Archive for the ‘Land und Leute im peruanischen Hochland’ Category

Knallzeit

28. Dezember 2012

Zum Jahresende ein nicht allzu tiefsinniges Stimmungsbild aus Perú.

Was würden Sie denken, wenn jemand in einem Laden einen „Schwiegermuttertöter“ verlangte? – Keine Angst, das ist nur einer der phantasievollen Namen, die hierzulande bestimmten Feuerwerks- oder Knallkörpern gegeben werden. Andere heissen z.B. „Zwiebelchen“, „Weisse Ratte“, etc. Es ist hierzulande üblich, dass sowohl am Heiligabend wie auch am Silvesterabend um Mitternacht so viele Knaller wie nur möglich abgefeuert werden. Und da die meisten Peruaner nach dem Motto leben: „Wenn schon ein Fest ist, dann muss man es ausgiebig feiern“, so findet die Knallerei während der letzten Woche des Jahres fast fortwährend statt, besonders nachts.

Da es vor allem Kinder und Jugendliche sind, die diesem Vergnügen frönen, kommt es dabei immer wieder zu Unvorsichtigkeiten und Unfällen. Es häufen sich in diesen Tagen die Nachrichten über Jugendliche, die wegen unsachgemässer Behandlung eines solchen Sprengkörpers (als solcher müssen die potenteren Ausführungen wohl bezeichnet werden) zwar nicht ihre Schwiegermutter, aber z.B. ein Auge oder mehrere Finger verloren haben. In unserer Nachbarschaft beobachteten wir einmal, wie ein solcher Riesenknaller einen Backstein aus der Mauer riss, vor der er gezündet wurde.

Es ist zwar verboten, Feuerwerkskörper an Minderjährige zu verkaufen, und auch die Lagerung solcher Waren und der Verkauf an Erwachsene unterliegt strengen Bestimmungen. (Insbesondere seit vor einigen Jahren in Lima ein ganzer Markt wegen der dort zum Verkauf angebotenen Feuerwerke in Flammen aufging.) Aber niemand hält sich an diese Bestimmungen. Die Polizei konfisziert zwar ab und zu als Alibiübung einige Kilo oder Tonnen Feuerwerk, aber da bleibt immer noch genug übrig, damit der Schwarzmarkt ungehindert weitergehen kann. Das meiste davon ist importiert aus China, offenbar hergestellt von Billigarbeitern zur Ausfuhr in Billigpreisländer. Denn anscheinend können die Hersteller es sich nicht leisten, jemanden anzustellen, der die lateinische Schrift und/oder Fremdsprachen beherrscht. „FIREWOKRS – MADE IN CHIAN“ (sic) steht z.B. in grossen Buchstaben auf einem dieser Erzeugnisse.

Zum Strassenbild gehört in diesen Tagen auch, dass man da und dort in der Stadt lange Schlangen von zumeist ärmlich aussehenden Kindern am Strassenrand stehen oder sitzen sieht. Sie warten auf eine Verteilung von billigen Spielsachen oder von heisser Schokolade und Panettone (das ist der hier übliche Weihnachts-Nachtisch), wie sie von grossen Unternehmen oder von hochstehenden Politikern organisiert werden, die sich in der Öffentlichkeit beliebt machen wollen. Es gibt Kinder, die eine ganze Nacht in einer solchen Warteschlange zubringen, damit sie am anderen Tag, wenn die Verteilung stattfindet, sicher nicht leer ausgehen. In unserer Stadt sind leider kürzlich die Kinder gleich bei zwei Gelegenheiten vergeblich Schlange gestanden, weil, wie nachher entschuldigend im Radio erklärt wurde, „etwas dazwischengekommen sei“, sodass die versprochenen Spielsachen nicht zum angekündigten Termin eintrafen.

Im übrigen ist dies eine Zeit, wie in Europa auch, wo man Verwandte einlädt und gut isst. Nur dass hierzulande dabei wahrscheinlich viel mehr Alkohol getrunken wird. Leider sind manche Familienväter während dieser ganzen Woche kaum je nüchtern anzutreffen.

Wie sehr wünschen wir uns, dass die Kinder hier Jesus kennenlernen, damit sie in ihm echte Freude erleben können, statt der zweifelhaften und oft mit viel Bitterkeit vermischten Vergnügen, die die Welt anbietet!

Europäer, was kommt auf euch zu?

26. November 2012

Bis hier ins entfernte Perú gelangen die Schlagzeilen über die Wirtschaftskrise und die damit verbundenen Unruhen in Europa. Was wird daraus noch werden?

Was mich am meisten beunruhigt, ist nicht die Krise an sich, sondern ein gewisser Wesenszug vieler Europäer (insbesondere deutschsprachiger?), der mir nach vielen Jahren des Lebens in Perú noch viel deutlicher auffällt: Viele Europäer haben masslos übertriebene (materielle) Ansprüche an das Leben. Vielleicht fällt ihnen das in ihren Heimatländern, wo alle diese Ansprüche erfüllt sind, gar nicht mehr auf. In einer Umgebung wie hier im peruanischen Hochland hingegen kommt eine solche Eigenschaft sofort ans helle Tageslicht.

Z.B. sind die Strom- und Wasserversorgung hier ziemlich unzuverlässig. In vielen Wohngegenden ist es normal, dass es nachmittags kein fliessendes Wasser mehr gibt bis zum nächsten Morgen. Natürlich ist das Wasser aus dem Wasserhahn auch nicht zum Trinken geeignet: man muss es zuerst abkochen oder desinfizieren. Stromunterbrüche sind ebenfalls an der Tagesordnung. Weshalb ich beim Tippen dieses Artikels alle paar Minuten eine Sicherheitskopie mache, damit bei einem plötzlichen Stromausfall nicht die ganze Arbeit verlorengeht. Kerzen oder Taschenlampen sollte man für solche Fälle auch immer bereithalten. – Könnten Sie all das als normal und alltäglich hinnehmen?

Ein älteres deutsches Ehepaar, deren Tochter (Missionarin) hier in Perú heiratete, war entsetzt über das Haus, wo das frischgebackene Ehepaar wohnen würde. Es war eigentlich ein für hiesige Verhältnisse gut gebautes und komfortables Haus: aus Zement, nicht bloss aus Lehmziegeln; und sogar der Fussboden war aus Zement, nicht aus Holzplanken oder sogar aus gestampftem Lehm wie in manchen anderen Häusern. Es hatte sogar einen eigenen Wassertank mit Pumpe auf dem Dach, sodass auch nachmittags Wasser aus dem Hahn kam. Nur hatte es keine modernen vollisolierten doppelverglasten Fenster, sondern einfache Holzrahmen, in die die Scheiben nach altmodischer Weise mit Fensterkitt eingepasst waren; und es gab keine Heizung (das gibt es hier höchstens in den piekfeinen Hotels für die verwöhnten Touristen). So kann die Zimmertemperatur frühmorgens in der kalten Jahreszeit bis auf dreizehn Grad absinken – aber das macht eigentlich nichts, denn tagsüber wärmt die Sonne auch in der kalten Jahreszeit auf gegen zwanzig Grad auf. – Auch sonst war manches an dem Haus einfacher und von geringerer Qualität als in Deutschland üblich. Ein Grund zu grosser Aufregung für die besorgten Eltern.

Einmal assen wir mit einem Schweizer Ehepaar in einem Restaurant und bestellten Fisch. „Ist das üblich hier?“, fragten sie, „wir essen eigentlich nicht oft Fisch.“ – „Wir auch nicht“, antwortete meine Frau, „an manchen Tagen findet man keine guten Fische auf dem Markt, oder dann sind sie teuer.“ – Aber es stellte sich heraus, dass die Schweizer an etwas ganz anderes gedacht hatten: Sie waren sich gewohnt, jeden Tag Fleisch zu essen, und da galt Fisch bereits als ein Essen zweiter Klasse. – Bei solchen Gelegenheiten kann man den (beidseitigen) Kulturschock geradezu mit Händen greifen. (Meine Frau hat während ihrer ganzen Kindheit kaum je Fleisch genossen, weil ihre Eltern es sich einfach nicht leisten konnten – oder wenn, dann nur die billigen Innereien, aber keine guten Stücke.)

Beim Kartoffelnschneiden kommt es öfters vor, dass man dabei auch noch einen Wurm mit zerschneidet. Und wenn man auf dem Markt Früchte kauft, dann sind meistens einige darunter, die ihr Verfalldatum schon längst überschritten hätten, wenn sie eines hätten. Manchmal sind gewisse Lebensmittel einfach nicht zu bekommen. Selbst so alltägliche wie Brot – wenn z.B. der Bäcker gerade an einem dreitägigen Familienfest ist, sich betrunken hat oder einen Unfall hatte. Dann findet das Frühstück einfach etwas später statt, weil man zuerst Kartoffeln kochen oder Omeletten braten muss. – Auch käme hier niemand auf die Idee, wir hätten ein „Recht“ darauf, jegliche Art von Früchten oder Gemüse aus jeglichem Land zu jeglicher Jahreszeit kaufen zu können.

Reisen – besonders wenn es in abgelegene Gebiete geht – sind öfters mit unvorhergesehenen Zwischenfällen verbunden. Wenn der Bus fern von jeglicher Ortschaft eine Panne hat, kann das mehrere Stunden Wartezeit bedeuten. Manche Transportbetriebe haben gar keinen Fahrplan; sie fahren einfach, wenn der Bus voll ist. Und manchmal erfährt man erst in letzter Minute, dass eine Fahrt gar nicht stattfinden kann, weil eine Strecke gesperrt ist wegen Streiks, Hochwasser, Erdrutschen, Bauarbeiten, oder anderen Gründen.

Ich erinnere mich noch, wie schon in meiner Kindheit viele meiner Kameraden jammerten und stöhnten, wenn sie einmal auch nur zehn Minuten zu Fuss irgendwohin gehen mussten, statt im Auto chauffiert zu werden. Heute, wo Nicht-Autobesitzer so gut wie ausgestorben sind, dürfte diese „Krankheit“ noch weiter verbreitet sein. Hier im peruanischen Hochland hingegen habe ich Kinderlager geleitet, wo die Teilnehmer mehrere Kilometer weit zu Fuss gekommen waren – eine Kindergruppe war fünf Stunden lang gewandert, um teilnehmen zu können. Geschlafen wurde im Lager am Boden auf Wolldecken oder Schaffellen, bei Temperaturen zwischen fünf und zehn Grad. Keines der Kinder beklagte sich darüber; manche waren sich auch von zuhause nichts Besseres gewöhnt.

Nicht zuletzt befindet sich Perú im „pazifischen Feuergürtel“, der erdbebengefährdetsten Zone der Welt. Ich weiss nicht, ob das in Europa überhaupt noch in die Nachrichten kommt – aber seit den grossen Erdbeben von Haiti, Chile und Japan in den letzten Jahren kommt dieser „Feuergürtel“ überhaupt nicht mehr zur Ruhe. Fast jeden Monat wird allein aus Südamerika ein grösseres Erdbeben (um Stärke 6 auf der Richterskala) gemeldet; und kleinere Beben sind an der Tagesordnung. Unter diesen Umständen bleibt man sich eher bewusst, dass unser Leben „nur ein Hauch“ ist, und dass unser Hab und Gut keineswegs sicher ist, sondern von einem Tag auf den anderen verlorengehen könnte.

Interessanterweise gibt es auch Europäer, die gerade wegen der „abenteuerlichen“ Aspekte in Perú Ferien machen. Sie betreiben dann verrückte Sportarten wie Wildwasserfahren oder Bungee-Jumping – offenbar um ihrer allzu wohlgeordneten Welt eine Zeitlang zu entfliehen. Ich muss sagen, nach solchen Dingen habe ich kein Bedürfnis. Ich habe schon genug Abenteuer, wenn ich z.B. selber auf unser Wellblechdach steigen muss, um es zu reparieren, weil es keine Dachdecker gibt. Oder wenn ich nachts in einem fremden Dorf, in dem es nicht einmal Strassennamen gibt und wo die meisten Leute kein Spanisch verstehen, eine Person suchen muss, von der ich nichts als ihren Namen weiss. Oder wenn ich auf dem Weg mein Fahrrad über Bäche tragen muss, weil es keine Brücken gibt. Oder wenn ich mir selber etwas zu essen zubereiten muss in einer Hütte auf über 4000 Metern über Meer, wo es als Brennmaterial für die Feuerstelle nichts als getrockneten Kuhmist gibt. Wenn ich von solchen Reisen zurückkehre, dann kommt mir mein nicht europataugliches Haus jeweils wie ein Palast vor.

Übrigens hätten die meisten Peruaner gar keine Zeit dafür, „Abenteuerreisen“ in fremde Länder zu unternehmen, oder auch nur in ihrer eigenen Stadt Vergnügungen nachzugehen – abgesehen von einfachen Dingen wie Fussballspielen, Familien- und Dorffeste, oder zuhause fernsehen (letzteres ist leider auch hier eine Volksseuche). Eine derartige Freizeitkultur oder Freizeitindustrie wie in Europa existiert hier überhaupt nicht. Nach der Arbeit ist man müde und muss ausruhen; die gesetzlich vorgesehene Höchstarbeitszeit von 48 Stunden pro Woche wird praktisch überall weit überschritten.

Warum schreibe ich das alles? – Hauptsächlich weil ähnliche Zustände auch für Europa voraussehbar sind, wenn die Wirtschaftskrise weiter voranschreitet. Wie werden das die Europäer aushalten, die glauben, wie selbstverständlich ein Anrecht auf perfekten Komfort, perfekte Dienstleistungen und einen gemütlichen Feierabend zu haben? Wenn schon jetzt, lange bevor es so weit ist, Tausende auf die Strasse gehen wegen einiger Sparmassnahmen, was wird dann sein, wenn dieser Komfort eines Tages wirklich nicht mehr da ist? Gut möglich, dass dann die wahre Natur des gefallenen Menschen wieder in all ihrer Hässlichkeit ans Licht kommen wird, und die psychologischen, zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Nebenwirkungen der Wirtschaftskrise viel zerstörerischer sein werden als die materiellen Folgen der Krise selbst. Im Klartext: Allzu viele Menschen könnten mit Gewalt, Verbrechen, Revolutionen und Krieg reagieren, wenn ihre materiellen Ansprüche plötzlich nicht mehr erfüllt werden.

„Den Reichen in der jetzigen Welt gebiete, dass sie nicht hochmütig seien, noch ihre Hoffnung auf den unsicheren Reichtum setzen, sondern auf Gott, der uns alles reichlich darbietet zum Genuss; dass sie Gutes tun, reich seien an guten Werken, freigebig seien, gern mitteilend, wodurch sie für sich selbst einen guten Schatz beiseite legen auf die Zukunft hin, damit sie das wahrhaftige Leben erlangen.“ So schrieb Paulus an Timotheus (1.Tim.6,17-19). Und ein wenig vorher: „Denn wir haben nichts in die Welt hereingebracht; so ist offenbar, dass wir auch nichts hinausbringen können. Wenn wir aber Nahrung und Kleidung haben, sollen wir uns daran genügen lassen. Die aber, die reich werden wollen, fallen in Versuchung und in eine Schlinge und in viele törichte und schädliche Begierden, die die Menschen in Untergang und Verderben stürzen.“ (1.Tim.6,7-9) Solche Genügsamkeit wird in der kommenden Zeit lebenswichtig sein.
– Jakobus schreibt noch viel radikaler: „Nun wohlan, die ihr sagt: Heute oder morgen wollen wir in die und die Stadt ziehen und wollen da ein Jahr zubringen und Handel treiben und Gewinn machen – ihr wisst ja nicht, wie es morgen um euer Leben steht! (…) Nun wohlan, ihr Reichen, weint und jammert über die Drangsale, die über euch hereinbrechen! Euer Reichtum ist verfault und eure Kleider sind von Motten zerfressen. Euer Gold und Silber ist verrostet, und ihr Rost wird zum Zeugnis gegen euch sein und euer Fleisch verzehren wie Feuer …“ (Jakobus 4,13-14; 5,1-2)

Wohlstand und ein reibungsloses Funktionieren von Dienstleistungen sind keineswegs ein „Recht“, das wir einfordern könnten. Schon gar nicht vom Staat: es ist nicht Aufgabe des Staates, seine Bürger zu ernähren. (Allerdings ist es auch nicht sein Recht, sich auf Kosten der Bürger zu ernähren.) Nach Römer 13,3-4 und 1.Petrus 2,14 ist die Aufgabe der Regierung darauf beschränkt, die Übeltäter zu bestrafen und die Guten zu belohnen. Die Regierung ist aber nicht dazu eingesetzt, Kranke zu pflegen, Arme zu versorgen, Kinder zu erziehen, und Geschenke zu verteilen, wie heutzutage vielfach geglaubt wird. Für diese Bereiche sind in erster Linie die Familien und in zweiter Linie die christlichen Gemeinschaften zuständig.
Wir sind in dieser Hinsicht wieder bei der Mentalität angelangt, die schon das römische Reich zum Zusammenbruch führte:

„Edward Gibbon erwähnte in seinem Buch Der Untergang des Römischen Weltreiches (1776-1788) die folgenden fünf Kennzeichen, die Rom am Ende aufwies:
erstens eine zunehmende Vorliebe für Zurschaustellung und Luxus (Wohlstand);
zweitens eine grösser werdene Kluft zwischen den sehr Reichen und den sehr Armen (dies kann auf Völker bezogen sein, aber auch innerhalb eines Volkes zutreffen);
drittens eine exzentrische Sexualität;
viertens eine groteske, wunderliche Kunst, die sich als originell ausgab, und eine Begeisterung, die sich für kreativ hielt;
fünftens ein zunehmendes Verlangen, auf Kosten des Staates zu leben.
Dies kommt uns allen sehr bekannt vor. Wir haben seit unserem ersten Kapitel viel gesehen – nun sind wir wieder in Rom.“
(Francis Schaeffer, „Wie können wir denn leben?“)

Man könnte hier auch noch die Freizeitindustrie und Vergnügungssucht anführen („Brot und Spiele“).
Schaeffer schreibt auch:

„Als es mit der von verschärfter Inflation und einer aufwendigen Regierung belasteten Wirtschaft Roms immer mehr bergab ging, wurde die Herrschaft des Staates immer autoritärer, um der Apathie entgegenzuwirken. Da niemand mehr bereit war, freiwillig zu arbeiten, musste der Staat in dieser Hinsicht oft eingreifen, und Freiheiten gingen verloren …“

Auch das (autoritäre Diktaturen) dürfte durchaus zur näheren Zukunftsperspektive Europas gehören – sofern nicht eine radikale Umkehr zu Gott stattfindet.

Jedenfalls haben die heutigen Europäer – mit wenigen Ausnahmen – ihren gegenwärtigen Reichtum nicht verdient. Es dürfte den wenigsten unter ihnen bewusst sein, dass sie im Begriff stehen, den letzten Überrest des Erbes vergangener Generationen aufzuzehren – Generationen, die materiellen Wohlstand nicht als ein einzuforderndes Recht ansahen und schon gar nicht als eine Selbstverständlichkeit, sondern im Gegenteil als einen unverdienten Segen Gottes. Wahrscheinlich war es auch unter diesen vergangenen Generationen keine Mehrheit, die persönlich wiedergeboren waren; aber immerhin herrschte eine allgemeine Gottesfurcht, und die grosse Mehrheit war von einer christlichen Weltanschauung geprägt. (Das trifft insbesondere für das 18.Jahrhundert und noch bis ins 19.Jahrhundert hinein zu, und insbesondere für die Reformationsländer.) Deshalb konnte Gott ihnen auch solche materiellen Segnungen anvertrauen. Heute aber ist auch dieses christliche Erbe weitgehend über Bord geworfen worden. Damit hat Europa nicht nur die gegenwärtige Krise heraufbeschworen, sondern hat sich zugleich jeglicher geistlicher Stütze beraubt, die nötig wäre, um einer solchen Krisenzeit erfolgreich und mit Gottvertrauen begegnen zu können. Was also soll aus Europa werden?

Leider haben auch die christlichen Kirchen und Gemeinden längst aufgehört, das „Salz der Erde“ zu sein. Wenn sie selber, die doch Hüter der Wahrheit Gottes sein sollten, der Staatsideologie und dem Wohlstandsglauben nachfolgen, wer soll sie dann auf den Weg Gottes zurückführen? Wenn das Salz seine Schärfe verliert, womit soll es dann wieder salzig gemacht werden?

Unsummen von Geld haben die Kirchen – nicht zuletzt die evangelikalen – investiert in ihre Prunkbauten, ihre Multimedia- und Verstärkeranlagen, ihre Unterhaltungsindustrie – lauter Dinge, die am Jüngsten Tag in Flammen aufgehen werden. Die Apostel Jesu haben ohne alle diese Dinge mehr und standfestere Jünger Jesu hervorgebracht als die heutigen Kirchen mit all ihrem Reichtum. Aber heute, wenn das Geld knapp wird, verzichtet man lieber auf das Missionsbudget, als auf ein luxuriöses und unnötiges Gemeindegebäude.

Apropos Missionsbudget: Da steht auch im Zentrum einer peruanischen Stadt ein solches millionenschweres Renommiergebäude, seinerzeit finanziert von einer europäischen Missionsgesellschaft (statt dass man mit dem Geld die Armen und die echten Diener Gottes unterstützt hätte, wie es in der Bibel steht). Dieses Gebäude kam kürzlich im Fernsehen – aber nicht etwa zur Ehre Gottes, sondern weil zwei Fraktionen der in sich gespaltenen Gemeinde das unwürdige Schauspiel boten, einander gegenseitig mit Polizeigewalt aus dem Gebäude hinauszuwerfen. Statt die Ausbreitung des Reiches Gottes zu fördern, hat dieses Gebäude nur die Geld- und Machtgier der seinerzeit von den Missionaren eingesetzten Leiter gefördert.

Wenn also sogar evangelikale (und missionseifrige) Kirchen im In- und Ausland das Beispiel einer solch materialistischen Gesinnung geben, was ist dann erst von „Weltmenschen“ zu erwarten? Was soll aus Europa werden?

„Denn es ist Zeit, dass das Gericht anfängt beim Hause Gottes; und wenn es zuerst mit uns anfängt, was wird das Ende jener sein, die dem Evangelium Gottes nicht gehorchen?“ (1.Petrus 4,17)

Skurrile Nachrichten aus Perú

6. Juni 2012

Im folgenden eine kleine Sammlung von Merkwürdigkeiten, die im Lauf der letzten Jahre über Radio, Zeitungen oder Internet berichtet wurden:

Was alles gestohlen wird…

In einem Bezirk der Hauptstadt Lima wurden in einer Nacht 34 Schachtdeckel aus den Strassen gestohlen.

Aus einer medizinischen Ausstellung in Lima wurde ein wichtiges Ausstellungsstück, eine Lunge, gestohlen. Der Diebstahl machte im ganzen Land Schlagzeilen. Schliesslich kam aus, dass eine Mitarbeiterin der Ausstellung die Schuldige war: Sie wollte, wie sie sagte, für Aufsehen in den Medien sorgen, um mehr Besucher für die Ausstellung zu gewinnen.

In einer grösseren Stadt war eines Morgens die gesamte Trinkwasserversorgung zusammengebrochen. Der Grund: Diebe hatten in der Nacht zuvor mehrere hundert Meter Stromkabel einer Überlandleitung entwendet. Die Leitung gehörte zur Stromversorgung einer Pumpe, die Wasser aus einem See pumpte zur Versorgung der Stadt. Einer der Diebe bezahlte die Tat mit seinem Leben: er wurde von einem Stromschlag getötet.

Was der Alkohol bewirkt

Ein Schuldirektor versuchte einem von der Schulbehörde angeordneten Alkoholtest zu entgehen, indem er die Schulhofmauer zu überklettern versuchte. Dies misslang ihm aber, und er fiel ins Innere des Hofes zurück. Die Eltern der Schüler hatten seit drei Monaten den Rücktritt des Direktors verlangt, da er regelmässig betrunken zur Arbeit kam.

Radiomeldung:
„Ein betrunkener Mann, in Begleitung einer weiblichen Person, versuchte mitten in der Nacht samt seinem Auto in ein schlichtes Privathaus einzudringen, angeblich um Schnaps zu kaufen. Er verursachte dadurch beinahe den Einsturz des Hauses. Als er von der Polizei festgenommen wurde, sagte er nur: ‚Caramba, verkauft mir Schnaps, ich will weitertrinken mit meiner Geliebten!'“

Ungebildete Lehrer

Ein Fernsehprogramm beauftragte Schüler, ihren Lehrern im Unterricht bestimmte Fragen über den gerade behandelten Stoff zu stellen, oder über Themen des Allgemeinwissens, und die Antworten mittels einer versteckten Kamera zu filmen. Die einhellige Antwort der Lehrer war fast jedesmal: ‚Such es im Internet!‘
Fragen wie: ‚Wer hat Machu Picchu entdeckt?‘ [hier in Perú allgemein bekannt], oder ‚Wie heisst der gegenwärtige Bildungsminister?‘, konnten von der grossen Mehrheit der Lehrer nicht beantwortet werden.

Freudscher Versprecher

Ein neugewählter Bürgermeister schwor seinen Amtseid „bei Gott und dem Geld“.
(Auf Spanisch hat das Wort für „Geld“ – „plata“ – einen gewissen Anklang an „Vaterland“ – „patria“ -, bei dem er hätte schwören sollen.)

Nachträglich korrigierte Nachricht

Radiomeldung:
„Der Jugendfürsorge wurden drei Jungen übergeben, die sich den ganzen Tag auf dem Hauptplatz der Stadt herumgetrieben hatten und angeblich Arbeit suchten. Sie sagten, sie würden von ihren Eltern vernachlässigt und bekämen nicht einmal zu essen. Die Eltern werden dringend ersucht, sich zu melden.“

Am nächsten Tag:
„Die Eltern der drei Jungen, über die wir gestern berichteten, konnten ausfindig gemacht werden, und die wahre Geschichte ist ans Licht gekommen: Die Jungen, die auf dem Land lebten, hatten mit Streichhölzern gespielt und dabei einen kleineren Brand verursacht. Aus Angst vor der elterlichen Strafe waren sie in die Stadt geflüchtet und kamen auf die Idee, sich als von ihren Eltern verlassene Kinder auszugeben.“

Alltägliche Tiere im peruanischen Hochland

18. April 2012

Ich denke, ich sollte wieder einmal etwas über unsere alltägliche Umgebung schreiben. Zum Beispiel über die Tiere, denen wir ab und zu begegnen.
Als die charakteristischsten Tiere des Hochlandes gelten der Kondor und der Puma. Die Inkas betrachteten sie als Götter. Ich konnte aber noch keinen von ihnen in freier Wildbahn beobachten. Der Kondor ist vom Aussterben bedroht, und Pumas sollen eher scheu sein. Nur wenn sie sich in ihrer Lebensweise gestört fühlen, können sie angriffig werden. Z.B. haben vor einigen Jahren Bergbauern während der Trockenzeit einen Grasbrand verursacht (das tun sie öfters absichtlich, es soll eine rituelle Bedeutung im Zusammenhang mit dem Kult der „Mutter Erde“ haben) und haben dadurch einige Pumas aus ihrem angestammten Jagdgebiet vertrieben. Auf der Suche nach einem neuen Lebensraum haben diese dann einige Hirtenjungen angefallen.

Im folgenden werde ich einige weniger aufsehenerregende Tiere vorstellen, die wir öfters zu Gesicht bekommen und deshalb auch fotografieren konnten.

Libellen gibt es in allen Farben. Die Hochlandbewohner nennen sie auch „carta-carta“ („Brief-Brief“), weil nach dem Volksglauben ihr Erscheinen ankündigen soll, dass man demnächst einen Brief bekommt.

Die Stabheuschrecke sieht tatsächlich wie ein dünner Holzstab aus. Selbst grössere Exemplare (sie können bis 20 cm lang werden) sind deshalb im Gesträuch nicht leicht zu sehen:

Offenbar sind die Stabheuschrecken auf diese Tarnung angewiesen, weil sie eher schwerfällige Tiere sind. Sie können weder fliegen noch springen. Hier sieht man sie etwas besser:

Hier nochmals ein Beispiel guter Tarnung. An einem Baumstamm wäre dieser Nachtfalter trotz seiner Grösse so gut wie unsichtbar, da er genau wie ein Stück Rinde aussieht. Zudem reflektieren seine Flügel z.T. die Farbe seiner unmittelbaren Umgebung; deshalb hat die linke Hälfte des linken Flügels einen etwas anderen Farbton als der Rest. Dieser Falter hier konnte offenbar nicht mehr vor Tagesanbruch zu seiner „Wohnung“ zurückfinden und hat sich deshalb auf dem Fensterbrett niedergelassen:

Spinnen gibt es massenhaft, in allen Grössen und Formen! Hier eine junge Tarantel. Ausgewachsen können sie (mit Beinen) bis handgross werden. Als wir noch am Stadtrand wohnten, spazierte ab und zu eine von ihnen ins Haus hinein. Menschen werden jedoch selten von ihnen gestochen.

Dieses unscheinbare Tierchen hingegen fordert jedes Jahr mehrere Todesopfer. Es handelt sich um die berüchtigte Schwarze Witwe, eine der giftigsten Spinnenarten der Welt. Obwohl sie nur klein ist (Körper rund 1 cm, mit Beinen ca. 5 cm), kann ihr Biss tödlich sein. Zum Glück wagt sie sich normalerweise nicht in die Stadt hinein. An den steinigen Berghängen der Umgebung kommt sie jedoch häufiger vor, als uns lieb ist. Man muss deshalb bei Wanderungen entsprechende Vorsichtsmassnahmen treffen: möglichst keine Kleider und offene Taschen oder Rucksäcke am Boden liegenlassen (die Spinnen könnten hineinkriechen), und sich nicht an Orte hinsetzen, wo Spinnweben in der Nähe sind. Die Schwarze Witwe spinnt ihre Fäden mit Vorliebe zwischen Steinen oder an niedrigen Büschen in Bodennähe. Meistens läuft sie nicht so gut sichtbar umher wie auf dem obigen Bild, sondern hält sich unter Steinen oder zwischen Pflanzen versteckt, so wie unten.
Nicht einmal ihre eigenen Artgenossen sind sicher vor ihr: Ihren Namen hat die Schwarze Witwe von der Angewohnheit, dass das Weibchen das Männchen nach der Paarung aufzufressen pflegt.

– Frösche und Kröten müssen in Perú noch nicht unter Naturschutz gestellt werden. Manchmal verirren sie sich bis in unseren Hinterhof – zur Freude unserer Kinder und zum Leidwesen meiner Frau.

Zikaden sind eigentlich in subtropischen und tropischen Gegenden heimisch. Während der wärmeren Jahreszeit kommen auch welche ins Hochland und machen mit ihrem lauten Zirpen auf sich aufmerksam. Sie sitzen hier aber die meiste Zeit still und schwirren nur ab und zu müde von einem Baum (oder Sonnenblumenstengel) zum nächsten; während sie in ihrer Urwald-Heimat in blitzschnellem Zickzackflug hin- und herschiessen und dabei öfters kopfvoran mit einer Wand – oder auch mit einer Person – kollidieren.
Kinder betrachten die Zikaden offenbar als Spielzeug. Sie halten sie z.B. in der Hand fest und lassen sie dann gerade so weit los, dass sie zirpen, aber nicht davonfliegen können.

Auch verschiedene Kolibri-Arten sind im Hochland manchmal zu sehen. Die Blumen in unserem Garten sind offenbar ein Anziehungspunkt für sie: wenn sie blühen, kommt täglich ein Kolibri (oder mehrere) vorbei, um Nektar zu saugen. Sie sind aber eher scheue Vögel. Hier ist es meinem Sohn trotzdem gelungen, einen zu fotografieren:

Wahlen in Perú

18. April 2011

Vor einer Woche wurde der neue peruanische Kongress gewählt; und aus zehn Präsidentschaftskandidaten (von denen sich aber nur fünf in den Medien Gehör verschaffen konnten) wurden jene zwei ausgewählt, die sich beim zweiten Wahlgang anfangs Juni gegenüberstehen werden. Ich ergreife die Gelegenheit, um ein wenig das Umfeld zu beschreiben, in welchem wir hier leben, bzw. in naher Zukunft voraussichtlich leben werden.

Zunächst ein Umstand, der aus europäischer Sicht nicht so leicht verstanden wird: Wahlen sind hierzulande ganz ausgeprägte Persönlichkeitswahlen; d.h. Parteiprogramme und Prinzipien spielen bei der Entscheidung kaum eine Rolle. So gut wie jeder Kandidat, der Präsident werden will, gründet zu diesem Zweck seine eigene Partei; deren Programm ist dabei eher nebensächlich. Tatsächlich glichen sich dieses Jahr viele Vorschläge der Kandidaten so sehr, dass man beinahe denken musste, einer hätte vom anderen abgeschrieben. Politische Parteien sind hierzulande also nicht in erster Linie Organisationen zur Verwirklichung eines politischen Programms, sondern persönliche Unterstützungsorganisationen eines bestimmten Kandidaten und Parteigründers. Die einzige heute noch existierende Partei, die eine längere Tradition und ein einigermassen fest umrissenes Programm hat, ist die ursprünglich radikal-revolutionäre, heute aber gemässigt-sozialdemokratische APRA. Gerade diese Partei (welcher der abtretende Staatspräsident Alan García angehört) hat sich aber dieses Jahr innerlich zerstritten, sodass sie sich auf keinen Präsidentschaftskandidaten einigen konnten. In der Folge verloren sie auch von ihren 36 Sitzen im Kongress alle bis auf vier. So kann eine – wenn auch noch so traditionsreiche – Partei fast von einem Tag auf den anderen verschwinden, wenn sie keinen „starken Mann an der Spitze“ mehr vorzuweisen hat.

Die Gründe für diese Abwesenheit von Prinzipien und Programmen sehe ich in der Kultur und Geschichte dieses Landes. Mindestens seit der Inkazeit sind sich die Peruaner gewohnt, einem „starken Mann“ blindlings zu folgen. Die spanische Eroberung und Kolonialherrschaft, samt ihrer Zwangskatholisierung, verstärkte diese Tendenz noch. Da Perú nie eine Reformation erlebt hat, sind hierzulande die Prinzipien des Rechtsstaates sehr schwerverständlich. Diese sind nämlich ein Erbe der Reformation, wie Francis Schaeffer ausführt (in „Wie können wir denn leben?“):

„Die Grundlage für Freiheit ohne Chaos wird in Paul Roberts Wandgemälde dargestellt, das er Die Gerechtigkeit erhebt die Völker nannte. (…) Es befindet sich im Treppenhaus des alten Gebäudes des Obersten Gerichtshofes der Schweiz in Lausanne. (…) Robert stellte verschiedene Arten von Gerichtsfällen im Vordergrund dar, und hinter der Richterbank stehen die Richter in ihren langen, schwarzen Gewändern. Somit stellt das Bild die Frage: Wie sollen die Richter richten? Auf welcher Grundlage können sie einen Urteilsspruch fällen, von dem sich nicht sagen lässt, dass er willkürlich sei? Über den Richtern malte Robert die Gerechtigkeit mit unverbundenen Augen, und ihr Schwert ist nicht vertikal nach oben gerichtet, sondern nach unten auf ein Buch, und auf dem Buch steht geschrieben: ‚Das Gesetz Gottes.‘ Dieses Gemälde brachte die Basis für Soziologie und Rechtsprechung zum Ausdruck, die Nordeuropa nach der Reformation besass.

(…) Die ausdrückliche Lehre der Bibel, dass alle Menschen – auch Monarchen – dem Gesetz Gottes gegenüber verantwortlich sind, wurde in den Ländern in die Praxis umgesetzt, in denen die Lehre der Reformation, dass die Bibel die einzige, endgültige Autorität sei, Wurzel geschlagen hatte. Anderswo war es für die zentralisierenden Monarchen vom politischen Standpunkt aus gesehen nur natürlich, die Hilfe der hierarchischen römisch-katholischen Kirche zur Kontrolle politischer (und nicht nur religiöser) Andersgläubigkeit in Anspruch zu nehmen.

(…) Das deutlichste Beispiel für das Reformationsprinzip der politischen Kontrolle des Volkes über ihren Regenten finden wir in einem Buch, das von einem Schotten verfasst worden ist – Samuel Rutherford (1600-1661). Dieses Buch trägt den Titel Lex Rex: Das Gesetz ist König. (…) Was Paul Robert für die Richter im Gebäude des Obersten Gerichts malte, hatte Rutherford bereits in seinem Buch ausgeführt. Hier gab es ein Konzept der Freiheit ohne Chaos, denn es war eine Freiheit mit Form. Oder, anders ausgedrückt, hier gab es eine Regierung des Gesetzes an Stelle der willkürlichen Entscheidungen von Menschen – denn die Bibel als endgültige Autorität war die Grundlage. (…) Samuel Rutherfords Werk und die Tradition, auf der es beruhte, hatte einen grossen Einfluss auf die Verfassung der Vereinigten Staaten, wenngleich auch moderne Angelsachsen ihn weitgehend vergessen haben…“

Es überrascht daher nicht, dass Länder, die keine Reformation erlebt haben, den auf Gesetzen und Prinzipien beruhenden Rechtsstaat nur der Form nach übernommen haben, aber nicht den Prinzipien nach. Oder, wie der argentinische Evangelist Alberto Mottesi schreibt:

„Der lateinamerikanische Herrscher unterwirft sich im allgemeinen dem Gesetz nicht; insbesondere, wenn es ein von ihm selbst gemachtes Gesetz ist. Unsere Regierungsphilosophie ist macchiavellisch: der Herrscher macht das Gesetz. (…) Obwohl unsere Länder die nordamerikanische verfassungsmässige Form gebrauchen, haben sie den Geist nicht verstanden, der darin lebt. Deshalb haben unsere Nachahmungen nicht funktioniert. (…) Bei uns übertreten sowohl die Herrscher wie die Beherrschten gewohnheitsmässig das Gesetz, sobald keine Überwachung und keine Strafandrohung da ist. Das kommt daher, dass wir glauben, das Gesetz sei von Menschen gemacht, und es sei die Regierung, die uns Rechte gibt. So verwundert es nicht, dass wir den Herrscher als einen Potentaten sehen, der die Gelegenheit ausnützen soll, solange er sie hat.“
(Alberto Mottesi, „Amerika 500 Jahre später“)

Zurück zu den peruanischen Wahlen. Jemand hat einmal bemerkt, bei den Wahlen gehe es darum, von mehreren Übeln das kleinste zu wählen. Kaum je war dieser Spruch so treffend wie dieses Jahr. Die zwei meistgewählten Präsidentschaftskandidaten, die den Sprung in den zweiten Wahlgang geschafft haben, sind gleichzeitig die (vom jeweils anderen Segment der Bevölkerung) meistgehassten: Am meisten Stimmen erhielt Ollanta Humala, ein ehemaliger Militärkommandant, der im Jahr 2000, als das Fujimori-Regime zusammenbrach, mit einer Kompanie Soldaten den bewaffneten Aufstand probte. (Dieser Umstand scheint jedoch aus dem Bewusstsein der Bevölkerung weitgehend verschwunden zu sein). Insbesondere die armen Bergbewohner im südlichen Perú (also die Gegend, wo wir wohnen) haben mehrheitlich für Humala gestimmt. – An zweiter Stelle liegt Keiko Fujimori, die Tochter des ehemaligen Präsidenten Alberto Fujimori (1990-2000), die die Politik ihres Vaters fortsetzen möchte (oder wenigstens die positiven Aspekte davon; die negativen verschweigt sie einfach).

Was bedeutet das für die Zukunft? – Hinter Humala steht Hugo Chavez und ein marxistisches Programm. Obwohl er beide Umstände während des Wahlkampfes zu leugnen versuchte: Sein schriftlich niedergelegtes Programm sieht u.a. vor, die grossen Betriebe zu verstaatlichen, die Staatsverfassung völlig neu zu schreiben, die Meinungsäusserungsfreiheit einzuschränken, und die Wechselkurse staatlich festzulegen (letzteres eine auch im seinerzeitigen europäischen Ostblock bekannte staatliche Bereicherungstaktik). Perú würde sich damit in den kommunistischen Block eingliedern, der sich in Lateinamerika unter der Führung von Chavez allmählich formiert, und zu dem bereits die Nachbarländer Ecuador und Bolivien gehören. – Die meisten Humala-Wähler haben aber keineswegs diese Absicht (wie schon erwähnt, interessieren sie sich nicht gross für Parteiprogramme). Sie erhoffen sich einfach eine Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Situation. Sie haben genug davon, dass die Regierung in Lima ständig optimistische Zahlen über das Wirtschaftswachstum veröffentlicht, während die Lebensmittelpreise steigen und die Berggebiete so arm sind wie zuvor. „Die in Lima haben uns vergessen.“ Humala verspricht, diese Situation zu ändern.

Was Keiko Fujimori betrifft, so sind viele der Ansicht, es fehle ihr an Format, um die Geschicke des Landes zu führen. Sie ist zwar Kongressabgeordnete, hat sich aber als solche nicht besonders hervorgetan. Sodass Kommentatoren bemerkten, ihre einzige politische Errungenschaft bisher bestehe darin, Fujimori zu heissen. Kurz, es wird befürchtet, eine allfällige Präsidentschaft von Keiko Fujimori könnte zu einer „Marionettenregierung“ verkommen, die von fremden Interessen aus dem Umfeld ihres Vaters und/oder dessen berühmt-berüchtigten Beraters und Geheimdienstchefs Vladimiro Montesinos ferngesteuert würde. Ausserdem hat Keiko nie eine befriedigende Stellungnahme abgegeben zu den Verletzungen der Gewaltentrennung und der Menschenrechte unter der Regierung ihres Vaters, sodass eine Wiederholung dieser Situation nicht ausgeschlossen ist.

Die beiden Kandidaten stellen aus der Sicht der Bevölkerung die zwei extremen Gegenpole dar (obwohl in Wirklichkeit beide dieselben totalitären und diktatorischen Tendenzen teilen). Es ist deshalb wahrscheinlich, dass die Partei, die in den Wahlen unterliegt, Versuche unternehmen wird, die gewählte Regierung zu stürzen. Schon unter der gegenwärtigen Regierung Alan Garcías (die als „politische Mitte“ gilt) haben gewaltsame Proteste und revolutionäre Agitation zugenommen. Bei der gegenwärtigen Konstellation ist damit zu rechnen, dass diese Tendenz weiterhin zunehmen wird.

Nicht zuletzt: Im Hochsicherheitsgefängnis von Lima sitzen die drei umstrittensten Persönlichkeiten der letzten dreissig Jahre in der peruanischen Geschichte: die bereits erwähnten Alberto Fujimori und Vladimiro Montesinos, sowie Abimael Guzman, der Gründer und Anführer der maoistischen Terrororganisation „Leuchtender Pfad“. (Diese übt weiterhin den Krieg von ihrem Urwald-Reduit aus, und rekrutiert weiterhin Anhänger.) Alle drei haben mehrmals gezeigt, dass sie auch vom Gefängnis aus durchaus noch in der Lage sind, auf das Tagesgeschehen Einfluss zu nehmen. Und alle drei warten darauf, dass einmal ein ihnen wohlgesinnter Präsident an die Macht kommt, der sie begnadigt. Egal wer die Wahlen gewinnt, werden jetzt einer oder zwei von ihnen darauf hoffen, dass dieser Moment bald kommt.

Andererseits könnte man den stattgefundenen ersten Wahlgang auch als „Anti-USA-Votum“ interpretieren. Mit Humala und Fujimori hat die Wählerschaft zwei Kandidaten den Vorzug gegeben, welche – im Vergleich mit den übrigen – nur eine geringe Affinität zu den USA aufweisen. Das könnte darauf hindeuten, dass sich Perú doch nicht so leicht in die von den USA vorangetriebene „Neue Weltordnung“ einbinden lassen wird, wie es bis jetzt den Anschein hatte.

Noch ein Wort zur evangelischen/evangelikalen Präsenz in diesen Wahlen: Vor sechs Jahren kündigte der ehemalige Pastor Humberto Lay an, die Evangelischen hätten sich lange genug vor den Karren anderer politischer Interessen spannen lassen, er werde jetzt eine eigene evangelische Partei gründen. Er trat dann auch (getreu der peruanischen Tradition) selber als Präsidentschaftskandidat dieser Partei an, erreichte aber nur ein bescheidenes Resultat. Schon damals war mir die „Evangelizität“ dieser Partei eher fragwürdig: Die oben zitierte Ankündigung Lays war an die evangelischen Kirchen gerichtet; in einem an die Öffentlichkeit gerichteten Fernsehinterview sagte er jedoch, seine Partei sei konfessionell neutral. Das Parteiprogramm vertrat keine spezifisch christlichen Werte, und trat wie alle anderen für die Verstaatlichung des Bildungs- und Gesundheitswesens ein, sowie für einschneidende staatliche Eingriffe in weiteren Bereichen. Ausserdem verursachte diese Partei schon in ihren Anfängen mehrere Skandale: interne Spaltungen; und Missbrauch von evangelischen Kirchen für Wahlpropaganda. – In den diesjährigen Wahlen ist jetzt die evangelische Identität offenbar völlig aufgegeben worden: Die Partei stellte als ihren Präsidentschaftskandidaten den früheren Wirtschaftsminister Pedro Pablo Kuczynski auf, und ging zu diesem Zweck eine Koalition ein mit der katholischen Partei der Opus-Dei-Frau Lourdes Flores, und mit der „Humanistischen Partei“. Dadurch haben sie offenbar Stimmen gewonnen (Kuczynski blieb auf dem dritten Platz nur knapp hinter Keiko Fujimori zurück), verloren aber zugleich Parteimitglieder, die mit dieser Koalition nicht einverstanden waren. – Die politische Ausrichtung von Kuczynski ist mir nicht ganz klar; ich würde ihn am ehesten als einen Befürworter der „Neuen Weltordnung“ einschätzen, könnte mich hierin aber auch irren.

Ein Aspekt des Wahlkampfes hat mich besonders betrübt, vom Hintergrund meiner Arbeit mit den Kindern her: Keiner der Kandidaten hatte irgendeinen Vorschlag zum Schutz und zur Stärkung der Familien. Keiner sagte etwas davon, z.B. die vielen aus Not berufstätigen Mütter zu unterstützen, damit sie weniger arbeiten müssten und mehr Zeit für ihre Kinder hätten. Kein Wort zur Bekämpfung des Alkoholismus – eine hier äusserst verbreitete Sucht, und Hauptursache der Zerrüttung der Familien. (Soweit ich sah und hörte, kam es auch keinem Journalisten in den Sinn, entsprechende Fragen zu stellen.) Dafür vertraten fast alle die Einführung von Ganztagesschulen und von „Vorschulen für Null- bis Dreijährige“ nach dem Motto: Der Staat ist dein Ernährer, dein Vater und deine Mutter. Das scheint auch der Wunsch einer erdrückenden Bevölkerungsmehrheit zu sein: Kinder zu zeugen, nur um sie gleich nach der Geburt der staatlichen Obhut zu übergeben. Hiess es noch vor zwanzig Jahren, in Perú werde der Familienzusammenhalt grossgeschrieben, so ist Perú jetzt offenbar in dieser Hinsicht ganz auf den Lebensstil der übrigen westlichen Welt eingeschwenkt.

Zum Schluss nochmals einige Abschnitte von Schaeffer (a.a.O.). Diese Worte, vor über dreissig Jahren geschrieben, sind wahrhaft prophetisch und gelten für die gesamte westliche Welt:

„Ich bin davon überzeugt, dass die ’schweigende Mehrheit‘, Junge und Alte, den Verlust von Freiheiten hinnehmen werden, ohne ihre Stimme zu erheben, solange ihr persönlicher Lebensstil nicht bedroht ist. Und da persönlicher Friede und Wohlstand die einzigen Werte sind, die für die Mehrheit zählen, wissen die Politiker, dass sie nur diese Dinge versprechen müssen, um gewählt zu werden.
(…) Edward Gibbon erwähnte in seinem Buch Der Untergang des Römischen Weltreichs die folgenden fünf Kennzeichen, die Rom am Ende aufwies: erstens eine zunehmende Vorliebe für Zurschaustellung und Luxus (Wohlstand); zweitens eine grösser werdende Kluft zwischen den sehr Reichen und den sehr Armen (…); drittens eine exzentrische Sexualität; viertens eine groteske, wunderliche Kunst, die sich als originell ausgab (…); fünftens ein zunehmendes Verlangen, auf Kosten des Staates zu leben. Dies kommt uns alles sehr bekannt vor (…) – nun sind wir wieder in Rom.

(…) In dem Masse, wie der christliche Konsensus vergessen wird, der uns innerhalb der biblischen Form Freiheit gab, wird ein manipulierender Autoritarismus das Vakuum füllen. (…) ‚Wenn die Freiheit die Ordnung zerstört, wird das Verlangen nach Ordnung die Freiheit zerstören.‘
Dann spielen die Begriffe ‚rechts‘ oder ‚links‘ keine Rolle mehr. Sie bezeichnen nur zwei Wege zu ein und demselben Ziel. Zwischen einer linken autoritären Regierung und einer rechten autoritären besteht kein Unterschied, das Ergebnis ist dasselbe. Eine Elite, ein autoritäres Regierungssystem als solches, wird allmählich der Gesellschaft die Form aufzwingen, die sie vor dem Chaos bewahren soll. Und die meisten Leute werden diese auch akzeptieren, weil sie den Wunsch nach persönlichem Frieden und Wohlstand hegen, weil sie apathisch sind und das Verlangen nach Ordnung haben. Sie nehmen deshalb irgendein politisches System in Kauf, damit die Wirtschaft und das tägliche Leben weitergehen können. Genauso handelte Rom zur Zeit des Kaisers Augustus.“

„Säe, damit du ernten kannst“

22. Dezember 2010

So hörte ich es kürzlich in einer Predigt:

„Das Wort Gottes sagt: Säe, damit du ernten kannst. Wenn du mit deinem Geld andere segnest, dann wird Gott auch dich segnen. Wenn du einen Sol (die peruanische Währung) weggibst, dann macht dich das nicht arm; aber es macht dich reich im Herzen. Wenn du nur zur Kirche gehst und das Wort hörst, aber es nicht tust, dann bist du wie ein Schüler, der den ganzen Tag in der Schule sitzt und zuhört, aber nichts davon praktiziert. Meine Geschwister, Gott ist Liebe, heisst es in 1.Johannes 4,8. Lasst uns also einander Gutes tun …“

Sie dürfen dreimal raten, aus was für einem Umfeld dieser Predigtausschnitt stammt. Aus einem freikirchlichen Gottesdienst? Aus einem Spendenaufruf für eine wohltätige Organisation? Aus dem Programm eines amerikanischen Fernsehevangelisten?

Dreimal falsch geraten. Der Mann, der so gepredigt hat, war in Wirklichkeit kaum daran interessiert, das Evangelium zu verbreiten. Es ging ihm auch nicht in erster Linie darum, zur Wohltätigkeit aufzurufen – es sei denn zu seinen eigenen Gunsten. Es handelte sich um einen Verkäufer – wie es hierzulande deren viele gibt -, der in einem Überlandbus den Passagieren zu einem billigen Preis Waren von zweifelhafter Qualität anbot, und zu diesem Zweck den eingangs zitierten Vortrag hielt. (Selbst die Anrede mit „Meine Geschwister“ ist authentisch!)

Wenn Sie auf Gottesdienst oder Fernsehevangelist getippt haben, sind Sie aber dennoch nicht weit daneben: diese Worte könnten durchaus auch an einer solchen Veranstaltung gesagt worden sein. Offenbar dienen dieselben Worte genauso gut dazu, billigen Ramsch zu verkaufen, wie ein (ebenso billiges?) Evangelium an den Mann zu bringen und Geld dafür zu erhalten.

Was sollen wir uns dazu denken? Dass die Ramschverkäufer allmählich gläubig werden? Oder viel eher, dass die heutigen Evangeliumsprediger mehrheitlich auf das Niveau von Ramschverkäufern abgesunken sind? Offenbar dienen jetzt die Worte ersterer den letzteren als Vorbild – was ich mir von einer Originalpredigt Jesu oder eines echten Apostels oder Propheten schwerlich vorstellen könnte.

Ich lasse es bei diesem knappen Kommentar bewenden und überlasse es dem Leser, weitere Schlüsse zu ziehen.

“Kunststück”

17. November 2010

Im folgenden ein paar Eindrücke von den kleinen kulturellen Unterschieden, mit denen man als Ausländer in Perú oft konfrontiert wird. Ich habe diese schon einmal meinen persönlichen Freunden mitgeteilt; aber vielleicht interessieren sich weitere Blog-Leser dafür.

Sich an das Leben in Perú anzupassen, erfordert u.a. auch ein gewisses Mass an körperlicher Geschicklichkeit und Kraft. Manchmal staune ich, was für “Kunststücke” hier von vielen Menschen in ihrem Alltagsleben ganz natürlich ausgeführt werden, ohne sich bewusst zu sein, dass jemand aus einem fremden Land eventuell Schwierigkeiten haben könnte, sich an diese Lebensweise anzupassen. Hier nur ein paar einfache Beispiele:

Können Sie Ihre Hose anziehen, ohne dass die Hose in irgendeinem Moment den Boden berührt? – Wenn der Fussboden aus gestampftem Lehm besteht, dann gibt es dabei nämlich sofort einen hässlichen Fleck!

Nehmen Sie einen randvollen Suppenteller in die Hand und gehen Sie damit etwa 50 Meter über eine Bergwiese; setzen Sie sich dann auf den Boden; und alles ohne den Teller loszulassen und ohne etwas zu verschütten. (Zusätzliche Erschwerung: Die Suppe ist kochend heiss und der Teller aus Blech; wenn Sie ihn nicht am richtigen Ort anfassen, verbrennen Sie sich die Hände!) – Teilnehmer an Konferenzen, Ferienlagern usw. auf dem Land vollbringen dieses Kunststück routinemässig (manche auch zuhause), denn es gibt dort weder Tische noch Stühle.

Können Sie eine Kartoffel oder Rübe ohne Schneidunterlage – d.h. sie in der Luft haltend – kleinwürflig schneiden? Meine Frau vollbringt dieses Kunststück fast tagtäglich. Wer nicht zufällig Verwandte von anderen Kontinenten hat, muss dieses Kunststück zudem mit einem grossen Fleischermesser ausführen; denn handliche kleine Rüstmesser sind hierzulande noch nicht erfunden worden.

Oder versuchen Sie folgendes: Verbringen Sie zwei Stunden Busfahrt über ungeteerte, holprige Strassen stehend, mit einem halbjährigen Baby auf dem Rücken und einem Zweijährigen an der Hand (ebenfalls stehend), welcher am Einschlafen ist. Peruanische Mütter unternehmen öfters solche Reisen. Und da das Land sehr weitläufig ist, sind zwei Stunden noch nicht viel; manche Reisen dauern noch viel länger.

Quechua – Der peruanischen Ursprache auf der Spur

5. September 2010

 In weiten Teilen des peruanischen Hochlandes wird Quechua gesprochen, die Sprache der Inkas. Diese Sprache stammt ursprünglich aus der Gegend von Cusco und wurde durch die Inkas während ihrer Blütezeit im 14. und 15.Jahrhundert über das ganze heutige Perú sowie Teile der nördlichen und südlichen Nachbarländer verbreitet. In den Städten wird das Quechua zwar immer mehr vom Spanischen verdrängt, aber auf dem Land wird immer noch mehrheitlich Quechua gesprochen. Insgesamt wird die Zahl der Quechua-Sprechenden auf ca. 10 bis 13 Millionen geschätzt. Genaue Zahlen können nicht angegeben werden, da die Übergänge fliessend sind von reinen Quechua-Sprachigen, die kein Spanisch verstehen, über alle Abstufungen von Zweisprachigkeit bis hin zu den Nur-Spanischsprechenden. Die Zweisprachigkeit ist dabei meistens nach Lebensbereichen aufgeteilt: Im Familienkreis, bei der Feldarbeit, im Wirtshaus und auf dem Markt wird in der Regel Quechua gesprochen; in beruflichen und geschäftlichen Angelegenheiten, auf Ämtern und in der Schule spricht man Spanisch. Bei Familien, die vor einer oder zwei Generationen vom Land in die Stadt gezogen sind (eine häufige Erscheinung) verläuft die Sprachgrenze oft mitten durch die Generationen hindurch: Die Grosseltern sprechen Quechua, die Eltern sind zweisprachig und die Kinder sprechen Spanisch.

Während der fast drei Jahrhunderte dauernden spanischen Kolonialherrschaft führte die Quechua-Sprache ein Schattendasein und blieb dadurch in ihrer Entwicklung stehen. Das hat dazu geführt, dass es bis heute auf Quechua keine Ausdrücke gibt für Dinge, die den Inkas unbekannt waren. Dazu gehören so alltägliche Gegenstände wie Tisch, Schuh, Fenster; auch Namen von Tieren, die erst von den Spaniern eingeführt wurden (z.B. Kuh, Schaf, Pferd); sowie viele abstrakte Begriffe. Alle diese werden durch spanische Lehnwörter ersetzt. Auffällig ist u.a. das Fehlen eines Wortes für „Danke“. Man braucht dafür entweder das spanische „Gracias“, oder den Ausdruck „Yusulpayki“ – eine verballhornte Form des spanischen „Dios se lo pague“ („Gott möge es Ihnen vergelten“).
Es gibt auch kein allgemein gebräuchliches Quechua-Wort für „Gott“. Eine weitverbreitete Bibelübersetzung nannte Gott „Apu“; das ist die Bezeichnung der heute noch allgemein verehrten Berggötter bzw. -geister. Als ich einmal einige Bibelschüler dazu befragte, fanden sie, das Wort „Apu“ sei eindeutig mit dem Heidentum verbunden und sollte nicht für Gott verwendet werden. Als Alternative schlugen sie „Yaya“ vor – ein Wort, das von seiner Herkunft her wahrscheinlich so etwas wie „Ur-Vater“ bedeutet, aber kaum je verwendet wird. (In einer späteren Revision sind die Bibelübersetzer dann wieder zum spanischen Lehnwort „Dios“ zurückgekehrt, das allgemein in quechuasprachigen Kirchen verwendet wird.)
Dafür gibt es ungeahnte Feinheiten in den Ausdrücken für alltägliche Tätigkeiten. Für die verschiedenen Feldarbeiten gibt es eine solche Fülle von Wörtern, dass ich ein Jahr auf dem Land verbringen müsste, um sie alle zu beherrschen. „Geschirr waschen“ ist auf Quechua etwas ganz anderes als „Wäsche waschen“. Für „tragen“ gibt es mindestens drei verschiedene Wörter, je nachdem, ob ein Gegenstand auf dem Rücken, auf den Armen oder zwischen mehreren Personen getragen wird.

Obwohl ab und zu Versuche unternommen werden, eine Literatur auf Quechua zu schaffen – z.B. Bibelübersetzungen, oder Sammlungen volkstümlicher Geschichten – , ist in der Praxis das Quechua weiterhin eine Sprache, die nur gesprochen, aber nicht geschrieben oder gelesen wird. In dieser Situation ist es nicht gerade hilfreich, dass in verschiedenen Landesgegenden sehr unterschiedliche Dialekte gesprochen werden, die sich untereinander z.T. kaum verstehen. Kein Wunder, dass sich nicht nur Spanischsprachige, sondern auch viele Quechuasprachige selber insgeheim fragen, ob Quechua überhaupt eine vollwertige Sprache sei. Wenn z.B. vorgeschlagen wird, Schulunterricht auf Quechua einzuführen, dann sprechen sich oft die quechuasprachigen Eltern selber dagegen aus: „Wenn die Kinder im Leben vorwärtskommen sollen, dann müssen sie doch Spanisch sprechen!“ – Es gibt zwar jede Menge Radioprogramme auf Quechua. Aber bis es Zeitungen, Schulbücher, Bibliotheken oder Internetseiten auf Quechua gibt (nicht nur über die Quechua-Sprache), wird es wahrscheinlich noch lange dauern.
Kommt dazu, dass sich die Bevölkerung unter der spanischen Herrschaft angewöhnt hat, sich den ausländischen Einflüssen anzupassen und den Weg des geringsten Widerstands zu gehen. Das ist bis heute ein typisch peruanischer Wesenszug geblieben. Wenn deshalb der Quechuasprechende an die Unzulänglichkeiten und Grenzen seiner Sprache stösst, dann wird er nicht sprachschöpferisch tätig, sondern stellt auf Spanisch um. Deshalb gibt es jetzt ein grosses „zweisprachiges Mittelfeld“ von Menschen, die weder richtig Spanisch noch richtig Quechua sprechen: ihr Quechua ist von spanischen Wörtern durchsetzt, und ihr Spanisch wimmelt von grammatischen und Aussprachefehlern.

Die wenigen Versuche, die Quechua-Sprache zu „aktualisieren“, stammen meistens von Akademikern aus den grossen Städten, und werden von der allgemeinen Bevölkerung nicht ernstgenommen. Z.B. versuchte man in der Inka-Kultur Entsprechungen zu heute gebräuchlichen Gegenständen zu finden und die Wörter dazu wieder einzuführen. So kann man in Lehrbüchern lesen, „Tisch“ heisse „Hanp’ara“ und „Schuh“ heisse „Kawkachu“. Aber wenn ich diese Wörter Leuten zeige, die im Alltag Quechua sprechen, dann lachen sie meistens und erklären dann, „Hanp’ara“ bedeute Steinplatte oder steinerner Altar und habe nichts mit dem Tisch zu tun, den sie zuhause benützen; und „Kawkachu“ sei ein um den Fuss gewickelter Lappen. Ihr Tisch heisse „mesa“ und ihr Schuh heisse „zapato“ (was die entsprechenden spanischen Wörter sind). – Andere versuchen sich mit nicht ernstgemeinten Sprachschöpfungen wie „Lata pichinchu“ (Blechvogel) für „Flugzeug“ (wobei „Lata“ auch schon ein spanisches Wort ist). Dass es sich dabei nur um Scherz oder Selbstironie handelt, wird daran deutlich, dass dieselbe Person, wenn sie im Ernst von einem Flugzeug spricht, weiterhin das spanische Wort „avión“ gebraucht. (Mit etwas mehr Selbstvertrauen könnten die Quechuas den Ausdruck „Lata pichinchu“ durchaus in ihre „offizielle“ Sprache übernehmen. „Avión“ bedeutet schliesslich auch nichts anderes als „grosser Vogel“.)

Quechua zu lernen ist nicht einfach, weil es eine sehr „andersartige“ Sprache ist (im Vergleich mit den germanischen und lateinischen Sprachen). Z.B. ist Quechua eine agglutinierende Sprache, d.h. viele Bedeutungen werden nicht mit eigenständigen Wörtern vermittelt, sondern mit einer Vielzahl von Endungen, die an wenige tragende Wörter angehängt werden. So besteht z.B. in der Bibel im Cusco-Dialekt die Hälfte des Satzes „Gott hatte noch nicht auf die Erde regnen lassen“ aus dem einzigen Wort „parachimurqanraqchu“. Das bedeuten die einzelnen Teile des Wortes:

So wird die Hauptidee, „er hatte noch nicht her(ab)regnen lassen“, in ein einziges Wort verpackt.
Etwas ungewohnt ist auch die Aussprache. Im Cusco-Dialekt gibt es von den meisten Konsonanten drei Varianten: aspiriert (z.B. wie das deutsche oder englische „k“), nicht aspiriert (wie im deutschen „Egge“ oder im französischen „qui“, „que“), und mit einer kurzen Pause vor dem folgenden Vokal (wie beim hebräischen Buchstaben Aleph; in den europäischen Sprachen kenne ich kein entsprechendes Beispiel). Man muss diese Varianten gut unterscheiden, weil manchmal Bedeutungsunterschiede davon abhängen. Z.B. bedeutet „kanka“ „Braten“, aber „k’anka“ bedeutet „Hahn“. – Dafür gibt es die „weichen“ Konsonanten b, d, f und g im Quechua nicht. – Interessant ist, dass aber schon der Nachbardialekt von Ayacucho diese unterschiedlichen Varianten der Konsonanten nicht kennt.
Eine weitere Kuriosität ist, dass die Linguisten bis heute darüber disputieren, wieviele Vokale das Quechua eigentlich hat. Da gibt es die Fünf-Vokale-Theorie und die Drei-Vokale-Theorie. Die Vokale „e“ und „o“ sind im Quechua nämlich höchst selten, und wo sie vorkommen, könnten sie fast immer durch „i“ bzw. „u“ ersetzt werden, ohne dass der Quechua-Sprecher einen Unterschied wahrnimmt. Die Vertreter der Drei-Vokale-Theorie behaupten deshalb, im Quechua seien „e“ und „i“, bzw. „o“ und „u“, in Wirklichkeit derselbe Vokal.

Man kann deshalb verstehen, dass es umgekehrt auch für Quechua-Sprecher nicht einfach ist, Spanisch zu lernen. Oft verwechseln sie „e“ mit „i“ und „o“ mit „u“ (was im Spanischen sehr wohl einen Unterschied macht), und haben Mühe, abstrakte Begriffe zu verstehen. Oft verwechseln sie auch bedeutungsverwandte Wörter wie z.B. „Blitz“ mit „Donner“ oder „Fluss“ mit „See“.

Offiziell gilt Quechua in Perú als anerkannte Landessprache, und jedermann hat das Recht, sich vor Behörden o.ä. auf Quechua auszudrücken. In der Praxis mag das in Gegenden funktionieren, wo die Mehrheit Quechua spricht. In der Hauptstadt Lima aber sind Kongressabgeordnete aus dem Hochland schon ausgelacht und beschimpft worden, als sie in Parlamentssitzungen auf ihrem Recht bestanden, ihr Votum auf Quechua vorzubringen. So „anerkannt“ ist das Quechua also in Wirklichkeit nicht, trotz der offiziellen Verordnungen.

Ob sich da in Zukunft etwas ändern wird, ist offen. Einerseits gibt es Bestrebungen, der Quechua-Sprache z.B. im Schulunterricht einen grösseren Platz einzuräumen, und seit einigen Jahren müssen Lehrer im Hochland Quechua können. (Geprüft wird aber in der Regel die Kenntnis zusammenhangloser Wortlisten; nicht das Beherrschen der Umgangssprache.) Diskriminierungen, wie sie mir früher noch berichtet wurden – dass z.B. Schüler geschlagen wurden, wenn sie im Unterricht Quechua sprachen -, sollten also heute nicht mehr vorkommen.
Andererseits aber sind Lesen und Schreiben einfach nicht Teil der angestammten Quechua-Kultur (die Inkas kannten keine Schrift). Es ist nicht wahrscheinlich, dass sich das in näherer Zukunft ändern wird. Selbst Quechua-Sprachige, die nur bruchstückhaft Spanisch sprechen, können meistens auf Spanisch lesen, aber auf Quechua nicht. Die Zukunft der Quechua-Sprache ist daher ungewiss.

Trockenzeit im peruanischen Hochland

20. Juli 2010

Heute möchte ich versuchen, einige Eindrücke vom hiesigen Klima zu geben. Hier auf der Südhalbkugel der Erde befinden wir uns in der kältesten Zeit des Jahres. Im peruanischen Hochland ist das gleichzeitig die Trockenzeit. Ca. von Mai bis August fällt kaum ein Tropfen Regen, und der Himmel ist oft wolkenlos klar. Von den Andengipfeln aus hat man in dieser Jahreszeit eine wunderbare Fernsicht.

In der Nacht liegen die Temperaturen um minus 5 Grad. (Es gibt Gegenden, wo es kälter wird. In der Region Puno, am Titicacasee, gab es letzte Woche Temperaturen unter minus 20 Grad.) Tagsüber wird es dennoch 15 bis 20 Grad am Schatten (an der Sonne noch wärmer), denn die Sonne scheint intensiv in diesen tropischen Breiten. Erst recht die Höhensonne auf über 3000 Metern über Meer. Die Temperaturschwankungen im Lauf des Tages sind deshalb enorm.

Man spürt es in dieser Jahreszeit besonders, dass die Häuser keine Heizung haben. Morgens haben wir jeweils noch 14 Grad in der Stube. In anderen Häusern ist es noch kälter, weil sie kleinere oder gar keine Fenster haben, durch die die Sonne hineinscheinen könnte. Beim Morgenessen um sieben Uhr können wir uns bereits an der Sonne wärmen, und am Mittag sind wir froh, dass die Sonne so hoch steht, dass sie nicht mehr zum Fenster hereinscheint.

Wir leben also mit ziemlich extremen Temperaturunterschieden. Man spürt das besonders, wenn man morgens etwa zwischen acht und neun Uhr einen Spaziergang macht: Am Schatten liegt die Lufttemperatur immer noch um den Nullpunkt; aber die Sonne steht schon so hoch am Himmel, dass sich Gegenstände, die an der Sonne liegen, bis auf 30 Grad und mehr erwärmen. Man muss sich also entscheiden, ob man warm angezogen am Schatten gehen will oder mit leichter Kleidung an der Sonne.

Schnee gibt es keinen, weil es in dieser Jahreszeit ja kaum Niederschläge gibt. Die Schneegrenze liegt normalerweise bei etwa 5000 Metern über Meer. Ab und zu schneit es bis auf etwa 4000 Meter herunter; aber der Schnee schmilzt meistens an der Mittagssonne gleich wieder weg. Wenn es in der Trockenzeit einmal ausnahmsweise stärkere Niederschläge gibt und der Himmel auch tagsüber bedeckt bleibt, dann ist das eine kleinere Katastrophe, denn die Hochlandbewohner sind überhaupt nicht für Schnee eingerichtet! Das Vieh findet dann kein Futter mehr, weil das Gras unter dem Schnee begraben ist; und der Strassenverkehr in den hochgelegenen Gegenden bricht zusammen. – Die Kälte fordert auch ohne Schnee ihre Opfer: immer wieder sterben Kleinkinder an Erkältungskrankheiten.

Auf obiger Foto kann man sehen, wie die zum Trocknen aufgehängte Wäsche in der kalten Luft richtiggehend dampft, wenn die Sonne daraufscheint!

Wer in dieser Jahreszeit aus dem Tiefland heraufkommt, wird die Trockenheit besonders spüren: Die Haut trocknet schnell aus, besonders die Lippen; und nach einigen Tagen wird man wahrscheinlich ein Kratzen im Hals und einen trockenen Husten verspüren.

Die Trockenheit während dieser Jahreszeit ist möglicherweise auch der Grund, warum in Mitteleuropa heimische Früchte wie z.B. Äpfel und Birnen hier im Hochland nicht gedeihen, obwohl die Temperaturen hier im Durchschnitt sogar etwas wärmer sind als in Europa. (Einige Palmenarten hingegen wachsen noch auf Höhen von über 3500 Metern, Eukalyptusbäume bis auf 4000 Meter.)

Foto: Eukalyptuswald auf ca. 3700 Metern Höhe.

In dieser Jahreszeit spürt man den „Winter“ manchmal sogar im Urwald des Amazonastieflandes, wo es normalerweise zwischen 30 und 40 Grad heiss ist. Aber manchmal dringt die kalte Luft aus den Anden bis in den Urwald vor und führt dort zu einer deutlichen vorübergehenden Abkühlung. Letzte Woche wurden z.B. aus dem Urwald Temperaturen um 9 Grad gemeldet. Für ein paar Tage im Jahr müssen also auch die Urwaldbewohner ihre warme Kleidung aus dem Schrank nehmen – falls sie welche haben.

Was Europa Perú verdankt

16. Januar 2010

(bzw. Südamerika)

Kartoffeln

Das typische Schweizer Gericht „Rösti“ ist eigentlich gar nicht schweizerisch, denn Kartoffeln waren in Europa vor der Entdeckung Amerikas unbekannt. Auch Pommes Frites, Kartoffelstock, usw. kannten unsere Vorfahren vor gut 500 Jahren noch nicht. Es wird gesagt, dass dank der Einführung der Kartoffel am Anbruch der Neuzeit in Europa eine Hungerkatastrophe vermieden wurde. Aber nicht jedermann wusste mit dem fremdländischen Gewächs umzugehen: Manche versuchten zuerst die grünen, runden Früchtchen oder die Blätter zu essen, bis sie merkten, dass die ins Feuer geworfenen Wurzeln einen unerwarteten Wohlgeruch ausströmten.

Im peruanischen Hochland, dem Herkunftsgebiet der Kartoffel, gibt es heute noch Dutzende von Kartoffelsorten und ähnlichen Knollengewächsen, die in Europa unbekannt sind.  In der Stadt Cajamarca ist z.Z. ein Kartoffelmuseum im Bau.

(Oben: Mashua)

Mais

Auch der Mais stammt aus dem peruanischen Hochland. In der Umgebung von Cusco, im „Heiligen Tal“ der Inkas, gedeihen die grössten Maiskörner der Welt. Auf dem Stadtplatz von Urubamba, dem Hauptort jener Region, ist dem Maiskolben ein Denkmal errichtet worden.

In Europa scheint der Mais nicht so schnell als Nahrungsmittel akzeptiert worden zu sein. In einem Buch von 1921, „Creative Chemistry“, schreibt der amerikanische Autor Edwin E.Slosson:

„Die Ernährungsgewohnheiten ändern sich nur schwer, und die Mehrheit der Einwohner der Alten Welt ignorieren immer noch die Köstlichkeiten des indianischen Puddings, des Maiskuchens, des süssen Maiskolbens und des Popcorn. Ich erinnere mich, wie ich vor dreissig Jahren in London an einem Marktstand einen Haufen verschmähten Popcorns sah, mit einer Anschrift: „Neue amerikanische Süssigkeit. Bitte probieren Sie eines.“ Aber ich war der einzige, der dieser kläglichen Bitte nachgab.
Jedesmal, wenn um Hilfe gebeten wurde bei einer Hungersnot in Armenien, Russland, Irland, Indien oder Österreich, antworteten die Vereinigten Staaten mit einer Schiffsladung Mais; aber ihre Grosszügigkeit kühlte sich ab, als sie entdeckten, dass ihre Gabe als Beleidigung angesehen wurde, oder sogar als Versuch, die verarmte Bevölkerung zu vergiften. Die Leute sagten, sie würden lieber sterben, als so etwas zu essen – und einige starben wirklich.
Das Landwirtschaftsministerium der USA sandte „Maismissionare“ nach Europa, erfahrene Agronomen und Müller und Köche, um Maispudding und Maiskuchen zu verschenken. Aber ihre Werbung machte wenig Eindruck, und heute sagt man den Amerikanern, sie sollten mehr von ihrem eigenen Mais essen, denn die kriegsgeschädigten Europäer würden ihn nicht anrühren. Auf ähnliche Weise rebellierten die Münchner Bettler gegen die Kartoffelsuppe, als der Ernährungspionier Rumford diese transatlantische Mahlzeit einzuführen versuchte.“

Der Autor fährt dann fort mit einer Aufzählung, was in der amerikanischen Industrie alles hergestellt wird aus Mais (bereits vor einem knappen Jahrhundert!): Öl – und aus diesem wiederum Margarine, Seife, Glyzerin, u.a; Gummi; Stärke; Zucker; Klebstoff; Sprengstoff; Alkohol.

Tomaten

Ja, auch die Tomaten stammen aus Südamerika und waren in Europa unbekannt. Keine Pizza, kein Ketchup… Wie die Kartoffeln, so wurden auch die Tomaten in Europa zuerst für nicht essbar und sogar giftig gehalten.

Schokolade

Schokolade ist keine Erfindung von Schweizer Konditoren. Sie stammt ebenfalls aus Amerika. Allerdings nicht aus Perú, sondern aus Mexiko. So steht es in einem Buch über Entdeckungen und Erfindungen:

„Als die Spanier nach Amerika kamen, fanden sie, dass die Azteken ein Getränk tranken, das sie in ihrem Dialekt „Chocolatl“ nannten. Es bestand aus Kakaobohnen, Mais, Honig, Vanille und Gewürzen. Kolumbus nahm 1502 einige Kakaobohnen nach Spanien mit, wo das Rezept des Aztekengetränks verbessert wurde, indem Zucker hinzugefügt wurde. So wurde es zum Modegetränk des europäischen Adels.“

Erdnüsse

Diese werden ja auch heute noch aus Amerika eingeführt. „Spanische Nüssli“ werden sie in der Schweiz genannt; aber natürlich kommen sie nicht aus Spanien, sondern wurden von den Spaniern aus Amerika mitgebracht. Ihr französischer Name, „Cacahuètes“, kommt vom ursprünglichen mexikanischen Namen „Cacahuates“.

Truthühner

Zu Weihnachten wird hier in den meisten Häusern der traditionelle „Pavo“ (Truthahn) serviert. Tatsächlich stammt auch dieses Tier aus Perú und war den Europäern des Mittelalters unbekannt. Es ist ein so peruanisches Tier, dass es (nach Auskunft einer Brasilianerin) in Brasilien „Perú“ genannt wird.

Meerschweinchen

Schon ihr Name besagt, dass diese niedlichen Tiere nicht in Europa heimisch sind: „Schweinchen, die über das Meer kamen“. In ihrer Heimat, dem peruanischen Hochland, dienen sie nicht als Spieltierchen, sondern zur Bereicherung des Speisezettels. In Spezialitätenrestaurants werden gebratene Meerschweinchen als teure Delikatesse serviert. Die meisten Familien halten aber ihre eigenen Meerschweinchen, die jeweils an Geburtstagen und anderen Familienfesten geschlachtet werden.
In manchen Gegenden des Hochlandes gibt es immer noch wilde Meerschweinchen. Diese sind ganz schwarz und werden normalerweise nicht gegessen, da ihr Fleisch nicht so wohlschmeckend ist wie jenes der domestizierten Variante. Dafür werden ihnen von Medizinmännern Heilkräfte nachgesagt.

– In Europa noch nicht wirklich „entdeckt“ worden sind:

Quinua, Kiwicha (auch Amaranth genannt) und Kañiwa

Diese drei unter sich sehr ähnlichen Getreidesorten mit rötlicher Schale gehörten zur traditionellen Ernährung der Inkas. Heute werden sie etwas weniger häufig angebaut, da ihre Ernte und Verarbeitung sehr arbeitsintensiv sind. Sie werden aber von Ernährungswissenschaftern sehr empfohlen, da sie an Proteinen und anderen Nährstoffen reicher sind als andere Getreidearten. Ein Hersteller von Kiwicha-Produkten macht damit Werbung, dass dieses Korn von der NASA als eines der Nahrungsmittel für Astronauten auf Raumflügen ausgesucht wurde.

Quinua wächst auch in unserem Garten.

Kañiwa-Körner

– Nun soll nicht verschwiegen werden, dass auch die amerikanische Ernährung durch europäische Tier- und Pflanzenarten bereichert worden ist. Dazu gehören einige Getreide- und Gemüsearten, und dann insbesondere Kühe und Schafe. Tatsächlich kannten die peruanischen Ureinwohner keine Milch! Das ist schon dadurch belegt, dass es in der Quechua-Sprache keine Wörter für „Milch“ und „Käse“ gibt. (Muttermilch wird „Ñujñu“ genannt, das ist dasselbe Wort wie für „Brust“ und kann nicht auf Tiermilch angewendet werden.) – Und gemäss dem Bericht eines spanischen Chronisten gab es im Hochland von Cusco vor der Ankunft der Eroberer auch keine Fliegen…