jungen Frau namens Abigail Hutchinson. Ich spreche von ihr besonders, weil sie jetzt nicht mehr lebt, und ich deshalb von ihr freimütiger sprechen kann als von Menschen, die noch leben.

Sie kam aus einer intelligenten Familie, und nichts in ihrer Erziehung könnte zur Schwärmerei tendiert haben, ganz im Gegenteil. Vor ihrer Bekehrung war sie als eine stille und reservierte Person bekannt. Sie war schon längere Zeit krank gewesen; aber ihre Krankheit hatte sie nie zum Phantasieren oder zu religiöser Melancholie verleitet. Sie befand sich kaum eine Woche lang in einem erweckten Zustand, bis klare Zeichen sichtbar wurden, dass sie bekehrt worden war zur Errettung.

Sie wurde zuerst an einem Montag erweckt durch etwas, was ihr Bruder darüber sagte, wie nötig es sei, die Gnade zur Wiedergeburt ernsthaft zu suchen. Ausserdem erhielt sie Nachricht von der Bekehrung jener jungen Frau, die ich zuvor erwähnte und deren Bekehrung so grossen Eindruck machte auf die jungen Leute. Diese Nachricht weckte in ihr einen eifersüchtigen Geist gegen jene junge Frau, da sie dachte, es handele sich um eine sehr unwürdige Person, um so eine Gnade zu erhalten. Aber bei alldem fasste sie den festen Entschluss, das Äusserste zu tun, um denselben Segen zu erlangen. Da sie dachte, sie hätte nicht genügend Kenntnisse, um sich bekehren zu können, beschloss sie, in der Schrift zu forschen. Sie begann ganz am Anfang der Bibel und beschloss, sie ganz durchzulesen.
So fuhr sie fort bis am Donnerstag, und dann fand eine plötzliche Veränderung statt. Ihre Besorgnis aufgrund eines aussergewöhnlichen Bewusstseins ihrer Sünde, insbesondere der Bosheit ihres Herzens, nahm stark zu. Wie sie sagte, kam das über sie wie ein Blitzschlag, und löste in ihr äusserste Furcht aus. Daraufhin änderte sie die Reihenfolge ihres Bibellesens und wandte sich dem Neuen Testament zu, um zu sehen, ob sie da Erleichterung fände für ihre verzweifelte Seele.

Wie sie sagte, war es ihre grosse Furcht, dass sie gegen Gott gesündigt hatte; und ihre Verzweiflung nahm während drei Tagen noch mehr zu, bis sie nichts als Dunkelheit vor sich sah, und ihr Körper zitterte vor Furcht vor dem Zorn Gottes. Sie verwunderte sich über sich selbst, dass sie sich bisher so sehr um ihren Körper bekümmert hatte und so oft Ärzte aufgesucht hatte, um gesund zu werden; aber ihre Seele vernachlässigt hatte. Ihre Sünde erschien ihr sehr schrecklich, insbesondere in drei Dingen: ihre Erbsünde; und ihre Sünde des Murrens gegen Gottes Vorsehung (wegen ihrer körperlichen Schwachheit); und die Versäumnisse ihrer Pflichten ihren Eltern gegenüber (obwohl andere Menschen sie als äusserst pflichtbewusst ansahen).
Am Samstag war sie so ernsthaft darin vertieft, die Bibel und andere Bücher zu lesen, um etwas zu finden, was ihr Erleichterung verschaffen würde, dass sie damit fortfuhr, bis sie vor Müdigkeit kein Wort mehr erkennen konnte. Während dieses Lesens und Betens erinnerte sie sich an die Worte Christi, dass wir nicht wie die Heiden sein sollen, die denken, sie würden um ihrer vielen Worte willen erhört. Das brachte sie zur Erkenntnis, dass sie auf ihre eigenen Gebete und religiösen Leistungen vertraut hatte; aber das war jetzt zunichte gemacht worden, und sie wusste nicht, wohin sie sich wenden sollte oder wo sie Erleichterung suchen sollte.

Am selben Tag ging sie zu ihrem Bruder und machte ihm Vorwürfe, warum er ihr nicht mehr über ihre Sündhaftigkeit gesagt hätte, und fragte ihn ernsthaft, was sie nun tun sollte. Sie fühlte in ihrem Innern eine Feindschaft gegen die Bibel und wurde dadurch in Furcht versetzt. Später erzählte sie darüber, dass sie bis zu jenem Moment gedacht hatte, die Sünde Adams sei nicht ihre eigene Sünde, und sie hätte keinen Anteil daran; aber dass sie jetzt sah, dass sie selber dieser Sünde schuldig war und davon über und über befleckt war, und dass die Sünde, die sie mit sich in die Welt gebracht hatte, allein schon genug wäre, um sie zu verdammen.

Am Sonntag war sie so krank, dass ihre Freunde sie nicht zur Kirche gehen liessen, obwohl sie gehen wollte. Als sie sich am Abend niederlegte, beschloss sie, am nächsten Morgen zum Pfarrer zu gehen, um ihn um Rat zu fragen. Aber das war nicht nötig. Als sie am Montagmorgen erwachte, verwunderte sie sich selber über die Leichtigkeit und Ruhe in ihrem Sinn, wie sie sie noch nie zuvor gefühlt hatte. Diese Worte kamen in ihren Sinn: „Die Worte des Herrn sind reine Worte, Gesundheit für die Seele und Mark für die Knochen.“ Und dann diese: „Das Blut Christi reinigt von aller Sünde.“ Das war begleitet von einem lebendigen Bewusstsein der Vorzüglichkeit Jesu, und dass sein Opfer ausreichte für die Sünden der ganzen Welt. Dann erinnerte sie sich an diese Worte: „Es ist den Augen angenehm, die Sonne zu betrachten“, was ihr sehr gut auf Jesus Christus zu passen schien. So wurde ihr Sinn von solchen Gedanken und Bildern über Jesus erfüllt, dass sie aufs Äusserste von Freude erfüllt wurde. Sie erzählte ihrem Bruder, dass sie (in Bildern des Glaubens) Jesus gesehen hatte, und dass sie gedacht hatte, sie hätte nicht genug Kenntnisse, um bekehrt werden zu können; „aber“, sagte sie, „Gott kann es sehr einfach machen!“ Während des ganzen Montags fühlte sie eine anhaltende Lieblichkeit in ihrer Seele. Während drei Morgen hatte sie dieselben Eindrücke über Christus, aber jedesmal stärker.

Das letzte Mal, am Mittwochmorgen, während sie sich eines geistlichen Bildes von Jesu Herrlichkeit und Fülle erfreute, wurde ihre Seele mit Trauer erfüllt um die Menschen ohne Christus und ihre erbärmlich Lage. Sie fühlte den starken Wunsch, sofort hinzugehen und die Sünder zu warnen. Am nächsten Tag schlug sie ihrem Bruder vor, mit ihr zusammen von Haus zu Haus zu gehen; aber er hielt sie davon ab und sagte, das sei eine ungeeignete Methode. Zu einer ihrer Schwestern sagte sie an jenem Tag, sie liebte die ganze Menschheit, aber insbesondere das Volk Gottes. Ihre Schwester fragte sie, warum sie die ganze Menschheit liebte. Sie antwortete: „Weil Gott sie geschaffen hat.“ – Oft wurde sie von grosser Zuneigung zu den Menschen erfüllt, die ihr gottesfürchtig schienen, wenn sie mit ihnen sprach, und manchmal sogar schon wenn sie sie nur sah.

Sie hatte viele aussergewöhnliche Eindrücke von der Herrlichkeit Gottes und Christi. Einmal gingen ihr diese vier Worte durch den Sinn: Weisheit, Gerechtigkeit, Güte und Wahrheit; und ihre Seele wurde erfüllt mit einem Bewusstsein der Herrlichkeit einer jeden dieser göttlichen Eigenschaften, aber besonders der letzten. „Wahrheit“, sagte sie, „war am tiefsten!“ Ihr Sinn war so erfüllt davon, dass sie sagte, es schien ihr, als ob ihr Leben dahinschwände, und sie sah, dass Gott ihr ohne weiteres das Leben nehmen könnte mit solchen Offenbarungen seiner selbst.
Wenig später ging sie zu einer privaten religiösen Versammlung, und jemand fragte sie nach ihren Erfahrungen. Sie begann zu erzählen, aber während sie sprach, wurde sie wieder so von denselben Dingen beeindruckt, dass ihre Kräfte sie verliessen, und sie mussten sie auf ein Bett legen. Als sie wieder zu sich kam, rief sie voll Freude: „Würdig ist das Lamm, das geschlachtet ward!“

Einmal, als sie zu mir kam, sagte sie, dass sie zu einem gewissen Zeitpunkt dachte, sie hätte so viel von Gott gesehen, wie es nur möglich sei in diesem Leben; und doch habe sich Gott ihr später in noch viel reicherer Fülle offenbart. Es schien, dass sie eine so unmittelbare Beziehung zu Gott hatte wie ein Kind zu seinem Vater. Zugleich war sie weit davon entfernt, von sich selber hoch zu denken. Im Gegenteil, sie war wie ein kleines Mädchen, und hatte ein grosses Bedürfnis, belehrt zu werden. Sie sagte mir, sie sehnte sich oft danach, von mir Lehre zu empfangen, und sie würde gerne in meinem Haus wohnen, damit ich zu ihr über ihre Pflichten sprechen könne.

Oft fühlte sie die Herrlichkeit Gottes in den Bäumen erscheinen, in den Pflanzen des Feldes, und in anderen Werken Gottes. Einmal sagte sie zu ihrer Schwester, sie hätte früher gerne im Stadtzentrum wohnen wollen, aber jetzt gefiele es ihr viel besser, den Wind in den Bäumen wehen zu sehen und die Landschaft zu betrachten, die Gott geschaffen hatte.

Sie sehnte sich nach dem Sterben, damit sie bei Jesus sein könnte, sodass sie darüber sogar ungeduldig wurde. Aber als sie wieder einmal diese Sehnsucht verspürte, dachte sie bei sich selbst: „Wenn ich mich nach dem Sterben sehne, warum gehe ich dann zu den Ärzten?“ Und sie schloss daraus, dass ihr Wunsch zu sterben nicht gut war. Von da an dachte sie öfters darüber nach, ob es besser sei zu leben oder zu sterben, krank oder gesund zu sein. Schliesslich sagte sie: „Ich bin bereit zu leben und auch bereit zu sterben; ich bin bereit krank zu sein, und ich bin bereit gesund zu sein. Ich bin bereit zu allem, was Gott mit mir tun wird!“ – „Und dann“, sagte sie, „fühlte ich mich völlig erleichtert, ganz dem Willen Gottes hingegeben.“ Und es scheint, dass sie diese hingegebene Haltung bis zu ihrem Tod beibehielt.

(…) Zweifellos war es zum Teil ihrer körperlichen Schwachheit zuzuschreiben, dass ihre Kräfte sie so oft verliessen. Aber sie hatte auch mehr Gnade und grössere Offenbarungen von Gott empfangen, als ihr kränklicher Zustand zuliess. Sie wünschte an einem Ort zu sein, wo die mächtige Gnade grössere Freiheit hätte, und von dem Hindernis eines schwachen Körpers befreit zu sein; und zweifellos ist sie jetzt an jenem Ort. Dieser Bericht über sie ist sehr unvollkommen; er gibt nur einen sehr kleinen Eindruck von ihren Erfahrungen, und kann ihre tiefe Demut nicht angemessen wiedergeben. Aber, gelobt sei Gott! es gibt viele lebendige Beispiele von Menschen, die ähnlich sind wie sie und nicht weniger aussergewöhnlich.

Fortsetzung folgt

Das Leben John Wesleys: „Ihr müsst von neuem geboren werden“ (Fortsetzung)

21. Juli 2013

Der erste missionarische Versuch

In Georgia wurde Wesley ein Pfarramt unter den Engländern zugewiesen. Dort geschah dasselbe wie in England: Seine starke und strenge Predigt über die Heiligkeit erregte allgemeine Aufmerksamkeit, aber alle wandten sich gegen ihn. Nur wenige liessen sich von ihm überzeugen, und Wesley sah sich ständig in Streitigkeiten, Intrigen und Bedrohungen verwickelt. Ein Mitglied seiner Kirche warf ihm eines Tages vor:
„Mir gefällt überhaupt nichts von dem, was Sie tun. Alle Ihre Predigten sind Satiren über bestimmte Personen, und deshalb will ich Ihnen nicht mehr zuhören, und die ganze Gemeinde sagt dasselbe, denn wir wollen nicht länger beleidigt werden. Ausserdem sagen sie, sie seien Protestanten; aber von Ihnen kann niemand sagen, was für einer Religion Sie angehören. Niemand hier hat je von einer solchen Religion gehört. Die Leute wissen nicht, was sie davon halten sollen. Und ausserdem Ihr persönliches Verhalten – alle die Auseinandersetzungen, die es durch Ihre Schuld gegeben hat, seit Sie gekommen sind. Überhaupt kümmert sich kein Mensch in dieser Stadt auch nur um ein einziges Wort von dem, was Sie sagen. Sie können predigen, soviel Sie wollen; aber niemand wird kommen, um Ihnen zuzuhören.“
Wesley fügt in seinem Tagebuch hinzu: „Er war zu erhitzt, um einer Antwort zuzuhören. So blieb mir nichts anderes übrig, als ihm für seine Offenheit zu danken und wegzugehen.“

Wesley verwickelte sich ausserdem in eine Liebesaffäre, wo er sehr unweise handelte. Eine junge Frau, die anscheinend Gott liebte, begann sich für ihn zu interessieren. Sie gefiel Wesley auch, aber er hatte oft gesagt, es sei besser, ledig zu bleiben, um Gott besser dienen zu können. Deshalb zweifelte er, ob Gott ihm erlauben würde zu heiraten. Aufgrund dieser eigenen Unsicherheit schwankte er ständig zwischen zwei gegensätzlichen Verhaltensweisen: auf der einen Seite machte er der jungen Frau Hoffnungen, und auf der anderen Seite distanzierte er sich wieder von ihr. Dieses Verhalten verwirrte sie so sehr, dass sie schliesslich in ihrer Verzweiflung überstürzt einen anderen Mann heiratete.

Mit all diesen Problemen in der Gemeinde und in seinem eigenen Leben konnte Wesley nie seinen eigentlichen Vorsatz ausführen, die Indianer zu evangelisieren. Seine Arbeit unter den Eingeborenen beschränkte sich auf einige wenige Kontakte.

Während dieser ganzen Zeit versammelte sich Wesley weiterhin mit den Herrnhutern, die am selben Ort lebten. Ab und zu suchte er Rat bei ihnen. Anscheinend waren sie die einzigen Menschen, vor denen er sein Herz öffnen konnte. In einem Gespräch mit einem ihrer Leiter, Spangenberg, fragte ihn dieser:

– „Mein Bruder, ich muss dir zuerst eine oder zwei Fragen stellen. Hast du das Zeugnis in dir? Bezeugt der Geist Gottes zusammen mit deinem Geist, dass du Gottes Kind bist?“
John Wesley war angesichts dieser Frage so sprachlos, dass er nicht antworten konnte.
– „Kennst du Jesus Christus?“, fuhr Spangenberg fort.
– „Ich weiss, dass er der Erlöser der Welt ist.“
– „Gewiss; aber weisst du, dass er dich erlöst hat?“
– „Ich hoffe es“, antwortete Wesley, „er starb, um mich zu erretten.“
– „Kennst du dich selber?“
– „Ja“, sagte Wesley, aber er sagte es nicht mit Überzeugung.

Die Überführung durch den Heiligen Geist

Schliesslich verliess Wesley vor der Zeit Georgia und kehrte fast fluchtartig nach England zurück. Während der Schiffsreise hatte er mehrere Wochen Zeit, um über seinen Misserfolg und dessen Ursachen nachzudenken. Und da war es, wo Gott ihm ganz klar die Wahrheit zeigte: Er selber war noch nicht wiedergeboren!

Während dieser Reise schrieb Wesley die folgenden beeindruckenden Worte in sein Tagebuch:

„Ich ging nach Amerika, um die Indianer zu bekehren; aber ach! wer wird mich bekehren? Wer wird mich von diesem boshaften Herz erlösen? Ich habe eine Sommer-Schönwetterreligion. Ich kann gut reden, ja, und kann auch glauben, solange keine Gefahr herrscht; aber wenn mir der Tod ins Gesicht schaut, verstört sich mein Geist. Ich kann auch nicht sagen: ‚Sterben ist Gewinn‘.
Ich habe eine Sünde der Angst, dass wenn ich
meinen letzten Faden gewebt haben werde,
am Ufer zugrunde gehe!“

Und etwas später:

„Es ist jetzt zwei Jahre und fast vier Monate her, seit ich mein Land verliess, um die Indianer von Georgia über das Christentum zu belehren. Aber was habe ich selber in dieser Zeit gelernt? Was ich am wenigsten erwartete: dass ich, der ich nach Amerika ging, um andere zu bekehren, selber nie zu Gott bekehrt worden war.“

An dieser so wichtigen Stelle in Wesleys Leben müssen wir einen Moment innehalten. Er war ein Theologe, ein ordinierter Pfarrer, ein Prediger, ein Missionar. Er kannte und glaubte alle wichtigen Lehren des Christentums, und belehrte andere darüber. Dennoch musste er anerkennen, dass er selber noch nicht wiedergeboren war. Ja, er glaubte, dass Jesus für ihn gestorben war. Aber auf der Reise und in Georgia war sein Glaube auf die Probe gestellt worden – und zu leicht befunden worden. Wesley musste eingestehen, dass er im Grunde seines Herzens keinen Glauben hatte.

Wenn wir nur die grosse und schreckliche Lehre verstehen könnten, die in dieser Geschichte für unsere heutigen Kirchen liegt! Wie schnell sind wir dabei, jemanden als „Christ“ und „Bruder“ zu bezeichnen. Wir geben uns damit zufrieden, dass jemand zur Kirche geht, die Bibel liest, betet, Geld spendet, und „auf christlich“ sprechen kann. Und wenn wir ihn sein „Übergabegebet“ sprechen gehört haben, dann zweifeln wir überhaupt nicht mehr daran, dass es sich um einen echten, bekehrten Christen handelt. In einigen Gemeinden wird es sogar als eine Todsünde betrachtet, die Errettung einer solchen Person in Frage zu stellen. Aber Wesley hatte all das getan, was diese „Durchschnittschristen“ tun, und noch viel mehr. Er hatte seine Ordinationsgelübde abgelegt. Er war unter Lebensgefahr über das Meer gereist, um die Indianer zu bekehren. Er hatte ein disziplinierteres und frömmeres Leben geführt als alle seine Kameraden. Dennoch war er nicht wiedergeboren.

Ist es da nicht logisch anzunehmen, dass viele der angeblichen „Geschwister“ in den Gemeinden ebensowenig wiedergeboren sind? – und dass sogar viele der gegenwärtigen Pfarrer und Prediger nicht wiedergeboren sind?

Manche Jahre später sagte Wesley in einer Predigt, dass er während all dieser Jahre nur ein „Beinahe-Christ“ gewesen sei. Einer, der sich bemüht, Gottes Gebote zu halten; der sich bemüht, gute Werke zu tun; und der den ehrlichen Wunsch hat, Gott zu gefallen. Einer, der von Herzen alle seine religiösen Pflichten erfüllt. Ist es nicht das, was in vielen Kirchen unter einem Christen verstanden wird? Und gibt es etwa nicht viele „Geschwister“ in den Kirchen, die nach Wesley nicht einmal „Beinahe-Christen“ wären, weil sie noch in bewusster Sünde leben und in ihren Herzen nicht ehrlich sind? Wie können sie dann glauben, sie seien errettet?
Aber auch als „Beinahe-Christ“ fehlte Wesley noch das Entscheidende (wie er in jener Predigt sagte): die echte Liebe Gottes und der echte Glaube. Seine Frömmigkeit und seine guten Werke waren nichts als menschliche Anstrengungen. Er hatte das Leben eines echten Christen nachgeahmt; aber Gott hatte nicht wirklich in seinem Leben gewirkt.

Bei einer anderen Gelegenheit sagte Wesley, dass er während all jener Jahre den Glauben eines Sklaven gehabt hätte; aber dass ihm nachher Gott den Glauben eines Sohnes gegeben hätte.

Das Leben Wesleys sollte als Beispiel dienen, um all jenen die Augen zu öffnen, die meinen, Christen zu sein, während sie in Wirklichkeit nur religiöse Gewohnheiten haben.
Hat dich Gott je zutiefst von deiner Sündhaftigkeit und deinem Unglauben überführt?
Gab es in deinem Leben ein echtes Wirken Gottes, das dein Leben veränderte und den Sünder, der du warst, in ein heiliges Kind Gottes verwandelte?
Oder ist deine ganze Religiosität nur dein eigenes menschliches Werk?

Wichtige Anmerkung: Ich sagte oben, dass in Georgia der Glaube Wesleys als zu leicht befunden wurde. Das hat aber nichts damit zu tun, was die Leute über ihn sagten. Einige „Christen“ meinen, sie seien „bewährt“, wenn die ganze Gemeinde gut von ihnen spricht (und insbesondere der Pastor). Und sie meinen, sie seien „unbewährt“, wenn die Gemeinde schlecht von ihnen spricht (und insbesondere der Pastor). Das ist ein grosser Irrtum. Nur in deiner persönlichen Beziehung zu Gott zeigt es sich, ob dein Glaube bewährt ist. Wir werden weiter unten sehen, dass Wesley nach seiner Wiedergeburt noch viel mehr kritisiert und misshandelt wurde – insbesondere von den Pastoren. Aber da war sein Glaube fest und bewährt.

Die Wiedergeburt

Bei seiner Rückkehr nach London lernte Wesley einen anderen Herrnhuter kennen, Peter Böhler, der vor kurzem aus Deutschland gekommen war. Er sprach mit ihm über seine Verzweiflung, und während der folgenden vier Monate war Böhler sein Ratgeber in seinen geistlichen Stürmen. In einem dieser Gespräche sagte Böhler zu ihm: „Mein Bruder, mein Bruder, du musst von dieser deiner Philosophie gereinigt werden.“

Wesley erwähnt das folgende Gespräch, einige Wochen später:

„Am Sonntag wurde ich klar vom Unglauben überführt, vom Mangel an jenem Glauben, durch den wir als einziges errettet werden können.
Sofort kam mir der Gedanke: ‚Hör auf zu predigen. Wie kannst du anderen predigen, wenn du selber keinen Glauben hast?‘ – Ich fragte Böhler, ob ich aufhören sollte zu predigen. Er antwortete: ‚Keinesfalls.‘ – Ich fragte: ‚Aber was kann ich predigen?‘ – Er sagte: ‚Predige den Glauben, bis du ihn hast; und dann wirst du ihn predigen, weil du ihn hast.‘ „

Bei einer anderen Gelegenheit, als Wesley nochmals dasselbe fragte, antwortete Böhler: „Nein, vergrabe das Talent nicht, das Gott dir gegeben hat.“

So fuhr Wesley fort zu predigen, und die Wahrheit Gottes schaffte sich allmählich Raum in seinem eigenen Herzen.

Am 24.Mai 1738, vier Monate nach seiner Rückkehr von Amerika, befand sich Wesley in einer Versammlung, wo Luthers Vorrede zum Römerbrief vorgelesen wurde. Wesley berichtet:

„Etwa um viertel vor neun, während er den Wechsel beschrieb, den Gott im Herzen bewirkt durch den Glauben an Christus, fühlte ich, dass mein Herz seltsam erwärmt wurde. Ich fühlte, dass ich auf Christus vertraute, auf Christus allein, für meine Errettung; und es wurde mir eine Gewissheit gegeben, dass er meine Sünden weggenommen hatte, sogar die meinen, und mich vom Gesetz der Sünde und des Todes erlöst hatte.
(…) Wenig später flüsterte mir der Feind ein: ‚Das kann nicht Glaube sein, denn wo ist deine Freude?‘ – Darauf wurde ich belehrt, dass der Friede und der Sieg über die Sünde wesentlich sind im Glauben an den Anführer unserer Erlösung; dass aber das Gefühl der Freude (…) Gott manchmal gibt und manchmal zurückbehält, nach dem Ratschluss seines eigenen Willens.
(…) Die Versuchungen kamen immer wieder zurück. Jedesmal hob ich meine Augen auf, und Er ’sandte mir Hilfe aus Seinem Heiligtum‘. Und darin fand ich den hauptsächlichen Unterschied zwischen meinem neuen Zustand und dem vorherigen. Ich strengte mich an und kämpfte mit all meiner Kraft, sowohl unter dem Gesetz wie unter der Gnade. Aber damals wurde ich oft besiegt; jetzt war ich immer Sieger.

J.E.Hutton schreibt über diese Veränderung: „Von diesem Moment an, trotz einiger wiederkehrender Zweifel, war John Wesley ein veränderter Mensch. Obwohl er keine neue Lehre gelernt hatte, hatte er doch gewiss eine neue Erfahrung gemacht. Er hatte Frieden in seinem Herzen, war seiner Errettung gewiss, und von da an, wie alle Leser wissen, war er imstande, sich selbst zu vergessen, seine Seele in Gottes Hand zu lassen, und sein Leben zur Errettung seiner Nächsten zu verwenden.“

Es ist sehr interessant zu lesen, wie Wesley die Wirkung seiner Predigten während jener Zeit beschreibt:

„4.Februar. Am Nachmittag wurde ich gebeten, in St.John the Evangelist’s zu predigen. Ich tat es, über diese starken Worte: ‚Wenn jemand in Christus ist, so ist er eine neue Schöpfung‘ (2.Kor.5,17). Danach wurde ich darüber informiert, dass die Besten in der Versammlung sich so beleidigt fühlten, dass ich nie mehr hier predigen sollte.
Sonntag, 12. Ich predigte in St.Andrew’s, Holborn, über: ‚Auch wenn ich all meine Güter gäbe, um die Armen zu speisen, und auch wenn ich meinen Körper hingäbe zum Verbrennen, aber hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts.‘ (1.Kor.13,3). Oh, harte Worte! Wer kann sie anhören? Auch hier scheint es, dass sie mich nie mehr predigen lassen werden.
Sonntag, 26. Ich predigte um sechs in St.Lawrence, um zehn in St.Catherine Cree’s, und am Nachmittag in St.John’s, Wapping. Ich glaube, es gefiel Gott, die erste Predigt am meisten zu segnen, denn sie erregte am meisten Anstoss.
(…) Sonntag, 7.Mai. Ich predigte morgens in St.Lawrence, und danach in St.Catherine Cree’s. An beiden Orten wurde ich befähigt, starke Worte zu sprechen; und war deshalb nicht überrascht, als ich informiert wurde, ich dürfe in keiner dieser beiden Kirchen mehr predigen.
Sonntag, 14. Ich predigte morgens in St.Ann’s, Aldersgate; und am Nachmittag in Savoy Chapel, die freie Erlösung durch den Glauben an das Blut Christi. Man sagte mir sofort, dass ich auch in St.Ann’s nicht mehr predigen dürfe.
Sonntag, 21. Ich predigte in St.John’s, Wapping um drei, und in St.Bennett’s, Paul’s Wharf, am Abend. Auch in diesen Kirchen darf ich nicht mehr predigen.“

Was war so anstössig an diesen „neuen“ Predigten Wesleys? – Nun, es war genau das, was er selber erfahren hatte: dass es nötig war, von neuem geboren zu werden. Wesley verstand sehr gut, dass sich die Mitglieder (und Pastoren) der Kirchen in derselben Situation befanden wie er vor seiner Wiedergeburt: Sie dachten, sie seien Christen, aber sie waren höchstens „Beinahe-Christen“. Somit bewies ihnen Wesley aus der Schrift, dass sie von neuem geboren werden mussten. Das ist die anstössigste, aber zugleich notwendigste Botschaft für die Kirche. Nicht nur zur Zeit Wesleys, sondern auch heute. Wo sind heute die Prediger, die den Mitgliedern und Pastoren der evangelischen und evangelikalen Kirchen aus der Schrift zeigen, dass sie erst von neuem geboren werden müssen?

(Fortsetzung folgt)

John Wesley und die Methodisten – Teil 1

13. Juli 2013

Vorbemerkung: Anfänglich hatte ich geplant, in der Artikel-Rubrik „Erweckungsgeschichte“ chronologisch vorzugehen. Dann müsste ich eigentlich vor Wesley zumindest über die Puritaner, die Quäker, die Pietisten und die Herrnhuter sprechen. Aber ich hatte bisher nicht die Zeit, Artikel über diese Bewegungen zusammenzustellen, während ich über Wesley schon viel vorbereitetes Material hatte. Deshalb mache ich jetzt nach den Täufern der Reformationszeit einen grossen zeitlichen Sprung nach vorne, und hoffe die übrigen erwähnten Bewegungen ein anderes Mal behandeln zu können.

(Anmerkung: Alle Wesley-Zitate sind, soweit nichts anderes angemerkt, aus Wesleys Tagebuch entnommen.)

Das Leben John Wesleys: „Ihr müsst von neuem geboren werden“

John Wesley wurde von Gott gebraucht, um eine der grössten Erweckungen der Geschichte herbeizuführen. Während seines Dienstes kamen Tausende und vielleicht Millionen von Menschen in England zum Glauben an Jesus und änderten ihr Leben. Diese Erweckung veränderte das ganze Land. Historiker sagen, dass England nur durch das Wirken Wesleys eine ähnlich blutige Revolution wie die französische erspart wurde. So sagt z.B. John Telford in der Einleitung zu seiner Biographie Wesleys:

(Der Historiker) Lecky schreibt dem Methodismus einen prominenten Platz zu unter den Einflüssen, die dieses Land (England) vor dem revolutionären Geist bewahrten, der Frankreich ruinierte. Er zeigt, wie ‚besonders glücklich‘ der Umstand war, dass der Industrialisation in der zweiten Hälfte des 18.Jahrhunderts ‚eine religiöse Erweckung vorausging, die eine Quelle moralischer und religiöser Energie unter den Armen eröffnete, und gleichzeitig auf mächtige Weise die Menschenliebe unter den Reichen förderte.‘ „

Fast gleichzeitig bevollmächtigte Gott auf der anderen Seite des Atlantiks einen Prediger, durch den in Amerika eine ebenso grosse Erweckung geschehen sollte: Jonathan Edwards. Ein Freund Wesleys, George Whitefield, sollte in jener Erweckung ebenfalls grossen Einfluss haben. Die Daten dieser zwei Erweckungen stimmen auffallend überein: Edwards erlebte die Anfänge der Erweckung im Jahr 1735. Von 1740 bis 1742 breitete sie sich unter allen englischen Kolonien in Nordamerika aus, und 1745 erreichte sie die indianischen Ureinwohner (durch den Missionar David Brainerd). – John Wesley erlebte 1738 seine persönliche Wiedergeburt, und daraufhin begann die Erweckung in England, die mehrere Jahrzehnte lang andauerte. – Wenig früher (1727) war auch in Deutschland von Herrnhut eine Erweckung ausgegangen, welche die erste Weltmissionsbewegung seit der Reformation hervorbrachte. – Es scheint, dass Gott beschlossen hatte, während jener Jahrzehnte von etwa 1730 bis 1750 seine Gemeinde im grossen Stil zu erneuern.

Wenn wir diese Erweckungsbewegungen mit der Reformation Luthers und Calvins vergleichen, dann sticht ein besonderer Unterschied ins Auge. Die Reformation betonte die Lehre, insbesondere über die Rechtfertigung aus Glauben, durch die Gnade Gottes. Die Erweckungen des 18.Jahrhunderts betonten das persönliche Erleben der Rechtfertigung und der Gnade Gottes. In anderen Worten: Die Reformatoren fragten: „Glaubst du an die Lehre der Rechtfertigung aus dem Glauben?“ Die Erweckungsprediger fragten: „Zeigt es sich in deinem eigenen Leben, dass du errettet bist?“

Die Erweckungsprediger verachteten nicht etwa die Lehre. Im Gegenteil, die Lehre von der Erlösung war ihnen äusserst wichtig. Ohne diese Grundlage, die in der Reformationszeit gelegt worden war, wären die Erweckungen nicht möglich gewesen. Aber Prediger wie Edwards, Wesley, und andere, erkannten, dass es nicht genug war, die richtige Lehre anzuerkennen. Es war nötig, die grosse Umwandlung, die Jesus im Leben eines Gläubigen bewirkt, selber zu erleben. Das heisst, es war nötig, wiedergeboren zu werden.

John Wesley erfuhr diese Notwendigkeit zutiefst in seinem eigenen Leben.

Viele gute Vorsätze

Von Kind auf bemühte sich John Wesley, ein diszipliniertes und methodisches Leben zu führen. Ein Biograph sagt, dass er sogar auf die Frage, ob er noch etwas mehr Brot möchte, nicht mit „ja“ oder „nein“ zu antworten pflegte, sondern sagte: „Danke, ich werde es mir überlegen.“ Sein Vater verzweifelte fast darüber und sagte eines Tages zu seiner Frau: „Ich versichere dir, unser John würde nicht einmal den dringendsten Bedürfnissen der Natur nachgeben, wenn er nicht einen guten Grund dafür nennen könnte.“

Im Studium fand Wesley, dass das Leben eines typischen Studenten informell und oberflächlich war. Er beschloss, das zu ändern, und verfasste für sich selber ein Reglement unter dem Titel: „Eine allgemeine Regel in allen Tätigkeiten des Lebens.“ Darin nahm er sich z.B. vor, „immer eine atemberaubende Furcht vor der Gegenwart Gottes zu bewahren“, „jede freie Stunde auf Dinge der Religion zu verwenden“, „die Neugier über unnütze Tätigkeiten und Kenntnisse zu vermeiden“. Er unterwarf sein tägliches Leben einem strengen Stundenplan. Aber oft musste er sich selber Vorwürfe machen, weil er diese selbst aufgestellten Regeln nicht erfüllen konnte.

Wesley studierte Theologie und wurde zum anglikanischen Pfarrer ordiniert. Von Anfang an predigte er über die Notwendigkeit, ein heiliges und diszipliniertes Leben zu führen. Das beeindruckte seine Zuhörer; aber viele ärgerten sich, weil Wesley zu streng und unflexibel war. Da bot sich eine Gelegenheit an, in einer kurz zuvor gegründeten Kolonie in Georgia zu arbeiten. Dort sollte Wesley ein Pfarramt für eine englische Gemeinde übernehmen; aber er dachte noch mehr daran, die dort ansässigen Indianer zu evangelisieren.

Geprüft im Sturm

Wesley reiste mit drei Begleitern nach Amerika, darunter sein Bruder Charles. Auf demselben Schiff befand sich eine Gruppe deutscher Herrnhuter, die sich ebenfalls in Georgia ansiedeln wollten. Wesley fühlte sich sehr zu ihnen hingezogen und nahm an ihren täglichen Zusammenkünften teil. Er schrieb darüber:

„Sie zeigten ständig ihre Demut, indem sie für die anderen Passagiere jene untergeordneten Arbeiten übernahmen, die keiner der Engländer getan hätte. Weder baten sie um Bezahlung noch nahmen sie solche an. Sie sagten: ‚Es war gut für ihre stolzen Herzen‘, und: ‚Ihr liebender Erlöser hat mehr getan für sie.‘ Und jeden Tag zeigten sie eine Sanftmut, die sich durch keine Beleidigung aus der Ruhe bringen liess. Wenn sie geschubst, geschlagen oder umgeworfen wurden, standen sie wieder auf und gingen weg; aber in ihrem Mund fand sich keine Klage.“

Auch auf dem Schiff behielt Wesley seinen geordneten und strengen Lebensstil bei. Er schrieb in seinem Tagebuch:

„Unsere normale Lebensweise war so:
Von vier bis fünf Uhr morgens widmete sich jeder von uns dem persönlichen Gebet. Von fünf bis sieben lasen wir zusammen die Bibel. (…) Um sieben frühstückten wir. Um acht Uhr war das öffentliche Gebet. Von neun bis zwölf lernte ich Deutsch, und Herr Delamotte lernte Griechisch. Mein Bruder schrieb Predigten, und Herr Ingham lehrte die Kinder. Um zwölf kamen wir zusammen, um voreinander Rechenschaft abzulegen darüber, was wir seit der letzten Zusammenkunft getan hatten, und was wir bis zur nächsten tun wollten. Um ein Uhr assen wir zu Mittag. Nach dem Mittagessen bis um vier Uhr lasen wir für jene [Passagiere], für die sich jeder von uns verantwortlich gemacht hatte, oder wir sprachen mit ihnen einzeln, je nach den Bedürfnissen. Um vier war das Nachmittagsgebet. (…) Von fünf bis sechs beteten wir jeder für sich. Von sechs bis sieben las ich in unserer Kabine für zwei oder drei Passagiere. (…) Um sieben Uhr versammelte ich mich mit den Deutschen in ihrem öffentlichen Gottesdienst. (…) Um acht kamen wir wieder unter uns zusammen, um uns gegenseitig zu ermahnen und zu lehren. Zwischen neun und zehn Uhr gingen wir schlafen…“

Die Überfahrt war ziemlich stürmisch, sodass die Passagiere um ihr Leben zu fürchten begannen. In diesen Umständen wurde sich Wesley bewusst, dass er im Tiefsten seines Herzens nicht auf das Sterben vorbereitet war:

„Etwa um neun Uhr ging eine See über uns hinweg vom Bug bis zum Heck, zerbrach die Fenster der Kabine, wo sich drei oder vier von uns befanden, und bedeckte uns vollständig, obwohl ein Schreibtisch mich vor dem schlimmsten Aufprall schützte. Etwa um elf legte ich mich in der grossen Kabine nieder und schlief bald ein, aber ohne zu wissen, ob ich wieder lebendig aufwachen würde, und sehr beschämt, weil ich nicht zum Sterben bereit war. Oh, wie reines Herzens muss der sein, der sich darüber freuen würde, ohne Vorwarnung vor Gott zu erscheinen!“

Aber das Schlimmste sollte noch kommen. Wesley schreibt in seinem Tagebuch über den stärksten Sturm:

„…Um vier Uhr war der Sturm heftiger als je… Das Schiff wurde von so unregelmässigen Bewegungen durchgeschüttelt, dass man sich nur mit grösster Schwierigkeit an etwas festhalten konnte, um sich aufrecht zu halten. Alle zehn Minuten gab es einen Schlag gegen das Heck oder die Seite des Schiffes, sodass man denken musste, die Planken würden in Stücke zersplittern.
… Um sieben ging ich zu den Deutschen. Inmitten des Psalmlieds zur Eröffnung des Gottesdienstes brach eine See über das Schiff herein, riss das Hauptsegel in Stücke, bedeckte das Schiff und ergoss sich zwischen die Decks, als ob uns der grosse Abgrund bereits verschlungen hätte. Die Engländer fingen an schrecklich zu schreien. Die Deutschen sangen ruhig weiter. Danach fragte ich einen von ihnen: ‚Hattet ihr keine Angst?‘ Er antwortete: ‚Gott sei Dank, nein.‘ Ich fragte: ‚Aber haben eure Frauen und Kinder keine Angst gehabt?‘ Er sagte freundlich: ‚Nein, unsere Frauen und Kinder haben keine Angst zu sterben.‘ – Dann ging ich zu seinen Nachbarn, die schrieen und zitterten, und zeigte ihnen den Unterschied in der Stunde der Prüfung, zwischen dem, der Gott fürchtet, und dem, der ihn nicht fürchtet.“

Aber Wesley selber hatte auch nicht die Ruhe, die die Herrnhuter auszeichnete. J.E.Hutton sagt (in „Geschichte der Brüdergemeine“): „John Wesley war zutiefst verstört. Mit all seiner Frömmigkeit fehlte ihm doch noch etwas, was diese Brüder besassen. Es fehlte ihm das siegesgewisse Vertrauen auf Gott. Er fürchtete noch den Tod. – ‚Wie kommt es, dass du keinen Glauben hast?‘, sagte er zu sich selber.“

(Fortsetzung folgt)