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Über die Einheit der Christen – Teil 2 – Was ist christliche Einheit?

19. Juli 2011

Zuerst kurz zusammengefasst einige Punkte, die ich schon im ersten Teil erwähnte:

Das vielzitierte Gebet Jesu um Einheit (Joh.17,20-23) bezieht sich auf diejenigen, “die an mich glauben”. Das bedeutet:
– Eine Einheit von Einzelpersonen. Nicht von Organisationen.
– Eine Einheit von Gläubigen. Nicht von Namenschristen, nicht von “Getauften”, nicht von “Gemeindegliedern”, erst recht nicht eine Einheit der ganzen Menschheit.

Wie könnte diese Einheit Wirklichkeit werden? Auf diese Frage möchte ich in dieser Folge eingehen.

Wie wir gesehen haben, führt die ökumenische Bewegung nicht zu dieser Einheit hin. – Andererseits ist die Zersplitterung der Christenheit in Konfessionen, Denominationen, etc, eine unleugbare Tatsache. Man kann dem Problem nicht ausweichen mit dem Argument, die von Jesus gemeinte Einheit sei eben geistlich und daher “unsichtbar”. Jesus erklärt in Joh.17,23, diese Einheit diene (u.a.) dazu, “damit die Welt erkenne, dass du mich gesandt hast”. Wenn die Welt irgendetwas erkennen soll, dann muss die Einheit notwendigerweise sichtbar sein.

Ich möchte die gegenwärtige Situation in einem Bild darstellen. In der Mitte ist Jesus, symbolisiert durch ein Kreuz, die Mitte des christlichen Glaubens. Um diese Mitte herum haben sich verschiedene “Gefässe” gebildet, Organisationen, die als ihren Zweck angeben, das Christentum zu verkörpern. Das sind die verschiedenen Konfessionen, Denominationen und Gemeinden. Manche dieser Organisationen begannen als echte geistliche Erweckungen in der Mitte, beim Kreuz. Aber im Lauf der Geschichte erstarrten sie zu menschlichen Organisationen und entfernten sich allmählich von der Mitte. Deshalb sind alle diese Gefässe im Bild in einer gewissen Distanz vom Kreuz dargestellt. Sie sind auch keine reinen christlichen Gemeinden mehr, sondern enthalten einen gewissen Prozentsatz (eine Mehrheit, wie ich befürchte) von Namenschristen, die nicht wiedergeboren sind. (Im Bild dargestellt dadurch, dass die Gefässe sowohl weisse wie schwarze Punkte enthalten.)

Nun gibt es verschiedene Reaktionen auf diese Situation.

Den Ökumenismus habe ich in der vorherigen Folge beschrieben. Man könnte sagen, der Ökumenismus versucht alle diese Gefässe zusammenzufassen und alles, was darin ist; während er die Mitte, das Kreuz und die Person Jesu, weitgehend ausser acht lässt. Die gegenwärtige ökumenische Bewegung hat sich sogar anderen Religionen geöffnet; deshalb ist im Bild der Kreis des „Ökumenismus“ noch weiter gezeichnet als der Kreis derer, die sich „Christen“ nennen.

Es gibt auch die gegenteilige Reaktion, den Denominationalismus oder Konfessionalismus. Der Denominationalismus sucht die Einheit in einer erzwungenen Übereinstimmung mit der eigenen Gemeindetradition. Wenn wir in den Paulusbriefen aufgefordert werden, „gleichgesinnt“ zu sein, dann legen Denominationalisten dies so aus: „Alle müssen mit unserer speziellen Tradition, Gottesdienstform und Bibelauslegung übereinstimmen.“ Sie sehen das „Unreine“ in den anderen Gefässen, übersehen aber die „dunklen Punkte“ in ihrem eigenen Gefäss (und oft auch die hellen Punkte in den anderen Gefässen).
– Eine spezielle Form des Denominationalismus ist das Papsttum, wo die Einheit auf der gemeinsamen Unterordnung unter eine menschliche Hierarchie beruht, und auf der Lehre, die römisch-katholische Kirche sei die einzige wahre Kirche. – Evangelische Denominationalisten behaupten zwar nicht, sie seien die einzige wahre Kirche; aber in der Praxis handeln sie oft so, als ob sie dies glaubten.

Auch diese Form der Einheit lässt die Mitte des christlichen Glaubens, die Person Jesu, weitgehend ausser acht. Stattdessen stellt sie einen menschlichen Leiter, eine menschliche Tradition oder eine spezifische Lehrmeinung in den Mittelpunkt.

„Die Extreme berühren sich“ auch hier: Im Verbot des „Proselytismus“ berühren sich Ökumenismus und Denominationalismus. Beide widersprechen einander bezüglich der Form, wie Einheit hergestellt werden soll; aber beide sind sich in diesem Punkt einig: Die „Gefässe“ sind heilige Kühe, die nicht angetastet werden dürfen.

Und das ist genau der Grund, warum beide an der christlichen Einheit vorbeizielen. Die Einheit, um die Jesus betete, ist eine Einheit in ihm selbst. Nicht in einer menschlichen Organisation; auch nicht in einer Vereinbarung zwischen vielen solchen Organisationen.
„Ich in ihnen, und du in mir, damit sie vollkommen seien in Einheit…“ (Joh.17,23).

Bevor Jesus um Einheit betete, betete er um Heiligung:
„Ich bete nicht, dass du sie aus der Welt herausnimmst; aber dass du sie vor dem Bösen behütest. Sie sind nicht von der Welt, so wie ich auch nicht von der Welt bin. Heilige sie in deiner Wahrheit; dein Wort ist Wahrheit. … Und ich heilige mich selbst für sie, damit auch sie geheiligt seien in der Wahrheit.“ (Joh.17,15-19)

„Heilig“ sein bedeutet „ausgesondert sein für Gott“, „ganz und gar auf der Seite Gottes stehen“, und deshalb auch „ganz und gar gegen alles, was Gott widerspricht“. Im Gebet Jesu ist Heiligung die Basis für Einheit. Nur diejenigen, die zuerst ganz radikal „parteiisch“ werden für Gott und seine Wahrheit, können dann „unparteiisch“ in die Einheit mit allen anderen eintreten, die zur „Partei Gottes“ gehören.

In anderen Worten: Solange wir uns anstrengen, uns „einander“ anzunähern oder andere „näher zu uns“ hinzuziehen, werden wir keine Einheit schaffen können. Wenn wir uns aber darauf konzentrieren, uns Jesus anzunähern, dann werden wir finden, dass wir unweigerlich auch einander näherkommen.
Beim Versuch, auf menschlicher Ebene „Einheit“ zu schaffen, machen wir oft die Erfahrung: Sobald wir uns einem gewissen Segment der „Christenheit“ annähern, sehen wir uns in einer grösseren Distanz zu einem anderen Segment. Sobald wir neue Freunde im einen Lager gewinnen, machen wir uns Feinde in einem anderen Lager.
Im Bild können wir dies mit einer Hin- und Her-Bewegung auf einer Kreislinie vergleichen, die im ständig gleichen Abstand um das Kreuz herumläuft. So können wir zwar einigen Mitchristen näherkommen, entfernen uns aber gleichzeitig von anderen.
Die Alternative dazu wäre eine Bewegung auf Jesus hin, direkt auf das Zentrum zu. Dabei scheint es zunächst, dass wir uns von allen Gefährten entfernen, die wir neben uns auf der Kreislinie zurücklassen. Aber bald werden wir andere finden, die aus anderen Richtungen auf dasselbe Zentrum zugehen; und je näher wir zu Jesus kommen, desto näher kommen wir auch diesen anderen.

Da ist aber noch ein Problem. Wir sind ja (mehrheitlich) in unseren „Gefässen“ drin! Wie weit werden uns diese Gefässe erlauben, uns Jesus anzunähern? – Ideal wäre es natürlich, wenn das ganze Gefäss zur Mitte, zu Jesus zurückkehrte. Das war das Ideal der Reformation und manch anderer Erneuerungsbewegungen. Aber die Kirchengeschichte zeigt, dass dies so gut wie unmöglich ist. Fast alle geistlichen Erneuerungs- und Erweckungsbewegungen wurden von ihren eigenen „Muttergefässen“ abgelehnt und sogar verfolgt. Oft waren es gerade die kirchlichen Leiter, welche die Gemeindeglieder davor zurückhielten, einer Erweckungsbewegung zu folgen.

Historisch geschah deshalb meistens das Folgende: In Erweckungszeiten wurden Gläubige „aufgeweckt“ und begannen sich Jesus anzunähern. Da ihr „Gefäss“, ihre Gemeinde, diese Bewegung aber nicht mitmachte, wurde mit der Zeit die Spannung so gross, dass diese Erweckten sich gezwungen sahen, ihr „Gefäss“ hinter sich zu lassen (durch eigene Entscheidung oder durch Ausschluss). Sie fanden Gemeinschaft und Einheit mit anderen Erweckten (oft aus unterschiedlichem konfessionellem Hintergrund), in der Nähe zu Jesus. Diese Einheit war jeweils am intensivsten in der Anfangszeit, solange die Gemeinschaft mit Jesus vorrangig war und die Organisation zweitrangig. Aber mit der Zeit flaute die Erweckung ab, und das neue organisatorische „Gefäss“ trat in den Vordergrund (und begann sich gleichzeitig von der Mitte zu entfernen).

Paulus warnte die Korinther davon, sich mit menschlichen „Denominationen“ zu identifizieren:
„…dass jeder von euch sagt: Ich gehöre zu Paulus, und ich zu Apollos, und ich zu Kephas, und ich zu Christus. Ist etwa Christus zerteilt? Wurde etwa Paulus für euch gekreuzigt? Oder wurdet ihr auf den Namen von Paulus getauft?“ (1.Kor.1,12.13)
„Wer ist denn Paulus, und wer ist Apollos? Diener, durch die ihr zum Glauben gekommen seid, und dies wie der Herr es jedem gegeben hat. … Denn niemand kann ein anderes Fundament legen als das, das gelegt ist: Jesus Christus.“ (1.Kor.3,5.11)

In anderen Worten sagt er: „Ich erhebe keinen Besitzanspruch auf euch. Nicht ich bin es, der sein Leben für euch gegeben hat; Jesus hat dies getan. Er allein ist euer Fundament und euer Eigentümer. Werdet also nicht Nachfolger von menschlichen Parteien.“

– Ich könnte verschiedene historische Beispiele anführen für das Gesagte. Hier stellvertretend nur ein paar Zitate aus dem Buch „Azusa Street“ von Frank Bartleman, einem der ersten Pioniere der Pfingstbewegung:

„Ein Geist grosser Demut zeigte sich in dieser Versammlung. Alle waren auf Gott konzentriert. Offenbar hatte der Herr seinen kleinen Überrest gefunden, – draussen, wie immer -, durch den er seinen Willen tun konnte. Er konnte dies in keinem der Missionswerke des Landes tun; alle befanden sich in den Händen von Menschen. …Der Geist wurde von neuem in einem ärmlichen ‚Stall‘ geboren, ausserhalb der kirchlichen Institutionen, wie immer. Ein ‚Leib‘ muss vorbereitet sein, in Umkehr und Demut, für jede Ausgiessung des Geistes.“

„Wir waren alle Brüder. Wir hatten kein menschliches Programm. Gott selber leitete uns. Wir hatten keine Priesterklasse und keine priesterlichen Dienste. Diese Dinge kamen später, mit dem Abfall der Bewegung. Anfangs hatten wir nicht einmal eine Bühne oder Kanzel. Alle befanden sich auf derselben Höhe. Die Diener Gottes waren Diener im wahrsten Sinne des Wortes.“

„Wir dürfen keine Lehre vertreten, und keine Erfahrung suchen, ausser in Christus. …Die Aufmerksamkeit der Leute muss sich zuerst, und immer, auf ihn richten. Ein wahres ‚Pfingsten‘ wird eine sehr starke Überführung von Sünde bewirken, eine Rückkehr zu Gott. …Jedes Werk, das den Heiligen Geist oder die Gaben über Jesus erhebt, wird im Fanatismus enden. Alles, was Jesus erhoben und geliebt macht, ist gut und sicher…“

„Eines Tages zeigte mir Gott, dass sie (die Leiter von Azusa Street) daran dachten, sich zu organisieren, obwohl niemand ein Wort davon gesagt hatte. Der Geist hiess mich aufstehen und sie vor der Gefahr warnen, aus dem pfingstlichen Werk eine ‚Partei‘ zu machen. Die Heiligen sollten ‚ein Leib‘ bleiben, und frei sein, nicht ‚wieder unter einem (kirchlichen) Joch’… Am nächsten Tag fand ich über der Tür von Azusa ein Schild: ‚Missionswerk des apostolischen Glaubens.‘ Der Herr sagte mir: ‚Das ist es, was ich dir sagte.‘ Sie hatten es tatsächlich getan. Ein ‚Parteigeist‘ kann nicht ‚pfingstlich‘ sein. …Danach versuchten sie, das ganze Werk an der Küste in diese Organisation einzuschliessen, aber sie versagten kläglich… Das Volk Gottes muss frei sein von Hierarchien.“

„Je mehr die Bewegung abfiel, desto höher wurden die Bühnen, und desto feiner die Anzüge (der Prediger)… Die Könige kehrten auf ihre Throne zurück. Wir waren nicht mehr alle Brüder. Und die Spaltungen multiplizierten sich. Während Bruder Seymour in Azusa Street seinen Kopf in einer leeren Schachtel hielt, ging alles gut. (Anm: Er verbrachte die meiste Zeit in den Versammlungen so betend, statt zu ‚leiten‘.) Aber schliesslich bauten sie auch für ihn einen Thron. Jetzt haben wir nicht nur eine Hierarchie, sondern viele.“

Ähnliche Beobachtungen könnten wir auch bei anderen Erweckungsbewegungen machen wie z.B.bei den Pietisten, den Herrnhutern, den Methodisten, usw. Am Anfang war die Einheit mit Jesus zentral, was automatisch eine Einheit unter den Erweckten bewirkte. Mit der Zeit aber trat die „Organisation“ und die „Gemeindetradition“ in den Vordergrund, während die Beziehung zu Jesus (und damit die Erweckung und die Einheit) abflaute.

Nicht ganz weihnächtliche Grüsse…

26. Dezember 2010

Nein, ich konnte dieses Jahr keine Weihnachtsgrüsse versenden. In anderen Jahren habe ich das manchmal getan. Nicht, weil ich wirklich daran glaubte, Weihnachten sei ein echt christliches Fest; aber weil es eine Zeit des Jahres ist, in der einige Menschen immerhin etwas sensibler werden für die Person Jesu.

Doch dieses Jahr hatte ich einfach keine „guten Nachrichten“ zu versenden. Stattdessen ist mein Herz schwer von traurigen Nachrichten und traurigen Zuständen, sowohl in nächster Nähe wie auch weit weg. Zwei der „Nachrichten“, die mich besonders beschäftigen, stehen in den beiden Artikeln, die ich ebenfalls heute veröffentlicht habe. Sie sprechen Dinge an, bei denen man lieber wegsehen und weghören möchte. (Deshalb veröffentliche ich sie erst nach Weihnachten, um den Lesern die Freude am guten Weihnachtsessen nicht zu verderben…) Aber gerade diese Dinge müssen gehört werden, wenn wir Teil dessen sein möchten, was Gott heute tut.

Massaker an Unschuldigen: Das Christentum im Irak ist vom Aussterben bedroht

Wie gross ist diese Finsternis!

Die beiden Artikel, obwohl aus ganz unterschiedlichen Weltecken und Hintergründen, haben einen traurigen inneren Zusammenhang: Im Osten arbeitet die extrem-islamische Verfolgung gezielt und grausam auf die Ausrottung des Christentums hin. Im Westen erreichen die offiziellen Kirchen mit ganz anderen, aber ebenso wirksamen Mitteln dasselbe.

Ist das wirklich die Zeit, einander Weihnachtsgrüsse zu schicken, jene zu beschenken, die einen wiederum beschenken, und jene einzuladen, die einen wiederum einladen? Ist das nicht viel eher die Zeit, in Sack und Asche zu gehen, und einen dringenden Hilfeschrei zum Himmel zu erheben? Wie seinerzeit Jesaja ausrief:

„Blicke herab vom Himmel und schaue hernieder von deiner heiligen, herrlichen Wohnstatt! Wo ist dein Eifer und deine Stärke? das Wallen deiner Liebe und deines Erbarmens? Halte dich doch nicht zurück, denn du bist unser Vater! (…) Warum lässest du uns, o Herr, abirren von deinen Wegen? verhärtest unser Herz, dass wir dich nicht fürchten? Kehre wieder um deiner Knechte, um der Stämme willen, die dein eigen sind.
Warum schreiten die Gottlosen durch deinen Tempel, zertreten unsere Feinde dein Heiligtum? Warum sind wir geworden wie solche, die du nie beherrscht hast, die nicht nach deinem Namen benannt sind?
O dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass vor dir die Berge erbebten, gleichwie Feuer Reisig entzündet, wie Feuer Wasser ins Wallen bringt, damit dein Name deinen Feinden kundwürde und vor dir die Völker erzitterten, indem du furchtbare Dinge tätest, die wir nicht erhofften, wie man sie von Urzeit an nie vernommen! …“
(Jesaja 63,15-64,4 … usw, die ganze Fortsetzung von Kap.64)

Über die bibelkritische Theologie und die Situation in Lateinamerika (2. Teil)

9. Dezember 2010

Ich wiederhole hier nochmals die Vorbemerkung aus dem 1.Teil:

Der folgende Artikel beruht auf einer längeren Schrift, die ich ca. 2004 in Perú zu verteilen begann aus Besorgnis über das Vordringen der Bibelkritik in evangelikalen Gemeinden und Bibelschulen. Wie stark der Einfluss der Bibelkritik hier ist, wurde mir aber erst klar, als mir mehrere regionale Leiter die Verbreitung dieser Schrift in den ihnen unterstellten Gemeinden verboten. Diese Artikelserie erscheint deshalb in der Kategorie „Zensurierte Artikel.“

Die Gedanken der Bibelkritik selber sind ja in Europa nicht neu. Ich habe deshalb die diesbezüglichen Erläuterungen gegenüber dem Original ziemlich stark gekürzt. Eher neu ist hingegen, dass diese Theologie auch in evangelikalen und offiziell „bibeltreuen“ Gemeinden gelehrt wird, und z.T. sogar als die einzig richtige Theologie bezeichnet wird. In Perú (und überhaupt in Lateinamerika) stellen die meisten evangelischen Kirchen in ihrem offiziellen Glaubensbekenntnis deutlich fest, dass die Bibel Gottes inspiriertes und irrtumsfreies Wort ist. Ihre Praxis unterscheidet sich davon aber sehr, wie Beispiel zeigt. Ich frage mich, was Gott ein grösseres Ärgernis ist: eine europäische Landeskirche, deren Theologen ganz offiziell sagen, die Bibel sei nicht so ernst (und schon gar nicht wörtlich) zu nehmen, oder eine sich bibeltreu nennende Freikirche, die unter dem Etikett „gesunde biblische Lehre“ verdeckt Bibelkritik lehrt?


Ich fahre fort mit ausgewählten Problemen der bibelkritischen Theologie:

Annahme eines späten Abfassungsdatums

“Wir finden keine besondere Ähnlichkeit mit 1.Petrus in der Sprache und in der Lehre. Aus diesem Grund, und wegen der unterschiedlichen Situation der Gemeinde, die in einigen Stellen des 2.Briefs zum Ausdruck kommt, … denken viele, dass es sich hier um die späteste Schrift des Neuen Testaments handelt, vielleicht anfangs des 2.Jh. Ihr Autor könnte ein christlicher Lehrer gewesen sein, der an die Autorität des Petrus apellierte, um seiner Lehre mehr Autorität zu verleihen.”
(Studienbibel “Dios habla hoy”, Einleitung zu 2.Petrus)

Anfangs des 2.Jh. war Petrus schon seit über 30 Jahren tot. Die ursprüngliche Lehre hätte in dieser Zeit verändert werden können, und die historischen Ereignisse in Vergessenheit geraten. So können die Kritiker den ganzen Inhalt des Buches anzweifeln.
Insbesondere im Alten Testament nehmen die Kritiker an, es hätte während vielen Jahrhunderten überhaupt keine schriftlichen Zeugnisse gegeben:

“Obwohl die Schrift sich in Israel während der Konstitution der Königtums formell entwickelte (…), wurden die Erinnerungen früherer Zeiten mündlich bewahrt und von einer Generation zur anderen weitergegeben. Diese mündlichen Erzählungen wurden später von verschiedenen Personen und Personengruppen aufgeschrieben, um die Erzählungen zu bewahren, die ihnen einen Existenzgrund gaben…”
(“Entdecke die Bibel”, S.51)

Die kritischen Theologen stellen das Volk Israel gerne als ein primitives und unwissendes Volk von Analphabeten dar. So können sie sagen, dass nach so vielen Jahrhunderten sich ihre “Traditionen” sehr weit von der historischen Wahrheit enfernt hätten.
Aber die Zivilisation der Israeliten war weiter fortgeschritten, als die Theologen uns weismachen wollen. In Mesopotamien (Babylonien), wo Abraham herkam, war die Schrift schon lange vor Abraham bekannt. Ebenso in Ägypten, wo Mose seine Ausbildung erhielt (am Hof des Pharao!). In 2.Mose 17,14 und 37,24 beauftragt Gott Mose, zu schreiben. In 2.Mose 24,4 heisst es: “Und Mose schrieb alle Worte des Herrn.” Ebenso 4.Mose 33,2 und 5.Mose 31,9. Alle diese Stellen müssten Lügen genannt werden, wenn die Theorie der “mündlichen Überlieferung” richtig wäre.
4. Mose 5,23: “Der Priester soll diese Flüche in ein Buch schreiben…” – Ein israelischer Priester musste schreiben können. – “Lesen”, “schreiben”, “Buch”, usw, werden so oft erwähnt in den ersten Büchern der Bibel, dass es zu weit führen würde, alle Stellen aufzuzählen.

In einigen Fällen gibt es einen zusätzlichen Grund, warum kritische Theologen ein spätes Abfassungsdatum annehmen: Sie streiten ab, dass Prophetie existiere. Wenn eine Zukunftsprophezeiung eingetroffen ist, und diese Erfüllung historisch nachgeprüft werden kann, dann haben wir einen Beweis für die göttliche Inspiration und den übernatürlichen Ursprung der Bibel. Deshalb bemühen sich kritische Theologen zu “beweisen”, dass eingetroffene Prophezeiungen erst nach ihrer Erfüllung geschrieben worden seien.

Dies ist der Grund, warum sie z.B. sagen, das Buch Daniel sei erst im 2.Jh.v.Chr. geschrieben worden (400 Jahre nach Daniel), und die zweite Hälfte des Buches Jesaja erst nach der Rückkehr aus dem Exil (200 Jahre nach Jesaja). Jesaja hat nämlich die Rückkehr aus dem Exil prophezeit und nannte sogar den Namen des Königs Kyrus (Jes.45,1-13); und Daniel prophezeite über die Perser, Griechen und Römer.
So lässt “Entdecke die Bibel” in der ausführlichen Zeittabelle Daniel einfach aus, als ob er keine historische Persönlichkeit wäre; und zitiert Jesaja als “nachexilischen Propheten”.

Nur haben die Bibelkritiker im Fall von Daniel das Problem, dass Daniel auch das Jahr der Kreuzigung Jesu vorhergesagt hat sowie die Zerstörung Jerusalems (Daniel 9,25-26, die “Wochen” als Jahrwochen (je 7 Jahre) verstanden). Hier können sie unmöglich behaupten, das Buch Daniel sei erst nach der Kreuzigung Jesu geschrieben worden!

Im Neuen Testament haben wir insbesondere die Prophezeiung Jesu über die Zerstörung Jerusalems, die sich im Jahr 70 erfüllte. Kritische Theologen argumentieren: “Da die Zerstörung Jerusalems in Matthäus klar vorhergesagt ist (22,7), muss das Abfassungsdatum auf alle Fälle nach 70 liegen.” (…) – denn Jesus kann die Vorhersage nicht wirklich gemacht haben, “weil nicht sein kann, was nicht sein darf” … – Aus der Kirchengeschichte weiss man aber, dass die Jerusalemer Gemeinde die Stadt beim Beginnn der römischen Belagerung verliess, während die übrige Bevölkerung einen Sieg der Juden erwartete. Dies kann nur damit erklärt werden, dass Jesus die Vorhersage tatsächlich gemacht hat und die Gemeinde davon wusste.

Im Jahre 1994 entdeckte der Papyrologe Carsten Peter Thiede ein Fragment des Matthäusevangeliums aus dem Jahre 60. (Der Fund wurde sogar in einer peruanischen Zeitung erwähnt.) Aber die kritischen Theologen ziehen es vor, solche Entdeckungen zu ignorieren.

Rekonstruktion der Geschichte Israels

Wir haben gesehen, dass die modernen Theologen die Bücher Mose in verschiedene “Quellen” aufteilen. Um diese Theorie aufrechtzuerhalten, mussten sie die ganze Geschichte Israels umschreiben. Dies sind einige ihrer Annahmen:

– Das Volk Israel vereinigte sich erst in der Zeit Davids; die Patriarchengeschichten sind nichts als Legenden.
– Weder der Auszug aus Ägypten, noch der Durchzug durch das Rote Meer, noch die 40 Jahre in der Wüste sind tatsächlich geschehen.
– Verschiedene Gruppen kamen nach und nach ins Land Kanaan; es gab keine Eroberung unter Josua.
– Die Ideen Israels über Gott stammen aus den Religionen der heidnischen Umwelt. (Deshalb bemühen sich kritische Theologen, Ähnlichkeiten zwischen heidnischen Religionen und der Bibel zu finden.)
– Erst in der Königszeit begannen die Israeliten, einen einzigen Gott anzubeten.
– 5. Mose wurde in der Zeit Josias geschrieben, um nachträglich die Konzentration des Gottesdienstes in Jerusalem zu rechtfertigen.

Es ist offensichtlich, dass alle diese Annahmen reine Spekulation sind; sie lassen sich weder aus dem Bibeltext noch aus ausserbiblischen Quellen belegen. Dennoch nehmen die meisten theologischen Kommentare diese Hypothesen als gegeben an. Hier nur ein kleines Beispiel:

“Die Funde … öffnen neue Möglichkeiten, die alte Theorien widerlegen oder unterstützen. So im Fall der Besetzung Kanaans durch die Israeliten. Die biblischen Erzählungen ergeben kein einheitliches Bild. Und die Ergebnisse der Archäologie und anderer Hilfswissenschaften führten zu drei Theorien:
1. Friedliche Besetzung des Landes (Schule von Alt und Noth)
2. Gewaltsame Eroberung (Albright)
3. Innere Revolution (Mendenhall, Gottwald, Bright).
Heute scheint die Archäologie am ehesten die Theorie Mendenhalls zu befürworten.”
(“Entdecke die Bibel”, S.113)

Hier müssen wir wieder fragen: Wo bleibt die Bibel als historisches Zeugnis? Im Gegensatz zu den Äusserungen des Theologen bietet die Bibel ein sehr klares Bild; man lese das Buch Josua. Aber der kritische Theologe bringt eine Theorie, die der Bibel widerspricht, unter Berufung auf die Archäologie – aber er nennt keinen archäologischen Fund, auf den er sich abstützen könnte.

Kein Land für Israel?

Natürlich existiert für die kritische Theologie auch die Verheissung nicht, dass Israel das Land besitzen werde. Deshalb benützen die kritischen Theologen und die Bibelgesellschaften in ihren Kommentaren und Landkarten durchgängig den Namen “Palästina” für das Land Israel. Dieser Name existiert nirgendwo in der Bibel! Vor Josua hiess das Land “Kanaan”, nachher “Israel”; und in der Zeit Jesu gab es die Provinzen “Judäa”, “Galiläa”, usw. Erst im 2.Jh. nach Christus, als die Römer alle Juden vertrieben hatten, benannten sie das Land in “Palästina” um, mit dem Ziel, alle Erinnerungen an die Juden auszulöschen. Den Namen “Palästina” zu gebrauchen, bedeutet Gottes Verheissung zu leugnen, dass dieses Land Israel gehört.

Historische Wahrheit oder “Predigt der christlichen Gemeinde”?

“Die Evangelien … gehören zu einem Literaturtyp, wo nicht so sehr die kreative Aktivität des Autors zählt, als vielmehr der Gebrauch von Traditionen, die in einer oder mehreren Gemeinden bewahrt wurden.”
(Studienbibel “Dios habla hoy”, S.1459)
“Man denkt, dass dieses Evangelium das Ergebnis einer langen Reflexion und Weitergabe der Heilsbotschaft darstellt, in Gemeinden, die harte Auseinandersetzungen mit jüdischen Gruppen durchstehen mussten.”
(Studienbibel “Dios habla hoy”, Einleitung zum Johannesevangelium)

In anderen Worten wird hier gesagt, die ersten Gemeinden hätten die Heilsbotschaft verändert, je nach der Situation, in der sie sich befanden. Gemäss der kritischen Theologie ist der “Jesus der Evangelien” nicht derselbe wie der “historische Jesus”. Der “historische Jesus” soll keine Wunder getan haben; soll nie gesagt haben, er sei Gottes Sohn; und soll nicht vom Tod auferstanden sein – dies alles sei Erfindung der christlichen Gemeinden.

Die kritischen Theologen versichern auch, die Schreiber der Bibel hätten nie die Absicht gehabt, ein inspiriertes Buch zu schreiben:

“Als sie (die Autoren des NT, Üs.) schrieben, dachten sie nicht im Traum daran, dass ihr Produkt eines Tages dieselbe Autorität hätte wie die heiligen Schriften, die in der Synagoge gelesen wurden… Nach und nach sprachen die Christen diesen Texten eine bevorzugte Autorität für das Leben der Gemeinde zu…”
(“Entdecke die Bibel”, S.174-175)

Diese Äusserungen sind falsch, und dienen nur dazu, Zweifel zu säen bezüglich der Autorität des Neuen Testamentes. Paulus wusste genau, dass Gott selber ihm seine Botschaft gegeben hatte (Gal.1,11-12, 1.Thess.2,13). Petrus nennt die Paulusbriefe “(Heilige) Schriften” (2.Petrus 3,15-16). Alle Apostel hatten ihren Auftrag direkt aus dem Mund Jesu erhalten: “Geht in alle Welt, und verkündet das Evangelium… und lehrt sie, alles zu halten, was ich euch aufgetragen habe” (Mark.16,15, Matth.28,20).

Die Kommentare der Bibelgesellschaften geben (wenn auch nicht sehr offen) die moderne Theologie wieder, wonach…
… die Schriften des NT Produkt des Glaubens und der Predigt der Urgemeinde sind;
… dieser Glaube und diese Predigt nicht auf historischen Tatsachen oder wirklichen Zeugnissen beruhen, sondern auf einem irrationalen psychologischen Erlebnis;
… die Predigt jener Gemeinden ihre Form ständig änderte, je nach den Umständen;
… es gar nicht wichtig ist, ob Jesus wirklich auferstand oder nicht; das einzige, was zählt, ist der “Glaube” (auch wenn er auf einer irrationalen Idee beruht).

Diese Theologie kann z.B. sagen: “Jesus auferstand im Glauben seiner Jünger” (aber nicht in Wirklichkeit). “Dieser Glaube drückt sich in mythologischer Sprache aus.”

Eine solche Theologie führt zu einer neuen Definition des Wortes “Glaube”, und aller zentralen Lehren des Christentums. Nach dieser Theologie müssten wir Hebräer 11,1 folgendermassen umformulieren: “Es ist aber der Glaube die Gewissheit dessen, was man sich selber ausgedacht hat, und die Überzeugung dessen, was nicht existiert.”

Was glauben die kritischen Theologen wirklich?

Viele kritische Theologen “schleichen sich heimlich ein” (Judas 4) in den Gemeinden: Sie sagen nichts über ihre wirklichen Überzeugungen; und wenn sie predigen, geben sie einfach wieder, was die Bibel sagt, wie es ein wirklich gläubiger Christ auch machen würde. Sie kennen die “evangelische Sprache” genügend, um sich als echte Christen auszugeben. Nur ab und zu lassen sie eine Bemerkung fallen wie: “Die theologische Wissenschaft sagt …”; und so verbreiten sie die kritischen Theorien in sehr kleinen, aber wirksamen Dosen.
(Dies gilt vor allem für Perú bzw. Lateinamerika, wo die Gemeinden zumindest “offiziell” noch an der göttlichen Inspiration der Bibel festhalten. In Europa sprechen die kritischen Theologen viel offener.)

In “Entdecke die Bibel” gibt es lange Passagen, wo ein Autor eine biblische Geschichte wiedergibt, immer mit einleitenden Sätzen wie: “Nach der Erzählung von 1.Mose…”, “Gemäss der biblischen Erzählung…”, etc. – Es fällt auf, dass derselbe Autor, wenn er ausserbiblische Ereignisse erwähnt, nie eine Quelle angibt wie z.B: “Nach den babylonischen Chroniken…”. Solche Ereignisse präsentiert er einfach als Tatsachen. Warum dieser Unterschied?
Kritische Theologen geben oft exakt wieder, was die Bibel sagt; aber sie sagen nicht, dass sie selber auch daran glauben. Das ist, als ob ich sagte: “Das Märchen erzählt, dass Schneewittchen in den Wald rannte. Und Schneewittchen kam zu den sieben Zwergen…” – und Sie könnten denken, ich glaubte an Schneewittchen und die Zwerge; aber ich habe lediglich wiedergegeben, was das Märchen sagt. Das ist die Art und Weise, wie kritische Theologen die Bibel behandeln: sie können genau wiedergeben, was sie sagt; aber sie betrachten grosse Teile der Bibel als Märchen.

Während meines Theologiestudiums hatte ich die Gelegenheit, ein Dutzend Teilnehmer einer grossen ökumenischen Konferenz zu interviewen. Alle Befragten gaben an, an die Auferstehung zu glauben. Aber gefragt, was sie unter “Auferstehung” verstehen, sagte keiner von ihnen, Jesus sei wirklich zum Leben zurückgekehrt. Ihre Definitionen von “Auferstehung” waren vielmehr: “Die Erfahrung, die mir Hoffnung zum Weiterleben gibt.” – “Dass die Ideen Jesu weiterleben in den Herzen seiner Nachfolger.” – “Dass es eine Kraft gibt, wieder neu anzufangen”, usw.
Auf ähnliche Weise geben sie auch Ausdrücken wie “Erlösung”, “Wiedergeburt”, “Gericht”, usw, einen anderen Sinn. Sie verstehen alles als ein psychologisches Erlebnis, das nichts mit der historischen Realität des Todes und der Auferstehung Jesu zu tun hat. Die Ausdrücke klingen biblisch, aber die kritischen Theologen verstehen etwas anderes darunter.

Zweifel über den Kanon

Der “Kanon” ist die Liste der inspirierten Bücher der Bibel. Dies ist ein weiterer Angriffspunkt der Bibelkritik: Da es so viele apokryphe Bücher gibt, wurden nicht einfach willkürlich einige Bücher als “kanonisch” ausgewählt und andere nicht?
“Entdecke die Bibel” erwähnt eine gängige Theorie der kritischen Theologen, wonach die Juden erst im Jahr 70 n.Chr. den Kanon des Alten Testaments festlegten, im sogenannten “Konzil von Jamnia”. Glücklicherweise bringt der Autor hier einige gute Argumente gegen diese Theorie:

“In Jamnia führten die Rabbiner keine Änderung des jüdischen Kanons ein; sie untersuchten lediglich die Tradition, die sie empfangen hatten.
… Im Vorwort zur Übersetzung des Buches Sirach sagt der Enkel des Autors Ben Sira, dass sein Grossvater ‚das Gesetz und die Propheten und die anderen Bücher unserer Väter‘ studierte. Wenn diese ‚anderen Bücher‘ die ‚Ketubim‘ sind, dann anerkennt dieses Werk bereits im Jahr 132 v.Chr. die traditionelle Ordnung der hebräischen Bibel.”

In anderen Worten: Der Kanon des Alten Testaments stand bereits fest, als Sirach geschrieben wurde. Sirach ist eines der Bücher, die von der katholischen Kirche als “deuterokanonisch” der Bibel hinzugefügt wurden. Dagegen versichert das Vorwort dieses Buches selber, dass es nicht kanonisch ist.
Es mutet daher merkwürdig an, dass derselbe Autor einige Seiten später die Zusammenarbeit der Bibelgesellschaften mit der katholischen Kirche verteidigt, um Bibeln herauszubringen, die selbstverständlich die Apokryphen mit den kanonischen Schriften auf dieselbe Stufe stellen.

Inbezug auf das Neue Testament vermitteln die Erklärungen der Bibelgesellschaft den Eindruck, der Kanon des Neuen Testaments sei etwas sehr Unsicheres und die Entscheidungen darüber sehr willkürlich; “einige Bücher, die nicht in unserem Neuen Testament stehen, waren Teil des Kanons … nicht alle Christen anerkennen dieselben Bücher als kanonisch” (S.179).
Die “Kanonlisten”, die in den ersten Jahrhunderten aufgestellt wurden, zeigen tatsächlich gewisse Unterschiede. Diese Listen waren vor allem eine notgedrungene Verteidigung gegen Irrlehrer wie z.B. Marcion, der alles vom NT ausschloss, was “jüdisch” anmutete. Es ist bedeutsam, dass diese Kanonlisten erst gegen Ende des 2.Jh. erscheinen, als schon viele apokryphe Bücher existierten und es deswegen zu Auseinandersetzungen kam. Das bedeutet, dass es vorher, während der ersten 150 Jahre der Kirchengeschichte, keinerlei Auseinandersetzung über den Kanon gegeben hatte. Für die Urgemeinde war es klar, welches die inspirierten Bücher waren.
Der Theologe der Bibelgesellschaften kommt zu einer anderen Schlussfolgerung, weil er annimmt, die Autoren des NT hätten nicht gewusst, dass sie inspiriert waren; oder weil er gar nicht mit der Inspiration rechnet.

Folgen der Bibelkritik in den Gemeinden

Was geschieht mit einer Gemeinde, die der sogenannt “wissenschaftlichen Theologie” Raum gibt? – In Europa hat man dieses Experiment seit etwa 150 Jahren gemacht, und das Ergebnis ist verheerend. Die Gemeinden sind geistlich gestorben! Reformierte Pfarrer können in Gefahr kommen, ihr Pfarramt zu verlieren, wenn sie biblisch über Bekehrung und Wiedergeburt predigen. Nach weltweiten Statistiken war Europa im Jahr 2000 der am wenigsten evangelisierte Kontinent der Erde, mit rund 2,4% wiedergeborenen Christen. Dies ist das Ergebnis der Bibelkritik in den reformierten Kirchen.

Vertrauen wir auf Gottes Wort, statt auf bibelkritische Theologen

In Wirklichkeit gibt es keinen “wissenschaftlichen Grund”, der Bibel nicht zu vertrauen. Es gibt keine historisch dokumentierten Belege für die kritischen Theorien!
Das Wort der Bibel ist kräftig, weil es Gottes Wort ist. Wenn wir es im Vertrauen anwenden, erfahren wir diese Kraft. Wenn wir “die Güte des Herrn geschmeckt haben” und seine Liebe erfahren haben, dann ist es nur natürlich, dass wir mehr von seinem Wort möchten, die “unverfälschte geistliche Milch” (1.Petrus 2,2-3). Wenn wir jedoch an der Güte und Ehrlichkeit Gottes zweifeln, oder wenn wir glauben, er sei nicht fähig, uns die Dinge so zu sagen wie sie sind, dann wird unser Verlangen nach Gottes Wort abnehmen, und wir werden geistlich nicht wachsen.
Jesus überwand jede Versuchung des Feindes mit einem “Es steht geschrieben”. Petrus sagte: “Auf dein Wort hin will ich das Netz auswerfen”, und erlebte ein Wunder. An Pfingsten sagte er: “Dies ist es, was der Prophet Joel vorausgesagt hat”, im geschriebenen Wort. Die Gläubigen stützten ihr Gebet auf Gottes Wort, und Gott antwortete in mächtiger Weise (siehe Apg.4,24-31). Diese Kraft des Wortes Gottes ist auch uns zugänglich. Aber wir verlieren sie, wenn wir das Wort nur als fehlerhaftes Menschenwort ansehen.

Einige fragen: “Muss ich wirklich an die ganze Bibel glauben, um gerettet zu werden?” – Das klingt so ähnlich wie die Frage einer Braut, die eine Zeitlang von ihrem Bräutigam getrennt ist und von ihm nur Briefe bekommt: “Muss ich wirklich alle seine Liebesbriefe lesen?” – Wenn sie nicht alle Briefe liest, hört sie deswegen nicht auf, die Braut zu sein. Aber sie wird sich innerlich von ihrem Bräutigam entfremden; und es kann der Moment kommen, wo ihre Liebe völlig erkaltet und es zu einer Trennung kommt.

Richard Wurmbrand berichtet von einem Kind, das eine Zeitlang den Ausführungen eines kritischen Theologen zuhörte, und ihn dann mit der Frage unterbrach: „Wenn Gott nicht meinte, was er sagte, warum sagte er dann nicht, was er meinte?“ – Es täte uns gut, zu dieser kindlichen Einfachheit zurückzukehren und darauf zu vertrauen, dass Gott tatsächlich meinte, was er sagte.

Wenn wir an den Namen der biblischen Autoren zweifeln, dann werden wir auch an der Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit Gottes zweifeln. Wenn wir an der Schöpfungsgeschichte zweifeln, dann werden wir auch an der Allmacht und Weisheit Gottes zweifeln. Wenn wir an seinem Wort zweifeln, dann werden wir auch an seiner Kommunikationsfähigkeit zweifeln, und an seinem Wunsch, eine persönliche Beziehung mit uns zu haben. Jesus sagte: “Ich habe euch Freunde genannt, denn alles, was ich von meinem Vater gehört habe, habe ich euch mitgeteilt.” (Joh.15,15). In unseren Händen das offenbarte Wort Gottes zu haben, ist sein Freundschaftsgeschenk an uns.

Das „Tier“ in der Offenbarung, das Milgram-Experiment und die Kirchen (Teil 1)

15. August 2010

Die uralte biblische Offenbarung ist auch heute hochaktuell. Ich möchte deshalb in diesem Artikel auf einige Abschnitte aus der Johannesoffenbarung eingehen. Nicht um die theologischen Kontroversen anzufachen, die es um dieses Buch gibt; sondern um einige aktuelle Bezüge herzustellen.

Prophetie ist nicht einfach gleich „Vorhersage“ oder „Zukunftsschau“. Prophetie ist ein „Blick hinter die Kulissen“ auch der gegenwärtigen Weltereignisse. Deshalb hatte die Offenbarung des Johannes sowohl den Christen im Römischen Reich, wie auch den Reformatoren und Wiedertäufern am Anbruch der Neuzeit, wie auch uns heute etwas zu sagen. Die Wahrheiten Gottes sind zeitlos, und es gibt bestimmte „Muster“, die den Weltereignissen aller Jahrhunderte zugrunde liegen.

Einen besonders vielsagenden „Blick hinter die Kulissen“ finden wir im 13.Kapitel der Offenbarung. Im Zentrum dieses Kapitels steht ein mysteriöses „Tier“. Hier ein paar Ausschnitte:

„Und die ganze Erde staunte dem Tier nach, und sie beteten den Drachen an, der dem Tier die Macht gegeben hatte, und sie beteten das Tier an: ‚Wer ist wie das Tier, und wer kann gegen es Krieg führen?'“ (Verse 3-4)

„Und es wurde ihm gegeben, gegen die Heiligen Krieg zu führen und sie zu besiegen; und es wurde ihm Macht gegeben über jeden Stamm und jedes Volk und jede Sprache und jede Nation. Und alle Bewohner der Erde beteten es an; (alle) deren Name nicht aufgeschrieben ist im Buch des Lebens des geschlachteten Lammes seit der Grundlegung der Welt.“ (Verse 7-8)

„Und es macht, dass allen, den Kleinen und den Grossen, den Reichen und den Armen, den Freien und den Sklaven, ein Zeichen auf ihre rechte Hand oder auf ihre Stirn gegeben wird; und dass niemand kaufen oder verkaufen kann, der nicht das Zeichen des Namens des Tieres hat, oder die Zahl seines Namens.“ (Verse 16-17)

Wir haben es hier mit einem Phänomen weltweiten Ausmasses zu tun. „Jeder Stamm und jedes Volk und jede Sprache und jede Nation“ – das bedeutet „global“. Und es geht um Macht, sehr viel Macht. Politische Macht (Regierungsgewalt und Krieg), religiöse Macht (das „Tier“ wird angebetet; und es besiegt die „Heiligen“, d.h. die Nachfolger Jesu), und wirtschaftliche Macht (niemand kann kaufen oder verkaufen ohne Bewilligung des „Tieres“). Eine solche Machtkonzentration war der Traum vieler berühmter Herrscher und Politiker seit den Tagen Nebukadnezars und Alexanders des Grossen, bis zu den heutigen Architekten einer „neuen Weltordnung“. Offenbarung Kapitel 13 deckt das „Muster“ auf, das hinter all diesen Unternehmen steckt.

Darüber könnte vieles gesagt werden. Ich möchte mich hier darauf beschränken, dem Ausdruck „Tier“ nachzugehen. In gewissen christlichen Kreisen ist es Mode, vom „Antichristen“ zu sprechen und nach dessen Kommen Ausschau zu halten; und in diesem Zusammenhang wird dann das erwähnte Kapitel zitiert. Aber das Wort „Antichrist“ kommt im Buch der Offenbarung gar nicht vor. (Dieser Ausdruck erscheint nur in den Johannesbriefen, und bezieht sich dort offensichtlich auf eine Vielzahl von Personen.) – Paulus beschreibt im 2.Thessalonicherbrief, Kapitel 2, einen „Menschen der Sünde“ oder „Mensch der Gesetzlosigkeit“, welcher der landläufigen Vorstellung vom „Antichrist“ nahekommt. Aber ob dieser „Mensch der Sünde“ identisch ist mit dem „Tier“ in der Offenbarung, wäre erst noch zu zeigen. Ein wichtiger Unterschied besteht darin, dass Paulus einen Menschen meint, einen „Er“; aber die Offenbarung spricht von einem Tier, einem unpersönlichen „Es“.

Oft können unklare Stellen der Bibel mit anderen, klareren Stellen erklärt werden. Es gibt ein Buch im Alten Testament, das in vielen Aspekten die Vision der Offenbarung vorausnimmt: das Buch Daniel. Im Kapitel 7 beschreibt Daniel eine Vision von vier Tieren. Das vierte dieser Tiere entspricht fast genau dem „Tier“ in der Offenbarung. Daniel erhält dazu die folgende Erklärung:

„Das vierte Tier wird ein viertes Reich auf der Erde sein, das von allen anderen Reichen verschieden sein wird; und es wird die ganze Erde fressen, zertreten und zermalmen. Und die zehn Hörner bedeuten, dass sich aus jenem Reich zehn Könige erheben werden…“ (Daniel 7,23-24)

Dieses „Tier“ ist also nicht eine Einzelperson, sondern ein „Reich“ oder eine „Regierung“. Es trägt „Hörner“, welche einzelne Könige oder Regierungspersonen verkörpern; aber das „Tier“ als ganzes ist viel mehr als eine Einzelperson. Wer lediglich nach dem Kommen eines einzelnen „Antichristen“ Ausschau hält, läuft deshalb Gefahr, vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr zu sehen. Das „Tier“ existiert bereits jetzt, und es existierte schon zur Zeit des Apostels Johannes; aber wegen der gängigen Auslegungen sind viele Christen nicht imstande, es zu sehen.

Es ist wichtig, den Unterschied zwischen einer Einzelperson und einem „Tier“ zu verstehen. Eine Einzelperson hat z.B. Gefühle, Verstand, Mitleid, Liebe, oder auch Hass und Zorn. Ein Tier hat das alles nicht. Es handelt irrational, instinktgetrieben. Ein Mensch hat ein Verantwortungsbewusstsein und kann für seine Taten zur Rechenschaft gezogen werden; ein Tier nicht.

Wenn sich Menschen in grösseren Gruppen zusammenschliessen und sich eine Struktur geben als Gremium, Institution, etc, dann beginnt von einem nicht genau festzulegenden Punkt an diese Institution ein Eigenleben zu entwickeln. John Taylor Gatto beschrieb dieses Phänomen folgendermassen:

„Institutionelle Moral besteht immer aus Propaganda. Wenn einmal eine institutionelle Maschinerie von genügender Grösse und Kompliziertheit aufgebaut ist, beginnt eine logische Entwicklung, die intern darauf ausgerichtet ist, alle ethischen Gebote zu unterdrücken und schliesslich zu eliminieren…
Die hauptsächliche Aufgabe aller institutionellen Verwalter ist es, dafür zu sorgen, dass ihre Institution zunimmt an Macht, an Anzahl der Angestellten (oder Mitglieder), an Unüberprüfbarkeit von seiten der Öffentlichkeit, und an Belohnungen für die Schlüsselpersonen. Die hauptsächliche Aufgabe ist natürlich nie jene, die öffentlich als Zweck der Institution verkündet wird. Ob wir von Bürokratien zur Kriegführung, zur Postzustellung oder zur Kindererziehung sprechen, macht keinen Unterschied.“
(John Taylor Gatto, „The Underground History of American Education“, bei http://www.johntaylorgatto.com)

In anderen Worten: Das „Menschliche“ geht verloren. Die Wünsche, Bedürfnisse und (hoffentlich) edlen Absichten der Menschen, welche sich anfangs zusammenschlossen, treten immer mehr in den Hintergrund. Dafür wird es immer wichtiger, die wachsenden Bedürfnisse eines unpersönlichen „Es“ – der Institution – zu befriedigen. Die „Tier-Natur“ der Institution wird mit der Zeit immer dominanter. Selbst Menschen, die offiziell an der „Spitze“ einer solchen Institution stehen – Staatspräsidenten, Generäle, Kirchenführer -, müssen eines Tages erkennen, dass sie zu Sklaven ihres eigenen Systems geworden sind. Sie wissen, dass sie sehr schnell gestürzt werden können, wenn sie gegen die „heiligen Interessen der Institution“ angehen.

Je grösser und komplizierter eine solche Institution, desto eher verschwindet der Einzelmensch hinter dem „Tier“. Ja, er kann sich sogar so weit mit dem „Tier“ identifizieren, dass er seine eigenen menschlichen Regungen verliert und selber anfängt, die „Tier-Natur“ anzunehmen. Es ist dabei belanglos, ob es sich um eine klassische Hierarchie handelt (wie im Militär oder im Vatikan), oder um ein postmodernes, New-Age-konformes „Netzwerk“.

Es gibt historische Momente, wo dieser entmenschlichende Vorgang in ein helles Schlaglicht gestellt wird. Leider werden diese Momente nur zu schnell vergessen. Ein solcher Moment war z.B. das „Erwachen“ Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg, als nicht nur Deutschland sich fragte: Wie war es möglich, dass eine ganze hochzivilisierte Nation einer derartigen barbarischen Ideologie und Kriegsmaschinerie hinterherlief? Aber auf dem Höhepunkt der Macht und Popularität des „Dritten Reiches“ hatte tatsächlich „die ganze Welt diesem Tier nachgestaunt“, und hatte gesagt: „Wer ist wie das Tier, und wer kann gegen es Krieg führen?“

Im Jahre 1961, als der Nazi-Verbrecher Adolf Eichmann vor Gericht kam, ersann der amerikanische Psychologe Stanley Milgram ein Experiment, um die Bereitschaft von Menschen zu untersuchen, abwegigen und sogar grausamen Anordnungen einer Autoritätsperson Folge zu leisten. Er wollte damit Fragen wie diese untersuchen: „Könnte es sein, dass Eichmann und seine Million Komplizen im ‚Holocaust‘ einfach Befehlen folgten? Können wir sie wirklich alle Komplizen nennen?“ – In seinem Bericht über das Experiment schrieb Milgram:

„Wie viel Schmerz wird ein Normalbürger einem Mitmenschen zufügen, einfach weil ein Wissenschafter oder Versuchsleiter es ihm befiehlt? … Selbst wenn die Schreie der Opfer den Versuchsteilnehmern in den Ohren klangen, gewann die Autorität meistens. … Gewöhnliche Menschen, die einfach ihre Arbeit tun, ohne persönliche Feindseligkeit, können Agenten eines schrecklichen und zerstörerischen Prozesses werden. Noch mehr: Auch wenn die zerstörerischen Folgen ihrer Arbeit offensichtlich werden, und ihnen gesagt wird, sie sollen Handlungen begehen, die unvereinbar sind mit grundlegenden moralischen Massstäben, sogar dann sind relativ wenige Menschen in der Lage, der Autorität zu widerstehen.“

(Dieses Zitat und die meisten anderen Angaben zum Milgram-Experiment stammen aus dem einschlägigen Artikel in Wikipedia.)

In dem Experiment ging es darum, dass der Versuchsperson gesagt wurde, sie solle das Verhalten einer anderen Versuchsperson mittels immer stärkerer Elektroschocks kontrollieren. (Was die Versuchsperson nicht wusste: In Wirklichkeit wurden keine Elektroschocks verabreicht, sondern die andere „Versuchsperson“ war ein Schauspieler, der den Schmerz nur vortäuschte.) Der Versuchsleiter übte keinen Druck auf die Versuchsperson aus. Jedesmal wenn eine Versuchsperson nicht mehr weitermachen wollte, sagte der Versuchsleiter lediglich, in dieser Reihenfolge:
1. „Bitte fahren Sie weiter.“
2. „Das Experiment verlangt, dass Sie weiterfahren.“
3. „Es ist absolut notwendig, dass Sie weiterfahren.“
4. „Sie haben keine andere Wahl, Sie müssen weiterfahren.“
Wenn nach dieser vierten Aufforderung eine Versuchsperson weiter darauf bestand, das Experiment abzubrechen, dann wurde es abgebrochen.

Das Experiment wurde an verschiedenen Orten der Welt und in verschiedenen Umgebungen wiederholt, überall mit demselben Ergebnis: Zwischen 61% und 66% der Versuchspersonen waren bereit, bis zu potentiell tödlichen Elektroschocks (wenn sie echt gewesen wären) von 450 Volt zu gehen. Im ersten Experiment von Milgram brach nur eine von 40 Versuchspersonen das Experiment unterhalb der Schwelle von 300 Volt ab. Keine einzige Versuchsperson verlangte, dass das Experiment an sich eingestellt würde.

Dieses Experiment gibt einen erschreckenden Einblick in die „Tier-Natur“ von Institutionen und politischen Systemen. Anscheinend der einzige Faktor, der die Bereitschaft der Versuchspersonen beeinflusste, war die persönliche Nähe. Wenn die Versuchsperson z.B. selber den Arm der anderen „Versuchsperson“ auf eine elektrisch geladene Platte halten musste, war die Bereitschaft zum Gehorsam deutlich geringer, als wenn sie von der anderen Person durch eine Glaswand getrennt war und die „Schocks“ aus der Entfernung auslöste.

„Wer kann dem Tier widerstehen?“ Anscheinend nur wenige. Ein jüdischer Versuchsteilnehmer – einer der wenigen, die das Experiment vorzeitig abgebrochen hatten – schrieb später, er hätte sich geweigert weiterzumachen, weil ihm der Verdacht gekommen sei, „das ganze Experiment sei dazu bestimmt, herauszufinden, ob gewöhnliche Amerikaner unmoralische Befehle ausführen würden, so wie es viele Deutsche während der Nazizeit taten.“

Leider fand ich keine Information darüber, ob der glaubensmässige Hintergrund der Versuchsteilnehmer das Ergebnis beeinflusste. Es wäre interessant zu erfahren, ob z.B. gläubige Juden und Christen, die in ihrem Gewissen an Gottes Wort gebunden sind, eher widerstehen konnten.

Die Prozesse gegen Nazi-Kriegsverbrecher warfen Licht auf einen weiteren Aspekt der „Tier-Natur“: Es ist schwierig bis unmöglich, eine ganze Institution oder ein politisches System zur Verantwortung zu ziehen. Jeder Beteiligte, bis hin zu den Leuten an der Spitze, versteckt seine persönliche Verantwortung hinter der Gesamt-Verantwortung des „Systems“ oder der „Institution“ (welche keine Persönlichkeit und kein Verantwortungsbewusstsein hat). Selbst wenn ihnen das ganze Ausmass des Leidens gezeigt wurde, das sie verschuldet hatten, zeigten einige, wie z.B. Eichmann, kein persönliches Schuldbewusstsein.

Im Kleinen beobachtete ich ähnliches in einigen Institutionen, sogar in solchen, die sich christlich nennen. Menschen, die an unrechten und unmoralischen Handlungen mitgewirkt hatten, konnten keine persönliche Schuld darin sehen, obwohl sie das Unrechte der Handlung an sich eingestanden. Schliesslich hatten sie „im besten Interesse der Institution“ gehandelt. Aber warum wird allgemein geglaubt, eine Institution, die gar keine Persönlichkeit hat, könnte berechtigte „Interessen“ haben?

Milgram konnte das erschreckende Ergebnis seines Experimentes nicht erklären. Das 13.Kapitel der Offenbarung liefert vielleicht nicht eine volle Erklärung, aber einen erhellenden Blick darauf. Es gibt in der Welt ein dämonisch inspiriertes Bestreben, immer grössere „tierische“ Institutionen zu errichten und diesen zu folgen, bis schliesslich die ganze Welt „institutionalisiert“ ist. Dies erklärt gewisse weltweite paradoxe Entwicklungen. Z.B. dass auf der einen Seite zunehmend nationale Grenzen, Handelsbarrieren usw. beseitigt werden, um die Welt zu „einigen“ und internationale „Freiheiten“ einzuführen; dass aber andererseits der Bürger zunehmend von seiner eigenen Regierung kontrolliert und überwacht wird, bis er keinen Schritt mehr tun kann, ohne von einer Überwachungskamera beobachtet zu werden, und keine Produkte mehr erwerben kann, ohne sich registrieren zu lassen.

Fortsetzung folgt…

Quellenangaben:

John Taylor Gatto, „The Underground History of American Education“
( http://www.johntaylorgatto.com )
Wikipedia (englisch), Artikel „Milgram experiment“

Weitere empfehlenswerte Lektüre zum Thema:
George Orwell, „1984“ (Ein Klassiker, der nicht in Vergessenheit geraten sollte!)
Wayne Jacobsen und David Coleman, „Der Schrei der Wildgänse“, Gloryworld-Medien (Englische Originalversion online bei http://www.jakecolsen.com )