Verallgemeinerungen und Pauschalurteile – bitte zuerst lesen, bevor Sie sich darüber beklagen

„Pfarrer/Pastoren und Berufstheologen können zwar gut über die Bibel predigen; aber selber tun sie nicht, was darin geschrieben steht. Es geht ihnen vor allem darum, Einfluss und Macht auszuüben.
Statt Menschen zu Jesus zu führen, machen sie sie zu gehorsamen und abhängigen Mitgliedern eines kirchlichen Systems. Dieses tretmühlenartige System hält in Wirklichkeit die Menschen sogar davon ab, eine lebendige persönliche Beziehung zu Jesus zu finden und zu pflegen.
Freikirchen sind hauptsächlich ein Geschäft. Mitglieder werden finanziell ausgenützt, und neue Mitglieder werden hauptsächlich deshalb angeworben, weil sie Spenden einbringen. Sie werden angehalten, ihren Zehnten zu geben; Gerechtigkeit und Barmherzigkeit haben dagegen einen geringen Stellenwert.
Kirchen und Freikirchen stellen viele unnötige Regeln über das äusserliche Verhalten auf, während ihnen der Herzenszustand der Menschen eigentlich egal ist.
Wenn jemand die Leiter dieser religiösen Organisationen auf ihre Fehler hinweist, dann wird er selber des ‚Richtens‘ und der ‚Rebellion‘ bezichtigt und unbarmherzig verleumdet und verfolgt.“
(Quelle des Zitats: siehe unten bei Punkt 3.)

Alles Pauschalurteile! – Natürlich, oder haben Sie unter diesem Titel etwas anderes erwartet? Wer immer so ähnliche Äusserungen macht wie die soeben zitierten, der wird sofort mit Vorwürfen konfrontiert: „Du darfst doch nicht so verallgemeinern! Es gibt doch soundso viele ehrliche, aufrichtige Pfarrer, Prediger und Theologen, die den Herrn wirklich lieb haben und ihren Dienst nicht aus eigennützigen Motiven ausüben. Die darfst du doch nicht einfach so verurteilen!“
(Bevor Sie über den Eingangsabschnitt so urteilen, lesen Sie bitte diesen Artikel zu Ende.)

Und oft bleibt es nicht nur bei Vorwürfen. Schon merkwürdig: Mit der Begründung „Du richtest!“ bin ich aus religiösen Organisationen ausgeschlossen worden, ist mir der Zutritt zu Kirchen und Kanzeln verboten worden, sind Schriften von mir als „verbotene Lektüre“ zensuriert worden, haben mir ehemalige Freunde ihre Freundschaft aufgekündigt, und ist anderen ehemaligen Freunden der Kontakt zu mir verboten worden. Merken die Menschen, die solches tun, überhaupt, wie absurd ihre Argumentation ist? Der Begriff des
„Richtens“ würde ja einschliessen, dass ein Schuldspruch wirksam gemacht und eine Strafe verhängt und durchgesetzt würde. Das ist es ja gerade, was die erwähnten Personen mit mir gemacht haben. Sie haben also mich „gerichtet“. Ich jedoch habe über niemanden eine Strafe verhängt; ich habe nur meine Meinung ausgesprochen (und in der Regel auch biblisch begründet).

Vor mir liegt eine frühere Ausgabe des Hefts „30 Tage Gebet für die islamische Welt“, herausgegeben von der deutschen, schweizerischen und österreichischen Evangelischen Allianz. Ich finde dieses „30-Tage-Gebet“ übrigens eine gute Sache und möchte gar nichts gegen diese Aktion an sich gesagt haben! – Da lese ich nun bei Tag 5:
„In weiten Teilen Westafrikas schicken Eltern ihre Jungen zu einem ‚Marabut‘, der sie im Koran schult. (…) Aber diese Methode hat sich zu einem System von Ausbeutung und Sklaverei entwickelt. Vom Erlös des täglichen Bettelns um Essen und Geld steht ein Teil dem Marabut zu. (…) Kinder, die den Meister nicht zufrieden stellen, werden körperlich misshandelt. Kranke Jungs dürfen oft nicht zum Arzt gehen. Beim Betteln auf der Strasse passieren Verkehrsunfälle. Auch sexueller Missbrauch droht. So leben die Jungen in ständiger Angst. Mit vielen von ihnen wird regelrecht Handel getrieben …“
„Schlimm, schlimm“, sagt man sich. „Wir müssen für diese Jungen beten, und es sollte etwas getan werden, um ihnen zu helfen …“ Das ist sicher richtig. Aber wie würde ich reagieren, wenn ich selber ein westafrikanischer Marabut wäre, oder einer seiner Freunde oder Verwandten? – „Wie kann man nur so verallgemeinernd alle Marabuts in einen Topf werfen! Es gibt doch auch viele unter ihnen, die ehrlich und selbstlos ihre Aufgabe erfüllen. Also diese Pauschalurteile sind wirklich ungerecht.“
Was meinen Sie, wäre das nicht eine gerechtfertigte und „politisch korrekte“ Reaktion? Sicher schon; aber wäre das hilfreich für jene Jungen, die tatsächlich misshandelt und ausgebeutet werden? Nein, ich würde sogar sagen, eine solche Reaktion sei nicht einmal dem Ansehen der ehrlichen und selbstlosen Marabuts förderlich, solange diese dem Treiben ihrer unehrlichen und eigennützigen Kollegen tatenlos zusehen.

Um mich gegen weitere politisch oder kirchlich korrekte Einwände abzugrenzen: Ich wollte mit diesem Beispiel nicht etwa sagen, westeuropäische Pfarrer und Prediger seien mit westafrikanischen Marabuts absolut gleichzusetzen. Ich wollte damit nur zeigen, wie ausserordentlich unterschiedlich die Toleranzschwelle gegenüber „Pauschalurteilen“ sein kann, je nachdem, ob man sich selber davon betroffen fühlt oder nicht. Im einen Fall reagiert man überempfindlich, fühlt sich „gerichtet“ oder sonstwie ungerecht behandelt (wobei „richten“ doch eigentlich „gerecht behandeln“ bedeutet), oder ganz einfach blossgestellt – wobei man letzteres natürlich nicht zugibt. Im andern Fall jedoch merkt man nicht einmal, dass die Aussage bei den Betroffenen als „Pauschalurteil“ ankommen könnte. Man liest nicht nur unbesehen darüber hinweg, sondern ist sogar recht schnell dabei, selber solche „Pauschalurteile“ abzugeben und weiterzuverbreiten – sogar als Evangelische Allianz.

Nun gibt es leider eine nicht unbedeutende Zahl von Menschen, die tatsächlich von kirchlichen Leitern ausgenützt, gemobbt, verleumdet, unter falschen Anschuldigungen ausgeschlossen, sexuell oder anderswie missbraucht wurden. Und manchen von ihnen ist nirgends im innerkirchlichen Raum echte Hilfe oder Gerechtigkeit widerfahren, sodass sie beschlossen haben, sich nie wieder einer christlichen Kirche, Organisation oder Gemeinschaft anzuschliessen. Einige von ihnen haben standhaft beschlossen, wenigstens am Herrn selber treu festzuhalten und die von angeblichen „Gottes-Dienern“ begangenen Gräuel nicht Gott selber anzulasten. Aber manche anderen haben als Folge der erlittenen Misshandlungen auch im Glauben Schiffbruch erlitten.
Ich fürchte, auf die Personen, die daran Schuld tragen, könnte Markus 9,42 anwendbar sein. (Nicht dass meine Wenigkeit ein solches „Urteil“ aussprechen würde; aber der Herr selber hat gesagt, was dort steht.)
Auf Internetseiten und in Büchern, die das Thema „Geistlicher Missbrauch“ behandeln, kann man viele entsprechene Erfahrungsberichte lesen. Unter meinen eigenen Verwandten und Bekannten befinden sich mehrere persönlich Betroffene. Und wenn man auch die „weniger schweren“ Fälle dazunimmt, so kommen nach meiner Beobachtung auf jedes aktive Mitglied einer evangelikalen Kirche rund drei enttäuschte Ex-Mitglieder. Es handelt sich also keineswegs nur um ein Randphänomen.

Wenn viele Kirchenmitglieder dennoch nie mit solchen Fällen konfrontiert werden, so liegt das hauptsächlich daran, dass die Missbräuche vorwiegend von den besonders engagierten Mitgliedern erlitten werden, die in viel näherem Kontakt zu den Leitern stehen aufgrund ihres Engagements als freiwillige Mitarbeiter, oder weil sie selber einem Leitungsgremium angehören. Und wenn man einmal zu diesem „inneren Kreis“ gehört, dann ist natürlich die Hemmschwelle viel grösser, darüber zu sprechen, dass da nicht alles mit rechten Dingen zugeht. Deshalb können viele (Frei-)Kirchenmitglieder sagen: „Ich weiss nicht, wovon du sprichst, bei uns ist alles in Ordnung“ – nur weil sie gar nicht wissen, was in den „inneren Kreisen“ geschieht.

Ab wann ist da ein „Pauschalurteil“ gerechtfertigt? Wenn ein Drittel der kirchlichen Leiter die ihnen Anvertrauten schädigt? Oder wenn über die Hälfte von ihnen dies tut? Oder müsste es eine überwältigende Mehrheit von ihnen sein, sagen wir über 75%?
Ich denke, die Frage ist falsch gestellt, wenn man diese Entscheidung an Prozentzahlen festmachen möchte. Ich behaupte, es gibt drei Gründe, die in diesem Fall ein „Pauschalurteil“ rechtfertigen, selbst wenn jene Leiter, die ihre Glaubengeschwister direkt schädigen, weniger als die Hälfte ausmachen sollten:

1) Der Missbrauch von religiöser Macht wird gestützt durch unbiblische Kirchenstrukturen. Insbesondere ist das römisch-katholische Priesteramt in Wirklichkeit auch in den reformierten und evangelikalen Kirchen nicht abgeschafft worden, nur ein wenig umfunktioniert. Es gibt schlicht keine biblische Grundlage für das Pfarr- oder Pastorenamt, so wie es in den meisten Kirchen verstanden wird.
Alle im Neuen Testament erwähnten Gemeinden (sofern etwas über ihre innere Struktur bekannt ist) hatten keinen „Hauptpastor“, sondern sie wurden von einem Team von mehreren Personen geleitet, die einander somit gegenseitig korrigieren konnten. In keiner neutestamentlichen Stelle werden diese Leiter „Pfarrer“ oder „Pastoren“ genannt. Das Neue Testament kennt auch keine Unterscheidung zwischen „Geistlichen“ und „Laien“; nur die Unterscheidung zwischen unterschiedlichen Gaben und Funktionen, die aber alle „geistlich“ sind. Ebensowenig gibt es im Neuen Testament irgendwelche exklusiven Privilegien bestimmter Gemeindeglieder zum „Predigen“ oder zum Abhalten von Abendmahl und Taufen. Es gibt erst recht keinen biblischen Beleg dafür, dass bestimmte Leiter auf irgendeine Art „Mittler“ zwischen Gott und den „gewöhnlichen Gemeindegliedern“ seien. Im Gegenteil, diese Auffassung widerspricht direkt 1.Timotheus 2,5.

Diese unbiblischen, indirekt vom Katholizismus geerbten Auffassungen bilden aber die Grundlage dafür, dass kirchliche Leiter auf unzulässige Weise in das Privatleben von Mitgliedern eingreifen, von der Bibel nicht gestützte „Weisungen“ und „Machtworte“ aussprechen, „Unterordnung unter die Leiterschaft“ einfordern, auf das Privateigentum von Mitgliedern Anspruch erheben, ja sogar Gottes Strafe auf sie herabrufen für den Fall, dass sie den Befehlen des Leiters nicht gehorchen oder sich dem Missbrauch entziehen durch Austritt aus der Gemeinde. Auch wenn es eine Minderheit von Leitern sein sollte, die sich missbraucherisch verhält, so unterhält doch eine grosse Mehrheit von Kirchen und Gemeindeverbänden die unbiblischen Strukturen, die den Missbrauch erst ermöglichen.
Dafür müssen sie vom Wort Gottes her zurechtgewiesen werden. Es geht da nicht um Kavaliersdelikte. Es geht darum, dass Menschen Funktionen und Positionen für sich beanspruchen, die allein dem Herrn vorbehalten sind: Mittler zwischen Gott und Menschen; „Haupt“ der Gemeinde; verbindliche persönliche Wegweisung geben für Christen; Unantastbarkeit gegenüber biblisch begründeter Kritik; usw.

2) Auch die rechtschaffenen und integren Leiter (falls es sie geben sollte) tun in der Regel nichts, um dem Treiben der „schwarzen Schafe“ unter ihren Kollegen Einhalt zu gebieten. Das gilt nicht nur für die „weicheren“ Fälle (wo z.B. eine Kirche „Evangelisation“ hauptsächlich als „Mitgliederwerbung“ versteht und sich nicht wirklich um den geistlichen Zustand ihrer Mitglieder kümmert). Es gilt auch für die allermeisten Fälle von handfestem Missbrauch. Wenn es angeblich so viele rechtschaffene Kirchenleiter gibt, die Jesus von ganzem Herzen lieben und ihm dienen, wo sind diese, wenn es darum geht, jenen Mitchristen zu helfen, die Opfer der Machenschaften von nicht-rechtschaffenen Kirchenleitern geworden sind? Warum stehen sie nicht auf, um ihre Amtskollegen, die den Namen des Herrn vor aller Welt beschmutzen, in die Schranken zu weisen?

Deutlichstes Symptom davon: In der evangelikalen Welt gibt es meines Wissens bis heute keine unabhängige Ombudsstelle für freikirchengeschädigte Christen. – Die deutsche Evangelische Allianz hat zwar vor kurzem so eine ähnliche Anlaufstelle eingerichtet. Diese hat aber der Presse gegenüber zugegeben, dass sie keine wirkliche Macht besitzt, z.B. in innerkirchliche Strukturen einzugreifen, oder Missbraucher zur Rechenschaft zu ziehen.
Allenfalls finden die Opfer also evtl. „Seelsorge“, wo jemand ihnen zuhört und mit ihnen darüber spricht, wie sie nun persönlich damit fertig werden könnten. Aber wenn es darum geht, die Dinge wirklich auch mit der betreffenden Kirche aufzuarbeiten (und vor allem zu verhindern, dass es weitere Opfer gibt!), dann ist plötzlich niemand mehr zuständig. Wenn die Betroffenen wirklich etwas unternehmen wollen, dann bleibt ihnen nur noch eine weltliche Sektenberatungsstelle, die weltliche Presse, oder die weltliche Gerichtsbarkeit (falls es um Handlungen geht, die auch nach staatlichem Recht strafbar sind).

Nehmen wir einmal an, in einem bestimmten Spital gebe es zwei Ärzte, die aus mangelnder Sorgfalt und Inkompetenz schon je ein Dutzend Patienten getötet haben. Ist es dann ein „unzulässiges Pauschalurteil“, wenn ich schreibe: „Im Spital XY werden Patienten getötet“? Und würden Sie folgende Antwort der Spitalleitung gutheissen: „Dieses Urteil ist vollkommen unberechtigt. Die allermeisten unserer Ärzte arbeiten kompetent und mit aller Sorgfalt.“? – Wohl kaum. Solange die Spitalleitung von diesem Zustand Kenntnis hat, aber nichts dagegen unternimmt und die fehlbaren Ärzte einfach weiterwursteln lässt, so lange handelt es sich um ein Problem des gesamten Spitals.

Genauso ist der Machtmissbrauch von seiten kirchlicher Leiter ein Problem des gesamten Gemeindeverbandes, wenn nicht der gesamten evangelikalen Welt überhaupt, solange der Missbrauch von den übrigen Leitern einfach toleriert wird. Ebenso verhält es sich, wenn kirchliche Leiter entgegen dem offiziellen Glaubensbekenntnis ihrer Denomination Bibelkritik oder ökumenische Lehren verbreiten, und dies toleriert wird. Wer als Leiter es in der Hand hätte, etwas dagegen zu tun, und es nicht tut, der macht sich mitschuldig.

Wir haben da eine ganz ähnliche Situation wie jene, die Paulus in 1.Korinther 6,1-10 anspricht. Aus diesem Abschnitt wird oft einzig der Schluss gezogen, Christen dürften sich nicht an weltliche Gerichte wenden. Aber es gibt hier eine noch wichtigere Aussage, und sie hat mit dem Grund zu tun, warum einige korinthische Christen weltliche Richter angerufen hatten. Das grösste Erstaunen und der heftigste Tadel Paulus‘ gilt diesem Grund: „Zu eurer Schande sage ich es: Gibt es denn unter euch keinen einzigen Weisen, der zwischen seinen Brüdern Recht sprechen könnte?“ (Vers 5) Es gab also niemanden innerhalb der Gemeinde, der kompetent oder willig gewesen wäre, sich dieser Fälle anzunehmen!
Dieser Tadel richtet sich an die Gesamtgemeinde. (Was in der heutigen Situation natürlich bedeuten würde: An alle Denominationen und Kirchen insgesamt.) Solange es für solche Fälle keine gerechte, effektiv funktionierende Rechtsprechung in der Gemeinde gibt, ist ein „Pauschalurteil“ durchaus angebracht. Jeder Einzelne, der in der Gemeinde grössere Verantwortung und Einfluss innehat, hätte es in der Hand, hier eine Änderung herbeizuführen.
Eine verwandte Situation haben wir in 2.Korinther 11,20, wo Paulus über die Korinther und über die falschen Apostel sagt: „Denn ihr ertragt es ja, wenn jemand euch knechtet, wenn jemand euch aufzehrt, wenn jemand das Eure nimmt, wenn jemand sich selbst erhöht, wenn euch jemand ins Gesicht schlägt.“
– Auch hier geht es nicht darum, ob es viele oder wenige solcher falscher Apostel in der Gemeinde gibt. Die Gesamtgemeinde wird getadelt, weil sie überhaupt solche Menschen als Leiter anerkennt.

Während zwanzig Jahren habe ich in evangelikalen Kirchen und Organisationen verschiedenster Ausrichtung aktiv mitgearbeitet. Dabei wurde ich Zeuge verschiedener Konflikt- und Disziplinarfälle. Bei der Behandlung dieser Fälle wurden meistens nicht einmal die elementarsten Grundsätze des Rechts und eines fairen Prozesses berücksichtigt.

Ich stellte fest, dass es hierbei grob gesagt zwei Arten des Rechtsbruchs gab, die man die „liberale“ und die „konservative“ nennen könnte.
– Bei der „liberalen“ Art gibt es so gut wie keine „Gemeindezucht“. Es gilt das ungeschriebene Gesetz, dass Sünde im allgemeinen zu tolerieren ist. Den Opfern von Sünde, Betrug, Missbrauch, usw, wird gesagt: „Du musst vergeben und vergessen.“ Es wird in solchen Fällen oft nicht einmal eine Untersuchung eingeleitet. (Siehe hierzu auch: „Von der unbarmherzigen Gnade„.)
– Bei der „konservativen“ Art wird die „Gemeindezucht“ hauptsächlich dazu eingesetzt, die Machtstellung der Leiterschaft auszubauen und Kritik an den Leitern zum Schweigen zu bringen. Schuldsprüche und „disziplinarische Massnahmen“ werden im allgemeinen zum voraus abgesprochen von einem Klüngel von „Eingeweihten“, die als Kläger und Richter zugleich fungieren. Dem Angeklagten wird keine ordentliche Gelegenheit zur Verteidigung gegeben; die Verhandlungen finden unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt; Aussagen von Belastungszeugen werden anonym vom Kläger-Richter vorgetragen („Uns ist bekanntgeworden …“, „Es wurde über dich gesagt …“); Entlastungszeugen werden nicht angehört; Schuldsprüche werden nicht gesetzmässig begründet; und es gibt keine Möglichkeit der Apellation an eine höhere Instanz. – Bei dieser verzerrten Art von „Gemeindezucht“ gilt insbesondere jede Kritik an den massgebenden Leitern (auch wenn sie biblisch begründet ist) als schwerwiegende Sünde.

Nach 1.Korinther 6,5 erwartet Paulus offenbar von jeder anständigen christlichen Gemeinde, dass es in ihr eine funktionierende Rechtsprechung gebe, die sogar gerechter sei als die weltliche. Gäbe es im evangelikalen Raum eine solche Rechtsprechung, sowie eine echte Opferhilfe, dann würde das sicher mehr zur Verbesserung des angeschlagenen Ansehens der Freikirchen beitragen als alle evangelistischen, sozialen oder politischen Aktionen. Und natürlich auch mehr als alle Protestbriefe, wenn die „böse Presse“ wieder einmal über einen Fall berichtet.
Gegenwärtig aber gilt für die Kirchen, was Römer 2,24 über die ungehorsamen Juden sagt: „Euretwegen wird der Name Gottes gelästert unter den Heiden.“

3) Bibelkundige Leser werden festgestellt haben, dass der provokative Eingangsabschnitt dieses Artikels eine aktualisierte Fassung der Worte Jesu in Matthäus 23 darstellt – eines der Kapitel, über das in Kirchen kaum je gepredigt wird. Ja, da hat Jesus selber ein ganzes Kapitel lang nichts als Pauschalurteile von sich gegeben!
Heutige Kirchenleute hätten ihn sicher schnell zurechtgewiesen: „Aber Jesus, wie kannst du nur so verallgemeinern! Es gibt doch auch noch ehrliche Pharisäer und Schriftgelehrte, die Gott wirklich lieben und ihren Dienst nicht aus eigensüchtigen Motiven ausüben.“ Sie hätten ihm sogar die Namen z.B. von Nikodemus oder von Joseph von Arimathäa nennen können.
Aber hat sich Jesus um solche Einwände gekümmert? Als er einmal in dieser Weise über die Pharisäer gesprochen hatte, sagte ein Gesetzeslehrer (Theologe) verärgert: „Meister, damit beleidigst du auch uns!“ (Lukas 11,45). Wie reagiert Jesus? Sagt er entschuldigend: „Oh, das tut mir leid, dich habe ich natürlich nicht gemeint?“ – Nein, im Gegenteil, er legt gerade nochmals einen drauf: „Ja, wehe auch euch, ihr Gesetzeslehrer, die ihr den Menschen schwere Lasten auflegt, aber ihr selber rührt die Lasten mit keinem Finger an …“ (und noch eine ganze Reihe ähnlicher Aussprüche).

Wenn die ehrlichen und gottesfürchtigen Pharisäer und Schriftgelehrten nichts tun, um ihren unehrlichen Kollegen zu wehren, dann ist ein Pauschalurteil gerechtfertigt. Ebenso, wenn die Ehrlichen sich zwar um Gerechtigkeit bemühen, aber mit ihren Bemühungen nichts erreichen und gegen die Unehrlichen unterliegen. Denn das zeigt ja, dass das System als Ganzes korrupt ist.

So ist es auch heute. Deshalb betrachte ich Pauschalurteile über (Frei-)Kirchen als durchaus gerechtfertigt. Wenn Sie ein kirchlicher Leiter sind und damit nicht einverstanden sind, dann schreiben Sie bitte nicht einen Protestbrief, sondern sehen Sie in Ihrem eigenen Einflussbereich zum Rechten, um ein positives Gegenbeispiel zu geben.


P.S: Vor manchen Jahren schon habe ich in Artikeln mit ähnlicher Thematik darum gebeten, dass evangelikale Leiter, die ein gutes Gegenbeispiel geben möchten und dazu bereit wären, freikirchengeschädigten Christen zu helfen, mir ihre Kontaktdaten angeben möchten, damit Betroffene sie kontaktieren können. Dieser Aufruf gilt weiterhin. Solange (wie bis anhin) niemand darauf reagiert, werde ich allerdings weiterhin auf meiner negativen Beurteilung der evangelikalen Kirchen beharren müssen.

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