Archive for the ‘Nachdenkliches und Herausforderndes’ Category

Lateinamerikanische Migranten und die Nachrichten darüber

26. November 2018

Liebe Blog-Leser,

während den letzten Monaten liessen mir meine Aktivitäten keine Zeit mehr zum Blog-Schreiben. Doch nun möchte ich mich zurückmelden, mit einem aktuellen lateinamerikanischen Thema.

Ab und zu lese ich aus Neugier einige Nachrichten aus deutschsprachigen Medien im Internet. Was Lateinamerika betrifft, scheint es da in den letzten Wochen nur ein Thema gegeben zu haben: eine sogenannte „Migrantenkarawane“, die aus einigen mittelamerikanischen Ländern ausgezogen ist und es anscheinend auf die USA abgesehen hat. Dabei werden regelmässig die Regierungen Mexikos und der USA für ihren „Mangel an Mitmenschlichkeit“ gerügt. Meldungen wie die folgende scheinen es dagegen nicht auf die andere Seite des Atlantiks zu schaffen. (Auszugsweise von mir übersetzt) :

Politische Motive in der Karawane von Honduranern beklagt

Der Präsident von Guatemala, Jimmy Morales, (…) erklärte, diese Karawane sei „politisch motiviert. Sie hat zum Ziel, die (Landes-)Grenzen gewaltsam zu durchbrechen. Zu diesem Ziel nützen sie das Wohlwollen der Staaten aus, und bringen damit natürlich das Wichtigste, die Menschen, in Gefahr.“
Angesichts dieses Betrugs, sagte seinerseits der honduranische Präsident, Juan Orlando Hernández, hätten viele Teilnehmer der Karawane ihre Entscheidung bereut, und etwa 2’000 Personen seien in ihr Land zurückgekehrt, während 486 sich noch auf dem Weg befänden. (… Für die Rückkehrer) gebe es in Honduras eine Arbeitsgruppe, um sie zu empfangen, und ein Paket von Angeboten, damit die Personen ihre Lebensqualität verbessern können. (…)“

Tageszeitung „La República“, Lima, 20.Oktober 2018

(„La República“ ist übrigens keineswegs eine „rechtsradikale“ Zeitung, sondern im Gegenteil sozialdemokratisch ausgerichtet. Nur dass sie es nicht für nötig hält, sämtliche Meldungen zu zensurieren, in denen ein anderer Standpunkt zum Ausdruck kommt.)

Doch gibt es daneben eine Tragödie unvergleichlich grösseren Ausmasses, die in den deutschsprachigen Medien völlig zu kurz kommt. Allein in Perú sind während den letzten Jahren über eine halbe Million Venezolaner eingewandert, und täglich kommen etwa tausend dazu. Andere südamerikanische Länder melden ähnliche Zahlen. In Grossstädten wie Lima trifft man inzwischen überall auf Venezolaner. Warum interessieren sich die Nachrichtenmacher in Europa anscheinend nicht dafür? Über die Gründe kann ich nur spekulieren:

Die Venezolaner veranstalten keine gewalttätigen Protestaktionen. Sie kommen auch nicht mit überheblichen Forderungen nach staatlichen Sozialleistungen – die ein Land wie Perú sowieso nicht erbringen könnte. Auch ist die Kriminalität unter ihnen nicht wesentlich grösser als unter der einheimischen peruanischen Bevölkerung. Nein, die meisten kommen bescheiden, gewillt sich anzupassen, und dankbar. Dankbar, dass sie eine Bleibe finden dürfen in einem Land, wo sie nicht auf der Strasse nach Hunden und Ratten jagen müssen, um etwas zu essen zu haben. Deshalb sind sich selbst Ingenieure, Ärzte und Anwälte nicht zu schade, erst einmal in öffentlichen Verkehrsmitteln oder auf der Strasse Imbisse zu verkaufen, solange sie keine Arbeit finden können, die ihrer Ausbildung eher entspricht. – Es zieht sie auch nicht mehrheitlich in die USA. Lieber gehen sie in Länder, wo sie nicht so grosse sprachliche und kulturelle Schranken überwinden müssen. Und wohin die Reise nicht so teuer ist. Ihnen finanziert ja keine internationale Organisation die Reisekosten. – Und natürlich haben sie nicht die Absicht, den Regierungen und Einwohnern ihrer Gastländer bewusst Schwierigkeiten zu bereiten. Kurz, es handelt sich mehrheitlich um ganz normale, friedfertige Migranten „alten Stils“. Und es ist klar, dass es sich bei ihnen um die Opfer einer Notsituation in ihrem Land handelt, und nicht um die Schuldigen. Deshalb hat auch die peruanische Regierung kein überaus grosses Problem damit, ihnen erleichterte Bedingungen für den Grenzübertritt und die Niederlassung zu gewähren. Z.B. wird ihre nationale Identitätskarte als gültiger Ausweis anerkannt, denn die venezolanischen Behörden sind gegenwärtig ausserstande, der Nachfrage nach Pässen nachzukommen. Ob mit Absicht oder aus tatsächlichem Mangel an Kapazität, bleibe dahingestellt.

Diese Art von Migranten dienen nicht als Kanonenfutter für politische Propaganda. Insbesondere weil es etwas schwierig wäre, die Leser davon zu überzeugen, dass auch hier die Prügelknaben der „politisch korrekten“ Medien, Trump und Putin, daran schuld seien. Aus all diesen Gründen sind die Millionen venezolanischer Migranten anscheinend für deutschsprachige Nachrichtenmedien längst nicht so interessant wie die paar tausend Radaumacher aus Mittelamerika. Die Situation der Venezolaner könnte ja dem Leser bewusst machen, was das Wort „Migration“ eigentlich (früher einmal) bedeutete: eine friedliche Auswanderung, oft ausgelöst durch eine echte Notsituation, und mit der Absicht, sich durch eigene Arbeit im Gastland eine neue Existenz aufzubauen und sich an die dortigen Bedingungen anzupassen. So wie vor Jahrzenten z.B. Tamilen, Tibeter, Ungaren, und noch früher Juden in Länder wie die Schweiz flüchteten. – Ja, Fremdenfeindlichkeit hat es immer gegeben; doch sie hielt sich in Grenzen, weil jene Einwanderer in der Regel keine grösseren Probleme verursachten. Wenn sich heute in manchen Teilen Europas eine feindseligere Stimmung den „Migranten“ gegenüber breitmacht, dann muss man sich doch fragen, ob das nicht auch mit dem Verhalten und den Absichten dieser Migranten selber zu tun hat (und den Drahtziehern dieser Migrationen), die sich von früheren Migrationen wesentlich unterscheiden. Das Beispiel der Venezolaner könnte aufzeigen, dass auch heute noch eine Masseneinwanderung möglich ist, ohne dass es zu grösseren politischen Krisen und Zusammenstössen kommen muss. Sofern die Einwanderer die nötigen Voraussetzungen erfüllen.

Und nicht zuletzt muss man sich fragen, angesichts der unausgewogenen Gewichtung der Nachrichten im deutschsprachigen Raum, was für politische Motive bei diesen Medien dahinterstehen.

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Die neutestamentliche Gemeinde als „Leib Christi“ – Teil 2

16. Dezember 2017

Alle Glieder verbunden mit dem Haupt

Der folgende Punkt scheint schwerverständlich zu sein für jene, die sich an eine institutionalisierte Form von „Kirche“ gewöhnt haben. Dort wirkt einerseits das erdrückende Gewicht der römisch-katholischen Tradition (die in den reformierten und evangelikalen Kirchen weiter fortwirkt), wonach eine „Kirche“ von einem „Priester“ oder „Pastor“ geleitet werden müsse; somit glauben sie, dieser „Priester“ oder „Pastor“ hätte eine Stellung als „Haupt“ über seine „Kirche“ inne. Und andererseits haben manche „Pastoren“ grosses Interesse daran, dass diese Tradition weiter aufrechterhalten wird, weil ihre einflussreiche Machtposition darauf beruht.

In Wirklichkeit war dies einer der grossen Streitpunkte in der Reformation des 16.Jahrhunderts. Die Reformatoren betonten, dass jeder Christ direkten Zugang zu Gott hat. Kein „Priester“ braucht zwischen einem Jünger Jesu und seinem Herrn zu vermitteln. Das ist ein biblisches Prinzip, das u.a. in folgenden Aussagen zum Ausdruck kommt:

„Da wir also einen grossen Hohenpriester haben, der durch die Himmel hindurchgegangen ist, Jesus, den Sohn Gottes, so lasst uns am Bekenntnis festhalten. (…) Nähern wir uns also mit Freimut dem Gnadenthron, damit wir Barmherzigkeit erhalten und Gnade finden zur rechtzeitigen Hilfe.“ (Hebräer 4,14-16)

„Da wir also, ihr Brüder, Freimut haben, um ins Heiligtum einzutreten durch das Blut Jesu als einen neuartigen und lebendigen Weg, den er für uns eingeweiht hat durch den Vorhang hindurch, das heisst, durch sein Fleisch; und einen grossen Priester über die Familie Gottes, nähern wir uns [also] mit wahrhaftigem Herzen und vollem Glauben, die Herzen besprengt [zur Reinigung] von bösem Gewissen, und den Leib gewaschen mit reinem Wasser.“ (Hebräer 10,19-22)

„Denn Gott ist ein einziger; und ein einziger ist Vermittler zwischen Gott und den Menschen, der Mensch Christus Jesus. …“ (1.Timotheus 2,5)

Leider zogen die Reformationskirchen nicht die Konsequenzen aus diesem Prinzip. Sie nannten ihre Kirchenführer zwar nicht mehr „Priester“, aber sie behielten die Unterscheidung zwischen „Klerus“ und „Laien“ bei. Deshalb stellen auch viele evangelische und evangelikale Leiter das Recht eines Christen in Frage, sich Gott direkt zu nähern, ohne die Vermittlung eines „Pastors“. So schrieb mir z.B. ein evangelikaler „Pastor“: „Einige sagen: – Ah, ich bin direkt Christus untergeordnet. Aber die Kirche ist ein Leib, dessen Haupt der Herr ist. Können Sie sich einen Leib vorstellen, wo die Hände und die Füsse direkt am Kopf befestigt sind? Ein Monster!“

Solche Worte hätten genausogut aus dem Munde eines katholischen Apologeten kommen können. Die hierarchischen Kirchen (ob katholisch oder evangelisch) wollen immer den direkten Zugang ihrer Glieder zu Christus, dem Haupt, begrenzen; und wollen „Priester“, „Pastoren“, „geistliche Abdeckungen“ usw. dazwischenschalten. Aber die Bibel behauptet ausdrücklich, was jener „Pastor“ verneint:

„Niemand soll euch willkürlich den Preis vorenthalten, durch demütige Verehrung der Engel, indem er sich [untersuchend] dem nähert, was er nicht gesehen hat, grundlos aufgebläht durch seinen fleischlichen Sinn, und sich nicht an dem Haupt festhält, von dem aus der ganze Leib, durch die Gelenke und Bänder unterstützt und zusammengehalten, wächst mit dem Wachstum von Gott her.“ (Kolosser 2,18-19)

Jedes Glied am Leib Christi soll sich also „am Haupt festhalten“, das Christus ist. So ist es auch eine Tatsache der menschlichen Anatomie, dass z.B. die Finger ihre Befehle nicht von der Hand erhalten, auch nicht vom Arm, sondern direkt vom Haupt (d.h. genauer vom Zentralnervensystem). Durch das Nervensystem steht tatsächlich jedes Glied des Leibes in direkter Kommunikation zum Haupt; dagegen geben die Glieder einander keine Befehle.

Die Einheit und Ordnung im Leib Christi beruht genau auf dieser Tatsache: dass jedes Glied direkt dem Haupt untergeordnet ist. Nur Jesus, der Herr, ist in der Lage, jedes Glied an den ihm zukommenden Platz zu stellen und ihm die angemessenen Funktionen und Aufgaben zuzuteilen. Wenn irgendein „übergeordnetes Glied“ versucht, die Organisation des Leibes zu übernehmen, dann wird nur Unordnung geschaffen. Die Funktion der „übergeordneten Glieder“ (wenn wir überhaupt diesen Ausdruck verwenden wollen) besteht darin, den mit ihnen verbundenen Gliedern zu helfen, jene Aufgaben besser zu erfüllen, die der Herr ihnen aufgetragen hat.

Nun müssen wir verstehen, dass der Herr nicht wie ein menschlicher Vorgesetzter handelt, wenn er seine Arbeiter da hinstellt, wo er will, und ihnen Aufgaben zuteilt. Der Herr ist ja nicht nur „Vorgesetzter“; er ist zugleich unser Schöpfer. Er hat zum voraus jedes Glied für seine besondere Funktion geschaffen, mit den nötigen natürlichen Fähigkeiten und geistlichen Gaben. Wenn also ein Glied des Leibes Christi diese Fähigkeiten kennt, die Gott ihm gegeben hat, dann kennt es bereits einen grossen Teil von Gottes Willen für sein Leben: diese Fähigkeiten auszuüben zur Ehre des Herrn und zur Auferbauung seines Leibes. – Das ist ein weiterer Grund, warum ein menschlicher Leiter die anderen Glieder nicht so „organisieren“ kann, wie Gott es will: Nur Gott selber, der Schöpfer, kann uns sagen, zu was für einer spezifischen Funktion er uns geschaffen hat.
Ausserdem ist, im Gegensatz zu den Gliedern unseres menschlichen Körpers, jedes Glied des Leibes Christi ausgestattet mit Weisheit, mit Denk- und Entscheidungsfähigkeit. Deshalb funktioniert der Leib Christi nicht wie eine Maschine und auch nicht wie eine Armee, deren Teile nichts anderes tun, als passiv die erhaltenen Befehle auszuführen. Jedes Glied hat einen grossen Entscheidungsspielraum in der Ausübung seiner Funktionen. Deshalb heisst es in Epheser 4,16: „…von dem aus der ganze Leib … nach dem Mass der Aktivität jedes seiner Glieder das Wachstum des Leibes hervorbringt zu seiner eigenen Auferbauung in Liebe.“

Die neutestamentliche Gemeinde als „Leib Christi“ – Teil 1

10. November 2017

In den früheren Betrachtungen dieser Serie haben wir die neutestamentliche Gemeinde in den Worten Jesu untersucht, und in der Apostelgeschichte. Die Apostelgeschichte zeigte uns die ursprüngliche Praxis des neuen Gottesvolkes, nach dem vollkommenen Muster Gottes.
Nun gehen wir zu den apostolischen Briefen über. Viele dieser Briefe richten sich an das gesamte Volk Gottes. Hier finden wir also nicht konkrete historische Begebenheiten als Ausdruck der Gemeinde, aber allgemeine Prinzipien und Anweisungen. Versuchen wir das Grundmuster zu entdecken, das hinter diesen Anweisungen steckt – aber ohne dabei aus den Augen zu verlieren, was wir bereits gefunden haben in den Worten Jesu und in der Apostelgeschichte.

Die Apostel gebrauchten verschiedene Bilder und Vergleiche als Beschreibung der Gemeinde, des Volkes Gottes. Am häufigsten finden wir den Vergleich mit einem „Leib“. Untersuchen wir einige dieser Stellen, um herauszufinden, wie dieser „Leib“ funktioniert.

Einheit in der Verschiedenheit

Die ausgedehntesten Abschnitte zu diesem Thema sind Römer 12,3-10, und das ganze Kapitel 12 im 1.Korintherbrief. Paulus betont die Unterschiedlichkeit der Gaben und Funktionen der verschiedenen Glieder des Leibes:

„Denn so wie wie in einem einzigen Leib viele Glieder haben, aber nicht alle Glieder haben dieselbe Funktion, so sind wir, die vielen, ein einziger Leib in dem Christus, aber individuell Glieder voneinander, die wir unterschiedliche Gaben haben, nach der Gnade Gottes, die uns gegeben wurde …“ (Römer 12,4-6)

Es ist also kein biblisches Ziel, dass alle Glieder demselben Schema entsprechen sollten. Im Gegenteil, in ihrer Verschiedenheit ergänzen sie sich gegenseitig:

„Denn der Leib ist nicht ein einziges Glied, sondern viele. Wenn der Fuss sagte: ‚Weil ich nicht Hand bin, gehöre ich nicht zum Leib‘, gehört er etwa deswegen nicht zum Leib? Und wenn das Ohr sagte: ‚Weil ich nicht Auge bin, gehöre ich nicht zum Leib‘, gehört es etwa deswegen nicht zum Leib? Wenn der ganze Leib Auge wäre, wo wäre das Gehör? Wenn das Ganze Ohr wäre, wo wäre der Geruchssinn? Nun aber setzte Gott jedes einzelne Glied in den Leib, wie er wollte. Wenn alles ein einziges Glied wäre, wo wäre der Leib? Nun aber sind es viele Glieder, aber ein einziger Leib. Und das Auge kann nicht zur Hand sagen: ‚Ich brauche dich nicht‘; und auch nicht der Kopf zu den Füssen: ‚Ich brauche euch nicht‘. “ (1.Korinther 12,14-21)

Im Zusammenhang dieses Textes ist offensichtlich, dass kein Glied des „Leibes Christi“ mehr wert ist als ein anderes. Die Glieder haben unterschiedliche Funktionen; aber alle sind nötig zum Funktionieren des Leibes, und sie haben einander nötig.

Die Beziehung zwischen Paulus und Apollos gibt uns ein gutes Beispiel dafür, wie sich die Glieder gegenseitig ergänzen. Beide arbeiteten in der korinthischen Gemeinde – aber zu unterschiedlichen Zeiten -, jeder mit seinen besonderen Gaben. Sie mussten untereinander keine formelle Vereinbarung treffen, denn Gott selber koordinierte diese Form der Zusammenarbeit. Ihre Funktionen ergänzten sich gegenseitig. – Es scheint, dass einige der Korinther dies nicht verstanden, denn sie begannen sich als „Nachfolger von Paulus“ bzw. als „Nachfolger von Apollos“ zu identifizieren. Deshalb musste Paulus klarstellen, dass zwischen ihm und Apollos keine Konkurrenz bestand, im Gegenteil, der Beitrag von beiden war notwendig:
„Wer ist Paulus? Und wer ist Apollos? – Diener, durch die ihr zum Glauben kamt; und jeder dient, wie es ihm der Herr gab. Ich pflanzte, Apollos begoss, aber Gott liess es wachsen. So kommt es also nicht auf den an, der pflanzt, noch auf den, der begiesst, sondern auf den, der wachsen lässt, Gott. Und der pflanzt und der begiesst sind eins, aber jeder wird seinen eigenen Lohn empfangen gemäss seiner eigenen Mühe.“ (1.Korinther 3,5-8)

Es fällt auch auf, dass die neutestamentliche Gemeinde mit einem lebendigen Organismus verglichen wird, nicht mit einer Maschine, auch nicht mit einem Verein oder einer Institution. Wir finden keine Organigramme, Statuten oder Reglemente. Das muss betont werden in unserer heutigen Zeit, wo fast alle Gruppen der Christenheit sich eine reglementierte und (mehr oder weniger) hierarchische institutionelle Form gegeben haben. Wie wir in einer früheren Betrachtung gesehen haben, war diese Organisationsform von der römischen Militärdiktatur inspiriert worden, nicht vom Neuen Testament.

Diese Struktur eines „lebendigen Organismus“ bedeutet aber nicht, dass die Gemeinde „ungeordnet“ wäre. Der Leib Christi wächst, „zusammengefügt und geeint durch jedes unterstützende Gelenk, nach dem Mass der Aktivität jedes seiner Glieder …“ (Epheser 4,16). Nur dass diese lebendige und natürliche Ordnung von einer anderen Art ist als die institutionelle und künstliche Ordnung, die so viele heutige christliche Gruppierungen kennzeichnet. Eine Institution hält ihre innere Ordnung aufrecht mittels Organigrammen und Reglementen, die festlegen, wer was für Kompetenzen hat, und wer über wen bestimmt. In einem lebendigen Organismus dagegen bestimmen die Glieder nicht übereinander. Der Organismus hält seine innere Ordnung aufrecht, indem jedes Glied seine natürliche Funktion ausübt, zu der es geschaffen wurde; und indem jedes Glied mit dem Haupt kommuniziert.

Weiteres über die erste Gemeinde in der Apostelgeschichte (Teil 4)

31. Oktober 2017

Die neutestamentliche Gemeinde überschreitet kulturelle und nationale Grenzen.

Der Missionsbefehl schliesst ein, „alle Völker“ zu Jüngern zu machen (Matth.28,19), „in alle Welt“ zu gehen (Markus 16,15). Das bedingt, dass die Boten des Evangeliums geographische, nationale, sprachliche und kulturelle Grenzen überwinden. Für die ersten Jünger war das nicht einfach zu verstehen, da sie alle Juden waren, und von ihrer Geschichte her daran gewöhnt waren, dass Gott nur mit dem jüdischen Volk handelte.
Deshalb brauchte Philippus eine besondere Engelserscheinung, um die Begegnung mit dem äthiopischen Beamten zu suchen (Apg.8,26-40). Auch zu Petrus musste Gott auf besondere Weise sprechen, damit er dazu bereit war, das Evangelium zu einer nichtjüdischen Familie zu bringen (Apg.10). Aber allmählich begannen die Jünger die Tatsache zu akzeptieren, dass das Evangelium für alle Nationen bestimmt ist. In Antiochien entstand zum ersten Mal eine Gemeinde, wo sich Juden und Griechen gemeinsam versammelten (Apg.11,19-21). Vielleicht ist das der Grund, warum in Antiochien die Jünger zum ersten Mal „Christen“ genannt wurden (Apg.11,26): Als sie begannen, mit Jüngern aus anderen Nationen Gemeinschaft zu haben, sahen sie sich gezwungen, ihre nationalen Eigenheiten abzulegen und bewusst eine neue „Nationalität“ anzunehmen als Bürger des Reiches Gottes.
Paulus sprach dies klar aus in Kolosser 3,11: „… wo weder Grieche noch Jude ist, weder Beschneidung noch Unbeschnittenheit, weder Barbar noch Skythe noch Sklave noch Freier; sondern alles und in allen ist Christus.“

Aufgrund historischer Umstände war die Verbreitung des christlichen Glaubens während vieler Jahrhunderte fast ausschliesslich auf den europäischen Kontinent beschränkt geblieben. So war es unumgänglich, dass bei der erneuten Ausbreitung auf andere Kontinente die ersten Boten des Evangeliums zu all diesen Kontinenten europäischer Abstammung waren. Das brachte es aber mit sich, dass ein europäisiertes Christentum exportiert wurde, und dass häufig europäische oder abendländische Kultur praktisch mit „christlicher Kultur“ gleichgesetzt wurde.

In Wirklichkeit ist das Verhältnis zwischen abendländischer Kultur und biblischem Christentum sehr kompliziert. Einerseits ist die abendländische Kultur tatsächlich stark von biblisch-christlichen Ideen geprägt worden – so stark wie keine andere Kultur -, insbesondere während den drei Jahrhunderten, die auf die Reformation folgten. Viele Errungenschaften, die heute als allgemeine kulturelle Errungenschaften gelten, sind in Wirklichkeit aus christlichem Gedankengut und christlichem Engagement herausgewachsen und erst später von der weltlichen Gesellschaft und dem weltlichen Staat übernommen worden: Fürsorge für Arme und Kranke; Rechtsstaatlichkeit; Religions- und Gewissensfreiheit; die „Gewohnheit“, Verpflichtungen und Verabredungen einzuhalten sowie für verursachte Schäden zu haften (das gehört alles zur sogenannten „protestantischen Arbeitsethik“). Selbst die Grundlagen der neuzeitlichen Naturwissenschaft und Technik sind hauptsächlich von Forschern gelegt worden, die innerhalb eines biblisch-christlichen Paradigmas dachten und arbeiteten: Johannes Kepler, Isaac Newton, Blaise Pascal, Leonhard Euler, Michael Faraday, James Clerk Maxwell, u.v.a.*
Gegenwärtig stehen alle die genannten Errungenschaften in Gefahr, wieder verlorenzugehen, weil der christliche Nährboden nicht mehr existiert, auf dem sie seinerzeit gewachsen waren.

Andererseits ist die abendländische Kultur seit jeher (und insbesondere während der letzten 150 Jahre) auch von anderen, nichtchristlichen oder sogar antichristlichen Strömungen geprägt worden: Klerikalismus, Humanismus, Rationalismus, ein materialistischer Lebensstil, Individualismus, Liberalismus, Sozialismus – um nur einige Beispiele zu nennen. (Es würde zu weit führen, hier im einzelnen zu untersuchen, inwiefern die genannten Strömungen dem biblischen Evangelium entgegenstehen.) Diese Geistesströmungen haben nicht nur die Gesamtgesellschaft beeinflusst, sondern auch die christlichen Kirchen. Wir haben also in Europa einerseits eine nichtchristliche Gesellschaft, die immer noch von einem Erbe christlicher Werte zehrt; andererseits aber „christliche“ Kirchen, die in vielerlei Hinsicht nichtchristlichen Ideen und Werten folgen.
Diese verworrene Situation macht es sehr schwierig, Menschen aus anderen Kulturkreisen zu erklären, was abendländische Kultur ist, was biblisches Christentum ist, und wie diese beiden Dinge auseinanderzuhalten sind. Gerade die gegenwärtige Flüchtlingskrise macht dieses Dilemma sehr deutlich: Da gibt es jene, die eine multikulturelle Gesellschaft fordern, und sich nicht im Klaren sind darüber, dass die Idee eines multikulturellen Zusammenlebens nur auf der Basis einer gemeinsamen Nachfolge Jesu überhaupt je gedacht und verwirklicht werden konnte, aber nicht gesamtgesellschaftlich umgesetzt werden kann. Und es gibt andere, welche fordern, dass Immigranten sich an die abendländische Kultur anpassen, ohne zu berücksichtigen, dass diese Kultur inzwischen in sich selbst zutiefst gespalten ist und nach aussen hin höchst widersprüchliche Signale aussendet – was dann z.B. dazu führt, dass Moslems denken, „Christentum“ sei gleichzusetzen mit Feminismus, Pornographie und Homosexualität. (Für sie nicht gerade ein Anreiz, sich dieser Kultur anzupassen…)

Um hier klar zu sehen, sollten wir zuallererst verstehen, dass es für uns als Christen nicht darum gehen kann, zwischen der „abendländischen“ und irgendeiner anderen irdischen Kultur zu wählen; und auch nicht darum, eine „abendländische Kultur“ gegen andere Kulturen zu verteidigen. Der grosse Unterschied besteht vielmehr zwischen allen menschlichen Kulturen auf der einen Seite, und der Kultur des Reiches Gottes auf der anderen Seite. Jede irdische Kultur (mit Ausnahme der jüdischen, als sie noch ursprünglich war) hat heidnische Wurzeln. Deshalb muss jede Person, die sich zu Jesus Christus bekehrt, von ihrer angestammten Kultur Abstand nehmen, diese Kultur im Licht des Wortes Gottes untersuchen, und verwerfen, was nicht Gottes Willen entspricht. Wir alle müssen „freigekauft werden von unserer nichtigen Lebensweise, die wir von unseren Vorfahren übernommen haben“ (1.Petrus 1,18).
„Kultur des Reiches Gottes“ bedeutet dabei keineswegs die Sitten einer bestimmten Kirche oder Denomination. Im Gegenteil: Wer „christlich sozialisiert“ worden ist, der wird beim Eintritt ins Reich Gottes auch viele Aspekte seiner „kirchlichen Kultur“ hinter sich lassen müssen. Kirchliche Sitten, Umgangsformen und Denkweisen sind in der Regel ebenso von „dieser Welt“ geprägt wie jene der „weltlichen“ Gesellschaft.
Der „alte Mensch“ wurde nach dem Vorbild der ihn umgebenden Kultur geformt. Wenn es in dieser Kultur normal ist, sich zu betrinken oder Unzucht zu treiben, dann wird der alte Mensch einen Hang zum Alkoholismus und zur Unzucht haben. – Wenn diese Kultur sehr intellektuell und „wissenschaftlich“ ist, dann wird der alte Mensch dem Intellektualismus, dem Rationalismus und der „Weisheit dieser Welt“ zugeneigt sein und die Weisheit Gottes verachten. – Wenn diese Kultur religiös ist, dann wird der alte Mensch denken, religiöse Riten und Vorschriften seien ein gültiger Ersatz für eine Beziehung zu Gott. – Usw.
Deshalb muss jeder Christ einen Prozess der „Erneuerung des Sinnes“ durchlaufen (Römer 12,1-2). Er muss die Einflüsse seiner ererbten Kultur entdecken, die der Wahrheit Gottes entgegengesetzt sind; muss diesen Einflüssen absagen, und muss anfangen, dem Willen Gottes gemäss zu denken und zu handeln. Die Einflüsse, die aus der eigenen Familie und Kultur kommen, sind am schwierigsten zu identifizieren, denn sie verkörpern das, was jemand als „normal“ ansieht. So finden es die meisten Europäer „normal“, ihrem Terminplan Vorrang zu geben vor allem anderen, und können aufgrund dessen z.B. ohne weiteres die Gastfreundschaft verletzen. („Ich habe jetzt keine Zeit!“). – Bibellesen allein reicht möglicherweise nicht aus, um zu erkennen, dass hier eine grobe Verschiebung der Prioritäten stattgefunden hat. Um das zu erkennen, muss man wahrscheinlich eine Zeitlang in einer anderen Kultur gelebt haben. Das ist ein weiterer Grund, warum Gott möchte, dass Christen kulturelle Grenzen überschreiten: Es hilft einem, die eigene Kultur objektiver beurteilen zu können.

„Das Evangelium für alle Nationen“ bedeutet, dass Christen aus allen Nationen in harmonischer Gemeinschaft zusammenleben können und ihre gegenseitigen kulturellen Unterschiede tolerieren können, solange diese nicht in geistlicher oder ethischer Hinsicht dem Willen Gottes entgegenstehen. Es bedeutet aber nicht, dass alle Nationen alle ihre Gewohnheiten und Gebräuche (inbegriffen heidnische und unmoralische) in die Gemeinde mitbringen könnten. Es bedeutet vielmehr, dass Jünger aus allen Nationen Bürger des Reiches Gottes werden können. Das schliesst ein, jene Aspekte der eigenen Kultur hinter sich zu lassen, welche dem Evangelium widersprechen, und zu lernen, nach den Massstäben einer neuen Kultur zu leben, nämlich der Kultur des Reiches Gottes.

Befindest du dich bewusst in diesem Prozess des Übergangs von deiner ererbten Kultur zur Kultur des Reiches Gottes? Was beeinflusst deine Gemeinde stärker: die menschlichen Kulturen oder die Kultur des Reiches Gottes? Ist es deiner Gemeinde überhaupt bewusst, dass eine Kultur des Reiches Gottes existiert?


*Verschiedene Autoren haben die Zusammenhänge zwischen den genannten Errungenschaften und einer biblisch-christlichen Weltanschauung untersucht; so z.B. Vishal Mangalwadi in „Das Buch der Mitte“; Francis Schaeffer in seinem Werk über die europäische Geistesgeschichte, „Wie können wir denn leben?“; früher u.a. auch Abraham Kuyper in seinen „Vorlesungen über den Calvinismus“.

Weiteres über die erste Gemeinde in der Apostelgeschichte (Teil 3)

21. Oktober 2017

In der neutestamentlichen Gemeinde kann Sünde nicht verborgen bleiben.

Das ist eines der auffälligsten Kennzeichen der Urgemeinde; und eines, das die heutigen Kirchen fast vollständig verloren haben.

Wenn wir eine Fensterscheibe reinigen, während es draussen bewölkt und dunkel ist, dann kann das Fenster sauber aussehen. Aber sobald das direkte Sonnenlicht darauf fällt, sehen wir unzählige Unreinheiten und Flecken.
So ist es auch mit der Gemeinde. Wärend eine Gruppe in geistlichem Halbdunkel lebt, und alle ihre Mitglieder sich an die Wege der Welt angepasst haben und sich daran gewöhnt haben, alle möglichen Sünden und unmoralischen Verhaltensweisen zu tolerieren, so lange lebt jeder von ihnen unbekümmert in der Täuschung, er sei rein. Aber wenn es am selben Ort eine Gruppe von Christen gäbe, die in Heiligkeit und im Licht des Heiligen Geistes lebt, und ein Mitglied der ersteren Gruppe käme in eine Versammlung der letzteren, dann würde er sehr bald „von allen überführt, von allen untersucht, und so käme das Verborgene seines Herzens ans Licht…“ (1.Korinther 14,24-25).

Die Urgemeinde lebte in einer solchen Atmosphäre der Heiligkeit und Reinheit, dass Sünde nicht verborgen bleiben konnte. Jede Unreinheit kam sofort ans Licht. Beim ersten Mal, als in der Jerusalemer Urgemeinde eine Sünde begangen wurde, starben die Schuldigen im selben Moment, als ihre Sünde ans Licht kam (Apg.5,1-11). Und es war nicht einmal eine „grosse“ Sünde nach den Massstäben der heutigen Christenheit. Es war eine Sünde, die manche Mitglieder heutiger Kirchen fast täglich begehen: eine Lüge. Wir müssen also annehmen, dass von Pfingsten bis zu jenem Tag kein Mitglied der Urgemeinde je gelogen hatte!
(Einige Ausleger sagen, die Sünde von Ananias und Saphira hätte darin bestanden, dass sie Geld veruntreut hätten. Aber das trifft nicht zu. Das Geld war ihr Eigentum, und Petrus erklärte, dass sie auch nach dem Verkauf ihres Grundstücks voll und ganz darüber verfügen konnten (Apg.5,4). Ihre Sünde bestand darin, dass sie den Anschein erweckten, grosszügiger zu sein als sie in Wirklichkeit waren; und das war es, was Petrus als „den Heiligen Geist belügen“ bezeichnet (Vers 3). )
Diese Geschichte ist für viele moderne Leser unbequem. „Wie kann Gott eine so kleine Sünde so drastisch bestrafen?“ Aber es ist umgekehrt. Könnte ein Miglied der Urgemeinde die heutigen Kirchen sehen, so würde er sagen: „Wie kann Gott alle die groben Sünden einfach übersehen, die sie begehen?“

– Ja, es gab wenige Fälle, wo Gott auf eine Sünde in der Gemeinde auf derart aufsehenerregende Weise antwortete. Aber das bedeutet nicht, dass der Fall von Ananias und Saphira aussergewöhnlich schwerwiegend gewesen wäre. Vielmehr war die Gemeinde zu jener Zeit noch genügend sensibel, um Gottes Botschaft zu verstehen. „Und es kam grosse Furcht über die Gemeinde und über alle, die davon hörten. Durch die Apostel geschahen viele Zeichen und Wunder unter dem Volk. (…) Und Gott tat mehr [Menschen] hinzu, die an den Herrn glaubten, eine grosse Menge von Männern und Frauen …“ (Apg.5,11-14). Das war das Ergebnis des drastischen Handeln Gottes: viel geistliche Frucht.
Aber die heutige Christenheit, die in geistlichem Halbdunkel lebt – könnte sie ein solches Zeichen Gottes überhaupt verstehen? Nein, moderne Christen würden kategorisch verneinen, dass dieser plötzliche Tod in irgendeinem Zusammenhang stünde mit einer Sünde der betreffenden Personen. Dann würden sie einfach in ihrer Sünde weiterleben wie vorher. Warum also sollte Gott seine aufsehenerregenden Zeichen an ein Volk verschwenden, das diese gar nicht zur Kenntnis nehmen will? Warum sollte er mit seinem Licht jene erleuchten, die sich lieber im Schatten eines äusseren Anscheins versteckt halten? Wenn in einer Kirche die Sünde verborgen bleiben kann, dann ist das ein Zeichen, dass sich die ganze Kirche weit vom Licht Gottes entfernt hat.

In den apostolischen Briefen haben wir die Bestätigung, dass es tatsächlich in der frühen Kirche als normal angesehen wurde, dass verborgene Sünden ans Licht kamen:

„Aber wenn alle prophetisch reden, und es kommt ein Ungläubiger oder Unverständiger herein, dann wird er von allen überführt, von allen untersucht, und so kommt das Verborgene seines Herzens ans Licht, und er wird auf sein Angesicht niederfallen und Gott anbeten und erklären, dass Gott wirklich in eurer Mitte ist.“ (1.Korinther 14,24-25)

So schreibt Paulus etwa fünfundzwanzig Jahre später an die weit entfernte griechische Stadt Korinth. Auch dort, und auch in jener Epoche der zweiten Generation, galt es immer noch als normal, dass Gott verborgene Sünden ans Licht bringt. Und nicht nur durch die besonderen Gaben eines Apostels, sondern aufgrund dessen, dass „alle“ prophetisch reden. Das heisst, Gott kann irgendein „gewöhnliches Mitglied“ gebrauchen, um verborgene Sünden aufzudecken und „Überführung von Sünde, von Gerechtigkeit und vom Gericht“ zu bewirken. Wenn er es heute so selten tut, dann nur deshalb, weil die geistliche Finsternis in den Kirchen so gross ist.

Weiteres über die erste Gemeinde in der Apostelgeschichte (Teil 2)

12. Oktober 2017

Die neutestamentliche Gemeinde wird verfolgt.

In der vorherigen Betrachtung haben wir gesehen, dass die grosse Verfolgung gegen die Jerusalemer Urgemeinde im Endeffekt zu ihrer weiteren Ausbreitung beitrug.
Tatsächlich erfuhr die Gemeinde von ihren Anfängen an Verfolgung. Kaum war durch die Apostel das erste Wunder geschehen, wurden sie sogleich bedroht, nicht mehr im Namen Jesu zu reden (Apg.4,17-21). Bald darauf wurden sie gefangengesetzt und ausgepeitscht (Apg.5,17-18.40). Einige Zeit später wurde Stephanus gesteinigt (Apg.7).

Warum heisst es dann, „sie hatten die Gunst des ganzen Volkes“ (Apg.2,47), und „das Volk machte sie gross“ (Apg.5,13)? Wie passt das zu den Verfolgungen?
– In Wirklichkeit war diese „Gunst des Volkes“ gerade ein Verfolgungsgrund. Die Christen lebten reine, ehrliche, Gott wohlgefällige Leben; und das wurde vom Volk gesehen und anerkannt. Aber das erregte den Neid gewisser Leiter, die selber nicht Gott wohlgefällig lebten: „Aber der Hohepriester und alle, die mit ihm waren, das heisst die Partei der Sadduzäer, wurden voll Neid.“ (Apg.5,17) – “ … aber sie waren nicht imstande, der Weisheit und dem Geist zu widerstehen, mit dem er (Stephanus) redete. So stifteten sie einige Männer an, zu sagen: ‚Wir hörten ihn gegen Moses und gegen Gott lästern.‘ Und sie wiegelten das Volk auf und die Ältesten und die Schriftgelehrten …“ (Apg. 6,10-12).
– Auch bei Paulus‘ Missionsreisen sehen wir, dass oft der Neid anderer zu Verfolgung führte: „Und als die Juden die Volksmenge sahen, wurden sie voll Neid und widersprachen dem, was Paulus sagte … und erregten eine Verfolgung gegen Paulus und Barnabas und warfen sie aus ihrem Gebiet hinaus.“ (Apg.13,45.50) – „Aber die ungehorsamen Juden waren neidisch, nahmen einige böse Männer von der Strasse, versammelten eine Volksmenge und versetzten die Stadt in Aufruhr …“ (Apg. 17,5)

Wir stellen fest, dass es sehr oft gerade die religiösen Leiter waren, welche die Verfolgungen anzettelten: die Priester, die Theologen, die Synagogenvorsteher … also gerade jene, welche die Bibel gut kannten und als religiös galten. Der Dienst der Apostel hatte dieselbe Wirkung wie zuvor schon der Dienst Jesu: Er stellte öffentlich die Heuchelei der religiösen Leiter bloss, die „sagen, aber es nicht tun“ (Matth.23,3).
Das ist schon immer ein Kennzeichen der neutestamentlichen Gemeinde gewesen: Sie erregt den Zorn der Leiter der offiziellen Kirchen. Wenn also eine christliche Gruppierung mit den Leitern der institutionellen Kirchen in friedlichem Einvernehmen lebt, dann sollte sie sich fragen, ob sie wirklich neutestamentliche Gemeinde ist, oder ob sie sich vielleicht auch an die Wege der Welt angepasst hat, so wie alle „respektablen“ Kirchen.

Die Anwesenheit oder Abwesenheit von Verfolgung ist allerdings kein untrügliches Unterscheidungsmerkmal der neutestamentlichen Gemeinde, denn das hängt auch von äusseren Faktoren ab. (Und es gibt auch Gruppen, die verfolgt werden, nicht weil sie Nachfolger Jesu wären, sondern weil sie schändliche Lehren oder Praktiken ausüben.) Aber wenn eine Gruppe von Christen lange Zeit unbehelligt wirken und sich ausbreiten kann, ohne den Zorn und Neid der etablierten Kirchen hervorzurufen, dann sollte sie sich doch prüfen, ob sie wirklich dem Weg der neutestamentlichen Gemeinde folgt.

Weiteres über die erste Gemeinde in der Apostelgeschichte (Teil 1)

5. Oktober 2017

Die Urgemeinde breitet sich aus.

Die Gemeinde in Jerusalem begann auf einen Schlag mit den dreitausend Bekehrten von Pfingsten. Aber danach breitete sie sich kontinuierlich weiter aus. Von Anfang an „tat der Herr jeden Tag zur Gemeinde hinzu, die gerettet wurden“ (Apg.2,47). Die Heilung eines Gelähmten am Schönen Tor gab Petrus eine neue Gelegenheit, das Evangelium einer grossen Menschenmenge zu verkündigen (Apg.3), und in der Folge „wuchs die Anzahl der Männer auf etwa fünftausend“ (Apg.4,4). (Es kann auch übersetzt werden „um etwa fünftausend“; d.h. es ist nicht ganz klar, ob 5000 die Gesamtzahl oder die neu Hinzugekommenen bezeichnet.) – Danach ging das „normale“ Wachstum weiter, wo der Herr „jeden Tag hinzutat“.

Wir finden also zwei hauptsächliche „Methoden“ Gottes zur Ausbreitung der Gemeinde:
– Die öffentliche Verkündigung der Apostel (wo oft „Zeichen und Wunder“ bewirkten, dass sich grosse Menschenmengen ansammelten).
– Das Zeugnis der „gewöhnlichen Christen“ im täglichen Leben, durch ihr Verhalten und ihre Worte, das die Herzen der Menschen in ihrer Umgebung berührte, sodass jeden Tag neue Bekehrte „hinzugetan wurden“.

Angesichts der Tatsache, dass manche heutigen Kirchen allzu begeistert der Idee des „Gemeindewachstums“ nachfolgen, möchte ich klarstellen, dass „Gemeindewachstum“ kein direktes Gebot des Herrn ist. Sein Gebot lautet, „Jünger zu machen … indem ihr sie tauft … und sie alles halten lehrt, was ich euch geboten habe“ (Matthäus 28,19-20); sowie „das Evangelium zu verkünden“ (Markus 16,15) und „seine Zeugen zu sein“ (Apg. 1,8) – und auch das erst, „wenn der Heilige Geist über euch kommt“. Solange die Jünger diese Gebote befolgten (sowie ein dem Herrn hingegebenes Leben lebten), war das Wachstum der Gemeinde eine natürliche Konsequenz. Deshalb kümmerte sich die Urgemeinde nicht um „Gemeindewachstumsstrategien“. Sie tat einfach, was der Herr ihr aufgetragen hatte.

– In Apostelgeschichte 8 finden wir eine dritte „Methode“ zur Ausbreitung der Gemeinde; eine, die in modernen Kirchen selten erwähnt wird: die Verfolgung! „Und an jenem Tag kam eine grosse Verfolgung über die Gemeinde in Jerusalem, und alle wurden über die ganze Gegend von Judäa und Samarien zerstreut, ausser den Aposteln. (…) Die nun zerstreut worden waren, durchzogen die ganze Gegend und evangelisierten das Wort.“ (Apg. 8,1.4). Weit davon enfernt, die Gemeinde auszulöschen, trug jene Verfolgung gerade zu ihrem Wachstum bei.

Zusammenfassung der Kirchengeschichte in fünf Sätzen

12. September 2017

Das Christentum begann in Jerusalem als der gemeinsame Glaube des Leibes Christi.

Dann kam es nach Griechenland, und die Griechen machten daraus eine Philosophie.

Dann kam es nach Rom, und die Römer machten daraus ein Imperium.

Dann kam es nach Amerika, und die Amerikaner machten daraus ein Geschäft.

Wie nennt man das nun, wenn ein Leib zu einem Geschäft geworden ist? – Prostitution!

(Gefunden im Internet. Autor unbekannt.)

Kennzeichen der Urgemeinde in Apostelgeschichte 2 (7.Teil)

5. September 2017

In den vorhergehenden Artikeln dieser Serie haben wir einige Kennzeichen der Urgemeinde untersucht, wie sie in Apostelgeschichte 2,36-47 beschrieben werden. Fassen wir zusammen:

  • Die neutestamentliche Gemeinde besteht aus Menschen, die durch den Heiligen Geist wiedergeboren wurden. Das geschieht nicht einfach durch das Nachsprechen eines „Übergabegebets“. Zu einer echten Wiedergeburt ist eine heftige „Kollision“ mit Gott nötig, die eine Überführung von der Sünde bewirkt. Die Wiedergeburt schliesst eine radikale Neuausrichtung des Denkens und Handelns ein (was die Bibel „Umkehr“ bzw. „Bekehrung“ nennt). Sie schliesst ein, den Heiligen Geist zu empfangen, welcher den Gläubigen befähigt, die Sünde zu überwinden und ständig unter der Herrschaft Jesu zu leben. – Eine „Gemeinde“, die sich mit weniger zufriedengibt, kann schon von da her nicht neutestamentliche Gemeinde sein.
  • Die neutestamentliche Gemeinde ist auf die „Lehre der Apostel“ gegründet, so wie sie im Neuen Testament niedergelegt ist. Sie gründet sich nicht auf die „Tradition der Kirche“, noch auf „unser Glaubensbekenntnis“, noch auf die „Unterordnung unter den Pastor“, noch darauf, „wie wir es immer schon gemacht haben“. – Eine Gemeinde, die sich nicht vom Neuen Testament her korrigieren lässt, ist nicht neutestamentliche Gemeinde.
  • Die neutestamentliche Gemeinde lebt in koinonia, d.h. in einer tiefen persönlichen, aufrichtigen und transparenten Gemeinschaft in der Liebe Jesu. Das schliesst ein, das Alltagsleben, geistliche Gaben und materielle Güter miteinander zu teilen. Diese Gemeinschaft geschieht auf persönlicher und familiärer Ebene, ohne dass dazu organisierte Versammlungen notwendig wären. – Wenn die Qualität dieser Gemeinschaft in einer Gemeinde mangelhaft ist oder ganz fehlt, dann ist das ein Anzeichen dafür, dass sich diese Gemeinde in irgendeiner Form vom Vorbild des Neuen Testamentes entfernt hat.
  • Die neutestamentliche Gemeinde bricht das Brot in den Häusern, „mit einfachem Herzen“, als eine Form der materiellen koinonia, und zugleich als Erinnerung an den Tod und die Auferstehung des Herrn. Das waren normale Mahlzeiten, wo mehrere Familien beisammen waren, ohne dass die Anwesenheit eines Apostels, Priesters, Pastors, o.ä. erforderlich wäre. – Eine Gemeinde, die lehrt, das Mahl des Herrn sei von irgendeiner Form eines speziellen Priesteramtes abhängig, ist vom neutestamentlichen Vorbild abgewichen.
  • Die neutestamentliche Gemeinde unternahm keine besonderen Anstrengungen, um zu „wachsen“ oder um neue Mitglieder anzuwerben. Sie lebten einfach ihr Alltagsleben im Gehorsam dem Herrn gegenüber, und als Folge dieses Gehorsams „fügte Gott hinzu, die gerettet wurden“. (Die Apostel verkündeten die Botschaft des Herrn auch auf den Strassen und Plätzen unter freiem Himmel. Aber das waren keine „Gemeindeversammlungen“; das war die besondere Tätigkeit, zu der die Apostel vom Herrn beauftragt waren.) Sie riefen niemanden dazu auf, „ihr Leben jetzt dem Herrn zu geben“; aber sie warteten darauf, dass Menschen vom Herrn berührt und von ihrer Sünde überführt würden, und diesen boten sie dann die Umkehr und die Erlösung in Jesus Christus an. – Eine Gemeinde, die Erlösung ohne Überführung von der Sünde und ohne radikale Umkehr anbietet, oder die die Menschen manipuliert, damit sie Mitglieder werden, ist nicht neutestamentliche Gemeinde.

Jeder Vers in Apostelgeschichte 2,36-47 betont dieselbe unangenehme Wahrheit: Was Evangelische/Evangelikale und Katholiken heute „Gemeinde“ oder „Kirche“ nennen, hat nichts gemeinsam mit dem Leben der ersten Christen. Heutige Kirchen nehmen als Mitglieder Menschen auf, die niemals ihr sündiges Leben hinter sich gelassen haben; und sie rechtfertigen diese Praxis mit dem Ausspruch: „Es gibt keine vollkommene Gemeinde.“ – Sie behaupten vielleicht in der Theorie, dass sie sich auf das Wort Gottes gründen; aber in der Praxis regiert das Wort des Pastors und die kirchliche Tradition – bei den Evangelikalen genauso wie bei den Katholiken. – Sie haben die koinonía in den Häusern ersetzt durch organisierte Veranstaltungen und Predigtversammlungen in institutionellen Gebäuden; und um die Verwirrung komplett zu machen, nennen sie solche Gebäude „Kirchen“. – Sie haben das Mahl des Herrn aus seinem ursprünglichen Lebenszusammenhang der familiären Mahlzeit herausgerissen und zu einem feierlichen institutionellen Ritual gemacht, das von einem „Priester“ oder „Pfarrer“ verwaltet wird. – Sie haben den Gehorsam dem Herrn gegenüber im täglichen Leben verlassen, sodass ihre Nächsten nicht mehr das Leben des Herrn in ihnen sehen können; und stattdessen versuchen sie mit Shows und Werbetricks neue Mitglieder für ihre Institutionen zu gewinnen.

Sie verharren auf diesen Abwegen, weil die meisten von ihnen die Apostelgeschichte als ein Märchen aus vergangenen Zeiten lesen, das uns heute nichts anginge. (Wenn sie sie überhaupt lesen.) Aber dieses Buch wurde geschrieben, um uns darüber zu informieren, wie die christliche Gemeinschaft in ihren Anfängen aussah, dem Plan Gottes gemäss; und damit wir uns heute anhand dieser Beschreibung prüfen.

So komme ich zu meinem letzten Punkt über Apostelgeschichte 2:

Die neutestamentliche Gemeinde ist ein übernatürliches Werk Gottes.

Angesichts der hier vorgestellten Kennzeichen einer wahren Gemeinschaft von Nachfolgern Jesu wird der eine oder andere Leser mich der Übertreibung bezichtigen: „Du bist zu radikal.“ – „Du hast eine zu idealistische Vorstellung.“ – „Es gibt keine vollkommene Gemeinde.“ – „Es ist unmöglich, diese Kriterien zu erfüllen.“ – „Wir können die Apostelgeschichte heute nicht mehr wörtlich nehmen.“

Und warum nicht? Wir wissen, dass die Jerusalemer Urgemeinde tatsächlich existierte mit all den beschriebenen Eigenschaften. Und in meiner Bibel gibt es keinen Vers, der sagte, Gott hätte seither seine Massstäbe geändert.

Tatsächlich verraten alle die genannten kritischen Kommentare Unglauben: „Sollte Gott wirklich gesagt haben …?“ – Ja, Gott hat all das gesagt, was ich bisher aus seinem Wort zitiert habe; und so er will, werde ich in zukünftigen Betrachtungen noch mehr zitieren. Was ist unser Wahrheitskriterium: was Gott gesagt hat, oder was wir als menschenmöglich ansehen?

Ja, ich gebe es zu, ich verlange Unmögliches. Denn Unmöglichkeit ist das Markenzeichen eines jeden echten Wirkens Gottes. Wo Menschenmögliches, Machbares als ein Werk Gottes ausgegeben wird, da handelt es sich um eine Fälschung.
Neutestamentliche Gemeinde ist niemals „machbar“ oder „menschenmöglich“. Tatsächlich ist es völlig unmöglich, mit menschlichen Methoden neutestamentliche Gemeinde zu bauen. Wo „Gemeinde geschieht“, da handelt es sich immer um ein übernatürliches Werk Gottes.

Statt also auf die Unmöglichkeiten hinzuweisen, wäre es eine angemessenere Reaktion, uns zu fragen: Warum haben wir dieses übernatürliche Werk Gottes verloren? Und wie können wir wieder dahin zurückkehren? – Und dann sollten wir zu Gott umkehren, uns vor ihm demütigen und ihn ernsthaft suchen.
„Wenn mein Volk, das nach meinem Namen genannt ist, sich demütigt, und betet und mein Angesicht sucht und von seinen bösen Wegen umkehrt, dann werde ich es vom Himmel her erhören und seine Sünde vergeben und sein Land heilen.“ (2. Chronik 7,14)
Diese Verheissung gilt auch dem neutestamentlichen Gottesvolk.

Kennzeichen der Urgemeinde in Apostelgeschichte 2 (6.Teil)

18. August 2017

Der Herr tat neue Gläubige hinzu.

„Und der Herr tat täglich zur Versammlung hinzu, die gerettet wurden.“ (Apostelgeschichte 2,47). – Das ist ein starker Kontrast zu der Art, wie die meisten heutigen Kirchen wachsen (wenn sie überhaupt wachsen). Wenn heute eine Kirche wächst, dann ist es fast immer deshalb, weil sie selber „Aussenstehende“ zu ihren Versammlungen einladen, weil sie selber evangelisieren, weil sie selber irgendeine „Gemeindewachstumsstrategie“ anwenden. Aber von der neutestamentlichen Gemeinde heisst es, dass „der Herr hinzutat“. Sehen wir das Wachstum der Gemeinde als ein menschliches oder ein göttliches Werk an?

Die neutestamentliche Gemeinde unternahm keine evangelistischen Anstrengungen, die spezifisch auf Gemeindewachstum ausgerichtet waren. – Ich möchte in diesem Punkt nicht missverstanden werden. Ich sage nicht, die neutestamentliche Gemeinde hätte nicht evangelisiert. Natürlich taten sie das. Die Apostel verkündeten jeden Tag öffentlich das Evangelium. Und sicher bezeugte jeder Christ den Herrn in seinem täglichen Leben, in seinen alltäglichen Begegnungen mit Nachbarn, Verwandten, Arbeitskollegen, Kunden … Was ich aber sage, ist: Die ersten Christen taten dies nicht zu dem spezifischen Zweck, „zum Gemeindewachstum beizutragen“. Vielmehr taten sie es aus einfachem Gehorsam gegenüber dem Gebot des Herrn, „das Evangelium zu verkünden“ und „Jünger zu machen“. Wir müssen uns also eine weitere Frage stellen: Sehen wir Gemeindewachstum als einen Selbstzweck an, oder sehen wir es als etwas, was der Herr „hinzutut“, wenn wir einen höheren Zweck verfolgen, nämlich dem Herrn zu gehorchen und seine Ehre zu vergrössern?

Ein besonderes Detail finden wir in Apostelgeschichte 5,13: „Und von den übrigen wagte es niemand, sich ihnen anzuschliessen; aber das Volk pries sie hoch.“ – Insbesondere kamen also keine Aussenstehenden zu den Versammlungen, wo Christen sich unter sich trafen.
In fast allen heutigen Kirchen, die „Wachstumsziele“ haben, sind ihre wichtigsten Anlässe die wöchentlichen Versammlungen, die sie „Gottesdienst“ nennen, und die „halb-öffentlich“ sind: Es sind Versammlungen der „Gemeinde“, aber gleichzeitig versuchen sie, Personen anzuziehen, die nicht zur Gemeinde gehören. So kann man keine echte koinonía unter Christen leben, aber ebensowenig kann man einen grossen öffentlichen Effekt erzielen.
– Die neutestamentliche Gemeinde kannte keine solchen „halb-öffentlichen“ Versammlungen. Ihre Versammlungen waren entweder ganz öffentlich (so wie die Lehre der Apostel auf dem heiligen Platz), oder dann waren es wirkliche Gemeinde-Versammlungen (so wie die Gemeinschaft der Christen unter sich in ihren Häusern). Und in letzteren wagte niemand einzutreten, der kein Christ war.
Warum nicht? – Der Grund muss derselbe gewesen sein wie der Grund, warum „das Volk sie hoch pries“: Unter den ersten Christen herrschte eine derartige Atmosphäre von Reinheit und Heiligkeit, dass ein Aussenstehender sich dort äusserst unwohl fühlen musste. Wer nicht wiedergeboren war, musste sich dort so fühlen wie Petrus vor dem Herrn anlässlich des wunderbaren Fischfangs: „Geh weg von mir, Herr, denn ich bin ein sündiger Mensch! – Denn er war voll Schrecken …“ (Lukas 5,8-9)

Und gleich darauf heisst es wiederum: „Und Gott tat mehr [Menschen] hinzu, die auf den Herrn vertrauten, eine Menge von Männern und Frauen…“ (Apostelgeschichte 5,14). Wie wurden denn diese Menschen „hinzugetan“, wenn kein Unbekehrter in die Versammlungen der Christen kam?
Die offensichtlichste Antwort ist jene, die der Text selber gibt: Gott brachte sie. Es ist Gott selber, der durch seinen Heiligen Geist „Überführung von Sünde, von Gerechtigkeit und vom Gericht“ wirkt (Johannes 16,8). Es ist Gott selber, der „seinen Sohn offenbart“ in jenen, die er retten will (Galater 1,15-16). Es ist Gott selber, der die Wiedergeburt schenkt. Anerkennen wir zuerst und vor allem, dass die neutestamentliche Gemeinde kein menschliches Unternehmen war. Es war Gott, der souverän in ihr wirkte.
Das kann unsere ganze Sicht von der Gemeinde verändern. Wenn wir Gott als den Eigentümer und Urheber der Erlösung anerkennen, dann werden wir ihn auch als Herrn und Eigentümer der „Gemeindeglieder“ anerkennen. Sie sind nicht „unsere Mitglieder“; sie sind nicht Mitglieder einer bestimmten Kirche; sie sind Gottes Eigentum. Wenn eine Gruppe von „Gemeindewachstum“ spricht und damit sagen will: „die Vergrösserung unserer eigenen Versammlung“, dann folgt sie nicht den Wegen des Neuen Testamentes.
Aber natürlich benützt Gott irdische, menschliche Werkzeuge. Wie schon erwähnt, verkündeten die Apostel öffentlich das Evangelium, und jeder Christ bezeugte den Herrn in seinem Alltagsleben. Somit hatten die „Aussenstehenden“ genügend Gelegenheiten, das Evangelium zu hören, ohne dazu in eine Versammlung von Christen gehen zu müssen.

Ein anderer bemerkenswerter Unterschied zu heute besteht darin, dass wir in der ganzen Apostelgeschichte keinen „Bekehrungsaufruf“ finden im Stil von: „Komm nach vorne, sprich mir dieses Gebet nach, tritt einer Kirche bei …“ (usw.) – Wir haben bereits gesehen, dass Petrus‘ Worte in Apg.2,38, „Kehrt um und lasst euch taufen …“, sich nur an jene Personen richteten, die bereits „in ihren Herzen schmerzhaft durchbohrt“ worden waren, und die von sich aus bereits gefragt hatten: „Was sollen wir tun?“ – Ja, die Verkünder des Evangeliums sagten ihren Zuhörern, dass sie weit entfernt waren von Gott und zu ihm zurückkehren mussten. Aber wenn dadurch jemand von Gott berührt und von seiner Sünde überführt wurde, dann wurde erwartet, dass diese Person von sich aus kommen und einen Christen suchen würde, um ihre Bekehrung zu bezeugen und sich taufen zu lassen. Und so geschah es auch.
So war auch die Praxis der Evangelisten und Erweckungsprediger durch die ganze Kirchengeschichte hindurch, mindestens bis zur ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts. Die „Bekehrungsaufrufe“, wie sie heute in den meisten evangelikalen Kirchen praktiziert werden, sind eine recht neue Erfindung. Deshalb bringen heutige „Evangelisationen“ mehrheitlich oberflächliche und Scheinbekehrungen hervor, während in der neutestamentlichen Gemeinde die allermeisten Bekehrungen echt waren.