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Themen, über die ich lieber nicht streiten möchte (4)

12. Dezember 2015

4. Endzeitspekulationen

Dies ist auch eine der Streitfragen, bei denen ich denke, man kann in guten Treuen unterschiedlicher Meinung sein, ohne einander gleich der Irrlehre bezichtigen zu müssen. Es gibt so viele verschiedene Auslegungen der biblischen Endzeitprophetien, dass wohl keine davon beanspruchen kann, die einzig richtige zu sein.

Ich gebe zu, dass ich einmal kontrovers über dieses Thema geschrieben habe, und zwar im Zusammenhang mit dem Dispensationalismus. Ich tat dies aber nicht, weil ich die Zustimmung zu einer spezifischen Endzeitlehre als heilsentscheidend betrachten würde. Mein Beweggrund war vielmehr die Beobachtung, dass der Dispensationalismus – mehr als die meisten anderen Strömungen, und ausgerechnet unter dem Vorwand der Bibeltreue – grundsätzlich das gesunde Bibelverständnis untergräbt, indem er verdeckt immer wieder sein eigenes besonderes theologisches System als Norm für die Bibelauslegung voraussetzt und so dem Wort Gottes überordnet. Damit werden dann z.T. recht massive Umdeutungen des Bibeltextes gerechtfertigt. Das ist ein (verdeckter) Angriff auf die Autorität der Heiligen Schrift; und das ist ein Thema, das ich sehr wohl als heilsentscheidend betrachte, denn die Heilige Schrift ist unsere einzige objektive und zuverlässige Informationsquelle über Gott, Jesus Christus, und das Evangelium. Wo das Wort Gottes nicht mehr die oberste Autorität ist, da ist der Christ der Willkür fehlbarer Theologen und Kirchenleiter ausgeliefert.

Wenn wir aber kein spezifisches theologisches Lehrgebäude als „gegeben“ voraussetzen, dann sehen wir, dass die biblischen Prophezeiungen auf verschiedene Weise und unter verschiedenen Blickwinkeln verstanden werden können.

In der alttestamentlichen Prophetie kann man oft gleichzeitig Anwendungen auf das damalige Israel, auf das zukünftige Israel, und auf die christliche Gemeinde finden; manchmal auch noch auf das vollendete Gottesvolk in der Ewigkeit.

Einige sehen in der Johannesoffenbarung einen chronologisch geordneten „Endzeitfahrplan“. Andere interpretieren die verschiedenen Visionen als parallel bzw. sich gegenseitig überschneidend.
Einige betonen die zeitgeschichtliche Einbettung der Offenbarung in der Situation des Römischen Reiches und sehen darin vor allem eine Beschreibung der damaligen Zustände. Andere verstehen sie als eine Voraussage der Ereignisse kurz vor Jesu Wiederkunft. Wieder andere sehen darin zeitlose Prinzipien und prophetische Bilder, die während der ganzen Zeit der christlichen Gemeinde immer wieder neue Anwendungen und Erfüllungen finden können.

Uneinigkeit besteht auch darüber, was wörtlich zu verstehen ist und was bildhaft-symbolisch. Ich nehme an, kaum jemand wird die Ansicht vertreten, ein wirkliches „Tier“ würde einmal die Erde beherrschen (Offb.13) – es muss sich entweder um einen Menschen oder dann um eine Gruppe von Menschen (eine Regierung) handeln. Wie steht es aber z.B. mit dem „Malzeichen“ auf der Hand oder auf der Stirne? Ist das wörtlich oder symbolisch zu verstehen?

Gewisse Endzeitmodelle sind wohl aus „zweckdienlichen“ Gründen aufgestellt worden. Z.B. lehrt die römisch-katholische Kirche schon seit ziemlich früher Zeit, der „Fall Babylons“ (Offb.18 und 19) habe sich im Untergang des Römischen Reiches erfüllt, und danach sei das Tausendjährige Reich angebrochen: „Wir leben jetzt im Tausendjährigen Reich. Jesus regiert die Welt durch seine Kirche.“ Diese Ansicht ist natürlich engstens mit dem Staatskirchentum und dessen Herrschaftsanspruch verknüpft. Deshalb wurde sie auch von den Reformationskirchen weitgehend übernommen, während sie von den Freikirchen in der Regel abgelehnt wird.
Auch im dispensationalistischen Endzeitmodell können wir eine solche „zweckdienliche“ Auslegung erkennen, nämlich um die Sonderlehren Darbys zu „retten“ (wie ich im diesbezüglichen Artikel, Teil 3, ausgeführt habe).

Als Jesus kam, erkannte ihn kaum einer der damaligen Theologen als den Messias. Die Schriftgelehrten seiner Zeit waren blind für die Tatsache, dass Jesus die alttestamentlichen Prophezeiungen erfüllte. Das sollte uns eine Warnung sein. Müssen wir da nicht damit rechnen, dass auch seine Wiederkunft ganz anders verlaufen wird, als es sich unsere gegenwärtigen Schriftgelehrten vorstellen?

Wir müssen nun einmal damit leben, dass grosse Teile der biblischen Zukunftsvoraussagen mehrdeutig, gleichnis- oder rätselhaft sind. Wie die vorherigen Themen dieser Artikelserie, ist das ein weiteres Gebiet biblischer Lehre, wo wir die Begrenztheit unseres menschlichen Verstandes eingestehen sollten und nicht auf unserer Auslegung als der „einzig richtigen“ beharren sollten.

Ich denke, wir sollten uns auch fragen, ob die biblische Prophetie wirklich zu dem Zweck gegeben wurde, zum voraus einen „Endzeitfahrplan“ aufzustellen. Jesus warnte seine Jünger: „Euch gebührt es nicht, Zeit oder Stunde zu wissen …“ (Apg.1,7). Vielleicht gibt es da noch anderes, was uns „nicht gebührt“ zu wissen.
Andererseits sagte Jesus oft: „Wenn …“:
Wenn ihr aber den Greuel der Verwüstung stehen seht, wo er nicht sollte – wer es liest, der merke darauf! – dann sollen die in Judäa ins Gebirge fliehen…“ (Markus 13,14)
„So sollt auch ihr, wenn ihr dies geschehen seht, merken, dass er nahe vor der Türe ist.“ (Markus 13,29)
Wenn ihr aber von Kriegen und Aufständen hören werdet, so erschreckt nicht!“ (Lukas 21,9)
Wenn aber dies zu geschehen anfängt, so richtet euch auf und hebt eure Häupter empor, denn eure Erlösung naht.“ (Lukas 21,28)

Jesus gab also seinen Jüngern diese Voraussagen, damit sie die Zeiten und Ereignisse richtig beurteilen könnten, wenn sie eintreffen. Nicht um zum voraus darüber zu spekulieren, wann und wie sie eintreffen würden. Das ist ein feiner, aber wichtiger Unterschied.
Nachdem der Heilige Geist an Pfingsten gekommen war, konnte Petrus sagen: „Das ist es, was durch den Propheten Joel gesprochen worden ist: …“ (Apg.2,16) Aber keiner der Jünger hätte vor diesem Ereignis sagen können, dass sich diese Prophetie gerade dann, und gerade auf diese Weise, erfüllen würde.
So wird es wahrscheinlich mit vielen Endzeitereignissen sein: Es wird nicht möglich sein, aufgrund der biblischen Prophetie das Wann oder das Wie vorauszusagen. Aber wenn es geschieht, dann werden jene, die mit Jesus verbunden sind im Heiligen Geist, die Ereignisse als Erfüllung der Prophetie erkennen.

Ich halte es deshalb für müssig, darüber zu streiten, ob nun „Babylon“ in der Offenbarung die römische Kirche sei, oder der Weltkirchenrat, oder der Islam, oder „New Age“. Vielleicht ist es das alles, und noch ein paar andere Dinge dazu. Aber ich glaube, dass einmal ein Moment kommt, wo die Ereignisse so weit „ausgereift“ sein werden, dass die echten und wachsamen Christen erkennen werden: Das ist es. Und dann werden sie auch genau wissen, was sie aufgrund dessen zu tun haben.

Ich möchte sogar noch etwas weiter gehen, auch wenn das für einige Leser „unorthodox“ erscheinen mag: Ich könnte mir vorstellen, dass es vielleicht gerade jetzt einige Christen im Irak gibt, die genau wissen, dass „Babylon“ eine Macht des Islam bedeutet, die an der historischen Stätte des alten Babylonien wirkt; und die aufgrund dieser Erkenntnis genau wissen, was sie in ihrer gegenwärtigen Situation tun sollen. Und ich könnte mir vorstellen, dass es vielleicht gerade jetzt einige andere Christen in einem katholischen Land gibt, die genau wissen, dass „Babylon“ die römische Kirche ist; und die aufgrund dieser Erkenntnis ebenfalls genau wissen, was sie in ihrer gegenwärtigen Situation tun sollen.

Wenn Gott so gross ist, dass er an vielen verschiedenen Orten gleichzeitig sein kann; und wenn er so gross ist, dass für ihn Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gleichzeitig gegenwärtig sind; dann glaube ich, Gott ist auch so gross, dass er eine und dieselbe biblische Prophezeiung als Orientierung und Handlungsanweisung für verschiedene Gruppen von Christen in verschiedenen Situationen verwenden kann.

Und doch denke ich andererseits auch, dass eines Tages die verschiedenen möglichen Bedeutungen konvergieren werden zu einer einzigen, die dann in der Geschichte als die „endgültige“ Erfüllung der Prophetie verzeichnet werden wird.

Ich erinnere mich nicht mehr, wo ich den folgenden Vergleich gesehen habe, aber er hat mir damals eingeleuchtet:
Stelle dir die Weltgeschichte als einen langen Papierstreifen vor, auf dem die verschiedensten Ereignisse nacheinander verzeichnet sind. Das ist die Art, wie wir normalerweise die Geschichte erleben. – Nun stelle dir vor, du faltest diesen Streifen im Zickzack zusammen wie ein Akkordeon. Dann durchstichst du diesen ganzen Papierstapel mit einer Stricknadel und blickst durch das entstandene Loch. Das ist die Art, wie der Prophet die Geschichte sieht.
Wenn wir den Papierstreifen vor uns haben (wie bei den Ereignissen der Vergangenheit), dann können wir uns ungefähr vorstellen, was bei dem Blick durch das „prophetische Loch“ zu sehen sein könnte. So können wir einigermassen verstehen, wie Jesus die alttestamentliche Prophetie erfüllt hat. – Wenn wir aber nur die Beschreibung dessen haben, was durch das Loch zu sehen ist (wie bei der Prophetie, die noch zukünftig ist), dann ist es uns nicht möglich, daraus den ursprünglichen Streifen zu rekonstruieren. Da müssen wir eben mit verschiedenen Deutungsmöglichkeiten leben – so lange, bis die Ereignisse eintreffen.

Unabhängig von den verschiedenen Auslegungen haben wir einige klare Anweisungen, die wir zu allen Zeiten beherzigen können/sollen: Seid wachsam! Lauft nicht den falschen Christussen nach! Hängt euer Herz nicht an den irdischen Besitz! Sorgt euch nicht! Kehre um und tue die früheren Werke! Fürchte nichts, was du leiden wirst! Halte fest am Glauben! – Ich denke, das sind die Dinge, die wir am meisten brauchen, um für die Wiederkunft des Herrn bereit zu sein.

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