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Kennzeichen der Urgemeinde in Apostelgeschichte 2 (6.Teil)

18. August 2017

Der Herr tat neue Gläubige hinzu.

„Und der Herr tat täglich zur Versammlung hinzu, die gerettet wurden.“ (Apostelgeschichte 2,47). – Das ist ein starker Kontrast zu der Art, wie die meisten heutigen Kirchen wachsen (wenn sie überhaupt wachsen). Wenn heute eine Kirche wächst, dann ist es fast immer deshalb, weil sie selber „Aussenstehende“ zu ihren Versammlungen einladen, weil sie selber evangelisieren, weil sie selber irgendeine „Gemeindewachstumsstrategie“ anwenden. Aber von der neutestamentlichen Gemeinde heisst es, dass „der Herr hinzutat“. Sehen wir das Wachstum der Gemeinde als ein menschliches oder ein göttliches Werk an?

Die neutestamentliche Gemeinde unternahm keine evangelistischen Anstrengungen, die spezifisch auf Gemeindewachstum ausgerichtet waren. – Ich möchte in diesem Punkt nicht missverstanden werden. Ich sage nicht, die neutestamentliche Gemeinde hätte nicht evangelisiert. Natürlich taten sie das. Die Apostel verkündeten jeden Tag öffentlich das Evangelium. Und sicher bezeugte jeder Christ den Herrn in seinem täglichen Leben, in seinen alltäglichen Begegnungen mit Nachbarn, Verwandten, Arbeitskollegen, Kunden … Was ich aber sage, ist: Die ersten Christen taten dies nicht zu dem spezifischen Zweck, „zum Gemeindewachstum beizutragen“. Vielmehr taten sie es aus einfachem Gehorsam gegenüber dem Gebot des Herrn, „das Evangelium zu verkünden“ und „Jünger zu machen“. Wir müssen uns also eine weitere Frage stellen: Sehen wir Gemeindewachstum als einen Selbstzweck an, oder sehen wir es als etwas, was der Herr „hinzutut“, wenn wir einen höheren Zweck verfolgen, nämlich dem Herrn zu gehorchen und seine Ehre zu vergrössern?

Ein besonderes Detail finden wir in Apostelgeschichte 5,13: „Und von den übrigen wagte es niemand, sich ihnen anzuschliessen; aber das Volk pries sie hoch.“ – Insbesondere kamen also keine Aussenstehenden zu den Versammlungen, wo Christen sich unter sich trafen.
In fast allen heutigen Kirchen, die „Wachstumsziele“ haben, sind ihre wichtigsten Anlässe die wöchentlichen Versammlungen, die sie „Gottesdienst“ nennen, und die „halb-öffentlich“ sind: Es sind Versammlungen der „Gemeinde“, aber gleichzeitig versuchen sie, Personen anzuziehen, die nicht zur Gemeinde gehören. So kann man keine echte koinonía unter Christen leben, aber ebensowenig kann man einen grossen öffentlichen Effekt erzielen.
– Die neutestamentliche Gemeinde kannte keine solchen „halb-öffentlichen“ Versammlungen. Ihre Versammlungen waren entweder ganz öffentlich (so wie die Lehre der Apostel auf dem heiligen Platz), oder dann waren es wirkliche Gemeinde-Versammlungen (so wie die Gemeinschaft der Christen unter sich in ihren Häusern). Und in letzteren wagte niemand einzutreten, der kein Christ war.
Warum nicht? – Der Grund muss derselbe gewesen sein wie der Grund, warum „das Volk sie hoch pries“: Unter den ersten Christen herrschte eine derartige Atmosphäre von Reinheit und Heiligkeit, dass ein Aussenstehender sich dort äusserst unwohl fühlen musste. Wer nicht wiedergeboren war, musste sich dort so fühlen wie Petrus vor dem Herrn anlässlich des wunderbaren Fischfangs: „Geh weg von mir, Herr, denn ich bin ein sündiger Mensch! – Denn er war voll Schrecken …“ (Lukas 5,8-9)

Und gleich darauf heisst es wiederum: „Und Gott tat mehr [Menschen] hinzu, die auf den Herrn vertrauten, eine Menge von Männern und Frauen…“ (Apostelgeschichte 5,14). Wie wurden denn diese Menschen „hinzugetan“, wenn kein Unbekehrter in die Versammlungen der Christen kam?
Die offensichtlichste Antwort ist jene, die der Text selber gibt: Gott brachte sie. Es ist Gott selber, der durch seinen Heiligen Geist „Überführung von Sünde, von Gerechtigkeit und vom Gericht“ wirkt (Johannes 16,8). Es ist Gott selber, der „seinen Sohn offenbart“ in jenen, die er retten will (Galater 1,15-16). Es ist Gott selber, der die Wiedergeburt schenkt. Anerkennen wir zuerst und vor allem, dass die neutestamentliche Gemeinde kein menschliches Unternehmen war. Es war Gott, der souverän in ihr wirkte.
Das kann unsere ganze Sicht von der Gemeinde verändern. Wenn wir Gott als den Eigentümer und Urheber der Erlösung anerkennen, dann werden wir ihn auch als Herrn und Eigentümer der „Gemeindeglieder“ anerkennen. Sie sind nicht „unsere Mitglieder“; sie sind nicht Mitglieder einer bestimmten Kirche; sie sind Gottes Eigentum. Wenn eine Gruppe von „Gemeindewachstum“ spricht und damit sagen will: „die Vergrösserung unserer eigenen Versammlung“, dann folgt sie nicht den Wegen des Neuen Testamentes.
Aber natürlich benützt Gott irdische, menschliche Werkzeuge. Wie schon erwähnt, verkündeten die Apostel öffentlich das Evangelium, und jeder Christ bezeugte den Herrn in seinem Alltagsleben. Somit hatten die „Aussenstehenden“ genügend Gelegenheiten, das Evangelium zu hören, ohne dazu in eine Versammlung von Christen gehen zu müssen.

Ein anderer bemerkenswerter Unterschied zu heute besteht darin, dass wir in der ganzen Apostelgeschichte keinen „Bekehrungsaufruf“ finden im Stil von: „Komm nach vorne, sprich mir dieses Gebet nach, tritt einer Kirche bei …“ (usw.) – Wir haben bereits gesehen, dass Petrus‘ Worte in Apg.2,38, „Kehrt um und lasst euch taufen …“, sich nur an jene Personen richteten, die bereits „in ihren Herzen schmerzhaft durchbohrt“ worden waren, und die von sich aus bereits gefragt hatten: „Was sollen wir tun?“ – Ja, die Verkünder des Evangeliums sagten ihren Zuhörern, dass sie weit entfernt waren von Gott und zu ihm zurückkehren mussten. Aber wenn dadurch jemand von Gott berührt und von seiner Sünde überführt wurde, dann wurde erwartet, dass diese Person von sich aus kommen und einen Christen suchen würde, um ihre Bekehrung zu bezeugen und sich taufen zu lassen. Und so geschah es auch.
So war auch die Praxis der Evangelisten und Erweckungsprediger durch die ganze Kirchengeschichte hindurch, mindestens bis zur ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts. Die „Bekehrungsaufrufe“, wie sie heute in den meisten evangelikalen Kirchen praktiziert werden, sind eine recht neue Erfindung. Deshalb bringen heutige „Evangelisationen“ mehrheitlich oberflächliche und Scheinbekehrungen hervor, während in der neutestamentlichen Gemeinde die allermeisten Bekehrungen echt waren.

Zeichen der Wiedergeburt

30. Mai 2017

Wir haben gesehen, dass die Urgemeinde aus Menschen bestand, die ihr Leben radikal geändert hatten, die durch den Heiligen Geist von neuem geboren wurden, und die ihr Leben unter die Autorität von Jesus Christus stellten als ihrem Herrn und König. Sehen wir nun einige Kennzeichen wiedergeborener Menschen:

Das innere Zeugnis des Heiligen Geistes, ein Kind Gottes zu sein. – „Denn alle, die vom heiligen Geist angetrieben werden, sind Kinder Gottes. Denn ihr habt nicht einen Geist der Sklaverei erhalten, sodass ihr wieder Angst hättet, sondern ihr habt einen Geist der Adoption erhalten, durch den wir rufen: ‚Abba („Papi“), oh Vater!‘ Der Geist selber bezeugt zusammen mit unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind.“ (Römer 8,14-17)
„Denn ihr alle sind Kinder Gottes durch den Glauben an den Christus, Jesus. Denn alle, die in den Christus getauft wurden, sind mit dem Christus bekleidet worden. (…) Und weil sie Kinder sind, sandte und beauftragte Gott den Geist seines Sohnes in ihre Herzen, der ruft: ‚Abba („Papi“), oh Vater!‘ “ (Galater 3,26-27; 4,6)

Wer wiedergeboren ist, hat in sich dieses kindliche Vertrauen: „Gott ist mein Vater. Er hat mich adoptiert und als sein Kind angenommen.“
Es ist nicht einfach zu beschreiben, worin genau dieses „Zeugnis des Heiligen Geistes“ besteht. Es ist (normalerweise) keine aussergewöhnliche Erfahrung wie z.B. eine Vision oder eine Stimme vom Himmel. (Solche Erfahrungen können sogar Fälschungen aus der bösen Geisterwelt sein, um einem Nichtwiedergeborenen eine falsche Sicherheit zu geben.) Aber es ist auch kein Produkt des eigenen Denkens oder der eigenen Vorstellungskraft. Nicht wie an einigen Orten zu Neubekehrten gesagt wird: „Du musst jetzt einfach glauben, dass du ein Kind Gottes bist.“ – Nein, das Zeugnis des Heiligen Geistes ist eine innere Gewissheit, die Gott selber seinen Kindern gibt. Wer dieses Zeugnis in sich hat, der weiss, dass es von Gott kommt und nicht aus seinem eigenen Denken. Wer es erfahren hat, der weiss, worum es sich handelt.

„Hunger und Durst“ nach göttlichen Dingen. – Petrus schreibt: „… Wie neugeborene Säuglinge, habt Verlangen nach der unverfälschten, logischen Milch (oder: nach der unverfälschten Milch des Wortes), damit ihr durch sie wachst zur Errettung, wenn ihr denn geschmeckt habt, dass der Herr gütig ist.“ (1.Petrus 2,2-3)
Für einen neugeborenen Säugling ist es das Natürlichste von der Welt, nach Milch zu schreien. Ein Baby muss nicht erst überzeugt oder gezwungen werden, Milch zu trinken; es tut das von selber. Ausser es wäre schwer krank. Ebenso ist es für einen wiedergeborenen Christen das Natürlichste von der Welt, Verlangen nach Gott zu haben. Der Zusammenhang des obigen Zitats spricht hauptsächlich vom Wort Gottes (vgl. 1,23-25). Wer wiedergeboren wurde, hat ein natürliches Verlangen zu hören und zu lesen, was Gott ihm sagt.
Wir können unter „Milch“ auch einige andere Dinge verstehen: Gemeinschaft mit Gott im Gebet; Gemeinschaft mit anderen Christen; und alles, was wir tun können, um Gott zu dienen. Ein wiedergeborener Christ hat ein natürliches Verlangen nach diesen Dingen.
In manchen Gruppierungen, die sich „christlich“ nennen, beobachtete ich, dass die Mitglieder kein Verlangen hatten, selber in der Bibel zu lesen. In einigen Gruppen schien es den Leitern nötig, den Mitgliedern als „Pflicht“ vorzuschreiben, alle Versammlungen zu besuchen. Eine Kirche, die ich kennenlernte, kontrollierte sogar den „Gottesdienstbesuch“ mit einer Anwesenheitsliste. Das sind Anzeichen, dass wahrscheinlich die meisten Mitglieder nicht wiedergeboren sind (und vermutlich auch die Leiter nicht). Sonst wäre ein solcher Zustand ebenso unnatürlich wie ein Säugling, der zum Milchtrinken gezwungen werden muss.
Man müsste in solchen Fällen untersuchen, worin die „Krankheit“ besteht. Meist wird man finden, dass gar kein geistliches Leben vorhanden ist. Oder vielleicht ist jemand wiedergeboren, leidet aber an einer schweren geistlichen „Krankheit“; z.B, dass er in einer wichtigen Sache Gott nicht gehorchen will und deshalb keine Vertrauensbeziehung zu ihm hat. – Oder aber die „Milch“, die in jenen Versammlungen angeboten wird, ist verdorben.

Liebe zu den Glaubensgeschwistern. – Im ersten Petrusbrief lesen wir im selben Zusammenhang, einige Verse vorher: „Nachdem ihr eure Seelen durch den Gehorsam der Wahrheit gegenüber gereinigt habt, durch den Geist, zur ungeheuchelten Bruderliebe, so liebt einander innig aus reinem Herzen, da ihr wiedergeboren seid …“ (1.Petrus 1,22-23)
Beachten wir die Reihenfolge: Petrus sagt nicht: „Um gereinigt zu werden (bzw. um wiedergeboren zu werden), müsst ihr einander lieben.“ – Vielmehr sagt er: „Da ihr bereits gereinigt und wiedergeboren seid, so liebt einander jetzt mit der ungeheuchelten Bruderliebe, die Gott euch bereits gegeben hat.“ Bruderliebe und ein reines Herz sind nicht Dinge, die sich ein Christ mit äusserster Anstrengung erarbeiten müsste. Es sind Dinge, die Gott mit der Wiedergeburt bereits in ihn hineingelegt hat. Wenn also jemand diese Dinge bei sich findet, dann darf er daraus mit ziemlicher Sicherheit schliessen, dass er wiedergeboren ist – und wenn nicht, dann sollte er annehmen, dass er nicht wiedergeboren ist.

Zwei Punkte scheinen mir hier wichtig:

– Die Bruderliebe ist ungeheuchelt. Sie beschreibt also nicht das Lächeln und die Umarmungen nach einer Versammlung. Ungeheuchelte Liebe handelt immer zum Besten des Bruders, ohne versteckte Absichten, und ohne wichtig zu nehmen, was andere sehen oder denken könnten. Ein reines Herz gibt sich nicht den Anschein von etwas, was nicht ist; es ist ehrlich und transparent. Das muss sich nicht immer in „Liebenswürdigkeit“ ausdrücken. Ungeheuchelte Liebe kann auch einmal sagen: „Mein Bruder, hier liegst du aber ganz falsch!“ – wenn es zu seinem Besten ist, ihm das zu sagen.

– Christliche Bruderliebe ist nicht dasselbe wie allgemeine Nächstenliebe. Christliche Bruderliebe ist in einer „geistlichen Verwandtschaft“ begründet: Der Heilige Geist, der in mir lebt, antwortet auf denselben Heiligen Geist, der in meinem Bruder lebt.
Charles Finney hat diesen Unterschied sehr gut beschrieben in seinen „Reden über Erweckung“:

„Gott liebt alle Menschen mit wohlwollender Liebe, aber er fühlt keine Liebe des Wohlgefallens gegenüber jenen, die keine heiligen Leben führen. Ebenso können auch wir Christen einander keine Liebe des Wohlgefallens zeigen, ausser im Verhältnis zu unserer Heiligkeit. Wenn christliche Liebe die Liebe zum Bild Christi in seinem Volk ist, dann kann sie nirgends wirken, ausser wo dieses Bild existiert. Jemand muss das Bild Christi widerspiegeln und den Geist Christi zeigen, bevor andere Christen ihn mit einer Liebe des Wohlgefallens lieben können.
Es ist vergebens, uns Christen zu bitten, uns aneinander zu erfreuen, wenn wir nicht geistlich sind. Dann finden wir aneinander nichts, was diese Liebe hervorbringen würde. Wie könnten wir (in diesem Zustand) etwas anderes für den anderen empfinden, als was wir für die Sünder empfinden? Lediglich zu wissen, dass sie Kirchenmitglieder sind (…), wird keine christliche Liebe hervorbringen – ausser wir können in ihnen das Bild Christi sehen.“

In einigen Kirchen wird den Mitgliedern „mangelnde Liebe“ vorgeworfen, wenn sie die Sünden anderer Mitglieder (oder der Leiter) nicht gutheissen. Aber eine solche Situation könnte im Gegenteil ein Anzeichen dafür sein, dass die anderen Mitglieder nicht wiedergeboren sind. Ein Christ kann keine Bruderliebe empfinden für jemanden, der in Sünde lebt und nicht umkehrt.

Wer wiedergeboren ist, lebt nicht in Sünde.

„Jeder, der in ihm bleibt, sündigt nicht; jeder, der sündigt, hat ihn nicht gesehen noch erkannt. Kindlein, niemand soll euch täuschen: Wer Gerechtigkeit tut, ist gerecht, so wie er gerecht ist. Wer die Sünde praktiziert, ist vom Teufel; denn der Teufel sündigt von Anfang an. Dazu ist der Sohn Gottes erschienen, um die Werke des Teufels zunichte zu machen. Jeder, der aus Gott geboren ist, praktiziert die Sünde nicht, denn der Same Gottes bleibt in ihm; und er kann nicht sündigen, weil er aus Gott geboren ist.“ (1.Johannes 3,6-9)

Einige jener, die sich Christen nennen, wollen nicht glauben, dass das in der Bibel geschrieben steht. Sie haben sich angewöhnt zu sagen: „Wir sind alle Sünder.“ In Wirklichkeit gibt es keine Stelle im Neuen Testament, wo die Christen „Sünder“ genannt werden! Die echten Christen sind „Gläubige“, „Gerechte“, „Heilige“.

Vielleicht sollte ich ein mögliches Missverständnis über 1.Johannes 3,9 aufklären. Wenn Johannes sagt: „…er kann nicht sündigen“, dann meint er damit nicht, ein Christ könne nie mehr eine Sünde begehen. Er wusste gut, dass auch Christen ab und zu sündigen. Deshalb schreibt er ein wenig vorher: „Und wenn jemand gesündigt haben sollte, so haben wir einen Anwalt beim Vater, Jesus den Christus, den Gerechten“ (1.Johannes 2,1). Aber damit es niemandem in den Sinn kommt zu denken, das sei der Normalfall, schreibt er im selben Vers: „Meine Kindlein, das schreibe ich euch, damit ihr nicht sündigt.
Der Normalfall ist also, dass ein Christ nicht sündigt. Im Vers 9 steht im griechischen Original das Verb in der Zeitform des kontinuierlichen Präsens, das genauer so übersetzt würde: „… er kann nicht ständig sündigen“, oder „…er kann nicht in Sünde leben“. Ab und zu kommt es vor, dass ein Christ sündigt. Aber dann reagiert sein Gewissen darauf, und der Christ bereut seine Sünde, bekennt sie und bringt die Dinge vor Gott und vor den betroffenen Menschen in Ordnung. Wenn jemand sündigen kann, ohne dass es ihn gross kümmert; oder wenn jemand nicht dazu bereit ist, einer bestimmten Sünde abzusagen; oder wenn jemand sündigt im vollen Bewusstsein, dass es Sünde ist – solche Menschen sind keine Christen, nach den Worten des Apostels Johannes.

Paulus schreibt etwas Ähnliches:

„Oder wisst ihr nicht, dass die Ungerechten das Reich Gottes nicht erben werden? Täuscht euch nicht: Weder Unzüchtige, noch Götzendiener, noch Ehebrecher, noch Verweiblichte, noch jene, die mit Männern schlafen, noch Diebe, noch Habsüchtige, noch Trinker, noch Flucher, noch Räuber werden das Reich Gottes erben. Und einige (von euch) waren solche. Aber ihr wurdet gewaschen, ihr wurdet geheiligt, ihr wurdet gerecht gemacht im Namen des Herrn Jesus und im Geist unseres Gottes.“ (1.Korinther 6,9-11)

Im Leben eines Christen gibt es klar ein „Vorher“ und ein „Nachher“. Einige der Korinther waren „vorher“ grobe Sünder im Sinne einer der erwähnten Kategorien. Aber das Verb steht in der Vergangenheit. Das bedeutet, dass sie es jetzt nicht mehr sind. Sie wurden von der Sünde befreit. Wenn jemand dieses „Vorher“ und „Nachher“ in seinem Leben nicht erlebt hat, dann ist er kein Christ nach den Worten des Apostels Paulus.

Für einen wahren Christen ist diese Botschaft weder „Perfektionismus“ noch eine „schwere Last“. Im Gegenteil, es ist eine befreiende Botschaft: In Christus ist es möglich, von der Sünde frei zu werden! Christus ist „mächtig, euch ohne Fall zu bewahren“ (Judas 24)!

Die neutestamentliche Gemeinde besteht aus Menschen, die durch den Heiligen Geist wiedergeboren wurden und somit die erwähnten Zeichen vorweisen:
– Sie haben
das innere Zeugnis des Heiligen Geistes, Kinder Gottes zu sein.
– Sie haben
Hunger und Durst nach göttlichen Dingen.
– Sie haben Bruderliebe gegenüber den Geschwistern, die wiedergeboren sind wie sie.
– Sie leben nicht in Sünde.
In jeder Gruppe, die sich auf irgendeine Weise vom Vorbild des Neuen Testamentes entfernt hat, ist das der erste Punkt, der in Ordnung gebracht werden muss: Die Mitglieder (und Leiter) müssen wiedergeboren werden. Solange das nicht geschieht, hat es keinen Sinn, über Aktivitäten, Leiterschaftsstrukturen, Versammlungen und Anlässe, usw. zu sprechen. Um neutestamentliche Gemeinde zu sein, müssen wir zuallererst „neutestamentliche Menschen“ sein!

Der grosse Beginn der neutestamentlichen Gemeinde (Apostelgeschichte 2)

29. April 2017

(Petrus sagte): ‚… So soll das ganze Volk Israel mit Gewissheit erkennen, dass Gott ihn zum Herrn und Gesalbten gemacht hat, diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt.‘
Als sie das hörten, wurden ihre Herzen [schmerzhaft] durchbohrt, und sie sagten zu Petrus und den übrigen Aposteln: ‚Was sollen wir tun, ihr Brüder?‘
Und Petrus sagte zu ihnen: ‚Kehrt um, und jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen von Jesus dem Christus zur Vergebung der Sünden, so werdet ihr das Geschenk des Heiligen Geistes erhalten. Denn für euch ist die Verheissung und für eure Kinder und für alle, die ferne sind, so viele der Herr unser Gott zu ihm rufen wird.‘ Und mit vielen weiteren Worten bezeugte er feierlich und ermutigte sie: ‚Lasst euch retten aus dieser verkehrten Generation!‘ So nahmen sie bereitwillig sein Wort auf und liessen sich taufen; und an jenem Tag wurden etwa dreitausend Seelen hinzugetan.“
(Apostelgeschichte 2,36-41)

Lasst uns einige Kennzeichen der Urgemeinde ansehen, wie sie in diesem Abschnitt ersichtlich sind.

Die neutestamentliche Gemeinde besteht aus wiedergeborenen Christen.

Dieses Kennzeichen unterscheidet die neutestamentliche Gemeinde von allen Organisationen, Institutionen und Gruppen dieser Welt. Beobachten wir, wie Gott wirkte, um die erste Gemeinde zu begründen:

Zuerst goss er den Heiligen Geist über die hundertzwanzig versammelten Jünger aus. (Apg.2,1-6). Das geschah mit sicht- und hörbaren Zeichen, sodass die Menschen in Jerusalem erkennen mussten, dass es sich um ein Werk Gottes handelte.

Dann, nachdem Petrus diese Erscheinungen erklärt und die Auferstehung Jesu bezeugt hatte, wurden viele Anwesende von ihrer Sünde und ihrer Erlösungsbedürftigkeit überführt: „Als sie das hörten, wurden ihre Herzen [schmerzhaft] durchbohrt, und sie sagten zu Petrus und den übrigen Aposteln: ‚Was sollen wir tun, ihr Brüder?‘ “ (Apg.2,37) – In diesem Moment tat der Heilige Geist sein Werk an den Zuhörern, wie Jesus es in Johannes 16,8 versprochen hatte: „Und wenn er (der Heilige Geist) kommt, wird er die Welt überführen von Sünde, von Gerechtigkeit und vom Gericht …“
Worin genau besteht die Überführung von Sünde? – Jesus fährt weiter: „Von Sünde, weil sie nicht an mich glauben.“ (Joh.16,9). – „An Jesus glauben“ ist viel mehr als nur glauben, dass er einmal lebte und für uns starb. Es ist viel mehr als nur verstandesmässig damit einverstanden zu sein, dass Jesus der Sohn Gottes ist. Am Pfingsttag konfrontierte Petrus (unter der Leitung des Heiligen Geistes) seine Zuhörer mit zwei spezifischen Punkten:

1. „Diesen (Jesus) habt ihr genommen und von den Gesetzlosen beseitigen lassen, indem sie ihn ans Kreuz nagelten.“ (Apg.2,23)

2. „So soll das ganze Volk Israel mit Gewissheit erkennen, dass Gott ihn zum Herrn und Gesalbten gemacht hat, diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt.“ (Apg. 2,36)

Zuerst also machte der Heilige Geist die Anwesenden für den Tod Jesu verantwortlich. Das war eine ziemlich skandalöse Anschuldigung, denn das waren ja nicht die Anhänger der Priester, die mit ihnen zusammen geschrieen hatten: „Kreuzige ihn!“. Im Gegenteil, wir müssen annehmen, dass sich unter den Dreitausend von Pfingsten viele befanden, die vorher schon Jesus nachgefolgt waren und seine Worte gehört hatten. (Wir erinnern uns, dass Jesus bei einer Gelegenheit fünftausend Menschen zu essen gegeben hatte, die alle gekommen waren, um ihm zuzuhören.) Menschlich gedacht, hätten viele von ihnen Grund gehabt zu protestieren: „Aber ich war mit seiner Kreuzigung nicht einverstanden!“
Doch das Wort „durchbohrte ihre Herzen“. Gott zeigte ihnen, dass in einem gewissen Sinn sie alle mitschuldig waren am Tod Jesu. Jesus war für die Sünden der ganzen Welt gestorben, die deinen und die meinen. Wenn du und ich nicht gesündigt hätten, dann hätte Jesus nicht sterben müssen.
Die Überführung von Sünde, die der Heilige Geist bewirkt, geht viel tiefer als ein gelegentliches schlechtes Gewissen wegen einer Lüge oder weil man jemanden schlecht behandelt hat. Der Heilige Geist offenbart dir, dass jede einzelne dieser „kleinen Sünden“ dich am Tod Jesu mitschuldig macht.

Gab es einen Moment in deinem Leben, als du von dieser schrecklichen Wahrheit überführt wurdest? Hat dir der Herr schon die Augen geöffnet für den Zusammenhang zwischen deiner Sünde und dem Tod Jesu?

Punkt 2 hängt mit der Auferstehung zusammen. (Siehe die vorhergehenden Verse, Apg.2,30-35.) Aber das ist kein oberflächlicher Trost: „Gott sei Dank, nun ist alles wieder gut.“ Im Gegenteil, die Auferstehung Jesu offenbart den Zuhörern eine weitere grosse und erschreckende Wahrheit: Nun steht fest, dass Jesus wirklich der Herr ist, der verheissene Messias, der König des Universums. Er war nicht einfach irgendein Unschuldiger, der da am Kreuz hing. Er ist der König und Herr, dem wir alle Treue und Gehorsam schulden. Wir haben nicht nur seine Herrschaft ignoriert; wir haben ihn verraten und getötet!

Es überrascht daher nicht, dass die Zuhörer an jenem Tag zutiefst erschraken. Es ging nicht einfach um eine „kleine Entscheidung“, sich einer religiösen Gruppe anzuschliessen, oder „ein Übergabegebet zu sprechen“. Jene Dreitausend sahen sich vor dem Thron der allerhöchsten Majestät stehen, des Hochverrats angeklagt. Beim oberflächlichen Lesen stellt man das vielleicht nicht fest; aber ihre Frage „Was sollen wir tun?“ drückt äusserste Verzweiflung aus: Wir sind für ewig verloren. Gibt es noch irgendeine Möglichkeit, dem Gericht Gottes zu entrinnen und begnadigt zu werden?

Hast du je einmal einen Eindruck von der wahren Macht und Majestät Gottes erhalten? Ist dir wirklich bewusst, was es bedeutet, dass er DER HERR ist?

Wir sehen hier, dass die Praxis und Erfahrung vieler heutiger Kirchen, auch der Evangelikalen, weit vom Neuen Testament entfernt ist. Sünder werden aufgefordert, „ein Übergabegebet zu wiederholen“, obwohl sie noch keinerlei Überführung durch den Heiligen Geist erfahren haben und ihre Sünden nicht wirklich bereuen. In ihrem Eifer, neue Mitglieder zu gewinnen, bringen manche Prediger nicht die Geduld auf zu warten, bis der Heilige Geist sein Werk in einem Menschen tut (was Tage, Wochen, oder auch Monate dauern kann). So füllen sich die Kirchen mit unwiedergeborenen Namenschristen.
Wer wirklich vom Heiligen Geist überführt wurde, dem muss niemand sagen: „Komm nach vorne“ oder „Sprich mir dieses Gebet nach.“ Durch das Werk des Heiligen Geistes sieht sich diese Person bereits vor dem Thron Gottes. Sie wird von selber ausrufen: „Was muss ich tun, um gerettet zu werden?“

Nun verstehen wir besser das grosse Gewicht der Antwort, die Petrus gibt: „Kehrt um!“ (Apg.2,38) Oder, nach dem wörtlichen Sinn übersetzt: „Ändert euer Denken radikal!“ Biblische Umkehr ist eine vollständige Änderung unserer Art zu leben, zu handeln und zu denken. Der „natürliche Mensch“, der nicht zur Umkehr gekommen ist, ist ein Bürger dieser Welt. Er dient dieser Welt, sich selber, und dem Teufel. „Umzukehren“ bedeutet, die Nationalität zu wechseln, nicht nur symbolisch, sondern ganz real. Es bedeutet, zu einem Bürger des Reiches Gottes zu werden und zu einem Diener des Königs, ganz unter seinem Befehl. Wie Jesus sagte: „Wenn jemand mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich, und folge mir. Denn jeder, der sein Leben retten will, wird es verlieren; und jeder, der sein Leben verliert um meinetwillen, wird es finden.“ (Matthäus 16,24-25). – Oder wie es Paulus ausdrückte: „Durch ihn (Jesus) ist mir die Welt gekreuzigt und ich der Welt.“ (Galater 6,14) – Zu einem geringeren Preis kann man nicht ins Reich Gottes eintreten.

Um es noch klarer zu sagen: Biblische Umkehr hat nichts mit religiösen Riten zu tun, auch nicht mit „Gottesdiensten“ und Worten der Anbetung, auch nicht mit der Mitgliedschaft in einer Institution, die sich „Kirche“ oder „Gemeinde“ nennt.
Biblische Umkehr bedeutet, mein ganzes Leben unter die Herrschaft Jesu zu stellen. Ich verzichte auf meine Art zu leben, und beginne so zu leben, wie Christus mir befiehlt. Ich verzichte auf meine Art, meiner Familie vorzustehen, und mache es so, wie Christus sagt. Ich verzichte auf meine Art, meine Kinder zu erziehen, und erziehe sie so, wie Christus sagt. Ich verzichte auf meine Art zu arbeiten und Geschäfte zu machen, und mache es so, wie Christus sagt. Ich verzichte auf meine Freunde und meine Art, mit ihnen umzugehen, und lasse den Herrn darüber entscheiden, mit wem ich mich zusammentun soll und wie ich sie behandeln soll. Ich verzichte auf meine Art der Freizeitgestaltung und mache mit meiner Freizeit, was der Herr sagt. Ich verzichte auf die Mittel dieser Welt für meinen Lebensunterhalt, und setze mein ganzes Vertrauen auf Gott als meinen Versorger. Ich verzichte auch auf meine Ideen darüber, was „Kirche“ oder „Gemeinde“ ist, und unterstelle mich den Anweisungen des Herrn für die Gemeinschaft unter seinen Nachfolgern.

All das und noch viel mehr ist inbegriffen in dem kurzen Wort: „Kehrt um!“

Die Urgemeinde bestand aus Menschen, die ihr Leben auf diese radikale Weise geändert hatten.

Petrus als Säule der Gemeinde (2.Teil)

31. März 2017

In der vorherigen Betrachtung haben wir einige Punkte im Leben von Petrus gesehen, die ihn dazu befähigten, später eine der „Säulen der Gemeinde“ (Galater 2,9) zu sein: Eine tiefe Überführung von seiner eigenen Sündhaftigkeit, und in der Folge eine Umkehr zu Jesus, und eine radikale Abkehr von allem, was mit seinem alten Leben verbunden war.

Die Überführung von Sünde sollte zur Umkehr führen, zur Bekehrung, und zum rettenden Glauben. All das sind Aspekte des Vorgangs, den das Neue Testament als „Wiedergeburt“ bezeichnet. Wenn jemand von neuem geboren wird, dann lebt Jesus in dieser Person durch seinen Heiligen Geist. (Siehe Galater 2,20, Epheser 3,16-17). Diese Wiedergeburt und diese Errettung ist möglich dank des Blutes Jesu, das er vergoss, um uns freizukaufen.
Damit ist bereits gesagt, dass es nicht möglich war, im Sinne des Neuen Testamentes wiedergeboren zu werden, bevor Jesus gestorben und auferstanden war. Auch Petrus war sich zwar bewusst geworden, dass er ein Sünder war, aber er hatte noch nicht diese radikale Veränderung der Wiedergeburt erfahren. Während er mit Jesus auf der Erde umherzog, handelte er noch aus seiner eigenen Kraft, welche die Gerechtigkeit Gottes nicht erfüllen kann. (Siehe Römer 8,3-8. Das „Fleisch“ bedeutet dort unsere eigene Kraft und Fähigkeit.) Deshalb konnte er in einem Moment empfänglich sein für die Offenbarung Gottes, und im nächsten Moment den Gedankengängen satans folgen (Matthäus 16,16-23). Deshalb konnte er in einem Moment all seinen Glauben und Mut zusammennehmen und auf dem Wasser gehen, und im nächsten Moment zweifeln und sinken. (Matthäus 14,28-31). Deshalb konnte er in einem Moment Jesus versprechen, mit ihm bis in den Tod zu gehen, und ihn im nächsten Moment dreimal verleugnen.
Als Jesus die Verleugnung des Petrus voraussagte, da sagte er etwas Bedeutungsvolles: „… und du, wenn du dich einst bekehrt hast, stärke deine Brüder!“ (Lukas 22,32). Bevor er sich wirklich bekehren konnte, musste Petrus erfahren, dass er in seiner Schwäche sogar seinen Herrn verleugnen konnte. All sein Vertrauen in seinen eigenen „Glauben“ musste zunichte werden. Seine wirkliche Bekehrung begann, als ihm Jesus nach seiner Auferstehung eine neue Gelegenheit gab, ihm zu sagen „Ich liebe dich“. (Johannes 21,15-19). Und seine Wiedergeburt war erst vollständig an Pfingsten, als der Heilige Geist kam.

Vor Pfingsten waren die Apostel (inbegriffen Petrus) ängstlich und eingeschüchtert. Sie versammelten sich hinter verschlossenen Türen aus Angst vor den Feinden Jesu (Johannes 20,19). Aber als der Heilige Geist auf sie kam, sprachen sie mutig in aller Öffentlichkeit. Und folgendes war die Wirkung der Rede von Petrus: „Als sie es hörten, wurden ihre Herzen [schmerzhaft] durchbohrt, und sie sagten zu Petrus und den anderen Aposteln: ‚Was sollen wir tun, ihr Brüder?‘ “ (Apostelgeschichte 2,37)

In diesem Moment erfüllten sich die Worte des Herrn: „Und dir werde ich die Schlüssel des Himmelreichs geben; und alles, was du auf Erden binden wirst, wird im Himmel gebunden sein; und alles, was du auf Erden lösen wirst, wird im Himmel gelöst sein.“ (Matthäus 16,19). (- Man beachte, dass Jesus kurz danach diese selbe Vollmacht allen seinen Jüngern gab, Matthäus 18,18.) – Petrus gebrauchte die „Schlüssel“, die Jesus ihm gegeben hatte, um das Himmelreich vor seinen Zuhörern zu öffnen; und dreitausend von ihnen reagierten mit Umkehr und Glauben, und konnten so ins Himmelreich eintreten. (Apostelgeschichte 2,38-41). Und das war der Beginn der Urgemeinde.

So wiederholte sich in seinen Zuhörern dieselbe Erfahrung, die Petrus schon zuvor gemacht hatte: die Überführung von Sünde, der Zerbruch vor Gott, das Bewusstsein, verloren zu sein und durch kein menschliches Mittel gerettet werden zu können. Und nach der Umkehr die Erfahrung der wunderbaren Gnade Gottes, und die Wiedergeburt durch den Heiligen Geist. Deshalb gehört Petrus zu den „Säulen“ der Gemeinde. Er verkörpert auf beispielhafte Weise den Weg, den Gott mit jedem Menschen geht, den er erwählt, ruft und rettet. Er konnte die neuen Jünger auf diesem Weg anleiten, weil er ihn zuvor selber gegangen war. Petrus verkörpert nicht eine Institution oder eine hierarchische Stellung. Er ist ein lebendiges Zeugnis des Erlösers und seines Heilsweges. Jeder von uns muss „mit Christus sterben“ und „mit Christus auferstehen“ (Römer 6,4-8; siehe auch 1.Petrus 1,3.23). Das ist es, was den „Felsengrund der Gemeinde“ ausmacht.

Damit stehen wir an der Schwelle zur Geschichte der Urgemeinde, die wir in späteren Betrachtungen untersuchen wollen. Ich möchte nur noch eine kurze Bemerkung zu Matthäus 16 anfügen:

Bei all diesem Interesse für Petrus könnten wir allzuleicht vergessen, dass er gar nicht die Hauptperson dieses Abschnitts ist. Das Gespräch begann mit der Frage Jesu: „Und ihr, wer sagt ihr, dass ICH BIN?“ (Vers 15) – Es ging Jesus nicht darum, darüber zu sprechen, wer Petrus war, sondern darüber, WER ER SELBER WAR. Und so sollten wir nicht übergehen, dass auch in Vers 18 Jesus sagt: „ICH werde MEINE Gemeinde bauen.“ Die Gemeinde gehört nicht Petrus; sie gehört Jesus und niemandem sonst. So sagt auch Paulus über den Aufbau der Gemeinde: „Denn niemand kann ein anderes Fundament legen als das, das gelegt ist, nämlich Jesus Christus.“ (1.Korinther 3,11). Und Petrus selber beansprucht in seinen Briefen nicht, Eigentümer oder Fundament der Gemeinde zu sein. Im Gegenteil, er erklärt, dass Jesus der „Grundstein“ der Gemeinde ist: „Tretet hinzu zu ihm (dem Herrn), dem lebendigen Stein, wahrhaftig von den Menschen verworfen, aber von Gott auserwählt und wertvoll; und lasst auch euch so als lebendige Steine auferbaut werden als ein geistliches Haus und ein heiliges Priestertum, um Gott wohlgefällige geistliche Opfer darzubringen durch Jesus Christus.“ (1.Petrus 2,4-5)
– Also kann kein Mensch ein Eigentumsrecht über die Gemeinde beanspruchen, auch nicht über das geringste ihrer Glieder. Alles in der Gemeinde soll auf Christus hinweisen, nicht auf irgendeinen Menschen. Eine Kirche, die als „Haupt“ jemanden anders als Christus hat, oder die ihre Glieder lehrt, sich vor einem Menschen verantworten zu müssen statt vor Christus, ist nicht neutestamentliche Gemeinde.

Jonathan Edwards: Ein getreuer Bericht vom überraschenden Wirken Gottes (Teil 5)

30. Mai 2014

Leicht gekürzte Übersetzung

III. Weitere Illustration dieses Werkes anhand spezifischer Fälle.

1. Eine kranke junge Frau

Um eine klarere Vorstellung vom Werk des Heiligen Geistes zu geben, möchte ich von zwei konkreten Beispielen berichten. Das erste handelt von einer jungen Frau namens Abigail Hutchinson. Ich spreche von ihr besonders, weil sie jetzt nicht mehr lebt, und ich deshalb von ihr freimütiger sprechen kann als von Menschen, die noch leben.

Sie kam aus einer intelligenten Familie, und nichts in ihrer Erziehung könnte zur Schwärmerei tendiert haben, ganz im Gegenteil. Vor ihrer Bekehrung war sie als eine stille und reservierte Person bekannt. Sie war schon längere Zeit krank gewesen; aber ihre Krankheit hatte sie nie zum Phantasieren oder zu religiöser Melancholie verleitet. Sie befand sich kaum eine Woche lang in einem erweckten Zustand, bis klare Zeichen sichtbar wurden, dass sie bekehrt worden war zur Errettung.

Sie wurde zuerst an einem Montag erweckt durch etwas, was ihr Bruder darüber sagte, wie nötig es sei, die Gnade zur Wiedergeburt ernsthaft zu suchen. Ausserdem erhielt sie Nachricht von der Bekehrung jener jungen Frau, die ich zuvor erwähnte und deren Bekehrung so grossen Eindruck machte auf die jungen Leute. Diese Nachricht weckte in ihr einen eifersüchtigen Geist gegen jene junge Frau, da sie dachte, es handele sich um eine sehr unwürdige Person, um so eine Gnade zu erhalten. Aber bei alldem fasste sie den festen Entschluss, das Äusserste zu tun, um denselben Segen zu erlangen. Da sie dachte, sie hätte nicht genügend Kenntnisse, um sich bekehren zu können, beschloss sie, in der Schrift zu forschen. Sie begann ganz am Anfang der Bibel und beschloss, sie ganz durchzulesen.
So fuhr sie fort bis am Donnerstag, und dann fand eine plötzliche Veränderung statt. Ihre Besorgnis aufgrund eines aussergewöhnlichen Bewusstseins ihrer Sünde, insbesondere der Bosheit ihres Herzens, nahm stark zu. Wie sie sagte, kam das über sie wie ein Blitzschlag, und löste in ihr äusserste Furcht aus. Daraufhin änderte sie die Reihenfolge ihres Bibellesens und wandte sich dem Neuen Testament zu, um zu sehen, ob sie da Erleichterung fände für ihre verzweifelte Seele.

Wie sie sagte, war es ihre grosse Furcht, dass sie gegen Gott gesündigt hatte; und ihre Verzweiflung nahm während drei Tagen noch mehr zu, bis sie nichts als Dunkelheit vor sich sah, und ihr Körper zitterte vor Furcht vor dem Zorn Gottes. Sie verwunderte sich über sich selbst, dass sie sich bisher so sehr um ihren Körper bekümmert hatte und so oft Ärzte aufgesucht hatte, um gesund zu werden; aber ihre Seele vernachlässigt hatte. Ihre Sünde erschien ihr sehr schrecklich, insbesondere in drei Dingen: ihre Erbsünde; und ihre Sünde des Murrens gegen Gottes Vorsehung (wegen ihrer körperlichen Schwachheit); und die Versäumnisse ihrer Pflichten ihren Eltern gegenüber (obwohl andere Menschen sie als äusserst pflichtbewusst ansahen).
Am Samstag war sie so ernsthaft darin vertieft, die Bibel und andere Bücher zu lesen, um etwas zu finden, was ihr Erleichterung verschaffen würde, dass sie damit fortfuhr, bis sie vor Müdigkeit kein Wort mehr erkennen konnte. Während dieses Lesens und Betens erinnerte sie sich an die Worte Christi, dass wir nicht wie die Heiden sein sollen, die denken, sie würden um ihrer vielen Worte willen erhört. Das brachte sie zur Erkenntnis, dass sie auf ihre eigenen Gebete und religiösen Leistungen vertraut hatte; aber das war jetzt zunichte gemacht worden, und sie wusste nicht, wohin sie sich wenden sollte oder wo sie Erleichterung suchen sollte.

Am selben Tag ging sie zu ihrem Bruder und machte ihm Vorwürfe, warum er ihr nicht mehr über ihre Sündhaftigkeit gesagt hätte, und fragte ihn ernsthaft, was sie nun tun sollte. Sie fühlte in ihrem Innern eine Feindschaft gegen die Bibel und wurde dadurch in Furcht versetzt. Später erzählte sie darüber, dass sie bis zu jenem Moment gedacht hatte, die Sünde Adams sei nicht ihre eigene Sünde, und sie hätte keinen Anteil daran; aber dass sie jetzt sah, dass sie selber dieser Sünde schuldig war und davon über und über befleckt war, und dass die Sünde, die sie mit sich in die Welt gebracht hatte, allein schon genug wäre, um sie zu verdammen.

Am Sonntag war sie so krank, dass ihre Freunde sie nicht zur Kirche gehen liessen, obwohl sie gehen wollte. Als sie sich am Abend niederlegte, beschloss sie, am nächsten Morgen zum Pfarrer zu gehen, um ihn um Rat zu fragen. Aber das war nicht nötig. Als sie am Montagmorgen erwachte, verwunderte sie sich selber über die Leichtigkeit und Ruhe in ihrem Sinn, wie sie sie noch nie zuvor gefühlt hatte. Diese Worte kamen in ihren Sinn: „Die Worte des Herrn sind reine Worte, Gesundheit für die Seele und Mark für die Knochen.“ Und dann diese: „Das Blut Christi reinigt von aller Sünde.“ Das war begleitet von einem lebendigen Bewusstsein der Vorzüglichkeit Jesu, und dass sein Opfer ausreichte für die Sünden der ganzen Welt. Dann erinnerte sie sich an diese Worte: „Es ist den Augen angenehm, die Sonne zu betrachten“, was ihr sehr gut auf Jesus Christus zu passen schien. So wurde ihr Sinn von solchen Gedanken und Bildern über Jesus erfüllt, dass sie aufs Äusserste von Freude erfüllt wurde. Sie erzählte ihrem Bruder, dass sie (in Bildern des Glaubens) Jesus gesehen hatte, und dass sie gedacht hatte, sie hätte nicht genug Kenntnisse, um bekehrt werden zu können; „aber“, sagte sie, „Gott kann es sehr einfach machen!“ Während des ganzen Montags fühlte sie eine anhaltende Lieblichkeit in ihrer Seele. Während drei Morgen hatte sie dieselben Eindrücke über Christus, aber jedesmal stärker.

Das letzte Mal, am Mittwochmorgen, während sie sich eines geistlichen Bildes von Jesu Herrlichkeit und Fülle erfreute, wurde ihre Seele mit Trauer erfüllt um die Menschen ohne Christus und ihre erbärmlich Lage. Sie fühlte den starken Wunsch, sofort hinzugehen und die Sünder zu warnen. Am nächsten Tag schlug sie ihrem Bruder vor, mit ihr zusammen von Haus zu Haus zu gehen; aber er hielt sie davon ab und sagte, das sei eine ungeeignete Methode. Zu einer ihrer Schwestern sagte sie an jenem Tag, sie liebte die ganze Menschheit, aber insbesondere das Volk Gottes. Ihre Schwester fragte sie, warum sie die ganze Menschheit liebte. Sie antwortete: „Weil Gott sie geschaffen hat.“ – Oft wurde sie von grosser Zuneigung zu den Menschen erfüllt, die ihr gottesfürchtig schienen, wenn sie mit ihnen sprach, und manchmal sogar schon wenn sie sie nur sah.

Sie hatte viele aussergewöhnliche Eindrücke von der Herrlichkeit Gottes und Christi. Einmal gingen ihr diese vier Worte durch den Sinn: Weisheit, Gerechtigkeit, Güte und Wahrheit; und ihre Seele wurde erfüllt mit einem Bewusstsein der Herrlichkeit einer jeden dieser göttlichen Eigenschaften, aber besonders der letzten. „Wahrheit“, sagte sie, „war am tiefsten!“ Ihr Sinn war so erfüllt davon, dass sie sagte, es schien ihr, als ob ihr Leben dahinschwände, und sie sah, dass Gott ihr ohne weiteres das Leben nehmen könnte mit solchen Offenbarungen seiner selbst.
Wenig später ging sie zu einer privaten religiösen Versammlung, und jemand fragte sie nach ihren Erfahrungen. Sie begann zu erzählen, aber während sie sprach, wurde sie wieder so von denselben Dingen beeindruckt, dass ihre Kräfte sie verliessen, und sie mussten sie auf ein Bett legen. Als sie wieder zu sich kam, rief sie voll Freude: „Würdig ist das Lamm, das geschlachtet ward!“

Einmal, als sie zu mir kam, sagte sie, dass sie zu einem gewissen Zeitpunkt dachte, sie hätte so viel von Gott gesehen, wie es nur möglich sei in diesem Leben; und doch habe sich Gott ihr später in noch viel reicherer Fülle offenbart. Es schien, dass sie eine so unmittelbare Beziehung zu Gott hatte wie ein Kind zu seinem Vater. Zugleich war sie weit davon entfernt, von sich selber hoch zu denken. Im Gegenteil, sie war wie ein kleines Mädchen, und hatte ein grosses Bedürfnis, belehrt zu werden. Sie sagte mir, sie sehnte sich oft danach, von mir Lehre zu empfangen, und sie würde gerne in meinem Haus wohnen, damit ich zu ihr über ihre Pflichten sprechen könne.

Oft fühlte sie die Herrlichkeit Gottes in den Bäumen erscheinen, in den Pflanzen des Feldes, und in anderen Werken Gottes. Einmal sagte sie zu ihrer Schwester, sie hätte früher gerne im Stadtzentrum wohnen wollen, aber jetzt gefiele es ihr viel besser, den Wind in den Bäumen wehen zu sehen und die Landschaft zu betrachten, die Gott geschaffen hatte.

Sie sehnte sich nach dem Sterben, damit sie bei Jesus sein könnte, sodass sie darüber sogar ungeduldig wurde. Aber als sie wieder einmal diese Sehnsucht verspürte, dachte sie bei sich selbst: „Wenn ich mich nach dem Sterben sehne, warum gehe ich dann zu den Ärzten?“ Und sie schloss daraus, dass ihr Wunsch zu sterben nicht gut war. Von da an dachte sie öfters darüber nach, ob es besser sei zu leben oder zu sterben, krank oder gesund zu sein. Schliesslich sagte sie: „Ich bin bereit zu leben und auch bereit zu sterben; ich bin bereit krank zu sein, und ich bin bereit gesund zu sein. Ich bin bereit zu allem, was Gott mit mir tun wird!“ – „Und dann“, sagte sie, „fühlte ich mich völlig erleichtert, ganz dem Willen Gottes hingegeben.“ Und es scheint, dass sie diese hingegebene Haltung bis zu ihrem Tod beibehielt.

(…) Zweifellos war es zum Teil ihrer körperlichen Schwachheit zuzuschreiben, dass ihre Kräfte sie so oft verliessen. Aber sie hatte auch mehr Gnade und grössere Offenbarungen von Gott empfangen, als ihr kränklicher Zustand zuliess. Sie wünschte an einem Ort zu sein, wo die mächtige Gnade grössere Freiheit hätte, und von dem Hindernis eines schwachen Körpers befreit zu sein; und zweifellos ist sie jetzt an jenem Ort. Dieser Bericht über sie ist sehr unvollkommen; er gibt nur einen sehr kleinen Eindruck von ihren Erfahrungen, und kann ihre tiefe Demut nicht angemessen wiedergeben. Aber, gelobt sei Gott! es gibt viele lebendige Beispiele von Menschen, die ähnlich sind wie sie und nicht weniger aussergewöhnlich.

Fortsetzung folgt

Das Leben John Wesleys: „Ihr müsst von neuem geboren werden“ (Fortsetzung)

21. Juli 2013

Der erste missionarische Versuch

In Georgia wurde Wesley ein Pfarramt unter den Engländern zugewiesen. Dort geschah dasselbe wie in England: Seine starke und strenge Predigt über die Heiligkeit erregte allgemeine Aufmerksamkeit, aber alle wandten sich gegen ihn. Nur wenige liessen sich von ihm überzeugen, und Wesley sah sich ständig in Streitigkeiten, Intrigen und Bedrohungen verwickelt. Ein Mitglied seiner Kirche warf ihm eines Tages vor:
„Mir gefällt überhaupt nichts von dem, was Sie tun. Alle Ihre Predigten sind Satiren über bestimmte Personen, und deshalb will ich Ihnen nicht mehr zuhören, und die ganze Gemeinde sagt dasselbe, denn wir wollen nicht länger beleidigt werden. Ausserdem sagen sie, sie seien Protestanten; aber von Ihnen kann niemand sagen, was für einer Religion Sie angehören. Niemand hier hat je von einer solchen Religion gehört. Die Leute wissen nicht, was sie davon halten sollen. Und ausserdem Ihr persönliches Verhalten – alle die Auseinandersetzungen, die es durch Ihre Schuld gegeben hat, seit Sie gekommen sind. Überhaupt kümmert sich kein Mensch in dieser Stadt auch nur um ein einziges Wort von dem, was Sie sagen. Sie können predigen, soviel Sie wollen; aber niemand wird kommen, um Ihnen zuzuhören.“
Wesley fügt in seinem Tagebuch hinzu: „Er war zu erhitzt, um einer Antwort zuzuhören. So blieb mir nichts anderes übrig, als ihm für seine Offenheit zu danken und wegzugehen.“

Wesley verwickelte sich ausserdem in eine Liebesaffäre, wo er sehr unweise handelte. Eine junge Frau, die anscheinend Gott liebte, begann sich für ihn zu interessieren. Sie gefiel Wesley auch, aber er hatte oft gesagt, es sei besser, ledig zu bleiben, um Gott besser dienen zu können. Deshalb zweifelte er, ob Gott ihm erlauben würde zu heiraten. Aufgrund dieser eigenen Unsicherheit schwankte er ständig zwischen zwei gegensätzlichen Verhaltensweisen: auf der einen Seite machte er der jungen Frau Hoffnungen, und auf der anderen Seite distanzierte er sich wieder von ihr. Dieses Verhalten verwirrte sie so sehr, dass sie schliesslich in ihrer Verzweiflung überstürzt einen anderen Mann heiratete.

Mit all diesen Problemen in der Gemeinde und in seinem eigenen Leben konnte Wesley nie seinen eigentlichen Vorsatz ausführen, die Indianer zu evangelisieren. Seine Arbeit unter den Eingeborenen beschränkte sich auf einige wenige Kontakte.

Während dieser ganzen Zeit versammelte sich Wesley weiterhin mit den Herrnhutern, die am selben Ort lebten. Ab und zu suchte er Rat bei ihnen. Anscheinend waren sie die einzigen Menschen, vor denen er sein Herz öffnen konnte. In einem Gespräch mit einem ihrer Leiter, Spangenberg, fragte ihn dieser:

– „Mein Bruder, ich muss dir zuerst eine oder zwei Fragen stellen. Hast du das Zeugnis in dir? Bezeugt der Geist Gottes zusammen mit deinem Geist, dass du Gottes Kind bist?“
John Wesley war angesichts dieser Frage so sprachlos, dass er nicht antworten konnte.
– „Kennst du Jesus Christus?“, fuhr Spangenberg fort.
– „Ich weiss, dass er der Erlöser der Welt ist.“
– „Gewiss; aber weisst du, dass er dich erlöst hat?“
– „Ich hoffe es“, antwortete Wesley, „er starb, um mich zu erretten.“
– „Kennst du dich selber?“
– „Ja“, sagte Wesley, aber er sagte es nicht mit Überzeugung.

Die Überführung durch den Heiligen Geist

Schliesslich verliess Wesley vor der Zeit Georgia und kehrte fast fluchtartig nach England zurück. Während der Schiffsreise hatte er mehrere Wochen Zeit, um über seinen Misserfolg und dessen Ursachen nachzudenken. Und da war es, wo Gott ihm ganz klar die Wahrheit zeigte: Er selber war noch nicht wiedergeboren!

Während dieser Reise schrieb Wesley die folgenden beeindruckenden Worte in sein Tagebuch:

„Ich ging nach Amerika, um die Indianer zu bekehren; aber ach! wer wird mich bekehren? Wer wird mich von diesem boshaften Herz erlösen? Ich habe eine Sommer-Schönwetterreligion. Ich kann gut reden, ja, und kann auch glauben, solange keine Gefahr herrscht; aber wenn mir der Tod ins Gesicht schaut, verstört sich mein Geist. Ich kann auch nicht sagen: ‚Sterben ist Gewinn‘.
Ich habe eine Sünde der Angst, dass wenn ich
meinen letzten Faden gewebt haben werde,
am Ufer zugrunde gehe!“

Und etwas später:

„Es ist jetzt zwei Jahre und fast vier Monate her, seit ich mein Land verliess, um die Indianer von Georgia über das Christentum zu belehren. Aber was habe ich selber in dieser Zeit gelernt? Was ich am wenigsten erwartete: dass ich, der ich nach Amerika ging, um andere zu bekehren, selber nie zu Gott bekehrt worden war.“

An dieser so wichtigen Stelle in Wesleys Leben müssen wir einen Moment innehalten. Er war ein Theologe, ein ordinierter Pfarrer, ein Prediger, ein Missionar. Er kannte und glaubte alle wichtigen Lehren des Christentums, und belehrte andere darüber. Dennoch musste er anerkennen, dass er selber noch nicht wiedergeboren war. Ja, er glaubte, dass Jesus für ihn gestorben war. Aber auf der Reise und in Georgia war sein Glaube auf die Probe gestellt worden – und zu leicht befunden worden. Wesley musste eingestehen, dass er im Grunde seines Herzens keinen Glauben hatte.

Wenn wir nur die grosse und schreckliche Lehre verstehen könnten, die in dieser Geschichte für unsere heutigen Kirchen liegt! Wie schnell sind wir dabei, jemanden als „Christ“ und „Bruder“ zu bezeichnen. Wir geben uns damit zufrieden, dass jemand zur Kirche geht, die Bibel liest, betet, Geld spendet, und „auf christlich“ sprechen kann. Und wenn wir ihn sein „Übergabegebet“ sprechen gehört haben, dann zweifeln wir überhaupt nicht mehr daran, dass es sich um einen echten, bekehrten Christen handelt. In einigen Gemeinden wird es sogar als eine Todsünde betrachtet, die Errettung einer solchen Person in Frage zu stellen. Aber Wesley hatte all das getan, was diese „Durchschnittschristen“ tun, und noch viel mehr. Er hatte seine Ordinationsgelübde abgelegt. Er war unter Lebensgefahr über das Meer gereist, um die Indianer zu bekehren. Er hatte ein disziplinierteres und frömmeres Leben geführt als alle seine Kameraden. Dennoch war er nicht wiedergeboren.

Ist es da nicht logisch anzunehmen, dass viele der angeblichen „Geschwister“ in den Gemeinden ebensowenig wiedergeboren sind? – und dass sogar viele der gegenwärtigen Pfarrer und Prediger nicht wiedergeboren sind?

Manche Jahre später sagte Wesley in einer Predigt, dass er während all dieser Jahre nur ein „Beinahe-Christ“ gewesen sei. Einer, der sich bemüht, Gottes Gebote zu halten; der sich bemüht, gute Werke zu tun; und der den ehrlichen Wunsch hat, Gott zu gefallen. Einer, der von Herzen alle seine religiösen Pflichten erfüllt. Ist es nicht das, was in vielen Kirchen unter einem Christen verstanden wird? Und gibt es etwa nicht viele „Geschwister“ in den Kirchen, die nach Wesley nicht einmal „Beinahe-Christen“ wären, weil sie noch in bewusster Sünde leben und in ihren Herzen nicht ehrlich sind? Wie können sie dann glauben, sie seien errettet?
Aber auch als „Beinahe-Christ“ fehlte Wesley noch das Entscheidende (wie er in jener Predigt sagte): die echte Liebe Gottes und der echte Glaube. Seine Frömmigkeit und seine guten Werke waren nichts als menschliche Anstrengungen. Er hatte das Leben eines echten Christen nachgeahmt; aber Gott hatte nicht wirklich in seinem Leben gewirkt.

Bei einer anderen Gelegenheit sagte Wesley, dass er während all jener Jahre den Glauben eines Sklaven gehabt hätte; aber dass ihm nachher Gott den Glauben eines Sohnes gegeben hätte.

Das Leben Wesleys sollte als Beispiel dienen, um all jenen die Augen zu öffnen, die meinen, Christen zu sein, während sie in Wirklichkeit nur religiöse Gewohnheiten haben.
Hat dich Gott je zutiefst von deiner Sündhaftigkeit und deinem Unglauben überführt?
Gab es in deinem Leben ein echtes Wirken Gottes, das dein Leben veränderte und den Sünder, der du warst, in ein heiliges Kind Gottes verwandelte?
Oder ist deine ganze Religiosität nur dein eigenes menschliches Werk?

Wichtige Anmerkung: Ich sagte oben, dass in Georgia der Glaube Wesleys als zu leicht befunden wurde. Das hat aber nichts damit zu tun, was die Leute über ihn sagten. Einige „Christen“ meinen, sie seien „bewährt“, wenn die ganze Gemeinde gut von ihnen spricht (und insbesondere der Pastor). Und sie meinen, sie seien „unbewährt“, wenn die Gemeinde schlecht von ihnen spricht (und insbesondere der Pastor). Das ist ein grosser Irrtum. Nur in deiner persönlichen Beziehung zu Gott zeigt es sich, ob dein Glaube bewährt ist. Wir werden weiter unten sehen, dass Wesley nach seiner Wiedergeburt noch viel mehr kritisiert und misshandelt wurde – insbesondere von den Pastoren. Aber da war sein Glaube fest und bewährt.

Die Wiedergeburt

Bei seiner Rückkehr nach London lernte Wesley einen anderen Herrnhuter kennen, Peter Böhler, der vor kurzem aus Deutschland gekommen war. Er sprach mit ihm über seine Verzweiflung, und während der folgenden vier Monate war Böhler sein Ratgeber in seinen geistlichen Stürmen. In einem dieser Gespräche sagte Böhler zu ihm: „Mein Bruder, mein Bruder, du musst von dieser deiner Philosophie gereinigt werden.“

Wesley erwähnt das folgende Gespräch, einige Wochen später:

„Am Sonntag wurde ich klar vom Unglauben überführt, vom Mangel an jenem Glauben, durch den wir als einziges errettet werden können.
Sofort kam mir der Gedanke: ‚Hör auf zu predigen. Wie kannst du anderen predigen, wenn du selber keinen Glauben hast?‘ – Ich fragte Böhler, ob ich aufhören sollte zu predigen. Er antwortete: ‚Keinesfalls.‘ – Ich fragte: ‚Aber was kann ich predigen?‘ – Er sagte: ‚Predige den Glauben, bis du ihn hast; und dann wirst du ihn predigen, weil du ihn hast.‘ „

Bei einer anderen Gelegenheit, als Wesley nochmals dasselbe fragte, antwortete Böhler: „Nein, vergrabe das Talent nicht, das Gott dir gegeben hat.“

So fuhr Wesley fort zu predigen, und die Wahrheit Gottes schaffte sich allmählich Raum in seinem eigenen Herzen.

Am 24.Mai 1738, vier Monate nach seiner Rückkehr von Amerika, befand sich Wesley in einer Versammlung, wo Luthers Vorrede zum Römerbrief vorgelesen wurde. Wesley berichtet:

„Etwa um viertel vor neun, während er den Wechsel beschrieb, den Gott im Herzen bewirkt durch den Glauben an Christus, fühlte ich, dass mein Herz seltsam erwärmt wurde. Ich fühlte, dass ich auf Christus vertraute, auf Christus allein, für meine Errettung; und es wurde mir eine Gewissheit gegeben, dass er meine Sünden weggenommen hatte, sogar die meinen, und mich vom Gesetz der Sünde und des Todes erlöst hatte.
(…) Wenig später flüsterte mir der Feind ein: ‚Das kann nicht Glaube sein, denn wo ist deine Freude?‘ – Darauf wurde ich belehrt, dass der Friede und der Sieg über die Sünde wesentlich sind im Glauben an den Anführer unserer Erlösung; dass aber das Gefühl der Freude (…) Gott manchmal gibt und manchmal zurückbehält, nach dem Ratschluss seines eigenen Willens.
(…) Die Versuchungen kamen immer wieder zurück. Jedesmal hob ich meine Augen auf, und Er ’sandte mir Hilfe aus Seinem Heiligtum‘. Und darin fand ich den hauptsächlichen Unterschied zwischen meinem neuen Zustand und dem vorherigen. Ich strengte mich an und kämpfte mit all meiner Kraft, sowohl unter dem Gesetz wie unter der Gnade. Aber damals wurde ich oft besiegt; jetzt war ich immer Sieger.

J.E.Hutton schreibt über diese Veränderung: „Von diesem Moment an, trotz einiger wiederkehrender Zweifel, war John Wesley ein veränderter Mensch. Obwohl er keine neue Lehre gelernt hatte, hatte er doch gewiss eine neue Erfahrung gemacht. Er hatte Frieden in seinem Herzen, war seiner Errettung gewiss, und von da an, wie alle Leser wissen, war er imstande, sich selbst zu vergessen, seine Seele in Gottes Hand zu lassen, und sein Leben zur Errettung seiner Nächsten zu verwenden.“

Es ist sehr interessant zu lesen, wie Wesley die Wirkung seiner Predigten während jener Zeit beschreibt:

„4.Februar. Am Nachmittag wurde ich gebeten, in St.John the Evangelist’s zu predigen. Ich tat es, über diese starken Worte: ‚Wenn jemand in Christus ist, so ist er eine neue Schöpfung‘ (2.Kor.5,17). Danach wurde ich darüber informiert, dass die Besten in der Versammlung sich so beleidigt fühlten, dass ich nie mehr hier predigen sollte.
Sonntag, 12. Ich predigte in St.Andrew’s, Holborn, über: ‚Auch wenn ich all meine Güter gäbe, um die Armen zu speisen, und auch wenn ich meinen Körper hingäbe zum Verbrennen, aber hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts.‘ (1.Kor.13,3). Oh, harte Worte! Wer kann sie anhören? Auch hier scheint es, dass sie mich nie mehr predigen lassen werden.
Sonntag, 26. Ich predigte um sechs in St.Lawrence, um zehn in St.Catherine Cree’s, und am Nachmittag in St.John’s, Wapping. Ich glaube, es gefiel Gott, die erste Predigt am meisten zu segnen, denn sie erregte am meisten Anstoss.
(…) Sonntag, 7.Mai. Ich predigte morgens in St.Lawrence, und danach in St.Catherine Cree’s. An beiden Orten wurde ich befähigt, starke Worte zu sprechen; und war deshalb nicht überrascht, als ich informiert wurde, ich dürfe in keiner dieser beiden Kirchen mehr predigen.
Sonntag, 14. Ich predigte morgens in St.Ann’s, Aldersgate; und am Nachmittag in Savoy Chapel, die freie Erlösung durch den Glauben an das Blut Christi. Man sagte mir sofort, dass ich auch in St.Ann’s nicht mehr predigen dürfe.
Sonntag, 21. Ich predigte in St.John’s, Wapping um drei, und in St.Bennett’s, Paul’s Wharf, am Abend. Auch in diesen Kirchen darf ich nicht mehr predigen.“

Was war so anstössig an diesen „neuen“ Predigten Wesleys? – Nun, es war genau das, was er selber erfahren hatte: dass es nötig war, von neuem geboren zu werden. Wesley verstand sehr gut, dass sich die Mitglieder (und Pastoren) der Kirchen in derselben Situation befanden wie er vor seiner Wiedergeburt: Sie dachten, sie seien Christen, aber sie waren höchstens „Beinahe-Christen“. Somit bewies ihnen Wesley aus der Schrift, dass sie von neuem geboren werden mussten. Das ist die anstössigste, aber zugleich notwendigste Botschaft für die Kirche. Nicht nur zur Zeit Wesleys, sondern auch heute. Wo sind heute die Prediger, die den Mitgliedern und Pastoren der evangelischen und evangelikalen Kirchen aus der Schrift zeigen, dass sie erst von neuem geboren werden müssen?

(Fortsetzung folgt)

John Wesley und die Methodisten – Teil 1

13. Juli 2013

Vorbemerkung: Anfänglich hatte ich geplant, in der Artikel-Rubrik „Erweckungsgeschichte“ chronologisch vorzugehen. Dann müsste ich eigentlich vor Wesley zumindest über die Puritaner, die Quäker, die Pietisten und die Herrnhuter sprechen. Aber ich hatte bisher nicht die Zeit, Artikel über diese Bewegungen zusammenzustellen, während ich über Wesley schon viel vorbereitetes Material hatte. Deshalb mache ich jetzt nach den Täufern der Reformationszeit einen grossen zeitlichen Sprung nach vorne, und hoffe die übrigen erwähnten Bewegungen ein anderes Mal behandeln zu können.

(Anmerkung: Alle Wesley-Zitate sind, soweit nichts anderes angemerkt, aus Wesleys Tagebuch entnommen.)

Das Leben John Wesleys: „Ihr müsst von neuem geboren werden“

John Wesley wurde von Gott gebraucht, um eine der grössten Erweckungen der Geschichte herbeizuführen. Während seines Dienstes kamen Tausende und vielleicht Millionen von Menschen in England zum Glauben an Jesus und änderten ihr Leben. Diese Erweckung veränderte das ganze Land. Historiker sagen, dass England nur durch das Wirken Wesleys eine ähnlich blutige Revolution wie die französische erspart wurde. So sagt z.B. John Telford in der Einleitung zu seiner Biographie Wesleys:

(Der Historiker) Lecky schreibt dem Methodismus einen prominenten Platz zu unter den Einflüssen, die dieses Land (England) vor dem revolutionären Geist bewahrten, der Frankreich ruinierte. Er zeigt, wie ‚besonders glücklich‘ der Umstand war, dass der Industrialisation in der zweiten Hälfte des 18.Jahrhunderts ‚eine religiöse Erweckung vorausging, die eine Quelle moralischer und religiöser Energie unter den Armen eröffnete, und gleichzeitig auf mächtige Weise die Menschenliebe unter den Reichen förderte.‘ „

Fast gleichzeitig bevollmächtigte Gott auf der anderen Seite des Atlantiks einen Prediger, durch den in Amerika eine ebenso grosse Erweckung geschehen sollte: Jonathan Edwards. Ein Freund Wesleys, George Whitefield, sollte in jener Erweckung ebenfalls grossen Einfluss haben. Die Daten dieser zwei Erweckungen stimmen auffallend überein: Edwards erlebte die Anfänge der Erweckung im Jahr 1735. Von 1740 bis 1742 breitete sie sich unter allen englischen Kolonien in Nordamerika aus, und 1745 erreichte sie die indianischen Ureinwohner (durch den Missionar David Brainerd). – John Wesley erlebte 1738 seine persönliche Wiedergeburt, und daraufhin begann die Erweckung in England, die mehrere Jahrzehnte lang andauerte. – Wenig früher (1727) war auch in Deutschland von Herrnhut eine Erweckung ausgegangen, welche die erste Weltmissionsbewegung seit der Reformation hervorbrachte. – Es scheint, dass Gott beschlossen hatte, während jener Jahrzehnte von etwa 1730 bis 1750 seine Gemeinde im grossen Stil zu erneuern.

Wenn wir diese Erweckungsbewegungen mit der Reformation Luthers und Calvins vergleichen, dann sticht ein besonderer Unterschied ins Auge. Die Reformation betonte die Lehre, insbesondere über die Rechtfertigung aus Glauben, durch die Gnade Gottes. Die Erweckungen des 18.Jahrhunderts betonten das persönliche Erleben der Rechtfertigung und der Gnade Gottes. In anderen Worten: Die Reformatoren fragten: „Glaubst du an die Lehre der Rechtfertigung aus dem Glauben?“ Die Erweckungsprediger fragten: „Zeigt es sich in deinem eigenen Leben, dass du errettet bist?“

Die Erweckungsprediger verachteten nicht etwa die Lehre. Im Gegenteil, die Lehre von der Erlösung war ihnen äusserst wichtig. Ohne diese Grundlage, die in der Reformationszeit gelegt worden war, wären die Erweckungen nicht möglich gewesen. Aber Prediger wie Edwards, Wesley, und andere, erkannten, dass es nicht genug war, die richtige Lehre anzuerkennen. Es war nötig, die grosse Umwandlung, die Jesus im Leben eines Gläubigen bewirkt, selber zu erleben. Das heisst, es war nötig, wiedergeboren zu werden.

John Wesley erfuhr diese Notwendigkeit zutiefst in seinem eigenen Leben.

Viele gute Vorsätze

Von Kind auf bemühte sich John Wesley, ein diszipliniertes und methodisches Leben zu führen. Ein Biograph sagt, dass er sogar auf die Frage, ob er noch etwas mehr Brot möchte, nicht mit „ja“ oder „nein“ zu antworten pflegte, sondern sagte: „Danke, ich werde es mir überlegen.“ Sein Vater verzweifelte fast darüber und sagte eines Tages zu seiner Frau: „Ich versichere dir, unser John würde nicht einmal den dringendsten Bedürfnissen der Natur nachgeben, wenn er nicht einen guten Grund dafür nennen könnte.“

Im Studium fand Wesley, dass das Leben eines typischen Studenten informell und oberflächlich war. Er beschloss, das zu ändern, und verfasste für sich selber ein Reglement unter dem Titel: „Eine allgemeine Regel in allen Tätigkeiten des Lebens.“ Darin nahm er sich z.B. vor, „immer eine atemberaubende Furcht vor der Gegenwart Gottes zu bewahren“, „jede freie Stunde auf Dinge der Religion zu verwenden“, „die Neugier über unnütze Tätigkeiten und Kenntnisse zu vermeiden“. Er unterwarf sein tägliches Leben einem strengen Stundenplan. Aber oft musste er sich selber Vorwürfe machen, weil er diese selbst aufgestellten Regeln nicht erfüllen konnte.

Wesley studierte Theologie und wurde zum anglikanischen Pfarrer ordiniert. Von Anfang an predigte er über die Notwendigkeit, ein heiliges und diszipliniertes Leben zu führen. Das beeindruckte seine Zuhörer; aber viele ärgerten sich, weil Wesley zu streng und unflexibel war. Da bot sich eine Gelegenheit an, in einer kurz zuvor gegründeten Kolonie in Georgia zu arbeiten. Dort sollte Wesley ein Pfarramt für eine englische Gemeinde übernehmen; aber er dachte noch mehr daran, die dort ansässigen Indianer zu evangelisieren.

Geprüft im Sturm

Wesley reiste mit drei Begleitern nach Amerika, darunter sein Bruder Charles. Auf demselben Schiff befand sich eine Gruppe deutscher Herrnhuter, die sich ebenfalls in Georgia ansiedeln wollten. Wesley fühlte sich sehr zu ihnen hingezogen und nahm an ihren täglichen Zusammenkünften teil. Er schrieb darüber:

„Sie zeigten ständig ihre Demut, indem sie für die anderen Passagiere jene untergeordneten Arbeiten übernahmen, die keiner der Engländer getan hätte. Weder baten sie um Bezahlung noch nahmen sie solche an. Sie sagten: ‚Es war gut für ihre stolzen Herzen‘, und: ‚Ihr liebender Erlöser hat mehr getan für sie.‘ Und jeden Tag zeigten sie eine Sanftmut, die sich durch keine Beleidigung aus der Ruhe bringen liess. Wenn sie geschubst, geschlagen oder umgeworfen wurden, standen sie wieder auf und gingen weg; aber in ihrem Mund fand sich keine Klage.“

Auch auf dem Schiff behielt Wesley seinen geordneten und strengen Lebensstil bei. Er schrieb in seinem Tagebuch:

„Unsere normale Lebensweise war so:
Von vier bis fünf Uhr morgens widmete sich jeder von uns dem persönlichen Gebet. Von fünf bis sieben lasen wir zusammen die Bibel. (…) Um sieben frühstückten wir. Um acht Uhr war das öffentliche Gebet. Von neun bis zwölf lernte ich Deutsch, und Herr Delamotte lernte Griechisch. Mein Bruder schrieb Predigten, und Herr Ingham lehrte die Kinder. Um zwölf kamen wir zusammen, um voreinander Rechenschaft abzulegen darüber, was wir seit der letzten Zusammenkunft getan hatten, und was wir bis zur nächsten tun wollten. Um ein Uhr assen wir zu Mittag. Nach dem Mittagessen bis um vier Uhr lasen wir für jene [Passagiere], für die sich jeder von uns verantwortlich gemacht hatte, oder wir sprachen mit ihnen einzeln, je nach den Bedürfnissen. Um vier war das Nachmittagsgebet. (…) Von fünf bis sechs beteten wir jeder für sich. Von sechs bis sieben las ich in unserer Kabine für zwei oder drei Passagiere. (…) Um sieben Uhr versammelte ich mich mit den Deutschen in ihrem öffentlichen Gottesdienst. (…) Um acht kamen wir wieder unter uns zusammen, um uns gegenseitig zu ermahnen und zu lehren. Zwischen neun und zehn Uhr gingen wir schlafen…“

Die Überfahrt war ziemlich stürmisch, sodass die Passagiere um ihr Leben zu fürchten begannen. In diesen Umständen wurde sich Wesley bewusst, dass er im Tiefsten seines Herzens nicht auf das Sterben vorbereitet war:

„Etwa um neun Uhr ging eine See über uns hinweg vom Bug bis zum Heck, zerbrach die Fenster der Kabine, wo sich drei oder vier von uns befanden, und bedeckte uns vollständig, obwohl ein Schreibtisch mich vor dem schlimmsten Aufprall schützte. Etwa um elf legte ich mich in der grossen Kabine nieder und schlief bald ein, aber ohne zu wissen, ob ich wieder lebendig aufwachen würde, und sehr beschämt, weil ich nicht zum Sterben bereit war. Oh, wie reines Herzens muss der sein, der sich darüber freuen würde, ohne Vorwarnung vor Gott zu erscheinen!“

Aber das Schlimmste sollte noch kommen. Wesley schreibt in seinem Tagebuch über den stärksten Sturm:

„…Um vier Uhr war der Sturm heftiger als je… Das Schiff wurde von so unregelmässigen Bewegungen durchgeschüttelt, dass man sich nur mit grösster Schwierigkeit an etwas festhalten konnte, um sich aufrecht zu halten. Alle zehn Minuten gab es einen Schlag gegen das Heck oder die Seite des Schiffes, sodass man denken musste, die Planken würden in Stücke zersplittern.
… Um sieben ging ich zu den Deutschen. Inmitten des Psalmlieds zur Eröffnung des Gottesdienstes brach eine See über das Schiff herein, riss das Hauptsegel in Stücke, bedeckte das Schiff und ergoss sich zwischen die Decks, als ob uns der grosse Abgrund bereits verschlungen hätte. Die Engländer fingen an schrecklich zu schreien. Die Deutschen sangen ruhig weiter. Danach fragte ich einen von ihnen: ‚Hattet ihr keine Angst?‘ Er antwortete: ‚Gott sei Dank, nein.‘ Ich fragte: ‚Aber haben eure Frauen und Kinder keine Angst gehabt?‘ Er sagte freundlich: ‚Nein, unsere Frauen und Kinder haben keine Angst zu sterben.‘ – Dann ging ich zu seinen Nachbarn, die schrieen und zitterten, und zeigte ihnen den Unterschied in der Stunde der Prüfung, zwischen dem, der Gott fürchtet, und dem, der ihn nicht fürchtet.“

Aber Wesley selber hatte auch nicht die Ruhe, die die Herrnhuter auszeichnete. J.E.Hutton sagt (in „Geschichte der Brüdergemeine“): „John Wesley war zutiefst verstört. Mit all seiner Frömmigkeit fehlte ihm doch noch etwas, was diese Brüder besassen. Es fehlte ihm das siegesgewisse Vertrauen auf Gott. Er fürchtete noch den Tod. – ‚Wie kommt es, dass du keinen Glauben hast?‘, sagte er zu sich selber.“

(Fortsetzung folgt)

95 Thesen über die Lage der evangelischen (evangelikalen) Gemeinden (1.Teil)

31. Januar 2011

EINLEITUNG

Am 31. Oktober 1517 versuchte Martin Luther, eine öffentliche Diskussion in Gang zu setzen über den Zustand der Kirche seiner Zeit, und schlug einige Reformen vor. Das Ergebnis war viel radikaler, als er es sich vorgestellt hätte: statt die Kirche zu reformieren, entstand eine grosse Oppositionsbewegung gegen die Kirche; während die katholische Kirche selbst sich weigerte, sich zu reformieren.

Gegenwärtig haben die evangelischen und evangelikalen Kirchen ihrerseits eine Reformation nötig. Werden sie dieses Mal auf den Ruf des Herrn hören, oder werden sie die Geschichte wiederholen und wieder so handeln wie damals die katholische Kirche?

Viele der Beobachtungen in den folgenden Thesen kommen aus meiner eigenen Erfahrung im peruanischen Hochland. Die Situation ist in anderen Kulturen vielleicht anders. Aber ich erhielt ähnliche Berichte von so unterschiedlichen Orten wie Nordamerika, Europa und Afrika, sodass ich annehmen muss, dass zumindest einige der beschriebenen Missstände weltweit verbreitet sind.

Die meisten dieser Thesen sind einfache Vergleiche zwischen der Gemeinde des Neuen Testamentes und den heutigen evangelischen bzw. evangelikalen Kirchen. Wenn man mit offenen Augen diesen Vergleich vornimmt: wie weit sind wir davon entfernt, die Gemeinde zu sein, die Gott möchte?

Anmerkungen zur spanischen Originalausgabe:

– In diesen Thesen erscheint häufig der Ausdruck: „die evangelischen Kirchen … im allgemeinen“. – Ich bin mir bewusst, dass es unter den evangelischen Kirchen eine grosse Vielfalt gibt. Wahrscheinlich ist kaum eine Einzelgemeinde von allen aufgeführten Punkten betroffen. Aber wir alle sind verantwortlich, uns vor dem Wort Gottes zu prüfen.

– Dieses Dokument wurde nicht als fertige Lehrunterlage verfasst, sondern möchte zur Fürbitte und zu einer weiten Diskussion Anlass geben. Deshalb befindet es sich in einem provisorischen Zustand, und verschiedene Teile bedürfen evtl. einer Revision. „Thesen“ bedeutet ja: Standpunkte, die zur Diskussion vorgeschlagen werden; nicht eine fertig ausgearbeitete Lehrunterlage. Die Veröffentlichung war erst für einen späteren Zeitpunkt vorgesehen; aber ich kam zu der Überzeugung, dass diese Botschaft dringend ist und deshalb so bald wie möglich veröffentlicht werden sollte.

Anmerkungen zur deutschen Übersetzung:

Zum Zeitpunkt dieser Übersetzung sind über vier Jahre vergangen seit der Originalfassung. Die Reaktion darauf übertraf meine Befürchtungen noch: Es fand überhaupt keine Diskussion statt. Stattdessen wurden die vorliegenden Thesen von evangelikalen Leitern als „Unrat“ bezeichnet, zensuriert, verleumdet, oder zu „verbotener Lektüre“ erklärt. Diese negativen Reaktionen richteten sich unerwarteterweise mehrheitlich nicht gegen die eher kontroversen Thesen über Gemeinde und Gemeindeleitung, sondern gegen die These Nr.1, von welcher ich angenommen hatte, diese sei zumindest im evangelikalen Bereich noch unbestritten (göttliche Inspiration und Irrtumslosigkeit der Bibel). Mehrere evangelikale Organisationen und Leiter brachen öffentlich und ohne Begründung ihre Beziehungen zu mir ab. Ähnlich reagierten auch einige Leiter im deutschen Sprachgebiet, als sie sich einigen Grundgedanken dieser Thesen gegenübersahen. Zu einer konstruktiven Kritik auf biblischer Basis war bis heute (Januar 2011) niemand fähig. Deshalb konnte ich auch noch keine Revision dieser Thesen vornehmen. Sie erscheinen deshalb auch in dieser Übersetzung noch in der als „provisorisch“ vorgestellten Erstfassung (mit einigen wenigen zusätzlichen Anmerkungen).

Aus den genannten Gründen wird diese Artikelserie in der Kategorie „Zensurierte Artikel“ veröffentlicht.

So traurig auch diese Vorgänge sind, so bestätigen sie doch gerade eine meiner Hauptthesen: Die Kirchengeschichte ist in einem grossen Kreis zur Situation vor der Reformation zurückgekehrt. Nur dass heute die evangelischen und evangelikalen Kirchen die Rolle der damaligen katholischen Kirche spielen. Wenn sie mit klaren Aussagen der Heiligen Schrift konfrontiert werden, die ihren eigenen Traditionen widersprechen, dann reagieren sie nicht anders als die katholische Kirche des Mittelalters auf Luther.

Sprachliche Anmerkungen:

Eine Übersetzung ins Deutsche war nicht ganz einfach, denn die deutsche Sprache gebraucht einige spitzfindige Unterscheidungen, die in anderen Sprachen nicht vorkommen. So z.B. die Unterscheidung zwischen „evangelisch“ und „evangelikal“. Um nicht überall das Doppelwort „evangelisch/evangelikal“ schreiben zu müssen, gebrauche ich das Wort „evangelisch“ für beide. Wo spezifisch die reformierten Landeskirchen gemeint sind, schreibe ich „reformiert“.
Ebenso wird im Deutschen je nach konfessioneller Kultur entweder „Pfarrer“ oder „Pastor“, entweder „Kirche“ oder „Gemeinde“ gesagt. Auch diese Begriffe sind in den folgenden Thesen meistens austauschbar. In der Regel bevorzuge ich „Kirche“, wo eine menschliche Organisation gemeint ist, und „Gemeinde“, wo die neutestamentliche Gemeinschaft der Christen gemeint ist.
Betr. persönliche Fürwörter richte ich mich nach der Gepflogenheit des vor-feministischen Zeitalters, als bei Verallgemeinerungen das männliche Fürwort ausreichte, um alle, auch Frauen, einzuschliessen. Ich tue dies nicht, weil ich Frauen ablehnen würde, sondern lediglich weil mir der ständige Gebrauch von Doppelwörtern wie „er/sie“, „ihm/ihr“, zu umständlich ist.


95 THESEN

I) Über die Auslegung der Bibel

1. Die Bibel ist in ihren Originalhandschriften Gottes inspiriertes Wort, irrtumslos und unfehlbar.
– Obwohl die heutigen evangelischen Kirchen im allgemeinen dies in ihrem Glaubensbekenntnis festhalten, geben viele in der Praxis der kritischen Theologie Raum, welche die Bibel als ein menschliches Wort ansieht, das Irrtümer enthalten kann.

(Im deutschen Sprachraum haben viele reformierte Kirchen bereits die kritische Theologie zu ihrer offiziellen Theologie erklärt und sind hierin also wenigstens konsequent. Im Raum der Freikirchen dürfte aber die beschriebene Inkonsequenz – die in Lateinamerika allgemein verbreitet ist – auch vorzufinden sein.) Wenn einmal die Türen geöffnet sind für die kritische Theologie, folgen unvermeidlich weitere Irrtümer in der Lehre.

2. Die heutigen evangelischen Kirchen legen im allgemeinen die Bibel durch den Filter ihrer eigenen Tradition und gemeindlicher Gewohnheiten aus. Diese Tradition hindert sie daran, zu sehen, was die Bibel wirklich sagt.
Wenn sie „Kirche“ oder „Gemeinde“ lesen, stellen sie sich eine heutige Kirche vor, und sind sich nicht bewusst, dass die Gemeinde des Neuen Testamentes sehr anders war. Wenn sie „Bekehrung“ lesen, stellen sie sich eine Person vor, die an einer Evangelisationsveranstaltug ein „Übergabegebet“ nachspricht, und sind sich nicht bewusst, dass eine Bekehrung im Neuen Testament etwas ganz anderes war. Wenn sie „Pastor“ („Hirte“) lesen, stellen sie sich einen Pfarrer einer heutigen Kirche vor, und sind sich nicht bewusst, dass ein „Hirte“ im Neuen Testament etwas ganz anderes war. (Die Beispiele könnten beliebig vermehrt werden.)

3. Die Apostelgeschichte und die apostolischen Briefe sind Beschreibungen des Normalzustandes der Gemeinde, gemäss Gottes Willen für alle Zeiten.
Der Herr ist derselbe in allen Zeiten; Sein Wort besteht für immer (Jes.40,8, Matth.24,35); und wenn er irgendeine Änderung vorgesehen hätte für die Zeit nach dem Abschluss des Neuen Testamentes, dann hätte er dies zum voraus prophetisch angekündigt.
Die heutigen evangelischen Kirchen betrachten im allgemeinen die Apostelgeschichte nur als einen Bericht aus vergangenen Zeiten; oder sie interpretieren deren Inhalt um und passen ihn ihrer jeweiligen konfessionellen Tradition an; und auf beide Arten wird die Botschaft der Apostelgeschichte nicht wirklich auf heute angewandt. Dies ist ein schwerer Fehler, der die Kirchen blind macht dafür, wie weit sie sich von Gott entfernt haben.


II) Über die Wiedergeburt

4. Die Wiedergeburt ist eine Tat Gottes, nicht des Menschen (Joh.3,8, 6,44). Es ist Gott, der die Vorherbestimmten ruft und rechtfertigt (Röm.8,29-30). Die Verantwortung des Menschen besteht darin, auf den Ruf Gottes zu antworten mit Umkehr und Glauben (Markus 1,15, Apg.2,38, Röm.4,5).
Die evangelischen Kirchen heute (d.h. v.a. Freikirchen) glauben und lehren im allgemeinen, dass die Wiedergeburt eine Tat des Menschen ist (selbst wenn ihre offizielle Lehre anders ist) – das zeigt sich in ihren manipulativen Evangelisationsmethoden.
(Anm: Es geht mir bei dieser These nicht darum, eine spezifische Version der Prädestinationslehre zu diskutieren. Das genaue Zueinander von göttlicher Vorherbestimmung und menschlicher Verantwortung zu beschreiben, gehört zu den schwierigsten theologischen Fragestellungen überhaupt, und ich bin da durchaus offen für eine gewisse Bandbreite an Meinungen. Worum es mir vielmehr geht, ist die Grundsatzfrage, ob wir Gottes souveränes und übernatürliches Handeln in der Wiedergeburt anerkennen, oder ob wir eine Wiedergeburt als „menschlich machbar“ ansehen – und um die praktischen Konsequenzen, die die Beantwortung dieser Frage z.B. für die Evangelisation hat.)

5. Die Wiedergeburt geschieht nicht durch das Wiederholen eines Übergabegebetes, oder andere menschliche „Methoden“. Es gibt kein Beispiel im Neuen Testament, wo jemand auf solche Weise wiedergeboren worden wäre.
– Die evangelischen Kirchen heute nehmen im allgemeinen jemanden als „bekehrt“ an, wenn er ein Übergabegebet gesprochen hat (resp. die reformierten Kirchen, wenn jemand als Kind getauft wurde). Aufgrund dieser verfehlten Praxis sind die Kirchen verführt, und merken nicht, dass viele falsche Brüder unter ihren Mitgliedern sind.

6. Die wirkliche Umkehr besteht darin, Sünde zu bekennen und hinter sich zu lassen (Spr.28,13). Damit jemand zu einer solchen Umkehr kommt, muss er durch den Heiligen Geist von seiner Sünde überführt werden (Joh. 16:8-9).
Ein Sündenbekenntnis ohne vorausgehende Überführung durch den Heiligen Geist, und ohne den festen Entschluss, die Sünde hinter sich zu lassen, ist keine wirkliche Umkehr.

7. Die heutigen evangelischen Kirchen im allgemeinen verkündigen weder diese wirkliche Umkehr, noch praktizieren sie sie. Als traurige Konsequenz sind viele derer, die sich als Christen verstehen, nie wirklich von neuem geboren worden.

8. Der wahre Glaube, der auf das einmalige Opfer Jesu Christi zur Vergebung der Sünden und zu unserer Erlösung vertraut, führt zu einer Gewissheit, jetzt erlöst zu sein, nicht nur zu einer Hoffnung, „eines Tages“ erlöst zu werden (Joh.5,24).

9. Dieser wahre Glaube kann erst dann wirksam werden, wenn jemand vom Heiligen Geist von seiner Sünde überführt worden ist und wirklich zur Umkehr gekommen ist; vorher nicht.
Wer versucht, auf das Opfer Jesu zu vertrauen, oder das „Geschenk der Erlösung“ anzunehmen, ohne die Überführung von der Sünde erlebt zu haben, der lebt in einem falschen Vertrauen, weil er gar noch nicht weiss, von welcher Gefahr und welchem Urteil er erlöst werden muss.

10. Der wahre Glaube nimmt nichts von Gott „in Anspruch“, und macht auch keine „positiven Bekenntnisse“ über etwas, was er sich nur vorstellt, während die Wirklichkeit anders ist. Derartige „Rezepte“ stammen vom „positiven Denken“ des New Age her, nicht von der Bibel.
Der wahre Glaube vertraut schlicht und fest darauf, dass Gott tun wird, was er versprochen hat, nicht was ich mir vorstelle.

11. Wer von neuem geboren wird, der erhält in seinem Geist das Zeugnis des Heiligen Geistes, dass er Gottes Kind ist (Röm.8,16).
Dieses Zeugnis ist nicht dasselbe wie die menschliche Vorstellung, erlöst zu sein; es ist auch kein menschlicher Akt, es „im Glauben in Anspruch zu nehmen“. Wer dieses Zeugnis erhält, der weiss mit Gewissheit, dass dieses Zeugnis nicht aus seiner eigenen Vorstellung noch aus seinem eigenen Willen entspringt. Wer dieses Zeugnis nicht in sich hat, ist nicht wiedergeboren (Röm.8,9).


III) Über Evangelisation

12. Evangelisation im Neuen Testament ist: Menschen zur Überführung von der Sünde bringen, und zur Umkehr rufen, damit sie gerettet werden. (Matth.3,2, 4,17, Apg. 2,22-23.36-38, Röm.3,19-24)

13. Im Neuen Testament wurden keine Aufrufe gemacht, „Jesus anzunehmen“ oder ähnliches.
Es wurde zur Umkehr gerufen; aber jeder musste diese Umkehr aus eigener Initiative bezeugen, nicht als rituelle Reaktion auf einen Aufruf. (Die Anweisung „Kehrt um und werdet getauft…“ wurde nur jenen gegeben, die schon von sich aus gefragt hatten: „Was muss ich tun, um gerettet zu werden?“ – Apg.2,37-38, 16,30-33).

14. Die heutigen evangelischen (Frei-)Kirchen im allgemeinen rufen in ihrem Eifer, mehr Mitglieder zu gewinnen, nicht-reuige Sünder dazu auf, „Jesus anzunehmen“. Dies bewirkt viele falsche Bekehrungen und sehr wenige echte Bekehrungen.

15. Im Neuen Testament brachten die Christen keine Unbekehrten zu den Versammlungen der Gemeinde.
Im Gegenteil, die Nichtgläubigen hatten Angst davor, sich mit der Gemeinde zusammenzutun (Apg.5,13). Nur nachdem sie sich bekehrten, begannen sie sich mit der Gemeinde zu versammeln. (Dies sollte nicht mit den öffentlichen Versammlungen auf öffentlichen Plätzen verwechselt werden, wo jedermann die Möglichkeit hatte, der Lehre der Apostel zuzuhören, ohne Teil der Gemeinde zu sein.)

16. Die heutigen evangelischen Kirchen bringen im allgemeinen Unbekehrte zu ihren Versammlungen; diese Unbekehrten beginnen sich dann äusserlich wie Christen zu verhalten, bis sie als „Brüder“ angenommen sind, während sie in Wirklichkeit nie von neuem geboren wurden. So füllen sich die Kirchen mit falschen Brüdern.
Schon die Tatsache, dass Unbekehrte überhaupt keine Furcht mehr davor haben, sich mit der Gemeinde zusammenzutun, ist ein Zeichen, dass wir uns weit entfernt haben vom Zustand der Urgemeinde.

17. Im Neuen Testament bezeugte ein Sünder seine Umkehr, indem er sich taufen liess. (Apg. 2,38-41, 8,12, 8,35-38, 10,47-48, usw.)

18. Die heutigen evangelischen Kirchen, soweit sie die Erwachsenentaufe pflegen,
– zögern oft die Taufe wirklich Bekehrter unnötig hinaus; während dieser Wartezeit kann der Feind alle möglichen Zweifel, Versuchungen und Entmutigung in die Herzen der Bekehrten säen;
– taufen aus mangelndem Unterscheidungsvermögen Unbekehrte, die einfach gelernt haben, sich an die äusseren Formen des Christentums anzupassen, nachdem sie viel Zeit zusammen mit Christen verbracht haben.

Ein wirklicher Bekehrter muss mit der Taufe nicht warten; und ein unechter Bekehrter wird durch eine lange Wartezeit nicht zu einem echten.

19. Die Evangelisation im Neuen Testament versprach nie etwas anderes als die Erlösung und das ewige Leben.
Es wurde weder Heilung, noch die Lösung persönlicher Probleme, noch Wohlstand oder Glück versprochen als „Belohnung“ für eine Bekehrung. Im Gegenteil, der Herr rief seine Nachfolger dazu auf, um seinetwillen alles zu verlieren, sogar ihr eigenes Leben (Matth.10,37-39, 16,24-26, Luk.9,57-62). Nur jene, die dem Herrn auf diese Weise nachfolgen, können dann auch die Verheissung erhalten: „… und alle diese Dinge werden euch hinzugetan werden“ (Matth.6,33) – was sich lediglich auf die Grundbedürfnisse des Lebens bezieht.

20. Die heutigen evangelischen Kirchen versuchen im allgemeinen neue Bekehrte zu gewinnen mit Versprechen von Heilung, Lösung persönlicher Probleme, Wohlstand und Glück, usw. Auf diese Weise gibt es falsche Bekehrungen, weil sich die Menschen aus falschen und egoistischen Motiven „bekehren“.

21. So wie ein neugeborenes Baby nach Milch schreit, sucht ein wirklich wiedergeborener Christ von sich aus die Gemeinschaft mit dem Herrn und mit seinen Brüdern.
Wer nach der Bekehrung keinen solchen Hunger und Durst nach dem Herrn hat, ist nicht wirklich bekehrt.
Viele Mitglieder heutiger evangelischer Gemeinden müssen ständig „angespornt“ oder „ermahnt“ werden, weil sie von sich aus diesen Hunger und Durst nach dem Herrn nicht haben; aber das zeigt nur, dass sie in Wirklichkeit nicht wiedergeboren sind.

22. Die heutigen evangelischen Kirchen unternehmen im allgemeinen irrige Bemühungen, an falschen Bekehrten „Nacharbeit“ zu machen, z.B. indem sie sie zum Gottesdienst schleppen, zu dem sie gar nicht gehen wollen; oder indem sie sie unter Druck setzen, sich „christlich“ zu verhalten, während ihre unbekehrte Natur sie nach der anderen Seite zieht, usw. Das alles ist eine Verschwendung von Zeit, Kräften und anderen Mitteln, während die wirkliche Arbeit Gottes vernachlässigt wird: Menschen zu einer wirklichen Umkehr und einem wirklichen Glauben zu führen, gemäss den Prinzipien, die Gott selber aufgestellt hat.


IV) Über Heiligung und Heiligkeit

23. Das Neue Testament nennt nirgends einen Ungläubigen einen „Heiligen“, „Bruder“ oder „Christ“; und nirgends nennt es einen wiedergeborenen Christen „Sünder“. Ein wiedergeborener Christ ist heilig, weil er der Sünde gestorben ist und für Gott lebendig ist (Röm.6,3-11).
Die heutigen evangelischen Kirchen sind im allgemeinen verwirrt, weil sich in ihnen Sünder befinden, die sich „Brüder“ nennen, und Heilige, die sich „Sünder“ nennen. – Luthers Ausdruck „Heiliger und Sünder zugleich“ ist nicht biblisch.

24. Ein wiedergeborener Christ lebt gemäss dem Heiligen Geist (Röm.8,1.4.9.12-13), und mit der Hilfe des Geistes wendet er sich von der Sünde ab und erfüllt so die Gerechtigkeit, die Gott verlangt (Röm.8,4).
Er reinigt sich, weil er den wiederkommenden Herrn erwartet (1.Joh.3,2-3), und sündigt nicht bewusst (1.Joh.3,6-9). Ein wahrer Christ „folgt der Heiligkeit, ohne die niemand den Herrn sehen wird“ (Heb.12:14).

25. Diese Heiligkeit erlangt niemand durch eigene Anstrengungen, sondern durch das Wirken des Herrn, „der in euch sowohl das Wollen als auch das Vollbringen wirkt“ (Phil.2,13, 1.Kor.15,10, Joh. 15,4-6, Eph.2,10).
Ein wahrer Heiliger bemüht sich nicht, das Gute oder Richtige zu tun; aber er bemüht sich, in Christus zu bleiben (und als Ergebnis wird er effektiv das Gute tun).

26. Diese Heiligkeit hat nichts damit zu tun, religiöse Rituale oder äussere Vorschriften zu erfüllen; sondern sie hat mit der Integrität des Herzens zu tun, die Gott in allem gefallen möchte (Ps.40,6-8, Ps.51,6.10).
Die heutigen evangelischen Gemeinden verstehen „Heiligkeit“ allgemein in einem rituellen Sinn (die „richtigen“ und äusserlich „akzeptablen“ Dinge zu tun). Sie unterwerfen sich äusseren Vorschriften, „du sollst nicht in die Hand nehmen, nicht kosten, nicht berühren…“, was einen Anschein von Weisheit hat, aber nichts ausrichtet gegen die Gelüste des Fleisches (Kol.2,20-23). Sie führen Rituale durch von „Gottesdienst“, „Lobpreis“, „Gebet“, „Bekehrung“, „Versöhnung“ – alles der äusseren Form nach, aber die geistliche Realität fehlt. (Matth.15,7-9).

27. Die heutigen evangelischen Kirchen im allgemeinen verkündigen weder die wahre Heiligkeit, noch praktizieren sie sie.
In ihrer Mehrheit entschuldigen sie entweder die Sünde und übergehen sie leichthin; oder sie versuchen, die Heiligkeit durch menschliche Anstrengungen zu erreichen, die in Wirklichkeit fleischlich sind (Phil.3,4-9). Deshalb sagt die Welt: „Warum soll ich Christ werden, wenn sie auch nicht besser sind als ich?“ Und der Name Gottes wird gelästert unter den Heiden durch unsere Schuld (Röm.2,24).

28. Viele Mitglieder evangelischer Kirchen nennen sich selbst „unwürdige Sünder“. Damit geben sie Zeugnis gegen sich selbst, dass sie nicht gerettet sind.
Viele benutzen diesen Ausdruck sogar als Entschuldigung, um weiter zu sündigen; und so zeigen sie, dass sie sich nie wirklich bekehrt haben. – Die Praktik, „um Vergebung zu bitten, um nachher wieder sündigen zu können“, ist völlig entgegen dem Willen Gottes (Jer.7,9-11).

29. Das Evangelium besteht (wie schon Luther hervorgehoben hat) grundsätzlich aus zwei Botschaften: die Botschaft des Gesetzes und die Botschaft der Gnade. Im Neuen Testament wird das Gesetz den Sündern verkündigt, damit sie von ihrer Sünde überführt und zu Jesus Christus geführt werden (Gal.3,22-24). Die Gnade wird den reuigen Sündern verkündigt, damit sie zum Glauben kommen (Röm.3,21-24), und den Gläubigen, damit sie in ihrem Glauben gefestigt werden (Röm.6,14, 1.Petrus 1,13).

30. Die heutigen evangelischen Kirchen haben im allgemeinen diese Ordnung umgedreht: sie verkündigen die Gnade den nicht-reuigen Sündern, und das Gesetz den Gläubigen.
Dieser Fehler bewirkt zwei entgegengesetzte Übel, die ich im folgenden beschreiben werde. In den heutigen evangelischen Gemeinden, wo eines dieser Übel festgestellt wird, da wird häufig das andere Übel als Gegenmittel vorgeschlagen, während in Wirklichkeit beides sehr grosse Übel sind:

31. Die „billige Gnade“ (Bonhoeffer) ist das Übel, das davon kommt, wenn den nicht-reuigen Sündern die Gnade verkündet wird.
Es ist nicht biblisch zu sagen, dass der Herr alle unsere Sünden vergibt, unabhängig davon, ob wir zur Umkehr kommen oder nicht (Lukas 13,3). Es ist nicht biblisch zu sagen, die Erlösung koste nichts (Matth 16,24-25, Matth.13,44-46). Eine solche Verkündigung produziert nicht-reuige Sünder, die zu Gott kommen und sagen: „Wir sind befreit, um weiterhin alle diese Greuel zu verüben“ (Jer.7,8-11).

32. Das „Joch der Pharisäer“ ist das Übel, das davon kommt, wenn den wiedergeborenen Gläubigen das Gesetz verkündigt wird.
Es ist nicht biblisch, die Heiligkeit eines Christen nach seiner Anpassung an äusserliche Regeln zu messen (wie z.B. die Häufigkeit seines Gottesdienstbesuchs, die Höhe seiner Spenden, usw.) – Siehe Matth.15,7-9.
Diese Verkündigung bewirkt, dass die Christen „von der Gnade fallen“ (Gal.5,4) und wieder an ihrer Erlösung zweifeln; sie werden dazu verleitet, wieder aus eigener Kraft zu leben statt aus der Kraft Gottes; und so werden sie unter ein Joch gezwängt, das sie nicht erfüllen können, und beginnen mit der Zeit tatsächlich den Glauben zu verlieren.
Ausserdem bewirkt diese Verkündigung, dass die nicht-reuigen Sünder, die in der Kirche sind, sich so zu benehmen beginnen, als wären sie Christen, indem sie die äusserlichen Vorschriften erfüllen, während ihr Herz unbekehrt bleibt. Daraus entsteht eine derartige Verwirrung, dass es fast unmöglich wird, zwischen den echten und den falschen Christen in der Kirche zu unterscheiden.

33. Ebenso ist es das „Joch der Pharisäer“, über das Verhalten der Gemeindeglieder Kontrolle auszuüben mit Hilfe von Reglementen und Disziplinarverfahren über äusserliche Angelegenheiten und Menschengebote; oder dieselbe Art Kontrolle auszuüben mit Druckversuchen und persönlichen Drohungen.
Diese Art „Behirtung“ verhindert die Entwicklung des Gewissens der Christen, und hält sie gefangen in einer immerwährenden Unreife.
(siehe No.61 und 62 über die „Gemeindezucht“)

34. Wenn in der Gemeinde des Neuen Testamentes Sünde war, dann kam diese Sünde ans Licht; und das führte zur Umkehr (oder wo nicht, zur Strafe Gottes); und in beiden Fällen war das Ergebnis Gottesfurcht. (Apg. 5,1-11, 8,18-24, Gal.2,11-14)
Es wurde als normal angesehen, dass ein Ungläubiger, wenn er zufällig in eine Versammlung von Christen geriet, dort durch Gottes Wirken von seiner Sünde überführt wurde (1.Kor.14,24-25).

35. In den heutigen evangelischen Kirchen geht im allgemeinen die Sünde weiter, ohne ans Licht zu kommen; und sogar wenn sie ans Licht kommt, gibt es keine wirkliche Umkehr.
In den Gemeinden geschieht Diebstahl, Betrug, sexueller Missbrauch, Ehebruch. Lüge und Verleumdung werden bereits als normal angesehen. Das übernatürliche Wirken Gottes, die Sünde ans Licht zu bringen und davon zu überführen, geschieht nicht mehr. Das ist ein Zeichen, dass die Kirche als ganze sich sehr weit vom Willen und Standard Gottes entfernt hat.

Krise in den evangelischen Gemeinden

26. Juni 2010

Von Guillermo Green

Eine nüchterne Betrachtung der Situation der evangelischen Gemeinden Lateinamerikas. Gefunden auf Spanisch im Blog http://tiempospeligrosos.com. Die nachfolgende Betrachtung kann durchaus auch der europäischen Christenheit etwas zu sagen haben.

(Vorbemerkung des Übersetzers: Die spanische Sprache kennt die spitzfindige Unterscheidung zwischen „evangelisch“ und „evangelikal“ nicht. Kirchen, die den lutherischen oder reformierten Landeskirchen im deutschsprachigen Raum vergleichbar wären, gibt es in Lateinamerika nicht. „Evangelisch“ bedeutet in diesem Zusammenhang also vorwiegend „evangelikal“ bzw. „pfingstlich“, wobei die lateinamerikanischen „Evangelikalen“ aber schon ziemlich stark von der liberalen Theologie und vom Ökumenismus beeinflusst sind.)

Als Jorge Gómez sein Buch schrieb, „Das Wachstum und der Abfall in den evangelischen Gemeinden von Costa Rica“ (INDEF, 1996), ignorierten viele Pastoren seines Landes diese Studie, oder noch schlimmer, sie verlachten ihn als einen weiteren „Spielverderber“. Sie hätten besser auf ihn gehört. Edward Cleary, ein Missionar in Bolivien und Perú und z.Z. Professor für lateinamerikanische Studien am Providence College, Rhode Island, hat soeben bestätigt, dass nicht alles zum Besten bestellt ist in den evangelischen Gemeinden in Lateinamerika. Tatsächlich geht es ihnen schlecht.

Während der letzten Jahrzehnte richtete sich viel Aufmerksamkeit auf die Personen, die die katholische Kirche verliessen, um sich evangelischen (vorwiegend pfingstlichen) Gemeinden anzuschliessen. Es wurden viele Artikel geschrieben, Umfragen angestellt, und Siegesgesänge angestimmt – wie z.B. die angeblichen Zahlen aus Guatemala, wonach 50% des Landes evangelisch sein sollen. Aber unsere Brillen waren nicht richtig eingestellt; wir litten unter Kurzsichtigkeit. Während viele Menschen die katholische Kirche verliessen, erstarkten gleichzeitig die einheimischen Religionen, und eine „Erweckung“ des alten amerikanischen Heidentums ist unterwegs. Das bedeutet, dass nicht alle, die die katholische Kirche verliessen, sich den Evangelischen anschlossen. Ebenso wachsen z.Z. die östlichen Religionen inbegriffen „New Age“, der Buddhismus und der Gnostizismus, auf aufsehenerregende Weise. Und da diese Bewegungen keine eigentliche „Mitgliedschaft“ haben, ist es schwierig, die Anzahl ihrer Anhänger festzustellen – zumal viele gleichzeitig die katholische oder evangelische Religion praktizieren. Die Pfingstbewegung selber hat eine Wandlung erlebt und ist in vielen Regionen zu einer neuen Religion geworden, zu einer Neo-Pfingstbewegung, die „Gesundheit, Wohlstand und Sieg“ betont. Und während die alte Garde weiterhin proklamiert: „Wir haben Erweckung“, müssen wir uns heute fragen: „Erweckung welcher Religion?“ Als Tatsache bleibt, dass die letzten drei Jahrzehnte massive Bewegungen von einer Religion zur anderen gesehen haben. Anscheinend gehen diese Bewegungen gegenwärtig weiter. Und anscheinend ist die evangelische Kirche von ebendiesem Prozess sehr betroffen.

Heute gibt es bessere Kriterien und tiefergehende Untersuchungen des Phänomens, das Lateinamerika erlebt. Es ist schon fast „Mode“ geworden, seine Religion zu wechseln. Das Problem ist, dass somit für viele ihre „Bekehrung“ zum evangelischen Glauben nichts weiter ist als eine Mode. Betrachten wir einige Statistiken.

Ziffern und Zahlen

Die Wissenschaft der Umfragen und Ziffern ist schwierig. Wir ziehen den Hut vor jenen, die diese wertvollen Untersuchungen anstellen. Der Optimismus hat jedoch die Evangelischen auf beklagenswerte Weise beeinflusst bei ihren Umfragen. Z.B. veröffentlichte Johnstone in „Operation World“ 1993, dass 27,9% der Chilenen Protestanten seien, davon 25,4% der Chilenen Pfingstler. Aber eine sorgfältige Volkszählung von 1992 zeigte, dass nur 12,4% evangelisch waren. 2002 lag die Zahl bei etwa 16%. In Brasilien war das Wachstum der evangelischen Kirchen sehr schnell; wahrscheinlich wohnt die Hälfte der lateinamerikanischen Evangelischen in Brasilien. 1993 sagte Johnstone, dass dort 21,6% der Bevölkerung evangelisch waren; aber das kontrastiert mit der Volkszählung von 2000, die den Prozentsatz der Evangelischen mit 15,4 angibt.

(Anm. d. Ü: Vor Jahren habe ich persönlich im peruanischen Zweig von „DAWN“ mitbekommen, wie deren Statistiken zustandekommen. Man geht dort grundsätzlich davon aus, dass auf jedes evangelische Gemeindemitglied zwei „Sympathisanten“ kommen, die die Gemeinde besuchen und von ihrer Überzeugung her ebenfalls evangelisch sind. Somit wird die Zahl der eingeschriebenen Mitglieder mit drei multipliziert und dies als die Zahl der Evangelischen angegeben. – In Wirklichkeit kann aber selbst von den eingetragenen Mitgliedern nur eine kleine Minderheit eine persönliche Wiedergeburt bezeugen.)

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Bedenkenswerte Zitate

21. April 2010

Manchmal haben andere Autoren und Redner schon längst und viel besser gesagt, was ich eigentlich sagen möchte … deshalb hier eine erste Sammlung nachdenkenswertere Zitate. (Weitere werden bei Gelegenheit folgen.)

Über Erweckung und Erweckungspredigt

„Was die alten Erweckungsprediger wie Jonathan Edwards, John Wesley oder Charles Finney eigentlich taten, war: in die Kirchen zu gehen und den Mitgliedern aus der Schrift zu beweisen, dass sie noch gar keine Christen waren und zuerst wiedergeboren werden mussten.“
(Andrew Strom, sinngemäss wiedergegeben aus einer Predigt.)

„Wenn Jesus dieselbe Botschaft gepredigt hätte, die die Pfarrer heute predigen, dann wäre er nie gekreuzigt worden.“
(Leonard Ravenhill)

„Als Prediger kann man nicht ausgewogen sein. Eine Botschaft, die niemanden ärgert, verändert auch niemanden.“
(Wolfgang Simson, sinngemäss wiedergegeben aus einer Predigt.)

„Eine Predigt ist armselig, wenn sie keinen Anstoss erregt; wenn sie die Hörer weder mit sich selber noch mit dem Prediger unzufrieden macht.“
(George Whitefield)

„Ich bin überzeugt, dass viele Evangelikale nicht wirklich und ernsthaft bekehrt sind. Unter den Evangelikalen ist es sehr gut möglich, Mitglied zu werden, durch Osmose hineinzuströmen, durch die Zellen der Kirche zu tröpfeln, und nie zu erkennen, was es bedeutet, aus dem Geist geboren zu werden und im Blut (Jesu) gewaschen zu sein. Vieles von dem, was als fortgeschrittenes Leben ausgegeben wird, ist nichts als grundlegendes Christentum. Da ist nichts Fortgeschrittenes daran; es ist nur das, wo wir alle hätten anfangen sollen…
Was wir brauchen, ist was die alten Methodisten eine gesunde oder ernsthafte Bekehrung nannten. Es gibt einen Unterschied zwischen einer Bekehrung und einer ernsthaften Bekehrung. Leute, die sich nie ernsthaft bekehrten, haben den Geist nicht, um sie zu erleuchten. Wenn sie die Bergpredigt lesen oder die Abschnitte der Briefe, die ihnen sagen, wie sie leben sollten, oder die Lehrabschnitte, die sagen, wie sie leben können, dann werden sie davon nicht berührt. Der Geist, der sie schrieb, bezeugt nichts in ihren Herzen, weil sie nicht aus dem Geist geboren wurden. Das ist häufig der Fall.“
(A.W.Tozer)

„Die ganze Kirchengeschichte ist eine einzige lange Geschichte dieser Tendenz, sich auf dieser Erde niederzulassen und sich dieser Welt gleichzustellen; hier Annahme und Popularität zu suchen und das Element des Konfliktes und der Pilgerschaft auszuschalten. Das ist die allgemeine Tendenz. Deshalb ist es sowohl äusserlich wie auch innerlich ein kostspieliges Ding, ein Pionier zu sein.“
(Theodore Austin Sparks)

„Kirche wie alle sie kennen, verhindert Kirche wie Gott sie will.“
(Wolfgang Simson)

„Eine unheilige Kirche! sie ist unnütz für die Welt, und ohne Achtung vor den Menschen. Sie ist ein Greuel, das Gelächter der Hölle, die Abscheu des Himmels. Die schlimmsten Übel, die je über die Welt gekommen sind, sind über sie gebracht worden von einer unheiligen Kirche.“
(C.H. Spurgeon)