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95 Thesen über die Lage der evangelischen (evangelikalen) Gemeinden – Teil 3

20. Februar 2011

VII) Über christliche Weltanschauung

63. Das Wort Gottes ist auf alle Bereiche des Lebens, des Wissens und der Gesellschaft anzuwenden (Ps. 24,1).
Die Bibel präsentiert uns nicht nur ein religiöses System, sondern eine ganze Weltanschauung, bzw. ein „Paradigma“, um die Ganzheit des Lebens und der Welt zu interpretieren.

64. Die heutigen evangelischen Kirchen wenden im allgemeinen das Wort Gottes nur auf das kirchliche Leben an (und einige noch auf das Privatleben), aber nicht auf das Leben im allgemeinen. Deshalb verlor die Kirche ihre Funktion als „Salz und Licht“ in der Welt.
Viele Mitglieder evangelischer Kirchen wenden das Wort Gottes nicht einmal auf ihr Privatleben an, abgesehen von den kirchlichen Aktivitäten. Deshalb sind sie kein Zeugnis für den Herrn vor der Welt.

65. Es können nicht zwei Wahrheiten existieren wie z.B. eine „religiöse“ und eine „wissenschaftliche“ Wahrheit, die einander widersprechen.
Die Wahrheit ist eine einzige. Wenn also eine sogenannte „wissenschaftliche Wahrheit“ (die von fehlbaren Menschen aufgestellt wurde) einer biblischen Wahrheit widerspricht (die vom unfehlbaren Gott erklärt wurde), dann ist die „wissenschaftliche Wahrheit“ ein Irrtum und muss sich dem Wort Gottes unterordnen.

66. Die Leiter und Mitglieder der heutigen evangelischen Kirchen haben im allgemeinen ein gespaltenes Denken. Einerseits akzeptieren sie die unfehlbare Wahrheit der Bibel in religiösen Angelegenheiten, aber andererseits folgen sie fehlbaren menschlichen „Wahrheiten“ in Angelegenheiten der Wissenschaft, Politik, Bildung, Psychologie, Soziologie, Arbeitswelt, usw. Deshalb haben sie irrige Ansichten über diese Bereiche. Da sie diese Bereiche als „weltlich“ (bzw. ausserhalb des Wortes Gottes stehend) ansehen, nehmen sie kritiklos die Lehren weltlicher „Experten“ an, und untersuchen diese Lehren nicht anhand des Wortes Gottes. So erlauben sie, dass von daher alle Arten von falschen Lehren in die Kirchen eindringen.
Die politischen, pädagogischen, sozialen, (usw.) Vorschläge der heutigen evangelischen Kirchen haben im allgemeinen keine biblische Grundlage, und widersprechen sogar öfters der Bibel.

67. Das Reich Gottes ist da, wo Gott regiert, d.h. wo der Wille Gottes erfüllt wird. Die Kirche „ist“ nicht das Reich Gottes; aber sie sollte es repräsentieren mittels des Lebensstils ihrer Mitglieder. (Die heutigen evangelischen Kirchen tun im allgemeinen nicht einmal dies.) Da Gott über alle Bereiche des Lebens und der Gesellschaft regiert, sollte sein Reich auch in den Bereichen der Wissenschaft, Politik, Erziehung, Arbeit, usw. repräsentiert werden, indem Christen, die in diesen Bereichen tätig sind, entsprechende biblische Prinzipien lehren und praktizieren (statt sich von der Welt gleichgestalten zu lassen).


VIII Über christliche Erziehung

68. Der erste und grundlegende Ort der Erziehung ist die Familie, und die ersten und grundlegenden Verantwortlichen für die Kindererziehung sind die Eltern. (5.Mose 6,4-7, Ps.78,5-8, Spr. 1,8-9, 4,1-4, Eph.6,4)

69. In den heutigen evangelischen Kirchen vernachlässigen im allgemeinen die Eltern diese Verantwortung gegenüber ihren Kindern, und die Leiter helfen ihnen nicht und ermutigen sie nicht dazu, diese Verantwortung wahrzunehmen.
Die heutigen evangelischen Kirchen stellen im allgemeinen die Sonntagschule an die Stelle der Familie. Indem sie fast alle ihre Programme altersgetrennt durchführen, spalten sie die Familien, statt sie zu einen.

70. Die Schule ist kein biblisches Mandat.
Innerhalb der biblischen Mandate für die Gesellschaft gehört die Schule zum Bereich der Familie, nicht zum Bereich der Regierung oder des Staates (s.o. No. 68).
Die Bibel erlaubt christlichen Eltern nicht, einen ungläubigen Lehrer mit der Erziehung ihrer Kinder zu beauftragen. (2.Joh.9-11).

71. Die heutigen evangelischen Kirchen haben sich im allgemeinen den weltlichen Einflüssen der säkularen Verschulung unterworfen, und lassen ihre Kinder von ungläubigen Lehrern erziehen.

72. Das beste Alter um sich zu bekehren, ist die Kindheit. (Spr.22,6, Pred.12,1, Mark.10,14-15, Apg.2,39)
Deshalb sollten sich die evangelistischen Bemühungen viel stärker auf Kinder konzentrieren, mit Priorität auf jenen Kindern, die schon in der Gemeinde sind, weil ihre Eltern Christen sind.

73. Die Kinder eines Christen sind nicht automatisch Christen. Im Gegenteil, die Bibel sagt, dass ein Kind in Sünde geboren wird (Ps.51,5, Röm.3,23, 5,12) und wiedergeboren werden muss, um geretttet zu werden.
Die heutigen evangelischen Kirchen behandeln im allgemeinen die Kinder von Christen, als wären sie selber auch Christen, und evangelisieren sie deshalb nicht. Auf diese Weise werden die Kinder über ihren wahren geistlichen Zustand getäuscht; und zudem werden sie christlichen Verhaltensnormen unterworfen, die sie gar nicht erfüllen können, weil sie nicht wiedergeboren sind. Das führt dazu, dass es manchmal für Kinder aus christlichen Familien schwieriger ist sich zu bekehren, als für Kinder aus nichtchristlichen Familien.


IX) Über die Ausbildung zum geistlichen Dienst

74. Die Ausbildung eines wahren Dieners Gottes geschieht in der Gegenwart des Herrn selbst; ein wahrer Diener Gottes lernt mehr von Gott selbst als von Menschen (Joh.6,45, 14,26, Gal.1,15-16, 1.Joh.2,27).
Die wichtigste Vorbereitung für den geistlichen Dienst besteht darin, viel Zeit mit Gott zu verbringen. (Mark.3,14, Apg.4,13)

75. Die Ausbildung eines wahren Dieners Gottes geschieht auch mittels des Beispiels anderer wahrer Diener Gottes, und mittels des praktischen Dienstes. (1.Kor.11,1, 1.Thess.1,6-7, 2.Tim.3,10-11)

76. Akademische Titel und Diplome sind ein falscher Beweggrund, sich zum geistliche Dienst ausbilden zu lassen.
Studenten, die sich aus diesem Beweggrund „ausbilden“ lassen, erhalten lediglich theoretische Kenntnisse, welche „aufgeblasen“ machen (1.Kor.8,1b).

77. Eine beträchtliche Anzahl Studenten an heutigen Bibelschulen und Seminaren sind nicht wiedergeboren und haben noch weniger einen Ruf zum geistlichen Dienst.
Infolgedessen können wir auch von den Pastoren und Leitern nicht sicher sein, ob sie wirklich wiedergeboren sind.

78. Jene Christen, die wirklich einen Ruf zum geistlichen Dienst haben, passen oft nicht in die gegenwärtigen Bibelschulen und Seminare.
Manche sind nicht zu intellektuellen Studien geneigt und haben deshalb Schwierigkeiten, die akademischen Anforderungen zu erfüllen.
Manche sind innovativ, und passen deshalb nicht in eine unflexible und reglementierte Umgebung.
Manche leiden unter dem Unverständnis ihrer Lehrer und Mitstudenten, die ihren Eifer für den Herrn nicht teilen.
Manche spüren, dass die Atmosphäre einer Bibelschule geistlich ungesund ist, und ziehen deshalb gar nicht in Betracht, sich dort ausbilden zu lassen.

79. Die Ausbildung eines wahren Dieners Gottes sollte w.m. in frühem Alter beginnen (1.Sam.1,24-28, Spr.22,6, 2.Tim.3,14-15).

80. Die heutigen evangelischen Kirchen vernachlässigen im allgemeinen den Dienst mit (nicht „an“) Kindern, und ziehen das Potential von Kindern für den Dienst nicht in Betracht. So verlieren sie fast alle ihre zukünftigen Leiter, und haben dann nur noch mittelmässige Leiter.

81. Die Ausbildung eines wahren Dieners Gottes geschieht nicht nach humanistischen Prinzipien, und nicht durch eine Ausbildung in äusseren Formen.
Die heutigen evangelischen Kirchen und ihre Ausbildungsstätten folgen im allgemeinen der humanistischen Idee, wonach Bildung den Menschen verbessert. (Das war schon die Idee der alten griechischen Philosophen, und der Apostel Paulus widerlegt sie mit Entschiedenheit: Röm.1,21-24, 1.Kor.1,18-31.) Aus biblischer Sicht ist das einzige, was den Menschen verbessern kann, die Wiedergeburt und das Werk des Heiligen Geistes in einem Christen (Röm.8,7-14, 2.Kor.3,18, Phil.2,12-13, 3,7-11).

82. Die existierenden Bibelschulen bilden im allgemeinen ihre Studenten nicht zum geistlichen Dienst aus. Stattdessen bereiten sie sie zum „korrekten“ Funktionieren in menschlichen Organisationen vor, und lehren sie menschliche Methoden.

83. Viele christliche „Lehrer“ suchen Gott nicht selbst, sondern kopieren nur Lehren von anderen Lehrern. Somit lehren sie Dinge, die zu lehren sie keine wirkliche Autorität haben, weil ihre Lehren keine Wirklichkeit sind in ihrem eigenen Leben.
Sie folgen nicht der Regel des Paulus, der „nicht wagte, von etwas zu reden, was nicht Christus durch mich getan hat“ (Röm.15,18). Solche Lehrer sind keine wahren Lehrer. Deshalb haben wir in den Kirchen viel Predigt und Lehre, die zwar „lehrmässig richtig“ ist, aber geistlich tot, und deshalb keine geistliche Frucht bringt.

(Anmerkung zum deutschen Sprachraum: Hier stellt sich das zusätzliche Problem, dass für eine staatlich anerkannte Pfarrerausbildung anscheinend die Zustimmung zur bibelkritischen Theologie notwendig ist. In den ursprünglichen „95 Thesen“ bin ich nicht darauf eingegangen, da es im spanischsprachigen Raum keine reformierten Landeskirchen gibt. Das Wetteifern um staatliche resp. akademische Anerkennung führt aber auch hierzulande zu einer zunehmenden Ausbreitung der Bibelkritik.)


X) Über Erweckung

84. Eine Erweckung ist eine Rückkehr der Kirche zu ihrem ursprünglichen Zustand, wie er von Gott entworfen und in der Apostelgeschichte und den apostolischen Briefen beschrieben ist.

85. Eine Erweckung ist ein Werk Gottes, nicht von Menschen. Als Menschen (inbegriffen die einflussreichsten Leiter) ist unser Platz, uns der Bewegung Gottes unterzuordnen; nicht ihm vorzuschreiben, wie er sich bewegen sollte, oder seine Bewegung „machen“ zu wollen.

86. Eine Erweckung beginnt mit tiefgehender Umkehr innerhalb der Kirche. (Siehe Offb. Kap. 2 und 3.)
Erweckung geschieht, wenn die Kirche sich bewusst wird, wie tief sie gefallen ist im Vergleich zur ersten Gemeinde, und von ihrem Abfall umkehrt; und wenn sich zuerst die eigenen Mitglieder und Leiter der Kirche wirklich bekehren und von neuem geboren werden.

87. Die historischen Erweckungen führten im allgemeinen zu grossen und bewegenden Versammlungen, zu Bekehrungen grosser Volksmengen, und zu einer Umgestaltung der ganzen Gesellschaft. Aber das alles sind nur die nachfolgenden Früchte einer Erweckung, nicht ihr eigentliches Wesen. Das Wesen einer Erweckung ist die Umkehr innerhalb der Kirche, und die Rückkehr der Kirche zu ihrem ursprünglichen, von Gott entworfenen Zustand.

88. Die heutigen evangelischen Kirchen suchen im allgemeinen gar keine Erweckung, oder dann haben sie eine falsche Vorstellung davon.
Viele verwechseln „Erweckung“ mit äusserlichen Ereignissen, mit organisierten Veranstaltungen, mit Gemeindewachstumsstrategien, mit einem bestimmten Lobpreisstil, usw. – während nichts davon mit einer echten Erweckung zu tun hat. Noch mehr im Irrtum sind jene, die glauben, eine Erweckung würde sich den Strukturen und Traditionen ihrer eigenen Denomination anpassen.
Deshalb stehen diese Kirchen in der Gefahr, einer Fälschung von „Erweckung“ zu folgen, wenn eine solche erscheint.

89. Jede Kirche (als menschliche Organisation verstanden) hat eine natürliche Tendenz, geistlich immer mehr zu erkalten, bis sie vom Glauben abfällt. Die heutigen evangelischen Kirchen sind im allgemeinen schon gefährlich weit fortgeschritten auf diesem Weg des Erkaltens. Nur eine Erweckung kann diese Tendenz aufhalten.

90. Die evangelischen Kirchen heute befinden sich im allgemeinen in einem solchen Prozess des Abfalls vom Glauben.
Dieser Prozess kann in den europäischen reformierten Kirchen vom 17.Jh. an historisch beobachtet werden; und derselbe Prozess geschieht jetzt parallel auch in den Freikirchen.
Die Schritte in diesem Prozess können folgendermassen beschrieben werden:

  • Tote Orthodoxie. Die Kirchen haben noch die richtige Lehre, aber sie haben keine wirkliche Erfahrung mehr mit Gott; sie folgen lediglich äusserlichen Ritualen und fallen in den Traditionalismus.
  • Es wird geglaubt, dass „die Kinder von Christen selber auch schon Christen sind“. Sie werden in einer christlichen Umgebung sozialisiert und daraufhin konditioniert, sich wie Christen zu verhalten; aber sie sind nicht bekehrt.
  • Da die wahre Bekehrung fehlt, hat der Glaube keine praktischen Auswirken mehr im Leben. Diese Kirchenmitglieder der dritten und vierten Generation „haben einen Anschein der Frömmigkeit, aber verleugnen ihre Kraft“ (2.Tim.3,5).
  • Parallel dazu dringt die bibelkritische Theologie ein, die lehrt, die Bibel enthalte Irrtümer, und ihre Wahrheiten seien nur relativ. (In diesem Stadium befinden sich z.Z. die meisten lateinamerikanischen Kirchen, und wahrscheinlich auch viele europäische Freikirchen.)
  • Es wird gelehrt, alle Menschen würden gerettet, ob bekehrt oder nicht (Allversöhnung), oder die Errettung sei gar nicht wichtig oder notwendig (Säkularismus). Über Bekehrung wird nicht mehr gepredigt.
  • Es wird verboten, über Bekehrung zu lehren; wer biblisch über Bekehrung und Wiedergeburt predigt, wird als ein Irrlehrer angesehen. (Das ist die gegenwärtige Situation der meisten reformierten Kirchen in Europa, und des ökumenischen Weltkirchenrates. Die anderen Kirchen werden schrittweise zu derselben Situation kommen, wenn Gott uns nicht eine Erweckung schenkt.)

91. Die meisten historischen Erweckungen begannen in Zeiten von „geistlicher Trockenheit“, nachdem einige Christen sich zusammentaten, um verzweifelt zu Gott zu schreien um Erweckung.

92. Die Tragik der heutigen evangelischen Kirchen besteht darin, dass sie gegenwärtig eine solche geistliche Trockenheit erleiden, aber sich dessen nicht bewusst sind, nicht umkehren und nicht um Erweckung schreien (Offb.3,1-2, 3,17-20).

93. Die historischen Erweckungen begannen mit „erweckten“ Gruppen innerhalb der bestehenden Kirchen; aber fast immer wurden sie von den bestehenden Kirchen abgelehnt, was zu Konflikten und Trennungen führte.
– Einige Beispiele:

  • Luther versuchte die katholische Kirche zu reformieren, aber er wurde exkommuniziert und sah sich gezwungen, eine getrennte Kirche aufzubauen.
  • Die Täufer wünschten eine radikalere Reformation, aber sie wurden gerade von den Reformatoren verfolgt und sahen sich gezwungen, sich von ihnen zu trennen.
  • John Wesley war ein ordinierter Pfarrer der anglikanischen Kirche (eine Kirche der Reformation) und begann die methodistische Bewegung innerhalb dieser Kirche. Aber die Kirche lehnte seine Methoden ab, und die Methodisten mussten sich als getrennte Kirche organisieren.
  • William Booth war ein methodistischer Prediger, der eine grosse Last dafür spürte, die Armen und Ausgestossenen zu erreichen. Aber seine Kirche verweigerte ihm die Unterstützung, und er musste eine neue Bewegung gründen, die Heilsarmee.

94. Die heutigen evangelischen Kirchen stehen im allgemeinen in einer grossen Gefahr, gegenüber einer echten Erweckung blind zu sein, wenn eine solche erscheint; und sie abzulehnen, weil sie sich nicht ihren Vorstellungen anpassen wird. Die Vorreiter einer kommenden Erweckung werden damit rechnen müssen, von den Leitern der gegenwärtig existierenden Kirchen abgelehnt und sogar verfolgt zu werden (Joh.16,2).

95. Das Gericht Gottes beginnt bei seiner Gemeinde (1.Petrus 4,17).
In der gegenwärtigen Situation, wenn wir sie anhand der Schrift untersuchen, müssen wir zum Schluss kommen, dass das Gericht Gottes über die Kirche nahe ist. Andererseits möchte Gott nicht den Tod des Gottlosen (Ez.33,11); er möchte Umkehr und Erweckung. Aber alles hängt davon ab, wie wir, die Kirche, auf den Ruf Gottes antworten werden.


SCHLUSS

Anmerkung: Durch einen Leserkommentar bin ich darauf aufmerksam geworden, dass die ursprüngliche Fassung des abschliessenden Aufrufs einseitig nur auf Fürbitte abzielte und andere wichtige Aspekte ausser acht liess. Ich habe deshalb den nachfolgenden Aufruf überarbeitet (Juni 2011).

Wenn diese Beobachtungen wahr sind, dann sind die heutigen evangelischen Kirchen meilenweit von der Urgemeinde entfernt. Sollen wir uns einfach mit dieser Situation zufriedengeben und sagen: „So sind die Zeiten, wir können es nicht ändern“? Meine Antwort ist: KEINESFALLS!

Darf ich für einige Momente direkt zu Dir sprechen, mein Bruder, meine Schwester, nachdem Du dies gelesen hast? Die Situation ist ernster als Du denkst. Wenn das Volk, das sich nach Gottes Namen nennt, nicht nach Gottes Wegen lebt und nicht umkehrt, dann kommt ein Gericht über dieses Volk – nicht nur im Alten Testament, sondern auch im Neuen (siehe 1.Petrus 4,17, Offenbarung 2,5 und 3,19).

Wenn Du bisher einfach den Traditionen und Gewohnheiten Deiner Kirche gefolgt bist, ohne diese an der Schrift zu überprüfen, dann ist es höchste Zeit, das jetzt zu tun und die gebotenen Änderungen vorzunehmen. Darf sich Deine Kirche mit Fug und Recht „christliche Gemeinde“ nennen? Hält sie einem Vergleich mit der ursprünglichen Gemeinde stand?

Wenn Du Dir andererseits der Problematik bereits bewusst bist, dann behalte diese Erkenntnis nicht nur für Dich. Paulus schreibt an den jungen Timotheus, nachdem er eine solche Situation des allgemeinen Abfalls vom Glauben voraussagt:
„Verkünde das Wort, tritt dafür ein zur Zeit und zur Unzeit, überführe, weise zurecht, ermahne mit aller Langmut und Belehrung! (…) Du aber sei nüchtern in allem, ertrage das Leiden, tue das Werk eines Evangelisten, vollbringe deinen Dienst!“ (2.Timotheus 4,2.5)

Lasst uns wieder ganz neu die volle Autorität von Gottes Wort auf den Leuchter stellen, über alle Theologien, kirchliche Traditionen und noch so „gesalbte“ Leiter. Lassen wir es zu, dass dieses Wort auch unsere eigenen liebgewordenen Traditionen radikal in Frage stellt, und lasst uns unser Leben danach ausrichten. „So denke nun daran, wie du empfangen und gehört hast, und bewahre es, und kehre um!“ (Offenbarung 3,3)
Lasst uns auch unsere eigene Errettung nicht vorschnell als gegeben voraussetzen. Haben wir wirklich eine von Gott geschenkte Wiedergeburt erlebt, mit Überführung von Sünde, Umkehr und Glauben; oder sind wir nur einem religiösen Zeremoniell gefolgt? „Stellt euch selbst auf die Probe, ob ihr im Glauben seid; prüft euch selbst!“ (2.Korinter 13,5)
Wenn Du die begründete Überzeugung gewonnen hast, dass Du tatsächlich zu Jesus gehörst, dann bitte ich Dich, auch zu „wandeln, wie jener gewandelt ist“ (1.Johannes 2,6). Nicht in einer selbstgemachten Frömmigkeit aus eigener Kraft, aber in einer echten Heiligkeit, die von Gott durch den Heiligen Geist geschenkt wird.

Nach was für Menschen sucht Gott in einer solchen gerichtsreifen Zeit?

„Und der Herr rief den in Leinen gekleideten Mann, der an seinem Gürtel das Schreibzeug hatte, und sagte zu ihm: Gehe durch die Stadt Jerusalem und zeichne ein Zeichen auf die Stirn der Leute, die seufzen und schreien wegen all der Greuel, die in ihr geschehen. Und zu den anderen sagte er, während ich es hörte: Geht hinter diesem durch die Stadt und tötet; eure Augen sollen nicht schonen und kein Mitleid haben. Tötet Alte, junge Männer und Frauen, Kinder und Frauen, bis niemand mehr übrigbleibt; aber jene, die das Zeichen an sich haben, sollt ihr nicht anrühren. Und fangt an bei meinem Heiligtum! – Und sie fingen an mit den Ältesten, die vor dem Tempel standen…“ (Ez.9,3-6)

Statt „Jerusalem“ und „Tempel“ müssten wir heute „Kirche“ setzen. Wenn selbst in der Kirche Dinge geschehen, die Gott ein Greuel sind, woran werden dann jene Menschen erkannt, die wirklich zu Gott gehören? Einmal natürlich, indem sie selber nicht an diesen Greueln teilnehmen. Dann aber auch daran, dass ihnen die Zustände um sie herum nicht gleichgültig sind: sie „seufzen und schreien“ deswegen. Sicher zuerst einmal aus eigenem Herzenskummer darüber. Ich glaube aber, dass noch mehr dazugehört. Ich glaube, diese Menschen flehen auch ihre Mitmenschen an, doch zu Gott zurückzukehren. Und ich glaube, sie flehen auch Gott um Sein Eingreifen an, damit Sein Name nicht mehr gelästert wird unter den Menschen, wegen eines Volkes, das sich „Gottes Volk“ nennt, es aber nicht ist. (Siehe Römer 2,24). Sein Eingreifen, entweder, indem er den Menschen eine solche Umkehr schenkt – oder aber, indem Sein gerechtes Gericht vollstreckt wird.

In diesem ganzen Zusammenhang sehe ich auch die folgenden Stellen:

„Den ganzen Tag und die ganze Nacht sollen sie nicht schweigen. Die ihr den Herr erinnert, ruht nicht und lasst ihn nicht ruhen, bis er Jerusalem wieder aufrichtet und sie zum Lobpreis macht auf der Erde.“ (Jes.62,6-7)

„Und ich suchte unter ihnen einen Mann, der eine Mauer machen und in den Riss treten würde vor mir für das Land, damit ich es nicht zerstörte…“ (Ez.22,30)

Wirst Du die Person sein, die in den Riss tritt? Ist in Deinem Herzen ein Schrei und eine Sehnsucht nach einer reinen Gemeinde, einer Braut, die ihres Herrn würdig ist? – Wenn Gott Deine Augen geöffnet hast und Du den Zustand der Kirche sehen kannst, dann warte nicht länger. Stehe auf, bringe Dein Leben vor Gott in Ordnung, rufe andere auf, dasselbe zu tun, und schreie zum Herrn um Erbarmen und Erweckung. Tue Dich mit anderen Geschwistern zusammen, die dasselbe auf dem Herzen haben.

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95 Thesen über die Lage der evangelischen (evangelikalen) Kirchen – 2.Teil

11. Februar 2011

Zum Sinn und Hintergrund dieser „95 Thesen“, siehe das Vorwort im 1.Teil.  Hier die Fortsetzung:

V) Über einige Aspekte des Gemeindelebens

36. In den Versammlungen der neutestamentlichen Gemeinde „hat jeder“ etwas, um seine Geschwister aufzubauen (1.Kor.14,26).
In den heutigen evangelischen Kirchen ist dagegen die Mehrheit in den Versammlungen passiv und hat weder die Initiative noch die Möglichkeit, etwas beizutragen. Sogar in jenen Kirchen, die das Wirken des Heiligen Geistes betonen, werden nur einige wenige der Geistesgaben betont, und der durchschnittliche Gläubige erhält wenig bis keine Gelegenheit, sie wirklich auszuüben.

37. In der neutestamentlichen Gemeinde gab es „Einfachheit des Herzens“ (Apg.2,46) und Transparenz (1.Joh.1,6-7), gegenseitige Hilfe (Apg.2,32) und ungeheuchelte Liebe (1.Petrus 1,22).
In den heutigen evangelischen Kirchen gibt es im allgemeinen keine solche Gemeinschaft zwischen Gläubigen; stattdessen scheint es wichtiger zu sein, den äusseren Anschein und den „Status“ aufrechtzuerhalten.

38. Die heutigen evangelischen Gemeinden haben im allgemeinen eine Tendenz, sich immer weiter in verschiedene Denominationen und Parteien aufzuspalten. Die tiefere Ursache dieser Spaltungen ist meistens, dass „die Liebe erkaltet“ (Matth.24,12), und dass mit der Sünde nicht in der richtigen, biblischen Weise umgegangen wird.
Diese Tendenz zu Spaltungen und Parteiungen ist ebenfalls mit dem Mangel an wahrer Gemeinschaft unter Gläubigen verbunden.

39. In der neutestamentlichen Gemeinde bekannten die Christen einander ihre Sünden (Jak.5,16).
In den heutigen evangelischen Kirchen werden im allgemeinen entweder die Sünden überhaupt nicht bekannt; oder es gibt eine vertikale hierarchische Struktur wie in der katholischen Kirche, wo alle vor dem Pastor bekennen, aber der Pastor bekennt vor niemandem (ausser vor seinem übergeordneten Leiter); und der Pastor berät alle, aber niemand darf den Pastor beraten. Deshalb sind insbesondere die Leiter nicht transparent und legen vor der Gemeinde keine Rechenschaft ab, und es gibt keine echte, tiefe Gemeinschaft unter Geschwistern.

40. Die neutestamentliche Gemeinde investierte ihr Geld in die Hilfe an bedürftige Geschwister, und in die Unterstützung an die vollzeitlichen Verkündiger. (Apg.2,45, 4,34-35, 1.Kor.9,14, 2.Kor.8,14-15, Gal.2,10, Gal.6,6, Eph.4,28)
In anderen Worten, alle ihre Investitionen waren in Menschen, nicht in materielle Dinge (da die materiellen Dinge vergehen, aber die Menschen sind ewig). Insbesondere investierten sie nichts in Versammlungsgebäude, da sie sich an öffentlichen Plätzen versammelten und in ihren eigenen Häusern.

41. Die heutigen evangelischen Kirchen legen sich selbst im allgemeinen eine sehr schwere Last an Finanzen, Kräften und Zeit auf, wegen ihrer Bauvorhaben. Diese Mittel fehlen dann der eigentlichen Arbeit Gottes.

42. Die Christen im Neuen Testament öffneten ihre Häuser für (unangemeldete) Besucher und Versammlungen, und beherbergten wandernde Diener Gottes; sie waren bekannt für ihre Gastfreundschaft. (Apg.2,46, 5,42, Röm.16,23, 1.Kor.16,19, Kol.4,15, Phlm.2, Heb.13,2, 1.Petrus 4,9, 3.Joh.5-10)
Viele Mitglieder heutiger evangelischer Gemeinden haben nicht das Vertrauen, ihre Häuser anderen Geschwistern zu öffnen oder spontan andere Geschwister in deren Häusern zu besuchen (ausser sie werden offiziell zu Hauskreis-Gastgebern bestimmt). Das deutet auf einen Mangel an Gastfreundschaft hin, und auf einen Mangel an echter Gemeinschaft und Vertrauen unter Geschwistern.

43. Keine menschliche Organisation ist identisch mit „der Gemeinde“, und keine menschliche Person darf sich „Haupt der Gemeinde“ nennen. Die Gemeinde gehört Jesus dem Herrn, und niemandem sonst.
Deshalb ist es entgegen dem Wort Gottes, wenn ein Pastor, eine örtliche Gemeinde oder ein Gemeindeverband sich ein besonderes Recht über die Personen anmasst, die sich bei ihnen versammeln („meine Gemeinde“, „meine Schafe“). Die Bekehrung, Hingabe und Loyalität eines Christen richten sich an Christus, nicht an eine Denomination oder einen menschlichen Leiter (1.Kor.1,12-17, 3,4-9, 1.Petrus 5,3).
Die menschlichen Organisationen sind unvollkommen, führen immer ein gewisses Mass an Fehlern ein, und enthalten immer eine gewisse Anzahl nicht wiedergeborener Mitglieder.

44. Das Problem des Denominationalismus kann nicht gelöst werden, indem man einfach die bestehenden Denominationen verlässt, denn das bildet nur neue Denominationen, die ihrerseits in Konkurrenz stehen zu den bestehenden. – Es kann auch nicht gelöst werden, indem man „gemeindelos“ bleibt, denn ein Christ braucht die Gemeinschaft mit den anderen Gliedern des Leibes Christi. – Das Problem wird sich nur lösen, wenn die Gemeinde wieder anfängt, das christliche Leben des Neuen Testamentes zu leben.


VI) Über die Leiterschaft der Gemeinde

45. Die Gemeinde Jesu ist keine Diktatur (2.Kor.1,24, 1.Petrus 5,2-3). Die Leiter der Gemeinde Jesu sind dazu da, den anderen Gliedern zu dienen (Luk.22,24-27). Nicht jedes Wort des Leiters ist ein „Ausspruch Gottes“.
Viele heutige evangelische Kirchen sind Diktaturen. Leiter beschämen kalkuliert die Mitglieder, um zu erreichen, dass sie sich ihren Launen unterwerfen. Sie üben eine falsche Autorität aus, mit Manipulation und Drohungen, und missbrauchen oft den Namen Gottes, um ihre eigenen Ziele zu erreichen. Sie lehren, implizit oder explizit, dass ein Christ die Stimme Gottes nur mittels seiner Leiter hören kann.
Von einem Leiter, der so nach eigener Massgabe regiert, kann nicht gesagt werden, er sei von Gott eingesetzt oder repräsentiere die Stimme Gottes.

46. Die Gemeinde Jesu ist keine Demokratie. Es kommt Gott zu, nicht dem Menschen, Leiter zu berufen und einzusetzen (Joh.15,16, Apg.20,28, Eph.4,11).
Viele heutige evangelische Kirchen wählen ihre Leiter nach fleischlichen Kriterien; eine Mehrheit von gottfernen Mitgliedern wählt gottferne Leiter. Von solchen Leitern kann auch nicht gesagt werden, sie seien von Gott eingesetzt, denn sie befinden sich in ihren Stellungen entgegen dem Willen Gottes.

47. Die (örtliche) Gemeinde Jesu wird von mehreren Leitern geleitet.
Das Neue Testament erwähnt keine einzige Ortsgemeinde, die von einer einzigen Person geleitet worden wäre. Dagegen werden viele Gemeinden erwähnt, die von einer Gruppe von mehreren Leitern geleitet wurden (Apg.13,1, 14,23, 15,4.6, 20,17, Phil.1,1, 1.Thess.5,12-13, Titus 1,5, Hebr.13,7), und von einer Vielfalt von Diensten (Eph.4,11-12).

48. Im Neuen Testament wurde die geistliche Autorität von Personen dadurch erkannt und anerkannt, dass sie Jesus persönlich kennen und ihm nahe sind; und dadurch, dass sie mit ihrem Leben den Gläubigen ein Beispiel sind.
Die heutigen evangelischen Kirchen haben im allgemeinen irrige Kriterien für Autorität, wie z.B:

  • Kenntnisse oder akademische Titel,
  • eine durch menschliche Wahl übertragene Position,
  • die menschliche Fähigkeit zu überzeugen, zu manipulieren oder sich durchzusetzen,
  • die finanzielle Stellung.

Nichts von dem Erwähnten ist ein biblisches Kriterium für geistliche Autorität. Deshalb sind viele der gegenwärtigen Gemeindeleiter nicht jene, die nach biblischen Kriterien Leiter sein sollten.

49. Im Neuen Testament sind die Ausdrücke „Pastor“/“Hirte“ (insofern ein Leiter einer örtlichen Gemeinde gemeint ist), „Ältester“, und „Bischof“/“Aufseher“ synonym (Apg.20,17.28, Titus 1,5-7, 1.Petrus 5,1.4).
Es gibt keine „Pastoren als Vorgesetzte von Ältesten“, und keine „Bischöfe als Vorgesetzte von Pastoren“.
(Timotheus und Titus waren keine örtlichen „Pastoren“, sondern hatten einen apostolischen oder „ko-apostolischen“ (regionalen) Dienst als Beauftragte und Nachfolger von Paulus. – Siehe Titus 1,5 „in jeder Stadt“.)

50. Von den 5 Diensten, die in Eph.4,11 erwähnt werden, anerkennen die heutigen evangelischen Kirchen im allgemeinen nur den Dienst des „Pastors“/“Hirten“, und diesen verstehen sie erst noch falsch, indem sie einen einzelnen „Hauptpastor“ über eine örtliche Gemeinde stellen, was nicht biblisch ist (s.o. No.47) Deshalb ist das Volk Gottes geistlich unterernährt.

51. Die Gemeinde Jesu wird durch Konsens geleitet (Matth.18,19-20, Apg.15,22.28).
Ein Konsens wie er in den angeführten Stellen beschrieben wird, ist nicht ein gegenseitiges Abkommen zwischen unterschiedlichen menschlichen Meinungen. Vielmehr ist er die Harmonie, die entsteht, wenn alle Leiter ehrlich und ernsthaft Gottes Willen suchen (siehe Apg.13,1-3), und so zu einer einmütigen Entscheidung kommen. Um zu dieser Art Konsens zu kommen, ist das übernatürliche Wirken Gottes erforderlich, der jeden einzelnen führt.

52. Die heutigen evangelischen Kirchen kommen im allgemeinen nicht zu einem Konsens dieser Art, weil sie nicht ernsthaft Gottes Willen suchen; und weil einige ihrer Leiter nicht einmal wiedergeboren sind. Deshalb lassen sie sich von menschlichen Entscheidungen führen statt von Gottes Willen. Dieser Mangel an Konsens ist ein weiteres Zeichen dafür, dass die Kirchen und ihre Leiterschaft sich sehr weit vom Standard Gottes entfernt haben.

53. Wo die Leiterschaft das geistliche Leben hindert, oder dem geistlichen Leben gegenüber gleichgültig ist, statt dazu zu ermutigen, da handelt es sich nicht um eine wirkliche geistliche Leiterschaft.

Das geistliche Leben wird gehindert, wo z.B. …

  • … die Leiter die Zeit der Mitglieder mit geistlich unproduktiven Aktivitäten besetzen,
  • … die Mitglieder gelehrt werden, in erster Linie sich äusseren Regeln und Normen anzupassen, statt selber Gott zu suchen,
  • … die Leiter die Mitglieder von sich selber abhängig machen statt von Gott,
  • … die Leiter die Mitglieder als ihr persönliches Eigentum betrachten, indem sie z.B. verhindern, dass die Mitglieder geistliche Nahrung oder Rat erhalten von ausserhalb des Einflussbereichs des Leiters,
  • … die Leiter auf ihren Vorrechten bestehen, und besonders aktive Mitglieder mit Argwohn betrachten (insbesondere jene, die Änderungen vorschlagen),
  • … die Leiter die Mitglieder nicht zum Werk des Dienstes zurüsten (Eph.4,12), und ihnen weder Platz noch Freiheit lassen, dieses Werk zu tun,
  • … jede geistliche Aktivität vom Leiter „bewilligt“ werden muss,
  • … die Leiter sich nicht um die Ausbreitung des Evangeliums an ihrem Ort und in der Welt kümmern,
  • … die Leiter ihre Macht missbrauchen,
  • … die Leiter sich in das Privatleben der Mitglieder einmischen,
  • … die Leiter ihre Fehler nicht anerkennen, und keine Verantwortung dafür übernehmen,
  • … die Mitglieder den Leitern dienen müssen, statt dass ihnen geholfen wird, Gott zu dienen,
  • … die Leiter mit ihrem eigenen Leben zeigen, dass Gott nicht den ersten Platz in ihrem Leben hat,
  • … die Mitglieder entmutigt oder abgelehnt werden, wenn sie anfangen mit anderen zu teilen, was sie mit Gott erlebt haben.

Wo eine Leiterschaft in beschriebener Weise oder ähnlich handelt, da hat ein Christ KEINERLEI Verpflichtung, dieser Leiterschaft zu gehorchen oder sich ihr unterzuordnen (Apg.5,29).

54. Im Neuen Testament gibt es keine menschliche Leiterschaftsautorität, die über die örtliche Gemeinde hinausginge, mit Ausnahme des apostolischen Dienstes.
(Die Dienste der Propheten, Evangelisten und Lehrer können regional oder überregional sein, aber sie üben keine Leiterschaftsautorität über die Gemeinden aus.)

55. Die heutigen evangelischen Kirchen errichten im allgemeinen apostolische Strukturen (regionale und nationale Leiterschaften, Synoden, usw.), ohne dass sie überhaupt abgeklärt hätten, ob der apostolische Dienst heute noch existiert; und noch viel weniger, was die Kriterien dazu wären, dass jemand einen solchen Dienst ausübte. Deshalb haben sie Leiterschaftsstrukturen, für die sie keine lehrmässige Grundlage haben, und besetzen diese Strukturen mit Menschen, die die biblischen Kriterien nicht erfüllen für die Funktion, die sie innehaben.

56. Alle Christen sind Priester. (1.Petrus 2,5.9, Offb.1,6; 5,10; 20,6 – dies sind die einzigen Bibelstellen, wo das Wort „Priester“ für Christen gebraucht wird, und alle diese Stellen beziehen sich auf die Gesamtheit der Christen.) Kein Christ braucht einen anderen Priester (Mittler) ausser Jesus, um sich Gott zu nähern (1.Tim.2,5, Hebr.4,14-16, 10,19-22). Deshalb ist es unbiblisch und gotteslästerlich, wenn ein christlicher Leiter sich priesterliche Vorrechte über andere Christen anmasst. Nicht einmal die Apostel selber massten sich solche Vorrechte an.

57. Die Position eines „ordinierten Pastors“ gibt es im Neuen Testament nicht.
Die Leiter wurden aufgrund ihrer offensichtlichen geistlichen Autorität anerkannt (s.o. No.48), nicht durch einen Akt der „Ordination“. Niemand wird zu einem Pastor durch einen Akt der Ordination; sondern die Gemeinde anerkennt jene, die bereits „von gutem Zeugnis, voll von Heiligem Geist und Weisheit“ sind (Apg.6,3).
– Im Neuen Testament gab es zwar „Älteste“, und es gab die fünf Dienste, die in Epheser 4,11 erwähnt sind; aber beides war sehr verschieden von dem, was heute unter einem „ordinierten Pfarrer“ verstanden wird.
(Die einzigen neutestamentlichen Stellen, die im Sinn einer „Ordination“ verstanden werden könnten, sind die Hinweise auf die „Handauflegung“ in 1.Tim.4,14, 5,22, und 2.Tim.1,6. Aber diese Stellen sprechen einfach von einer „Gabe“, die verliehen wurde. Wenn einige Ausleger diese Stellen als „Ordination“ interpretieren, dann kommt das daher, dass sie bereits vom römisch-katholischen Konzept beeinflusst sind, s.u. No.58.
– Im Alten Testament wurden Priester ordiniert; aber das kann nicht auf die neutestamentliche Gemeinde übertragen werden, weil alle Christen Priester sind, s.o.
No.56.)

58. Das gegenwärtige Konzept eines „ordinierten Pastors“ kommt vom katholischen Sakrament der Priesterweihe, welche den „Klerus“ von den „Laien“ trennt und die „Laien“ vom Dienst des Herrn ausschliesst (während Eph.4,12 erklärt, dass es Aufgabe der „Pastoren“ etc. ist, alle Christen zuzurüsten, damit sie „das Werk des Dienstes“ tun). Deshalb haben die heutigen evangelischen Kirchen im allgemeinen noch ein viel eher römisch-katholisches als biblisches Amtsverständnis.
Eine andere Wurzel dieses irrigen Verständnisses liegt (in Südamerika) im Schamanismus, mit dem Glauben, der „Pastor“ besässe aufgrund seiner „Ordination“ gewisse mystische Kräfte (ähnlich einem Medizinmann), die andere Gläubige nicht haben.
Aus all diesen Gründen behindern oder entmutigen viele heutige „Pastoren“, „Pfarrer“ und „Leiter“ in Wirklichkeit Gottes Werk mehr als dass sie es voranbringen. Das geschieht, weil diese Leiter sich unersetzbar machen, und das verhindert, dass die „Laien“ effizient und vollmächtig dienen könnten. Die „Laien“ bleiben unreif und abhängig.

59. Die Austeilung des Abendmahls und das Taufen wird nirgends im Neuen Testament mit einer bestimmten Position der Leiterschaft oder des Dienstes in Verbindung gebracht.
Das Abendmahl im Speziellen ist die Fortsetzung des jüdischen Passah, und wurde in den Privathäusern gefeiert wie das Passah (Apg.2,46). Deshalb ist anzunehmen, dass das Abendmahl genauso wie die Passahfeier vom Familienvater geleitet wurde.
Was die Taufe betrifft, so wurde der Apostel Paulus von Ananias getauft (Apg.22,16), der weder Apostel noch Ältester war, sondern ein einfacher „Jünger“ und „gottesfürchtiger Mann“. Paulus selber erklärt, dass er nicht gesandt wurde zu taufen; somit waren es andere, die seine Bekehrten tauften (1.Kor.1,13-17). Der Missionsbefehl Jesu an alle seine Jünger (Matth.28,18-20) schliesst den Taufbefehl mit ein.
(Wir können nicht sagen, dass dieses Gebot sich nur an die Apostel richtete, denn es erstreckt sich „bis zum Ende der Welt“; und die Apostel werden beauftragt, „sie zu lehren, dass sie alles halten, was ich euch geboten habe“, was mit Sicherheit ebendiesen Taufbefehl mit einschliesst.)
Die logische Schlussfolgerung ist, dass das Neue Testament keinerlei Einschränkungen kennt, wer unter den Christen das Abendmahl austeilen oder taufen dürfte. Diese Funktionen gehören zum allgemeinen Priestertum aller Gläubigen.

60. Die heutigen evangelischen Kirchen sind jedoch nicht in der Lage, dieses allgemeine Priestertum auszuüben, weil viele ihrer Mitglieder keine wirklichen Christen sind; und auch unter den wirklichen Christen sind viele, die die Anzeichen einer echten Bekehrung in anderen nicht erkennen. Deshalb kann das allgemeine Priestertum nicht wirklich ausgeübt werden, solange die Kirche sich nicht wirklich reformiert.

61. In der neutestamentlichen Gemeinde wurden Personen, die in Sünde weiterlebten, ohne diese zu bereuen, von den anderen Christen gemieden (1.Kor.5,1-5, 5,11, 6,9-10), mit dem Ziel, sie zur Umkehr und zur Wiederherstellung zu bringen, wo immer möglich (2.Kor.2,6-11, 7,8-11).

62. In vielen heutigen evangelischen Kirchen wird eine verkehrte Art von „Gemeindezucht“ angewandt, mit dem Ziel, die Mitglieder zu manipulieren und zu bedrohen, damit sie den Forderungen der Leiter nachgeben.
Diese „Gemeindezucht“ wird nicht aus den biblischen Gründen angewandt, sondern um jene zum Schweigen zu bringen, die einem Leiter widersprechen oder ihn kritisieren (wie berechtigt die Kritik auch sein möge), usw. In allzuvielen Fällen, wo jemand eine Sünde eines Leiters aufdeckt, wird nicht der schuldige Leiter unter „Gemeindezucht“ gestellt, sondern derjenige, der die Sünde aufdeckte.