Archive for the ‘Nachdenkliches und Herausforderndes’ Category

Schwierige Zeiten für Schweizer Homeschooler?

18. September 2019

Betrübt stelle ich bei einem Blick auf meine ehemalige Heimat fest, dass auch dort offenbar das Recht der Eltern, ihre Kinder zu erziehen, immer stärker unter Beschuss gerät. Gemäss einer kürzlichen Pressemitteilung (Basler Zeitung vom 16.September) hat das Schweizer Bundesgericht dem Kanton Basel-Stadt recht gegeben, der einem Elternpaar verboten hatte, ihr Kind zuhause zu unterrichten. Dies offenbar nicht, weil die Eltern dazu nicht in der Lage wären, sondern lediglich aus bürokratischer Prinzipienreiterei.
Nun urteilte das Bundesgericht, „weder internationales noch Bundesrecht begründen einen Anspruch auf Unterricht in den eigenen vier Wänden“. Dies in klarem Widerspruch gegen die Universelle Erklärung der Menschenrechte, welche in Art.26.3 den Eltern das Recht zuspricht, über die Art der Erziehung und Bildung zu entscheiden, die ihren Kindern zuteil werden soll. Der Artikel in der „Basler Zeitung“ zitiert dazu Willi Villiger, den Präsidenten des Vereins „Bildung zu Hause“. Dieser erklärt, das Bundesgericht setze sich mit diesem Urteil auch über den Geist der Bundesverfassung hinweg. „Bei der Totalrevision von 1874 habe der Verfassungsgeber bewusst nur den Unterricht für obligatorisch erklärt, nicht den Volksschulunterricht – dies mit Rücksicht auf die konservativen Kantone, die eine unbotmässige Beeinflussung ihrer Kinder in der staatlichen Schule befürchteten. ‚Deshalb gibt es bei uns in der Schweiz keinen Schulbesuchszwang wie etwa in Deutschland‘, sagt Villiger.“

Entgegen dieser klaren Rechtslage möchten nun anscheinend auch die Schweizer Bundesrichter, ebenso wie die deutschen, einen rechtlich nicht existierenden Schulbesuchszwang auf juristischem Weg konstruieren. Besonders befremdlich daran ist, dass das Bundesgericht dabei mit dem „Kindeswohl“ argumentiert: „Das elterliche Erziehungsrecht ist ohnehin ein fremdnütziges, durch das Kindeswohl begründetes und begrenztes Pflichtrecht (…)“ (Was ist ein „Pflichtrecht“? Der Ausdruck könnte direkt aus Orwells „1984“ stammen.) Die Schule sei „nicht Selbstzweck, sondern im Interesse der Kinder“, sodass „der Schulbesuch deshalb auch gegen den Willen der Eltern durchgesetzt werden könne.“
Befremdlich ist diese Argumentation, weil im vorliegenden Fall gerade das Kindeswohl den Ausschlag gegeben hat zur Entscheidung der Eltern, ihr Kind aus der Schule zu nehmen. Wie der Presseartikel informiert, hat das zehnjährige Kind bereits in zwei Schulen Probleme gehabt. „Schule und Behörden seien nicht richtig mit der Hochbegabung ihres Sohnes umgegangen, kritisierte die Mutter“; ein neuerlicher Schulwechsel sei nicht zumutbar. Wer ist besser in der Lage zu entscheiden, was dem Kindeswohl nützt: die Eltern, die ihm nahestehen und es persönlich kennen, oder ein unpersönliches, institutionalisiertes Schulsystem, das notorischerweise schlecht zurechtkommt mit Kindern, die in irgendeiner Art von der „Norm“ abweichen? Die Behauptung, Menschen müssten „zu ihrem eigenen Wohl“ einschneidenden Zwangsmassnahmen unterworfen werden, ist Ausdruck einer totalitären und diktatorischen Gesinnung, wie sie ansonsten in der Schweiz verpönt ist.

Eine wichtige Information habe ich vergebens in dem Artikel gesucht: Was sagt das betroffene Kind selber dazu? Anscheinend ist es nicht um seine Meinung gefragt worden. Wie kann ein Gericht sich anmassen, über das angebliche „Wohl“ eines Kindes zu bestimmen, ohne dessen eigene Meinung überhaupt zu berücksichtigen?
Das wenigstens ist in einigen Teilen Deutschlands inzwischen erkannt worden. Das neuerliche Verfahren gegen die Familie Wunderlich ist von der zuständigen Richterin eingestellt worden, nachdem sie bei einer getrennten Anhörung sowohl der Eltern als auch der Kinder keinerlei Anzeichen einer Gefährdung des Kindeswohls feststellte.

Die Art und Weise, wie ein Land mit seinen „Homeschoolern“ umgeht, ist immer auch ein Indikator für das allgemeine Mass an Freiheit und Rechtsstaatlichkeit in dem betreffenden Land. Gemäss diesem Indikator hat nun anscheinend auch in der Schweiz eine Abkehr von einer freiheitlichen und rechtsstaatlichen Grundordnung begonnen. Schule wird jeweils dort mit Zwang durchgesetzt, wo man sie als ein Instrument zur ideologischen Indoktrinierung und obrigkeitlichen Bevormundung eines Volkes sieht. Das ist schon bei den ersten Zwangsschulsystemen zu beobachten, von denen die Geschichte berichtet:
– Nebukadnezar, der König von Babylonien, liess die jugendlichen Adligen der eroberten Völker an seinen Hof bringen, wo sie zur babylonischen Kultur und Religion umerzogen wurden. So zu abhängigen Gefolgsleuten gemacht, wurden sie als Regierungsbeamte in ihre Heimat zurückgeschickt, wo sie ihre eigenen Landsleute nun im babylonischen Sinn und Geist regierten. Anscheinend eine effektive Art und Weise, sich andere Völker zu unterwerfen und unter dem Deckmantel der Eigenverwaltung eine Fremdherrschaft zu errichten.
– Im alten Sparta wurden Jungen im Alter von sieben Jahren den Eltern weggenommen und in eine Art militärisches Erziehungslager gesteckt. Das Ziel der spartanischen Schule bestand darin, starke, unerschrockene und gehorsame Soldaten für den Krieg heranzubilden. (Dasselbe Ziel lag dem deutschen Schulsystem zugrunde, das auf die preussische Militärdiktatur des 18.Jahrhunderts zurückgeht, und das im wesentlichen bis heute die Grundlage der meisten staatlichen Schulsysteme weltweit bildet, wie John Taylor Gatto in einer gründlichen historischen Untersuchung festgestellt hat.) Das spartanische Ziel ist aber anscheinend nicht erreicht worden: Trotz (oder wegen?) dieses Zwangssystems war Sparta dem – damals noch freiheitlichen – Athen unterlegen.

Schweizer Homeschooler haben in der gegenwärtigen Situation zum Glück noch eine Chance: Das Schulwesen unterliegt voll und ganz der Hoheit der Kantone. Das Bundesgericht kann deshalb nicht direkt Kinder zum Schulbesuch verpflichten. Auch im vorliegenden Fall hat es lediglich das Recht des Kantons Basel-Stadt gestützt, eine solche Verpflichtung auszusprechen. Eine Instanz des Bundes kann aber nicht z.B. die Regierung eines freiheitlicheren Kantons zwingen, das Homeschooling einer strengeren Regelung zu unterwerfen. Bleibt zu hoffen, dass es weiterhin solche freiheitlichen Kantone geben wird, wohin bedrängte Homeschooler ausweichen können. Dennoch ist die kürzlich zum Ausdruck gebrachte Haltung des Bundesgerichts ein sehr bedenkliches Zeichen.

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Demokratieverständnis in Perú und in Europa

13. September 2019

Letztes Jahr ist bei einer Volksabstimmung in Perú eine Verfassungsreform gutgeheissen worden, die v.a. für mehr Transparenz und Gerechtigkeit bei Wahlen sorgen soll. Eingeführt worden ist diese Reform aber bisher nicht, weil das Parlament zuerst darüber befinden muss, ob und wie diese Reform verwirklicht werden soll. Dabei sind alle möglichen Änderungs- bzw. Verwässerungsvorschläge eingebracht worden, und die Debatten darüber sind immer wieder verschleppt worden. Der politischen Elite ist anscheinend viel daran gelegen, diese Reformen zunichte zu machen, oder sie zumindest so weit hinauszuzögern, dass die nächsten Parlamentswahlen noch unter der alten Gesetzgebung abgehalten werden müssen.

Für mich als Schweizer ist ein solches System nicht so leicht nachvollziehbar. Nach dem schweizerischen Verständnis bedeutet Demokratie („Volksherrschaft“), dass das Volk das letzte Wort hat. Ergebnisse einer Volksabstimmung werden ohne Wenn und Aber umgesetzt, da hat das Parlament nichts mehr zu sagen. Ausser eine Abstimmung sei durch falsche Informationen behördlicherseits manipuliert worden, wie in einem nicht so lange zurückliegeden Fall (meines Wissens erstmals) in der Schweiz gerichtlich entschieden wurde.

Ein möglicher Ausweg bleibt der peruanischen Regierung noch: Wenn erwiesenermassen das Parlament den Auftrag der Exekutive sabotiert, dann kann unter gewissen Umständen der Staatspräsident das Parlament auflösen. Doch die Verfassung macht ihm das nicht leicht; es müssen dazu eine ganze Menge Bedingungen erfüllt sein. Andererseits haben Umfragen ergeben, dass in der gegenwärtigen Situation eine überwältigende Mehrheit der Bevölkerung eine solche Massnahme gutheissen würde. Immer wieder finden Streiks und Protestaktionen statt, bei denen zur Auflösung des Parlaments aufgerufen wird.

An all das musste ich denken, als ich kürzlich von den Entrüstungsstürmen las, die Boris Johnson ausgelöst haben soll mit seiner Entscheidung, das britische Parlament – nicht aufzulösen, nur für ein paar Wochen zu schliessen. Die Situation ist durchaus mit der peruanischen vergleichbar. Der Brexit ist nach demokratischen Massstäben eine beschlossene Sache; das Volk hat entschieden. Doch das Parlament hat bisher die Inkraftsetzung dieses Beschlusses erfolgreich verhindert. Auch wenn einige Snobs wie Richard Dawkins verlauten liessen, man hätte das tumbe Volk gar nicht über eine so hochwichtige Sache abstimmen lassen dürfen – so weit ist England noch nicht, dass selbsternannte Wissenschaftspäpste die Regierung in der Tasche hätten wie im Mittelalter die Päpste von Rom. (Deutschland scheint in dieser Hinsicht „weiter“ zu sein. Wann gab es dort zum letzten Mal eine Volksabstimmung?)

Man mag manche Einwände gegen demokratische Regierungsformen an sich vorbringen. Aber wenn ein Land einmal entschieden hat, sich demokratisch zu regieren, dann müssen die Regierenden sich an diese Spielregeln halten. Auch gewählte „Volksvertreter“ können einen Volksbeschluss nicht einfach annullieren. Und die Exekutive hat in einer Demokratie den Auftrag, den Willen des Volkes in die Tat umzusetzen, gegen alle Widerstände – selbst wenn diese Widerstände vom Parlament kommen. Deshalb ist „Demokratie“ gerade dasjenige Argument, das man nicht gegen Boris Johnson ins Feld führen kann. Im Gegenteil, er hat das Demokratischste getan, was er in seiner Situation tun konnte: nämlich dem Volkswillen Geltung zu verschaffen (oder es zumindest zu versuchen). Die Reaktion von Parlament und Presse zeigt, dass Europa anscheinend noch (oder wieder) weiter entfernt ist von einem echten Demokratieverständnis als Perú.

David Livingstone – auch ein christlicher Aussteiger? – Teil 2

28. August 2019

Im ersten Teil haben wir betrachtet, wie Livingstone in seiner Missionstätigkeit ein „nicht-institutionelles“ Gemeindemodell vertrat und lebte. Ist es mehr als ein Zufall, dass sein Name übersetzt „lebendiger Stein“ bedeutet? In 1.Petrus 2,4-5 heisst es: „Tretet hinzu zu ihm (Jesus), dem lebendigen Stein, von den Menschen zwar verworfen, von Gott aber auserwählt und wertgeschätzt; und lasst auch euch selber als lebendige Steine aufbauen zu einem geistlichen Haus, einer heiligen Priesterschaft…“ – Livingstone hat nie eine „Kirche“ aus toten Steinen gebaut; aber er liess sich als „lebendiger Stein“ da einsetzen, wo Gott ihn haben wollte. Das entsprach nicht immer dem Willen der Vertreter irdischer Institutionen und Kirchen.
Englische Expeditionsgefährten, die ihn eine Zeitlang begleiteten, beschrieben ihn als eigensinnig, unberechenbar, und als einen „höchst unzuverlässigen Leiter“. Sie zweifelten sogar daran, ob er noch bei Verstand sei. Eine Beurteilung, die auch anderen „lebendigen Steinen“ vor und nach ihm zuteil geworden ist.

1857 trennte sich Livingstone von der London Missionary Society (LMS), und unternahm seine nächste Expedition mit Unterstützung der Royal Geographical Society und der englischen Regierung. Über die Hintergründe der Trennung gibt es widersprüchliche Versionen. Einige Biographen schreiben, nachdem Livingstone hauptsächlich zu einem Entdecker geworden war, fühlte er sich nicht mehr berechtigt, von einer Missionsgesellschaft unterstützt zu werden, und sei deshalb aus eigenem Entschluss zurückgetreten. Ähnlich Thomas Hughes (1889):
„Durch die Veröffentlichung seines Buches war er plötzlich zu einem reichen Mann geworden. Deswegen, und weil er zum Konsul für die afrikanische Westküste ernannt worden war, (…) beschloss er nach langem Überlegen, von der London Missionary Society zurückzutreten. Sie trennten sich sehr freundschaftlich, obwohl sein Handeln in der (sogenannten) religiösen Presse missverstanden und scharf kritisiert wurde.“

Andere Versionen sprechen jedoch von persönlichen und sachlichen Differenzen. So im englischsprachigen Wikipedia-Artikel:
„Livingstone hatte sich der Missionsleitung gegenüber beklagt über deren Politik, zu viele Missionare in der Gegend am Kap zu konzentrieren, obwohl die einheimische Bevölkerung dort gering war (Blaikie). (…) In Quelimane erhielt Livingstone einen Brief von der Leitung der Missionsgesellschaft, in welchem sie ihm zu der vollbrachten Reise gratulierten, aber gleichzeitig sagten, die Leitung sei ‚limitiert in ihrer Vollmacht, Pläne zu unterstützen, die nur ganz entfernt mit der Ausbreitung des Evangeliums zu tun haben‘ (Tim Jeal 2013).“

Livingstone selber sah sich bis an sein Lebensende als ein von Gott beauftragter Missionar. Mit seinen Reisegefährten und Helfern hielt er tägliche Andachten (die aber zu keiner weiteren Bekehrung mehr führten). Seine Entdeckungsreisen sah er nur als ein Mittel zum Zweck, weitere Missionare in das zuvor unerforschte Innere Afrikas bringen zu können. Darin sah er seinen eigentlichen Beitrag zum Missionsauftrag und seine eigentliche Berufung – während offenbar Setschele dazu ausersehen war, die direkte Missionsarbeit zu leisten, die Livingstone anfangs selber tun wollte. (Siehe Teil 1.)

Silvester Horne (1916) beurteilt seine Trennung von der LMS folgendermassen:

„Da Livingstone glaubte, es sei seine Lebensaufgabe, das Innere dieses grossen Landes zu erschliessen, fühlte er sich verpflichtet, von der LMS zurückzutreten, da einige ihrer Unterstützer nicht mit dieser Art von Arbeit einverstanden wären. Zugleich war er sehr besorgt um den Fortgang der Arbeit der Missionsgesellschaft, und fühlte sich verpflichtet, selber für einen Stellvertreter zu sorgen. Er kam mit seinem Schwager John Moffat überein, dass dieser als Missionar zu den Makololo ginge, und versprach ihm (…) ingesamt eine Summe von 1400 Pfund.
Seine eigene Zukunft war bestimmt durch die Ernennung zum Konsul in Quelimane, und zum Leiter einer Expedition zur Erforschung von Ost- und Zentralafrika. (…)
Es wird immer einige Menschen geben – Opfer einer Theorie, die das Leben in wasserdichte Abteilungen unterteilt -, die argumentieren, jemand könne kein Diener Gottes oder Missionar sein, wenn er zugleich etwas anderes ist. Diese Menschen glauben, wenn jemand zu einem Entdecker werde, dann höre er auf, ein Missionar zu sein. Konsequenterweise müssten sie glauben, dass Paulus aufhörte, ein Apostel zu sein, als er als Zeltmacher arbeitete (…) Livingstone betrachtete alle seine Arbeit als heilig, weil er sie zur Ehre Gottes und zum Besten der Menschheit tat. Die Ziele, die er gegen sein Lebensende verfolgte, waren im wesentlichen dieselben wie zuvor: das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit.“

Aus dieser Perspektive gesehen, war Livingstone nicht nur aus einer Institution ausgetreten. Er war zugleich aus einer institutionellen Weltanschauung „ausgestiegen“ bezüglich der Frage, was unter „Gott dienen“ zu verstehen sei. Ist nur der institutionell anerkannte „Pastor“ oder „Missionar“ ein Diener Gottes? – oder auch der Entdecker, der nachkommenden Missionaren den Weg öffnen will, der seinen Reisebegleitern mit Wort und Tat das Evangelium bezeugt, und der aus christlicher Überzeugung gegen den Sklavenhandel kämpft?

U.a. ging es dabei auch um die Frage, was wichtiger ist: die persönliche Berufung, die Gott einem Menschen gegeben hat, oder die institutionellen Vorgaben irdischer Vorgesetzter, z.B. einer Missionsgesellschaft? In einer Firma, die weltliche Interessen verfolgt, gelten die Mitarbeiter als Untergebene des Chefs und müssen, was ihre Arbeit anbelangt, den Anweisungen des Chefs folgen. Im Reich Gottes dagegen gibt es nur einen einzigen „Chef“, der Herr selber, „und ihr alle seid Brüder“ (Matth.23,8). Im „Leib Christi“ sind wir alle unterschiedliche Glieder unter einem einzigen Haupt (1.Kor.12,18-27, Kol.2,18-19); und die Glieder erteilen einander keine Befehle. In einer Vereinigung, die sich der Ausbreitung des Reiches Gottes verpflichtet hat, ist deshalb zu erwarten, dass die persönliche Berufung jedes einzelnen respektiert und wertgeschätzt wird. (Im Falle der LMS sollte erwähnt werden, dass sie dies Livingstone gegenüber bis vor seiner Ganz-Durchquerung des afrikanischen Kontinents auch getan hat. Die Leitung der Missionsgesellschaft liess ihm volle Freiheit bei der Wahl seines jeweiligen Wohn- und Arbeitsortes, seiner Reisepläne, usw.)

Leider muss ich beobachten, dass heutzutage in vielen freikirchlichen Kreisen nicht nur Missionsleiter, sondern auch örtliche Gemeindeleiter ihren Mitarbeitern Vorschriften machen, die weit über das hinausgehen, was zur Funktion der jeweiligen Organisation gehört oder vom Wort Gottes vorgeschrieben wird. Es wird ihnen gesagt, wo sie wohnen sollen, was sie arbeiten sollen, sogar wen sie heiraten dürfen und wen nicht. Wenn sich Livingstone von seiner Missionsgesellschaft trennte, weil diese seine persönliche Berufung nicht mehr unterstützte, wieviel mehr Grund besteht dann, zum „Aussteiger“ zu werden, wenn religiöse Leiter, angeblich im Namen Gottes, ihr Mikromanagement über persönliche Entscheidungen durchsetzen wollen, die überhaupt nicht zum Kompetenzbereich dieser Leiter gehören?!

Wie in seinen Missionsmethoden (siehe Teil 1), so hat Livingstone auch in seinen persönlichen Entscheidungen gezeigt, dass ihm die persönliche Beziehung zu Gott wichtiger war als alle institutionellen Formen, Regeln und Beschränkungen. Und das, denke ich, ist das hervorstechendste Merkmal eines „christlichen Aussteigers“.

David Livingstone – auch ein christlicher Aussteiger? – Teil 1

21. August 2019

Eines der ersten Lernprojekte unserer eigenen Kinder kreiste um das Leben des berühmten Missionars und Entdeckers David Livingstone. Kürzlich haben wir dieses Thema „wiederbelebt“, als Leitthema unseres Kinder-Ferienprogramms. Als ich zur Vorbereitung einige Livingstone-Biographien las, stiess ich auf mehrere interessante Einzelheiten, die mir zuvor nicht bekannt gewesen waren.

Livingstone, ebenso wie seine Eltern, war zwar Mitglied der offiziellen Kirche von Schottland. Als er 19 Jahre alt war, trat die Familie zu den Kongregationalisten über. (Diese Richtung betont die Unabhängigkeit jeder einzelnen örtlichen Gemeinde.) Doch das Zentrum des christlichen Lebens der Familie Livingstone war von Anfang an nicht die Kirche, sondern die tägliche Familienandacht. Diese Gewohnheit behielt Livingstone auch auf seinen Missions- und Entdeckungsreisen bei: mit seiner Frau und Kindern, soweit es ihm vergönnt war, mit ihnen zusammen zu sein; und mit seinen einheimischen Reisebegleitern und Helfern.

Die Familie Livingstone war „arm und gottesfürchtig“, wie es auf dem Grabstein von Davids Eltern heisst. Bis zum Alter von zehn Jahren half David im Haushalt der Familie mit, und wurde von seinen Eltern unterrichtet. Er ist also ein weiteres Beispiel von „Homeschooling“. Dann begann er in einer Baumwollspinnerei zu arbeiten, und besuchte nach Feierabend jeweils zwei Stunden lang eine Abendschule, die eigens von der Spinnerei eingerichtet worden war. Zusätzlich brachte er sich selber Latein- und andere Kenntnisse bei, indem er jeweils ein Buch auf die Maschine legte und während der Fabrikarbeit so oft wie möglich darin las.

Mit dem Erlös seiner Arbeit trug Livingstone einerseits zum Unterhalt der Familie bei, und finanzierte andererseits sein eigenes Medizin- und Theologiestudium. Er plante auch seine spätere Missionstätigkeit vollständig aus eigenen Mitteln zu finanzieren, um von niemandem abhängig zu sein. Von Freunden wurde er aber auf die London Missionary Society hingewiesen. Diese Organisation „sendet weder Episkopalismus, noch Presbyterianismus, noch Freikirchentum zu den Heiden, sondern nichts als das Evangelium von Christus“. Das sagte Livingstone zu, und so bot er nach einigem Zögern dieser Missionsgesellschaft seine Dienste an.

Heutzutage ist Livingstone hauptsächlich als Entdecker bekannt. Z.B. der deutschsprachige Wikipedia-Artikel über ihn erwähnt gerade mit einem einzigen Wort, dass er Missionar war, berichtet dann aber ausschliesslich über seine Entdeckungsreisen und sagt nichts über seine Missionstätigkeit.

Livingstone wandte nie Zwang, Druck oder Manipulation an. „‚In unserem Umgang mit dem Menschen‘, schreibt er, ‚waren wir einfache Fremde, die keinerlei Autorität oder Kontrolle ausübten. Unser Einfluss beruhte ausschliesslich auf Überzeugungskraft. Nachdem wir sie im freundlichen Gespräch und in öffentlichen Vorträgen belehrt hatten, verliess ich mich darauf, dass sie tun würden, was ihnen ihr eigener Sinn für Richtig und Falsch sagte.‘ Dann beschreibt er ‚fünf Anlässe, bei welchen durch unseren Einfluss auf die öffentliche Meinung ein Krieg verhindert wurde‘. Er preist die Intelligenz der Einheimischen, die in mancherlei Hinsicht ‚unseren eigenen ungebildeten Bauern überlegen sind‘. Diese Haltung der Wertschätzung und der respektvollen Sympathie war das Geheimnis von Livingstones unvergleichlichem Einfluss auf die afrikanischen Stämme.“ (Thomas Hughes 1889)

Seine erste eigentliche Missionsstation war in Mabotsa. Dort arbeitete er mit einem anderen Missionar zusammen, mit dem er aber grosse Schwierigkeiten hatte. „Statt einen Skandal unter den Einheimischen zu verursachen“, schreibt der Biograph Silvester Horne (1916), „beschloss er, alles aufzugeben und woandershin zu gehen.“ Er verliess sein Haus, das er eigenhändig erbaut hatte, und zog mit seiner Familie ins Gebiet des Stammeshäuptlings Setschele. Mit ihm schloss er eine enge Freundschaft. Setschele lernte sehr schnell das Lesen und die englische Sprache, und begann eifrig die Bibel zu lesen. Nach zwei Jahren bekehrte er sich zu Jesus Christus. Er war es, der Livingstone die berühmt gewordene Frage stellte:
„Wenn deine Vorväter in deinem Land schon vor so langer Zeit von Jesus Christus hörten, warum sind sie dann nicht schon viel früher zu meinen Vorvätern gekommen, um ihnen darüber zu berichten?“

Nach Livingstones Vorbild begann auch Setschele mit seiner eigenen Familie tägliche Andachten zu halten. „Livingstone war überrascht von seiner einfachen und schönen Art, diese Andachten zu leiten. Aber zur Enttäuschung Setscheles nahm ausser seiner Familie niemand sonst an diesen Andachten teil.“ (Hughes)

Als Livingstone zu seinen grösseren Entdeckungsreisen aufbrach, musste er Setschele und dessen Stamm in diesem, vom missionarischen Standpunkt aus äusserst unbefriedigenden Zustand zurücklassen (ein einziger Jünger!). Erst viele Jahre später erfuhr er, was Setschele in der Zwischenzeit geleistet hatte: Er hatte seinen ganzen Stamm über die Bibel belehrt, und die meisten von ihnen waren Christen geworden. Er hatte die ganze Bibel in seine eigene Sprache übersetzt. Und er hatte Missionare zu benachbarten Stämmen geführt. Livingstone schreibt:
„Ohne dass ihn irgendjemand dazu aufgefordert hätte, hat Setschele sein eigenes Volk belehrt. Er hat tatsächlich all das getan, was ich tun wollte und es nicht konnte, weil ich mit Entdeckungsreisen beschäftigt war – eine Arbeit, die ich zuvor nicht geplant hatte. Ich denke, ich sehe das Wirken der unsichtbaren Hand [Gottes] in alldem.“
Gemäss dem englischsprachigen Wikipedia-Artikel über Livingstone sagte Neil Parsons von der Universität von Botswana, Setschele habe „mehr dazu beigetragen, das Christentum im südlichen Afrika des 19.Jahrhunderts zu verbreiten, als jeder europäische Missionar.“

Damit hat Livingstone ein Prinzip umgesetzt, das meines Wissens erst gegen Ende des 20.Jahrhunderts wieder deutlich ausgesprochen wurde, und das von manchen kirchlichen Missionen und Missionaren bis heute nicht verstanden wird: Es ist im allgemeinen viel effektiver, wenn einheimische Mitarbeiter die direkte Evangelisation ihrer Landsleute übernehmen (und es auf ihre eigene Weise tun), statt dass kulturfremde Missionare dies selber zu tun versuchen.
– Voraussetzung dazu ist natürlich, dass diese einheimischen Mitarbeiter eine echte Bekehrung und Wiedergeburt erlebt haben; nicht eine oberflächliche Scheinbekehrung, wie es bei den heutigen manipulativen Evangelisationsmethoden allzu oft vorkommt. Hier in Perú z.B. muss ich zu meinem Leidwesen beobachten, dass die meisten einheimischen evangelikalen Leiter von den ausländischen Missionaren deren Methodengläubigkeit übernommen haben, und sich jeweils auf die neusten „Strategien“ und „Programme“ stürzen, die „Gemeindewachstum“ versprechen (insbesondere, wenn diese Programme zudem aus dem Ausland finanziert werden). Oft gewinnen die Kirchen dadurch tatsächlich neue Mitglieder. Aber da diese nie wirklich Jesus kennengelernt haben, sondern lediglich mit Marketing-Methoden angelockt wurden, wenden sie sich in der Regel nach wenigen Jahren enttäuscht wieder ab. (Siehe „Krise in den evangelikalen Gemeinden“.)
Ich habe aber auch persönlich ein Beispiel kennengelernt, wo vor drei Generationen zwei Personen zum lebendigen Glauben kamen, und sich daraufhin fast ihr ganzer Bezirk bekehrt hat, ohne Mitwirkung irgendeines fremden Missionars. Ich denke, das ist es, was wir auch heute suchen und dafür beten sollten. Und dass dann nicht eine lauwarme institutionelle Denomination kommt, welche die ganze Erweckung wieder unter Menschengebote und unter irdische Leitungsgremien stellt, und damit auslöscht (wie im obigen Beispiel leider geschehen).

Zurück zu Livingstone. Wir sehen also, dass er keineswegs versuchte, in Afrika ein traditionelles oder institutionelles Kirchentum zu reproduzieren. Im Gegenteil, er hat nie ein Kirchen- oder Schulgebäude errichtet; und er hat nie eine Institution gegründet, die sich „Kirche“ oder „Schule“ nannte. Er hielt zwar „Gottesdienste“ ab und erteilte Schulunterricht; aber das geschah jeweils in einem informellen Rahmen in seinem eigenen Heim oder im Freien. Wie schon in Livingstones elterlichen Familie, kreiste auch im Stamm Setscheles die christliche Gemeinschaft um die tägliche Familienandacht, die um zusätzliche Besucher erweitert werden konnte – nicht viel anders als in einer Hausgemeinde nach neutestamentlichem Muster. Livingstone sah in dem missionarischen Erfolg Setscheles nicht etwa einen gefährlichen „Wildwuchs“, sondern im Gegenteil das Wirken Gottes. Er versuchte auch nicht, diese neue christliche Gemeinschaft nachträglich zu „organisieren“ oder unter institutionelle Kontrolle zu bringen.

Livingstone war zwar kein „Aussteiger“ in dem Sinn, dass er ausdrücklich die institutionellen Kirchen verlassen hätte. Wenn er in seine Heimat kam, sprach er durchaus auch in Kirchen über seine Reisen und seine Missionstätigkeit. (Im übrigen besuchte er keine Gottesdienste, weil er den Rummel vermeiden wollte, den seine Berühmtheit unweigerlich verursacht hätte. Doch das ist ein anderes Thema.)
Aber seine Missionstätigkeit in Afrika war eindeutig und entschieden „nicht-institutionell“. In dieser Hinsicht fühle ich als „christlicher Aussteiger“ durchaus eine Geistesverwandtschaft mit ihm.

(Fortsetzung folgt)

Die neutestamentliche Gemeinde als „Familie Gottes“ – Teil 3

20. Juli 2019

Auswahl von Ältesten in der neutestamentlichen Gemeinde

In Apostelgeschichte 14:23 wird der Prozess der Einsetzung von Ältesten in neugegründeten Gemeinden mit dem griechischen Wort cheirotonéo beschrieben. Wörtlich bedeutet es „durch Handaufheben bestätigen“. („Einsetzen“ ist also keine genaue Übersetzung.) Die Idee dahinter ist, dass Paulus gewisse Männer als Älteste vorschlug, aber die gesamte Gemeinde musste ihre Einsetzung bestätigen. Es handelte sich also um eine Art Mischform zwischen einer Einsetzung durch eine übergeordnete Leiterschaft (der Apostel) und einer demokratischen Wahl.
Aber wenn wir uns nur bei diesen Einzelheiten der äusserlichen Form aufhalten, verpassen wir das Wichtigste: Dieser Prozess wird vor dem Hintergrund der familiären Struktur der jüdischen Gesellschaft beschrieben. Das Entscheidende ist, dass die Apostel und die Gemeinden ein Vorgehen wählten, durch das sie zu einem geistlichen Konsens kommen konnten. Die hier beschriebene „Einsetzung“ war nur die Endphase. Dieser muss ein längerer Prozess vorangegangen sein des Sich-Kennenlernens in den Familien, des Kennenlernens der Weisheit und des Erziehungsstils eines jeden der möglichen Ältesten, und alles weitere, was nötig war, um zu einer Gott wohlgefälligen Entscheidung zu kommen.

Ein biblischer Ältester ist also etwas ganz anderes als ein „Mitglied eines Leitungsgremiums“ in einem Verein oder in einer heutigen Kirche. In heutigen Kirchen werden Leiter auf eine viel unpersönlichere und vom Familienleben abgeschnittene Weise gewählt. Es gibt dabei demokratischere und diktatorischere Varianten; aber so oder so werden selten die Weisesten oder die Geistlichsten gewählt. Oft haben menschliche Fähigkeiten das grössere Gewicht: Redebegabung, Durchsetzungsvermögen, eine gute äussere Erscheinung, theologische Ausbildung, usw. Aber nichts von dem ist eine Garantie für Geistlichkeit oder Integrität.
Infolgedessen funktionieren viele dieser Leitungsgremien eher wie weltliche Regierungen, oder wie die Verwaltung eines Grossunternehmens, als wie eine Familie. Dann gibt es Heuchelei, Bürokratie, Korruption, Habsucht, Intrigen, Machtkämpfe, Unmoral (mit den darauffolgenden Vertuschungsmanövern), und was man sonst noch in der nichtchristlichen Welt beobachten kann. In einem solchen System können Leiter ihre wahre Persönlichkeit hinter der Kanzel verstecken, weil ihnen niemand genügend nahe steht, um sie so kennenzulernen, wie sie wirklich sind. Deshalb kann sie auch niemand warnen oder zurechtweisen, wenn sie in Gefahr stehen, abzuirren oder in Sünde zu fallen. Der Verlust der familiären Strukturen hat die Leiterschaft in vielen Kirchen derart verzerrt, dass es heute schwierig ist, sich überhaupt vorzustellen, was echte geistliche Leiterschaft ist.

In der neutestamentlichen Gemeinde geht Ältestenschaft auf natürliche Weise aus der Familie hervor, aus der Vaterschaft,
und aus den Versammlungen in den Häusern. Das wichtigste Kriterium für die Eignung als Ältester ist, ob jemand ein guter Ehemann und Vater ist. In der familiären Umgebung der neutestamentlichen Gemeinde, wo das tägliche Leben miteinander geteilt wurde, konnten die Mitglieder leicht das Familienleben anderer Mitglieder beobachten, und so deren wahren Charakter kennenlernen. So funktionierte die Anerkennung der weisesten und geistlichsten Väter als Älteste, und die gegenseitige Korrektur, wenn einer von ihnen in Gefahr kam, von den Wegen Gottes abzuweichen.

Die neutestamentliche Gemeinde als „Familie Gottes“ – Teil 2

14. Juli 2019

Ältestenschaft als familiäre Leiterschaft

Im Alten Testament wurde die jüdische Gesellschaft auf all ihren Ebenen von „Ältesten“ geleitet. Es gab Älteste der erweiterten Familien, der Sippen und der Stämme.

Ältestenschaft im Alten Testament

Das Wort „Ältester“ entstammt dem Familienleben. Die Leiterschaft der Ältesten war eine erweiterte Vaterschaft. Die Ältesten wurden als solche anerkannt, weil sie in ihren eigenen Familien die weisesten Väter waren. Ihre Autorität ging auf natürliche Weise aus den Familien hervor, und von da zu den erweiterten Familien, und so Schritt für Schritt bis zur Ebene des ganzen Volkes. Um die Qualität eines Ältesten zu bezeugen, sind dessen eigene Familienmitglieder die geeignetsten Personen. So war jeder Älteste umgeben von einem „Sicherheitsnetz“ aus ihm nahestehenden Personen, die ihn seit langer Zeit persönlich kannten. Aufgrund dieser persönlichen Nähe konnten sie die Autorität des Ältesten verbürgen und stützen; aber sie konnten ihn auch zurechtweisen, wenn er irrte.

Die Ältesten wurden also nicht demokratisch gewählt; aber sie wurden auch nicht von einer höheren Leiterschaft „eingesetzt“. Sie wurden anerkannt von ihrer erweiterten Familie und Sippe, von Personen, die sie persönlich kannten, und aufgrund ihrer persönlichen Tugenden und ihrer geistlichen Reife, die diese nahestehenden Personen in ihnen sehen konnten. Der ganze Prozess der Auswahl der Ältesten war ein beziehungsmässiger, nicht ein institutioneller Prozess.

Im biblischen Umfeld blieb die eigene Familie die wichtigste Priorität im Leben eines Ältesten, auch wenn er zu einer sehr hohen Ebene von Leiterschaft aufstieg. Wenn er diese Priorität vernachlässigte, konnte er seine Autorität verlieren, und sogar unter das Gericht Gottes fallen. So erging es dem Priester Eli, der eine sehr wichtige Stellung innehatte, aber es versäumte, seine Söhne zu korrigieren. (1.Samuel 2,12-36, 4,11-18).

Ältestenschaft im Neuen Testament

Dasselbe Konzept von Ältestenschaft wurde auch von der neutestamentlichen Gemeinde angewandt. Deshalb ist es eine der wichtigsten Voraussetzungen für einen Leiter in der neutestamentlichen Gemeinde, dass er „seinem eigenen Heim gut vorsteht, seine Kinder in Unterordnung hält, in aller Ehrbarkeit – denn wenn jemand seinem eigenen Heim nicht vorzustehen weiss, wie wird er auf die Gemeinde Gottes achten?“ (1.Timotheus 3,4-5). – Die eigenen Kinder gut zu erziehen, ist eine unverzichtbare Vorbereitung darauf, Ältester zu sein. In der neutestamentlichen Gemeinde konnte niemand als Ältester anerkannt werden, der nicht zuerst während vielen Jahren als guter Ehemann und Vater ein Beispiel gegeben hatte.
Diese Begründung der Ältestenschaft in der Familie ist eine der stärksten Sicherheiten gegen das Eindringen falscher Brüder oder ungeistlicher Menschen in der Leiterschaft. Das eigene Heim ist der Ort, wo es am schwierigsten ist, etwas vorzutäuschen, was man nicht ist. Wenn jemand ein Lügner ist, ein Heuchler, ein Habgieriger, ein Manipulator … dann werden seine Familienmitglieder das merken. Und wenn die ganze Gemeinde auf Familien gegründet ist und sich in den Häusern versammelt, dann werden es auch andere Gemeindeglieder merken. Wenn das Familienleben das wichtigste Kriterium ist, um einen weisen, integren und reifen Leiter zu erkennen, dann ist es wahrscheinlicher, dass wirklich die geistlichen, integren und transparenten Väter als Älteste anerkannt werden.

Natürlich wird auch im neutestamentlichen Gottesvolk ein Vater weiterhin seinem Heim gut vorstehen, auch nachdem er eine grössere Verantwortung als Ältester übernimmt. Die Verantwortung für die Gemeinde sollte nicht dazu führen, dass der Vater zu oft von zuhause fort ist; denn sonst würde er den Grund und die Legitimierung seiner Gemeindeverantwortung verlieren. Die Verantwortung ausserhalb des Heims sollte kein Ersatz für das Ausüben der Vaterschaft sein, sondern deren Erweiterung.

Die neutestamentliche Gemeinde als "Familie Gottes" – Teil 1

1. Juli 2019

In den vorhergehenden Betrachtungen haben wir die Beschreibung der Gemeinde als „Leib Christi“ untersucht, und wir haben die innere Funktionsweise dieses Leibes betrachtet. Nun gehen wir zu einem anderen, ebenso wichtigen Vergleich über: die Gemeinde ist die Familie Gottes.

Die Struktur der neutestamentlichen Gemeinde ist auf den Familien aufgebaut.

Die Gemeinde wird „Familie Gottes“ (Epheser 2,19) oder „Familie des Glaubens“ (Galater 6,10) genannt. Ein wenig weiter im Epheserbrief erklärt Paulus den Existenzgrund der Familie: „Deshalb beuge ich meine Kniee vor dem Vater unseres Herrn Jesus dem Christus, nach dem jede Familie (wörtl. Vaterschaft) im Himmel und auf der Erde benannt ist.“ (Epheser 3,14-15). Die irdische Familie – oder genauer, die Vaterschaft – ist also ein Bild und Abglanz der Vaterschaft, die Gott Vater ausübt. Die Familie ist nicht einfach eine Form des Zusammenlebens in der menschlichen Gesellschaft. Sie ist eine göttliche Institution mit dem ausdrücklichen Ziel, die Vaterschaft Gottes auf der Erde zu widerspiegeln.
Genau das ist auch einer der wichtigsten Zwecke der Gemeinde. Im Epheserbrief spricht Paulus auch über die Gemeinde mit Ausdrücken der Familie und der Ehe: „…denn der Mann ist Haupt der Frau, wie auch Christus Haupt der Gemeinde ist, und er ist der Erlöser des Leibes. … Deshalb verlässt der Mann seinen Vater und seine Mutter, und hängt seiner Frau an, und die beiden werden ein Fleisch. Dieses Geheimnis ist gross, aber ich sage es von Christus und der Gemeinde.“ (Epheser 5,23.31-32)

Deshalb ist die neutestamentliche Gemeindestruktur im wesentlichen die Struktur einer Familie, nicht einer Organisation oder Institution. In ihrem Kern befindet sich die natürliche Familie, die die Vaterschaft Gottes widerspiegelt. Und wenn die mitmenschlichen Beziehungen in der Gemeinde wie gesunde Familienbeziehungen funktionieren, dann widerspiegelt die ganze Gemeinde die Vaterschaft Gottes. Die Vaterschaft Gottes ist vollkommen, gerecht, treu, liebend, barmherzig, verständnisvoll, aufrichtig, transparent, und immer zum Besten seiner „Kinder“.

Schon das alte Israel, das Gottesvolk des Alten Bundes, war vollständig nach Familien, Sippen und Stämmen strukturiert und organisiert. Im Neuen Testament gibt es wenige Stellen, die ausdrücklich diese Familienstruktur erwähnen, und so wird diese Tatsache allzu leicht übersehen. Aber die Urgemeinde war noch völlig in die jüdische Kultur eingebunden. Deshalb müssen wir die jüdische Familienstruktur als einen Hintergrund betrachten, der in allen Berichten über die Urgemeinde gegenwärtig ist, auch wo er nicht ausdrücklich erwähnt wird.

Das beginnt schon mit der Metapher, die Jesus gebraucht, um den Anfang eines christlichen Lebens zu beschreiben: „… denen gab er Vollmacht, Kinder Gottes zu werden, die an seinen Namen glauben; die nicht aus Blut noch aus dem Willen des Fleisches gezeugt sind, noch aus dem Willen eines Mannes, sondern aus Gott.“ (Johannes 1,12-13) – „Wer nicht von neuem geboren wird, kann das Reich Gottes nicht sehen.“ (Johannes 3,3). Ein Leben als Jünger Jesu beginnt mit einer neuen Geburt. Wer wiedergeboren wird, wird zu einem „Kind Gottes“. So wie ein Baby in einer Familie geboren wird (nicht in einer Fabrik, und auch nicht in einer Schule), so wird auch ein neuer Christ in einer geistlichen Familie geboren, nicht in einer „Institution“.
Paulus gebraucht den Ausdruck „wiedergeboren werden“ nicht, aber stattdessen spricht er von einer „Adoption“ als Kinder Gottes (Römer 8,14-16, Galater 4,3-7).

Weiter finden wir Hinweise auf diese Familienstruktur in allen jenen Stellen, die bezeugen, dass sich die Urgemeinde in den Häusern versammelte. In den biblischen Sprachen, dem Hebräischen und dem Griechischen, ist „Haus“ gleichbedeutend mit „Familie“.
Damit stimmt überein, dass wir mehrmals von ganzen Familien lesen, die ihre Leben dem Herrn gaben:
Cornelius mit „seinen Verwandten und nächsten Freunden“ (Apg. 10,24.44),
Lydia „und ihre Familie“ (Apg.16,15),
der Gefängniswärter von Philippi „mit den Seinen“ (Apg.16,33),
„das Haus des Aristobulus“ und „die vom Haus des Narzissus“ (Römer 16,10-11),
„die Familie des Stephanas“ (1.Korinther 16,15).

Wir finden in den Apostelbriefen auch Abschnitte, die sich an Ehemänner und Ehefrauen richten, an Eltern und Kinder, Herren und Sklaven. (Epheser 5,21-6,9, Kolosser 3,18-4,1, 1.Johannes 2,12-14.) Von daher können wir schliessen, dass die Familien in den Versammlungen vereint waren. Kinder oder Jugendliche trafen sich nicht in gesonderten Gruppen, auch zwischen Frauen und Männern wurde nicht getrennt. Die Urgemeinde war wirklich eine „Familie von Familien“. Es war nicht eine Gruppe von Einzelpersonen, die willkürlich aus ihren Familien herausgenommen und als „Institution“ organisiert wurden. Die neutestamentliche Gemeinde erhält und stärkt die Einheit und den Zusammenhalt der Familien. Sie trennt Familienmitglieder nicht voneinander in ihren Versammlungen und Anlässen. Sie stellt keine Ansprüche, die erfordern, dass Eheleute ihre Ehepartner oder ihre Kinder allein lassen; sie erzieht Kinder nicht getrennt von ihren Eltern; sie greift nicht ungebeten in innerfamiliäre Angelegenheiten ein. Die gesamte Struktur der neutestamentlichen Gemeinde ist familiär, nicht institutionell.

Die neutestamentliche Gemeinde als "Leib Christi" – Teil 5

24. Juni 2019

Zur vorhergehenden Folge

Geistliche Gaben

Die Gaben des Heiligen Geistes sind Fähigkeiten, die der Heilige Geist den Gliedern des Leibes Christi gibt, um ihre besondere Funktion im Leib auszuüben. Deshalb definieren die geistlichen Gaben weitgehend die besondere Funktion jedes Christen. „Denn so wie wir in einem einzigen Leib viele Glieder haben, aber nicht alle Glieder haben dieselbe Funktion, … da sie unterschiedliche Gaben haben gemäss der Gnade, die uns gegeben wurde …“ (Römer 12,4-6)

Paulus spricht in drei Abschnitten seiner Briefe über geistliche Gaben: Römer 12,4-8, 1.Korinther 12 (ganzes Kapitel), und Epheser 4,7-16. Alle drei Stellen stehen im Zusammenhang mit der Lehre über den „Leib Christi“. Wir können die geistlichen Gaben nicht richtig verstehen, solange wir nicht die Funktionsweise des Leibes Christi verstehen, wie in den vorhergehenden Betrachtungen beschrieben. Die Gaben des Heiligen Geistes sind zur gegenseitigen Auferbauung des Leibes Christi gegeben. Das heisst, die geistlichen Gaben werden hauptsächlich im Rahmen von „Einander“-Beziehungen ausgeübt.
Insbesondere:
– sind sie nicht zur Selbst-Auferbauung gegeben,
– und sind sie nicht gegeben, um die Aufmerksamkeit auf die „Gabenträger“ zu lenken oder diesen eine besondere Stellung in der Gemeinde zu geben aufgrund ihrer Gaben.

Die geistlichen Gaben sind kein Selbstzweck. Sie dienen einem höheren Zweck: den Leib Christi in Liebe aufzuerbauen. Die drei Abschnitte, wo Paulus über den Leib Christi und die geistlichen Gaben spricht, enden alle mit der Erinnerung daran, dass die Liebe das Wichtigste ist (Römer 12,9, 1.Korinther 12,31-13,13, Epheser 4,16).

Ziehen wir zudem in Betracht, dass der Heilige Geist immer Christus verherrlicht (Johannes 16,14), dann sollen auch seine Gaben dazu dienen, den Herrn zu erhöhen und zu verherrlichen, und sollen nicht zu anderen Zwecken missbraucht werden. (Siehe auch 1.Korinther 12,3.)

Ein anderes wichtiges Prinzip finden wir in 1.Korinther 12,4.7.11: „Die Gaben werden auf unterschiedliche Weise ausgeteilt, aber sie kommen vom selben Geist … Und Gott gab jedem den Erweis des Geistes zum Nutzen. … Aber alles wirkt ein und derselbe Geist. Er teilt jedem für sich zu, wie er will.“
Daraus können wir schliessen:
– Es gibt eine grosse Vielfalt an geistlichen Gaben. Nicht alle Glieder des Leibes Christi haben dieselben Gaben.
– Jedes echte Glied des Leibes Christi erhielt mindestens eine geistliche Gabe. („Er teilt jedem zu…“)
– Kein Glied hat alle Gaben. Darum brauchen wir die gegenseitige Ergänzung. (1.Korinther 12,21-25.)
– Der Heilige Geist entscheidet selber, wem er welche Gaben zuteilt. Wir dürfen zwar um bestimmte Gaben bitten oder „eifern“ (1.Korinther 14,1); aber es gibt keine Verheissung und kein Recht darauf, dass wir genau das erhalten, worum wir bitten. Der Heilige Geist teilt zu, „wie er will.“

Infolgedessen respektiert die neutestamentliche Gemeinde die Vielfalt der Gaben in ihren Mitgliedern; gibt jedem Gelegenheit, seine besonderen Gaben auszuüben; und jedes Glied anerkennt sein Bedürfnis, durch die anderen Glieder ergänzt zu werden.
Das ist etwas ganz anderes als das „pfarrherrliche“ System vieler heutiger Kirchen: dort wird erwartet, dass der „Pastor“ alle Gaben ausübt. So wird dem „Pastor“ eine Last auferlegt, die kein Mensch tragen kann. Die „gewöhnlichen Mitglieder“ dagegen erhalten in einem solchen System kaum Gelegenheit, ihre geistlichen Gaben auszuüben, und sie werden auch nicht dazu ermutigt. – Die Vielfalt der Gaben ist einer der Gründe, warum alle Gemeinden im Neuen Testament von einer Mehrzahl von Leitern geleitet wurden: sie benötigten die gegenseitige Ergänzung durch die verschiedenen Gaben, die jeder von ihnen besass.
Es wäre jedoch ebenso falsch zu verlangen, dass z.B. „alle Glieder prophetisch reden“ oder „alle Glieder Kranke heilen“ sollten. Gott gab „dem einen, Wunder zu tun“ (aber nicht allen); „einem anderen, prophetisches Reden“ (aber nicht allen); usw. (1.Korinther 12,8-10). Nicht alle Glieder sind Augen; nicht alle Glieder sind Füsse. Der Leib Christi kann nur dann funktionieren, wenn jedes Glied die Freiheit hat, genau seine spezifische Funktion zu erfüllen.

Die Gaben sind „geistlich“, d.h. übernatürlich. Sie sind nicht zu verwechseln mit den natürlichen Fähigkeiten des Menschen. Das ist offensichtlich bei den „aussergewöhnlichen“ Gaben wie prophetisches Reden oder Wundertaten. Es gibt andere geistliche Gaben, die natürlichen Fähigkeiten ähnlich sehen; z.B. Lehren, Verwalten/Organisieren, Barmherzigkeit. Aber auch in diesen Fällen, wenn es sich um eine echte geistliche Gabe handelt, dann wird diese eine übernatürliche Komponente enthalten, die den Charakter Gottes hervorhebt, wenn sie ausgeübt wird. Wer z.B. die geistliche Gabe des Lehrens hat, der ist nicht einfach jemand, der gut erklären kann. Er wird ausserdem so lehren, dass seine Zuhörer sich mit der Wahrheit Gottes konfrontiert sehen und sich gezwungen sehen, darauf zu antworten, sei es indem sie die Wahrheit, die sie erkannt haben, annehmen oder aber ablehnen. Ebenso ist jemand mit der geistlichen Gabe der Barmherzigkeit nicht einfach jemand, der den Armen hilft. Wenn diese Person ein Werk der Barmherzigkeit tut, dann tut sie es so, dass die Empfänger sich der Barmherzigkeit Gottes gegenübersehen und herausgefordert sind, auf seine Barmherzigkeit zu antworten.

Die neutestamentliche Gemeinde ermutigt jedes Glied, die Gaben auszuüben, die Gott ihm gegeben hat, zur gegenseitigen Auferbauung des Leibes Christi in Liebe, und in gegenseitiger Ergänzung. Sie konzentriert sich nicht auf den Dienst einiger weniger „Leiter“ oder „Gottesmänner“, sondern schafft Raum für die „Aktivität jedes seiner Glieder“ (Epheser 4,16). Sie betrachtet die „aussergewöhnlichen“ Gaben nicht als wichtiger als die übrigen, lehnt sie aber auch nicht ab.
Andererseits ist sich die neutestamentliche Gemeinde bewusst, dass der Teufel alles Gute, was Gott gibt, nachzuahmen versucht. Deshalb übt sie Unterscheidungsvermögen aus, „behält das Gute“ (1.Thessalonicher 5,21) und scheidet die Fälschungen aus.

Retraite ins Land der Mathematik

29. Mai 2019

Lange habe ich mich mit dem Thema „Autoritarismus in ‚christlichen‘ Kirchen“ beschäftigt. Länger als mir lieb war. Leider ist es, wie mir sogar ein freikirchlicher Pastor bestätigte, nötig, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Aber es hat meinem persönlichen Wohlbefinden ziemlich zugesetzt, von so vielen hässlichen Dingen Kenntnis nehmen zu müssen, die in „frommen“ Kreisen vor sich gehen.

Deshalb befinde ich mich gegenwärtig in einer Art persönlichen Retraite. Neben der persönlichen Gemeinschaft mit Gott, habe ich festgestellt, dass auch das „Land der Mathematik“ ein guter Rückzugsort ist. So verbringe ich einen Teil meiner Zeit damit, mathematische Probleme auszutüfteln, und an meinen Büchern zum aktiven Mathematiklernen weiterzuarbeiten.

Die Mathematik ist in gewisser Hinsicht ein Abbild oder Gleichnis von Gottes Reich. Die Zahlen folgen treu ihren Gesetzen. Sie haben nie gelernt zu lügen oder zu betrügen, oder übereinander herrschen zu wollen. In mathematischen Zusammenhängen zu forschen, ist fast wie ein Gebiet der Schöpfung zu betreten, das vom Sündenfall noch unberührt geblieben ist. (Allerdings ist dieses „Land“ von keinem Menschen bewohnt, sondern nur von abstrakten Geschöpfen.)

Die Mathematik ist verlässlich. Ihre Gesetze sind keinem zeitbedingten Wandel unterworfen. Sie brauchen sich nicht um „politische Korrektheit“ zu kümmern. Allen Relativisten zum Trotz, ist die Mathematik eine Wissenschaft von unveränderlichen, universellen Wahrheiten.

Was die Menschen betrifft, die die Mathematik erforschen oder anwenden, so mögen diese sündhaft sein und die Mathematik zu sündhaften Zwecken missbrauchen. Aber damit vermögen sie nicht die Mathematik an sich mit ihrer Sündhaftigkeit anzustecken.

In der Mathematik kann es keine Willkürherrschaft geben. Niemand, auch nicht die mächtigste Regierung, kann ein mathematisches Gesetz nach Belieben abändern, in Kraft setzen oder aufheben. Niemand kann einem anderen vorschreiben, wie er die Gesetze der Mathematik anzuwenden hat. (Auch wenn das in manchen Bildungseinrichtungen immer wieder versucht wird – aber das Ergebnis ist dann nicht echte Mathematik, sondern Bürokratie.)
Wenn auch manche mathematischen Gesetze unter dem Namen einer bestimmten Persönlichkeit bekannt sind, so kann doch diese Persönlichkeit keinen Eigentumsanspruch darauf erheben. Sie hat das Gesetz nur entdeckt, aber nicht geschaffen.

In der Mathematik gibt es deshalb keinen Raum für menschliche Herrschaft, weder in der Form von Demokratie noch in der Form von Monarchie und Diktatur. Mathematische Gesetze unterliegen weder Mehrheitsbeschlüssen, noch Volksabstimmungen, noch Regierungsdiktaten, noch den Doktrinen von Päpsten und anderen religiösen Machthabern.
In der Mathematik erfüllt sich daher in gewisser Weise der Ausspruch von Jesus: „Einer ist euer Meister; ihr aber seid alle Brüder.“ (Matth.23,8) Nur einer hat je mathematische Gesetze geschaffen und „in Kraft gesetzt“: Gott selber.
Es gibt zwar Personen, die wegen ihrer hervorragenden Kenntnisse der Mathematik als „Autoritäten“ auf diesem Gebiet gelten. Aber diese Art von Autorität ist nicht im Sinne von „herrschen“ oder „Macht ausüben“ zu verstehen, sondern im Sinn einer besonderen Befähigung, anderen ihr Verständnis der mathematischen Gesetze zu vermitteln. Und das sollte eher als eine „Dienstleistung“ angesehen werden.

So ist es auch in der Gemeinschaft der Nachfolger Jesu, wie sie ursprünglich von ihm selber vorgezeichnet wurde, nicht vorgesehen, dass einer über den andern „herrsche“. Es mag „Lehrer“ geben in dem Sinne, dass einige ein besseres Verständnis von Gottes Wesen und seinen Gesetzen haben, und dieses Verständnis andern vermitteln können. Aber auch diese hat Jesus nie beauftragt, anderen Vorschriften zu machen, ihnen ihre besondere Auslegung aufzuzwingen, oder gar eigene Gesetze aufzustellen. Im Gegenteil, sie sollen „Diener“ sein (Matth. 23,11; 20,25-27). Wie die Wahrheiten der Mathematik, so können auch die Wahrheiten Gottes niemandem aufgezwungen, sondern höchstens erklärt werden.

Es braucht auch niemand eine Genehmigung, ein Diplom, oder eine Mitgliedschaft in einer akademischen Vereinigung, um Mathematik treiben zu dürfen. Die Mathematik ist Allgemeingut, „public domain“. Nur eines ist notwendig: die Bereitschaft, die Gesetze der Mathematik selber als verbindlich anzuerkennen und zu befolgen.
In derselben Weise hat auch jeder Zutritt zu Gott durch Jesus Christus, der bereit ist, ihm zu folgen. Man braucht dazu weder einem irdischen Leiter seine Loyalität zu erklären, noch in der Tradition einer bestimmten kirchlichen Richtung geschult zu sein, noch Mitglied einer religiösen Vereinigung oder Kirche zu werden.

Noch hätte ich Stoff für viele Artikel zum Thema „Autoritarismus“. Aber diese müssen noch einige Zeit warten. Interessierten Lesern kann ich empfehlen, in der Zwischenzeit im Internet nach „geistlicher Missbrauch“ zu suchen. Auch interessant ist eine Suche nach „Robert Lifton“ und „Mind Control“. Liftons Kriterien beruhen zwar nicht auf der Bibel, sondern auf der Psychologie. Sie zeichnen aber ein deutliches Porträt jener Gruppen und Leiter, die die Menschen „hinter sich selbst her“ ziehen wollen; was nach Apg.20,30 ein klares Kennzeichen falscher Geschwister und falscher Leiter ist. Es mag hilfreich sein, Gruppen und Organisationen nach diesen Kriterien zu beurteilen – nicht nur jene Gruppen, die im Verdacht der Sektiererei stehen, sondern auch jene, die als „Mainstream-Evangelikale“ gelten, oder sogar als „liberal“. Ja, auch die universitäre Bibelkritik kommt im Licht von Liftons Kriterien nicht sonderlich gut weg.

Genug damit; ich kehre zurück in meine Retraite.

Narzissmus, Machtmissbrauch und Verführung in christlichen Kirchen

6. Mai 2019

Dieser Artikel beruht auf einem Vortrag der Psychologin Diane Langberg, der auf Englisch hier zu finden ist. Langberg ist auf Traumatherapie spezialisiert, und hat 45 Jahre Erfahrung in der Arbeit mit traumatisierten Menschen: Kriegsveteranen, zivile Opfer von Krieg, Gewalt, oder Naturkatastrophen, Opfer von wiederholtem sexuellem Missbrauch und häuslicher Gewalt, usw. Zusätzlich arbeitet sie auch mit Pastoren und Kirchen. In einem Überblick über ihren Werdegang (hier) berichtet sie, anfänglich sei sie von Pastoren wegen berufsbedingtem Burnout aufgesucht worden. Dann wurde sie aber zunehmend mit Situationen konfrontiert, wo Pastoren und kirchliche Leiter selber daran schuldig waren, dass Menschen unter ihrer Obhut traumatisiert wurden. Zwei Beispiele:

„Einmal musste ich einen Pastor anrufen, weil sich eine Frau aus seiner Gemeinde in echter Lebensgefahr befand wegen der Art und Weise, wie ihr Mann sie schlug. Der Pastor schickte sie zurück nach Hause und sagte ihr, das sei der Ort, wo sie hingehöre. – Ich arbeitete mit einer jungen Frau, die von ihrem Jugendpastor sexuell missbraucht wurde. Die Leiter versetzten den Jugendpastor in eine andere Kirche, damit er weiterarbeiten könne, und sagten mir: ‚Sie wollen doch sicher nicht einen so dynamischen Dienst zerstören, nicht wahr?‘ “

Der Vortrag, auf den ich im folgenden Bezug nehme, untersucht, inwiefern Narzissmus mit solchen Situationen zusammenhängt. In der Psychologie versteht man unter Narzissmus eine tiefgreifende Persönlichkeitsstörung. Die Betroffenen halten sich selber für wichtiger, fähiger, und moralisch besser, als alle anderen Menschen. Und sie haben keinerlei Verständnis für die Empfindungen und Bedürfnisse ihrer Mitmenschen. Narzissmus wird diagnostiziert, wenn eine Person permanent (nicht nur in Teilbereichen ihres Lebens) mindestens fünf der folgenden neun Persönlichkeitsmerkmale zeigt:

1. Ist eingenommen von seiner eigenen Grossartigkeit; übertreibt seine eigenen Erfolge und Fähigkeiten.
2. Phantasiert über unbegrenzte Erfolge, Macht und Ansehen.
3. Fühlt sich speziell, und glaubt, dass er nur von ebenso speziellen Menschen verstanden werden kann.
4. Fordert übertriebene Bewunderung von anderen.
5. Fühlt sich berechtigt, von allen anderen Menschen Unterordnung zu verlangen; duldet keinen Widerspruch oder Kritik.
6. Beutet zwischenmenschliche Beziehungen aus; behandelt seine Mitmenschen als Objekte, die ihm dazu verhelfen, seine eigenen Ziele zu erreichen.
7. Kann nicht mit anderen Menschen mitempfinden oder sie verstehen. (Ein typisches Beispiel wäre jemand, der einem anderen mit einem Kinnhaken den Kiefer bricht, und sich dann überall beklagt, wie sehr ihn seine Hand schmerzt.)
8. Beneidet andere; oder glaubt, andere beneiden ihn, weil er so „grossartig“ sei.
9. Arroganz, Hochmut, Stolz.

Langberg erwähnt als Beispiel einen amerikanischen Politiker, der des „Sextings“ mit mehreren Frauen überführt worden war. Zu seiner Verteidigung sagte er, es sei nichts dabei, da er sich ja mit diesen Frauen nie wirklich getroffen hätte; es handle sich einfach um etwas, „was die Technologie möglich macht“. Dann sprach er über seine eigenen Qualitäten: „Ich gehe mit meinem Sohn im Park spielen; ich ordne die Wäsche für meine Frau; ich helfe ihr, wenn sie beschäftigt ist …“ Und über seine eigenen Bedürfnisse und Verletzungen, die er als Kind erfahren habe: „Eine nächtliche Beziehung über Internet zu haben, erschien mir als ein Weg, etwas zu bekommen, was ich nie zuvor haben konnte.“

Ein anderes Beispiel ist eine Frau, die ein Mädchen sexuell missbraucht hatte. Bereits im Gefängnis deswegen, sagte sie: „Ich habe auch gelitten. Ich stand unter Stress. Sie (das Kind!) wartete, bis ich betrunken war. Es war ihr Vater, der sie missbraucht hatte, und so verwechselte sie Liebe mit Sex. Darum wollte sie, dass ich ihr Liebe zeigte, indem ich Sex mit ihr hätte. Sie hat meine Gutmütigkeit ausgenutzt.“

Langberg sagt: „Narzissten haben ein sehr egozentrisches Denken. Sie fühlen sich von den anderen schmählich verraten, während in Wirklichkeit sie selber es waren, die andere geschädigt haben. (…) In der christlichen Welt gibt es viele Leiter, die sich von der Aufmerksamkeit und Bewunderung anderer ‚ernähren‘, während sie sich äusserlich den Anschein eines barmherzigen Hirten geben. Sie verstehen es gut, wie ein Hirte zu sprechen und zu handeln, aber sie haben kein Hirtenherz. Sie haben selber die grünen Weiden Gottes nicht kennengelernt, und so können sie auch die anderen Schafe nicht ernähren. Stattdessen ernähren sie sich von den Schafen, wie es in Ezechiel 34 steht.“

Nach diesen Beschreibungen stand mir sofort sehr lebendig das Bild eines bestimmten freikirchlichen Pastors vor Augen. Er hatte mir einmal erklärt, er hätte seine geistlichen Wurzeln in einer bestimmten berühmten historischen Erweckung. Dabei war jene Erweckung zwei Jahrzehnte vor seiner Geburt bereits erloschen gewesen.
Später befand sich jener Pastor in einer Position, wo er Entscheidungsgewalt über meine berufliche Zukunft hatte. Andere Leiter, die zu seinen Vertrauensleuten gehörten, hatten ihm üble Verleumdungen über mich erzählt. Deshalb hatte er beschlossen, mir jede Möglichkeit zu einem weiteren kirchlichen oder missionarischen Dienst zu verbarrikadieren; sei es mit „seiner“ Gemeinde oder auch mit irgendeiner anderen Gemeinde. Ich nannte ihm mehrere Entlastungszeugen, welche die über mich verbreiteten Verleumdungen widerlegen konnten. Aber er weigerte sich, diese Zeugen auch nur zu kontaktieren: „Ihre Meinung interessiert mich nicht.“ Stattdessen nannte er mich „rebellisch“ und „konfliktiv“.
Mehrere Jahre später – die erwähnten Verleumdungen waren inzwischen auch schriftlich von zwei wichtigen Leitern widerlegt worden – beschloss ich, ihn deswegen zur Rede zu stellen. Als Antwort redete er eine geschlagene Stunde auf mich ein, ohne mich auch nur ein einziges Mal zu Wort kommen zu lassen. Zuerst beschwerte er sich darüber, was es doch für eine „Frechheit“ sei, dass ich es überhaupt wagte, ihn in irgendeiner Weise in Frage zu stellen. Dann beklagte er sich darüber, wie oft er von Mitarbeitern und Gemeindegliedern kritisiert würde. „Ich kann jetzt dann bald abdanken, die Leute wissen heutzutage ja alles besser als ihr Pastor“, sagte er mit schneidender Ironie. In seinem Weltbild gab es keinen Platz für die Möglichkeit, dass seine Kritiker auch einmal recht haben könnten. Er bemängelte auch, die heutigen Gemeindemitarbeiter hätten keinen Gehorsam gelernt, weil sie nicht genügend hart angefasst worden seien. Ihr Charakter sei nicht geschult worden, weil ihre Vorgesetzten ihnen das Leben nicht genügend schwer gemacht hätten.
Wie in den von Langberg erwähnten Beispielen, drehte sich alles nur um ihn selber. Dass er mich fast meines ganzen sozialen Umfelds beraubt hatte, und dass ich mir durch seine Schuld meine ganze Existenz von Grund auf hatte neu aufbauen müssen – das hatte er anscheinend nicht einmal zur Kenntnis genommen.
Ganz am Schluss entschuldigte er sich für einen einzigen Aspekt seines Fehlverhaltens, nämlich dass er eine Verfluchung über mich ausgesprochen hatte. Dies tat er sogar mit einem höchst theatralischen Kniefall. Aber auf das Kernproblem, nämlich seine Selbstherrlichkeit und seine völlige Missachtung jeglicher Grundsätze von Recht und Gerechtigkeit, kam er während seiner ganzen Tirade überhaupt nie zu sprechen.
Wie Langberg sinngemäss sagt: Selbst wenn er sich gezwungen sieht, etwas zu bereuen oder einen Fehler einzugestehen, bleibt er auch in seiner Reue noch Narzisst. Er tut dann alles, um vor den Augen der Welt zu beweisen, dass er der Beste aller Reuigen ist, und dass noch nie jemand so gut bereut hat wie er.
Zwei andere Pastoren waren dabei, anscheinend ganz im Bann des Narzissten, ihm beipflichtend, und blind für das so offensichtliche Schauspiel von Hochmut und Hartherzigkeit.
Jener Pastor galt als guter Prediger, aber seine Predigten hatten meistens einen vorwurfsvollen und überheblichen Unterton. Er hatte einen jungen Assistenten (und später Nachfolger), der in seinen eigenen Predigten jeweils bis aufs i-Tüpfchen die Eigenheiten des Predigtstils, Tonfalls und Aussprache seines „Meisters“ nachahmte. (Was ist das für ein Geist, der Menschen ihrer Persönlichkeit beraubt und sie zum „Klon“ eines anderen macht?)

Jetzt erhebt sich natürlich die Frage, warum christliche Gemeinschaften Menschen mit einem solchen Charakter als Leiter dulden und sogar fördern. Langberg gibt darauf mehrere Antworten:

„Die Systeme, die einen Narzissten umgeben (Institutionen, Kirchen, …), sind schnell bereit, dessen Lügen zu akzeptieren. Würden sie ihn konfrontieren, dann brächten sie damit ihre eigene Institution in Gefahr. Deshalb ordnen sich die Leute lange Zeit einem Narzissten unter (…)
Die Leute sind abhängig von ihm. Sie haben ihre Unterordnung so lange praktiziert, dass sie tatsächlich nicht mehr sehen können, wen sie vor sich haben. Und sie wüssten gar nicht, wie sie ihn konfrontieren könnten. Deshalb ist es sehr wahrscheinlich, dass das ganze System aufsteht, um genau diesen Leiter zu schützen, der sie alle schädigt, statt die Wahrheit hören zu wollen.“

In diesem Zusammenhang zitiert sie aus einem Essay von Vaclav Havel, „Die Macht der Machtlosen“: „Das System wird oft versuchen, jene zu bestrafen, die es bedrohen, indem sie die Welt des äusseren Anscheins zerbrechen, welcher die grundlegende Säule des Systems darstellt.“ Langberg kommentiert dazu: „Das wahre Ziel des Systems ist nicht, den Willen Gottes zu tun, sondern den Anschein zu erwecken, sie täten den Willen Gottes.“

In anderen Situationen, sagt Langberg, mag eine Kirche tatsächlich so weit gehen, den missbrauchenden Leiter auszuschliessen; aber nur, damit die verbleibenden Mitglieder und Leiter ihre Illusion bewahren können, „speziell“ zu sein. Der hinausgeworfene Leiter wird dann als nicht mehr so „speziell“ angesehen; aber stattdessen hat sich das ganze System mit Narzissmus angesteckt. Die ganze Gruppe übernimmt dann die Überzeugung, sie seien die einzigen, die die Wahrheit kennen, und jedermann müsse sich ihren strengen Regeln anpassen. Viele Sekten haben so angefangen.

Langberg sagt weiter: „Die Mitglieder solcher narzisstischer Systeme haben von Anfang an auf ihre eigene Macht verzichtet. Sie folgen vorgeschriebenen Rezepten, akzeptieren Lügen, und sehen ihren Leiter als eine ’spezielle‘ Person an, anders als alle anderen Leiter. Und so sehen sich die Nachfolger dieses Leiters selber als ’speziell‘. Genau das war der Kern der Nazi-Propaganda.
Aber Christen machen dasselbe: ‚Ich gehe zur Gemeinde von Soundso. Er ist der beste Pastor in der Stadt. Ich bin da, wo der Beste ist.‘ Die Mitglieder hören auf, selber zu denken, und akzeptieren alles, was der Leiter sagt. Würde jemand dennoch versuchen, selber zu denken, dann würden ihn wahrscheinlich die übrigen zum Schweigen bringen.
Sie folgen also nicht dem Wort Gottes; sie prüfen den Leiter und seine Lehren nicht am Wort Gottes. Der Leiter diktiert, wie das Wort Gottes interpretiert werden muss, und wie man danach leben muss. Wer nicht einverstanden ist, ist ein Rebell, ein Kleingläubiger, und der Zorn des Leiters richtet sich gegen ihn.
Diese Systeme glauben, jede Veränderung und jeder Erfolg hänge vollständig vom Leiter ab, nicht von den Mitgliedern. Solche Leiter sagen: ‚Willst du, dass deine Gemeinde wächst? Ich kann das vollbringen. Willst du Wohlstand haben? Ich kann das erreichen. Ich sehe mehr als du, weiss mehr als du, habe mehr Gaben als du, mehr Erfolg als du. Wenn du mich als Leiter hast, wird alles besser.‘ So fördern das System und der Leiter gegenseitig ihren Narzissmus.“

Nicht zu unterschätzen ist auch die Macht der Verführung des Narzissten. Langberg sagt:
„Man kann schnell verführt werden, wenn man Hunger hat, und jemand sagt: ‚Ich gebe dir zu essen‘. Das gilt auch auf der Ebene der Gefühle und des Selbstwerts. (…) Wir wertschätzen Dinge wie materielle Güter, Wohlbefinden, oder beruflichen Erfolg. Und wir fühlen uns ‚hungrig‘, wenn wir etwas nicht erreichen. Gott hat uns so geschaffen, dass wir nach ihm Hunger haben. Aber wir hören auf Menschen, die daherkommen und versprechen, unseren Hunger zu stillen. Da ist ein vierzehnjähriges Mädchen vor den Misshandlungen zuhause geflohen, und es kommt ein Zuhälter, um sie zu ‚retten‘, und verspricht ihr Liebe. Da kommt ein Politiker und verspricht, das ganze Land in Ordnung zu bringen. Da kommt ein Bankier und verspricht, dich reich zu machen. Wir hören auf sie und werden blind für den Charakter der Menschen, die diese Dinge sagen.
Die Kirche ist genauso anfällig dafür. Da kommt jemand und lehrt uns, wie wir die beste Anbetung haben können, die besten Predigten, die grösste Kirche, und es ist alles für Gott. Das kann doch nicht schlecht sein? Sie machen messianische Versprechungen, die Regierung zu verbessern, Wohlstand zu bringen (materiellen oder geistlichen), alle Eheprobleme zu lösen, usw. Aber das ist nicht die Art von Jesus. Er kam klein, ohne grosse Versprechen. Aber wir mit unserem Hunger folgen Menschen, die grosse Versprechen machen, ohne daran zu denken, was dann mit uns geschieht. Und so werden wir Teil eines narzisstischen Systems.“

Zwei weitere Beispiele von Langberg:

„Ein anscheinend frommer Pastor zeigt viel Mitleid mit den Menschen, macht Überstunden, um ihnen zu helfen, sucht immer die Deprimierten, die Süchtigen, die Bedürftigen, und alle bewundern seine Hingabe. (…) Ich kann gar nicht mehr zählen, wie oft ich mich einer solchen Situation gegenübersah. Die anderen Leiter werden passiv, weil sie selber nicht gerne den Bedürftigen und Notleidenden dienen, also überlassen sie alles dem Pastor. Sie denken, ihre Gemeinde sei ’speziell‘: Ein Ort, wo Notleidende wirklich willkommen sind, denn ‚wir‘ nehmen die Leute auf, wie Jesus sie aufnahm. Aber ‚wir‘ bedeutet in Wirklichkeit ‚er‘. – Wenn es nun ein Problem gibt mit Machtmissbrauch von seiten des Pastors, wie konfrontierst du dann jemanden, der alle deine geheimen Süchte kennt? Wie konfrontierst du den einzigen Menschen, der weiss, dass du zwei aussereheliche Beziehungen hattest? Und wenn du ein Leiter an seiner Seite bist, wie konfrontierst du den Menschen, der dich vor allen unangenehmen Situationen beschützt, und du dich wirklich darauf angewiesen fühlst? Das System ist jeder Möglichkeit beraubt worden, den Pastor zur Rede zu stellen.
Sehen wir, wie subtil das ist? Und wie ‚geistlich‘ der äussere Anschein sein kann?
Ein anderer Fall: Du bist umgezogen und suchst am neuen Wohnort eine Gemeinde. Du hörst Dinge wie: ‚Wir wollen wirklich die Gemeinde Jesu in dieser Stadt sein. Wir wollen an den Orten dienen, wo niemand sonst hingeht. Wir wollen unsere Leben hingeben zugunsten unserer Nächsten. Wir wissen, dass die meisten Menschen das nicht tun wollen; aber wir tun es.‘ Was denkst du? Bist du etwa nicht damit einverstanden? Wenn du dich ihnen anschliesst, wirst auch du ’speziell‘ sein. Oder du fühlst dich sogar verpflichtet, dorthin zu gehen, weil du ja auch ‚die Gemeinde Jesu in dieser Stadt‘ sein möchtest. Aber die Betonung ist auf ‚was wir tun‘, nicht auf Jesus. Und die Betonung liegt darauf, sich von den übrigen Christen zu unterscheiden, und das ist spalterisch. Das erhöht in erster Linie den ’speziellen‘ Pastor, und in zweiter Linie die ’spezielle Gemeinde‘. “

Noch einige eigene Gedanken und Schlussfolgerungen dazu:

– Wenn Narzissten zur Rede gestellt werden, reagieren sie anscheinend oft mit Wahrheitsverweigerung. Das ist noch eine Stufe mehr als Unglaube oder Ablehnung. Während Unglaube bzw. Ablehnung die Wahrheit hört und sich dagegen entscheidet, besteht Wahrheitsverweigerung darin, die Wahrheit nicht einmal anhören zu wollen, wenn sie einem angeboten wird.
Vor einiger Zeit erlebte ich ein neuerliches Beispiel davon. Ich lernte einen Pastor kennen, der sich an meiner Mitarbeit als pädagogischer Berater interessiert zeigte, weil er daran war, eine Gruppe von Homeschooling-Familien zu gründen. Ich erfuhr dann aber, dass er ein Anhänger von Bill Gothard ist und seine Gruppe dessen hyper-autoritären Lehren unterstellt. Ich begann mit ihm darüber zu sprechen. Unter anderem fragte ich ihn: „Angenommen, ein Familienvater in Ihrer Gruppe hätte biblische Gründe, mit diesen Lehren nicht einverstanden zu sein. Würden Sie ihm die Möglichkeit geben, in der Gruppe seine Bedenken zu äussern?“ – Nach kurzem Nachdenken erwiderte er: „In diesem Fall ist er natürlich frei, die Gruppe zu verlassen.“ – Ich hakte nach: „Wenn es sich aber um biblisch begründete Bedenken handelt, dann würden Sie ihm also keine Gelegenheit geben, in der Gruppe darüber zu sprechen?“ – Er antwortete nicht direkt darauf, sondern sagte nur: „Aber diese Lehren sind biblisch!“ – Ich sagte ihm daraufhin, ich selber hätte biblische Gründe gegen diese Lehren, und ich hätte auch Dokumentation darüber, dass eine grosse Anzahl von Menschen durch diese Lehren schwer geschädigt wurden. Ob er bereit wäre, meine biblischen Argumente und die Dokumentation zur Kenntnis zu nehmen und zu überprüfen? – Seine Antwort: „Nein, diese Lehren sind fundamental.“ – Ich erklärte ihm, dass ich in diesem Fall mein Angebot zur Zusammenarbeit zurückziehen müsste.
Es ist eine Sache, Argumente und Daten anzuhören und dann zu erklären, warum man nicht damit einverstanden ist. Es ist aber eine ganz andere Sache, diese schon zum vornherein gar nicht anhören zu wollen.
Wahrheitsverweigerung wird in der Bibel als ein Grund genannt, warum Menschen vom Antichristen verführt werden und verloren gehen:
„… zur Vergeltung dafür, dass sie die Liebe zur Wahrheit nicht angenommen haben, damit sie gerettet würden. Und deshalb sendet ihnen Gott eine wirksame Kraft der Verführung, damit sie der Lüge glauben…“ (2.Thess.2,10-11)
Offenbar handelt es sich da nicht (nur) um Menschen, die direkt dem christlichen Glauben widersprechen, sondern ebensosehr um falsche Brüder und falsche Leiter innerhalb der christlichen Kreise.

– Es ist anscheinend schwierig bis unmöglich, in einem Narzissten eine Änderung zum Guten zu bewirken. Er mag zwar sehr gut darin sein, Reue zu heucheln; aber nur, um eine wirkliche innere Veränderung zu vermeiden. Langberg erwähnt in ihrem Vortrag zwar einige Gesprächsmöglichkeiten, aber bezeichnenderweise kein einziges Erfolgsbeispiel.
Wenn du also feststellst, dass du unter der Leiterschaft eines Narzissten stehst, dann dürfte es illusorisch sein, auf eine Verbesserung der Situation zu hoffen. Du kannst noch nicht einmal auf das Verständnis der anderen Mitglieder des Systems hoffen. Vielmehr ist es angezeigt, ein solches System baldmöglichst zu verlassen.
Andererseits denke ich, christliche Gruppen sollten zum vornherein Vorkehrungen dagegen treffen, zu einem „narzisstischen System“ zu werden. Paulus spricht in Apg.20,29-32 ein wenig darüber. Die folgenden Worte scheinen mir wichtig zu sein: „Und nun befehle ich euch Gott an, und dem Wort seiner Gnade…“ (v.32) … nicht einem Leiter, nicht einem „Nachfolger von Paulus“. Leiterschaft darf nicht die zentrale Stellung einnehmen, und darf nicht zu einer Machtposition werden. Stattdessen soll die persönliche Beziehung jedes Einzelnen zu Gott betont werden, und die Autorität des Wortes Gottes. Ich würde nie wieder einer „christlichen“ Gruppe beitreten wollen, wo das Wort der Leiterschaft grösseres Gewicht hat als das Wort Gottes. Und ob das der Fall ist, das erkennt man selten an den offiziellen Erklärungen der Leiter. Meistens erkennt man es erst, wenn es zu einem Konflikt kommt zwischen dem Wort der Leiterschaft und der biblischen Einsicht eines Mitglieds.
Und vielleicht sollten Nachfolger Jesu auch lernen, „grossartigen“ Leitern zu misstrauen, und stattdessen nach Leitern mit Barnabas-Eigenschaften Ausschau zu halten. Barnabas ist der biblische Kontrast zum Narzissten. Er ermutigte andere, öffnete Türen für sie, und war bereit, selber hinten anzustehen. Er war der einzige, der das geistliche Potenzial in Paulus erkannte und ihm Vertrauen schenkte, als alle anderen ihm misstrauten (Apg.9,26-27; 11:23-25). Er begann die erste Missionsreise als Leiter des Unternehmens, überliess dann aber Paulus die Führung. Doch war er auch bereit, Paulus entgegenzutreten und einen Konflikt zu riskieren, um den von Paulus abgelehnten Johannes Markus zu verteidigen und ihm eine neue Chance zu geben (Apg.15,37-39).
Letztlich denke ich jedoch, es ist eine Frage der persönlichen Integrität. Vielleicht wäre ein Narzisst ja auch in der Lage, die Rolle eines „Barnabas“ perfekt zu spielen, wenn das gut ankommt. Nur eine Gruppe von Menschen, die selber in persönlicher Integrität leben, wird in der Lage sein, die Maske zu durchschauen.

– Wegen der Gefahr des Missbrauchs sollten Leiterschaft und Seelsorge personell klar voneinander getrennt werden. D.h. kein Seelsorger sollte zugleich eine Leiterschaftsfunktion ausüben über die Menschen, die er berät; und umgekehrt. Niemand sollte dazu gedrängt oder verleitet werden, seine persönlichen Nöte und Kämpfe offenzulegen vor jemandem, der zugleich sein Vorgesetzter ist. Und das Seelsorgegeheimnis muss strikt gewahrt bleiben. – Es war meine Beobachtung in den evangelikalen Kirchen, dass zwar dem „gemeinen Volk“ gegenüber eindringlich gegen „Klatsch“ gepredigt wurde; die Leiter unter sich jedoch eifrig über die persönlichen Schwächen ihrer Mitarbeiter und Gemeindeglieder klatschten, unter sorgloser und überheblicher Missachtung des Seelsorgegeheimnisses. Auch wurden nicht selten diese persönlichen Schwächen als Druckmittel verwendet, um Menschen gegenüber willkürlichen Forderungen der Leiterschaft gefügig zu machen; oder um zu vermeiden, dass jemand die Leiter wegen deren Verfehlungen konfrontierte. Das ist gröbster Missbrauch der Seelsorge.

– Es scheint keine zuverlässigen Forschungsergebnisse zu geben über die Verbreitung der narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Langberg nennt Zahlen um 0,6%, also rund einer von 170.
Nach alldem scheint aber eines festzustehen: Wenn es in einer Kirche von 170 Personen einen Narzissten gibt, dann ist die Wahrscheinlichkeit relativ hoch, dass es sich um den Pastor handelt!