Archive for the ‘Nachdenkliches und Herausforderndes’ Category

Die neutestamentliche Gemeinde als „Familie Gottes“ – Teil 2

14. Juli 2019

Ältestenschaft als familiäre Leiterschaft

Im Alten Testament wurde die jüdische Gesellschaft auf all ihren Ebenen von „Ältesten“ geleitet. Es gab Älteste der erweiterten Familien, der Sippen und der Stämme.

Ältestenschaft im Alten Testament

Das Wort „Ältester“ entstammt dem Familienleben. Die Leiterschaft der Ältesten war eine erweiterte Vaterschaft. Die Ältesten wurden als solche anerkannt, weil sie in ihren eigenen Familien die weisesten Väter waren. Ihre Autorität ging auf natürliche Weise aus den Familien hervor, und von da zu den erweiterten Familien, und so Schritt für Schritt bis zur Ebene des ganzen Volkes. Um die Qualität eines Ältesten zu bezeugen, sind dessen eigene Familienmitglieder die geeignetsten Personen. So war jeder Älteste umgeben von einem „Sicherheitsnetz“ aus ihm nahestehenden Personen, die ihn seit langer Zeit persönlich kannten. Aufgrund dieser persönlichen Nähe konnten sie die Autorität des Ältesten verbürgen und stützen; aber sie konnten ihn auch zurechtweisen, wenn er irrte.

Die Ältesten wurden also nicht demokratisch gewählt; aber sie wurden auch nicht von einer höheren Leiterschaft „eingesetzt“. Sie wurden anerkannt von ihrer erweiterten Familie und Sippe, von Personen, die sie persönlich kannten, und aufgrund ihrer persönlichen Tugenden und ihrer geistlichen Reife, die diese nahestehenden Personen in ihnen sehen konnten. Der ganze Prozess der Auswahl der Ältesten war ein beziehungsmässiger, nicht ein institutioneller Prozess.

Im biblischen Umfeld blieb die eigene Familie die wichtigste Priorität im Leben eines Ältesten, auch wenn er zu einer sehr hohen Ebene von Leiterschaft aufstieg. Wenn er diese Priorität vernachlässigte, konnte er seine Autorität verlieren, und sogar unter das Gericht Gottes fallen. So erging es dem Priester Eli, der eine sehr wichtige Stellung innehatte, aber es versäumte, seine Söhne zu korrigieren. (1.Samuel 2,12-36, 4,11-18).

Ältestenschaft im Neuen Testament

Dasselbe Konzept von Ältestenschaft wurde auch von der neutestamentlichen Gemeinde angewandt. Deshalb ist es eine der wichtigsten Voraussetzungen für einen Leiter in der neutestamentlichen Gemeinde, dass er „seinem eigenen Heim gut vorsteht, seine Kinder in Unterordnung hält, in aller Ehrbarkeit – denn wenn jemand seinem eigenen Heim nicht vorzustehen weiss, wie wird er auf die Gemeinde Gottes achten?“ (1.Timotheus 3,4-5). – Die eigenen Kinder gut zu erziehen, ist eine unverzichtbare Vorbereitung darauf, Ältester zu sein. In der neutestamentlichen Gemeinde konnte niemand als Ältester anerkannt werden, der nicht zuerst während vielen Jahren als guter Ehemann und Vater ein Beispiel gegeben hatte.
Diese Begründung der Ältestenschaft in der Familie ist eine der stärksten Sicherheiten gegen das Eindringen falscher Brüder oder ungeistlicher Menschen in der Leiterschaft. Das eigene Heim ist der Ort, wo es am schwierigsten ist, etwas vorzutäuschen, was man nicht ist. Wenn jemand ein Lügner ist, ein Heuchler, ein Habgieriger, ein Manipulator … dann werden seine Familienmitglieder das merken. Und wenn die ganze Gemeinde auf Familien gegründet ist und sich in den Häusern versammelt, dann werden es auch andere Gemeindeglieder merken. Wenn das Familienleben das wichtigste Kriterium ist, um einen weisen, integren und reifen Leiter zu erkennen, dann ist es wahrscheinlicher, dass wirklich die geistlichen, integren und transparenten Väter als Älteste anerkannt werden.

Natürlich wird auch im neutestamentlichen Gottesvolk ein Vater weiterhin seinem Heim gut vorstehen, auch nachdem er eine grössere Verantwortung als Ältester übernimmt. Die Verantwortung für die Gemeinde sollte nicht dazu führen, dass der Vater zu oft von zuhause fort ist; denn sonst würde er den Grund und die Legitimierung seiner Gemeindeverantwortung verlieren. Die Verantwortung ausserhalb des Heims sollte kein Ersatz für das Ausüben der Vaterschaft sein, sondern deren Erweiterung.

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Die neutestamentliche Gemeinde als "Familie Gottes" – Teil 1

1. Juli 2019

In den vorhergehenden Betrachtungen haben wir die Beschreibung der Gemeinde als „Leib Christi“ untersucht, und wir haben die innere Funktionsweise dieses Leibes betrachtet. Nun gehen wir zu einem anderen, ebenso wichtigen Vergleich über: die Gemeinde ist die Familie Gottes.

Die Struktur der neutestamentlichen Gemeinde ist auf den Familien aufgebaut.

Die Gemeinde wird „Familie Gottes“ (Epheser 2,19) oder „Familie des Glaubens“ (Galater 6,10) genannt. Ein wenig weiter im Epheserbrief erklärt Paulus den Existenzgrund der Familie: „Deshalb beuge ich meine Kniee vor dem Vater unseres Herrn Jesus dem Christus, nach dem jede Familie (wörtl. Vaterschaft) im Himmel und auf der Erde benannt ist.“ (Epheser 3,14-15). Die irdische Familie – oder genauer, die Vaterschaft – ist also ein Bild und Abglanz der Vaterschaft, die Gott Vater ausübt. Die Familie ist nicht einfach eine Form des Zusammenlebens in der menschlichen Gesellschaft. Sie ist eine göttliche Institution mit dem ausdrücklichen Ziel, die Vaterschaft Gottes auf der Erde zu widerspiegeln.
Genau das ist auch einer der wichtigsten Zwecke der Gemeinde. Im Epheserbrief spricht Paulus auch über die Gemeinde mit Ausdrücken der Familie und der Ehe: „…denn der Mann ist Haupt der Frau, wie auch Christus Haupt der Gemeinde ist, und er ist der Erlöser des Leibes. … Deshalb verlässt der Mann seinen Vater und seine Mutter, und hängt seiner Frau an, und die beiden werden ein Fleisch. Dieses Geheimnis ist gross, aber ich sage es von Christus und der Gemeinde.“ (Epheser 5,23.31-32)

Deshalb ist die neutestamentliche Gemeindestruktur im wesentlichen die Struktur einer Familie, nicht einer Organisation oder Institution. In ihrem Kern befindet sich die natürliche Familie, die die Vaterschaft Gottes widerspiegelt. Und wenn die mitmenschlichen Beziehungen in der Gemeinde wie gesunde Familienbeziehungen funktionieren, dann widerspiegelt die ganze Gemeinde die Vaterschaft Gottes. Die Vaterschaft Gottes ist vollkommen, gerecht, treu, liebend, barmherzig, verständnisvoll, aufrichtig, transparent, und immer zum Besten seiner „Kinder“.

Schon das alte Israel, das Gottesvolk des Alten Bundes, war vollständig nach Familien, Sippen und Stämmen strukturiert und organisiert. Im Neuen Testament gibt es wenige Stellen, die ausdrücklich diese Familienstruktur erwähnen, und so wird diese Tatsache allzu leicht übersehen. Aber die Urgemeinde war noch völlig in die jüdische Kultur eingebunden. Deshalb müssen wir die jüdische Familienstruktur als einen Hintergrund betrachten, der in allen Berichten über die Urgemeinde gegenwärtig ist, auch wo er nicht ausdrücklich erwähnt wird.

Das beginnt schon mit der Metapher, die Jesus gebraucht, um den Anfang eines christlichen Lebens zu beschreiben: „… denen gab er Vollmacht, Kinder Gottes zu werden, die an seinen Namen glauben; die nicht aus Blut noch aus dem Willen des Fleisches gezeugt sind, noch aus dem Willen eines Mannes, sondern aus Gott.“ (Johannes 1,12-13) – „Wer nicht von neuem geboren wird, kann das Reich Gottes nicht sehen.“ (Johannes 3,3). Ein Leben als Jünger Jesu beginnt mit einer neuen Geburt. Wer wiedergeboren wird, wird zu einem „Kind Gottes“. So wie ein Baby in einer Familie geboren wird (nicht in einer Fabrik, und auch nicht in einer Schule), so wird auch ein neuer Christ in einer geistlichen Familie geboren, nicht in einer „Institution“.
Paulus gebraucht den Ausdruck „wiedergeboren werden“ nicht, aber stattdessen spricht er von einer „Adoption“ als Kinder Gottes (Römer 8,14-16, Galater 4,3-7).

Weiter finden wir Hinweise auf diese Familienstruktur in allen jenen Stellen, die bezeugen, dass sich die Urgemeinde in den Häusern versammelte. In den biblischen Sprachen, dem Hebräischen und dem Griechischen, ist „Haus“ gleichbedeutend mit „Familie“.
Damit stimmt überein, dass wir mehrmals von ganzen Familien lesen, die ihre Leben dem Herrn gaben:
Cornelius mit „seinen Verwandten und nächsten Freunden“ (Apg. 10,24.44),
Lydia „und ihre Familie“ (Apg.16,15),
der Gefängniswärter von Philippi „mit den Seinen“ (Apg.16,33),
„das Haus des Aristobulus“ und „die vom Haus des Narzissus“ (Römer 16,10-11),
„die Familie des Stephanas“ (1.Korinther 16,15).

Wir finden in den Apostelbriefen auch Abschnitte, die sich an Ehemänner und Ehefrauen richten, an Eltern und Kinder, Herren und Sklaven. (Epheser 5,21-6,9, Kolosser 3,18-4,1, 1.Johannes 2,12-14.) Von daher können wir schliessen, dass die Familien in den Versammlungen vereint waren. Kinder oder Jugendliche trafen sich nicht in gesonderten Gruppen, auch zwischen Frauen und Männern wurde nicht getrennt. Die Urgemeinde war wirklich eine „Familie von Familien“. Es war nicht eine Gruppe von Einzelpersonen, die willkürlich aus ihren Familien herausgenommen und als „Institution“ organisiert wurden. Die neutestamentliche Gemeinde erhält und stärkt die Einheit und den Zusammenhalt der Familien. Sie trennt Familienmitglieder nicht voneinander in ihren Versammlungen und Anlässen. Sie stellt keine Ansprüche, die erfordern, dass Eheleute ihre Ehepartner oder ihre Kinder allein lassen; sie erzieht Kinder nicht getrennt von ihren Eltern; sie greift nicht ungebeten in innerfamiliäre Angelegenheiten ein. Die gesamte Struktur der neutestamentlichen Gemeinde ist familiär, nicht institutionell.

Die neutestamentliche Gemeinde als "Leib Christi" – Teil 5

24. Juni 2019

Zur vorhergehenden Folge

Geistliche Gaben

Die Gaben des Heiligen Geistes sind Fähigkeiten, die der Heilige Geist den Gliedern des Leibes Christi gibt, um ihre besondere Funktion im Leib auszuüben. Deshalb definieren die geistlichen Gaben weitgehend die besondere Funktion jedes Christen. „Denn so wie wir in einem einzigen Leib viele Glieder haben, aber nicht alle Glieder haben dieselbe Funktion, … da sie unterschiedliche Gaben haben gemäss der Gnade, die uns gegeben wurde …“ (Römer 12,4-6)

Paulus spricht in drei Abschnitten seiner Briefe über geistliche Gaben: Römer 12,4-8, 1.Korinther 12 (ganzes Kapitel), und Epheser 4,7-16. Alle drei Stellen stehen im Zusammenhang mit der Lehre über den „Leib Christi“. Wir können die geistlichen Gaben nicht richtig verstehen, solange wir nicht die Funktionsweise des Leibes Christi verstehen, wie in den vorhergehenden Betrachtungen beschrieben. Die Gaben des Heiligen Geistes sind zur gegenseitigen Auferbauung des Leibes Christi gegeben. Das heisst, die geistlichen Gaben werden hauptsächlich im Rahmen von „Einander“-Beziehungen ausgeübt.
Insbesondere:
– sind sie nicht zur Selbst-Auferbauung gegeben,
– und sind sie nicht gegeben, um die Aufmerksamkeit auf die „Gabenträger“ zu lenken oder diesen eine besondere Stellung in der Gemeinde zu geben aufgrund ihrer Gaben.

Die geistlichen Gaben sind kein Selbstzweck. Sie dienen einem höheren Zweck: den Leib Christi in Liebe aufzuerbauen. Die drei Abschnitte, wo Paulus über den Leib Christi und die geistlichen Gaben spricht, enden alle mit der Erinnerung daran, dass die Liebe das Wichtigste ist (Römer 12,9, 1.Korinther 12,31-13,13, Epheser 4,16).

Ziehen wir zudem in Betracht, dass der Heilige Geist immer Christus verherrlicht (Johannes 16,14), dann sollen auch seine Gaben dazu dienen, den Herrn zu erhöhen und zu verherrlichen, und sollen nicht zu anderen Zwecken missbraucht werden. (Siehe auch 1.Korinther 12,3.)

Ein anderes wichtiges Prinzip finden wir in 1.Korinther 12,4.7.11: „Die Gaben werden auf unterschiedliche Weise ausgeteilt, aber sie kommen vom selben Geist … Und Gott gab jedem den Erweis des Geistes zum Nutzen. … Aber alles wirkt ein und derselbe Geist. Er teilt jedem für sich zu, wie er will.“
Daraus können wir schliessen:
– Es gibt eine grosse Vielfalt an geistlichen Gaben. Nicht alle Glieder des Leibes Christi haben dieselben Gaben.
– Jedes echte Glied des Leibes Christi erhielt mindestens eine geistliche Gabe. („Er teilt jedem zu…“)
– Kein Glied hat alle Gaben. Darum brauchen wir die gegenseitige Ergänzung. (1.Korinther 12,21-25.)
– Der Heilige Geist entscheidet selber, wem er welche Gaben zuteilt. Wir dürfen zwar um bestimmte Gaben bitten oder „eifern“ (1.Korinther 14,1); aber es gibt keine Verheissung und kein Recht darauf, dass wir genau das erhalten, worum wir bitten. Der Heilige Geist teilt zu, „wie er will.“

Infolgedessen respektiert die neutestamentliche Gemeinde die Vielfalt der Gaben in ihren Mitgliedern; gibt jedem Gelegenheit, seine besonderen Gaben auszuüben; und jedes Glied anerkennt sein Bedürfnis, durch die anderen Glieder ergänzt zu werden.
Das ist etwas ganz anderes als das „pfarrherrliche“ System vieler heutiger Kirchen: dort wird erwartet, dass der „Pastor“ alle Gaben ausübt. So wird dem „Pastor“ eine Last auferlegt, die kein Mensch tragen kann. Die „gewöhnlichen Mitglieder“ dagegen erhalten in einem solchen System kaum Gelegenheit, ihre geistlichen Gaben auszuüben, und sie werden auch nicht dazu ermutigt. – Die Vielfalt der Gaben ist einer der Gründe, warum alle Gemeinden im Neuen Testament von einer Mehrzahl von Leitern geleitet wurden: sie benötigten die gegenseitige Ergänzung durch die verschiedenen Gaben, die jeder von ihnen besass.
Es wäre jedoch ebenso falsch zu verlangen, dass z.B. „alle Glieder prophetisch reden“ oder „alle Glieder Kranke heilen“ sollten. Gott gab „dem einen, Wunder zu tun“ (aber nicht allen); „einem anderen, prophetisches Reden“ (aber nicht allen); usw. (1.Korinther 12,8-10). Nicht alle Glieder sind Augen; nicht alle Glieder sind Füsse. Der Leib Christi kann nur dann funktionieren, wenn jedes Glied die Freiheit hat, genau seine spezifische Funktion zu erfüllen.

Die Gaben sind „geistlich“, d.h. übernatürlich. Sie sind nicht zu verwechseln mit den natürlichen Fähigkeiten des Menschen. Das ist offensichtlich bei den „aussergewöhnlichen“ Gaben wie prophetisches Reden oder Wundertaten. Es gibt andere geistliche Gaben, die natürlichen Fähigkeiten ähnlich sehen; z.B. Lehren, Verwalten/Organisieren, Barmherzigkeit. Aber auch in diesen Fällen, wenn es sich um eine echte geistliche Gabe handelt, dann wird diese eine übernatürliche Komponente enthalten, die den Charakter Gottes hervorhebt, wenn sie ausgeübt wird. Wer z.B. die geistliche Gabe des Lehrens hat, der ist nicht einfach jemand, der gut erklären kann. Er wird ausserdem so lehren, dass seine Zuhörer sich mit der Wahrheit Gottes konfrontiert sehen und sich gezwungen sehen, darauf zu antworten, sei es indem sie die Wahrheit, die sie erkannt haben, annehmen oder aber ablehnen. Ebenso ist jemand mit der geistlichen Gabe der Barmherzigkeit nicht einfach jemand, der den Armen hilft. Wenn diese Person ein Werk der Barmherzigkeit tut, dann tut sie es so, dass die Empfänger sich der Barmherzigkeit Gottes gegenübersehen und herausgefordert sind, auf seine Barmherzigkeit zu antworten.

Die neutestamentliche Gemeinde ermutigt jedes Glied, die Gaben auszuüben, die Gott ihm gegeben hat, zur gegenseitigen Auferbauung des Leibes Christi in Liebe, und in gegenseitiger Ergänzung. Sie konzentriert sich nicht auf den Dienst einiger weniger „Leiter“ oder „Gottesmänner“, sondern schafft Raum für die „Aktivität jedes seiner Glieder“ (Epheser 4,16). Sie betrachtet die „aussergewöhnlichen“ Gaben nicht als wichtiger als die übrigen, lehnt sie aber auch nicht ab.
Andererseits ist sich die neutestamentliche Gemeinde bewusst, dass der Teufel alles Gute, was Gott gibt, nachzuahmen versucht. Deshalb übt sie Unterscheidungsvermögen aus, „behält das Gute“ (1.Thessalonicher 5,21) und scheidet die Fälschungen aus.

Retraite ins Land der Mathematik

29. Mai 2019

Lange habe ich mich mit dem Thema „Autoritarismus in ‚christlichen‘ Kirchen“ beschäftigt. Länger als mir lieb war. Leider ist es, wie mir sogar ein freikirchlicher Pastor bestätigte, nötig, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Aber es hat meinem persönlichen Wohlbefinden ziemlich zugesetzt, von so vielen hässlichen Dingen Kenntnis nehmen zu müssen, die in „frommen“ Kreisen vor sich gehen.

Deshalb befinde ich mich gegenwärtig in einer Art persönlichen Retraite. Neben der persönlichen Gemeinschaft mit Gott, habe ich festgestellt, dass auch das „Land der Mathematik“ ein guter Rückzugsort ist. So verbringe ich einen Teil meiner Zeit damit, mathematische Probleme auszutüfteln, und an meinen Büchern zum aktiven Mathematiklernen weiterzuarbeiten.

Die Mathematik ist in gewisser Hinsicht ein Abbild oder Gleichnis von Gottes Reich. Die Zahlen folgen treu ihren Gesetzen. Sie haben nie gelernt zu lügen oder zu betrügen, oder übereinander herrschen zu wollen. In mathematischen Zusammenhängen zu forschen, ist fast wie ein Gebiet der Schöpfung zu betreten, das vom Sündenfall noch unberührt geblieben ist. (Allerdings ist dieses „Land“ von keinem Menschen bewohnt, sondern nur von abstrakten Geschöpfen.)

Die Mathematik ist verlässlich. Ihre Gesetze sind keinem zeitbedingten Wandel unterworfen. Sie brauchen sich nicht um „politische Korrektheit“ zu kümmern. Allen Relativisten zum Trotz, ist die Mathematik eine Wissenschaft von unveränderlichen, universellen Wahrheiten.

Was die Menschen betrifft, die die Mathematik erforschen oder anwenden, so mögen diese sündhaft sein und die Mathematik zu sündhaften Zwecken missbrauchen. Aber damit vermögen sie nicht die Mathematik an sich mit ihrer Sündhaftigkeit anzustecken.

In der Mathematik kann es keine Willkürherrschaft geben. Niemand, auch nicht die mächtigste Regierung, kann ein mathematisches Gesetz nach Belieben abändern, in Kraft setzen oder aufheben. Niemand kann einem anderen vorschreiben, wie er die Gesetze der Mathematik anzuwenden hat. (Auch wenn das in manchen Bildungseinrichtungen immer wieder versucht wird – aber das Ergebnis ist dann nicht echte Mathematik, sondern Bürokratie.)
Wenn auch manche mathematischen Gesetze unter dem Namen einer bestimmten Persönlichkeit bekannt sind, so kann doch diese Persönlichkeit keinen Eigentumsanspruch darauf erheben. Sie hat das Gesetz nur entdeckt, aber nicht geschaffen.

In der Mathematik gibt es deshalb keinen Raum für menschliche Herrschaft, weder in der Form von Demokratie noch in der Form von Monarchie und Diktatur. Mathematische Gesetze unterliegen weder Mehrheitsbeschlüssen, noch Volksabstimmungen, noch Regierungsdiktaten, noch den Doktrinen von Päpsten und anderen religiösen Machthabern.
In der Mathematik erfüllt sich daher in gewisser Weise der Ausspruch von Jesus: „Einer ist euer Meister; ihr aber seid alle Brüder.“ (Matth.23,8) Nur einer hat je mathematische Gesetze geschaffen und „in Kraft gesetzt“: Gott selber.
Es gibt zwar Personen, die wegen ihrer hervorragenden Kenntnisse der Mathematik als „Autoritäten“ auf diesem Gebiet gelten. Aber diese Art von Autorität ist nicht im Sinne von „herrschen“ oder „Macht ausüben“ zu verstehen, sondern im Sinn einer besonderen Befähigung, anderen ihr Verständnis der mathematischen Gesetze zu vermitteln. Und das sollte eher als eine „Dienstleistung“ angesehen werden.

So ist es auch in der Gemeinschaft der Nachfolger Jesu, wie sie ursprünglich von ihm selber vorgezeichnet wurde, nicht vorgesehen, dass einer über den andern „herrsche“. Es mag „Lehrer“ geben in dem Sinne, dass einige ein besseres Verständnis von Gottes Wesen und seinen Gesetzen haben, und dieses Verständnis andern vermitteln können. Aber auch diese hat Jesus nie beauftragt, anderen Vorschriften zu machen, ihnen ihre besondere Auslegung aufzuzwingen, oder gar eigene Gesetze aufzustellen. Im Gegenteil, sie sollen „Diener“ sein (Matth. 23,11; 20,25-27). Wie die Wahrheiten der Mathematik, so können auch die Wahrheiten Gottes niemandem aufgezwungen, sondern höchstens erklärt werden.

Es braucht auch niemand eine Genehmigung, ein Diplom, oder eine Mitgliedschaft in einer akademischen Vereinigung, um Mathematik treiben zu dürfen. Die Mathematik ist Allgemeingut, „public domain“. Nur eines ist notwendig: die Bereitschaft, die Gesetze der Mathematik selber als verbindlich anzuerkennen und zu befolgen.
In derselben Weise hat auch jeder Zutritt zu Gott durch Jesus Christus, der bereit ist, ihm zu folgen. Man braucht dazu weder einem irdischen Leiter seine Loyalität zu erklären, noch in der Tradition einer bestimmten kirchlichen Richtung geschult zu sein, noch Mitglied einer religiösen Vereinigung oder Kirche zu werden.

Noch hätte ich Stoff für viele Artikel zum Thema „Autoritarismus“. Aber diese müssen noch einige Zeit warten. Interessierten Lesern kann ich empfehlen, in der Zwischenzeit im Internet nach „geistlicher Missbrauch“ zu suchen. Auch interessant ist eine Suche nach „Robert Lifton“ und „Mind Control“. Liftons Kriterien beruhen zwar nicht auf der Bibel, sondern auf der Psychologie. Sie zeichnen aber ein deutliches Porträt jener Gruppen und Leiter, die die Menschen „hinter sich selbst her“ ziehen wollen; was nach Apg.20,30 ein klares Kennzeichen falscher Geschwister und falscher Leiter ist. Es mag hilfreich sein, Gruppen und Organisationen nach diesen Kriterien zu beurteilen – nicht nur jene Gruppen, die im Verdacht der Sektiererei stehen, sondern auch jene, die als „Mainstream-Evangelikale“ gelten, oder sogar als „liberal“. Ja, auch die universitäre Bibelkritik kommt im Licht von Liftons Kriterien nicht sonderlich gut weg.

Genug damit; ich kehre zurück in meine Retraite.

Narzissmus, Machtmissbrauch und Verführung in christlichen Kirchen

6. Mai 2019

Dieser Artikel beruht auf einem Vortrag der Psychologin Diane Langberg, der auf Englisch hier zu finden ist. Langberg ist auf Traumatherapie spezialisiert, und hat 45 Jahre Erfahrung in der Arbeit mit traumatisierten Menschen: Kriegsveteranen, zivile Opfer von Krieg, Gewalt, oder Naturkatastrophen, Opfer von wiederholtem sexuellem Missbrauch und häuslicher Gewalt, usw. Zusätzlich arbeitet sie auch mit Pastoren und Kirchen. In einem Überblick über ihren Werdegang (hier) berichtet sie, anfänglich sei sie von Pastoren wegen berufsbedingtem Burnout aufgesucht worden. Dann wurde sie aber zunehmend mit Situationen konfrontiert, wo Pastoren und kirchliche Leiter selber daran schuldig waren, dass Menschen unter ihrer Obhut traumatisiert wurden. Zwei Beispiele:

„Einmal musste ich einen Pastor anrufen, weil sich eine Frau aus seiner Gemeinde in echter Lebensgefahr befand wegen der Art und Weise, wie ihr Mann sie schlug. Der Pastor schickte sie zurück nach Hause und sagte ihr, das sei der Ort, wo sie hingehöre. – Ich arbeitete mit einer jungen Frau, die von ihrem Jugendpastor sexuell missbraucht wurde. Die Leiter versetzten den Jugendpastor in eine andere Kirche, damit er weiterarbeiten könne, und sagten mir: ‚Sie wollen doch sicher nicht einen so dynamischen Dienst zerstören, nicht wahr?‘ “

Der Vortrag, auf den ich im folgenden Bezug nehme, untersucht, inwiefern Narzissmus mit solchen Situationen zusammenhängt. In der Psychologie versteht man unter Narzissmus eine tiefgreifende Persönlichkeitsstörung. Die Betroffenen halten sich selber für wichtiger, fähiger, und moralisch besser, als alle anderen Menschen. Und sie haben keinerlei Verständnis für die Empfindungen und Bedürfnisse ihrer Mitmenschen. Narzissmus wird diagnostiziert, wenn eine Person permanent (nicht nur in Teilbereichen ihres Lebens) mindestens fünf der folgenden neun Persönlichkeitsmerkmale zeigt:

1. Ist eingenommen von seiner eigenen Grossartigkeit; übertreibt seine eigenen Erfolge und Fähigkeiten.
2. Phantasiert über unbegrenzte Erfolge, Macht und Ansehen.
3. Fühlt sich speziell, und glaubt, dass er nur von ebenso speziellen Menschen verstanden werden kann.
4. Fordert übertriebene Bewunderung von anderen.
5. Fühlt sich berechtigt, von allen anderen Menschen Unterordnung zu verlangen; duldet keinen Widerspruch oder Kritik.
6. Beutet zwischenmenschliche Beziehungen aus; behandelt seine Mitmenschen als Objekte, die ihm dazu verhelfen, seine eigenen Ziele zu erreichen.
7. Kann nicht mit anderen Menschen mitempfinden oder sie verstehen. (Ein typisches Beispiel wäre jemand, der einem anderen mit einem Kinnhaken den Kiefer bricht, und sich dann überall beklagt, wie sehr ihn seine Hand schmerzt.)
8. Beneidet andere; oder glaubt, andere beneiden ihn, weil er so „grossartig“ sei.
9. Arroganz, Hochmut, Stolz.

Langberg erwähnt als Beispiel einen amerikanischen Politiker, der des „Sextings“ mit mehreren Frauen überführt worden war. Zu seiner Verteidigung sagte er, es sei nichts dabei, da er sich ja mit diesen Frauen nie wirklich getroffen hätte; es handle sich einfach um etwas, „was die Technologie möglich macht“. Dann sprach er über seine eigenen Qualitäten: „Ich gehe mit meinem Sohn im Park spielen; ich ordne die Wäsche für meine Frau; ich helfe ihr, wenn sie beschäftigt ist …“ Und über seine eigenen Bedürfnisse und Verletzungen, die er als Kind erfahren habe: „Eine nächtliche Beziehung über Internet zu haben, erschien mir als ein Weg, etwas zu bekommen, was ich nie zuvor haben konnte.“

Ein anderes Beispiel ist eine Frau, die ein Mädchen sexuell missbraucht hatte. Bereits im Gefängnis deswegen, sagte sie: „Ich habe auch gelitten. Ich stand unter Stress. Sie (das Kind!) wartete, bis ich betrunken war. Es war ihr Vater, der sie missbraucht hatte, und so verwechselte sie Liebe mit Sex. Darum wollte sie, dass ich ihr Liebe zeigte, indem ich Sex mit ihr hätte. Sie hat meine Gutmütigkeit ausgenutzt.“

Langberg sagt: „Narzissten haben ein sehr egozentrisches Denken. Sie fühlen sich von den anderen schmählich verraten, während in Wirklichkeit sie selber es waren, die andere geschädigt haben. (…) In der christlichen Welt gibt es viele Leiter, die sich von der Aufmerksamkeit und Bewunderung anderer ‚ernähren‘, während sie sich äusserlich den Anschein eines barmherzigen Hirten geben. Sie verstehen es gut, wie ein Hirte zu sprechen und zu handeln, aber sie haben kein Hirtenherz. Sie haben selber die grünen Weiden Gottes nicht kennengelernt, und so können sie auch die anderen Schafe nicht ernähren. Stattdessen ernähren sie sich von den Schafen, wie es in Ezechiel 34 steht.“

Nach diesen Beschreibungen stand mir sofort sehr lebendig das Bild eines bestimmten freikirchlichen Pastors vor Augen. Er hatte mir einmal erklärt, er hätte seine geistlichen Wurzeln in einer bestimmten berühmten historischen Erweckung. Dabei war jene Erweckung zwei Jahrzehnte vor seiner Geburt bereits erloschen gewesen.
Später befand sich jener Pastor in einer Position, wo er Entscheidungsgewalt über meine berufliche Zukunft hatte. Andere Leiter, die zu seinen Vertrauensleuten gehörten, hatten ihm üble Verleumdungen über mich erzählt. Deshalb hatte er beschlossen, mir jede Möglichkeit zu einem weiteren kirchlichen oder missionarischen Dienst zu verbarrikadieren; sei es mit „seiner“ Gemeinde oder auch mit irgendeiner anderen Gemeinde. Ich nannte ihm mehrere Entlastungszeugen, welche die über mich verbreiteten Verleumdungen widerlegen konnten. Aber er weigerte sich, diese Zeugen auch nur zu kontaktieren: „Ihre Meinung interessiert mich nicht.“ Stattdessen nannte er mich „rebellisch“ und „konfliktiv“.
Mehrere Jahre später – die erwähnten Verleumdungen waren inzwischen auch schriftlich von zwei wichtigen Leitern widerlegt worden – beschloss ich, ihn deswegen zur Rede zu stellen. Als Antwort redete er eine geschlagene Stunde auf mich ein, ohne mich auch nur ein einziges Mal zu Wort kommen zu lassen. Zuerst beschwerte er sich darüber, was es doch für eine „Frechheit“ sei, dass ich es überhaupt wagte, ihn in irgendeiner Weise in Frage zu stellen. Dann beklagte er sich darüber, wie oft er von Mitarbeitern und Gemeindegliedern kritisiert würde. „Ich kann jetzt dann bald abdanken, die Leute wissen heutzutage ja alles besser als ihr Pastor“, sagte er mit schneidender Ironie. In seinem Weltbild gab es keinen Platz für die Möglichkeit, dass seine Kritiker auch einmal recht haben könnten. Er bemängelte auch, die heutigen Gemeindemitarbeiter hätten keinen Gehorsam gelernt, weil sie nicht genügend hart angefasst worden seien. Ihr Charakter sei nicht geschult worden, weil ihre Vorgesetzten ihnen das Leben nicht genügend schwer gemacht hätten.
Wie in den von Langberg erwähnten Beispielen, drehte sich alles nur um ihn selber. Dass er mich fast meines ganzen sozialen Umfelds beraubt hatte, und dass ich mir durch seine Schuld meine ganze Existenz von Grund auf hatte neu aufbauen müssen – das hatte er anscheinend nicht einmal zur Kenntnis genommen.
Ganz am Schluss entschuldigte er sich für einen einzigen Aspekt seines Fehlverhaltens, nämlich dass er eine Verfluchung über mich ausgesprochen hatte. Dies tat er sogar mit einem höchst theatralischen Kniefall. Aber auf das Kernproblem, nämlich seine Selbstherrlichkeit und seine völlige Missachtung jeglicher Grundsätze von Recht und Gerechtigkeit, kam er während seiner ganzen Tirade überhaupt nie zu sprechen.
Wie Langberg sinngemäss sagt: Selbst wenn er sich gezwungen sieht, etwas zu bereuen oder einen Fehler einzugestehen, bleibt er auch in seiner Reue noch Narzisst. Er tut dann alles, um vor den Augen der Welt zu beweisen, dass er der Beste aller Reuigen ist, und dass noch nie jemand so gut bereut hat wie er.
Zwei andere Pastoren waren dabei, anscheinend ganz im Bann des Narzissten, ihm beipflichtend, und blind für das so offensichtliche Schauspiel von Hochmut und Hartherzigkeit.
Jener Pastor galt als guter Prediger, aber seine Predigten hatten meistens einen vorwurfsvollen und überheblichen Unterton. Er hatte einen jungen Assistenten (und später Nachfolger), der in seinen eigenen Predigten jeweils bis aufs i-Tüpfchen die Eigenheiten des Predigtstils, Tonfalls und Aussprache seines „Meisters“ nachahmte. (Was ist das für ein Geist, der Menschen ihrer Persönlichkeit beraubt und sie zum „Klon“ eines anderen macht?)

Jetzt erhebt sich natürlich die Frage, warum christliche Gemeinschaften Menschen mit einem solchen Charakter als Leiter dulden und sogar fördern. Langberg gibt darauf mehrere Antworten:

„Die Systeme, die einen Narzissten umgeben (Institutionen, Kirchen, …), sind schnell bereit, dessen Lügen zu akzeptieren. Würden sie ihn konfrontieren, dann brächten sie damit ihre eigene Institution in Gefahr. Deshalb ordnen sich die Leute lange Zeit einem Narzissten unter (…)
Die Leute sind abhängig von ihm. Sie haben ihre Unterordnung so lange praktiziert, dass sie tatsächlich nicht mehr sehen können, wen sie vor sich haben. Und sie wüssten gar nicht, wie sie ihn konfrontieren könnten. Deshalb ist es sehr wahrscheinlich, dass das ganze System aufsteht, um genau diesen Leiter zu schützen, der sie alle schädigt, statt die Wahrheit hören zu wollen.“

In diesem Zusammenhang zitiert sie aus einem Essay von Vaclav Havel, „Die Macht der Machtlosen“: „Das System wird oft versuchen, jene zu bestrafen, die es bedrohen, indem sie die Welt des äusseren Anscheins zerbrechen, welcher die grundlegende Säule des Systems darstellt.“ Langberg kommentiert dazu: „Das wahre Ziel des Systems ist nicht, den Willen Gottes zu tun, sondern den Anschein zu erwecken, sie täten den Willen Gottes.“

In anderen Situationen, sagt Langberg, mag eine Kirche tatsächlich so weit gehen, den missbrauchenden Leiter auszuschliessen; aber nur, damit die verbleibenden Mitglieder und Leiter ihre Illusion bewahren können, „speziell“ zu sein. Der hinausgeworfene Leiter wird dann als nicht mehr so „speziell“ angesehen; aber stattdessen hat sich das ganze System mit Narzissmus angesteckt. Die ganze Gruppe übernimmt dann die Überzeugung, sie seien die einzigen, die die Wahrheit kennen, und jedermann müsse sich ihren strengen Regeln anpassen. Viele Sekten haben so angefangen.

Langberg sagt weiter: „Die Mitglieder solcher narzisstischer Systeme haben von Anfang an auf ihre eigene Macht verzichtet. Sie folgen vorgeschriebenen Rezepten, akzeptieren Lügen, und sehen ihren Leiter als eine ’spezielle‘ Person an, anders als alle anderen Leiter. Und so sehen sich die Nachfolger dieses Leiters selber als ’speziell‘. Genau das war der Kern der Nazi-Propaganda.
Aber Christen machen dasselbe: ‚Ich gehe zur Gemeinde von Soundso. Er ist der beste Pastor in der Stadt. Ich bin da, wo der Beste ist.‘ Die Mitglieder hören auf, selber zu denken, und akzeptieren alles, was der Leiter sagt. Würde jemand dennoch versuchen, selber zu denken, dann würden ihn wahrscheinlich die übrigen zum Schweigen bringen.
Sie folgen also nicht dem Wort Gottes; sie prüfen den Leiter und seine Lehren nicht am Wort Gottes. Der Leiter diktiert, wie das Wort Gottes interpretiert werden muss, und wie man danach leben muss. Wer nicht einverstanden ist, ist ein Rebell, ein Kleingläubiger, und der Zorn des Leiters richtet sich gegen ihn.
Diese Systeme glauben, jede Veränderung und jeder Erfolg hänge vollständig vom Leiter ab, nicht von den Mitgliedern. Solche Leiter sagen: ‚Willst du, dass deine Gemeinde wächst? Ich kann das vollbringen. Willst du Wohlstand haben? Ich kann das erreichen. Ich sehe mehr als du, weiss mehr als du, habe mehr Gaben als du, mehr Erfolg als du. Wenn du mich als Leiter hast, wird alles besser.‘ So fördern das System und der Leiter gegenseitig ihren Narzissmus.“

Nicht zu unterschätzen ist auch die Macht der Verführung des Narzissten. Langberg sagt:
„Man kann schnell verführt werden, wenn man Hunger hat, und jemand sagt: ‚Ich gebe dir zu essen‘. Das gilt auch auf der Ebene der Gefühle und des Selbstwerts. (…) Wir wertschätzen Dinge wie materielle Güter, Wohlbefinden, oder beruflichen Erfolg. Und wir fühlen uns ‚hungrig‘, wenn wir etwas nicht erreichen. Gott hat uns so geschaffen, dass wir nach ihm Hunger haben. Aber wir hören auf Menschen, die daherkommen und versprechen, unseren Hunger zu stillen. Da ist ein vierzehnjähriges Mädchen vor den Misshandlungen zuhause geflohen, und es kommt ein Zuhälter, um sie zu ‚retten‘, und verspricht ihr Liebe. Da kommt ein Politiker und verspricht, das ganze Land in Ordnung zu bringen. Da kommt ein Bankier und verspricht, dich reich zu machen. Wir hören auf sie und werden blind für den Charakter der Menschen, die diese Dinge sagen.
Die Kirche ist genauso anfällig dafür. Da kommt jemand und lehrt uns, wie wir die beste Anbetung haben können, die besten Predigten, die grösste Kirche, und es ist alles für Gott. Das kann doch nicht schlecht sein? Sie machen messianische Versprechungen, die Regierung zu verbessern, Wohlstand zu bringen (materiellen oder geistlichen), alle Eheprobleme zu lösen, usw. Aber das ist nicht die Art von Jesus. Er kam klein, ohne grosse Versprechen. Aber wir mit unserem Hunger folgen Menschen, die grosse Versprechen machen, ohne daran zu denken, was dann mit uns geschieht. Und so werden wir Teil eines narzisstischen Systems.“

Zwei weitere Beispiele von Langberg:

„Ein anscheinend frommer Pastor zeigt viel Mitleid mit den Menschen, macht Überstunden, um ihnen zu helfen, sucht immer die Deprimierten, die Süchtigen, die Bedürftigen, und alle bewundern seine Hingabe. (…) Ich kann gar nicht mehr zählen, wie oft ich mich einer solchen Situation gegenübersah. Die anderen Leiter werden passiv, weil sie selber nicht gerne den Bedürftigen und Notleidenden dienen, also überlassen sie alles dem Pastor. Sie denken, ihre Gemeinde sei ’speziell‘: Ein Ort, wo Notleidende wirklich willkommen sind, denn ‚wir‘ nehmen die Leute auf, wie Jesus sie aufnahm. Aber ‚wir‘ bedeutet in Wirklichkeit ‚er‘. – Wenn es nun ein Problem gibt mit Machtmissbrauch von seiten des Pastors, wie konfrontierst du dann jemanden, der alle deine geheimen Süchte kennt? Wie konfrontierst du den einzigen Menschen, der weiss, dass du zwei aussereheliche Beziehungen hattest? Und wenn du ein Leiter an seiner Seite bist, wie konfrontierst du den Menschen, der dich vor allen unangenehmen Situationen beschützt, und du dich wirklich darauf angewiesen fühlst? Das System ist jeder Möglichkeit beraubt worden, den Pastor zur Rede zu stellen.
Sehen wir, wie subtil das ist? Und wie ‚geistlich‘ der äussere Anschein sein kann?
Ein anderer Fall: Du bist umgezogen und suchst am neuen Wohnort eine Gemeinde. Du hörst Dinge wie: ‚Wir wollen wirklich die Gemeinde Jesu in dieser Stadt sein. Wir wollen an den Orten dienen, wo niemand sonst hingeht. Wir wollen unsere Leben hingeben zugunsten unserer Nächsten. Wir wissen, dass die meisten Menschen das nicht tun wollen; aber wir tun es.‘ Was denkst du? Bist du etwa nicht damit einverstanden? Wenn du dich ihnen anschliesst, wirst auch du ’speziell‘ sein. Oder du fühlst dich sogar verpflichtet, dorthin zu gehen, weil du ja auch ‚die Gemeinde Jesu in dieser Stadt‘ sein möchtest. Aber die Betonung ist auf ‚was wir tun‘, nicht auf Jesus. Und die Betonung liegt darauf, sich von den übrigen Christen zu unterscheiden, und das ist spalterisch. Das erhöht in erster Linie den ’speziellen‘ Pastor, und in zweiter Linie die ’spezielle Gemeinde‘. “

Noch einige eigene Gedanken und Schlussfolgerungen dazu:

– Wenn Narzissten zur Rede gestellt werden, reagieren sie anscheinend oft mit Wahrheitsverweigerung. Das ist noch eine Stufe mehr als Unglaube oder Ablehnung. Während Unglaube bzw. Ablehnung die Wahrheit hört und sich dagegen entscheidet, besteht Wahrheitsverweigerung darin, die Wahrheit nicht einmal anhören zu wollen, wenn sie einem angeboten wird.
Vor einiger Zeit erlebte ich ein neuerliches Beispiel davon. Ich lernte einen Pastor kennen, der sich an meiner Mitarbeit als pädagogischer Berater interessiert zeigte, weil er daran war, eine Gruppe von Homeschooling-Familien zu gründen. Ich erfuhr dann aber, dass er ein Anhänger von Bill Gothard ist und seine Gruppe dessen hyper-autoritären Lehren unterstellt. Ich begann mit ihm darüber zu sprechen. Unter anderem fragte ich ihn: „Angenommen, ein Familienvater in Ihrer Gruppe hätte biblische Gründe, mit diesen Lehren nicht einverstanden zu sein. Würden Sie ihm die Möglichkeit geben, in der Gruppe seine Bedenken zu äussern?“ – Nach kurzem Nachdenken erwiderte er: „In diesem Fall ist er natürlich frei, die Gruppe zu verlassen.“ – Ich hakte nach: „Wenn es sich aber um biblisch begründete Bedenken handelt, dann würden Sie ihm also keine Gelegenheit geben, in der Gruppe darüber zu sprechen?“ – Er antwortete nicht direkt darauf, sondern sagte nur: „Aber diese Lehren sind biblisch!“ – Ich sagte ihm daraufhin, ich selber hätte biblische Gründe gegen diese Lehren, und ich hätte auch Dokumentation darüber, dass eine grosse Anzahl von Menschen durch diese Lehren schwer geschädigt wurden. Ob er bereit wäre, meine biblischen Argumente und die Dokumentation zur Kenntnis zu nehmen und zu überprüfen? – Seine Antwort: „Nein, diese Lehren sind fundamental.“ – Ich erklärte ihm, dass ich in diesem Fall mein Angebot zur Zusammenarbeit zurückziehen müsste.
Es ist eine Sache, Argumente und Daten anzuhören und dann zu erklären, warum man nicht damit einverstanden ist. Es ist aber eine ganz andere Sache, diese schon zum vornherein gar nicht anhören zu wollen.
Wahrheitsverweigerung wird in der Bibel als ein Grund genannt, warum Menschen vom Antichristen verführt werden und verloren gehen:
„… zur Vergeltung dafür, dass sie die Liebe zur Wahrheit nicht angenommen haben, damit sie gerettet würden. Und deshalb sendet ihnen Gott eine wirksame Kraft der Verführung, damit sie der Lüge glauben…“ (2.Thess.2,10-11)
Offenbar handelt es sich da nicht (nur) um Menschen, die direkt dem christlichen Glauben widersprechen, sondern ebensosehr um falsche Brüder und falsche Leiter innerhalb der christlichen Kreise.

– Es ist anscheinend schwierig bis unmöglich, in einem Narzissten eine Änderung zum Guten zu bewirken. Er mag zwar sehr gut darin sein, Reue zu heucheln; aber nur, um eine wirkliche innere Veränderung zu vermeiden. Langberg erwähnt in ihrem Vortrag zwar einige Gesprächsmöglichkeiten, aber bezeichnenderweise kein einziges Erfolgsbeispiel.
Wenn du also feststellst, dass du unter der Leiterschaft eines Narzissten stehst, dann dürfte es illusorisch sein, auf eine Verbesserung der Situation zu hoffen. Du kannst noch nicht einmal auf das Verständnis der anderen Mitglieder des Systems hoffen. Vielmehr ist es angezeigt, ein solches System baldmöglichst zu verlassen.
Andererseits denke ich, christliche Gruppen sollten zum vornherein Vorkehrungen dagegen treffen, zu einem „narzisstischen System“ zu werden. Paulus spricht in Apg.20,29-32 ein wenig darüber. Die folgenden Worte scheinen mir wichtig zu sein: „Und nun befehle ich euch Gott an, und dem Wort seiner Gnade…“ (v.32) … nicht einem Leiter, nicht einem „Nachfolger von Paulus“. Leiterschaft darf nicht die zentrale Stellung einnehmen, und darf nicht zu einer Machtposition werden. Stattdessen soll die persönliche Beziehung jedes Einzelnen zu Gott betont werden, und die Autorität des Wortes Gottes. Ich würde nie wieder einer „christlichen“ Gruppe beitreten wollen, wo das Wort der Leiterschaft grösseres Gewicht hat als das Wort Gottes. Und ob das der Fall ist, das erkennt man selten an den offiziellen Erklärungen der Leiter. Meistens erkennt man es erst, wenn es zu einem Konflikt kommt zwischen dem Wort der Leiterschaft und der biblischen Einsicht eines Mitglieds.
Und vielleicht sollten Nachfolger Jesu auch lernen, „grossartigen“ Leitern zu misstrauen, und stattdessen nach Leitern mit Barnabas-Eigenschaften Ausschau zu halten. Barnabas ist der biblische Kontrast zum Narzissten. Er ermutigte andere, öffnete Türen für sie, und war bereit, selber hinten anzustehen. Er war der einzige, der das geistliche Potenzial in Paulus erkannte und ihm Vertrauen schenkte, als alle anderen ihm misstrauten (Apg.9,26-27; 11:23-25). Er begann die erste Missionsreise als Leiter des Unternehmens, überliess dann aber Paulus die Führung. Doch war er auch bereit, Paulus entgegenzutreten und einen Konflikt zu riskieren, um den von Paulus abgelehnten Johannes Markus zu verteidigen und ihm eine neue Chance zu geben (Apg.15,37-39).
Letztlich denke ich jedoch, es ist eine Frage der persönlichen Integrität. Vielleicht wäre ein Narzisst ja auch in der Lage, die Rolle eines „Barnabas“ perfekt zu spielen, wenn das gut ankommt. Nur eine Gruppe von Menschen, die selber in persönlicher Integrität leben, wird in der Lage sein, die Maske zu durchschauen.

– Wegen der Gefahr des Missbrauchs sollten Leiterschaft und Seelsorge personell klar voneinander getrennt werden. D.h. kein Seelsorger sollte zugleich eine Leiterschaftsfunktion ausüben über die Menschen, die er berät; und umgekehrt. Niemand sollte dazu gedrängt oder verleitet werden, seine persönlichen Nöte und Kämpfe offenzulegen vor jemandem, der zugleich sein Vorgesetzter ist. Und das Seelsorgegeheimnis muss strikt gewahrt bleiben. – Es war meine Beobachtung in den evangelikalen Kirchen, dass zwar dem „gemeinen Volk“ gegenüber eindringlich gegen „Klatsch“ gepredigt wurde; die Leiter unter sich jedoch eifrig über die persönlichen Schwächen ihrer Mitarbeiter und Gemeindeglieder klatschten, unter sorgloser und überheblicher Missachtung des Seelsorgegeheimnisses. Auch wurden nicht selten diese persönlichen Schwächen als Druckmittel verwendet, um Menschen gegenüber willkürlichen Forderungen der Leiterschaft gefügig zu machen; oder um zu vermeiden, dass jemand die Leiter wegen deren Verfehlungen konfrontierte. Das ist gröbster Missbrauch der Seelsorge.

– Es scheint keine zuverlässigen Forschungsergebnisse zu geben über die Verbreitung der narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Langberg nennt Zahlen um 0,6%, also rund einer von 170.
Nach alldem scheint aber eines festzustehen: Wenn es in einer Kirche von 170 Personen einen Narzissten gibt, dann ist die Wahrscheinlichkeit relativ hoch, dass es sich um den Pastor handelt!

Nochmals Autoritarismus: Gibt es eine gemässigte Form von G12?

29. April 2019

Als ferner Beobachter lese ich, dass eine ganze Anzahl Freikirchen im deutschsprachigen Raum, u.a. die ICF-Gemeinden (International Christian Fellowship), schon vor manchen Jahren aus Südamerika das Gemeindemodell „G12“ importiert haben und als effizientes Jüngerschaftskonzept anpreisen. Darüber sind mehrere kritische Artikel erschienen, sowohl in christlichen wie nichtchristlichen Nachrichtenmedien, und auch auf den Webseiten von Sektenberatungsstellen. Aber in keinem der kritischen Artikel, die ich bisher gefunden habe, wurden die zwei Kernfragen angeschnitten, die jeder Kenner des südamerikanischen Originalmodells vermutlich zuerst stellen würde:

– Was lehrt und praktiziert ihr betreffend „geistliche Abdeckung“, Autorität, und Unterordnung?

Und: – Was geht an euren „Begegnungswochenenden“ vor sich?

In einem idea-Interview las ich zwar, dass einer der ICF-Leiter sagte, sie hätten verschiedene Aspekte des originalen G12-Modells, die ihnen zu extrem erschienen, „angepasst“. Er bezog sich damit aber nicht auf die beiden erwähnten Punkte, sondern lediglich auf die zeitliche Überbelastung der Mitglieder durch mehrere Zellgruppentreffen pro Woche. Bei „infosekta“ ist auch zu lesen, ICF habe das G12-Zellgruppenmodell inzwischen wieder abgeschafft, weil dessen pyramidale Struktur stark kritisiert wurde, und sei zu einem „hauskreis-ähnlicheren“ Kleingruppenmodell zurückgekehrt. Das sind sicher Schritte in die richtige Richtung. Dennoch frage ich mich, wieviel von der ursprünglichen „G12-Erbmasse“ bei deren europäischen Ablegern weiterhin vorhanden ist.

G12 ist wahrscheinlich, neben Bill Gothards „Basic Life Principles“ und dessen Ablegern, und möglicherweise einigen katholischen Ordensgemeinschaften, gegenwärtig die einflussreichste und aggressivste Bewegung zur Verbreitung eines extremen Autoritarismus in christlichem Gewand. Ähnlich wie bei den anderen genannten Bewegungen, sind jedoch auch bei G12 ihre eigentlichen Lehren und Praktiken nur Insidern zugänglich. Wer in einer G12-Gemeinde lediglich Gottesdienstbesucher ist, der wird nur selten mit den überzogenen Forderungen nach „Unterordnung“ konfrontiert werden. (Er wird aber wahrscheinlich mit der Zeit angeworben werden, an einem „Begegnungswochenende“ teilzunehmen und sich dem „inneren Kreis“ von Zellgruppenteilnehmern und -leitern anzuschliessen.)

Ich kenne die südamerikanische – also die originale – Version von G12 aus eigener Teilnahme an einer Gemeinde, die angefangen hatte, diese Methode zu übernehmen; sowie aus verschiedenen weiteren Zeugenberichten. Praktisch alle autoritären Lehren, die ich in meiner Artikelserie über dieses Thema beschrieben habe, werden dort in extremer Form vertreten und durchgesetzt. U.a. wird gelehrt: „Du dienst Gott dadurch, dass du deinem Leiter dienst.“ In der Praxis fühlen sich dann die Mitglieder verpflichtet, ihren Zellenleitern z.B. die Wohnung aufzuräumen und sauberzumachen, deren Auto zu waschen, usw.
Die Pyramidenstruktur wird bei G12 mit militärischer Konsequenz umgesetzt: Jedes Mitglied gehört zu einer Zelle von 12 Personen (der Zahl 12 wird eine magische Bedeutung zugeschrieben). Diese Zellen sind streng nach Alter und Geschlecht getrennt (sodass also Ehepaare und Familien nicht gemeinsam an den Zellgruppentreffen teilnehmen können).* Jeder Zellenleiter gehört wiederum zu einer Gruppe von 12 Leitern derselben hierarchischen Stufe, die einen Leiter über sich haben. Und so weiter bis zum örtlichen, regionalen oder nationalen Hauptleiter an der Spitze. Bei den Gemeinden, die der originalen G12-Organisation angeschlossen sind, geht das international weiter bis zum Gründer César Castellanos, der wie ein Papst unumschränkt herrscht. – Die Abkürzung G12 bedeutet „Gobierno – Regierung (!) – der 12″.
Mitglieder werden ausserdem angehalten, selber weitere 12 „Jünger“ anzuwerben und mit ihnen eine neue Zellgruppe zu beginnen.

*Meines Wissens haben einige Gemeinden später Ehepaar-Zellen eingeführt, um diesen Umstand wenigstens für die Ehepaare ein wenig zu lindern. In der Original-„Vision“ wurden jedoch auch Ehepaare getrennt.

Über die verschiedenen Auswüchse autoritärer Lehren und Praktiken habe ich schon in früheren Artikeln geschrieben. Bei G12 kommt noch dazu, dass oft mit der Angst vor Flüchen operiert wird. Ich war selber Zeuge, wie ein G12-Pastor einmal seine nächste Lehrstunde (Vorbereitung zu einem „Begegnungswochenende“) folgendermassen ankündigte: „Wusstet ihr, dass die Bibel über achtzig Arten erwähnt, wie man unter einen Fluch kommen kann? Von all diesen Flüchen braucht ihr Befreiung! Darüber werde ich an der nächsten Vorbereitungsstunde sprechen. Ihr müsst deshalb unbedingt an dieser Vorbereitung und am Begegnungswochenende teilnehmen.“
Es ist auch gängige Praxis, dass Mitglieder, die eine G12-Gemeinde verlassen wollen, von der Kanzel herab „offiziell“ unter einen Fluch gestellt werden, und den anderen Mitgliedern verboten wird, mit ihnen irgendwelchen Kontakt zu haben. Ablehnung der G12-„Vision“ wird gleichgesetzt mit dem endgültigen Abfall vom Glauben. Damit erwischt man zwei Fliegen auf einen Streich: Die verbleibenden Mitglieder werden abgeschreckt, sodass sie es nicht wagen, an die Möglichkeit eines Austritts zu denken; und dem austretenden Mitglied wird es verunmöglicht, den verbleibenden seine Bedenken gegenüber G12 mitzuteilen.

Kommen wir nun zu den berüchtigten „Begegnungswochenenden“. Im Originalmodell ist so ein Wochenende der Grundstein der Indoktrinierung in die „Vision“ von G12. Das geschieht mit äusserst invasiven Manipulationstechniken.
Schon im Vorfeld wird den Teilnehmern vermittelt, ein „Begegnungswochenende“ sei das absolut wundervollste Erlebnis, das man machen könne. Sie würden eine „gewaltige“ Begegnung mit Gott erleben wie noch nie zuvor in ihrem Leben, und würden von allen Problemen und Hindernissen in ihrem Glaubensleben befreit werden.
Sie müssen an mehreren Vorbereitungstreffen teilnehmen. Dort wird ihnen nicht nur aufgezeigt, wie nötig sie das Wochenende hätten (siehe obiges Beispiel), sondern sie werden bereits auf einige der Regeln während des Wochenendes vorbereitet. Dazu gehört u.a, dass es strengstens verboten ist, Handys, Radios, Kameras, oder irgendwelche anderen Kommunikationsmittel mitzunehmen. Es wird alles getan, um die Teilnehmer während des Wochenendes so vollständig wie möglich von der Umwelt und von anderen Menschen abzuschirmen. Es wird darauf geachtet, dass sogar Küchen- und Reinigungspersonal ausschliesslich aus „Eingeweihten“ besteht. Die Wochenenden werden vorzugsweise an einem möglichst abgelegenen Ort durchgeführt. Es gibt Gemeinden, wo die Teilnehmer nicht einmal darüber informiert werden, wo das Wochenende stattfindet.

Die Atmosphäre eines „Begegnungswochenendes“ muss einem Mysterienkult ähneln. Es gibt zwei strenge Schweigegebote: Die Mitglieder müssen sich verpflichten, zu niemandem darüber zu sprechen, was an einem solchen Wochenende geschieht. Sie dürfen nur sagen: „Es war gewaltig!“ Und wenn jemand genauer nachfragt, müssen sie sagen: „Das kann man nicht beschreiben, das kann man nur selber erleben.“ Und vielleicht noch: „Du solltest auch an einem solchen Wochenende teilnehmen!“ (Diese Sätze werden ihnen wörtlich so vorgeschrieben.) – Ausserdem dürfen die Teilnehmer während des Wochenendes auch untereinander nicht sprechen! Damit soll offenbar verhindert werden, dass über fragwürdige Praktiken kritisch reflektiert wird. Sie dürfen nur in den gemeinsamen Versammlungen vor allen sprechen, wenn sie dazu aufgefordert werden; z.B. um ein öffentliches Sündenbekenntnis abzulegen. Wenn sie Fragen haben, oder irgendetwas nötig haben, dann dürfen sie das nur einem Leiter mitteilen, aber nicht anderen Teilnehmern.

Dennoch sind Informationen nach draussen gedrungen, dank einiger weniger „Whistleblower“, die es wagten, das Schweigegebot zu übertreten. Ich weiss von mindestens zwei Pastoren, die an einem solchen Wochenende teilnahmen – der eine ahnungslos, der andere absichtlich als „Spion“ -, und sich nachher klar gegen G12 aussprachen und Erlebnisse mitteilten. Auch andere Teilnehmer haben es gewagt, Erlebnisse zu veröffentlichen. Die ganze G12-Bewegung (zumindest im Originalmodell) ist stark zentralistisch gesteuert und vereinheitlicht, sodass anzunehmen ist, dass die „Begegnungswochenenden“ überall etwa nach demselben Schema ablaufen. Es gibt anscheinend ein Handbuch für „Begegnungswochenenden“, das die im folgenden erwähnten Praktiken detailliert beschreibt. Aber natürlich darf dieses Handbuch von „Unbefugten“ nicht eingesehen werden.

– Den Teilnehmern (egal ob bereits wiedergeboren oder nicht) wird gesagt, sie würden an diesem Wochenende ihre erste wirkliche Begegnung mit Gott erleben; alle ihre vorangegangenen christlichen Erfahrungen seien nichts dagegen. Infolgedessen müssen sie u.a. alle Sünden und alle „geistlich hinderlichen Gewohnheiten“ ihres Lebens bekennen (auch wenn diese schon längst bekannt und vergeben sind). Sie werden sogar dahingehend beeinflusst, frühere Erfahrungen mit Gott und in anderen christlichen Gemeinden in Frage zu stellen.

– Um das Erlebnis emotionell intensiver zu gestalten, werden alle möglichen Symbolhandlungen durchgeführt. Z.B. werden Papierblätter mit den aufgeschriebenen Sünden der Teilnehmer an ein Kreuz genagelt; oder in eine Urne gelegt und anschliessend verbrannt oder in der Erde vergraben. Den Teilnehmern werden Hände und Füsse mit schwarzen Papierstreifen zusammengebunden, die okkulte Belastungen und Flüche darstellen; dann müssen alle in einem bestimmten Moment diese Streifen zerreissen, worauf ihnen erklärt wird, sie seien jetzt frei davon. Jemand berichtete, die Teilnehmer seien angewiesen worden, ihre Geschlechtsorgane mit Öl zu salben, um von Krankheiten und von sündigen Gewohnheiten frei zu werden. Es wird den Teilnehmern gesagt, sie sollten immer eine Papier- oder Plastiktüte dabeihaben, weil manche Personen erbrechen müssten, wenn Dämonen aus ihnen ausfahren. Das hat anscheinend eine Suggestivwirkung, sodass viele Teilnehmer tatsächlich erbrechen müssen.

Es mag evtl. vertretbar sein, gewisse Symbolhandlungen zu verwenden, sofern die Teilnehmer aus eigenem Entschluss daran teilnehmen (was im Rahmen der „Begegnungswochenenden“ aber nicht der Fall ist!), und sofern allen Beteiligten klar ist, dass es in Wirklichkeit nicht auf das Symbol ankommt, sondern allein auf das Wirken Gottes. Doch besteht immer die ganz grosse Gefahr des sakramentalen Missverständnisses: Die Teilnehmer nehmen an (oder es wird ihnen sogar suggeriert), das Symbol oder Zeichen an sich bewirke eine geistliche Realität. Also z.B, sie würden tatsächlich durch das Zerreissen eines Papierbands von Belastungen befreit. Damit setzen sie ihr Vertrauen auf ein Symbol statt auf Gott.
Dazu kommt das priesterliche Missverständnis: Es wird der Eindruck erweckt, die Leiter einer solchen Veranstaltung hätten die Macht, nach ihrem Gutdünken Gottes Wirken herbeizubefehlen oder zu „spenden“. Dadurch machen sie sich fälschlicherweise zu „Mittlern zwischen Gott und Menschen“ (siehe 1.Tim.2,5), und stehlen Gott die Ehre.
Sehr bedenklich scheint mir auch die gruppenweise Abfertigung von sehr persönlichen Angelegenheiten wie okkulte Belastungen oder sexuelle Probleme, die eigentlich in die persönliche Seelsorge gehören und zu einer ernsthaften Aufarbeitung längere Zeit benötigen. Es wird damit suggeriert, alle Teilnehmer seien belastet, und alle würden durch die vollzogenen Riten frei – was sehr oft nicht der Wirklichkeit entspricht.

– Um „die Vergangenheit aufzuarbeiten“, werden die Teilnehmer psychologisch in ihre Kindheit zurückversetzt. Zu diesem Zweck müssen z.B. die Männer mit Spielzeugautos spielen und die Frauen mit Puppen. Dann müssen sie sich auf die Kniee eines Leiters oder einer Leiterin setzen, welche(r) stellvertretend Vater oder Mutter darstellen, und ihnen „alles sagen, was sie ihren Eltern schon immer sagen wollten, aber nicht konnten“; insbesondere um Vergebung bitten und Vergebung zusprechen. Das wird sogar dann durchgeführt, wenn die betreffenden Eltern gar nicht mehr leben. (Ein verhüllter Versuch zur Kontaktaufnahme mit Toten??) Es wurde berichtet, einzelne Teilnehmer hätten nach diesem Ritual nicht mehr in die Gegenwart zurückgefunden und hätten während des ganzen Wochenendes nur noch wie Kleinkinder sprechen können.

Psychologen kennen solche Methoden unter der Bezeichnung „Regressionstherapie“, und warnen, solche nur unter der Aufsicht von gut ausgebildeten und erfahrenen Fachleuten anzuwenden, da diese sonst mehr Schaden als Nutzen verursachen können. Bei G12 aber sind es psychologische Laien, die auf fahrlässige Weise sämtliche Teilnehmer einer solchen „Behandlung“ unterziehen, ohne Rücksicht darauf, ob eine solche überhaupt angezeigt wäre.

Mir ist persönlich der Fall einer jungen Frau bekannt, die nach einer schwierigen Lebensphase einen Neuanfang im Glauben machte und von verschiedenen Belastungen befreit wurde. Etwas später wurde sie von einer G12-Gemeinde an ein „Begegnungswochenende“ eingeladen und nahm teil. Sie hatte eine sehr problematische Beziehung zu ihrer Mutter. Natürlich ging sie am Wochenende auch durch diese ganze Regression und „stellvertretende Versöhnung“. Zudem hatten die Veranstalter die Eltern aller teilnehmenden Jugendlichen aufgeboten, diese bei der Rückkehr vom Wochenende festlich in Empfang zu nehmen mit Plakaten wie: „Wir lieben dich!“ „Wir freuen uns, dass du da bist!“, usw. Die Mutter jener jungen Frau hatte dem Aufruf auch Folge geleistet. Die Tochter war überwältigt und dachte, ihre Beziehung zu ihrer Mutter sei jetzt tatsächlich wiederhergestellt. Aber bald musste sie feststellen, dass jener Empfang nur Theater gewesen war, und dass sich in Wirklichkeit nichts geändert hatte. Enttäuscht zog sie von zuhause aus an einen weit entfernten Ort, begann mit einem ungläubigen Mann zusammenzuleben, und verlor jedes Interesse am christlichen Glauben.

– Aus persönlichen Gesprächen erfuhr ich zudem, dass die Teilnehmer sich formell zu unbedingtem Gehorsam ihren Leitern gegenüber verpflichten müssen. Aus einer Gemeinde hörte ich auch, dass die Teilnehmer sich zu speziellen Kleidungs- und Verhaltensnormen verpflichten mussten, insbesondere während der Sonntagsgottesdienste. Ich weiss nicht, ob das Sonderregeln jener Gemeinde waren, oder ob das für G12-Gemeinden allgemein zutrifft.

Soweit also die originale G12-Vision. Angesichts dieser Hintergründe wäre es interessant zu wissen, wie viel von diesem Modell in europäischen G12-Gemeinden tatsächlich umgesetzt wird. Journalisten, Kritiker, und interessierte Aussenstehende haben die entsprechenden Fragen anscheinend noch nicht gestellt – oder wenn, dann sind diese nicht beantwortet worden. Der geneigte Leser wird unschwer verstehen, dass da, wo das Originalmodell angewandt wird, man von gegenwärtigen Mitgliedern und Leitern kaum wahrheitsgemässe Antworten auf diese Fragen erhalten wird. Man wird sich in diesem Fall wahrscheinlich nach ausgetretenen Ex-Mitgliedern umsehen müssen, die bereit wären, das Schweigegebot zu übertreten und damit möglicherweise ihren Frieden und ihre seelische und körperliche Gesundheit aufs Spiel zu setzen.

Vielleicht sind ja die deutschsprachigen Freikirchen, die mit G12 liebäugeln, nicht so extrem. Aber dann müsste gefragt werden, warum sie überhaupt Konzepte von G12 aufnehmen. Man sollte dazu wissen, dass César Castellanos selber seinen Anhängern streng verboten hat, auch nur das Geringste an seiner „Vision“ zu ändern. „Man kann die Vision nicht adaptieren (anpassen), man kann sie nur adoptieren (d.h. detailgetreu 1:1 übernehmen)“, soll er kategorisch festgestellt haben. Von daher ist sehr fraglich, ob es eine „gemässigte“ Version von G12 überhaupt geben kann. Bzw, falls es eine solche gäbe, dürfte sie sich eigentlich (nach dem Diktat des Gründers) nicht mehr G12 nennen.

Autoritarismus bei Aussteigern aus der kirchlichen Welt

21. April 2019

In vergangenen Artikeln habe ich aus verschiedenen Perspektiven die Themen „Autoritarismus“ und „Machtmissbrauch“ beleuchtet. Oft geschehen solche Dinge in Freikirchen und ähnlichen Organisationen. Als Gegenbewegung dazu hörte man in den vergangenen Jahrzehnten von verschiedenen Richtungen von nicht-institutionellen christlichen Gemeinschaften, „einfachen Gemeinden“, „Out-of-Church-Christians“ („Christen ausserhalb der Kirche“), usw. Ich nehme an, dass nicht wenige Menschen, die sich mit solchen Bewegungen identifizieren, vor dem Machtmissbrauch in institutionellen Kirchen geflüchtet sind.

Doch auch solche Bewegungen sind vor hierarchischem Denken und autoritären Lehren nicht sicher. Manche Hausgemeindebewegungen sind von Anfang an mit einer klaren hierarchischen Struktur und dem Konzept von „Unterordnung“ gegründet worden, und sind in dieser Hinsicht nicht besser als die institutionellen Kirchen. Bei anderen kommen die autoritären Ideen und Praktiken eher durch die Hintertür herein.

– So fand ich einmal eine Webseite einer „nicht-institutionellen“ christlichen Gemeinschaft, die viel von der Rückkehr zum neutestamentlichen Gemeindemodell sprach, wo jeder nach seinen Gaben beiträgt, die Mitglieder ihr Leben miteinander teilen, und echte Bruderschaft gelebt wird. Auf der Webseite selber teilten Mitglieder Gedanken, Gebete und Lieder mit. Alles sah sehr ansprechend und harmonisch aus.
Später fand ich Zeugnisse von ehemaligen Mitgliedern, wonach im Innern dieser Gemeinschaft die Dinge ganz anders aussahen. Von Mitgliedern wurde erwartet, dass sie in dasselbe Wohnviertel umzogen, wo bereits die anderen Mitglieder lebten. Das „gemeinsame Leben“ wurde derart überbetont, dass Mitglieder unter ständige Überwachung gestellt wurden, sodass sie nicht einmal allein zum Einkaufen gehen durften. Sie mussten den Kontakt zu Verwandten abbrechen, die der Gruppe skeptisch gegenüberstanden; und wenn sie doch einmal Verwandte besuchten, mussten sie dabei von einem „gut indoktrinierten“ Mitglied begleitet werden. Sie durften nicht einmal allein die Bibel lesen oder beten; alles musste „in Gemeinschaft“ geschehen. Obwohl es offiziell „keine Hierarchie“ gab, war allen Insidern völlig klar, wer die Leiter waren; und den Anordnungen des Hauptleiters durfte auf keinen Fall widersprochen werden. Neue Mitglieder mussten beim Eintritt eine Generalbeichte ablegen über sämtliche Sünden, die sie je begangen hatten. Diese Beichte wurde protokolliert, sodass die Leiter diese Liste später dazu gebrauchen konnten, „rebellische“ Mitglieder zu erpressen. – Ausserdem wurde vermeldet, dass Internetseiten, die negative Informationen über die Gruppe enthielten, jeweils nach kurzer Zeit auf mysteriöse Weise zu verschwinden pflegten.

– Mike Dowgiewicz ist ein Autor, der stark das Engagement christlicher Väter in ihren eigenen Familien betont, vor allen Verantwortungen in Beruf, Gemeinde, usw. Ich verdanke ihm wertvolle Einsichten über biblische Ältestenschaft vor dem Hintergrund der altjüdischen Kultur. Doch fand ich heraus, dass auch er ein Verfechter der unbiblischen „Chain of command“ ist (militärische Befehlshierarchie innerhalb der christlichen Gemeinschaft). Als ich ihm deswegen schrieb, antwortete er sehr unwirsch, und warf mir vor, ich versuchte ihn „psychologisch zu manipulieren“. Leider ein typisches Reaktionsmuster: Wenn autoritäre Leiter wegen eines konkreten Punktes in Frage gestellt werden und die Argumente nicht entkräften können, dann gehen sie zu persönlichen Angriffen über und unterstellen dem Fragesteller unlautere Motive.

– In diesem Zusammenhang beobachte ich schon seit längerer Zeit mit einiger Besorgnis die Entwicklung von Wolfgang Simson. Während langer Zeit hat er in seinen Veröffentlichungen hauptsächlich nicht-hierarchische, z.T. sogar fast familiäre Strukturen und Modelle von Gemeinschaft beschrieben. In einer Hausgemeinden-Konferenz 2006 in Spokane (USA) [eine Aufnahme davon war seinerzeit im Internet veröffentlicht] machte er eine Aussage, die mich sehr berührte und mich hoffen liess, er sei drauf und dran, die Familienstruktur christlicher Gemeinschaft zu entdecken: „Wenn wir glauben, dass Gott ein Richter ist, dann wird die Kirche wie ein Gerichtssaal. Wenn wir glauben, dass Gott ein Arzt ist, dann wird die Kirche wie ein Spital, wo wir unsere Wunden pflegen, und nachher einander wieder von neuem verletzen. Wenn wir glauben, dass Gott ein General ist, dann wird die Kirche wie eine Kaserne. Wenn wir aber Gott als unseren Vater sehen, dann wird die Kirche wie eine Familie sein.“

Aber leider ist er von dieser Idee wieder abgedriftet. Seine neueren Publikationen neigen immer mehr zu autoritär-hierarchischen Vorstellungen. Statt vom „Haus“ (Familie), von „organischer Gemeinschaft“, oder ähnlichen Konzepten, spricht er nun fast ausschliesslich vom „Königreich“. Zugleich beobachte ich eine abnehmende Transparenz darüber, was er nun wirklich lehrt über die praktische Verwirklichung dieses Konzepts.

Schon in jenen Aufnahmen von 2006 waren einige alarmierende Aussagen zu finden, die ich damals einfach „übersah“ – bzw. ich verfiel in den Fehler, auch das Problematische einfach hinzunehmen, weil mir der Mann und seine Ideen sympathisch waren. Im Rückblick sehe ich, dass er schon damals seine spätere Entwicklung klar vorgezeichnet hat. Ich möchte nur den „dicksten Hund“ erwähnen:

In Simsons Königreich ist es obligatorisch, dass Neubekehrte alle ihre Güter, die über das Lebensnotwenige hinausgehen, „den Aposteln zu Füssen legen“. Diese Apostel entscheiden dann darüber, was für Personen bzw. Projekte mit diesem Geld unterstützt werden sollen. Wolfgang Simson sagt in seinem Vortrag: „Das waren also ganz enorme Summen, die den Aposteln zu Füssen gelegt wurden. Der Gegenwert vieler Häuser und Grundstücke! Das war praktisch der Eintrittspreis, den alle bezahlten, die ins Christentum eintraten. Sie gaben alle Sicherheiten auf, weil sie zwei neue Sicherheiten gefunden hatten: in Gott und in der Gemeinde. Was brauchten sie mehr? Die Schlussfolgerung war deshalb, in der Urgemeinde, dass wenn jemand reich werden wollte, dann war er besessen …“ – Auch der Ausdruck „Idiot“ bezeichne jemanden, der nicht bereit sei, sich von überflüssigen Gütern zu trennen und diese „den Aposteln zu Füssen zu legen“. – Etwas später sagt er: „Das heutige Äquivalent des Ortes ‚zu Füssen der Apostel‘ wäre eine apostolische Stiftung in einer Region, verwaltet von Personen, die an Ort eine ‚Geschichte des Vertrauens‘ haben, d.h. von den anderen als echte Apostel anerkannt sind … Ich schlage vor, dass einfach jemand mit einer solchen Stiftung anfangen sollte; und die Beiträge der neuen Hausgemeinden und der vielen Christen, die keiner Kirche mehr vertrauen, und der Geschäfte und der Neubekehrten werden dort einbezahlt; und dann gäbe es genügend Geld, um 50, 100 oder 200 Erntearbeiter zu bezahlen …“
In seinem Buch „Die Verfassung des Königreichs“ (2014) erscheint dieser Gedanke wieder (S.134):
„Das Königreich kennt, wie jedes andere Land, eine zentrale Finanzverwaltung. Die Bibel benutzt dafür Ausdrücke wie (…) der Platz vor den Füssen der Apostel (Apg.4,34-35; 5,1-2) (…) So wie Judas der Banker von Jesus war (er hatte „den Beutel“ Joh.13,29), waren (und sind) die Apostel Gottes Banker.“ [Hervorhebungen im Original.]

Dazu ist einiges zu sagen. Angesichts der gegenwärtigen Verhältnisse unter jenen, die sich Christen (oder auch „Königreichsbürger“) nennen, ist ein solcher Vorschlag zumindest blauäugig, wenn nicht Schlimmeres. Integrität – besonders finanzielle Integrität – ist eine derartige Mangelware, dass überall da, wo in „christlichen“ Kreisen bisher ein paar tausend Dollars veruntreut werden, diese Summe sofort in Millionenhöhe schnellen würde.
Zweitens würde ein solches Vorgehen den Einzelnen entmündigen. Was ist dann mit den Aufrufen an die Verantwortung des Einzelnen, selber mit den Bedürftigen, von denen er Kenntnis hat, zu teilen? (Z.B. Gal.6,6.9-10; Eph.4,28; Jak.1,27) Zum reichen Jüngling sagte Jesus: „Verkaufe, was du hast, und gib es den Armen.“ (Matth.19,21 und Parallelen.) Er sagte nicht: „Lege es den Aposteln zu Füssen.“ Und auch nicht: „Gib es mir, damit ich es so verteilen kann, wie es recht ist.“ Jesus traute dem reichen Jüngling zu, selber bedürftige Personen zu finden und seinen Besitz angemessen verteilen zu können. Bestimmt traut er das auch jedem seiner Nachfolger zu.
Im Neuen Testament ist Geben freiwillig. Die Mitglieder der Urgemeinde gaben grosszügig, weil der Heilige Geist sie so leitete. (Auf weitere Faktoren gehe ich weiter unten ein.) Es wäre aber anmassend und tyrannisch, dasselbe als Obligatorium von Menschen zu fordern, in denen der Heilige Geist nicht auf diese Weise gewirkt hat. Tatsächlich liefe dies auf eine zwangsweise Umverteilung von Gütern nach kommunistischem Muster hinaus.

Von der Bibel her ist dazu zu sagen, dass Geschehnisse, die berichtet werden, nicht einfach so als normativ und „obligatorisch“ für alle Zeiten und alle Orte erklärt werden können. Es gibt kein neutestamentliches Gebot, Häuser und Grundstücke zu verkaufen und den Erlös „den Aposteln zu Füssen“ zu legen. Ebensowenig wurden Mitglieder der Urgemeinde als „besessen“ oder „Idioten“ beschimpft und beschämt, wenn sie dies nicht taten. Wolfgang Simson begeht den Fehler, die besondere Situation der Urgemeinde in Jerusalem für die Gemeinde aller Zeiten und aller Orte verpflichtend zu machen. Dabei lässt er folgende Umstände ausser Acht:
– Jesus hat die Zerstörung Jerusalems (und nur Jerusalems) prophetisch vorhergesagt. Deshalb war es sinnvoll, Häuser und Grundstücke in dieser Stadt zu verkaufen, denn die Jünger wussten, dass diese nach relativ kurzer Zeit sowieso zerstört werden würden. Aus anderen Städten berichtet das Neue Testament nichts vom Verkaufen von Liegenschaften.
– Auch in der Jerusalemer Gemeinde war das kein Obligatorium. Ananias und Saphira wurden nicht deshalb gerichtet, weil sie Geld zurückbehalten hatten, sondern weil sie deswegen gelogen hatten (Apg.5,4). Es wäre besser für sie gewesen, alles Geld für sich zu behalten; denn das wäre wenigstens ein ehrlicher Ausdruck ihrer Herzenshaltung gewesen, und wäre nicht verurteilt worden: „Bliebe es nicht unverkauft dein [Eigentum]; und [auch] nach dem Verkauf war es in deiner Gewalt?“
– In der Urgemeinde herrschte eine aussergewöhnliche Heiligkeit und Integrität. Deshalb war es dort möglich, den Aposteln zu vertrauen hinsichtlich der Verwaltung der Güter. Nie in ihrer weiteren Geschichte hat die christliche Gemeinde auch nur annähernd diese Höhe wieder erreicht. Später war es deshalb vernünftiger, im Normalfall das Geben der Verantwortung des Einzelnen zu überlassen (siehe die weiter oben angeführten Stellen), und nur in Ausnahmefällen Spenden zentral zu verwalten. (Die Sammlungen für Jerusalem – Apg.11,29-30; 2.Kor.8 und 9 – waren solche Ausnahmen; die einzigen, die im Neuen Testament berichtet werden.)
– Die Apostel selber haben nie eine Verantwortung als „Banker“ gesucht oder gar gefordert. Sie sahen darin keine von Gott gegebene Berufung, sondern im Gegenteil eine unangemessene Last, die sehr bald zu Problemen führte, und die sie so bald wie möglich wieder loswerden wollten: „Es ist nicht angemessen, dass wir das Wort vernachlässigen und bei den Tischen Dienst tun. (…) Wir jedoch wollen beim Gebet und beim Dienst des Wortes verharren.“ (Apg.6,1-4.)

Nun wird eine Beurteilung der Lehren Simsons erschwert dadurch, dass er sich widersprüchlich äussert. Er weiss offenbar um die Problematik des Autoritarismus und kritisiert ganz direkt gewisse autoritäre Strömungen, z.B. den Dominionismus oder Rekonstruktionismus (eine v.a. in den USA verbreitete Strömung mit dem Ziel, dass Christen politischen und gesellschaftlichen Einfluss gewinnen sollen, um biblische Werte in der gesamten Gesellschaft durchzusetzen und so das Königreich Gottes herbeizuführen). In einem Rundbrief vom Januar 2018 beklagte er auch, wie die Ausbreitung des Christentums oft mit der Kolonisierung Hand in Hand ging, und statt des Königreichs Gottes nur westlich-kulturelle kirchliche Formen exportiert wurden. (Seltsamerweise erwähnt er dabei aber nur reformierte und evangelikale Kirchen. In einem persönlichen Mail bagatellisierte er dagegen die Eroberung und Unterwerfung eines grossen Teils Amerikas durch die Spanier auf Geheiss des Vatikans, und zeigte kein Interesse, eine Initiative amerikanischer Eingeborener zu unterstützen, die seit 1992 Petitionen an den Papst richten, um die diesbezügliche Bulle von 1493 endlich(!) widerrufen zu lassen.)
Öfters warnt Simson vor „religiösen Stars“, Personenkult, und vor Leitern, die andere zu ihren eigenen Jüngern machen wollen. Dem traditionellen institutionellen Kirchensystem wirft er vor, aus eigenmächtig aufgebauten Königreichen zu bestehen, die Menschen folgen statt Gott.

Doch dann baut er genau dasselbe wieder auf, was er soeben niedergerissen hat. Z.B. scheut er sich nicht, gewisse Menschen als „seine“ Jünger zu bezeichnen.
– In den kolonialisierten Ländern wurde das Evangelium nicht als Erlösungsbotschaft verkündet, sondern als Botschaft der Unterwerfung unter die „christliche“ Kolonialmacht, die angeblich Gottes Reich verkörperte. Wolfgang Simsons Königreichstheologie begeht genau denselben kolonialen Fehler: Aus der von Jesus begründeten Bruderschaft ohne Hierarchie (Matth.23,8-12), bzw. „Schafherde“ mit Jesus als einzigem Hirten (Joh.10), macht er ein reglementiertes „Königreich“. In dieses Reich einzutreten wird gleichgesetzt mit der Unterordnung unter „apostolische Menschen“, die Gottes „Regierungsvertreter“ auf dieser Erde seien. Damit wird der Grundstein gelegt zu einer neuen Generation von entmündigten, indoktrinierten Nachfolgern, die ihre Gottesbeziehung aus zweiter Hand leben. Ja, Simsons „Kingdom Manifesto“ spricht ausdrücklich von „Kolonien des Königreichs Gottes auf Erden“.

Von diesem Königreich spricht Simson fast ausschliesslich in einer amtlichen, institutionellen Sprache. Es geht um „Regierung“, „Gesetze“, „Legalität“, „Einbürgerung“, „Staatsbank“, sogar „Staatsgeheimnisse“ und einen „Amtseid“. Die neutestamentlichen Aussagen über christliche Gemeinschaft und christliches Leben, die mehr beziehungsmässige und organische Aspekte betonen, treten dagegen in den Hintergrund, oder kommen in Simsons neueren Verlautbarungen überhaupt nicht mehr vor.

In einem neueren Rundbrief (März 2019) sagte er u.a: „Viele Bibelübersetzer mögen den Gedanken nicht, dass der Mensch im Königreich ein Untergebener, und damit ein Befehlsempfänger Gottes ist.“ Das ist zwar richtig, wenn es über unsere Stellung vor Gott gesagt wird. Aber:
– Es ist nur eine Teilwahrheit. Wir sind nicht nur Befehlsempfänger, sondern auch geliebte Kinder, Freunde und Mitarbeiter Gottes, Glieder am Leib Christi, und noch so manches mehr!
– Diese Teilwahrheit wird regelmässig von autoritären Leitern dazu missbraucht, Gehorsam und Unterordnung ihnen gegenüber zu erzwingen. Wo immer die Wahrheit über Gott als König überbetont wurde, da erschienen sofort zahlreiche Unterkönige, die ihren Anteil an Gottes Befehlsgewalt beanspruchten. Sogar wenn Simson das nicht vorhätte: garantiert werden es zahlreiche seiner Anhänger tun.

Über seinen „Plan B“, seine Alternative zur herkömmlichen Kirche, schrieb er im Oktober 2018: „Es geht ja hier um viel mehr als darum, die klassische Kirche mit ihren Synagogenstrukturen in ein Privathaus zu verlegen und es „Hauskirche“ zu nennen. Es geht um die Frage, wie das Haus Gottes, die Nation Gottes, Gestalt gewinnt. Es ist fast wie eine Wiedererfindung der römisch-katholischen Kirche, nur dass das Ergebnis weder römisch ist, noch katholisch, noch eine klassische Kirche.“
Und ähnlich im März 2019: „Es geht ja um nicht weniger als um eine biblische Alternative zum Kirchgänger-tum, und letztlich um eine neue Landeskirche auf der Basis der Hauptbotschaft von Jesus – dem Königreich.“
Diese Aussagen machen sehr deutlich, wohin die Reise geht. Nicht zurück zum Neuen Testament, sondern zurück zum konstantinischen Zeitalter. Zurück zu genau jener „Erfindung“, die von den meisten anderen Kritikern des traditionellen Kirchensystems als der katastrophalste Tiefpunkt der ganzen Kirchengeschichte angesehen wird.

Simsons Königreich hat eine „Verfassung“, auf die jeder „Bürger“ einen „Loyalitätseid“ schwören muss – entgegen Matth.5,34-37, und entgegen Simsons eigener Beteuerung, es sei nicht richtig, einer irdischen Leiterschaft gegenüber irgendeine „Bundesverpflichtung“ einzugehen. Diese „Verfassung“ ist nun aber nicht die Bibel, sondern Simsons eigener Extrakt und eigenwillige Auslegung davon, die er unter dem Titel „Die 75 Gebote Jesu“ zusammenfasst. Seine Nachfolger sollen also offenbar nicht eine eigenständige Beziehung zu Jesus aufbauen oder selber um ein richtiges Verständnis der biblischen Aussagen ringen, sondern exakt Simsons spezieller Auswahl und Auslegung folgen. Unter seiner Auslegung des Gebots „Hortet nicht …“ findet man z.B. die eingangs zitierte Forderung, aller nicht lebensnotwendige Besitz müsse zentralistisch „zu Füssen der Apostel“ gesammelt werden.

Liebe Nachfolger von Jesus Christus, bitte lasst euch von niemandem enteignen, weder materiell noch geistlich. Jesus allein hat die Verfügungsgewalt über unsere Zeit, unseren Besitz, unsere Talente und Fähigkeiten, unsere Beziehungen, unsere Berufung und unseren Platz in seinem Reich. Er hat nie irgendeinen seiner Jünger bevollmächtigt, diese Verfügungsgewalt über andere Jünger auszuüben. Deshalb wollten die neutestamentlichen Apostel weder Vermögensverwalter (Apg.6,2-4) noch „Herren über jemandes Glauben“ (2.Kor.1,24) sein. Erst neuere Strömungen wie Dominionismus, Peter Wagners „Neue Apostolische Reformation“ (NAR), und eben Wolfgang Simsons „Königreichslehre“, wollen Apostel zu Herrschern, Regierungsfunktionären und Bankern machen.

In der Bibel ist klar, dass die sichtbare Aufrichtung des Reiches Gottes dann geschieht, wenn Jesus wiederkommt (Matth.25,31-34; Luk.19,11-15; Offb.19,11-16; 20,4). Zu jenem Zeitpunkt werden tatsächlich manche seiner Jünger „Regierungsfunktionen“ erhalten (Luk.19,16-19; 22,29-30; Offb.20,4.6) – aber nicht vorher.
Wolfgang Simson erklärt aber Stellen wie Daniel 2,44-45 als eine esoterische „Kingdom Singularity“, einen nahe bevorstehenden Moment, wo sich Gottes Königreich auf der Erde manifestieren würde aufgrund der Wirksamkeit der „Königreichsbürger“. (So in seinem „Kingdom Manifesto“.) Die Wiederkunft Jesu kommt in diesem Zusammenhang nicht vor! Das ist genau die „Kingdom Now“ („Königreich jetzt“) – Theologie, die den Kern des Dominionismus und verwandter Strömungen bildet: Nachfolger Jesu würden schon vor seiner Wiederkunft auf dieser Erde die Zustände des Reiches Gottes einführen, und würden damit zu einem dominierenden Einfluss werden.
Der Verdacht liegt daher nahe, dass Simson Strömungen wie Dominionismus, „Neue Apostolische Reformation“ (NAR) und ähnliche nur deshalb kritisiert, damit er umso einfacher seine eigene Konkurrenzversion davon einführen kann.

Man mag mir vorwerfen, ich hätte seine Anliegen falsch verstanden. Doch in diesem Fall hätte er über ein Jahr Zeit gehabt für eine Klarstellung. Ich habe ihm per e-Mail mehrmals meine Bedenken unterbreitet, und er hat jedes Mal ausweichend oder gar nicht darauf geantwortet. Dies ist mein letztes Mail an ihn, vom März 2018 (nicht 2019!), welches bis heute ohne Antwort blieb:

Lieber Wolfgang,

danke für Dein Mail. Danke für den Hinweis, dass nicht nur das Königtum, sondern auch die Vaterschaft Gottes von Menschen usurpiert und verfälscht werden kann.

Eine Antwort auf meine Anfragen finde ich in Deinem Artikel („Father-Son-Wineskins“) allerdings nicht. Er hat ja nur ganz am Rande etwas zu tun mit dem, was ich Dir geschrieben habe. Ja, Du grenzt Dich darin verbal von autoritären Strömungen ab, und sprichst schön von „horizontaler Bruderschaft“ usw… – aber nur da, wo Du andere kritisierst. Dein eigenes Konzept kommt in diesem Artikel ja gar nicht zur Sprache. Wo kommen diese Gedanken in Deinem eigenen Modell vor, und wie werden sie da praktisch verwirklicht? Du sprichst ja u.a. von einer „Regierungsbildung im Königreich Gottes“, die gegenwärtig vorbereitet werden soll; und Du forderst sogar, Apostel zu Verwaltern von Millionen- und gar Milliardenbeträgen zu machen – also praktisch eine Enteignung der Staatsbürger nach kommunistischem Muster. Damit gehst Du bezüglich Autoritarismus noch weiter als die meisten Vertreter von Dominionismus, NAR, usw. – in eklatantem Widerspruch zu dem, was Du in dem mir zugesandten Artikel schreibst. Und einer Beantwortung meiner diesbezüglichen Anfragen bist Du nun zum zweiten Mal ausgewichen.

Also, zum dritten Mal, und etwas klarer ausgeführt:

– Was für Machtbefugnisse haben Apostel genau, gemäss Deinem Modell?
– Was verstehst Du unter der „Regierungsbildung im Königreich Gottes“ in der gegenwärtigen Zeit, und wie soll diese konkret verwirklicht bzw. vorbereitet werden?
– Inwiefern unterscheidet sich Deiner Meinung nach Dein eigener Ansatz wesensmässig von den autoritären Strömungen, die Du kritisierst?
– Und was triffst Du konkret für Vorkehrungen, damit dieser wesensmässige Unterschied nicht nur in der Theorie besteht, sondern auch in der Praxis? D.h. was tust Du konkret, um der Errichtung autoritärer Strukturen unter Deinen Mitarbeitern und Nachfolgern vorzubeugen?

Falls ich etwas an Deinen Aussagen missverstanden haben sollte, wäre ich für eine Klarstellung dankbar. Solange Du aber meine Anfragen einfach nicht oder nur ausweichend beantwortest, trägt das nur dazu bei, meine Bedenken zu verstärken und Dich und Deine Projekte als zumindest „verdächtig“ einzustufen. Ich hoffe, Du verstehst das. Mangelnde Transparenz ist auch ein Kennzeichen autoritärer Strukturen und Leiter.

Mit vielen Grüssen,

Hans

Abschliessend möchte ich kurz versuchen, ein biblisches Gegengewicht zu Simsons Königreichslehre aufzuzeigen.

Das Königtum und die Souveränität Gottes sind tatsächlich wichtige biblische Wahrheiten. Und ich habe den Eindruck, manche christliche Gemeinschaften brauchen tatsächlich eine Korrektur in dieser Richtung. Doch wenn dieser Aspekt einseitig überhöht wird, dann entsteht auch wieder ein verzerrtes Bild von Gottes Plan, und führt zu einer frommen Diktatur.

Jesus sagte zu seinen Jüngern: „Ihr wisst, dass die Regierenden der Völker über sie dominieren, und ihre Grossen unterdrücken sie. So soll es nicht sein unter euch; sondern wer unter euch gross werden will, sei euer Diener; und wer unter euch der erste sein will, sei euer Sklave; so wie auch der Menschensohn nicht gekommen ist, um bedient zu werden sondern zu dienen, und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.“ (Matth.20,25-28; ebenso Mk.10,42-25; Luk.22,25-27.)
Bezeichnenderweise hat Wolfgang Simson genau dieses Gebot in seiner „Verfassung des Königreichs“ ausgelassen. Jesus sagt, dass in seinem Reich Autorität gerade nicht so verstanden und ausgeübt werden solle wie in einem weltlichen Staat. Das bedeutet aber auch, dass der Begriff „Reich Gottes“ nicht mit Inhalten gefüllt werden darf, die weltlichen Regierungsformen entnommen sind. Damit werden alle Vergleiche hinfällig, welche das Reich Gottes in den Begriffen eines heutigen Staatswesens erklären wollen.

So sagt z.B. das Neue Testament nicht, man werde „ins Reich Gottes eingebürgert“, sondern man werde „in Gottes Familie hineingeboren“. Der entscheidende Unterschied zwischen den beiden Metaphern besteht darin, dass Einbürgerung ein bürokratisch-institutioneller Vorgang ist, Geburt dagegen ein natürlich-organischer. Wer daraus eine „Einbürgerung“ machen möchte, der ist mit Volldampf auf dem Weg zurück zur institutionellen Amtskirche, ob er das nun wahrhaben will oder nicht. – Und wer sind dann die „Einbürgerungsbeamten“ (die ein Gesuch annehmen oder ablehnen können)? Muss sich von jetzt an jeder Anwärter auf das Reich Gottes von einem Simson-Anhänger überprüfen lassen, ob er Simsons Eintrittsbedingungen erfüllt?

Im übrigen ist das „Königreich Gottes“ nur eines von mehreren Bildern, die uns die Ordnungen Gottes verdeutlichen wollen. Dieses Bild wird aber nirgends im Neuen Testament mit bürokratischen und aus weltlichen Regierungsordnungen übernommenen Details ausgestaltet.
Ein anderes Bild ist z.B. die Familie Gottes. Die Vorstellung von Gott als gestrengem König wandelt sich sofort, wenn wir in Betracht ziehen, dass dieser König zugleich unser liebender Vater ist. Wir sind dann nicht einfach „Befehlsempfänger“, sondern Söhne und Töchter im königlichen Haushalt. Und insbesondere haben wir dann keinerlei Veranlassung, von irgendwelchen Unterkönigen oder Funktionären Befehle entgegenzunehmen, sondern nur von unserem Vater selber.
Wieder ein anderes Bild ist der Leib Christi. Im Gegensatz zu einem Staat ist ein Leib kein künstliches oder institutionelles Gebilde, sondern ein organisch gewachsenes. Die Glieder eines Leibes brauchen kein Organigramm und keine „Regierungsorgane“. Sie üben auf natürlich-organische Weise ihre jeweilige Funktion aus. Sie werden alle gleichermassen vom „Haupt“ (bzw. Zentralnervensystem) koordiniert, ohne dass ein Glied dem anderen Befehle erteilen müsste.

Den aktuellen Gegensatz zwischen der neutestamentlichen christlichen Gemeinschaft und dem traditionellen institutionellen Kirchensystem sehe ich hauptsächlich in den folgenden Aspekten:

– Ist die Struktur der christlichen Gemeinschaft organisch, lebendig, aus der Beziehung zum lebendigen Herrn und zueinander gewachsen; oder ist sie mechanistisch, institutionell, und bürokratisch reglementiert?

– Beruht Autorität in der christlichen Gemeinschaft auf gegenseitiger Anerkennung, Integrität, Transparenz, geistlicher Reife, usw; oder beruht sie auf einer hierarchischen Stellung, Dominanz, und der Forderung nach Gehorsam und Unterordnung?

– Beruht geistliches Leben und eine gottgefällige Lebensweise auf der direkten, persönlichen Beziehung zu Gott und der Befähigung durch den Heiligen Geist, oder auf dem Befolgen äusserlicher Anweisungen und auf der Vermittlung durch Personen mit „priesterlichen“ Funktionen?

– Ist die geistliche Wiedergeburt eine von Gott übernatürlich bewirkte Herzens- und Wesenveränderung, oder ist sie ein ritueller Vorgang, der vom Menschen selbst (oder von anderen Menschen mit „priesterlichen“ Funktionen) vollzogen oder vermittelt wird?

Simson ist zwar weiterhin ein heftiger Kirchenkritiker. Aber in den vier genannten Punkten widerspiegelt sein eigenes neueres Modell, allen gegenteiligen Beteuerungen zum Trotz, den Standpunkt der institutionellen Amtskirche. In der Vergangenheit hat er viel Gutes und Wichtiges gesagt. Sein Buch „Häuser, die die Welt verändern“ würde ich auch heute noch empfehlen. Ich bin sehr enttäuscht darüber, dass er, nach den vielversprechenden Anfängen, nun bei solchen Positionen landet.

Es ist natürlich eine raffinierte Strategie, eine neue Kolonialisierung der Welt ausgerechnet unter dem Banner des Antikolonialismus voranzutreiben. Und mit Hilfe der Kritik an autoritärer Leiterschaft ein Machtvakuum zu schaffen, das man dann selber ausfüllen kann. Aber wenn wir einmal den „Hype“ weglassen, das verbale Brimborium, das Simson so meisterhaft beherrscht, dann steckt dahinter wohl „nichts Neues unter der Sonne“. Anscheinend nur ein weiterer Versuch zur Errichtung einer irdischen Autoritätspyramide, die dann als das Reich Gottes gelten soll. Falls das nicht Simsons eigene Absicht sein sollte, so werden zumindest seine Anhänger dafür sorgen, dass es so weit kommt.

Autoritarismus im deutschen Staat

14. April 2019

In den vorangegangenen Artikeln schrieb ich über autoritäre Strömungen in evangelikalen Kirchen und Familien. Doch Autoritarismus kann ebensogut von der säkularen Gesellschaft und vom Staat ausgehen. Letzteres scheint mir insbesondere in Deutschland der Fall zu sein, soweit ich als ferner Beobachter dies aus den Nachrichten schliessen kann.

Gegenüber der Staatsregierung besteht tatsächlich ein biblisches Gebot der Unterordnung (Römer 13,1-2, 1.Petrus 2,13). Aber auch diese Unterordnung hat ihre Grenzen. Die Regierung ist dazu da, jene zu loben, die das Gute tun, und jene zu bestrafen, die das Böse tun (Römer 13,3-4, 1.Petrus 2,14). Wenn die Regierung das nicht tut, oder sogar das Gegenteil davon tut, dann gilt auch hier: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apg.5,29).

In den vorangehenden Artikeln haben wir u.a. die Haupt-Losung des Autoritarismus untersucht: „Man muss sich der Leiterschaft/Regierung unterordnen, auch wenn diese im Unrecht ist.“ So falsch das in der christlichen Gemeinschaft ist, so falsch ist es auch im Staat. In einem Unrechtsstaat stehen auch Christen unter keinerlei Gebot, sich dem Unrecht zu unterwerfen, das dieser Staat tut oder fordert.

Ich lese z.B, dass die deutsche Regierung mit ihrem Vorgehen im Zusammenhang mit der sogenannten „Flüchtlingskrise“ während der letzten Jahre mehrfach ihre Kompetenzen überschritten hat, und damit das deutsche Grundgesetz sowie EU-Verträge gebrochen hat. In einem Rechtsstaat wäre die Regierung dafür zur Rechenschaft gezogen worden. Da dies nicht geschehen ist, muss ich daraus schliessen, dass Deutschland nun hochoffiziell ein Unrechtsstaat ist.

Ich lese auch, dass gewisse deutsche Behörden anscheinend weiterhin Homeschooling-Familien verfolgen. Ich hätte gedacht, gerade wegen der „Flüchtlingskrise“ hätten sie jetzt Wichtigeres zu tun. Z.B. dafür zu sorgen, dass zigtausende Migrantenkinder eine Bildung erhalten, die diesen Namen tatsächlich verdient. Aber stattdessen scheint es immer noch eine Priorität gewisser Behördenvertreter zu sein, deutsche Familien zu schikanieren und zu verfolgen, die ihren Kindern eine bessere Bildung vermitteln, als es in der Schule möglich wäre.

So berichtet die Familie Wunderlich, es sei ein neues Sorgerechtsverfahren gegen sie eingeleitet worden. Dies anscheinend in der Folge eines (vorläufigen und fragwürdigen) Urteils des Europäischen Gerichtshofs in Strassburg, wonach die Praxis der deutschen Behörden in dieser Sache nicht gegen die Menschenrechte verstiesse. (Nur nebenbei: Auch die EU ist ein zunehmend autoritäres Gebilde, wie u.a. aus deren Reaktion auf den Brexit deutlich wurde.) Dabei ist der 2013 gegen die Wunderlichs verfügte Sorgerechts- und Kindesentzug bereits 2014 vom OLG Frankfurt als ungesetzlich erklärt worden. Die behauptete „Kindeswohlgefährdung“ konnte nicht nachgewiesen werden. Es zeugt von einer gehörigen Portion Unverschämtheit, wenn ein Richter dasselbe Vorgehen, das zuvor von einer übergeordneten Instanz als ungesetzlich erklärt wurde, erneut wiederholen will.

Ich habe vor Jahren schon mehrere Artikel zu dem Thema geschrieben (man suche in diesem Blog nach „Homeschooling“ und „Deutschland“). Ich möchte mich deshalb im folgenden auf einen einzigen Aspekt beschränken:

Der deutsche Bundesgerichtshof hat im November 2007 in einem Grundsatzurteil festgehalten, dass die brutale Durchsetzung der deutschen Schulpflicht weder auf einer Sorge um die Bildung noch um das Kindeswohl gründet, sondern einzig auf dem „berechtigten Interesse der Allgemeinheit“, „der Entstehung von religiös oder weltanschaulich motivierten ‚Parallelgesellschaften‘ entgegenzuwirken und Minderheiten zu integrieren.“ – Also im Klartext, das ideologische Indoktrinierungsmonopol des Staates durchzusetzen. (Die zitierte Formulierung wurde anscheinend u.a. in einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom Oktober 2014 wortwörtlich wiederholt.) In der öffentlichen Debatte wurde damals vor allem das Schreckgespenst islamisch-extremistischer Parallelgesellschaften beschworen, die angeblich dann zustande kämen, wenn auch islamistischen Eltern das Recht zugestanden werde, ihre Kinder zuhause auszubilden.

Das ist schon ziemlich lange her. Heute muss ich als ferner Beobachter aus den Nachrichten schliessen, dass islamische und islamistische Parallelgesellschaften mittlerweile in den meisten deutschen Grossstädten Wirklichkeit geworden sind. Als Folge grösserer Bildungsfreiheit? – Keineswegs. Es hat in dieser Hinsicht ja keine Änderung der Gesetze oder der Praxis stattgefunden. Nicht nur hat die Schulpflicht die Entstehung dieser Parallelgesellschaften nicht verhindert; das Schulsystem hat sie in gewisser Hinsicht sogar gefördert:

„… Diese 16- und 17-jährigen [moslemischen Schüler] sehen sich täglich Versionen dieser Frage gegenübergestellt: Gehöre ich auch dazu? Kann ich Deutscher und Moslem sein?
Öffentliche (sic) Schulen in einigen der bevölkerungsreichsten Städte Deutschlands helfen solchen Schülern, Antworten zu finden in einer unerwarteten Umgebung: Islamunterricht.
Dieser Unterricht, erteilt von Moslems und an moslemische Schüler gerichtet, … wird nun als Wahlfach in neun deutschen Bundesländern erteilt, in mehr als 800 öffentlichen (sic) Primar- und Sekundarschulen … Er enthält Lektionen über den Koran, die Geschichte des Islams, vergleichende Religion und Ethik. Oft dreht sich die Diskussion um die Identitätsprobleme der Schüler, oder ihre Gefühle der Entfremdung …“
(Übersetzt aus der „Washington Post“, 3.November 2018)

Der Artikel in der „Washington Post“ behauptet zwar, dieser Unterricht sei zum Zweck der „Integration“ eingeführt worden:

„Einige deutsche Politiker setzen sich für eine Erweiterung des Islamunterrichts in öffentlichen (sic) Schulen ein, als ein Weg, die kulturelle Integration moslemischer Schüler zu fördern, und eine Interpretation des Islam, die deutsche Werte betont.
… Eine weitere Begründung für den Islamunterricht ist, dass moslemische Schüler gegen den Fundamentalismus ‚geimpft‘ werden sollen, wie es der protestantische Leiter Heinrich Bedford-Strohm ausdrückte.“

Eine ziemlich seltsame Begründung dafür, an den „öffentlichen“ Schulen moslemische Schüler in ihrem eigenen Unterricht abzusondern. Absonderung ist das genaue Gegenteil von Integration. Und wer garantiert, dass nicht genau dieser Islamunterricht mit der Zeit von „Fundamentalisten“ bzw. Extremisten übernommen wird?
Der syrisch-deutsche Politikwissenschafter Bassam Tibi setzt sich als Moslem seit Jahrzehnten für einen kulturell angepassten „Euro-Islam“ ein – erfolglos. Mittlerweile findet er in der deutschen Presse kaum noch eine Plattform. Das deutet vielmehr daraufhin, dass die deutsche „Allgemeinheit“ keinerlei Interesse hat an einer „Interpretation des Islam, die deutsche Werte betont“.

„… Seit zwei Jahrzehnten dringen periodisch Hilferufe und Alarmmeldungen verzweifelter Pädagogen, Schulleiter und Lehrerkollegien durch den Wall des verordneten Schweigens, mit dem Politiker und Schulbürokraten die Überlastung der Schulen durch hohe Ausländeranteile und integrationsunwillige Parallelgesellschaften umgeben.
…’Die Willkommenskultur zerreißt unsere Schulen‘ – Josef Kraus, Oberstudiendirektor a.D. und früherer Präsident des deutschen Lehrerverbands, spricht aus, was viele Lehrer nur hinter vorgehaltener Hand zu sagen wagen. Je höher der Anteil von Schülern ‚mit Migrationshintergrund‘, besonders mit islamischem, desto rasanter verwandeln sich Klassenzimmer in Chaosgebiete, in denen Angst und Gewalt herrschen und statt regulärem Unterricht und Wissensvermittlung für Lehrkräfte und restdeutsche Schüler vor allem Durchwursteln und Überleben auf dem Stundenplan stehen.
Der jüngste Warnruf kam von der Leiterin der Neuköllner Grundschule ‚an der Köllnischen Heide‘, Astrid-Sabine Busse, von deren 103 neu eingeschulten Erstklässlern nur ein einziger noch zu Hause Deutsch spricht.
… Und an zwei weiteren Schulen im Viertel sind unter 109 neu eingeschulten Kindern noch ganze zwei deutsche…“
(Deutschland-Kurier, 4.Dezember 2018)

„Die achtjährige Yara war das letzte Kind in ihrer Klasse, das zuhause Deutsch sprach. Ihre Schule hat mehrheitlich türkische und arabische Migranten als Schüler.
‚Sie mussten einen Übersetzer anstellen, um von Deutsch auf Türkisch oder Arabisch zu übersetzen, damit die Schüler überhaupt verstanden, was vorging …‘, erzählt der Vater des Mädchens, Mike F, gegenüber Sat 1.
… ‚[Yara] wurde zu Boden geworfen von einem arabischen Kind, das sie nicht einmal kannte. Dieses Kind schlitzte mit einem scharfen Gegenstand ihren Unterleib auf‘, sagt ihr Vater.
‚Sie ging natürlich zur Lehrerin und zeigte ihr, was geschehen war. Sie hatte Schmerzen und blutete. Die Lehrerin verharmloste den Vorfall und zwang meine Tochter, den ganzen Rest des Tages an der Schule zu bleiben.‘
… Mike F. versuchte mit der Lehrerin zu sprechen, wurde aber abgewiesen. – ‚Ich beging den Fehler zu erwähnen, dass es sich um arabische Kinder handelte; das war zuviel. Die Lehrerin sagte: Oh, das geschieht auf jedem Schulhof. Das hat nichts mit der Herkunft der Kinder zu tun.‘ “
(Übersetzt aus „Voice of Europe“, 30.November 2018)

Wenn mit „Allgemeinheit“ die regierungstreuen Kreise und Medien gemeint sind, dann sind für die „Allgemeinheit“ solche „religiös oder weltanschaulich motivierten Parallelgesellschaften“ jetzt anscheinend kein Schreckgespenst mehr, sondern im Gegenteil eine „kulturelle Bereicherung“, die toleriert und sogar geschützt werden soll. So z.B. wenn Polizei und Presse angewiesen werden, den kulturellen und religiösen Hintergrund von Gewalttätern zu verschweigen. Oder wenn zugelassen wird, dass gewisse Bezirke und Schulen faktisch von diesen Parallelgesellschaften regiert werden.
Damit hat natürlich die Argumentation des Bundesgerichtshofs von 2007 jegliche Glaubwürdigkeit verloren. Wollte man diese Argumentation aufrechterhalten, dann müssten Schulbehörden, welche die Bildung solcher Parallelgesellschaften in Schulen dulden oder gar fördern, mindestens ebenso streng strafrechtlich verfolgt werden wie Homeschooling-Familien; und den Schulen müsste das Betreuungsrecht über die Kinder entzogen werden. Gibt man aber zu, dass in Wirklichkeit die „Allgemeinheit“ keinerlei Interesse daran gezeigt hat, die Entstehung von Parallelgesellschaften zu verhindern, dann wird der einzige von den obersten Gerichten zugestandene Grund zur Verfolgung von Homeschool-Familien hinfällig.

„Hat Gemeinschaft mit dir der Thron des Verderbens, der das Gesetz vorschützt und Unheil schafft? Sie rotten sich zusammen wider das Leben des Gerechten, und verurteilen unschuldiges Blut.“ (Psalm 94,20-21 ZÜ)

Der Mann, dem der Evangelikalismus sein hässliches Gesicht verdankt

3. April 2019

Der bibeltreue Evangelikalismus hat ein freundliches und ein hässliches Gesicht. Das freundliche Gesicht ist Ausdruck von allem, was mit dem Evangelium von Jesus Christus zu tun hat: Befreiung von Schuld und Sünde; Vergebung, Versöhnung, Mitleid, vertrauensvolle Gemeinschaft; ein erneuertes Leben in der Kraft des Heiligen Geistes. Mag sein, dass es auch heute noch Gruppen gibt, wo ein solches von Jesus erneuertes Leben tatsächlich gelebt wird; ich weiss es nicht.
Das hässliche Gesicht kann beschrieben werden als: Engstirnigkeit, Gesetzlichkeit, diktatorische Leiterschaft, geistlicher Missbrauch (oft verbunden mit anderen, „handfesteren“ Formen von Machtmissbrauch).

Bei meinen Nachforschungen bin ich darauf gestossen, dass in neuerer Zeit anscheinend ein einziger Mann massgeblich dazu beigetragen hat, den amerikanischen Evangelikalismus (und in der Folge weltweit) innerhalb einer Generation auf die Seite der Gesetzlichkeit und des Autoritarismus zu ziehen. Natürlich ist er nicht der einzige. Aber wenn jemand Zehntausende von evangelikalen Pastoren und mehrere Millionen Mitglieder verschiedenster Denominationen zu seinen direkten, hingegebenen „Jüngern“ zählen kann, sowie zig Millionen von „indirekten“ Nachfolgern, dann stehen wir schon vor einem ganz aussergewöhnlichen Phänomen.

Man stelle sich vor: Ein Manipulator, der tausende von jungen Menschen psychisch und finanziell ausgebeutet hat, z.T. sogar körperlich misshandeln liess, und dutzende von jungen Frauen sexuell belästigt hat, hat jahrzehntelang in der evangelikalen Welt als grosse Koryphäe gegolten. Er hatte einen Grossteil der evangelikalen Gemeindeverbände, Ausbildungsstätten und Buchverlage – zumindest in den USA – derart unter seiner Fuchtel, dass diese auf sein Geheiss hin sicherstellten, dass so gut wie nichts Negatives über ihn veröffentlicht werden konnte. Die wenigen Gemeindeleiter und Bibellehrer, die es wagten, öffentlich vor ihm zu warnen, wurden beschimpft und verleumdet, oder einfach ignoriert.

Seine Gefolgschaft erstreckt sich über das gesamte theologische Spektrum, rekrutiert sich aber anscheinend mehrheitlich aus den konservativeren, bibeltreuen Reihen. Dabei sind einige seiner (weniger bekannten) Lehren derart abwegig, dass bibeltreue Gemeinden sie sofort abgewiesen hätten, wenn ein anderer sie verkündet hätte. Andererseits sind die wichtigeren seiner Lehren offenbar vor allem daraufhin angelegt, zu verhindern, dass jemand ihn selber zur Rechenschaft ziehen oder seine Autorität in Frage stellen könnte.

Fast jedes Mal, wenn ich mit evangelikalen Kreisen in Kontakt komme, stosse ich von neuem auf den direkten oder indirekten Einfluss dieses Mannes. Erfahrungsgemäss lassen Leiter, die unter diesem Einfluss stehen, keinerlei offene Diskussion zu über die Frage, ob diese Lehren und Praktiken einer biblischen Überprüfung standhalten. Traurig ist, dass tausende von Menschen von solchen Leitern verletzt und geschädigt werden. Und besorgniserregend, dass die meisten anderen Leiter, auch wenn sie selber ihre Macht nicht missbrauchen, sich mit ihrem Schweigen zu Komplizen machen.

(Weiterlesen)

… und hier ist eine biblische Analyse der Lehren des
Autoritarismus zu finden (die vorangegangene Artikelserie in
einem einzigen PDF-Dokument).

Steht fest in der Freiheit, für die uns Christus frei gemacht hat! – Teil 7

29. März 2019

Galater 5,1

Eine Untersuchung autoritärer Lehren und Praktiken in evangelikalen Kirchen und Organisationen

Die Leiter im Volk Gottes sollen dem Autoritarismus widerstehen

Der Apostel Paulus benützt an einigen Stellen in seinen Briefen ziemlich harte Ausdrücke. Bei einigen Gelegenheiten „gebietet“ er gewissen Personen oder „weist zurecht“. Ist das ein Ausdruck von Autoritarismus?

Wenn wir den Zusammenhang untersuchen, dann finden wir, dass an den meisten Stellen, wo Paulus auf diese Weise spricht, er es genau zu dem Zweck tut, zu verhindern, dass sich der Autoritarismus in der Gemeinde ausbreitet:

„Wenn jemand euch evangelisiert entgegen dem, was ihr angenommen habt, sei er verflucht.“ (Gal.1,9) – Von wem spricht er? – Von den „infiltrierten falschen Brüdern, die sich eingeschlichen haben, um unsere Freiheit auszuspionieren, die wir in Christus Jesus haben, und um uns zu versklaven; denen wir keine Stunde in Unterordnung nachgegeben haben, damit die Wahrheit des Evangeliums bei euch bleibe.“ (Gal.2,4-5). D.h. Paulus musste sich durchsetzen, um den Galatern die Freiheit zu erhalten; um sie zu befreien von der Unterordnung unter gewisse Leiter, die sie wieder unter das Gesetz stellen wollten.

„… und wir sind dazu bereit, jeden Ungehorsam zu rächen, wenn euer Gehorsam vollständig ist.“ (2.Kor.10,6) – In diesem selben Zusammenhang sagt er später: „Denn ihr ertragt gern die Unverständigen, obwohl ihr verständig seid. Denn ihr ertragt es, wenn jemand euch versklavt, wenn jemand euch auffrisst, wenn jemand euch das Eure nimmt, wenn jemand sich selbst erhöht, wenn jemand euch ins Gesicht schlägt.“ (11,19-20)
Es geht also nicht darum, dass die Korinther einem Befehl des Paulus ungehorsam gewesen wären. Es geht darum, dass sie sich fälschlicherweise untergeordnet hatten unter die „Überapostel“, die eine autoritäre Leiterschaft über sie ausübten und sie misshandelten. Paulus spricht auf diese harte Weise, nicht um zu sagen: „Ordnet euch jetzt mir unter!“, sondern um ihnen die Freiheit in Christus zurückzugeben. „… Ich habe euch mit einem einzigen Mann verlobt, um [euch als] eine reine Jungfrau vor Christus zu stellen“ (11,2). – Das ist das Ziel von Paulus, nicht dass die Korinther sich ihm unterordnen, sondern dass sie mit Christus vereint werden.

„Aber der Geist sagt ausdrücklich, dass in den letzten Zeiten einige vom Glauben abfallen werden. Sie werden betrügerischen Geistern und Lehren von Dämonen folgen (…) Sie werden das Heiraten verhindern, und [gebieten] sich von Speisen zu enthalten …“ (1.Tim.4,1.3) – Auch hier warnt Paulus vor falschen Lehrern, die eine äusserliche Disziplin und „Menschengebote“ einführen werden.

„Deshalb weise sie streng zurecht, damit sie gesund im Glauben werden, und sich nicht jüdischen Mythen widmen, noch Geboten von Menschen, die sich von der Wahrheit abgewandt haben.“ (Titus 1,13-14) – Auch hier soll Titus gewisse Personen „streng zurechtweisen“, nicht damit die Geschwister sich ihm unterordnen, sondern damit sie nicht unter Menschengebote versklavt werden.

„Denn das weiss ich, dass nach meiner Abreise gefährliche Wölfe zu euch hereinkommen werden, die die Herde nicht verschonen werden; und aus eurer eigenen Mitte werden Männer aufstehen, die verkehrte Dinge reden, um die Jünger hinter sich selbst her wegzuführen.“ (Apg.20,29-30) – Eines der Kennzeichen der falschen Leiter besteht darin, dass sie die Jünger „hinter sich selbst her“ führen, statt ihnen zu helfen, dem Herrn nachzufolgen. D.h. sie verlangen von den Jüngern eine solche Loyalität ihnen selbst gegenüber, wie sie nur dem Herrn Jesus gebührt. Paulus weist die Ältesten von Ephesus an, wachsam zu sein gegen die autoritären Leiter, die aus ihrer eigenen Mitte aufstehen werden.

Auf ähnliche Weise warnen auch die Apostel Petrus und Johannes vor dem Autoritarismus:

„Weidet die Herde Gottes, die bei euch ist … nicht als Herrscher über jene, die euch zugeteilt sind …“ (1.Petrus 5,1-3)

„Aber Diotrephes, dem es gefällt, der wichtigste unter ihnen zu sein, nimmt uns nicht auf. Deshalb werde ich, wenn ich komme, an seine Taten erinnern, (…) und nicht genug damit, nimmt er zudem die Brüder nicht auf; und jenen, die [sie aufnehmen] wollen, wehrt er es, und wirft sie aus der Gemeinde hinaus.“ (3.Joh.9-10)

Es ist eine der schwierigsten Aufgaben für einen echten geistlichen Leiter, Widerstand zu leisten gegen die Versuche autoritärer Leiter, die Macht zu ergreifen. Ein echter geistlicher Leiter hat die Frucht des Heiligen Geistes in seinem Leben, und ist deshalb eine gütige, barmherzige und integre Person. Er wird dazu neigen, seinen Geschwistern zu vertrauen. Er hat keine Freude daran, anderen zu widerstehen oder sie zurechtweisen zu müssen. Ein autoritärer Leiter dagegen wird alles tun, um Macht zu erlangen und über seine Geschwister zu herrschen. Dazu mag er sich auch einen sehr demütigen und geistlichen Anschein geben, wenn das zu seinen Zielen beiträgt. Gerade in diesen Situationen muss sich ein echter geistlicher Leiter durchsetzen, auch wenn das nicht seinem Wesen entspricht; aber es ist nötig, um zu verhindern, dass die Geschwister zu Opfern von missbrauchenden Leitern werden.

Warum folgen so viele evangelikale Leiter autoritären Lehren und Praktiken?

Angesichts der lehrmässigen Probleme des Autoritarismus, und seiner schädlichen Auswirkungen, fragt man sich, warum Millionen von Evangelikalen diesen Strömungen folgen.

Doch die Probleme sind nicht überall und auf den ersten Blick offenbar. Ich kam selber relativ bald nach meiner Bekehrung in eine Umgebung, wo autoritäre Lehren verkündet wurden. Als junger Christ hatte ich noch nicht gelernt, anhand der Schrift „alles zu prüfen“, was gelehrt wird. Ich kannte das Gesamtbild der neutestamentlichen Aussagen über christliche Gemeinschaft noch nicht, und war deshalb nicht in der Lage zu erkennen, wo Bibelstellen aus dem Zusammenhang gerissen und falsch angewandt wurden. Ich war hungrig nach Anleitung für mein Leben mit Jesus.
Die meisten Lehrer des Autoritarismus, denen ich damals begegnete, waren freundliche und hilfsbereite Menschen. Sie waren auch überzeugende Redner, hatten „geistliche Erfolgsgeschichten“ zu erzählen, und lehrten im übrigen manch Gutes und Wahres. Einige Menschen, die mir in meinem persönlichen Glaubensleben weitergeholfen hatten, empfah­len diese Lehrer, oder verkündeten selber autoritäre Lehren.
In einer Umgebung, wo ich die Leiter als im grossen ganzen ehrlich und integer kennenlernte, fiel mir auch die „Unterordnung“ nicht schwer. Doch der Haken daran war: Ich gewöhnte mich daran, „geistlichen Leitern“ praktisch bedingungslos zu vertrauen und zu gehorchen. Auch nachdem meine Bibelkenntnis zugenommen hatte, getraute ich mich noch nicht wirklich, biblisches Unterscheidungsvermögen anzuwenden. Insbesondere kam es mir während langen Jahren nie in den Sinn, die Grundlage meiner „Leichtgläubigkeit“ an sich in Frage zu stellen, nämlich die Lehren von „Autorität und Unterordnung“. Als ich später in eine Umgebung kam, wo die Leiter alle Arten von unehrlichen Machen­schaften und Missbrauch betrieben, erkannte ich deshalb lange Zeit nicht, was vorging, und wusste auch nicht wie mich dagegen zur Wehr zu setzen.

Meine eigene Geschichte illustriert einige Gründe, warum manche junge Christen autoritären Lehren folgen:

– Autoritäre Leiter und Gruppen müssen nicht unbedingt „hart“, „gesetzlich“ oder missbrauchend sein. Einige sind es; aber andere können sehr anziehend und hilfreich und sogar weitgehend „rechtschaffen“ sein.

– Auch in tatsächlich missbrauchenden Gruppen können viele Christen jahrelang dabei sein, ohne ein Problem zu sehen. Die dunkle Seite lernen in der Regel nur jene kennen, die Zugang zu Insider-Kenntnissen über Vorgänge innerhalb der Leiterschaft erhalten, oder die sich irgendwann veranlasst sehen, der Leiterschaft zu widersprechen. Die tatsächliche Einstellung eines Leiters zu Macht und Machtmissbrauch kommt oft erst dann ans Licht, wenn man einen Konflikt mit ihm hat.

– Aber auch in den „rechtschaffenen“ Gruppen konditioniert der Autoritarismus seine Nachfolger dazu, später Opfer von Irrlehrern zu werden, und von Leitern, die ihre Macht missbrauchen.

– Der Autoritarismus ist ein Lehrgebäude, das sich sozusagen selber vor seiner Entlarvung schützt: „Warum soll ich dieser Lehre folgen?“ – „Weil die Leiter es sagen.“ – „Und warum soll ich den Leitern glauben?“ – „Weil diese Lehre sagt, wir sollen ihnen glauben und folgen.“ Wer auf diesen ewigen Zirkelschluss hereinfällt, der bleibt darin gefangen und fragt gar nicht mehr, ob diese Lehren auf einer tragfähigen biblischen Grundlage aufbauen.

So habe auch ich selber viele Jahre lang autoritäre Lehren gelehrt und praktiziert, ohne diese wirklich am Wort Gottes geprüft zu haben. Verschiedene schmerzliche Erfahrungen waren nötig, sowie der Mut, das Neue Testament zu studieren, ohne sogleich die mir gewohnten kirchlichen Strukturen und Traditionen hineinzulesen, um zur Einsicht zu kommen, dass die Bibel etwas anderes lehrt.

Warum folgen aber auch viele reife Christen, Leiter, Pastoren, den Lehren des Autoritarismus?

Eine mögliche Antwort ist, dass manche von ihnen in einer solchen Umgebung aufwuchsen und es ihnen aus „Tradition“ gar nie in den Sinn kam, den obenerwähnten Zirkelschluss biblisch zu überprüfen.

Ein anderer möglicher Grund ist, dass viele religiöse Leiter an einem starken Machtstreben leiden. Sie sind dann sehr dankbar, wenn ihnen jemand ein Rezept anbietet, wie sie ihre Macht und ihren Einfluss festigen können, und die Gemeindeglieder „unterwürfiger“ machen können. Und wenn das Rezept zu funktionieren scheint, dann halten die wenigsten inne, um ihr Unterscheidungsvermögen zu aktivieren und sich zu fragen, ob das Rezept wirklich biblisch ist.

Die grosse Popularität autoritärer Lehren und Praktiken ist zugleich ein Anzeichen, dass auch in evangelikalen Kreisen das Erbe der Reformation am Verlorengehen ist: nämlich die Überzeugung, dass die Heilige Schrift die oberste Autorität über christliche Lehre und Praxis ist. Der Autoritarismus stellt die Autorität eines „Pastors“, Lehrers oder Leiters über die Autorität des Wortes Gottes; und er lässt nicht zu, dass jemand auf biblischer Grundlage die Lehre oder Praxis dieser „Autoritäten“ in Frage stellt. Eine solche Haltung ist aber weder reformiert noch evangelikal.