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Jonathan Edwards: Ein getreuer Bericht vom überraschenden Wirken Gottes (Teil 5)

30. Mai 2014

Leicht gekürzte Übersetzung

III. Weitere Illustration dieses Werkes anhand spezifischer Fälle.

1. Eine kranke junge Frau

Um eine klarere Vorstellung vom Werk des Heiligen Geistes zu geben, möchte ich von zwei konkreten Beispielen berichten. Das erste handelt von einer jungen Frau namens Abigail Hutchinson. Ich spreche von ihr besonders, weil sie jetzt nicht mehr lebt, und ich deshalb von ihr freimütiger sprechen kann als von Menschen, die noch leben.

Sie kam aus einer intelligenten Familie, und nichts in ihrer Erziehung könnte zur Schwärmerei tendiert haben, ganz im Gegenteil. Vor ihrer Bekehrung war sie als eine stille und reservierte Person bekannt. Sie war schon längere Zeit krank gewesen; aber ihre Krankheit hatte sie nie zum Phantasieren oder zu religiöser Melancholie verleitet. Sie befand sich kaum eine Woche lang in einem erweckten Zustand, bis klare Zeichen sichtbar wurden, dass sie bekehrt worden war zur Errettung.

Sie wurde zuerst an einem Montag erweckt durch etwas, was ihr Bruder darüber sagte, wie nötig es sei, die Gnade zur Wiedergeburt ernsthaft zu suchen. Ausserdem erhielt sie Nachricht von der Bekehrung jener jungen Frau, die ich zuvor erwähnte und deren Bekehrung so grossen Eindruck machte auf die jungen Leute. Diese Nachricht weckte in ihr einen eifersüchtigen Geist gegen jene junge Frau, da sie dachte, es handele sich um eine sehr unwürdige Person, um so eine Gnade zu erhalten. Aber bei alldem fasste sie den festen Entschluss, das Äusserste zu tun, um denselben Segen zu erlangen. Da sie dachte, sie hätte nicht genügend Kenntnisse, um sich bekehren zu können, beschloss sie, in der Schrift zu forschen. Sie begann ganz am Anfang der Bibel und beschloss, sie ganz durchzulesen.
So fuhr sie fort bis am Donnerstag, und dann fand eine plötzliche Veränderung statt. Ihre Besorgnis aufgrund eines aussergewöhnlichen Bewusstseins ihrer Sünde, insbesondere der Bosheit ihres Herzens, nahm stark zu. Wie sie sagte, kam das über sie wie ein Blitzschlag, und löste in ihr äusserste Furcht aus. Daraufhin änderte sie die Reihenfolge ihres Bibellesens und wandte sich dem Neuen Testament zu, um zu sehen, ob sie da Erleichterung fände für ihre verzweifelte Seele.

Wie sie sagte, war es ihre grosse Furcht, dass sie gegen Gott gesündigt hatte; und ihre Verzweiflung nahm während drei Tagen noch mehr zu, bis sie nichts als Dunkelheit vor sich sah, und ihr Körper zitterte vor Furcht vor dem Zorn Gottes. Sie verwunderte sich über sich selbst, dass sie sich bisher so sehr um ihren Körper bekümmert hatte und so oft Ärzte aufgesucht hatte, um gesund zu werden; aber ihre Seele vernachlässigt hatte. Ihre Sünde erschien ihr sehr schrecklich, insbesondere in drei Dingen: ihre Erbsünde; und ihre Sünde des Murrens gegen Gottes Vorsehung (wegen ihrer körperlichen Schwachheit); und die Versäumnisse ihrer Pflichten ihren Eltern gegenüber (obwohl andere Menschen sie als äusserst pflichtbewusst ansahen).
Am Samstag war sie so ernsthaft darin vertieft, die Bibel und andere Bücher zu lesen, um etwas zu finden, was ihr Erleichterung verschaffen würde, dass sie damit fortfuhr, bis sie vor Müdigkeit kein Wort mehr erkennen konnte. Während dieses Lesens und Betens erinnerte sie sich an die Worte Christi, dass wir nicht wie die Heiden sein sollen, die denken, sie würden um ihrer vielen Worte willen erhört. Das brachte sie zur Erkenntnis, dass sie auf ihre eigenen Gebete und religiösen Leistungen vertraut hatte; aber das war jetzt zunichte gemacht worden, und sie wusste nicht, wohin sie sich wenden sollte oder wo sie Erleichterung suchen sollte.

Am selben Tag ging sie zu ihrem Bruder und machte ihm Vorwürfe, warum er ihr nicht mehr über ihre Sündhaftigkeit gesagt hätte, und fragte ihn ernsthaft, was sie nun tun sollte. Sie fühlte in ihrem Innern eine Feindschaft gegen die Bibel und wurde dadurch in Furcht versetzt. Später erzählte sie darüber, dass sie bis zu jenem Moment gedacht hatte, die Sünde Adams sei nicht ihre eigene Sünde, und sie hätte keinen Anteil daran; aber dass sie jetzt sah, dass sie selber dieser Sünde schuldig war und davon über und über befleckt war, und dass die Sünde, die sie mit sich in die Welt gebracht hatte, allein schon genug wäre, um sie zu verdammen.

Am Sonntag war sie so krank, dass ihre Freunde sie nicht zur Kirche gehen liessen, obwohl sie gehen wollte. Als sie sich am Abend niederlegte, beschloss sie, am nächsten Morgen zum Pfarrer zu gehen, um ihn um Rat zu fragen. Aber das war nicht nötig. Als sie am Montagmorgen erwachte, verwunderte sie sich selber über die Leichtigkeit und Ruhe in ihrem Sinn, wie sie sie noch nie zuvor gefühlt hatte. Diese Worte kamen in ihren Sinn: „Die Worte des Herrn sind reine Worte, Gesundheit für die Seele und Mark für die Knochen.“ Und dann diese: „Das Blut Christi reinigt von aller Sünde.“ Das war begleitet von einem lebendigen Bewusstsein der Vorzüglichkeit Jesu, und dass sein Opfer ausreichte für die Sünden der ganzen Welt. Dann erinnerte sie sich an diese Worte: „Es ist den Augen angenehm, die Sonne zu betrachten“, was ihr sehr gut auf Jesus Christus zu passen schien. So wurde ihr Sinn von solchen Gedanken und Bildern über Jesus erfüllt, dass sie aufs Äusserste von Freude erfüllt wurde. Sie erzählte ihrem Bruder, dass sie (in Bildern des Glaubens) Jesus gesehen hatte, und dass sie gedacht hatte, sie hätte nicht genug Kenntnisse, um bekehrt werden zu können; „aber“, sagte sie, „Gott kann es sehr einfach machen!“ Während des ganzen Montags fühlte sie eine anhaltende Lieblichkeit in ihrer Seele. Während drei Morgen hatte sie dieselben Eindrücke über Christus, aber jedesmal stärker.

Das letzte Mal, am Mittwochmorgen, während sie sich eines geistlichen Bildes von Jesu Herrlichkeit und Fülle erfreute, wurde ihre Seele mit Trauer erfüllt um die Menschen ohne Christus und ihre erbärmlich Lage. Sie fühlte den starken Wunsch, sofort hinzugehen und die Sünder zu warnen. Am nächsten Tag schlug sie ihrem Bruder vor, mit ihr zusammen von Haus zu Haus zu gehen; aber er hielt sie davon ab und sagte, das sei eine ungeeignete Methode. Zu einer ihrer Schwestern sagte sie an jenem Tag, sie liebte die ganze Menschheit, aber insbesondere das Volk Gottes. Ihre Schwester fragte sie, warum sie die ganze Menschheit liebte. Sie antwortete: „Weil Gott sie geschaffen hat.“ – Oft wurde sie von grosser Zuneigung zu den Menschen erfüllt, die ihr gottesfürchtig schienen, wenn sie mit ihnen sprach, und manchmal sogar schon wenn sie sie nur sah.

Sie hatte viele aussergewöhnliche Eindrücke von der Herrlichkeit Gottes und Christi. Einmal gingen ihr diese vier Worte durch den Sinn: Weisheit, Gerechtigkeit, Güte und Wahrheit; und ihre Seele wurde erfüllt mit einem Bewusstsein der Herrlichkeit einer jeden dieser göttlichen Eigenschaften, aber besonders der letzten. „Wahrheit“, sagte sie, „war am tiefsten!“ Ihr Sinn war so erfüllt davon, dass sie sagte, es schien ihr, als ob ihr Leben dahinschwände, und sie sah, dass Gott ihr ohne weiteres das Leben nehmen könnte mit solchen Offenbarungen seiner selbst.
Wenig später ging sie zu einer privaten religiösen Versammlung, und jemand fragte sie nach ihren Erfahrungen. Sie begann zu erzählen, aber während sie sprach, wurde sie wieder so von denselben Dingen beeindruckt, dass ihre Kräfte sie verliessen, und sie mussten sie auf ein Bett legen. Als sie wieder zu sich kam, rief sie voll Freude: „Würdig ist das Lamm, das geschlachtet ward!“

Einmal, als sie zu mir kam, sagte sie, dass sie zu einem gewissen Zeitpunkt dachte, sie hätte so viel von Gott gesehen, wie es nur möglich sei in diesem Leben; und doch habe sich Gott ihr später in noch viel reicherer Fülle offenbart. Es schien, dass sie eine so unmittelbare Beziehung zu Gott hatte wie ein Kind zu seinem Vater. Zugleich war sie weit davon entfernt, von sich selber hoch zu denken. Im Gegenteil, sie war wie ein kleines Mädchen, und hatte ein grosses Bedürfnis, belehrt zu werden. Sie sagte mir, sie sehnte sich oft danach, von mir Lehre zu empfangen, und sie würde gerne in meinem Haus wohnen, damit ich zu ihr über ihre Pflichten sprechen könne.

Oft fühlte sie die Herrlichkeit Gottes in den Bäumen erscheinen, in den Pflanzen des Feldes, und in anderen Werken Gottes. Einmal sagte sie zu ihrer Schwester, sie hätte früher gerne im Stadtzentrum wohnen wollen, aber jetzt gefiele es ihr viel besser, den Wind in den Bäumen wehen zu sehen und die Landschaft zu betrachten, die Gott geschaffen hatte.

Sie sehnte sich nach dem Sterben, damit sie bei Jesus sein könnte, sodass sie darüber sogar ungeduldig wurde. Aber als sie wieder einmal diese Sehnsucht verspürte, dachte sie bei sich selbst: „Wenn ich mich nach dem Sterben sehne, warum gehe ich dann zu den Ärzten?“ Und sie schloss daraus, dass ihr Wunsch zu sterben nicht gut war. Von da an dachte sie öfters darüber nach, ob es besser sei zu leben oder zu sterben, krank oder gesund zu sein. Schliesslich sagte sie: „Ich bin bereit zu leben und auch bereit zu sterben; ich bin bereit krank zu sein, und ich bin bereit gesund zu sein. Ich bin bereit zu allem, was Gott mit mir tun wird!“ – „Und dann“, sagte sie, „fühlte ich mich völlig erleichtert, ganz dem Willen Gottes hingegeben.“ Und es scheint, dass sie diese hingegebene Haltung bis zu ihrem Tod beibehielt.

(…) Zweifellos war es zum Teil ihrer körperlichen Schwachheit zuzuschreiben, dass ihre Kräfte sie so oft verliessen. Aber sie hatte auch mehr Gnade und grössere Offenbarungen von Gott empfangen, als ihr kränklicher Zustand zuliess. Sie wünschte an einem Ort zu sein, wo die mächtige Gnade grössere Freiheit hätte, und von dem Hindernis eines schwachen Körpers befreit zu sein; und zweifellos ist sie jetzt an jenem Ort. Dieser Bericht über sie ist sehr unvollkommen; er gibt nur einen sehr kleinen Eindruck von ihren Erfahrungen, und kann ihre tiefe Demut nicht angemessen wiedergeben. Aber, gelobt sei Gott! es gibt viele lebendige Beispiele von Menschen, die ähnlich sind wie sie und nicht weniger aussergewöhnlich.

Fortsetzung folgt

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Jonathan Edwards: Ein getreuer Bericht vom überraschenden Wirken Gottes – Teil 4

13. Mai 2014

Leicht gekürzte Übersetzung

8. Zweifel nach der Bekehrung

Einige Bekehrte sind fast immer voll von Hoffnung und Zufriedenheit hinsichtlich ihrer eigenen Errettung; aber doch nicht so sehr, dass sie die Selbstprüfung als unnötig ansähen. Andererseits fallen die meisten ab und zu ein einen „toten“ Geisteszustand und haben dann häufige Skrupel und Furcht hinsichtlich ihres Zustandes.

Sie wissen, wie schrecklich eine falsche Hoffnung ist; und die meisten sind sehr vorsichtig, wenn sie von ihren Erfahrungen Zeugnis geben. Manche fürchteten danach, als Heuchler gehandelt zu haben, und sich stärker ausgedrückt zu haben, als es in ihrem Fall zulässig wäre; aber sie wussten nicht, wie sie sich korrigieren könnten.

Ich denke, der Hauptgrund für diese Zweifel und Furcht nach der Bekehrung besteht darin, dass sie noch so viel Verderbnis in ihren Herzen übrig finden. Anfangs schienen ihre Seelen völlig lebendig zu sein, ihre Herzen waren in Ordnung, und sie fanden wenig Schwierigkeiten in der Ausübung ihres Glaubens. Dann sind sie überrascht, wenn sie feststellen, dass sie ab und zu wieder in Gleichgültigkeit oder in ablenkende Gedanken fallen während den gemeinsamen oder persönlichen Anbetungszeiten, und diese Gedanken nicht aufhalten können. Oder sie finden wieder weltliche Haltungen in sich: Stolz, Neid, Rachsucht, und andere Werke der innewohnenden Sünde. Dann sinkt ihr Mut vor Enttäuschung, und sie beginnen zu denken, sie seien nur Heuchler.

Dann sagen sie, es sei so viel Verderbnis in ihren Herzen, dass da keine Güte wohne. Viele sind ihrer eigenen Verderbtheit gegenüber viel sensibler als vor ihrer Bekehrung, und es scheint ihnen, ihr Zustand würde schlimmer statt besser. Aber die Wahrheit ist, dass sie jetzt – im Gegensatz zu früher – ihrem eigenen Herzen gegenüber wachsam sind, und deshalb den Schmerz ihrer eigenen Wunde stärker fühlen. So sind sie sich ihrer eigenen Sünde viel stärker bewusst und kämpfen auch stärker dagegen.

Sie sind auch davon überrascht, dass sie so wenig der Vorstellung entsprechen, die sie zuvor von einem gottesfürchtigen Menschen gehabt hatten. Obwohl die Gnade tatsächlich noch viel herrlicher ist, als sie sich vorgestellt hatten, so haben doch die Gottesfürchtigen weniger davon, und mehr verbleibende Verderbnis, als sie gedacht hatten. Sie wussten nicht, dass Bekehrte mit solchen Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Deshalb sind sie bei aller Selbstprüfung normalerweise nicht davon überzeugt, dass sie wirklich in der Gnade stehen, während sie durch diese „toten“ Zeiten gehen. Wenn sie von den Zeichen der Gnade hören, anhand derer sie sich selbst prüfen können, dann sind ihre Gedanken oft so umwölkt, dass sie nicht wissen, wie sie diese Zeichen anwenden sollen. Sie wissen kaum, ob sie dieses oder jenes haben oder nicht, und ob sie dieses oder jenes erfahren haben oder nicht. Sie können die Erinnerung an ihre besten, entzückendsten und herausragendsten Erfahrungen nicht wiedergewinnen. Aber wenn der Einfluss des Geistes Gottes zurückkehrt, bricht das Licht durch die Wolken, und die Zweifel und die Dunkelheit verschwinden.

Oft werden die Bekehrten neu belebt durch ein Gespräch über göttliche Dinge. Und wenn sie ihren christlichen Geschwistern ihre vergangenen Erfahrungen erzählen, lebt die Erinnerung wieder auf, und die Erfahrung selbst wird in gewissem Mass erneuert. Manchmal, wenn sie voll von Zweifeln sind, kommt ihnen eine Schriftstelle nach der andern in den Sinn, die ihre Schwierigkeiten beantwortet. Aber oft geht dem neuen Trost eine neue Demütigung voraus.

9. Innere Eindrücke und Bilder

Manche Menschen haben von diesem grossen Werk schlecht gedacht, nachdem sie von den (geistlichen) Eindrücken hörten, die die Menschen hier in ihrer Vorstellung empfangen hatten. Es gab viele Missverständnisse und falsche Berichte darüber. Soweit ich weiss, ist niemand hier in der Stadt der Meinung, es solle irgendwelches Gewicht gelegt werden auf Visionen, die jemand mit seinen körperlichen Augen gesehen hätte. Das Gegenteil ist unser Prinzip. Es gab zwar Menschen, die zu sehr von nichtigen und nutzlosen Vorstellungen beeinflusst wurden; aber diese wurden mit Leichtigkeit zurechtgewiesen. Man soll sich nicht darüber verwundern, dass eine Gemeinde in solchen Fällen Hilfe braucht, um zwischen Weizen und Spreu zu unterscheiden. Aber jene Eindrücke, die für gewöhnlich auftraten, scheinen mir keine anderen zu sein als jene, die von der menschlichen Natur unter solchen Umständen zu erwarten sind, als natürliches Ergebnis der starken Konzentration des Sinnes und der Eindrücke des Herzens.

Kaum jemand denkt, er hätte etwas mit seinen körperlichen Augen gesehen; sie werden einfach innerlich von gewissen Ideen und von Bildern in ihrem Geist stark beeindruckt. Einige sahen z.B, wenn sie in starker Furcht vor der Hölle waren, höchst lebendige Bilder von einem brennenden Ofen. Einige, wenn sie stark beeindruckt wurden von der Schönheit und Herrlichkeit Christi, erhielten in ihrem Sinn eine Idee von jemandem von herrlicher Majestät und gütigem Aussehen. Einige, die vom Tod Jesu stark berührt wurden, hatten gleichzeitig eine lebendige Idee von Christus, der am Kreuz hängt, während Blut aus seinen Wunden strömt. Wenn man weiss, wie sehr schon jeglicher starker Eindruck über Dinge dieser Welt geistige Bilder hervorruft, wird man sich über solche Dinge nicht verwundern.

Es gab tatsächlich einige wenige Fälle von Eindrücken, die mir ein Geheimnis bleiben, welche von einem viel grösseren Bewusstsein von der geistlichen Vollkommenheit göttlicher Dinge begleitet wurden. Aber ich konnte nicht herausfinden, ob die Eindrücke jener Menschen mehr waren als das, was natürlicherweise aus ihrem geistlichen Bewusstsein hervorgehen könnte. Ich bin in solchen Fällen immer äusserst vorsichtig gewesen und bemühte mich sehr, die Leute den Unterschied zu lehren zwischen dem, was geistlich ist, und dem, was nur Einbildung ist.

Man wird aus diesem Bericht ersehen haben, dass die Menschen hier die Gewohnheit haben, freimütig miteinander über ihre geistlichen Erfahrungen zu sprechen. Manche (Aussenstehende) fühlten sich davon abgestossen. Aber wenn auch unsere Leute in gewisser Hinsicht darin in Extreme gegangen sind, so ist es doch zweifellos eine Gewohnheit, die natürlicherweise durch die Umstände dieser Stadt und ihrer Nachbarstädte entstanden ist. Wo immer Menschen sich so sehr mit derselben Sache beschäftigen, dass diese Sache in ihren Gedanken zuvorderst ist, da werden sie diese Sache natürlicherweise zu ihrem Gesprächsthema machen, wenn sie zusammenkommen, und darin immer freimütiger werden. Ihre Hemmungen verschwinden, und sie werden nicht voreinander verbergen, was sie erlebt haben. Und im allgemeinen hat diese Gewohnheit viele gute Wirkungen hervorgebracht, und Gott hat sie gesegnet. Ich gebe zu, dass es auch einige schlechte Folgen gab, die aber eher einem indiskreten Umgang damit zuzuschreiben sind als der Gewohnheit selbst. Niemanden wird es verwundern, dass unter einer so grossen Menge auch einige sind, die in der Wahl der Zeit, der Gelegenheit und der Art und Weise solcher Gespräche unvorsichtig sind.

(Anm:  Punkt 9 gehört nicht mehr direkt zum Thema der Bekehrung. Ich habe diesen Abschnitt dennoch zum Nutzen des Lesers in gekürzter Form beibehalten. Es hat mich beeindruckt – v.a. angesichts der z.T. sehr heftigen Auseinandersetzungen um charismatische Erscheinungen während der letzten hundert Jahre, insbesondere im deutschen Sprachraum -, dass Edwards um diese Dinge überhaupt kein grosses Tamtam macht, weder im zustimmenden noch im ablehnenden Sinn. (Obwohl, wie aus dem Text hervorgeht, es auch damals Auseinandersetzungen darum gab.) Er beschreibt sie einfach als natürlicherweise auftretende Begleiterscheinungen, wo immer eine grössere Anzahl Menschen sich über längere Zeit und intensiv auf geistliche Dinge konzentriert. Würde Edwards heute leben, dann wäre er kaum ein Charismatiker. Aber ebensowenig würde er ständig im Sinne der Berliner Erklärung „Von unten, von unten!“ rufen und einen Skandal daraus machen. Solch ausgeglichene Persönlichkeiten hätten auch die deutschsprachigen Evangelikalen und Pfingstler der letzten hundert Jahre in grösserer Zahl nötig gehabt.)

Fortsetzung folgt

Jonathan Edwards: Ein getreuer Bericht vom überraschenden Wirken Gottes – Teil 3

4. Mai 2014

Leicht gekürzte Übersetzung

4. Der Sünder muss davon überführt werden, dass seine Verdammung gerecht ist.

Ein Diener Gottes, der mit Menschen unter solchen Umständen zu tun hat, muss ausdrücklich betonen, dass Gott in keiner Weise verpflichtet ist, irgendeinem natürlichen Menschen Gnade zu erweisen, dessen Herz nicht zu Gott umgekehrt ist; und dass niemand rechtmässig etwas von Gott fordern kann aufgrund von irgendetwas, was er getan hat, bevor er zum Glauben an Jesus Christus kam oder eine echte Umkehr in ihm begann. Hätte ich jene, die in grosser Seelennot zu mir kamen, irgendetwas anderes gelehrt, dann hätte ich sie zugrunde gerichtet. Ich hätte dann die Absichten des Heiligen Geistes mit ihnen direkt durchkreuzt; denn hätten sie mir geglaubt, dann hätten sie angefangen sich selbst zu schmeicheln und wären sorglos geworden, und hätten so der Überführung ein Ende bereitet; oder sie hätten ihren Hader gegen Gott liebgewonnen und sich so den Weg versperrt, sich vor ihm zu demütigen.

Und dennoch brauchen Menschen unter Überführung auch Ermutigung, indem sie von der unendlichen und allgenügenden Gnade Gottes in Christus hören; und dass Gott sich finden lässt von denen, die ihn suchen, und dass er seine eigenen Mittel segnet. So muss Überführung und Ermutigung, Furcht und Hoffnung in richtiger Weise gemischt und proportioniert werden, um ihren Geist in der Mitte zwischen den Extremen der Selbstüberhebung und der Verzagtheit zu halten, die beide zu Nachlässigkeit führen.
Ich denke, die gesegnetsten Gespräche waren jene, in welchen die Lehre von Gottes absoluter Souveränität inbezug auf die Errettung von Sündern betont wurde, und seine rechtmässige Freiheit inbezug auf das Beantworten von Gebeten natürlicher Menschen, solange sie in diesem Zustand verharren. Ich fand nie so viel unmittelbare Frucht der Errettung, als wenn ich über die Worte in Römer 3,19 predigte: „Damit jeder Mund verschlossen würde“, und von daher zeigte, dass es völlig gerecht wäre, wenn Gott alle natürlichen Menschen für immer verstiesse.

Bei jenen, wo die Überführung zur Errettung führt, zeigt sich normalerweise als erstes nach ihrer Seelennot eine Überzeugung, dass Gottes Verdammung gegen sie gerecht ist. In ihren Zeugnissen darüber drückten sie sich auf unterschiedliche Weise aus: einige, dass sie erkannten, dass Gott souverän ist und andere annehmen, aber sie verstossen kann; einige, dass sie davon überzeugt wurden, dass Gott gerechterweise jeder Person in der Stadt oder in der Welt Gnade erweisen könnte ausser ihnen selbst; einige, dass sie jetzt sehen, dass Gott gerechterweise alle ihre Bemühungen und Gebete für nichts achten könnte; einige, dass selbst wenn sie ihr ganzes Leben lang suchten und sich bemühten, Gott sie dennoch gerechterweise in die Hölle werfen dürfte, weil all ihre Bemühungen und Gebete nicht die geringste Sünde sühnen können, noch irgendein Anrecht auf einen Segen Gottes erwerben. Einige erklärten, dass sie sich so in der Hand Gottes befänden, dass er mit ihnen machen konnte, was immer er wollte; und andere, dass Gott in ihrer Verdammung verherrlicht würde, und dass sie sich sogar darüber wunderten, dass Gott ihnen so lange erlaubte zu leben und sie nicht schon längst in die Hölle geworfen hatte.

5. Genau in diesem Moment des Zerbruchs und der tiefsten Demütigung kann der Sünder die Gnade Gottes verstehen und annehmen.

Unmittelbar vor dieser Entdeckung von Gottes Gerechtigkeit ist der Sinn des Menschen normalerweise ausserordentlich unruhig und befindet sich in einer Art Kampf und Tumult, oder Beklemmung. Aber sobald sie zu dieser Überführung kommen, beruhigt sich im allgemeinen ihr Sinn und kommt zu einer unerwarteten Gefasstheit. Meistens, wenn auch nicht immer, wird dann das drückende Gewicht von ihrem Geist weggenommen, und eine allgemeine Hoffnung erwacht, dass Gott irgendwann gnädig sein wird. Manche beschliessen dann, Gott zu Füssen zu liegen und seine Zeit abzuwarten, und ruhen darin. Sie merken nicht, dass der Geist Gottes sie gerade jetzt in einen Zustand gebracht hat, wo sie zum Empfang der Gnade vorbereitet sind. Denn viele Menschen, wenn sie zuerst zu diesem Bewusstsein der Gerechtigkeit Gottes kommen, denken nicht, dass gerade dies die Demütigung und der Zerbruch sei, von dem sie so viel gehört hatten.

Bei vielen Menschen geht diese erste Überführung von der Gerechtigkeit Gottes über die gewöhnliche Verurteilung durch das Gesetz hinaus. Im Gegenteil, sie kommt nicht aus der Furcht aufgrund des Gesetzes, sondern ist ein Beweis der Gnade Gottes, und führt sie dazu, diese Eigenschaft Gottes, die Gerechtigkeit, zu bewundern. Einige sagten sogar, dass sie erkennen konnten, wie die Herrlichkeit Gottes gerade in ihrer eigenen Verdammnis hell aufleuchten würde, und fühlten sich dazu bereit, verdammt zu werden, damit Gott dadurch verherrlicht würde. Sie hatten aber keine klare Vorstellung von der Verdammnis, und es gibt auch kein Bibelwort, das eine derartige Selbstverleugnung verlangen würde. Aber, wie andere es klarer ausdrückten, die Erlösung erschien ihnen als zu gut für sie und wäre unvereinbar mit der Majestät Gottes, den sie so sehr beleidigt hatten.

Diese Ruhe des Geistes, den einige nach ihrer Verzweiflung finden, dauert einige Zeit an, bevor sie eine besondere und angenehme Offenbarung der Gnade Gottes im Evangelium erhalten. Aber sehr oft folgt darauf ein tröstendes und liebliches Bild des mitleidsvollen Gottes, des allgenügenden Erlösers. Oft wird ihr Sinn auf Christus gerichtet in seinem Willen, Sünder zu erretten; andere erhalten Gedanken über die angenehmen und herrlichen Eigenschaften Gottes, die sich im Evangelium offenbaren: Seine Gnade und sein Mitleid; oder seine unendliche Macht zu erlösen; oder seine Wahrheit und Treue. Einige entdecken zuerst die Wahrheit und Gewissheit des Evangeliums; andere die Wahrheit spezifischer Verheissungen.

Bei einigen liegen die erste Sicht darauf, dass sie gerechterweise die Hölle verdienen, und auf die Souveränität Gottes inbezug auf ihre Erlösung, und die Entdeckung der allgenügenden Gnade so nahe beisammen, dass sie in eins zusammenzufliessen scheinen.
Manchmal erscheint die Gnade nach der Demütigung als ein ernsthaftes Verlangen der Seele nach Gott und nach Christus: ihn zu kennen, ihn zu lieben, demütig vor ihm zu sein, Gemeinschaft mit ihm zu haben. Dieses Verlangen ist normalerweise verbunden mit dem festen Entschluss, diesem Gut für immer zu folgen, und mit einer hoffnungsvollen, erwartungsvollen Haltung. Wenn jemand mit dieser Haltung anfing, dann folgten normalerweise bald weitere Erfahrungen und Entdeckungen, die noch klarer von einer Herzensveränderung zeugten.

6.Wenn Gott so mit seiner Gnade an ihnen wirkt, erkennen viele noch nicht, dass sie bereits bekehrt sind.

Oft, wenn den Menschen erstmals dieser Evangeliumsgrund der Erleichterung offenbart wird, denken sie noch gar nicht, dass sie jetzt bekehrt seien. Sie fühlen sich einfach erfrischt davon, dass Gott ihnen für alles genügt, und dass in Christus so volle Vorsehung getroffen wurde für alles, nachdem sie so niedergeschlagen waren im Bewusstsein ihrer Schuld und in der Furcht vor dem Zorn Gottes. Das bewirkt in ihnen einen festen Entschluss, sich selbst und ihr ganzes Leben Gott und seinem Sohn zu weihen, und geduldig zu warten, bis Gott alles bewirken würde; und oft sind sie fest davon überzeugt, dass Gott es zu seiner eigenen Zeit für sie tun würde.

So entsteht in ihnen eine heilige Ruhe der Seele in Gott durch Christus. Aber sie denken nicht, dass sie jetzt bekehrt seien. Der Grund dafür ist oft, dass sie nicht erkennen, dass dieses Sich-Erfreuen an der Entdeckung der Gnade bereits die wirkliche Annahme dieser Gnade ist. Sie wissen nicht, dass diese liebliche Befriedigung an der Gnade und völligen Erlösung Gottes, die sie spüren, ein echtes Empfangen dieser Gnade ist, oder ein klarer Beweis davon, dass sie sie empfangen haben. Sie erwarteten wer weiss nicht was für einen seelischen Akt, oder vielleicht wussten sie gar nicht, was sie zu erwarten hätten.

Tatsächlich hatten viele von ihnen vor ihrer Bekehrung eine sehr unvollkommene Idee davon, was eine Bekehrung ist. Die Ausdrücke, die andere gebrauchten, um ihre Bekehrung zu beschreiben, vermittelten ihrem Sinn nicht ihre wirkliche Bedeutung. Sie verstanden davon nicht mehr als ein Blindgeborener von den Namen der Farben.

In unserer Stadt beobachteten wir, dass Menschen mit dem grössten Wissen, die am meisten über diese Dinge studiert hatten, verwirrter waren als andere. Einige von ihnen erklärten, dass all ihr früheres Wissen zunichte gemacht wurde, und dass sie sich wie unwissende Kleinkinder fühlten. Es schien, dass sie es mehr nötig hatten, über ihre eigenen Umstände belehrt zu werden, als die einfachsten Christen.

Es war wunderbar zu sehen, wie die Gefühle der Menschen manchmal bewegt wurden, wenn Gott plötzlich ihre Augen öffnete. Ihre freudige Überraschung liess ihr Herz springen, sodass einige in Lachen ausbrachen, während sie oft gleichzeitig laut weinten und ihre Tränen wie ein Strom flossen. Einige konnten es nicht vermeiden, laut aufzuschreien als Ausdruck ihrer grossen Bewunderung.

Bei vielen dauern diese Erfahrungen lange Zeit an, ohne dass sie denken, sie seien bereits bekehrt; und niemand weiss, wie lange sie so fortfahren würden, wenn ihnen nicht durch besondere Belehrung geholfen würde. Einige haben manche Jahre so gelebt; einige in grosser Hoffnung, dass sie eines Tages Gnade empfangen würden; andere kehrten zu grösserer Verzweiflung zurück, weil sie sich jetzt des Elends ihres natürlichen Zustands stärker bewusst waren und sie für die Realität der ewigen Dinge sensibler geworden waren. Der Teufel versäumt die Gelegenheit nicht, solche Menschen auf verschiedenste Weise zu versuchen. Deshalb brauchen Menschen in diesem Zustand jemanden, der sie zum Verständnis dessen führt, was das Wort Gottes über die Gnade lehrt; und der ihnen hilft, es auf sich selbst anzuwenden.

Jedesmal, wenn ich über die Beweise der Errettung bei einer Person befriedigt war, teilte ich es dieser Person mit. Ich bin deswegen von manchen beschuldigt und getadelt worden. Aber ich habe nie Menschen beurteilt, sondern nur Erfahrungen, so wie sie mir geschildert und qualifiziert wurden. Ich hielt es für meine Pflicht als Hirte, Menschen beizustehen und sie zu lehren, Regeln der Schrift auf ihren eigenen Fall anzuwenden; und wo mir ein Fall klar erschien, erklärte ich freimütig meine Hoffnung darüber. Aber ich tat dies längst nicht bei allen, über die ich gewisse Hoffnungen hegte; und ich glaube, ich war viel vorsichtiger, als manche annahmen. Aber ich möchte mich nicht des Trostes berauben, mich zusammen mit jenen zu freuen, die in grosser Verzweiflung waren, und deren Umstände ich kannte, wenn genügend Beweise vorhanden zu sein scheinen, dass die Toten lebendig geworden und die Verlorenen gefunden worden sind. Ich bin mir bewusst, dass dieses Vorgehen sicherer gewesen wäre in der Hand eines Mannes von reiferem Urteil und grösserer Erfahrung; aber es war dennoch absolut notwendig, aus den obenerwähnten Gründen; und es war eine Praktik, die Gott unter uns in bemerkenswerter Weise gesegnet hat. Viele Menschen hatten Gnade erlangt, aber sie waren wie Bäume im Winter, weil sie sich ihres Zustands nicht bewusst waren.

Gott hat nichts so benützt zur Ausbreitung seines Werkes unter uns, wie die Nachrichten über die Bekehrung anderer Menschen. Das war es, was die Sünder dazu erweckte, denselben Segen zu suchen; und was die Heiligen neu belebte. Aber ich weise meine Leute oft darauf hin, dass kein Mensch das Herz eines anderen kennen kann, und wie unsicher es ist, sich vom Urteil anderer abhängig zu machen. Auch betonte ich ständig, dass der Erweis von Aufrichtigkeit in den Früchten besser ist als alles, was mit Worten ausgedrückt werden kann, und dass ohne dies jeder Anspruch auf geistliche Erfahrungen vergeblich ist. Meine ganze Gemeinde kann dies bezeugen. Und im allgemeinen zeigten die Menschen eine grosse Furcht davor, sich selbst zu betrügen und auf einem falschen Fundament zu bauen.

Eine Bekehrung ist ein grosses und herrliches Werk der Macht Gottes. Sie verändert das Herz in einem Augenblick und flösst einer toten Seele Leben ein. Aber nicht alle können den genauen Moment angeben, als sie zum ersten Mal die Gnade erlangten. Einige hatten eine sehr klare Erfahrung. Aber andere wissen nicht, was die Gnade der Bekehrung ist, sogar wenn sie sie bereits haben. Einige wissen nicht, ob ihre erste Erfahrung nur eine gewöhnliche Erleuchtung war, und vielleicht eine bemerkenswertere spätere Erfahrung ihre Erlösung war. Das Werk Gottes in der Seele ist sehr geheimnisvoll, und die Manifestation des Reiches Gottes im Herzen ist wie es in Markus 4,26-28 gesagt wird:
„Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mann Samen in die Erde streut, und er schläft und steht auf Nacht und Tag, und der Same sprosst und wächst auf, ohne dass er weiss wie; denn die Erde bringt von selbst Frucht hervor, zuerst den Halm, dann die Ähre, und danach das volle Korn in der Ähre.“

Bei einigen ist das Licht der Bekehrung wie eine herrliche Helligkeit, die ihnen plötzlich aufleuchtet. Bei anderen ist es wie der Tagesanbruch, wo zuerst nur wenig Licht erscheint und vielleicht noch von einer Wolke verdunkelt wird, aber dann erscheint es wieder und ein wenig heller, und nimmt allmählich zu, mit dunkleren Zeiten dazwischen, bis schliesslich der klare Tag anbricht.

7. Die Bekehrung lässt alle Dinge in einem neuen Licht erscheinen.

Die Bekehrung bringt normalerweise eine aussergewöhnliche Überzeugung von der Wirklichkeit und Gewissheit der grossen Dinge der Religion mit sich; aber in einigen geschieht das erst einige Zeit nach der Bekehrung. Sie erhalten diese Sicht und diesen Geschmack von der göttlichen Vorzüglichkeit im Evangelium, was für sie überzeugender ist als viele Bücher voll von Argumenten. Oft ist die Herrlichkeit der christlichen Wahrheiten diesen Menschen so vorgeführt worden, dass sie sie sahen und schmeckten und ihre Göttlichkeit fühlten, und so wenig daran zweifeln konnten, wie sie gezweifelt hätten, dass die Sonne existiert, wenn sie mit geöffneten Augen draussen mitten im Sonnenschein standen. Und doch, wenn wir sie fragten, warum sie glaubten, dass diese Dinge wahr seien, dann wären viele von ihnen nicht in der Lage, genügende Gründe klar auszudrücken. Vielleicht könnten sie nur sagen, dass sie sehen, dass Gott wahr ist. Aber im persönlichen Gespräch mit ihnen würde man bald zufriedengestellt und verstünde, dass sie mächtige Beweise der Gottheit in sich selbst tragen.

Sie sind so erfüllt von ihrer neuen Entdeckung, und die Dinge erscheinen ihnen so offensichtlich und vernünftig, dass sie oft zuerst denken, sie könnten andere überzeugen. Zu diesem Zweck beginnen sie mit jedermann zu sprechen; und wenn sie enttäuscht werden, verwundern sie sich, dass ihre Gründe keinen stärkeren Eindruck machen. Die Dinge (des Evangeliums) erscheinen ihnen jetzt so offensichtlich und einfach, dass jedermann sie einsehen sollte. Wenn man sie fragt, warum sie selber es zuvor nicht so gesehen hatten, dann sagen sie vielleicht, sie hätten einfach nicht daran gedacht. Aber oft erleben sie dann stattdessen eine andere Schwierigkeit: wenn Gott sich von ihnen zurückzieht, finden sie sich wieder blind; sie verlieren die Überzeugung der Dinge, die ihnen so klar erschienen waren, und sie können sie mit all ihren eigenen Anstrengungen nicht wieder zurückgewinnen, bis Gott den Einfluss seines Geistes erneuert.

Nach ihrer Bekehrung sagen die Leute oft, dass ihnen die religiösen Dinge als neu erschienen: die Predigt ist etwas Neues, als ob sie noch nie zuvor eine Predigt gehört hätten; die Bibel ist ein neues Buch, wo sie neue Kapitel, neue Psalmen, neue Geschichten finden, weil sie alles in einem neuen Licht sehen.
Eine etwa siebzigjährige Frau hatte die meiste Zeit ihres Lebens unter dem mächtigen Dienst meines Grossvaters verbracht. Als sie im Neuen Testament über das Leiden Christi für die Sünder las, erstaunte sie darüber als etwas Wirkliches und sehr Wunderbares, aber etwas ganz Neues für sie. Sie verwunderte sich darüber, dass sie noch nie davon gehört hätte; aber gleich darauf erinnerte sie sich, dass sie oft davon gehört und gelesen hatte, aber es noch nie zuvor als etwas Wirkliches gesehen hatte. Sie begann darüber nachzudenken, wie wunderbar es war, dass der Sohn Gottes solches Leiden für die Sünder auf sich genommen hatte; und wie sie ihre Zeit in undankbarem Sündigen gegen einen so guten Gott und einen solchen Erlöser verbracht hatte. (Obwohl sie als eine Person von untadeliger und unanstössiger Lebensführung bekannt war.) Sie war so überwältigt von diesen Gedanken, dass sie beinahe darunter zerbrach und die Menschen um sie herum dachten, sie würde sterben.

Viele sprachen davon, wie ihre Herzen in Liebe zu Gott und Christus hingezogen wurden; und wie ihr Sinn von entzückender Betrachtung der Herrlichkeit und Gnade Gottes erfüllt wurde, und der Vorzüglichkeit Jesu und seiner opferbereiten Liebe. Mehrere unserer Kinder drückten dies aus und sagten, sie seien bereit, Vater und Mutter und alle Dinge in der Welt zu verlassen, um bei Jesus zu sein. Mehrere Personen wurden derart überwältigt von der Herrlichkeit Gottes, dass ihr Körper wahrscheinlich zerbrochen wäre, wenn Gott ihnen noch ein wenig mehr von sich selbst gezeigt hätte. Ich habe einige in einem solchen Zustand gesehen und mit ihnen gesprochen, und sie waren mit Gewissheit völlig nüchtern und weit entfernt von jeglicher wilden Schwärmerei. Und sie sprachen – wenn sie überhaupt zu sprechen in der Lage waren – von der Herrlichkeit der Vollkommenheit Gottes, von seiner wunderbaren Gnade in Christus, und ihrer eigenen Unwürdigkeit, in einer Weise, wie es gar nicht ausgedrückt werden kann.

Jene unter uns, die mit den aussergewöhnlichsten Offenbarungen ausgezeichnet wurden, zeigten in keiner Weise die anmassende, überhebliche und selbstzufriedene Haltung von Schwärmern; ganz im Gegenteil. Sie sind bekannt für einen demütigen, bescheidenen Geist. Kaum jemand sonst ist sich so seines Bedürfnisses nach Belehrung bewusst, und so eifrig, sie aufzunehmen, wie einige von ihnen; oder ist so schnell dazu bereit zu denken, andere seien besser als sie selber. Sie sprechen viel von ihrer Errettung durch die freie und souveräne Gnade, durch die Gerechtigkeit Jesu allein; und sie verzichten freudig auf ihre eigene Gerechtigkeit. Oft sagen sie, ihre Worte seien gar nicht imstande, ihre Erfahrungen auszudrücken. Einige berichten, wie ihnen diese geistlichen Erfahrungen die Nichtigkeit aller irdischen Vergnügungen gezeigt hatten, und wie gemein und wertlos ihnen jetzt alle diese Dinge erscheinen.

Viele vergassen sogar zu essen, während ihr Sinn von geistlichen Köstlichkeiten erfüllt wurde. Auch alle Dinge draussen, die Sonne, der Mond und die Sterne, die Wolken, der Himmel und die Erde, erscheinen ihnen, als läge eine göttlichen Herrlichkeit und Lieblichkeit darauf. Sie erfreuen sich auch der Gewissheit ihres Heils; aber das ist nicht das Hauptobjekt ihrer Gedanken und Meditationen. Vielmehr richtet sich die höchste Aufmerksamkeit ihres Geistes auf die herrliche Vorzüglichkeit Gottes und Christi.

Die grösste Freude finden viele von ihnen, wenn sie am tiefsten in den Staub gedemütigt und von sich selbst entleert sind; wenn sie nichts sind, und Gott alles ist. Viele spüren eine ernsthafte Sehnsucht der Seele, Gott zu loben; aber zugleich klagen sie, dass sie ihn nicht so loben könnten wie sie wollten, und sie möchten, dass andere ihnen dabei helfen, Gott zu loben. Sie möchten, dass jedermann Gott lobe, und rufen alle Dinge auf, ihn zu loben. Sie haben ein sehnsuchtsvolles Verlangen, zur Ehre Gottes zu leben, und etwas zu seiner Ehre zu tun; aber gleichzeitig beklagen sie ihr Ungenügen und ihre Fruchtlosigkeit, und dass sie nichts von sich aus tun können.

Während Gott auf so bemerkenswerte Weise unter uns gegenwärtig war durch seinen Geist, war kein Buch so köstlich wie die Bibel; besonders die Psalmen, die Prophezeiungen Jesajas, und das Neue Testament. Unsere Bekehrten waren vereint in brüderlicher Liebe zueinander. Nie wurden so viele Sünden bekannt und Schaden wiedergutgemacht wie letztes Jahr. Die Bekehrten zeigten auch ein grosses Verlangen nach der Bekehrung anderer.

Einige Personen erfuhren durch ihre Bekehrung eine grosse Hilfe inbezug auf ihre lehrmässigen Vorstellungen. Das war besonders auffällig in einem, der als Kind nach Kanada entführt und in der Religion der Papisten erzogen worden war. Vor einigen Jahren war er hierher in seine Geburtsstadt zurückgekehrt und war in gewissem Mass vom päpstlichen Glauben abgebracht worden; aber er schien sehr ungeschickt und unverständig zu sein in der reformierten Lehre, bis er bekehrt wurde. Dann war er in dieser Hinsicht ausserordentlich verändert.