Archive for Juni 2011

Von der unbarmherzigen Gnade

22. Juni 2011

Nein, der Titel ist kein Tippfehler. Ich werde das sogleich erklären.

Vor rund siebzig Jahren schrieb Dietrich Bonhoeffer über die „billige Gnade“, die in allzuvielen Kirchen verkündigt wird:

„Die billige Gnade ist der Todfeind unserer Kirche. Heute kämpfen wir um eine Gnade, die etwas kostet.
(…) Die Kirche, die die richtige Lehre von der Gnade hat, nimmt an, dass sie ipso facto an dieser Gnade teilhat. In einer solchen Kirche findet die Welt eine billige Bedeckung für ihre Sünden; es wird keine Reue verlangt, und noch weniger der wirkliche Wunsch, von der Sünde befreit zu werden. Damit wird die billige Gnade zu einer Verleugnung des lebendigen Wortes Gottes.
Billige Gnade bedeutet die Rechtfertigung der Sünde ohne die Rechtfertigung des Sünders. Die Gnade allein tut alles, sagen sie, und so kann alles bleiben wie zuvor. Die Welt fährt fort im selben alten Wandel, und wir sind noch Sünder, ‚auch im besten Leben‘, wie Luther sagte. Gut, dann möge der Christ leben wie die übrige Welt, möge sich in jedem Lebensbereich an die Massstäbe der Welt anpassen, und möge sich nicht anmassen, ein Leben unter der Gnade leben zu wollen, das sich von seinem alten Leben unter der Sünde unterscheidet.
(… Die echte Gnade) ist teuer, weil sie uns zur Nachfolge ruft; und sie ist Gnade, weil sie uns ruft, Jesus Christus zu folgen. Sie ist teuer, weil sie einen das Leben kostet; und sie ist Gnade, weil sie einem das einzig wahre Leben gibt. Sie ist teuer, weil sie die Sünde verurteilt; und sie ist Gnade, weil sie den Sünder rechtfertigt. Vor allem ist die Gnade teuer, weil sie Gott das Leben seines Sohnes kostete. ‚Denn ihr seid teuer erkauft worden‘; und was Gott teuer war, darf uns nicht billig sein.“
(Dietrich Bonhoeffer, „Nachfolge“, 1937)

(Anm: Das Zitat ist rückübersetzt aus einer spanischen Ausgabe und stimmt deshalb wahrscheinlich nicht wörtlich mit dem Original überein.)

Diese Worte sind heute noch genauso aktuell wie damals (wenn nicht noch mehr), und nicht nur in den bösen Landeskirchen, sondern genauso in den ebenso bösen Freikirchen. Zudem ist in den letzten Jahrzehnten noch eine weitere Nuance dazugekommen: Unter dem Einfluss der amerikanischen „Shepherding“-Bewegung, „Abdeckung-und-Unterordnungs“-Lehre, und verwandten Strömungen, ist die Art „Gnade“, die heute verkündet wird, nicht nur billig, sondern dazu auch noch unbarmherzig und grausam.

Bevor ich mehr dazu sage, möchte ich einige Abschnitte aus einer Artikelserie zitieren, die mir kürzlich über den Weg kam. Es handelt sich um das Zeugnis eines ehemaligen Insiders der amerikanischen „Prophetenbewegung“ und Mitarbeiters der „Elijah-List“ – eines e-Mail-Versands, der an Tausende von Empfängern jeweils die neusten „prophetischen Worte“ verbreitet und anscheinend auch in Europa wohlbekannt ist. Was ich da las, kam mir unangenehm vertraut vor aus meinen eigenen Erfahrungen in der evangelikalen Welt.

Es geht mir hier nicht einmal so sehr um die Besonderheiten dieser „Prophetenbewegung“. (Dazu wäre auch einiges zu sagen, aber nicht hier.) Es geht mir vielmehr um das falsche Verständnis von „Gnade“, das so ziemlich überall verbreitet ist, wie ich selber erfahren musste – sowohl in charismatischen wie in nicht-charismatischen Kreisen, sowohl in Südamerika wie in Europa.

Da schreibt also Kevin Kleint in http://www.zionfire.org/elijah-list-1/ :

„Nachdem am 11.September die Zwillingstürme fielen, nahmen die Besuche auf der Elijah-List-Webseite und die Einträge in die Liste dramatisch zu, und damit auch die Arbeitslast. Von da an musste ich während mehreren Jahren 24 Stunden am Tag abrufbar sein. Obwohl ich für meine Arbeit bezahlt wurde, waren die Forderungen von Steve (dem Gründer der Elijah-List) völlig unvernünftig. Wenn er anrief und ich liess nicht sofort alles stehen und liegen, was ich gerade tat, um sein Verlangen zu erfüllen, dann wusste ich bereits, dass ich am selben Tag ein e-Mail erhalten würde, das mich zutiefst schuldig fühlen liesse. Ich erinnere mich noch an einen Tag, als ich gerade meinen Hund badete und über und über mit Schmutz und Haaren bedeckt war, als er anrief und wollte, dass ich etwas an der Website überprüfte. Ich bat ihn, zehn Minuten zu warten, damit ich mich saubermachen konnte; aber er ärgerte sich, weil ich nicht sofort ’sprang‘.

Dieses Verhalten war ein ständiges Problem während der ganzen sieben Jahre, nicht nur für mich, sondern auch für andere Mitarbeiter der Elijah-List. Neben anderen Manipulationstechniken, wurde ich regelmässig ‚rebellisch‘ und ’nicht untergeordnet‘ genannt. Ich fand das sehr seltsam, denn alle meine früheren Arbeitgeber hatten mich sehr umgänglich und dienstbereit gefunden! Tatsächlich fragte mich mein Chef an meiner darauffolgenden Arbeitsstelle: ‚Wo ist dein Selbstvertrauen? Du sagst nie etwas, und du verhältst dich so, als hätte deine Meinung keinerlei Wert.‘ Ich musste von Grund auf neu lernen, zu einer Arbeitsdiskussion etwas beizutragen, weil das emotionelle und geistliche ‚Niedergeschlagenwerden‘ der vorangegangenen sieben Jahre bei der Elijah-List mich so demoralisiert und erbärmlich zurückgelassen hatte, dass ich kaum normal funktionieren konnte.

(…) Ob Sie es glauben oder nicht, ich habe nichts gegen Steve – ich habe ihm vergeben. Aber ich bin der Meinung, wenn jemand auf der Kanzel ‚Gnade und Barmherzigkeit‘ predigt und (nach seinen eigenen Worten) seinen ganzen Dienst darauf aufbaut, dann sollte er im ‚wirklichen Leben‘ demgemäss leben. Wenn jemand von der Kanzel herab von ‚Gnade und Barmherzigkeit‘ spricht, aber seinen Angestellten gegenüber rücksichtslos, quälerisch und herrschsüchtig ist, dann stinkt das nach Heuchelei und ist weit entfernt von Gnade.“

Was hier beschrieben ist, wird auch „geistlicher Missbrauch“ genannt. Diese Art von Missbrauch besteht darin, dass ein Leiter seine Untergebenen dahin manipuliert, zu tun was er will, indem er den Namen Gottes dafür in Anspruch nimmt: „Gott hat mir gezeigt, dass ….“; „Gott zu gehorchen bedeutet, seinem Leiter zu gehorchen“; usw. Das ist keineswegs eine harmlose Sache. Die derart Geschädigten brauchen viele Jahre, um sich von den dadurch verursachten Persönlichkeitsstörungen (z.B. wie oben beschrieben) zu erholen, und wieder Vertrauen zu Gott zu fassen. Viele wollen danach überhaupt nichts mehr mit dem christlichen Glauben zu tun haben.
Und tatsächlich, so unvorstellbar es auch scheint, rechtfertigen viele dieser Missbraucher ihr Verhalten mit Worten wie „Gnade“, „Liebe“, „Barmherzigkeit“! Sie selber sind „Gottes Stimme“ für dich, und du musst es als ein grosses Vorrecht ansehen, unter ihrer Leiterschaft arbeiten zu dürfen … sobald du aber auf etwas hinweist, was in ihrem eigenen Leben nicht stimmt, oder dich über die Missbräuche beklagst, dann zeigst du damit einen „Kritikgeist“, bist „lieblos“, „richtend“ und „unbarmherzig“ …

Lesen wir noch etwas weiter:

„Gleichzeitig mit den zunehmenden Kontakten und Einnahmen kam die Menschenfurcht – in epidemischen Ausmassen, und wie die Bibel sagt, war das eine Falle (Sprüche 29,25). Da man die Einnahmen nicht verlieren wollte, und ebensowenig die Gunst der Beitragsschreiber (die anderen „prophetischen“ Dienste) und des Publikums, gründeten sich die meisten Entscheidungen über Veröffentlichungen auf unsere Beziehung mit diesen Personen, und auf die öffentliche Wahrnehmung ihres Produktes … ob es sich gut verkaufen liess oder nicht.

Manchmal sandten uns diese Dienste Beiträge, die nicht unbedingt mit der Philosophie der Elijah-List im Einklang standen, ’nur aufbauende Worte‘ zu veröffentlichen. Da Steve nicht von dieser Philosophie abweichen wollte, musste er Vorworte dazu schreiben (manchmal drei bis vier Abschnitte lang) und versuchen, den korrigierenden und zur Umkehr aufrufenden Aspekt des Beitrags herunterzuspielen. Er bemühte sich jeweils, die Leute auf die ‚weichere‘ Seite Gottes hinzuweisen. Ab und zu wurden gewisse ‚anstössige‘ Sätze in einem Beitrag völlig umformuliert. Diese subtilen, und manchmal unverschämten Manipulationen ärgerten normalerweise die Beitragsschreiber, besonders die „idealistischeren“ unter ihnen.

Das letzte Mal, als ich es in der Bibel nachlas, stand dort, ein Prophet habe sich nicht um Menschenmeinungen zu kümmern, und solle das Wort Gottes unverfälscht weitergeben.“

Damit habe ich auch Erfahrung. Mehrmals haben evangelikale Kirchen und Organisationen meine Artikel ohne Absprache sinnentstellend gekürzt und verstümmelt, oder deren Veröffentlichung und Verbreitung überhaupt verboten – nicht etwa, weil sie Irrlehren enthalten hätten, sondern weil sie mit der Politik der jeweiligen Organisation nicht im Einklang standen (siehe „Von der evangelikalen Zensur“).

Jetzt kommt der eigentliche Kern dessen, was Kevin Kleint über die Gnade und deren Verfälschung zu sagen hat, und ich möchte das ausführlich zitieren:

„Die Leiterschaft der Prophetenbewegung, inbegriffen die Elijah-List, hat eine schlau aufgebaute Mauer der Verführung konstruiert, die sie aller Rechenschaftspflicht enthebt und sie gegen Kritik und Ermahnung immun macht. Grundlage dieser Mauer ist die falsche Auslegung und Anwendung von Matthäus 7,1-5 (’nicht richten‘) und ähnlichen Versen.

Als Ergebnis darf niemand sagen, sie (die ‚Propheten‘) machten irgendetwas falsch. Wenn jemand sagt, er sehe etwas Falsches im Verhalten der ‚Propheten‘, dann muss er sofort hören, er wandle nicht in der Liebe, und wir sollten dem Propheten ‚Gnade‘ geben. Er muss auch hören, wir sollten nicht richten, damit wir nicht ebenso gerichtet werden … Und weil wir diese Leiter auf ein Podest stellen und sie im Grunde abgöttisch verehren, akzeptieren die meisten Leute diese Argumentation sehr leicht und ignorieren die Sünde.

Diese Dynamik schlägt auch in den zwischenmenschlichen Beziehungen in der Gemeinde durch. Wir haben Angst, etwas über die Sünde im Leben unseres Nächsten zu sagen, weil wir nicht als ‚richtend‘ oder ‚böswillig‘ angesehen werden wollen. Wegen dieser Angst verbreitet sich die Sünde unkontrolliert in der Gemeinde und gedeiht! Was denken Sie, warum unsere Raten von Scheidungen, Abtreibungen, Pornographie- und Drogenkonsum dieselben sind wie in der Welt? Weil es in unseren Versammlungen keine Reinheit, keine Heiligkeit, und kein Feuer des Heiligen Geistes gibt! Wussten Sie, dass tatsächlich Hexen und Teufelsanbeter in unsere ‚Anbetungshäuser‘ kommen und sich da wohlfühlen können? Möge sich Gott unser erbarmen!

Die folgenden Verse werden von den ‚Propheten‘ und ihren Nachfolgern gewöhnlich heruntergespielt und/oder ignoriert:

1. Kor. 6,3: ‚Wisst ihr nicht, dass wir Engel richten werden? Wieviel mehr dann die Dinge dieses Lebens?‘
– Dieser Vers spricht davon, Dinge in diesem Leben zu unterscheiden bzw. zu richten.
1. Kor. 6,5: ‚Ich sage dies zu eurer Schande. Gibt es keinen einzigen Weisen unter euch, der zwischen seinen Brüdern richten könnte?‘
– Dieser Vers spricht davon, Angelegenheiten zwischen Brüdern zu richten.
1. Kor. 11,31: ‚Denn wenn wir uns selbst richteten, würden wir nicht gerichtet werden.‘
– Dieser Vers spricht davon, die Sünde in unserem eigenen Leben zu richten.

Zurechtweisen oder nicht zurechtweisen?

Die Bibel sagt nicht nur, wir sollten Verhaltensweisen und Angelegenheiten richten; sie erlaubt uns auch ZURECHTZUWEISEN!

Lukas 17,3: ‚Achtet auf euch selbst. Wenn dein Bruder gegen dich sündigt, weise ihn zurecht; und wenn er umkehrt, vergib ihm.‘
– Dieser Vers erlaubt uns, unseren Bruder oder unsere Schwester zurechtzuweisen, wenn er/sie in Sünde ist.
1 Tim. 5,20: ‚Jene, die sündigen, weise in Gegenwart aller zurecht, damit auch die übrigen sich fürchten.‘
– Dieser Vers erlaubt uns, einen ÄLTESTEN zurechtzuweisen, der in Sünde ist (lesen Sie dazu die vorangehenden Verse)!
2. Tim. 4,2: ‚Verkünde das Wort! Sei bereit zur Zeit und zur Unzeit. Überführe, weise zurecht, ermahne, mit aller Langmut und Belehrung.‘
– Dieser Vers erlaubt uns, Zurechtweisung als wichtiges Element unserer Predigt zu gebrauchen!
Titus 2,15: ‚Rede diese Dinge, ermahne und weise zurecht mit aller Autorität. Niemand soll dich verachten.‘
– Dieser Vers erlaubt uns, mit Autorität zurechtzuweisen!

Die meisten Dienste, die mit der Elijah-List verbunden sind, die ‚prophetische‘ Kirche, und ein grosser Teil der übrigen Kirche, ertragen es nicht, wenn diese Verse angeführt werden, denn dann wird ihre Heilssicherheit beunruhigt durch die Möglichkeit, dass Sünde aufgedeckt werden könnte. Das Verrückte ist: Sie wollen die Sünde verborgen halten, und dann wundern sie sich, warum sie zu den niedergeschlagensten und verwirrtesten Leuten in der Kirche gehören. Ich habe es selber erlebt! Nie in meinem Leben erlebte ich so viel Niederlage, Krankheit und Verwirrung wie während meiner sieben Jahre bei der Elijah-List! Wenn jemand da hindurch geht, dann sagt man ihm, sie erlebten einfach den ‚geistlichen Krieg‘ … d.h. der Feind sei daran schuld, dass sie dieses Trauma erleben. Das tönt grossartig für das fleischliche Denken, denn schliesslich … wer will schon selber schuld sein?“

(Anmerkung hier: Eine andere Spielart besteht darin, dass die Leiter die zitierten Verse sehr wohl anwenden, sie aber so auslegen, dass nur sie als Leiter die Erlaubnis hätten, alle anderen zurechtzuweisen – und z.B. jeden Widerspruch als „Sünde der Rebellion“ anzuprangern – , während sie selbst von niemandem zurechtgewiesen werden dürfen.)

„(…) Wenn die Mauer der Verführung aus dem Missbrauch von Bibelstellen über das Richten besteht, dann ist der Missbrauch des Wortes ‚Gnade‘ der Mörtel, der die Mauer zusammenhält. Gnade ist in den prophetischen Kreisen ein sehr verschwommener Begriff, der in den meisten Gesprächen anstelle von ‚Barmherzigkeit‘ oder ‚Sünde zudecken‘ gebraucht wird. Nach den Worten von Steve Shultz geht es bei der ganzen Philosophie und Grundlage der Elijah-List um diese Gnade. Aber wenn Sie ihn über Gnade predigen hören, dann erhalten Sie normalerweise eine verdrehte Idee davon. Seine Hauptidee ist, wir sollten nett sein zu den Menschen, weil Gott sie liebt, und schliesslich war er auch nett zu Ihnen, also sollten Sie dasselbe tun. Das ist nicht unbedingt falsch, aber es ist nicht ‚Gnade‘; und es trägt dazu bei, die Mauer der Verführung zu stärken mit ihrer Denkweise, niemandes Handlungen zu richten.

Lasst uns sehen, was in Titus 2,11-15 über Gnade steht:

v.11: ‚Denn die rettende Gnade Gottes ist allen Menschen erschienen,
v.12: die uns dazu erzieht, dass wir der Gottlosigkeit und den weltlichen Wünschen absagen, und (so) in der gegenwärtigen Weltzeit nüchtern, gerecht und gottesfürchtig leben,
v.13: während wir die glückselige Hoffnung und die Erscheinung der Herrlichkeit unseres grossen Gottes und Retters Jesus Christus erwarten,
v.14: der sich selbst für uns gab, um uns von jeder Gesetzlosigkeit zu erlösen, und für sich selber ein Eigentumsvolk zu reinigen, das guten Werken nacheifert.
v.15: Rede diese Dinge, ermahne und weise zurecht mit aller Autorität. Niemand soll dich verachten.‘

Aus diesen Versen weiss ich also, dass Sie einige Dinge lehren müssen, wenn Sie eine Botschaft der Gnade predigen:

– Der Gottlosigkeit und den weltlichen Wünschen abzusagen,
– In der gegenwärtigen Weltzeit nüchtern, gerecht und gottesfürchtig zu leben,
– Die Wiederkunft Jesu zu erwarten,
– (aus Vers 14) Uns seines Werkes am Kreuz bewusst zu sein, und wie er ein reines und heiliges Eigentumsvolk sucht.

(…) Diese Gedanken werden in den meisten heutigen ‚Gnaden-‚botschaften nicht gelehrt. Leider hören wir meistens nur davon, wie Gott unser ‚Kamerad‘ sein möchte. Für eine Gemeindekultur, die nur Ohrenkitzel sucht, ist das eine wunderbare Nachricht! Weil Jesus ihr Kamerad ist, müssen sie nicht gerecht leben! Sie müssen nicht nüchtern leben! Gott hat ‚Gnade‘ für all das!
Und als Ergebnis herrscht das Fleisch ungehindert in unseren Leben.

Die unangenehme Wahrheit ist, dass die heutigen falschen Propheten und ihre Nachfolger sich grosser prophetischer Einsichten rühmen, aber in Tat und Wahrheit wenig oder gar kein Unterscheidungsvermögen haben.

Während meiner sieben Jahre bei der Elijah-List (und meiner fünf Jahre bei Vineyard) hatte ich so viele Begegnungen mit Menschen, die von Zauberei (in unterschiedlichem Grad), Pornographie und dem homosexuellen Geist beeinflusst waren, und NICHTS wurde dazu gesagt oder getan. Wie schon erwähnt, nehmen Hexen an diesen Konferenzen und Gottesdiensten teil und gehen unüberführt und unerrettet wieder weg. Menschen, die einen homosexuellen Geist hatten und/oder bekanntermassen pornographiesüchtig waren, wurde es erlaubt, von der Kanzel aus ‚prophetische Worte‘ zu geben, und niemand sagte etwas dagegen.“

Kleint erwähnt dann zahlreiche ihm persönlich bekannte Beispiele, die das Gesagte belegen; sowohl von weniger bekannten Mitarbeitern wie auch von Personen, die international Schlagzeilen gemacht haben. Der interessierte Leser möge es selber nachlesen (siehe Link am Anfang).

„Barmherzigkeit mit dem Wolf ist Grausamkeit gegenüber den Schafen.“
(Sprichwort der alten Puritaner.)

Ich hoffe, es ist jetzt klarer geworden, warum ich diese Vorstellung von Gnade „unbarmherzig“ nenne. Diese schon an Allversöhnung grenzende Lehre und Praxis klingt zunächst ganz einladend (und entspricht natürlich auch dem gegenwärtigen Zeitgeist). „Komm nur zu Jesus, er ist gnädig und vergibt dir alles“ (ohne von Umkehr, Bekennen und Lassen der Sünde, usw. zu sprechen). Dann aber fangen die Probleme an: eine Gemeinde, wo die grosse Mehrheit der Mitglieder gar nicht für Jesus lebt, wird bald zu einer Hölle auf Erden. Wie stellen sich diese Leute denn den Himmel vor? Wenn Gott alle unbekehrten Betrüger, Diebe, Vergewaltiger und Mörder in den Himmel liesse, dann wären wir ja selbst dort unseres Lebens nicht sicher! Der Himmel wäre dann noch schlimmer als diese Erde, denn aus diesem Zustand heraus gäbe es ja keine „Erlösung“ mehr. Ein solcher „Himmel“ wäre tatsächlich grausam! – Oder denken diese Leute, Gott würde alle diese unbekehrten Sünder bei ihrem Tod auf wunderbare Weise in Heilige verwandeln? Davon steht nichts in meiner Bibel – ganz abgesehen davon, dass hier ja die Rede ist von Menschen, die ihre Sünde gar nicht lassen wollen. Nein, meine Herren Allversöhner, es ist gerade ein Akt der Liebe und Gnade Gottes, dass er streng darüber wacht, dass (wenigstens) der Himmel ein reiner Ort bleibt!

Das zweite Problem ist eingangs schon erwähnt worden: In einem System solcher falsch verstandener „Gnade“ gibt es keinerlei Schutz oder Sicherheitsvorkehrungen gegen herrschsüchtige Machtmenschen. Diese sind die allerersten, die „Gnade“ für sich selbst beanspruchen. Was hingegen die Barmherzigkeit mit den Opfern solcher Missbräuche betrifft, so darf davon gar nicht gesprochen werden – das wäre „lieblos“ oder „richtend“. Es gibt in solchen Gemeinden und Organisationen ein ungeschriebenes Gesetz, dass man über diese Dinge keinesfalls sprechen darf. Wer dieses Gesetz übertritt und aktuelle Probleme anspricht, dem wird vorgeworfen, er selber hätte durch sein Reden das Problem verursacht. Tatsächlich muss jeder, der derartige Missbräuche aufzeigt, damit rechnen, im Namen der „Gnade“ und „Barmherzigkeit“ ganz unbarmherzig angeklagt, aus der Gemeinde ausgeschlossen und verleumdet zu werden. Alles schon selber erlebt.

Ein drittes Problem ist von Kleint auch angetönt worden, aber ich möchte es hier noch klarer hervorheben: Ein solches falsches Verständnis von Gnade verunmöglicht die Verkündigung des wahren Evangeliums. Von Reue, Umkehr, Selbstverleugnung, Nachfolge, usw, darf in einer solchen Umgebung nicht mehr gesprochen werden – das wäre „richtend“. Durch dieses (meistens unausgesprochene) Predigtverbot wird der Zugang zu Gott erst recht verschlossen; denn das wären ja genau die Dinge, die das Erlösungswerk Jesu für uns wirksam machen!
Ich war einmal zu einer Ausbildung für Sonntagschullehrer eingeladen, musste aber nach dem ersten Morgen feststellen, dass keiner der Teilnehmer eine geistliche Wiedergeburt in seinem Leben bezeugen konnte. Natürlich begann ich daraufhin über Bekehrung und Wiedergeburt zu sprechen: wie könnten sie denn Kindern das Evangelium nahebringen, wenn es in ihrem eigenen Leben noch keine Wirklichkeit geworden war? Die Teilnehmer waren jedoch nicht zufrieden: sie wollten wohl einen kirchlichen „Dienst“ tun; aber selber sich zu Jesus bekehren, das wollten sie nicht. – In meiner Einfalt erzählte ich später diese Begebenheit einigen Freunden, die mich (damals noch) unterstützten. Sie machten mir daraufhin schwere Vorwürfe: ich hätte die Erwartungen jener Kirche enttäuscht und sei ungehorsam gewesen, denn schliesslich hätten sie mich nicht zum Evangelisieren eingeladen….
Es ist wirklich äusserst schwierig, in diesem Klima der falschen Gnade überhaupt noch einen Freiraum zu finden, wo man über die echte Gnade Gottes in Jesus Christus sprechen darf! Die alten Erweckungsprediger wie Jonathan Edwards, John Wesley, Charles Finney, etc, gingen in die Kirchen und sagten den Kirchenmitgliedern und Pastoren(!): „Prüft euch an der Schrift, ob ihr wirklich Christen seid. Ihr – gerade ihr – müsst zuerst wiedergeboren werden!“ – Wer das heute zu sagen wagt, der wird wegen „Respektlosigkeit gegenüber der Kirche“ vor die Tür gesetzt. (Um der Geschichte gerecht zu werden: das geschah den alten Erweckungspredigern auch. Wesley wurde aus einer Kirche nach der anderen hinausgeworfen, bis es keine Kanzel in England mehr gab, von der man ihm erlaubt hätte zu predigen, und er keine andere Wahl mehr hatte, als draussen auf freiem Feld zu predigen. Und dort war es, wo Erweckung geschah.)

Zum äussersten Extrem kommt diese Ablehnung des Evangeliums im ökumenischen Weltkirchenrat und den angeschlossenen Kirchen. Nicht nur wird dort die Auferstehung Jesu als „veraltete Mythologie“ bezeichnet und stattdessen heidnische Zeremonien durchgeführt; sondern das biblische Evangelium von Umkehr, Glaube an Jesus Christus und Wiedergeburt ist sogar schon als „Häresie“ bezeichnet worden. Wenn ich aber die Evangelikalen beobachte, dann habe ich allen Grund zur Annahme, dass sie diesen Entwicklungen bald folgen werden.

Ein solches Verbot der biblischen Evangelisation ist in höchstem Masse unbarmherzig, denn es hindert die Menschen daran, die einzige Botschaft zu hören, durch die sie die echte Gnade Gottes kennenlernen könnten!

Ich bin Gott bis heute dankbar, dass er mir in seiner Gnade zu einem bestimmten Zeitpunkt in meinem Leben klar gezeigt hat, dass ich – obwohl ich mich „Christ“ nannte – in Sünde gefangen war und eine Umkehr und Wiedergeburt brauchte. Er war so barmherzig mit mir, dass er mir nicht erlaubte, weiter in einer Täuschung zu leben. In dem Moment, als das geschah, war es alles andere als angenehm – aber es war der Beginn meiner echten Hinwendung zu Jesus. Möchte doch diese Gnade und Barmherzigkeit wieder auf den Leuchter gestellt werden!

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Vom Lesenlernen

13. Juni 2011

Heutzutage wird ganz allgemein angenommen, dass man zur Schule gehen müsse, um lesen zu lernen. Lehrer und Pädagogikexperten ihrerseits zerbrechen sich die Köpfe darüber, mit was für einer Methode man den Kindern das Lesen beibringen könne; und sie erwecken mit ihren Fachdiskussionen den Eindruck, das Lesenlernen und Lesenlehren sei etwas unheimlich Kompliziertes. Und gerade dadurch machen sie es kompliziert für die Kinder.

Stellen wir dieser allgemeinen Auffassung eine einfache Statistik gegenüber:

„Vor der Einführung der allgemeinen Schulpflicht (um 1850) konnten 98% der Einwohner des Staates Massachusetts lesen und schreiben. Danach blieb die Ziffer ständig unter 91%, wo sie heute (1990) noch ist.“
(Zitiert von John Taylor Gatto in „Warum Schulen nicht bilden“.)

Offenbar ist die Schule also beim Lesenlernen keineswegs ein hilfreicher Faktor – im Gegenteil. Und die endlosen Fachdiskussionen um die „richtige“ Leselernmethode dienen meiner Ansicht nach nur dazu, ein Heer von Lehrern und Professoren beschäftigt zu halten, die sonst arbeitslos würden.

Nach meiner eigenen Beobachtung geschieht das Lesenlernen bei Kindern beinahe automatisch innerhalb von rund zwei bis drei Monaten, sofern 1.) die Kinder in einer Umgebung aufwachsen, wo Lesen und Schreiben zum Alltag gehört, und 2.) sie die dazu nötige Reife in ihrer körperlichen und geistigen Entwicklung erreicht haben. Die Lehrmethode ist dabei völlig nebensächlich. Das habe ich bei meinen eigenen Kindern beobachtet, sowie bei einem neunjährigen Pflegekind, das wir ein halbes Jahr lang betreuten. Dieses Mädchen war von ihrer Familie völlig vernachlässigt und unter verschiedenen Verwandten umhergeschubst worden, und sie konnte nach drei Schuljahren noch nicht lesen oder schreiben. Wir stellten fest, dass sie aufgrund ihrer Familiensituation unter verschiedenen psychologischen Problemen litt. Nachdem sie Vertrauen gefasst hatte zu uns, und wir angefangen hatten, einige dieser Probleme aufzuarbeiten, lernte sie innerhalb weniger Wochen zu lesen und zu schreiben.

Mein älterer Sohn lernte im Alter von fünfeinhalb Jahren lesen. Hauptsächlich beobachtete er die Aufschriften auf Lebensmittelpackungen und Konservenbüchsen, und wir erklärten ihm, was sie bedeuteten. (Die einzelnen Buchstaben hatte er schon etwas früher kennengelernt.) In der Zeit war ich gerade daran, eigene Arbeitsblätter zum Lesenlernen zu entwerfen, und probierte diese natürlich mit meinem Sohn aus. Er machte aber so schnelle Fortschritte, dass ich mit dem Ausarbeiten von Arbeitsblättern gar nicht nachkam – als meine Blätter etwa die Hälfte der Buchstaben eingeführt hatten, konnte er bereits fliessend lesen.
Sein damals vierjähriger Bruder beobachtete das alles und kam ziemlich bald mit dem Wunsch, auch lesen zu lernen. Zuerst sagte ich ihm, er sei noch etwas zu klein dafür. Als er nicht nachgab, setzte ich mich hin mit ihm und mit meinen Arbeitsblättern. Die Buchstaben lernte er ziemlich schnell kennen, aber er konnte sie einfach nicht zu Silben oder Wörtern zusammensetzen. Nach mehrmaligen Versuchen gab ich es auf und sagte: „Wollen wir nicht warten, bis du etwas älter bist?“ Diesmal akzeptierte er es. Es war zwar öfters eine Quelle der Frustration für ihn, dass sein Bruder lesen konnte und er nicht. Aber er war offensichtlich in seiner Entwicklung noch nicht so weit. – Ein Jahr später versuchten wir es wieder, aber wieder mit demselben Ergebnis. Also legten wir das Lesen für ihn wieder beiseite. – Als er sechseinhalb Jahre alt war, spürten wir plötzlich, dass es jetzt so weit war. Und tatsächlich tat da auch er innerhalb von etwa zwei Monaten den Schritt vom Nichtleser zum fliessenden Lesen.
Nachdem sie einmal lesen konnten, suchten unsere Kinder immer neuen Lesestoff und hatten bald alle in unserem Haus befindlichen Hefte und Bücher, die ihrem Alter angemessen waren, von vorne bis hinten durchgelesen, sodass ich nach neuem Lesematerial Ausschau halten musste.

Bei Kindern, die einem schulischen Leselernprogramm unterworfen werden, einfach weil das im Lehrplan für ihr Alter jetzt dran ist, beobachte ich dagegen etwas ganz anderes: Der Leselernprozess dauert viel länger (manchmal über ein Jahr), und ist sowohl für das Kind wie für dessen Eltern und Lehrer mit viel mehr Stress und Frustration verbunden. Manche dieser Kinder lesen noch jahrelang stockend, Silbe für Silbe, und ohne viel von dem Gelesenen zu verstehen. Und nur ganz wenigen von ihnen macht das Lesen Freude.

Diese Beobachtungen haben einen wissenschaftlichen Hintergrund – der allerdings von Lehrern und Schulplanern nicht zur Kenntnis genommen wird. Dr.Raymond und Dorothy Moore schreiben in „Better Late Than Early“:

„Die vorschulische Bildung (gemeint ist: zuhause) muss die Entwicklung des kindlichen Gehirns berücksichtigen, seinen Gesichts- und Gehörsinn, seine Wahrnehmungen und Gefühle, seine Geselligkeit und seine familiären Beziehungen, zusammen mit seinem körperlichen Wachstum, und die Schule selber. Anscheinend gibt es für jeden dieser Faktoren einen Reifegrad, bei welchem die Mehrheit der Kinder eine normale Familie verlassen können und schulische Aufgaben beginnen können, ohne ernsthafte Risiken einzugehen. Wenn wir alle diese Faktoren zusammennehmen, erhalten wir einen Anzeiger der Reife, den wir den integralen Reifegrad des Kindes nennen.“

Und an anderer Stelle:

„Das Wichtigste ist hier die Geduld. Man muss dem kindlichen Gehirn Zeit geben, um sich in allen seinen Aspekten zu entwickeln. (…) Eine Verzögerung in der Entwicklung einer bestimmten Gehirnfunktion bedeutet normalerweise noch nicht, dass eine Hirnschädigung oder Behinderung vorläge. Trotzdem wird aber vom Kind (in der Schule) verlangt, dass es grundlegende Fertigkeiten im Lesen, Schreiben und Rechnen entwickle, bevor es zu einem Gleichgewicht der verschiedenen Hirnfunktionen gelangt ist. Oft entsteht dann der Eindruck, das Kind sei geistig zurückgeblieben oder behindert. Sehr oft verschwinden aber solche Lernprobleme, wenn die Eltern das Kind aus dem Kindergarten oder der Schule nach Hause nehmen und ihm die Freiheit geben, ein oder zwei Jahre später mit der Schule zu beginnen. Aber wenn es mit Lernaufgaben belastet wird, bevor es dazu bereit ist, dann kann es auf verschiedenste Weise im Lernen scheitern.“

Hier liegt wahrscheinlich die Ursache für die allermeisten schulischen Probleme während der ersten Schuljahre (und möglicherweise noch später)! – Da in letzter Zeit an immer mehr Orten Gesetze erlassen werden, die eine späte Einschulung verunmöglichen (hier in Perú z.B. müssen die Kinder von Gesetzes wegen spätestens mit sechs Jahren in die Primarschule eintreten und diese spätestens mit zwölf Jahren beenden), bleibt homeschooling als einzige Alternative, Kinder ihrer Entwicklung gemäss zu fördern

– Dann untersuchen die Moores die verschiedenen Aspekte des integralen Reifegrades genauer, gestützt auf eine Vielzahl von wissenschaftlichen Untersuchungen:

Das Gehirn:
(…) Dr.David Metcalf von der medizinischen Fakultät der Universität Colorado glaubt, dass die Arbeitsteilung zwischen den beiden Gehirnhälften etwa zwischen dem siebten und dem neunten Altersjahr festgelegt wird. Bis zu diesem Punkt sind Kinder eher emotionelle als rationale Wesen. (…) Aber die Fähigkeit, logisch zu denken, ist grundlegend, um Lesen und Rechnen zu lernen.
Es stellt sich die Frage, ob das Gehirn durch Anregung zu schnellerer Reife gebracht werden kann, oder ob die Schularbeiten leichter erledigt werden, wenn man dem Gehirn des Kindes vorher Zeit gibt zum Reifen. Die Untersuchungen zeigen, dass die frühkindliche Stimulierung ein grösseres Risiko für das Kind bedeutet, als wenn man ihm Zeit gibt zum Reifen. (…) Die Ergebnisse von Dr.Paul Yakovlev von Harvard über Struktur und Funktion des Gehirns, und die klinischen Studien des Kinderpsychiaters Humberto Nagera von der Universität Michigan, stimmen deutlich mit den Schlussfolgerungen des Schweizer Psychologen Jean Piaget überein, der sagte, das Gehirn des Kleinkindes sollte beim Lernen nicht zu schnellerer Entwicklung angetrieben werden.

Der Gesichtssinn:
Der Prozess der visuellen Wahrnehmung ist äusserst kompliziert. Um zu verstehen, was es liest, muss das Kind neue Gedanken mit bereits Gelerntem verbinden können. Dann muss es das bereits Gelernte aus dem Gedächtnis aufrufen und es mit der neuen Information integrieren. (…) Einige Kinder können im Schulalter noch viele Buchstaben oder Teile von Buchstaben nicht unterscheiden. Z.B. sieht für sie ein „E“ gleich aus wie ein „F“, oder sie sehen keinen Unterschied zwischen den Buchstaben „p“ und „b“ oder „d“. Um gut lesen zu lernen, muss ein Kind die Formen von Buchstaben und Wörtern visualisieren können. (…) Solange es nicht auf diese Weise logisch überlegen kann, kann es nicht stressfrei lesen lernen. Aber das logische und konsequente Denken entwickelt sich in der Regel erst um die acht Jahre herum.
(…) Der berühmte amerikanische Philosoph John Dewey führte Augenspezialisten an, die bemerkten, dass die Augen von Kindern in erster Linie dazu geschaffen sind, in die Weite zu blicken oder grosse Gegenstände zu betrachten. Wenn das Kind gezwungen wird, sich auf eine Arbeit in kurzer Distanz oder auf kleine Gegenstände zu konzentrieren, dann entsteht mehr nervlicher Stress als nötig. Kinder unter acht Jahren sollten keine solche exakten und kleinen Bewegungen ausführen müssen. (…) Während der darauffolgenden Jahrzehnte haben viele hervorragende Kinderspezialisten diese Befunde bestätigt.
(…) In Texas um 1900, als die Kinder mit acht Jahren eingeschult wurden, war im Durchschnitt eines von acht Kindern kurzsichtig. Um 1930, als das Schuleintrittsalter bei sieben Jahren lag, war bereits ein Drittel aller Kinder kurzsichtig. Im Jahre 1940, als die Kinder mit sechs Jahren zur Schule gingen, war das Verhältnis eins zu eins. Um 1962 – nachdem das Fernsehen aufgekommen war -, waren fünf von sechs Kindern kurzsichtig.“

Das Gehör:
Um lesen lernen zu können, muss ein Kind auch mit dem Gehör ähnliche Laute wie „k“ und „g“ oder „p“ und „b“ unterscheiden können. Aber Joseph Wepman von der Universität Chicago sagt, dass einige Kinder selbst im Alter von acht Jahren die Laute noch nicht unterscheiden und im Gedächtnis behalten können. Die Wichtigkeit des Gehörs beim Lesenlernen ist erst in den letzten Jahren erkannt worden.“

Die Moores warnen sogar vor zu vielem Lesen: Bei kleineren Kindern (bis 8 Jahre) sei eine halbe Stunde pro Tag genug, dann sollten sie wieder eine Tätigkeit aufnehmen, bei der sie ins Weite blicken müssen, weil sonst die Augen Schaden nehmen können. Kinder, die überaus viel lesen, seien ausserdem in der Gefahr, eine passive Geisteshaltung zu entwickeln, weil sie sich daran gewöhnen, ständig fremde Gedanken aufzunehmen, statt selber über die Dinge nachzudenken, eine eigene Ansicht zu entwickeln, selber kreativ zu sein und Neues zu schaffen.

Zusammenfassend kommen die Moores zum Schluss: Ein Kind, das zum Lesenlernen oder zum Schulbesuch gezwungen wird, bevor es die integrale Reife erreicht hat, ist unnötigem Stress ausgesetzt und entwickelt dadurch Lernschwierigkeiten, Frustrationen, usw. Diese integrale Reife wird nur von wenigen Kindern vor dem Alter von acht Jahren erreicht; von einigen sogar erst mit zehn Jahren oder noch später.

Tatsächlich hatten mehrere weltbekannte Persönlichkeiten in ihrer Kindheit eine sehr langsame Sprachentwicklung. Der amerikanische Präsident Woodrow Wilson lernte erst mit zehn Jahren lesen. Der dänische Schriftsteller Hans Christian Andersen war ein schlechter Schüler, hatte grosse Schwierigkeiten beim Lesen, und seine Lehrer rieten ihm vom Schreiben ab. Albert Einstein sprach bis zum Alter von vier Jahren kein Wort, und noch als Neunjähriger hatte er Sprachprobleme. Als Erwachsener sagte er, dass es wahrscheinlich gerade seine Langsamkeit gewesen sei, die ihn dazu befähigt habe, Probleme gründlicher zu durchdenken als andere Menschen. Man sieht daran: Eine Intelligenz, die sich langsamer entwickelt, braucht deswegen keine schwächere Intelligenz zu sein – es kann sogar gerade umgekehrt sein!

Man stelle sich jetzt aber ein solches sich langsamer entwickelndes Kind im heutigen Schulsystem vor! Es muss von Gesetz wegen dieselbe Klasse besuchen und dieselben Dinge lernen wie seine Altersgenossen, obwohl es von seiner ganzen Entwicklung her überhaupt noch nicht bereit ist dazu. Es wird von Lehrern und Kameraden ausgelacht, gedemütigt, beschimpft, vielleicht sogar geschlagen. Die Eltern reagieren ähnlich (ausser sie lassen sich nicht von der schulischen Propaganda einwickeln und informieren sich selbständig über die kindliche Entwicklung). Es werden alle möglichen Lernstörungen und Behinderungen diagnostiziert. Bis das Kind endlich so weit ist, dass es tatsächlich ohne Stress lesen lernen könnte, ist es bereits derart entmutigt, dass es sich selber für dumm hält und nicht mehr daran glaubt, es könne überhaupt je einmal etwas lernen. Wieviele potentielle Woodrow Wilsons, Hans Christian Andersens und Albert Einsteins sind wohl bereits vom herrschenden Schulsystem zugrunde gerichtet worden?

Zudem sind die Anforderungen und Altersgrenzen im gegenwärtigen Schulsystem (zumindest hier in Perú) derart übertrieben, dass selbst sich „normal“ entwickelnde Kinder (d.h. im durchschnittlichen Zeitrahmen) den Schulstoff nicht wirklich verstehen. Somit empfinden sie das Lesen als eine unerträgliche Last, der man so weit wie möglich aus dem Weg geht. – Den Kindern, die nachmittags zu uns zur Aufgabenhilfe kommen, sagen wir immer, dass sie sich von unseren Büchern zum Lesen aussuchen dürfen, was sie interessiert. Während des vergangenen Schuljahres habe ich erst zweimal ein Kind aus eigenem Interesse ein Buch aus dem Gestell nehmen sehen – und dann nur um die Bilder anzusehen, aber nicht um zu lesen. Nur während des Ferienprogramms, als der schulische Druck wegfiel, begannen einige Kinder selbständig zu lesen. Das ist ein ganz auffälliger Gegensatz zu unseren eigenen Kindern, die ausgesprochene Leseratten sind. Offenbar ist die Schule nicht nur nicht hilfreich zum Lesenlernen; sie nimmt den Kindern sogar jede Lust dazu!

Als „Methode“ würde ich also vorschlagen (wenn man überhaupt von „Methode“ sprechen kann; wie wir gesehen haben, ist der Reifegrad des Kindes viel entscheidender als die „Lehrmethode“), kleineren Kindern z.B. aus Büchern vorzulesen, ihnen durchaus auch die Buchstaben und Wörter zu zeigen und auf ihre entsprechenden Fragen einzugehen; aber nicht von ihnen zu fordern, das Lesen zu lernen, bevor erkennbar wird, dass sie selber in der Lage sind, Buchstaben zu Silben und Wörtern zusammenzusetzen. (Die einzelnen Buchstaben können Kinder schon in einem früheren Stadium kennenlernen; aber daraus Silben und Wörter zu bilden, erfordert eine weitere Reifung.) Wie wir gesehen haben, kann das Alter, in dem diese Reife erreicht wird, von Kind zu Kind sehr unterschiedlich sein.
Nur noch ein einziger zusätzlicher methodischer Hinweis (den die Schulen im deutschsprachigen Raum, soweit ich informiert bin, verstanden haben; die peruanischen jedoch noch nicht): Kinder werden verwirrt, wenn wir die Buchstaben mit ihren „Namen“ einführen, also z.B. ein N „enn“ nennen. (NU werden sie „enn-u“ lesen.) Sie verstehen das Lesen besser, wenn wir jeden Buchstaben mit dem Laut benennen, den er in einem Wort tatsächlich hat; wenn wir also das N „nn“ nennen und die Wörter „lautieren“ statt „buchstabieren“.

Mein bisher einziges einigermassen erfolgreiches Experiment, die Kinder (während des Schuljahres) zum Lesen und Schreiben zu motivieren, war dieses: Wir eröffneten in unserer Stube ein Postbüro, wo die Kinder einander Briefe schreiben und schicken konnten. Zuerst falteten und klebten wir zusammen Briefumschläge aus farbigem Papier und schnitten kleine Briefpapierbögen zurecht. Ausserdem fabrizierten wir mit einem Stempelkasten unseren eigenen Poststempel. Aus Karton und Plastikfolie bastelten wir einen Postschalter. Zum Anfang brachte ich einige bereits geschriebene Briefe an einige der Kinder zum Schalter. Dann rissen sich die Kinder darum, wer bedienen und die Briefe abstempeln durfte. Jeden Tag wurde ein Kind zum Schalterbeamten und ein anderes zum Briefträger ernannt. Tatsächlich hatten sie ziemlich viel Arbeit: Schon am ersten Tag brauchten die Kinder alle zwanzig vorbereiteten Umschläge auf, und wir mussten neue machen. Wenn es darum ging, persönliche Botschaften zu schreiben und zu erhalten, dann wurde das Lesen und Schreiben plötzlich sinnvoll und interessant. Einige Kinder fragten, ob sie auch Briefe an nicht anwesende Nachbarskinder schreiben dürften. (Ich antwortete, das hänge von der Bereitschaft des „Briefträgers“ ab, die Briefe zu überbringen.) – Leider kamen dann einige Tage, an denen die Kinder so viel Schulaufgaben hatten (wo sie viel weniger interessante Dinge schreiben mussten), dass für die Post keine Zeit mehr übrigblieb.

Kinder an ihrem Postbüro

Ein weiterer Punkt wird durch dieses Beispiel illustriert: „Lesen“ ist ja eigentlich viel mehr als nur Buchstaben zu Wörtern und Sätzen zusammenzusetzen. Der entscheidende Wert des Lesens liegt darin, dass diese Wörter und Sätze eine Bedeutung übermitteln, einen Sinn, eine Botschaft. (Ich hatte schon Schüler, die einen Satz fast ohne zu stocken laut vorlesen konnten, aber kein Wort davon verstanden!) Es ist daher eine grundsätzlich richtige Idee, dass dieses Schulfach neuerdings nicht mehr „Lesen“ oder „Sprache“ genannt wird, sondern „Kommunikation“. (Zumindest hier in Perú.) Dennoch kann ich in dieser Umbenennung nur eine riesige Ironie sehen: Wo gibt es weniger echte Kommunikation als in einer Schulstunde? Echte Kommunikation beruht darauf, dass ich auf eine empfangene Botschaft eine Antwort geben kann und so mit dem Absender der Botschaft in eine persönliche Beziehung trete. „Massenkommunikation“ ist in diesem Sinn keine echte Kommunikation; und der Schulunterricht steht hierin der Massenkommunikation sehr nahe: Er besteht hauptsächlich aus unpersönlichen Botschaften eines Einzelmenschen (des Lehrers) an eine grössere Gruppe, und aus einigen wenigen ebenso unpersönlichen Antworten von Mitgliedern dieser Gruppe. Ein Schüler hat während einer durchschnittlichen Schulstunde höchstens einige wenige Sekunden echter, persönlicher Kommunikation mit seinem Lehrer; und die Kommunikation der Schüler untereinander wird aus Disziplingründen unterbunden.

Nun haben aber Untersuchungen ergeben (wie Raymond und Dorothy Moore erwähnen), dass der persönliche, bedeutungsvolle Austausch zwischen Eltern und ihren Kleinkindern fast der einzige äussere Faktor ist, der tatsächlich die Entwicklung der Denkfähigkeit beschleunigt oder begünstigt. Dieser Austausch findet in der Regel auf informelle Weise und ungeplant während des Tages statt, wo Eltern sich Zeit nehmen für ihre Kinder. Dieser persönliche Austausch ist Grundlage dafür, dass die Kinder später auch verstehen, was sie lesen, und sich über das Gelesene Gedanken machen können. Eine solche persönliche Beziehung zu den Kindern kann durch nichts ersetzt werden – erst recht nicht durch ein „Kommunikation“ genanntes Schulfach.

Im Umgang mit meinen eigenen Kindern erkannte ich z.B, dass ihre Fähigkeit zum logischen Denken stark gefördert wird, wenn wir mit ihnen über alle möglichen Dinge sprechen, auf ihre Fragen eingehen und selber neue Fragen stellen, die zum Denken anregen. Das kann am Mittagstisch geschehen, beim Spazierengehen, beim Spielen, usw. Wir beobachten z.B. Wolken: Woraus besteht eigentlich eine Wolke? Warum bewegen sich die Wolken? Warum regnet es aus einigen Wolken, aber aus anderen nicht? Warum sehen einige Wolken hell aus, und andere dunkel? Kann man sich wirklich auf eine Wolke legen, wie es manchmal in Bilderbüchern dargestellt wird? – Oder die Kinder bauen einen Turm aus Bauklötzen, Legos, o.ä: Wie hoch kann man einen Turm bauen, ohne dass er umfällt? Wie muss er gebaut sein, damit er so hoch wie möglich werden kann? – Oder wir sprechen darüber, woher unser Essen kommt, was unser Körper braucht um wachsen zu können, warum wir Gott danke sagen für das Essen (z.B. auch für das Brot, das doch vom Bäcker kommt), usw.
– Jetzt, wo unsere Kinder schon etwas grösser sind, werden natürlich auch ihre Fragen anspruchsvoller. Fragt z.B. mein Zehnjähriger beim Bauen eines Flugzeugmodells: „Könnte man nicht ein Propellerflugzeug bauen, dessen Propellerachse zugleich einen Stromgenerator antreibt, der wiederum den Flugzeugmotor antreibt, sodass das Flugzeug seinen eigenen Strom produzierte?“ Das ist natürlich die klassische Frage nach dem perpetuum mobile, und da sind ziemlich fortgeschrittene physikalische Konzepte wie Energieerhaltungssatz und Entropiesatz involviert. Das praktische Beispiel des Flugzeugmodells (das mein Bub bereits zu bauen begonnen hatte) bot aber die Gelegenheit, diese Konzepte anschaulich zu erklären, auch ohne schon alle entsprechenden Fachbegriffe einzuführen. Den Energieverlust durch Reibung hatte er bereits selber erfahren: Beim ersten Versuch drehte sich der Propeller überhaupt nicht, weil er nicht richtig gelagert war und die Reibung zu gross war.

Solche herausfordernde Fragen und Gespräche in Alltagssituationen tragen viel dazu bei, das Denken zu schärfen. Ich stelle bei meinen Nachhilfeschülern fest, dass die meisten von ihnen diese Art Kommunikation überhaupt nicht gewohnt sind. (Trotz – oder gerade wegen? – des Schulfachs „Kommunikation“ … ) Ich muss da bei ihnen mit ganz einfachen Dingen anfangen; z.B. sie ein frohes oder ein trauriges Erlebnis des Tages erzählen zu lassen. Wenn sie mit ihren Hausaufgaben kommen, bitte ich sie, mir die Aufgabe zu erklären (die Aufgabenstellung natürlich, nicht schon die Lösung). Die meisten waren die ersten paar Male nur schon damit überfordert! – Jene, die schon länger zu uns kommen, sind jetzt immerhin so weit, dass sie spontan und einigermassen zusammenhängend von Ereignissen in ihrem persönlichen Leben und in ihrer Familie erzählen.

Manchmal stelle ich auch einige nicht ganz ernst gemeinte Fragen, die die Kinder herausfordern, nochmals zu überdenken, was sie sagen. Erzählt ein Kind: „Meine Mami hat eine Torte gekauft, aber am nächsten Tag war sie schon nicht mehr gut, und sie sagte, man müsse sie fortwerfen … “ – „Wer war nicht mehr gut, deine Mami oder die Torte?“ – „??? – Die Torte natürlich!“ – „Ach so … dann ist ’sie‘ einmal deine Mami, und ein anderes Mal die Torte?“

Haben sich die Kinder einmal daran gewöhnt, besser nachzudenken, dann werden natürlich auch ernsthaftere Gespräche möglich; sowohl über Sachthemen wie auch über persönliche Anliegen und Probleme. Da erst wird die Kommunikation richtig bedeutungsvoll. (Aber nur, wenn ich wirklich daran interessiert bin, die Kinder persönlich kennenzulernen und ihnen zu helfen. Wo so etwas nur als „Kommunikationsübung“ gemacht wird, da werden die Kinder bald lernen, irgendwelche Erlebnisse zu erfinden, um nicht persönliche Angelegenheiten preisgeben zu müssen in einer Umgebung, die sie – mit Recht – als „unsicher“ empfinden.) Und schon öfters haben wir beobachtet, dass parallel zu einer solchen echten, persönlichen Kommunikation auch die Schulleistungen besser werden. Aber das betrachte ich als einen Randeffekt; wichtiger ist mir, dass sich die Kinder auf gesunde Weise entwickeln.