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Die Gemeinde in der Endzeit: „Babylon die Grosse“ – Teil 2

4. Juni 2020

In der vorherigen Betrachtung untersuchten wir einige Kennzeichen der „grossen Hure Babylon“, die in Offenbarung 17 und 18 beschrieben wird. Fahren wir mit diesem Thema fort:

Die Hure reitet auf dem Tier.

Johannes sah die Hure „sitzend auf einem scharlachroten Tier, voll von lästerlichen Namen, das sieben Köpfe und zehn Hörner hat“ (Offenbarung 17,3). Offenbar handelt es sich um dasselbe Tier wie im Kapitel 13. Die Hure hat also Macht über das Tier.

Tatsächlich waren während des grössten Teils des Mittelalters die Könige und Kaiser Europas Untertanen der römischen Kirche. Der wahre Herrscher Europas war der Papst.

Die römische Kirche befahl auch die Verfolgung jener, die sie als „Häretiker“ betrachtete – darunter viele wahre Christen, die zu einem biblischen Glauben zurückkehren wollten. So erfüllte es sich, dass die Hure „betrunken ist vom Blut der Heiligen und vom Blut der Zeugen Jesu“ (17,6).

Einige Verteidiger der Inquisition sagen, die Kirche hätte keine Schuld, die Kirche hätte niemanden getötet, das hätten die staatlichen Autoritäten getan. Tatsächlich haben die Kirchenleiter (fast) niemanden eigenhändig umgebracht. Sie haben die Könige und die Henker dieser Welt mit dieser schmutzigen Arbeit beauftragt. Genau das bedeutet es, dass die Hure auf dem Tier sitzt: Sie verführt die Könige, die Richter und die Unternehmer dieser Erde, ihren Willen zu tun. (Siehe Offenbarung 17,2; 18,3.)

Das hörte auch mit der Reformation nicht auf. Auch die reformierten Kirchen benutzten die Macht des Staates, um „Dissidenten“ wie Täufer, Puritaner oder Quäker zu verfolgen und zu töten.

Die ansteckende „Tiernatur“

Wegen ihrer engen Verbindung zum „Tier“ wird auch die Hure von der tierischen Natur angesteckt. Diese besteht, wie wir in einer früheren Betrachtung sahen, aus einer Institutionalisierung und Entpersönlichung. Was das für die christlichen Gemeinden bedeutet, habe ich hier eingehend beschrieben.

Das Tier vernichtet die Hure.

„Und die zehn Hörner, die du gesehen hast, und das Tier, diese werden die Hure hassen, und sie werden sie verwüsten und nackt ausziehen, und ihr Fleisch fressen, und sie mit Feuer verbrennen.“ (Offenbarung 17,16)

Die Hure kann das Tier nicht für immer unter Kontrolle halten. Dieses erhebt sich gegen die Hure und vernichtet sie. Historisch können wir den Anfang dieses Vorgangs in der Französischen Revolution sehen. Das war nicht nur eine Revolution der Bürger gegen den Adel; es war auch eine Revolution des Atheismus gegen die Macht der römischen Kirche. – Die orthodoxe Kirche Osteuropas erlebte eine ähnliche Geschichte mit der russischen Revolution von 1917.
Einen weiteren Meilenstein in der Entmachtung der Hure haben wir in diesem Jahr 2020 mit unseren eigenen Augen gesehen. Zum ersten Mal in der Geschichte wurden praktisch weltweit alle religiösen Versammlungen verboten. Während früher die Kirchen auch in Kriegs- und Krisenzeiten als wesentliche Dienste angesehen wurden und offiziellen Schutz genossen, so gelten sie jetzt anscheinend nur noch als Infektionsherde. Von da an werden sich die Endzeitereignisse wahrscheinlich im Eiltempo abwickeln.

Wie bei anderen Ereignissen in der Offenbarung können wir auch hier nicht ein einzelnes Ereignis herauspicken und sagen: „Hier hat es sich erfüllt.“ Die Offenbarung beschreibt den geistlichen Hintergrund der Weltgeschichte, und ein wichtiger Teil davon ist der Machtkampf zwischen der Hure und dem Tier. Dieser Machtkampf manifestiert sich in verschiedenen historischen Ereignissen, und wird sicher noch weitergehen.

Während die Hure auf dem Tier sitzt, leiden die wahren Christen. Sie wissen, dass sie in einem antichristlichen System leben, wo weder der Staat noch die offizielle Kirche viel Rücksicht auf sie nehmen werden. Wenn das Tier gegen die Hure zu kämpfen beginnt, haben sie vorläufig Erleichterung, aber sie werden auch verwirrt. Sie können versucht sein, ohne weiteres Überlegen in dem Kampf Partei zu ergreifen. Zum Beispiel kann der Kampf die Form einer Auseinandersetzung zwischen „traditionellen Werten“ und „progressiven Werten“ annehmen. Einige Christen können die Gefahr sehen, die von der Hure ausgeht, und deshalb gemeinsame Sache machen mit jenen, die eine Säkularisierung der Gesellschaft fordern und eine stärkere Kontrolle des Staates über die Religionsgemeinschaften. Andere dagegen können die Gefahr von seiten des Tiers sehen, und sich deshalb jenen anschliessen, die grössere politische Macht für die Religionsgemeinschaften suchen, und „traditionelle Werte“ durchsetzen wollen (Gesetze zum Schutz der Ehe; obligatorischer Religionsunterricht in den Staatsschulen; staatliche Unterstützung an Kirchen; usw.) So könnte der Konflikt sogar zu Spaltungen unter den echten Christen führen.
Das Wort Gottes sagt nicht, wir sollten in diesem Konflikt Partei ergreifen. Der Konflikt ist notwendig, aber er betrifft die wahre Gemeinde Jesu nicht.

Die Braut und die Hure

Die hier wiedergegebene Auslegung entspricht weitgehend der bevorzugten Auslegung der Reformierten und Evangelikalen seit dem 16.Jahrhundert bis weit ins 20.Jahrhundert. Während jener ganzen Epoche hatten die Vertreter eines biblischen Glaubens kein Problem damit, den „Antichristen“ und die „Hure“ ihrer jeweiligen Zeit zu identifizieren. Erst während den letzten Jahrzehnten hatten moderne Theologen und die ökumenische Bewegung Erfolg mit ihren Bemühungen, diese Auslegung in Verruf zu bringen. Gleichzeitig entfernen sich die reformierten und evangelikalen Kirchen immer weiter von ihren einstigen biblischen Grundlagen. Es ist kein Zufall, dass diese beiden Prozesse parallel stattfinden: In dem Mass, wie die Kirchen zur Hure werden, weigern sie sich, die Hure als solche zu identifizieren.

Die Trennlinie zwischen wahrer Gemeinde und Hure verläuft nicht entlang der konfessionellen Grenzen. Es wäre allzu einfach zu sagen: „Hier sind die Konfessionen bzw. Denominationen, welche die wahre Gemeinde verkörpern, und dort sind jene, die zur Hure gehören.“ Wenn Paulus zu seiner Zeit in der Gemeinde von Korinth bereits Tendenzen diagnostizierte, zur Hure zu werden (2.Korinther 11,2-3), wie viel mehr muss das von den gegenwärtigen Kirchen gesagt werden!
[Siehe dazu auch: „Falsche Leiter und falsche Gemeinde“ [LINK future]]

Die Warnung in 2.Korinther 11 bezieht sich darauf, dass die Korinther es vorzogen, Menschen als Leitern zu folgen, statt eine direkte Beziehung zu Jesus zu pflegen. Diese Tendenz erscheint bereits im ersten Brief (1.Korinther 1,11-13; 3,1-11), und das ist die Wurzel jeder Denominationsbildung. Der Prozess, zur Hure zu werden, beginnt nicht erst mit der Verkündung falscher Lehren oder mit der Einführung heidnischer Praktiken. Er beginnt bereits, wenn eine Gemeinde (oder einige ihrer Mitglieder und Leiter) sich mit einer „Denomination“ oder einer Hierarchie von Leitern identifizieren, statt ihre Identität in einer direkten persönlichen Beziehung zu Jesus zu suchen.

Es gibt Anzeichen dafür, dass gegenwärtig fast alle institutionalisierten Kirchen und Denominationen in diesem Prozess schon ziemlich weit fortgeschritten sind. Es ist ein langsamer, fast unmerklicher Prozess, der sowohl auf institutioneller wie auf persönlicher Ebene vor sich geht. Auf institutioneller Ebene werden allmählich die Praktiken, die Lehren und die offiziellen Verlautbarungen der Leiter verändert. Auf persönlicher Ebene verlagern die einzelnen Mitglieder allmählich ihre Loyalität von der Person Jesu zu ihren Leitern oder zur „Institution Kirche“.
Vielleicht wird es einfacher, diesen Prozess in der Gegenwart zu sehen, wenn wir ihn im „Zeitraffer“ nachzeichnen. Nehmen wir als Illustration die Entwicklung der römischen Kirche von ihren Anfängen bis zum mittelalterlichen Papsttum:

Am Anfang sehen wir eine Gemeinschaft von Nachfolgern Jesu, gegründet auf der Lehre der Apostel, treu zu Jesus und zum wahren Evangelium, wie es der Römerbrief bezeugt. Aber im 2. und 3.Jahrhundert beginnt sich diese Gemeinschaft mehr um die Person des örtlichen „Bischofs“ zu konzentrieren, statt um Jesus als Zentrum. Die einzelnen Mitglieder hören allmählich auf, ihr Unterscheidungsvermögen auf biblischer Grundlage auszuüben. Das christliche Leben kreist immer mehr um Rituale, deren geistlicher Gehalt allmählich schwindet: die Taufe, das Abendmahl, der „Sonntagsgottesdienst“, usw. In den Gemeinden nimmt der Anteil der Namenschristen zu, und die Zahl der wirklichen Nachfolger Jesu nimmt ab.
Im 4.Jahrhundert, mit Konstantin, verbindet sich diese bereits ziemlich „institutionalisierte“ Organisation mit der politischen Macht. Damit wird sie vollends zu einer Institution dieser Welt, und hört auf, die geistliche Gemeinschaft zu sein, die sie in ihren Anfängen war. Und schon bald wird diese einst verfolgte Gemeinschaft zur Verfolgerin: Priszillian und vier seiner Gefährten werden zu den ersten christlichen Märtyrern, die unter falschen Anklagen umgebracht wurden auf Anstiftung dieser Organisation, die sich „Kirche“ nennt. Zum ersten Mal tötet eine Institution, die sich „christlich“ nennt, andere Christen; im Glauben, sie leiste damit Gott einen Dienst. Damit erfüllt sie die Prophetie Jesu in Johannes 16,2-3. Das sollte sich während des Mittelalters und bis heute unzählige Male wiederholen.
– Als im 5.Jahrhundert das Römische Reich fällt, erbt diese Organisation die politische Macht des Reiches. Während des 6.Jahrhunderts festigt sich diese Macht mit der Gründung des „Kirchenstaates“ in Italien. Im Jahr 800 stellt der Papst offiziell das Römische Reich wieder her, und krönt Karl den Grossen zum Kaiser. Die Hure sitzt jetzt fest im Sattel auf dem Tier. Während der folgenden Jahrhunderte sind die Könige und Kaiser Untertanen des Papstes.

Derselbe Prozess geht gegenwärtig in den reformierten und evangelikalen Kirchen vonstatten. Während die Zahl wahrer Nachfolger Jesu in ihren Reihen abnimmt, nimmt ihre politische Macht zu. Gleichzeitig sprechen sich mehr und mehr kirchliche Leiter gegen jene Christen aus, die die Bibel ernst nehmen. Wenn ein Christ es wagt, die Lehren und Praktiken der Leiter biblisch zu untersuchen und zu kritisieren, wird er als „Rebell“, „altmodisch“, „Fundamentalist“, „lieblos“, usw, verleumdet und abqualifiziert. Die Visionen in der Offenbarung und das Beispiel der römischen Kirche zeigen uns, wo das endet: Auch diese „institutionellen“ Kirchen werden vollends zur Hure, und werden sich mit Rom vereinigen in der Ausübung politischer Macht und in der Verfolgung der wahren Christen … bis das „Tier“ sie zu Boden wirft, und Gott sein Gericht über sie ausübt.

Die endzeitliche Gemeinde ist umgeben von einer grossen Menge, die sich ebenfalls „Kirche“ und „christlich“ nennt, die aber nicht Jesus nachfolgt. – Wir haben erwähnt, dass die wahre Gemeinde äusserlich nicht „siegreich“ aussieht. Aber die grosse Menge der falschen Christen zeigt nach aussen hin alle Merkmale einer „siegreichen Gemeinde“: Sie ist zahlreich; sie hat einflussreiche Stellungen in der Gesellschaft und Politik inne; sie ist „erfolgreich“ in den Augen der Welt. Die Existenz dieses falschen Christentums kann auch für die wahren Christen zur Versuchung werden: Sie könnten wünschen, sich auch auf die Seite dieses „offiziellen“ Christentums mit seinen einflussreichen Leitern zu stellen, und ihren Glauben auf „respektable“ und „politisch korrekte“ Weise auszuüben. Deshalb sagte Jesus, wir sollten uns vorsehen: Die falschen Christusse und falschen Propheten kommen, „um wenn möglich auch die Erwählten zu verführen“ (Matthäus 24,24). Und deshalb ertönt auch heute derselbe Ruf des Herrn an seine Nachfolger: „Geht hinaus aus ihr, mein Volk, damit ihr nicht an ihren Sünden teilnehmt, und nicht ihre Plagen erleidet …“ (Offenbarung 18,4)

Die Gemeinde in der Endzeit: „Babylon die Grosse“

1. Juni 2020

Offenbarung 17 und 18 sprechen von einer Frau namens „Babylon die Grosse, die Mutter der Huren und der Gräuel der Erde“ (17,5). Um diese Visionen zu verstehen, müssen wir sie im Zusammenhang mit der „Braut Christi“ sehen, der wahren Gemeinde (19,7-8; 21,9; siehe auch Epheser 5,25-32). In 2.Korinther 11,2-3 spricht Paulus von der Möglichkeit, dass die „Braut“, die „reine Jungfrau“, untreu werden und ihren Bräutigam, Christus, verlassen könnte: „Denn ich habe euch einem Manne verlobt, um Christus eine reine Jungfrau [als Braut] zu präsentieren. Aber ich fürchte, dass vielleicht wie die Schlange mit ihrer List Eva verführte, so auch eure Gedanken verdorben worden sein könnten, weg von der Schlichtheit und Reinheit Christus gegenüber.“

Dieses Thema war schon im Alten Testament wohlbekannt. Die Untreue Israels Gott gegenüber wird „Unzucht“ und „Prostitution“ genannt in Jesaja 1,21; Jeremia 2,20; 3,1.
Im Detail wird dieses Thema entfaltet in Ezechiel, Kapitel 16 und 23, und in den ersten drei Kapiteln des Buches Hosea: Das Volk Israel, die „Braut“ oder „Ehefrau“ Gottes, wurde ihm untreu und wurde zur Hure.

Von da her müssen wir die Vision der „Hure“ in der Offenbarung verstehen. Die Hure ist die untreue Braut. Sie ist das Kollektiv all jener, die sich „Christen“ nennen, während sie in Wirklichkeit dem Herrn untreu sind und anderen „Liebhabern“ folgen. Das ist die Bedeutung von „Hure“ in der ganzen biblischen Prophetie. Die Hure ist die „Anti-Gemeinde“, die falsche Gemeinde, so wie der „Anti-Christ“ der falsche Christus ist.

In der Offenbarung heisst die Hure „Babylon“, weil zur Zeit des Alten Testaments die babylonische Religion eine der einflussreichsten und attraktivsten war unter den untreuen Israeliten. Die Frau, die Johannes in seiner Vision sah, hat eine gewisse Ähnlichkeit mit der babylonischen Königin Semiramis, einer götzendienerischen und unzüchtigen Frau, die oft mit einem goldenen Becher in ihrer Hand dargestellt wurde (siehe Offenbarung 17,4).

Zugleich deuten einige andere Kennzeichen der Hure auf Rom: Sie „sitzt auf sieben Hügeln“ (17,9), und Rom war bekannt als die „Stadt der sieben Hügel“. Sie heisst auch „die grosse Stadt, die über die Könige der Erde regiert“, und die Weltwirtschaft beherrscht (17,18; 18,3. 9-19). Zur Zeit des Johannes war Rom die politische und wirtschaftliche Hauptstadt der Welt.
Tatsächlich war Rom die geistliche Erbin Babyloniens. Der Hohepriester der babylonischen Religion trug den Titel „Pontifex Maximus“ („Oberster Brückenbauer“). Als Johannes die Offenbarung schrieb, war der römische Kaiser Inhaber dieses Titels. Und nach dem Fall des Reiches ging der Titel auf den Papst über.

Nun müssen wir uns ein wenig mit der Handlungsweise einer Hure befassen. Sie möchte ihre Liebhaber verführen. Also zeigt sie sich von ihrer attraktivsten Seite, und versucht ihnen in allem zu gefallen. Sie wird sich nicht feindlich zeigen, und sie wird auch nicht anfangen, mit ihnen über politische oder religiöse Ansichten zu diskutieren. Sie wird sich den Anschein geben, auf ihrer Seite zu stehen, auch wenn das vielleicht nicht die Wahrheit ist. Ihre Handlungsweise hat grosse Ähnlichkeit mit einem Politiker, der alles mögliche verspricht, um gewählt zu werden; aber einmal gewählt, tut er, was er will, und vergisst seine Versprechen.

So war und ist es immer die Missionsstrategie der Hure, sich an den Glauben und die Praktiken der Völker anzupassen. Eines der ersten Beispiele dafür ist das Weihnachtsfest. Dieses hat – im Gegensatz z.B. zum Auferstehungsfest oder zu Pfingsten – keine biblische Grundlage. Die Juden, solange sie nicht von den Heidenvölkern beeinflusst wurden, pflegten die Geburtstage berühmter Persönlichkeiten nicht zu feiern. Es gibt keinen biblischen Hinweis, dass der Geburtstag Jesu gefeiert werden sollte; und das Datum ist unbekannt. Das Weihnachtsdatum wurde gewählt, weil die Römer an diesem Tag den Sonnengott zu feiern pflegten. Kaiser Konstantin betete auch nach seiner Hinwendung zu Christus weiterhin den Sonnengott an. So konnten die Römer „Christen“ werden, ohne sich wirklich zu bekehren, und ohne viele ihrer heidnischen Gebräuche ändern zu müssen.

Im Andenhochland kann man viele katholische Kirchen genau an jenen Orten finden, wo früher heidnische Gottheiten angebetet wurden. Es wurden sogar neue „Heilige“ erfunden, um die alten Götter zu ersetzen. So musste das Volk seine Bräuche nicht ändern. Und tatsächlich wurde nachher gefunden, dass viele Leute diese Kirchen besuchten, nicht um Christus anzubeten, sondern um weiterhin ihren alten Göttern Opfer zu bringen.

Der Weltkirchenrat pflegt zu seinen weltweiten Konferenzen Vertreter der heidnischen Religionen des jeweiligen Gastgeberlandes einzuladen, um an deren Riten teilzunehmen. Dagegen hörte ich nie davon, dass der Weltkirchenrat die Vertreter dieser Religionen aufgerufen hätte, sich zu Christus zu bekehren. – In den letzten Jahren sind diese Praktiken etwas zurückgegangen, denn der Weltkirchenrat bemüht sich jetzt vor allem darum, die Evangelikalen zu gewinnen. Deshalb zeigt er jetzt mehr Respekt vor evangelikalen Überzeugungen und Praktiken. Aber das dürfte kaum eine Änderung seiner grundlegenden Richtung bedeuten. Es einfach ein neuer Ausdruck der Anpassungsstrategie: Man passt sich jetzt an die Evangelikalen an, um auch diese für die Ökumene zu gewinnen.

So schafft die Hure überall, wo sie hinkommt, ein verwässertes Christentum, vermischt mit heidnischen Vorstellungen und Praktiken.

Die Gemeinde in der Endzeit: Die Herrschaft des „Tieres“

29. Mai 2020

Offenbarung 13 beschreibt die Weltherrschaft eines „Tiers“. Einige identifizieren auch dieses „Tier“ mit dem „Menschen der Sünde“ und dem „Antichristen“. Sicher besteht eine enge Verbindung zwischen diesen, aber sie sind nicht identisch. Das „Tier“ wird nicht als eine Person beschrieben. Aber es hat grosse Ähnlichkeit mit einem anderen Tier, das Daniel in einer Vision sah (Daniel 7,7). Dort heisst es:

„Das vierte Tier wird ein viertes Reich auf der Erde sein, grösser als alle anderen Reiche, und es wird die ganze Erde verschlingen und zertreten und zermalmen. Und die zehn Hörner bedeuten, dass aus jenem Reich zehn Könige aufstehen werden …“ (Daniel 7,23-24)

Das Tier ist also ein Reich, d.h. ein Kollektiv oder ein „System“. Es trägt „Hörner“, die einzelne Machthaber bedeuten; aber das Tier an sich ist viel mehr als eine Person. Wenn wir die Visionen Daniels mit der Entwicklung der Geschichte vergleichen, sehen wir, dass es dort das römische Reich bedeutet.

In Offenbarung 12,17, unmittelbar vor dem Kapitel 13, finden wir die Motivation, die das Tier antreibt:

„Und der Drache geriet in Wut gegen die Frau, und begann Krieg zu führen gegen die übrigen ihrer Nachkommenschaft, die die Gebote Gottes halten und das Zeugnis Jesu haben.“

Alle die gigantischen Anstrengungen zur Errichtung einer Weltregierung, wie sie im Kapitel 13 beschrieben werden, haben also ein einziges Ziel: die Nachfolger Jesu zu bekämpfen. Die politischen Tagesnachrichten beleuchten diesen Hintergrund kaum je. Aber Gott hat bereits offenbart, dass dies der Schlüssel ist, um die weltweiten Machtkämpfe zu verstehen: Es gibt Mächte, die das Volk Gottes bekriegen; und das ist ihre Motivation, um grössere Macht anzustreben.

Die Macht des Tieres

Die politische Macht wird auch in den folgenden Versen hervorgehoben:
„Und die ganze Erde staunte hinter dem Tier her, und sie beteten den Drachen an, der dem Tier Autorität gegeben hatte, und sie beteten das Tier an, und sagten: ‚Wer ist mit dem Tier vergleichbar, und wer kann gegen es Krieg führen?‘ … Und es wurde ihm gegeben, Krieg zu führen gegen die Heiligen und sie zu besiegen; und es wurde ihm Autorität gegeben über jeden Stamm und Volk und Sprache und Nation.“ (Offenbarung 13,3-4. 7)

Das Tier erwirbt auch religiöse Macht. Diese zeigt sich zuerst darin, dass es „die Heiligen besiegt“ im Krieg. Dann wird eine neue weltweite Einheitsreligion eingeführt: „Und alle Bewohner der Erde beteten es an; alle, deren Namen nicht geschrieben steht im Buch des Lebens des geschlachteten Lammes, seit Grundlegung der Welt.“ (Offenbarung 13,8)
Ebenso wie der „Mensch der Sünde“ setzt sich auch das Tier an die Stelle Christi: „Ich sah einen seiner Köpfe wie tödlich verwundet, aber seine tödliche Wunde wurde geheilt“ (Vers 3): eine Nachahmung der Auferstehung. – „Dann sah ich ein anderes Tier … und es hatte zwei Hörner wie eines Lammes“ (Vers 11): eine Nachahmung der Natur Jesu als „Lamm Gottes“. – Es ist gut möglich, dass die Religion des Tiers unter dem Namen „Christentum“ propagiert wird.

Das Tier hat auch wirtschaftliche Macht: „Und es macht, dass allen, den Kleinen und den Grossen, den Reichen und den Armen, den Freien und den Sklaven, ein Zeichen auf ihre rechte Hand oder auf ihre Stirn gegeben wird; und dass niemand kaufen oder verkaufen kann, als wer das Zeichen hat, den Namen des Tiers, oder die Zahl seines Namens.“ (Offenbarung 13,16-17).
Das „Zeichen“ bedeutet Eigentum. Die Untertanen dieses Reichs müssen dem Tier ihre Loyalität erklären, und sich zu seinem Eigentum machen; ebenso wie die Nachfolger Jesu sich ihm zu eigen gegeben haben.

Eine solche Machtkonzentration war der Traum vieler berühmter Staatsmänner, seit den Tagen Nebukadnezars und Alexanders des Grossen, bis zu den heutigen Architekten einer „neuen Weltordnung“. Offenbarung 13 deckt das „Muster“ auf, das sich hinter all diesen Unternehmungen verbirgt.

„Die Institution“, der Sitz der Tiernatur

Warum wird dieses Reich als „Tier“ beschrieben“? – Es handelt sich um eine unpersönliche Institution, die, obwohl sie aus Menschen besteht, als Kollektiv keine menschlichen Regungen mehr besitzt wie Gefühle, Vernunft, Mitleid, Liebe, oder auch Zorn oder Hass. Die Beteiligten unterdrücken und quälen ihre Mitmenschen, nicht weil sie sie hassten, sondern als schlichte Befehlsempfänger, und im Glauben, sie handelten „im besten Interesse der Institution“. Diese unheimliche Erscheinung der Institutionalisierung und Entpersönlichung habe ich hier bereits ausführlich beschrieben.

Ein Kennzeichen einer solchen „Tier-Diktatur“ ist, dass niemand dafür verantwortlich gemacht werden kann. Jeder Funktionär oder Machthaber ist nur ein Rädchen im Getriebe, und kann die Schuld anderen Rädchen zuschieben, oder einem unpersönlichen Reglement, oder dem „System“. Die meisten Beteiligten werden leugnen, dass es sich überhaupt um eine Diktatur handle.

Kennzeichen einer Diktatur

Wie ein Kommentator sagte, werden Diktaturen selten mit Gewalt eingeführt. Vielmehr begrüsst das Publikum die Zerstörung seiner Freiheiten mit tosendem Applaus. Wir leben gerade mitten in einer neuen Bestätigung dieses Ausspruchs.
Und in unseren modernen Zeiten versuchen sich Diktaturen auch immer einen Anstrich von „Demokratie“ und „Rechtsstaat“ zu geben. Aber wenn wir eines oder mehrere der folgenden Kennzeichen beobachten, dann müssen wir schliessen, dass dieser Anschein trügt:

– Die Gewaltentrennung funktioniert nicht. Die drei Staatsgewalten (Legislative, Exekutive, Judikative) sind nicht mehr unabhängig, sondern werden von gewissen Interessengruppen unter Druck gesetzt oder manipuliert, deren Anweisungen zu folgen. Und auf weltweiter Ebene wird die Souveränität der Nationen untergraben, indem die Regierungen von seiten internationaler Organisationen und Unternehmen unter Druck gesetzt werden.

– Der Meinungs- und Informationsaustausch unter der Bevölkerung wird überwacht und zensuriert. Insbesondere die Massenmedien können keine Meinungen oder Informationen mehr veröffentlichen, welche der Regierungspolitik widersprechen. Wenn eine überwältigende Mehrheit der Medien dieselben Informationen publizieren, und die Ereignisse in derselben Weise bewerten, dann liegt die Vermutung nahe, es werde Zensur ausgeübt. Wenn es zu bestimmten Themen keine offene Kontroverse über unterschiedliche Meinungen gibt, dann ist das ein Indiz von Zensur. Diese kann in der direkten Unterdrückung bestimmter Inhalte bestehen, oder auch darin, dass zum voraus die Personen oder Institutionen ausgewählt werden, die überhaupt Informationen veröffentlichen dürfen.
Gegenwärtig betrifft das nicht nur Presse, Radio und Fernsehen, sondern auch die „sozialen Netzwerke“ im Internet. Nicht nur von der Regierung, auch von grossen Medienunternehmen kann Zensur ausgehen.

– Harmlose Tätigkeiten des Alltagslebens werden eingeschränkt und kriminalisiert, wie z.B. Freunde zu besuchen, Kaufen und Verkaufen, Reisen, eine bestimmte Religion auszuüben, oder regierungskritische Meinungen zu äussern. Damit wird erreicht, dass jeder Bürger vor dem Gesetz schuldig wird. Wenn dann die Regierung jemanden als „Feind“ wahrnimmt (z.B. wegen einer regierungskritischen Haltung), kann sie immer einen Vorwand finden, um diese Person zu eliminieren.

– Bildung und Erziehung von Kindern wird strengen Normen unterworfen. Diktatoren und Manipulatoren wissen, dass jede Gesellschaft sich viel besser unter Kontrolle halten lässt, wenn die Leute von Kind auf mit der herrschenden Ideologie indoktriniert werden. Deshalb stellen sie einheitliche Lehrpläne auf, die detailliert vorschreiben, was die Kinder lernen sollen und was nicht, und aus was für einem sozialen, politischen und religiösen Blickwinkel. So brachte es z.B. Hitler seinerzeit fertig, eine ganze Generation aufzuziehen, welche die Juden hasste.

– Unter der Bevölkerung werden Angst und gegenseitiges Misstrauen geschürt. Als Vorwand wird oft irgendeine (reale oder vermeintliche) innere oder äussere Bedrohung verwendet. So hiess es z.B. während des Kalten Krieges in den USA: „Die Russen wollen uns erobern“; und in der Sowjetunion hiess es: „Die Amerikaner wollen uns erobern.“ So wurde in beiden Ländern erreicht, dass die Leute jedermann, der mit der Regierungspolitik nicht einverstanden war, als feindlichen Agenten beargwöhnten.
Leider haben die Menschen viele Ängste – besonders, wenn sie nicht auf Gott vertrauen: Angst vor einem Krieg, vor dem Terrorismus, vor dem Klimawandel, vor ansteckenden Krankheiten, vor einer Hungersnot, usw. Alle diese Ängste können instrumentalisiert werden, um Angst und Misstrauen zu erzeugen. Damit wird die gegenseitige Solidarität der Bevölkerung zerstört, und die Menschen werden abhängig von der Hilfe und Überwachung von seiten der Regierung.

– Die Menschen werden angestiftet, sich gegenseitig zu bespitzeln und zu denunzieren. Wenn die Menschen einander misstrauen und als potenzielle Feinde sehen, dann lassen sie sich verleiten, ihre Nächsten zu denunzieren wegen Handlungen, die in einem freien Land nicht als kriminell gelten: weil sei Informationen verbreiten, die der Regierungspolitik widersprechen; weil sie sich mit Hilfe von unzensurierten Medien informieren; weil sie sich mit Freunden oder mit einer christlichen Gruppe treffen; sogar weil sie Notleidenden helfen. So beginnt die ganze Gesellschaft die „Tiernatur“ anzunehmen: Jeder denkt, er handle „im besten Interesse der Gesellschaft“, wenn er seine Nächsten verrät.

Die beschriebenen Eigenschaften sind nicht auf Regierungen beschränkt. Wir können Ähnliches auch in Wirtschaftsunternehmen beobachten, und ebenso in institutionellen Kirchen.

Lügnerische Wunder

Wie der „Mensch der Sünde“, so tut auch das Tier machtvolle Wunder. (Und ebenso ein „zweites Tier“, das in Offb.13,11-14 beschrieben wird.) Auch dieses Thema ist hochaktuell. Alles, was Gott tut, versucht sein Feind zu fälschen. Wir können verschiedene Arten solcher Fälschungen beobachten:

– Psychologische Fälschungen: Unter Predigern und deren Zuhörern gibt es manche, die darauf brennen, Wunder geschehen zu sehen, nur um der Sensation willen, etwas Aussergewöhnliches zu sehen; oder auch, um ihr eigenes Selbstbewusstsein oder das Ansehen ihrer Organisation zu stärken. Damit stimmen sie sich selber darauf ein, auch da an Wunder zu glauben, wo es gar keine gibt. Z.B. haben viele Krankheiten eine ausgesprochene psychosomatische Komponente, die auch durch Suggestion geheilt werden kann. Daran ist nichts Übernatürliches oder Göttliches. Es gibt Prediger, die diese Tatsache bewusst ausnutzen, um Menschen, die an solchen Krankheiten leiden, zu manipulieren und zu heilen.

– Satanische Fälschungen: Übernatürliche Heilungen und andere Wunder können auch als Folge okkulter Praktiken auftreten (Geistheilung; heidnische Religionen; Anrufung von katholischen „Heiligen“; usw.) Aber der Preis dafür ist hoch: Die Menschen öffnen sich damit dämonischen Einflüssen. Sie mögen körperlich geheilt werden, kommen dafür aber in geistliche Bindungen. Insbesondere erfahren sie starke Widerstände, wenn sie sich Gott und Jesus nähern wollen.
Bei manchen solchen Praktiken werden sogar die Namen Gottes und Jesu verwendet. Aber wenn wir nachforschen, was die Betreffenden in Wirklichkeit glauben, dann werden wir finden, dass es nicht damit übereinstimmt, was die Bibel über Gott und über Jesus sagt. Sie verkünden einen „anderen Jesus“ und ein „anderes Evangelium“ (2.Korinther 11,3-4; Galater 1,8-9).

– Technologische Fälschungen: Mit der modernen Technik können viele Phänomene hervorgerufen werden, die in biblischen Zeiten als übernatürlich oder göttlich angesehen worden wären. So heisst es z.B, dass der falsche Prophet „Feuer vom Himmel fallen lässt vor den Augen der Menschen“ (Offb.13,13), und „es wurde ihm gegeben, dem Bild des Tieres Geist zu verleihen, damit das Bild des Tieres redete, und jeden zu töten befahl, der nicht das Bild des Tieres anbetete“ (Vers 15). Zur Zeit des Johannes war das alles völlig undenkbar. Aber seit dem 20.Jahrhundert bekriegen sich die Machthaber der Völker mit Bomben, die „Feuer vom Himmel fallen lassen“. Und viele Politiker, Ideologen und religiöse Verführer manipulieren die Menschen mit „sprechenden Bildern“ im Fernsehen, im Internet, und in Computer-Animationen.
Auch die moderne Medizin bewirkt Heilungen, die in früheren Zeiten als übernatürlich gegolten hätten. Nur dass auch hier der Preis hoch ist: nicht nur finanziell, sondern auch weil die Medikamente und Operationen schädliche Nebenwirkungen haben. Während der gegenwärtigen Coronavirus-Pandemie haben wir gesehen, dass die Medizin tatsächlich ein Götze unserer Zeit ist: Eine überwältigende Mehrheit der Bevölkerung lässt es zu, dass ihre grundlegendsten Freiheiten annulliert werden, nur weil einige „medizinische Experten“ dies fordern.
So sehen wir, dass viele endzeitliche Verführungen, wie sie in der Bibel vorausgesagt sind, mit Hilfe der modernen Technik zustande kommen können. Die Erfindungen wurden zwar von Menschen gemacht; aber ihr Gebrauch kann in gewissen Fällen von verführerischen Geistern inspiriert sein.

Digitalisierung und Überwachung

Die Offenbarung sagt es zwar nicht ausdrücklich, aber die Herrschaft des Tieres wäre nicht möglich ohne eine totale Überwachung unserer Handlungen und Kommunikationen. In den letzten Jahren geschahen einige gewaltige Schritte zur weltweiten Digitalisierung von Kommunikation, Arbeit, Bildung, und sogar von Alltagsgegenständen („intelligente Fernseher, Kühlschränke, usw“). Und die totale Überwachung schreitet im selben Tempo voran. Die Unternehmen, welche die sozialen Netzwerke verwalten, häufen eine Unmenge persönlicher Daten über ihre Benutzer an, über ihre Gewohnheiten, ihre Finanzen, ihren sozialen Status, ihren Bildungsstand, ihre politischen und religiösen Ansichten, usw. Diese Daten werden mit anderen Unternehmen geteilt, und mit den Geheimdiensten der Grossmächte. Die Strassen werden mit Kameras und mit Gesichtserkennungs-Software überwacht. In Mobiltelefonen werden immer mehr Anwendungen installiert zur Überwachung der Kommunikation, des Aufenthaltsortes, und sogar des Gesundheitszustandes der Benutzer. Noch vor wenigen Jahrzehnten empörte sich die ganze westliche Welt, wenn bekannt wurde, dass eine Regierung die Telefongespräche ihrer Bürger abhörte oder deren Briefe öffnete. Heute nimmt man das offenbar als selbstverständlich hin.

In China ist man bereits einige Schritte weiter: Die Überwachungsdaten werden kombiniert mit den computerisierten Abläufen für Arbeitssuche, Reisegenehmigungen, medizinische Behandlung, usw. Für jede Person wird Buch geführt über ihre „soziale Kreditwürdigkeit“, je nach ihrem Wohlverhalten. Der Punktestand kann z.B. steigen, wenn jemand in Studium oder Arbeit gute Leistungen erbringt, oder wenn er der Kommunistischen Partei beitritt. Es können Punkte abgezogen werden, wenn jemand das Gesetz übertritt, die Regierung kritisiert, oder an christlichen Versammlungen teilnimmt. Je weniger Punkte, desto weniger Rechte – z.B. bezüglich Arbeitsstelle, Reisen, usw.
Neuerdings wird das chinesische System offenbar von vielen Ländern als Vorbild angesehen. Auch das ein unerhörter historischer Umschwung in kürzester Zeit: Es ist noch nicht allzulange her, als genau dieses chinesische System international als „Verletzung der Menschenrechte“ kritisiert wurde.

Die computerisierten Verwaltungsabläufe sind vielleicht der bezeichnendste Ausdruck der „Tiernatur“. Beim Verkehr mit Regierungsstellen und Institutionen haben wir es nicht einmal mehr mit Menschen zu tun, sondern nur mit unpersönlichen Algorithmen. Wenn deine Daten im Überwachungssystem nicht oder fehlerhaft gespeichert sind, dann kannst du plötzlich keine Versicherungsleistungen mehr erhalten, keinen Arzttermin buchen, keine Fahrkarten kaufen … und es gibt niemanden, mit dem du sprechen und deine Situation erklären könntest. „Das (Computer-)System funktioniert nicht“, oder „Das System verweigert mir den Zugang“, sind zu alltäglichen Klagen geworden. Und der Benutzer weiss auch nicht, ob seine Gesuche wirklich nach den angegebenen Kriterien behandelt werden; oder ob vielleicht seine Daten mit einer Datenbank über politisches Wohlverhalten verglichen werden, und sein Gesuch abgelehnt wird, wenn das System eine kritische Haltung der Regierung gegenüber feststellt.

Auch die gegenwärtigen Bestrebungen zur Abschaffung des Bargeldes müssen in diesem Zusammenhang gesehen werden: ein weiterer Schritt hin zur Erfüllung von Offenbarung 13,17.

Die Gemeinde in der Endzeit: Der „Mensch der Sünde“

25. Mai 2020

In 2.Thessalonicher 2,3 heisst es, dass Jesus nicht wiederkommen wird, bevor nicht der „Abfall“ kommt, und sich der „Mensch der Sünde“ zeigt. Von diesem heisst es: „Er setzt sich in den Tempel Gottes als Gott, und gibt sich als Gott aus“ (Vers 4). Diese Person wird auch der „Gesetzlose“ genannt (Vers 8), und er verführt die Welt auf sehr wirksame Weise (Verse 9 bis 12). Was können wir daraus schliessen?

– In der letzten Zeit gibt es einen Abfall vom Glauben. Das griechische Wort apostasía bedeutet wörtlich „wegtreten“. Das hat nichts mit der Bosheit einer ungläubigen Welt zu tun. Es bedeutet, dass viele jener, die sich als Nachfolger Jesu identifizieren, sich von ihm distanzieren werden.
In mehreren früheren Betrachtungen haben wir die neutestamentliche Gemeinde mit heutigen Kirchen verglichen. Diese schneiden im Vergleich sehr unvorteilhaft ab. Nach allen biblischen Kriterien befinden wir uns heute mitten in einer Zeit des Abfalls. Bleibt einzig noch die Frage: Ist das bereits der „grosse“ endzeitliche Abfall?
Gegen das Ende des Mittelalters war die römisch-katholische Kirche von einer extremen Korruption dominiert. Deshalb dachten viele wahre Nachfolger Jesu, der endzeitliche Abfall sei gekommen. Aber mit der Reformation gab es einen Neuanfang. In vielen Ländern begann eine Rückkehr zu Jesus, und das brachte sogar gesellschaftliche und materielle Verbesserungen mit sich.
Wird uns Gott eine neue Reformation schenken? – Wenn nicht, dann erleben wir gegenwärtig tatsächlich das Anfang vom Ende.

– Der „Mensch der Sünde“ gibt sich als Gott aus. Deshalb identifizieren ihn einige mit dem „Antichristen“, obwohl dieses Wort nur in den Johannesbriefen vorkommt, in einem anderen Zusammenhang. Aber wörtlich bedeutet „Antichrist“: „anstelle-von-Christus“. Es wäre also eine durchaus zutreffende Beschreibung für jemanden, der sich selber an die Stelle von Christus oder Gott setzt.

Tatsächlich gibt es heute manche religiöse Leiter, die den Begriff „Gesalbter Gottes“ auf sich selber beziehen. „Gesalbt“ ist aber nichts anderes als die deutsche Übersetzung von „Christus“. Der Mensch der Sünde könnte sich nicht als Gott ausgeben, wenn er sich nicht zuvor einen Ruf als besonders „gesalbter“ Mann Gottes erwirbt. Er wird also kein offener Gegner der Christen oder Gottes sein. Im Gegenteil, er wird vorgeben, die Christenheit zu höheren Höhen zu leiten. Auf subtile Weise wird er sich mehr und mehr Funktionen aneignen, die nur Jesus Christus selber gebühren – wie es verschiedene Leiter bereits jetzt machen.

Es heisst ausserdem, dass er „sich in den Tempel Gottes setzt“. Von daher nehmen einige an, der Mensch der Sünde könne sich nicht zeigen, solange der Tempel in Jerusalem nicht wieder aufgebaut sei. Aber in der neutestamentlichen Ordnung ist der „Tempel Gottes“ kein von Menschen erbautes Haus mehr. Gegenwärtig ist der „Tempel“ die aus lebendigen Steinen erbaute geistliche Wohnung Gottes (1.Petrus 2,5; 1.Korinther 3,16-17), die geistliche Gemeinschaft der Nachfolger Jesu. Das bestätigt, was wir soeben sagten: Der „Mensch der Sünde“ wird als ein grosser Leiter in der Gemeinde Jesu auftreten.

– Dieser Leiter heisst auch der „Gesetzlose“. In der Bibel bedeutet „Gesetz“ normalerweise die Gebote Gottes. Ein „Gesetzloser“ ist nicht einfach jemand, der dem Gesetz ungehorsam ist. Er ist jemand, der prinzipiell die Existenz eines göttlichen Gesetzes ablehnt.

Diese Gesetzlosigkeit kann die Form von Zügellosigkeit annehmen, wie es Petrus beschreibt:
„Sie äussern aufgeblähte Worte ohne Wert, um mit zügellosen fleischlichen Begierden jene zu verführen, die tatsächlich dem Irrtum entflohen sind. Sie versprechen ihnen Freiheit, während sie selber Sklaven des Verderbens sind. Denn von was jemand überwältigt wird, darunter ist er versklavt.“ (2.Petrus 2,18-19).
Diese Haltung zeigt sich z.B. in jenen, die sagen: „Wir sind nicht mehr unter dem Gesetz, wir sind unter der Gnade, also können wir leben, wie wir wollen, und Gott wird uns vergeben.“ Paulus antwortet darauf entschieden: „Keinesfalls!“ (Siehe Römer 6,1-2. 15-16.) – Einige, die diese falsche Freiheit verkünden, verleumden sogar die echten Jünger, die Heiligkeit suchen, als „gesetzlich“ und „Werkgerechte“. Sie wollen nicht verstehen, dass ein echter Christ ein Gott wohlgefälliges Leben lebt, nicht weil er unter dem Gesetz stünde, sondern weil er Gott liebt und ihm gefallen will, und weil Jesus ihm Sieg gibt über die Sünde.

Aber die Gesetzlosigkeit kann sich ebenso als Autoritarismus und als Menschenherrschaft zeigen. Autoritäre Leiter verlangen, dass die Menschen sich ihnen unterwerfen; und sie erlauben niemandem, sie aufgrund des Wortes Gottes in Frage zu stellen. Sie sprechen von „Ordnung“, von „geistlicher Leiterschaft“, sogar von den „Gesetzen des Königreichs Gottes“ oder von „biblischen Prinzipien“. Aber wenn diese „Prinzipien“ oder „Gesetze“ nicht das sind, was das Wort Gottes wirklich sagt, dann sehen wir uns ebenfalls einer Ablehnung des Gesetzes Gottes gegenüber.
Vor dem wahren Gesetz Gottes gibt es kein Ansehen der Person; keine Privilegien für „Leiter“. Wenn ein Leiter aufsteht mit dem Anspruch: „Ich werde das Gesetz Gottes durchsetzen“ – da sollten wir misstrauisch sein. Wird nicht dieser Leiter sich selber als ein „Gesetz“ aufstellen, das über dem Wort Gottes steht? Wird er nicht seine Position dazu missbrauchen, um jene kritischen Stimmen zu unterdrücken, die ihn in Frage stellen, wenn er selber das Wort Gottes bricht? Ist das nicht dieselbe Gesetzlosigkeit, die sich hier als geistliche Leiterschaft maskiert? Wo die Unterordnung unter einen Menschen betont wird, mehr als die Verantwortung jedes einzelnen vor dem Gesetz Gottes, da zeigt sich gewiss auch eine Ablehnung des Gesetzes Gottes, selbst wenn als Vorwand gerade dieses Gesetz verkündet wird.

– Der „Gesetzlose“ kommt „mit der Wirksamkeit satans mit aller Macht und lügnerischen Zeichen und Wundern, und mit aller Verführung der Ungerechtigkeit“. Hier sehen wir zuerst: Zeichen und Wunder sind kein Beweis, dass jemand ein Diener Gottes ist. Gott erlaubt sogar dem Teufel, Wunder zu tun.
Warum erlaubt Gott das? – Es heisst, die Verführten seien jene, die „die Liebe zur Wahrheit nicht angenommen haben“; „die der Wahrheit nicht glaubten, sondern an der Ungerechtigkeit Gefallen hatten.“ Das ist ein gerechtes Gericht: Wer die Wahrheit nicht liebt, wird mit Lügen verführt werden.
Das schliesst viele mit ein, die sich Christen nennen. Vielleicht akzeptierten sie intellektuell die Wahrheiten des Evangeliums, um ihr Gewissen zu beruhigen. Aber sie lieben diese Wahrheiten nicht wirklich. Und sie lieben es auch nicht, die Wahrheit zu sagen und zu tun; sie ziehen den falschen Anschein vor. Sie zeigen sich nicht gern „im Licht“ (1.Johannes 1,7); sie sind nicht transparent; und sie wollen nicht wirklich die Sünde hinter sich lassen. Deshalb lässt Gott es zu, dass sie von den falschen Christussen belogen und verführt werden.

Der Reiter auf dem weissen Pferd in Offenbarung 6

22. Mai 2020

Die Vision über die Ereignisse auf der Erde beginnt in Offenbarung 6,2: „Und siehe, ein weisses Pferd, und der darauf sass hatte einen Bogen, und es wurde ihm ein Siegeskranz gegeben, und er zog aus als Sieger und um zu siegen.“
Viele sehen darin ein Bild des Herrn Jesus Christus, der seine Autorität über die Erde festigt. Und tatsächlich erscheint ja in Offenbarung 19,11-16 der Herr auf einem weissen Pferd. Aber ist der Vers 6,2 wirklich eine Parallele dazu? Mehrere Anzeichen stellen diese Auslegung in Frage:

Im Kapitel 19 erscheint der Herr, um offiziell sein Reich auf der Erde aufzurichten. Er führt das Gericht aus über die Nationen, die sich gegen ihn auflehnten (19,15-19. 21), über das „Tier“ und den falschen Propheten (19,20), und nimmt sogar den Teufel gefangen (20,2-3). Dann beginnt sein Reich in Frieden und Gerechtigkeit auf der Erde (das „tausendjährige Reich“).
Das Kapitel 6 steht aber in einem anderen Zusammenhang: Hier wird im Gegenteil der Frieden von der Erde weggenommen (6,4), und dann gibt es Hungersnöte (6,5-6) und Tod aufgrund irdischer Ursachen (6,8), nicht wegen einer himmlischen Intervention. Dann schreien die Märtyrer unter dem Altar nach Gerechtigkeit und Gottes Rache (6,10-11). Somit ist das Gericht Gottes noch nicht geschehen (denn dann gäbe es keinen Grund, danach zu schreien). Die Ereignisse in 6,1-11 sind also nicht das Gericht Gottes über das antichristliche Reich. Im Gegenteil, sie sind Folgen davon, dass Gott eine Zeitlang den antichristlichen Mächten erlaubt, ihre ganze Bosheit auszutoben. Wenn die anderen drei Reiter böse Mächte verkörpern, sollten wir dann nicht annehmen, dass das auch auf den ersten Reiter zutrifft?
Es fällt auch auf, dass der Reiter von Kapitel 19 klar als der Herr identifiziert wird, mit seinen Namen und Eigenschaften: Er heisst „Treu und wahrhaftig“, und handelt mit Gerechtigkeit (19,1). Er heisst „Das Wort Gottes“ (19,13), und „König der Könige und Herr der Herren“ (19,16). Der Reiter von Kapitel 6 dagegen wird mit keiner Eigenschaft beschrieben, die ihn als den Herrn identifizieren würde.
Und ein letztes Detail: Der Reiter von Kapitel 19 hat als Waffe ein scharfes Schwert, das „aus seinem Mund hervorgeht“ – ein Symbol des Wortes Gottes, wie in 1,16 und 2,16. (Siehe auch Hebräer 4,12.) Der Reiter von Kapitel 6 hat dagegen einen Bogen. Sollten wir darin nicht den Bösen sehen, der seine „feurigen Pfeile“ gegen die Diener Gottes abschiesst (Epheser 6,16)?

Aus all diesen Gründen neige ich dazu, im Reiter von Kapitel 6 den falschen Christus zu sehen, dem Gott eine Zeitlang erlaubt, „auszuziehen um zu siegen“, und sein Reich über die Erde auszubreiten. Er sieht dem echten Christus sehr ähnlich, so dass auch viele Bibelausleger ihn mit ihm verwechseln werden. Und wenn der falsche Christus auf Erden siegt, dann werden viele Personen, die sich Christen nennen, glauben, jetzt habe tatsächlich das Reich Gottes angefangen. Schon jetzt unterstützen viele christliche Organisationen politische und „Entwicklungs-„Projekte, die Frieden und Wohlstand versprechen, aber mit menschlichen, irdischen Mitteln, ohne die Herrschaft Jesu in Betracht zu ziehen. Der falsche Christus könnte gar nicht an die Macht gelangen, wenn er dem echten nicht so täuschend ähnlich sähe. Unter den Helfershelfern der antichristlichen Machtergreifung finden sich viele Mitglieder und Leiter christlicher Kirchen. Einige von ihnen werden vielleicht noch rechtzeitig erkennen, dass sie getäuscht wurden; andere erst, wenn es zu spät ist. Und wieder andere werden bis an ihr Lebensende überzeugt sein, sie hätten für die Sache Christi gearbeitet. Glaubte nicht auch Paulus vor seiner Bekehrung, er diente Gott und dem rechten Glauben, indem er die Christen verfolgte? Glaubten nicht auch die spanischen Eroberer in Südamerika, sie würden das Reich Gottes ausbreiten, während sie ganze Völker ausrotteten? Wählten nicht auch viele deutsche Evangelikale am Anfang des „Dritten Reiches“ Hitler, und glaubten sogar, er sei einer der ihren?

Die falschen Christusse sind nicht leicht zu erkennen. Sie apellieren an unsere edelsten Vorsätze: die Liebe zur Menschheit, die Solidarität, die Errichtung einer friedlichen und gerechten Gesellschaft ohne Armut, sogar die Religiosität und „christliche Werte“. Der „Mensch der Sünde“, wie Paulus ihn nennt, kommt „mit aller Macht und lügnerischen Zeichen und Wundern, und mit aller Verführung der Ungerechtigkeit unter denen, die verlorengehen, weil sie die Liebe zur Wahrheit nicht angenommen haben. Und deshalb sendet Gott ihnen eine wirksame Verführung, damit sie die Lüge glauben…“ (2.Thessalonicher 2,9-11). Denken wir nicht, damit seien nur die „Weltmenschen“ gemeint. Auch in den Kirchen gibt es viele, die „die Liebe zur Wahrheit nicht angenommen haben“, die lieber sich selber und ihre Mitmenschen über ihren wahren Herzenszustand betrügen, und deshalb werden sie selber auch verführt.

Die Gemeinde in der Offenbarung: Das Volk Gottes bereitet sich auf die Verfolgung vor

19. Mai 2020

Im 12.Kapitel der Offenbarung sagt „eine laute Stimme im Himmel“:

„…denn hinausgeworfen wurde der Ankläger unserer Geschwister, der sie vor unserem Gott Tag und Nacht anklagt. Und sie haben ihn besiegt durch das Blut des Lammes, und durch das Wort ihres Zeugnisses, und haben ihr Leben nicht geliebt bis zum Tod.“ (Offenbarung 12,10-11)

Hier haben wir sehr kurz zusammengefasst die siegreichen „Waffen“ des Volkes Gottes. Wir haben keine Verheissung, diesen Krieg physisch zu gewinnen. Im Gegenteil, wir haben gesehen, dass das „Tier“ die Heiligen im Krieg besiegt (13,7). Das ist eine höchst unbequeme Prophetie. Beschützt denn Gott die Seinen nicht? Warum lässt er es zu, dass sein Volk zerstört wird?
Solche Fragen kommen jedesmal auf, wenn wir von Glaubensgeschwistern hören, die Verfolgung, Folter und sogar den Tod erleiden. Ich kann darauf nur eine Antwort finden, und diese ist weder einfach noch beruhigend: Die Gemeinde folgt Jesus nach, indem sie sein Kreuz trägt (Matthäus 16,24-25). Deshalb muss es so sein, dass ein Teil der Gemeinde – vielleicht ein bedeutender Teil der Gemeinde – dem Beispiel des Herrn in seinem Tod folgt.

Und dennoch heisst es in den oben zitierten Versen, dass die Gemeinde siegt. Nicht physisch, aber geistlich.Sie siegt durch das Blut des Lammes. Das bedeutet zuerst, dass die Nachfolger Jesu von jeder Anklage befreit sind. Der Kampf ist in erster Linie geistlich: Die Anklagen des Feindes können, wenn sie wahr sind, die ewige Verdammnis des Angeklagten bewirken. Aber wenn es sich um Nachfolger Jesu handelt, dann „reinigt uns das Blut Jesu von aller Sünde“ (1.Johannes 1,7).
Der Feind wird auch viele Stimmen dieser Welt benutzen, um uns anzuklagen: Wir handelten gegen die Gebräuche einer Welt, die Gott ablehnt; wir seien nicht „politisch korrekt“; wir würden uns nicht der organisierten Religion unterstellen. (Das ist nichts Neues. Im Römischen Reich wurden die Christen des Atheismus beschuldigt, weil sie weder Tempel bauten, noch Opfer darbrachten, noch Statuen verehrten.) Aber das vergossene Blut Jesu anulliert die Anklagen.
Ausserdem ist das Blut des Lammes unser Vorbild für den Fall, dass es uns bestimmt ist, seinem Weg zu folgen. „Lasst uns auf Jesus schauen, den Urheber und Vollender des Glaubens. Um der vor ihm liegenden Freude willen ertrug er das Kreuz, achtete die Schande gering, und erhielt den Ehrenplatz zur Rechten des Thrones Gottes. Seht auf den, der solchen Widerspruch der Sünder gegen ihn ertrug, damit ihr nicht erschöpft werdet und in euren Seelen ermüdet.“ (Hebräer 12,2-3) Im eigenen Leiden identifizieren wir uns am meisten mit dem, was er erlitten hat. Und er, der bereits überwunden hat, steht an unserer Seite, um uns zu stärken.

Die Nachfolger Jesu siegen auch durch das Wort ihres Zeugnisses. „Jeden, der mich vor den Menschen bekennt, den werde auch ich vor meinem Vater im Himmel bekennen. Aber jeden, der mich vor den Menschen verleugnet, den werde auch ich vor meinem Vater im Himmel verleugnen.“ (Matthäus 10,32-33) Das ist ein kritischer Punkt, wenn Jesus zu bekennen Leiden und sogar den Tod bedeuten kann. Warum bekennen die Nachfolger Jesu ihn auch in einer solchen Extremsituation? – Weil es ihnen wichtiger ist, zu Jesus zu gehören und die Ewigkeit mit ihm zu verbringen. Das ist wichtiger als das ganze Leben auf dieser Erde. Deshalb ist ihr Zeugnis ihr Sieg: Es beweist, dass sie zu Jesus gehören, und dass sie ihn mehr lieben als ihr eigenes Leben.

Die Nachfolger Jesu in der Endzeit siegen durch ihre Hingabe bis zum Tod. Darin gleichen sie den Christen der ersten Jahrhunderte. Sie sind keine „siegreiche“ Gemeinde in dem Sinne, dass sie in der Gesellschaft und Politik Einfluss hätten; auch nicht in dem Sinne, dass sie sehr zahlreich wären. Im Gegenteil: Sie sind siegreich, weil sie wissen, dass sie nichts von dem nötig haben. Sie lassen sich nicht von den Zeitströmungen beeinflussen; sie lassen sich nicht von den Mächtigen dieser Welt verführen. Die wahre Gemeinde besteht aus den Nachfolgern dessen, der sagte: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“ (Johannes 18,36) Sie widersteht deshalb den Versuchungen, schon jetzt in dieser Welt ein angebliches „Reich Gottes“ errichten zu wollen. Ihr Sieg ist das Blut Jesu, der sich selber für uns dahingegeben hat; und das befähigt seine Nachfolger, auch ihr Leben dahinzugeben. Wie Tertullian sagte, ein christlicher Schriftsteller des zweiten Jahrhunderts: „Das Blut der Märtyrer ist der Same der Gemeinde.“ Je heftiger die Christen verfolgt wurden, desto mehr breiteten sie sich aus. Oft bekehrten sich sogar einige der Verfolger selber zu Christus, unter dem Eindruck des Beispiels der Märtyrer.

Johannes selber litt unter der Verfolgung, als ihm auf Patmos der Herr erschien. Er erhielt die Offenbarung, um die Gemeinde auf Verfolgungen vorzubereiten und sie darin zu stärken. Die Nachfolger Jesu müssen den Gebrauch ihrer geistlichen Waffen schon in Friedenszeiten üben. Sie müssen von Anfang an lernen, auf das Blut des Lammes zu vertrauen; Jesus zu bezeugen, gerade wenn die Welt sich über ihren so andersartigen Lebensstil verwundert und ärgert; und nicht „ihr Leben zu lieben“ und die Bequemlichkeiten und den Beifall dieser Welt.

Später, wo die Offenbarung von den Verfolgungszeiten spricht, wird zweimal der Glaube und die Ausdauer betont:

„Hier ist die Ausdauer und der Glaube der Heiligen.“ (Offenbarung 13,10)

„Hier ist die Ausdauer der Heiligen, die die Gebote Gottes bewahren und den Glauben Jesu.“ (Offenbarung 14:12)

Können wir in widrigen Situationen ausharren? Können wir „mit Ausdauer den Wettkampf laufen, den wir vor uns haben (…), unseren Blick auf Jesus gerichtet“ (Hebräer 12,1-2)? Ermutigen wir einander zur Ausdauer? Ausdauer ist nötig, weil die Trübsal lange dauern kann.
Und da ist auch der Glaube, das Vertrauen auf Gott. Das ist nicht ein Glaube, dass Gott etwas Bestimmtes tun wird, was wir wünschen. Es ist nicht ein Glaube, „dass die Trübsal aufhören wird“. (Die Gläubigen in der Sowjetunion sind siebzig Jahre durch Trübsal gegangen!) Vielmehr ist es der Glaube, dass Gottes Pläne sich erfüllen, auch inmitten der Trübsal; und dass seine Pläne die besten sind, auch wenn wir sie nicht verstehen. Der Glaube, dass „denen, die Gott lieben, alles zum Guten mitwirkt“ (Römer 8,28). Alles, auch die Trübsal und die Verfolgung. Das ist der Glaube, der Ausdauer bewirkt. Wie Bruder Yun sinngemäss sagte, ein chinesischer Christ, der viel Verfolgung erlitt: „Wenn ihr für uns betet, dann betet nicht, dass die Unterdrückung aufhöre. Betet, dass Gott uns stärkere Schultern gebe, damit wir mehr ertragen können.“ Und Richard Wurmbrand, der wegen seines Glaubens vierzehn Jahre Gefängnis und Folter in Rumänien erlitt, sagte: „Es ist notwendig, sich jetzt auf das Leiden vorzubereiten. Es ist zu schwierig, sich darauf vorbereiten, wenn Sie bereits ins Gefängnis geworfen wurden. (…) Als ich mich bekehrte, wurde ich bewusst ein Teil eines geschlagenen Leibes, eines verhöhnten Leibes, eines Leibes, auf dem herumgehackt wird, der mit einer Dornenkrone gekrönt ist und durch dessen Hände und Füsse Nägel getrieben sind. Ich akzeptierte dies als mein mögliches zukünftiges Schicksal.“

Die Gemeinde in der Trübsal

17. Mai 2020

Die Zeit, die in Offenbarung 6 bis 19 beschrieben wird, wird oft „die Trübsal“ oder „die grosse Trübsal“ genannt. Ich werde deshalb auch ab und zu diesen Begriff verwenden, obwohl er mir nicht ganz zutreffend erscheint.
Manche Evangelikale, besonders aus dispensationalistischem Hintergrund, werden sagen, der Titel dieser Betrachtung habe keinen Sinn, die Gemeinde müsse nicht durch die Trübsal gehen, weil sie vorher entrückt werde. Auf diesen Fragenkomplex bin ich in einer Artikelserie über den Dispensationalismus bereits eingegangen.

In Offenbarung 4,1 sagt Jesus zu Johannes: „Komm hier herauf, und ich werde dir zeigen, was nach diesem geschehen muss.“ Einige dispensationalistische Ausleger sagen, hier sei die Entrückung beschrieben, und von diesem Moment an befände sich die Gemeinde nicht mehr auf der Erde. Aber damit wird etwas in den Text hineingelegt, was nicht dasteht. Jesus spricht hier nicht zur Gemeinde, sondern zu Johannes persönlich. Und nicht, um ihn von der Erde wegzunehmen, sondern um ihm die Fortsetzung der Vision zu zeigen. Die folgenden Kapitel sprechen sehr wohl von der Gemeinde auf der Erde. Auch wenn das Wort „Gemeinde“ nicht ausdrücklich vorkommt. Aber Ausdrücke wie „die Heiligen“ oder „das Volk Gottes“ sind gleichbedeutend mit „Gemeinde“.

In 6,9 sieht Johannes „die Seelen derer, die um des Wortes Gottes willen getötet worden waren …“ Gott lässt ihnen sagen, „dass sie noch eine kurze Zeit ausruhen sollen, bis auch ihre Mitknechte und Geschwister vervollständigt würden, die auch getötet werden sollen wie sie“ (6,11). Die „Knechte“ Gottes sind also noch auf der Erde, und auch wenn uns der Gedanke daran unangenehm ist: viele von ihnen werden Verfolgung und den Märtyrertod erleiden.

In 9:4 befiehlt der Herr den Heuschrecken: „dass sie weder das Gras der Erde noch irgendetwas Grünes noch irgendeinen Baum schädigen sollen, sondern nur die Menschen, die nicht das Siegel Gottes auf ihren Stirnen haben.“ Diese Ausdrucksweise impliziert, dass es auf der Erde auch Menschen gibt, die das Siegel Gottes haben (7,2-5), also echte Diener Gottes.

Eine ähnliche Stelle ist 16,2: „…und es kam ein bösartiges Geschwür über die Menschen, die das Zeichen des Tiers hatten, und die sein Bild anbeteten.“ Wiederum wird hier vorausgesetzt, dass es auch Menschen auf der Erde gibt, die das Zeichen des Tiers nicht haben, die also dem Herrn nachfolgen.

Über das „Tier“ heisst es in 13,7: „Und es wurde ihm gegeben, Krieg zu führen gegen die Heiligen und sie zu besiegen …“ Die „Heiligen“ sind die echten Christen. Sie sind noch auf der Erde.

In 18,4 ruft eine Stimme vom Himmel: „Geht hinaus aus ihr (aus Babylon), mein Vok, damit ihr nicht an ihren Sünden teilnehmt, und nicht ihre Plagen erleidet!“ – Wiederum ein Ruf an das Volk Gottes auf der Erde.

Wir sollten also aufmerksam zur Kenntnis nehmen, was der Herr seinem Volk auf der Erde sagt für die Zeiten, die in der Offenbarung beschrieben sind. In der nächsten Betrachtung werden wir mit diesem Thema weiterfahren.

Die Gemeinde in der Johannesoffenbarung: Die himmlische Perspektive

13. Mai 2020

Im Buch der Offenbarung wechselt die Perspektive ständig zwischen der Erde und dem Himmel. Die Kapitel 4, 5, 7, 10, 14, 15, 21 und 22 beschreiben fast ausschliesslich, was in der Umgebung des Thrones Gottes geschieht. Diese Perspektive ist unerlässlich, um die Offenbarung zu verstehen: Das Schwergewicht liegt nicht auf den irdischen Begebenheiten. Viele schreckliche Dinge geschehen auf dieser Erde, und werden weiterhin geschehen. Wir könnten entmutigt werden und vor Angst vergehen, wenn wir nur diese Seite sähen. Aber die Offenbarung Gottes zeigt uns, dass die irdischen Geschehnisse nicht die letzte Wirklichkeit sind. Gott ist souverän. Er sitzt auf dem Thron und hat alles unter Kontrolle. Gott ist es, der die Weltgeschichte bis zu ihrem Ende lenkt. Eine Schlüsselstelle in der Offenbarung ist das „Lied der Überwinder“:

„Gross und staunenswert sind deine Taten, Herr, allmächtiger Gott!
Gerecht und wahrhaftig sind deine Wege, König der Nationen!
Wer sollte dich nicht fürchten, Herr, und deinen Namen verherrlichen?
Denn du allein bist heilig,
denn alle Nationen werden kommen und vor dir anbeten,
denn deine gerechten Gerichte sind offenbar geworden.“
(Offenbarung 15,3-4)

Gott ist allmächtig, heilig und gerecht. Er führt seine gerechten Gerichte aus, und nichts und niemand kann ihn daran hindern. Das ist eine ermutigende und tröstliche Botschaft für alle, die auf der Seite Gottes stehen; aber sie ist Grund zur Furcht für jene, die sich ihm widersetzen.

Gott hat niemandes Hilfe nötig, um seine Gerichte auf der Erde auszuführen. Er ist souverän und richtet mit seiner eigenen Macht. Und wo er Menschen als Werkzeuge des Gerichts braucht, da tut er es auf solche Weise, dass diese Werkzeuge sich dessen nicht einmal bewusst sind. So machte er es zur Zeit des Alten Testaments mit den Königen von Assyrien und Babylonien.

Deshalb rufen uns die Prophetien der Offenbarung zuallererst dazu auf, Gott anzubeten und seine Souveränität anzuerkennen. „Fürchtet Gott und gebt ihm Ehre, denn die Stunde seines Gerichts ist gekommen! Und betet den an, der den Himmel und die Erde und das Meer und die Wasserquellen gemacht hat!“ (14,7) In der Tat sind die Kapitel, die Szenen im Himmel beschreiben, voll von Anbetung.

Gott möchte, dass wir von Anfang an diese Perspektive einnehmen. Deshalb beginnt die Vision nicht mit Zukunftsprophetien. Sie beginnt mit einer Vision von Jesus selber in seiner himmlischen Herrlichkeit und Macht:

„…Sein Haupt und seine Haare waren weiss wie weisse Wolle, wie Schnee; und seine Augen wie eine Feuerflamme; und seine Füsse wie Erz, glühend in einem Ofen; und seine Stimme wie das Rauschen vieler Wasser; und er hatte in seiner rechten Hand sieben Sterne; und aus seinem Mund ging ein scharfes zweischneidiges Schwert hervor; und sein Gesicht leuchtete wie die Sonne in ihrer Macht.“ (1,14-16)

Das erste, was das Volk Gottes in dieser Endzeit nötig hat, ist die Majestät Jesu zu erkennen und anzuerkennen. Die Vision war so eindrücklich und machtvoll, dass Johannes „wie tot zu seinen Füssen fiel“. Dieser Zerbruch angesichts der Majestät des Herrn war nötig, damit Johannes seine Worte empfangen konnte. Und auch wir haben das nötig, um sein Wort verstehen zu können. – Dieses Thema wird in den Kapiteln 4 und 5 fortgesetzt, wo Johannes den Thron Gottes sehen darf, und an der Anbetung der Millionen von Engeln teilnehmen darf, die den Thron umgeben.

Ein anderer wichtiger Aspekt für das Volk Gottes in der Endzeit sind „die Gebete der Heiligen“. (Erinnern wir uns, dass alle echten, wiedergeborenen Christen Heilige sind.) Diese Gebete gelangen wie ein Weihrauchopfer vor Jesus und den Thron Gottes (5,8). Später heisst es: „Es war still im Himmel etwa eine halbe Stunde lang“ (8,1). Diese Stille geht zu Ende, als ein Engel ein Weihrauchgefäss mit den Gebeten der Heiligen herbeibringt. Dann wird das Weihrauchgefäss auf die Erde geschleudert, und damit gehen die Gerichte Gottes weiter (8,3-5). Das Gebet ist also das einzige Mittel, mit dem das Volk Gottes aktiv an der Erfüllung von Gottes Gerichten auf der Erde teilnimmt: Nachdem die Gebete der Heiligen vor den Thron Gottes kommen, können die Gerichte weitergehen.

Anmerkungen zur Auslegung der biblischen Prophetie

9. Mai 2020

In den kommenden Betrachtungen möchte ich, so Gott will, weiter die Gemeinde im Buch der Offenbarung untersuchen, und die Botschaft dieses Buches für das Volk Gottes in der Gegenwart. Um dieses Thema besser zu verstehen, möchte ich mit einigen Anmerkungen zur Auslegung biblischer Prophetie im allgemeinen beginnen.

Die biblische Prophetie ist „mehrdimensional“.

In den Momenten übernatürlicher Offenbarung lässt Gott den Propheten ausnahmsweise die Weltgeschichte aus der Ewigkeitsperspektive sehen. Aus dieser Perspektive kann der Prophet sehen, was in den Augen Gottes wirklich wichtig ist. Aber er kann viele andere Dinge nicht sehen, die wir aus unserer irdischen Perspektive als wichtig wahrnehmen. Es ist, wie wenn wir auf einen hohen Berg steigen, oder wenn wir im Flugzeug reisen und uns über die Berge erheben: Wir können die Menschen nicht mehr sehen, die sich in den Strassen der Stadt bewegen. Wir können nur die höchsten Gipfel sehen, einen hinter dem andern. Wir können die weiten Täler zwischen den Bergen nicht sehen. Und was wie ein einziger ferner Gipfel aussieht, sind vielleicht in Wirklichkeit zwei oder drei weit voneinander entfernte Gipfel, mit tiefen Tälern dazwischen.

So fasst der Prophet manchmal mit wenigen Sätzen Ereignisse zusammen, die in ihrer historischen Entwicklung Jahrhunderte auseinanderliegen. Manchmal beschreibt er ein einziges Ereignis, das sich dann im Ablauf der Geschichte mehrmals erfüllt. So sagte z.B. Gott zu David durch den Propheten Nathan:

„… Ich werde deinen Nachwuchs aufrichten, der von deinem Leibe kommen wird, und will sein Königtum befestigen. Der soll meinem Namen ein Haus bauen, und ich will seinen Königsthron auf ewig befestigen. Ich will ihm Vater sein, und er soll mir Sohn sein …“ (2.Samuel 7,12-14)

Salomon, der Sohn Davids, regierte nach ihm und baute den Tempel in Jerusalem. Hat sich damit die Prophetie erfüllt? – Ja und nein. Salomon regierte nicht „auf ewig“. Und Salomon war auch nicht „Sohn Gottes“ in einem spezielleren Sinn als David oder irgend jemand vor ihm. Der tiefere Sinn der Prophetie erfüllte sich erst in Jesus, dem Messias, dem ganz besonderen „Sohn Davids“ und wahren Sohn Gottes, der für immer regieren wird. Aber das heisst nicht, dass die Deutung auf Salomon falsch wäre. Die Prophetie umfasst beide „Dimensionen“.

Diese Mehrdimensionalität müssen wir auch in der Johannesoffenbarung in Betracht ziehen. Die Erfüllung ihrer Prophetien kann mehrere Formen annehmen, einige einfach irdisch und politisch, andere mit einem tiefen geistlichen Sinn. So wäre es z.B. nicht falsch zu sagen, die Prophetien über den Fall Babylons (Kapitel 17 und 18) hätten sich mit dem Fall des Römischen Reiches „erfüllt“. Aber es wäre ein Irrtum anzunehmen, dies sei der einzige Sinn dieser Prophetien. So wie wir die Prophetie über den „Sohn Davids“ nicht allein auf Salomon beschränken können, so können wir auch die Prophetie über den Fall Babylons nicht allein auf das damalige Römische Reich einschränken. Ihr tieferer Sinn begann sich erst viele Jahrhunderte später zu erfüllen, und ist bis heute noch nicht vollständig erfüllt.

Auch können wir die Offenbarung nicht als eine geordnete chronologische Sequenz lesen. Einige Ereignisse sind chronologisch miteinander verbunden mit Angaben wie: „Nach diesem …“. Aber andere ihrer Visionen erfüllen sich parallel, oder (wie wir gesehen haben) mehrfach, oder sogar ständig während des ganzen behandelten Zeitraums.

Die Zukunftsprophetien sind uns gegeben, um die Zeichen Gottes zu erkennen, „wenn sie geschehen“; aber nicht, um zum voraus einen „Zukunftsfahrplan“ aufzustellen.

In seinen Endzeitreden sagte Jesus oft: „Wenn“:

„Aber wenn ihr den Gräuel der Verwüstung stehen seht, wo er nicht sein sollte – wer es liest, verstehe -, dann sollen die in Judäa in die Berge fliehen…“ (Markus 13,14)

„So auch ihr, wenn ihr dies geschehen sieht, wisst, dass es nahe vor der Tür steht.“ (Markus 13,29)

Siehe auch Lukas 21,9 und 21,28.

Jesus gab also seinen Jüngern diese Prophetien, damit sie die Zeiten und Ereignisse richtig beurteilen könnten, wenn sie geschehen. Aber nicht um zum voraus zu spekulieren, wann und wie sie geschehen würden.
Nachdem an Pfingsten der Heilige Geist gekommen war, konnte Petrus sagen: „Das ist es, was der Prophet Joel sagte …“ (Apg.2,16). Aber keiner der Jünger hätte vor dem Ereignis sagen können, dass sich die Prophetie genau an jenem Tag und auf jene Weise erfüllen würde.
Wahrscheinlich wird es mit vielen vorausgesagten Ereignissen der Zukunft ähnlich sein. Das „Wann“ und „Wie“ ihrer Erfüllung wird nicht vorauszusagen sein. Aber wenn es geschieht, dann werden die wachsamen, mit Jesus verbundenen Jünger die Erfüllung der Prophetie erkennen können.

Als Jesus zum ersten Mal kam, konnte ihn kaum einer der damaligen Theologen erkennen. Die Schriftgelehrten waren blind. Sie konnten nicht sehen, dass Jesus die Prophetien des Alten Testaments erfüllte. Das sollte uns zur Warnung dienen: Auch sein zweites Kommen könnte ganz anders sein, als wir und die heutigen Theologen es uns vorstellen.

Die Neugier, die Zukunft zu kennen, kann gefährlich sein. Sie kann uns ablenken mit spekulativen Auslegungen, falschen Prophetien und Wahrsagerei. Sie kann unsere Augen von Jesus ablenken. Ein wiedergeborener Christ findet Frieden und Sicherheit im Wissen, dass die Zukunft in Gottes Hand liegt, und dass wir sie deshalb nicht im einzelnen kennen müssen. Die biblischen Anweisungen sind ausreichend. Sie sind in erster Linie dazu da, Gott zu verherrlichen; und in zweiter Linie, damit wir die Zeiten verstehen können, wenn sie kommen. Aber nicht, um unsere Neugier zu befriedigen über Dinge, die uns nichts angehen.

Die neutestamentliche Gemeinde in den Sendschreiben der Offenbarung – Teil 2

7. Mai 2020

In der vorhergehenden Betrachtung haben wir die ersten drei Sendschreiben untersucht. Wir haben auf die zentrale Botschaft aller sieben Sendschreiben hingewiesen: „Kehre um zu dem, was am Anfang war!“ Das ist auch die prophetische Botschaft Gottes an die heutige Gemeinde. Behalten wir diesem Aspekt im Sinn, während wir die anderen vier Sendschreiben betrachten.

Thyatira: Liebe ohne Unterscheidungsvermögen

Die Gemeinde von Thyatira war bekannt für ihre „Werke, Liebe, Glaube, Dienst, und Ausdauer“ (2,19). Offenbar betonte diese Gemeinde die Nächstenliebe und gegenseitige Hilfe, und Jesus lobt sie dafür. Aber im Vergleich zu Ephesus fiel die Gemeinde von Thyatira in den entgegengesetzten Fehler: Um der Liebe willen hörte sie auf, ihr Unterscheidungsvermögen einzusetzen. Deshalb wurde ihre Liebe pervertiert:

„Liebe“ als sexuelle Unmoral. „…sie verführt meine Diener und lehrt sie, Unzucht zu treiben …“ (2,20) Einige von ihnen verwechselten offenbar „Liebe“ mit ausserehelichen sexuellen Beziehungen, und „lehrten“ das sogar.

„Liebe“ als Toleranz gegenüber der Sünde. „Aber ich habe gegen dich, dass du diese Frau Jesabel [gewähren] lässt, die sich eine Prophetin nennt, und meine Diener lehrt…“ (2,20) Auch jene, die die genannten Sünden nicht selber begingen, tolerierten sie innerhalb der Gemeinde. Das Wort „lassen“ ist dasselbe, das auch mit „vergeben“ übersetzt wird. Aufgrund einer falsch verstandenen Liebe „vergaben“ die Christen von Thyatira einer falschen Prophetin, unmoralischen Frau und Sünderin, obwohl sie selber keine Anzeichen einer Umkehr zeigte (2,21).

All das ist hochaktuell. Viele heutige Gemeinden sind voll von Sünde, Unmoral, und falschen Lehren; und zudem wird gesagt: „Wir müssen Liebe üben und vergeben.“ Jesus verurteilt eine solche Haltung und zeigt, dass er gerecht richtet (2,22-23). Die Vergebung ist nur für jene, die umkehren, und wahre Liebe schliesst Unterscheidungsvermögen nicht aus.

Sardes: Die Namenschristen

Die Gemeinde von Sardes hat den „Namen“ (bzw. den Ruf) einer lebendigen Gemeinde. Es wird uns nicht gesagt, worauf dieser gute Ruf beruht. Aus dem Zusammenhang können wir aber annehmen, dass es sich um Dinge des äusseren Anscheins handelt, wie sie auch heute an manchen Kirchen bewundert werden: eine grosse Mitgliederzahl, ein wortgewandter Prediger, mitreissende Musik, beeindruckende soziale Hilfsprogramme, u.ä. Jesus sagt, dass in seinen Augen nichts dergleichen einen guten Ruf begründet: „…aber du bist tot. … denn ich habe deine Werke nicht vollständig gefunden vor Gott.“ (3,1-2)

Das geistliche Leben misst sich nicht nach dem äusseren Anschein. Vers 4 sagt, dass einige wenige in Sardes „ihre Kleider nicht befleckt haben“. Das grösste Problem in Sardes war also wahrscheinlich die verborgene Sünde, die ein Betrachter von aussen nicht wahrnahm. Aber Gott konnte sehen, dass ihre „Kleider befleckt“ waren. Vers 3 zeigt zudem, dass sie vergessen oder venachlässigt hatten, „was du empfangen und gehört hast“. Sie konnten das Problem an ihrer Situation nicht erkennen, weil sie sich nur nach dem äusseren Anschein beurteilten, aber nicht nach dem Wort Gottes, das sie am Anfang empfangen hatten.

Von dieser Art Kirchen gibt es jede Menge. Kirchen, die hauptsächlich einen guten Eindruck machen wollen, Mitglieder gewinnen und bekannt sein wollen. Sie können sich nicht vorstellen, dass etwas daran falsch sein sollte, denn „wir wachsen ja, wir sind beliebt, es geht uns finanziell gut …“ Wenn jemand ihnen erklären will, dass die Urgemeinde anders war, oder wenn jemand mit ihnen über die Wiedergeburt, Reinheit und Heiligkeit sprechen möchte, dann sagen sie: „Aber das sind veraltete Ideen, die Kirche hat sich seither weiterentwickelt, wir befinden uns jetzt auf einer höheren Stufe als jene primitiven Christen.“ Sie sind nur Namenschristen; sie glauben Christen zu sein, weil sie nach aussen hin gut aussehen; aber sie messen sich nicht am Wort Gottes.
Gott beurteilt diese Kirche strenger als jede andere: „Du bist tot!“ Die meisten ihrer Mitglieder haben nicht einmal geistliches Leben; sie haben nie wirklich den Herrn kennengelernt; sie sind nicht wiedergeboren. Sie haben gelernt, sich einen Anschein von Christlichkeit zu geben, aber ihr Herz wird weiterhin von der Sünde beherrscht. Nur „einige wenige“ sind würdig, an der Seite Gottes zu gehen (3,4).

Die Kirche von Sardes hat wenig Hoffnung auf Wiederherstellung. Nur ein winziger Teil von ihr ist überhaupt noch am Leben; und dieser kleine Teil ist ebenfalls „am Sterben“ (V.2). Wenn eine solche Kirche auf ihrem Weg weitergeht, dann stirbt sie nicht nur geistlich: sie wird zu „Babylon“.
Aber der Herr ruft immer noch zur Umkehr. Eine radikale und tiefgreifende Umkehr, und eine entschiedene Rückkehr zu dem, „was du empfangen und gehört hast“, könnte diese Gemeinde noch retten. Aber sie müsste auf alles verzichten, worauf sie so stolz ist: ihr guter Ruf, ihre farbenfrohen „Gottesdienste“, ihre „Shows“, und alle ihre Versuche, einen guten äusseren Anschein zu erwecken. Sie müsste ihre äusserlichen Veranstaltungen aufgeben, die keine geistliche Substanz haben, und sich stattdessen einer radikalen innerlichen Herzensreinigung unterziehen.

Philadelphia: Wenn ich schwach bin, bin ich stark

Die Gemeinde von Philadelphia war das Gegenteil von Sardes. Sie hatte „geringe Kraft“ (3,8), sie konnte nicht viele äusserliche Erfolge vorweisen, und so erfreute sie sich wahrscheinlich auch nicht des guten Rufes einer Gemeinde wie Sardes.

Aber diese Gemeinde hielt treu am Wort des Herrn fest: „Du hast mein Wort bewahrt und hast meinen Namen nicht verleugnet. (…) Denn du hast das Wort meiner Ausdauer bewahrt …“ (3,8.10) Diese Gemeinde folgte nicht den Zeitströmungen, und gab auch dem Druck und der Verfolgung nicht nach. Deshalb verspricht ihr der Herr „eine offene Tür, die niemand schliessen kann“ (3,8). Das kann im Hinblick auf die Ewigkeit verstanden werden, als die Tür zum Himmelreich (Matth.7,13, 25,10). Aber es kann auch als Gelegenheit zu wirksamer Verkündigung des Evangeliums verstanden werden, wie Paulus diesen Ausdruck ab und zu gebraucht.

In diesem Zusammenhang gibt Gott eine ungewöhnliche Verheissung: „Ich gebe euch von der Synagoge des satans, die sich Juden nennen und es nicht sind, sondern lügen; siehe, ich werde machen, dass sie kommen und dir zu Füssen (Gott) anbeten, und anerkennen, dass ich dich geliebt habe.“ (3,9) – Diese Verheissung spricht von der Bekehrung einer besonderen Gruppe, die äusserst schwierig zu überzeugen sind: „die Synagoge des satans, die sich Juden nennen und es nicht sind“. Was sind das für Personen?
– In der Zeit des Johannes könnten damit jene Juden gemeint sein, die Jesus ablehnten und die anderen Juden verfolgten, welche Jesus angenommen hatten. Aber das Buch der Offenbarung ist zugleich eine Prophetie für alle Zeiten. Es muss deshalb auch eine Anwendung auf die Gemeinden unter den nichtjüdischen Völkern geben. Offenbarung 17 sagt den Aufstieg einer falschen Kirche voraus, die sich einen christlichen Anschein gibt, aber die wahren Christen verfolgt. Trifft der Ausdruck nicht auch auf sie zu?
Auffallenderweise kommt dieser Ausdruck „Synagoge des satans“ genau zweimal vor: hier, und im Brief an Smyrna. Also genau in den Briefen an jene Gemeinden, die Jesus treu blieben, und an denen der Herr nichts auszusetzen hat. Wären damit also nicht auch die abgefallenen Mitglieder der anderen Gemeinden gemeint, z.B. jene vom Typ Sardes?
Ausgerechnet über diese Gruppe von falschen Brüdern und Verfolgern erhält die Gemeinde von Philadelphia die Verheissung, dass einige von ihnen Gott anerkennen werden, und dass sie die Jünger von Philadelphia als echte Jünger anerkennen werden. Nur die schwache, aber treue und ausdauernde Gemeinde erhält diese Verheissung.

Zudem erhält sie die Verheissung, dass „ich dich auch bewahren werde vor der Stunde der Prüfung, die über die ganze Menschheit kommen wird …“ (3,10). Um in diesen Zeiten den Glauben zu bewahren, ist keine grosse Kraft notwendig. Aber es ist nötig, das Wort Gottes treu zu bewahren, so wie es am Anfang gegeben wurde. Es ist nötig, zu den Grundlagen der Urgemeinde zurückzukehren, und nicht die Wahrheit Gottes mit den Erfindungen und Geboten von Menschen zu vermischen, die später dazukamen.

Und für die Ewigkeit verspricht Jesus, die Jünger von Philadelphia zu einer „Säule im Tempel meines Gottes“ zu machen (3,12). Eine Säule ist Ausdruck einer grossen, tragenden Kraft. Genau jene, die nach irdischen Massstäben eine „kleine Kraft“ hatten, werden in der neuen Schöpfung Gottes „Säulen“ sein.

Laodizäa: Christentum ohne Christus

Die Gemeinde von Laodizäa sieht auf den ersten Blick nicht schlecht aus. Sie taten nichts Böses. Sie stahlen nicht, sie waren nicht unzüchtig, sie lästerten nicht, sie folgten auch keinen falschen Lehren. Und sie sehen alle zufrieden und glücklich aus. Sie sind nicht tot wie jene von Sardes. Nur ein wenig lau. Wo ist das Problem damit?

Wir müssen bis zum Vers 20 lesen, um zum Kern der Sache zu kommen:

„Siehe, ich stehe vor der Türe und klopfe an. Wenn jemand auf meine Stimme hört und die Tür öffnet, werde ich zu ihm hineingehen und mit ihm zu Abend essen und er mit mir.“

Diese Worte werden oft in evangelistischen Predigten gelesen. Aber in ihrem Zusammenhang sind sie nicht an Ungläubige gerichtet. Jesus spricht zur Gemeinde! Da müssen wir uns fragen: Warum muss der Herr an die Tür der Gemeinde klopfen? Warum ist er nicht drinnen?
Einen Teil der Antwort finden wir im Vers 17. Die Laodizäer sagten: „Ich habe nichts nötig.“ Mit anderen Worten: „Wir brauchen dich nicht, Jesus! Wir haben schon alles.“ Wenn eine Gemeinde glaubt, sie wisse, wie „es gemacht wird“ im Reich Gottes; wenn sie glaubt, sie habe schon alles, dann zieht sich Jesus still zurück. Oder noch schlimmer: die Gemeinde stösst ihn aus. Ich fürchte, viele heutige Gemeinden haben den Herrn Jesus aus ihrer Mitte ausgeschlossen, weil er sich nicht an ihre Vorstellungen anpasst. Und sie haben nicht einmal bemerkt, dass Jesus nicht mehr unter ihnen ist. Ihre Programme funktionieren weiterhin; die „Gottesdienstbesucher“ kommen regelmässig, und alle sehen zufrieden aus.

Die Gegenwart des Herrn wirkt in einer solchen Gemeinde unbequem und aufrührerisch. Erweckungsprediger wie John Wesley, George Whitefield, oder Charles Finney galten in den Kirchen ihrer Zeit als Aufrührer, weil sie sagten: „Ihr – die getauften Gemeindeglieder -, gerade ihr müsst wiedergeboren werden! Ihr müsst umkehren! Ihr müsst Gott kennenlernen!“ – Viele Kirchen stiessen diese unbequement Prediger aus. Und damit warfen sie Jesus hinaus.

Die selbstgefällige Gemeinde von Laodizäa versteht nicht, dass Jesus mehr will als einige gut funktionierende „Gottesdienste“. Jesus möchte mehr als religiöse Zeremonien. Er möchte nicht einfach einige harmlose Christen haben, die damit zufrieden sind, „nichts Böses zu tun“, die aber auch nichts Gutes tun. Eine „gut funktionierende“ Gemeinde kann in grösserer Gefahr stehen als eine mit Problemen und Konflikten, denn die „gut funktionierende“ Gemeinde ist sich ihres Mangels nicht mehr bewusst.

Solche Gemeinden finden wir heute auch zuhauf. Besonders unter jenen, die „respektabel“ geworden sind, finanziell abgesichert, und die auf eine Tradition von mehreren Generationen zurückblicken können. Ihre einzige Hoffnung besteht darin, dass sie Jesus anklopfen hören; dass sie es bereuen, ihn ausgeschlossen zu haben, und dass sie ihm von Neuem den Ort geben, der ihm in der Gemeinde zukommt. Dann werden sie wieder erfahren können, was ihnen fehlte und was sie verachtet haben: die enge koinonía mit dem Herrn selber, und miteinander. „Ich werde mit ihm zu Abend essen, und er mit mir.“ (3,20)