Archive for the ‘Nachdenkliches und Herausforderndes’ Category

Weiteres über die erste Gemeinde in der Apostelgeschichte (Teil 2)

12. Oktober 2017

Die neutestamentliche Gemeinde wird verfolgt.

In der vorherigen Betrachtung haben wir gesehen, dass die grosse Verfolgung gegen die Jerusalemer Urgemeinde im Endeffekt zu ihrer weiteren Ausbreitung beitrug.
Tatsächlich erfuhr die Gemeinde von ihren Anfängen an Verfolgung. Kaum war durch die Apostel das erste Wunder geschehen, wurden sie sogleich bedroht, nicht mehr im Namen Jesu zu reden (Apg.4,17-21). Bald darauf wurden sie gefangengesetzt und ausgepeitscht (Apg.5,17-18.40). Einige Zeit später wurde Stephanus gesteinigt (Apg.7).

Warum heisst es dann, „sie hatten die Gunst des ganzen Volkes“ (Apg.2,47), und „das Volk machte sie gross“ (Apg.5,13)? Wie passt das zu den Verfolgungen?
– In Wirklichkeit war diese „Gunst des Volkes“ gerade ein Verfolgungsgrund. Die Christen lebten reine, ehrliche, Gott wohlgefällige Leben; und das wurde vom Volk gesehen und anerkannt. Aber das erregte den Neid gewisser Leiter, die selber nicht Gott wohlgefällig lebten: „Aber der Hohepriester und alle, die mit ihm waren, das heisst die Partei der Sadduzäer, wurden voll Neid.“ (Apg.5,17) – “ … aber sie waren nicht imstande, der Weisheit und dem Geist zu widerstehen, mit dem er (Stephanus) redete. So stifteten sie einige Männer an, zu sagen: ‚Wir hörten ihn gegen Moses und gegen Gott lästern.‘ Und sie wiegelten das Volk auf und die Ältesten und die Schriftgelehrten …“ (Apg. 6,10-12).
– Auch bei Paulus‘ Missionsreisen sehen wir, dass oft der Neid anderer zu Verfolgung führte: „Und als die Juden die Volksmenge sahen, wurden sie voll Neid und widersprachen dem, was Paulus sagte … und erregten eine Verfolgung gegen Paulus und Barnabas und warfen sie aus ihrem Gebiet hinaus.“ (Apg.13,45.50) – „Aber die ungehorsamen Juden waren neidisch, nahmen einige böse Männer von der Strasse, versammelten eine Volksmenge und versetzten die Stadt in Aufruhr …“ (Apg. 17,5)

Wir stellen fest, dass es sehr oft gerade die religiösen Leiter waren, welche die Verfolgungen anzettelten: die Priester, die Theologen, die Synagogenvorsteher … also gerade jene, welche die Bibel gut kannten und als religiös galten. Der Dienst der Apostel hatte dieselbe Wirkung wie zuvor schon der Dienst Jesu: Er stellte öffentlich die Heuchelei der religiösen Leiter bloss, die „sagen, aber es nicht tun“ (Matth.23,3).
Das ist schon immer ein Kennzeichen der neutestamentlichen Gemeinde gewesen: Sie erregt den Zorn der Leiter der offiziellen Kirchen. Wenn also eine christliche Gruppierung mit den Leitern der institutionellen Kirchen in friedlichem Einvernehmen lebt, dann sollte sie sich fragen, ob sie wirklich neutestamentliche Gemeinde ist, oder ob sie sich vielleicht auch an die Wege der Welt angepasst hat, so wie alle „respektablen“ Kirchen.

Die Anwesenheit oder Abwesenheit von Verfolgung ist allerdings kein untrügliches Unterscheidungsmerkmal der neutestamentlichen Gemeinde, denn das hängt auch von äusseren Faktoren ab. (Und es gibt auch Gruppen, die verfolgt werden, nicht weil sie Nachfolger Jesu wären, sondern weil sie schändliche Lehren oder Praktiken ausüben.) Aber wenn eine Gruppe von Christen lange Zeit unbehelligt wirken und sich ausbreiten kann, ohne den Zorn und Neid der etablierten Kirchen hervorzurufen, dann sollte sie sich doch prüfen, ob sie wirklich dem Weg der neutestamentlichen Gemeinde folgt.

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Weiteres über die erste Gemeinde in der Apostelgeschichte (Teil 1)

5. Oktober 2017

Die Urgemeinde breitet sich aus.

Die Gemeinde in Jerusalem begann auf einen Schlag mit den dreitausend Bekehrten von Pfingsten. Aber danach breitete sie sich kontinuierlich weiter aus. Von Anfang an „tat der Herr jeden Tag zur Gemeinde hinzu, die gerettet wurden“ (Apg.2,47). Die Heilung eines Gelähmten am Schönen Tor gab Petrus eine neue Gelegenheit, das Evangelium einer grossen Menschenmenge zu verkündigen (Apg.3), und in der Folge „wuchs die Anzahl der Männer auf etwa fünftausend“ (Apg.4,4). (Es kann auch übersetzt werden „um etwa fünftausend“; d.h. es ist nicht ganz klar, ob 5000 die Gesamtzahl oder die neu Hinzugekommenen bezeichnet.) – Danach ging das „normale“ Wachstum weiter, wo der Herr „jeden Tag hinzutat“.

Wir finden also zwei hauptsächliche „Methoden“ Gottes zur Ausbreitung der Gemeinde:
– Die öffentliche Verkündigung der Apostel (wo oft „Zeichen und Wunder“ bewirkten, dass sich grosse Menschenmengen ansammelten).
– Das Zeugnis der „gewöhnlichen Christen“ im täglichen Leben, durch ihr Verhalten und ihre Worte, das die Herzen der Menschen in ihrer Umgebung berührte, sodass jeden Tag neue Bekehrte „hinzugetan wurden“.

Angesichts der Tatsache, dass manche heutigen Kirchen allzu begeistert der Idee des „Gemeindewachstums“ nachfolgen, möchte ich klarstellen, dass „Gemeindewachstum“ kein direktes Gebot des Herrn ist. Sein Gebot lautet, „Jünger zu machen … indem ihr sie tauft … und sie alles halten lehrt, was ich euch geboten habe“ (Matthäus 28,19-20); sowie „das Evangelium zu verkünden“ (Markus 16,15) und „seine Zeugen zu sein“ (Apg. 1,8) – und auch das erst, „wenn der Heilige Geist über euch kommt“. Solange die Jünger diese Gebote befolgten (sowie ein dem Herrn hingegebenes Leben lebten), war das Wachstum der Gemeinde eine natürliche Konsequenz. Deshalb kümmerte sich die Urgemeinde nicht um „Gemeindewachstumsstrategien“. Sie tat einfach, was der Herr ihr aufgetragen hatte.

– In Apostelgeschichte 8 finden wir eine dritte „Methode“ zur Ausbreitung der Gemeinde; eine, die in modernen Kirchen selten erwähnt wird: die Verfolgung! „Und an jenem Tag kam eine grosse Verfolgung über die Gemeinde in Jerusalem, und alle wurden über die ganze Gegend von Judäa und Samarien zerstreut, ausser den Aposteln. (…) Die nun zerstreut worden waren, durchzogen die ganze Gegend und evangelisierten das Wort.“ (Apg. 8,1.4). Weit davon enfernt, die Gemeinde auszulöschen, trug jene Verfolgung gerade zu ihrem Wachstum bei.

Zusammenfassung der Kirchengeschichte in fünf Sätzen

12. September 2017

Das Christentum begann in Jerusalem als der gemeinsame Glaube des Leibes Christi.

Dann kam es nach Griechenland, und die Griechen machten daraus eine Philosophie.

Dann kam es nach Rom, und die Römer machten daraus ein Imperium.

Dann kam es nach Amerika, und die Amerikaner machten daraus ein Geschäft.

Wie nennt man das nun, wenn ein Leib zu einem Geschäft geworden ist? – Prostitution!

(Gefunden im Internet. Autor unbekannt.)

Kennzeichen der Urgemeinde in Apostelgeschichte 2 (7.Teil)

5. September 2017

In den vorhergehenden Artikeln dieser Serie haben wir einige Kennzeichen der Urgemeinde untersucht, wie sie in Apostelgeschichte 2,36-47 beschrieben werden. Fassen wir zusammen:

  • Die neutestamentliche Gemeinde besteht aus Menschen, die durch den Heiligen Geist wiedergeboren wurden. Das geschieht nicht einfach durch das Nachsprechen eines „Übergabegebets“. Zu einer echten Wiedergeburt ist eine heftige „Kollision“ mit Gott nötig, die eine Überführung von der Sünde bewirkt. Die Wiedergeburt schliesst eine radikale Neuausrichtung des Denkens und Handelns ein (was die Bibel „Umkehr“ bzw. „Bekehrung“ nennt). Sie schliesst ein, den Heiligen Geist zu empfangen, welcher den Gläubigen befähigt, die Sünde zu überwinden und ständig unter der Herrschaft Jesu zu leben. – Eine „Gemeinde“, die sich mit weniger zufriedengibt, kann schon von da her nicht neutestamentliche Gemeinde sein.
  • Die neutestamentliche Gemeinde ist auf die „Lehre der Apostel“ gegründet, so wie sie im Neuen Testament niedergelegt ist. Sie gründet sich nicht auf die „Tradition der Kirche“, noch auf „unser Glaubensbekenntnis“, noch auf die „Unterordnung unter den Pastor“, noch darauf, „wie wir es immer schon gemacht haben“. – Eine Gemeinde, die sich nicht vom Neuen Testament her korrigieren lässt, ist nicht neutestamentliche Gemeinde.
  • Die neutestamentliche Gemeinde lebt in koinonia, d.h. in einer tiefen persönlichen, aufrichtigen und transparenten Gemeinschaft in der Liebe Jesu. Das schliesst ein, das Alltagsleben, geistliche Gaben und materielle Güter miteinander zu teilen. Diese Gemeinschaft geschieht auf persönlicher und familiärer Ebene, ohne dass dazu organisierte Versammlungen notwendig wären. – Wenn die Qualität dieser Gemeinschaft in einer Gemeinde mangelhaft ist oder ganz fehlt, dann ist das ein Anzeichen dafür, dass sich diese Gemeinde in irgendeiner Form vom Vorbild des Neuen Testamentes entfernt hat.
  • Die neutestamentliche Gemeinde bricht das Brot in den Häusern, „mit einfachem Herzen“, als eine Form der materiellen koinonia, und zugleich als Erinnerung an den Tod und die Auferstehung des Herrn. Das waren normale Mahlzeiten, wo mehrere Familien beisammen waren, ohne dass die Anwesenheit eines Apostels, Priesters, Pastors, o.ä. erforderlich wäre. – Eine Gemeinde, die lehrt, das Mahl des Herrn sei von irgendeiner Form eines speziellen Priesteramtes abhängig, ist vom neutestamentlichen Vorbild abgewichen.
  • Die neutestamentliche Gemeinde unternahm keine besonderen Anstrengungen, um zu „wachsen“ oder um neue Mitglieder anzuwerben. Sie lebten einfach ihr Alltagsleben im Gehorsam dem Herrn gegenüber, und als Folge dieses Gehorsams „fügte Gott hinzu, die gerettet wurden“. (Die Apostel verkündeten die Botschaft des Herrn auch auf den Strassen und Plätzen unter freiem Himmel. Aber das waren keine „Gemeindeversammlungen“; das war die besondere Tätigkeit, zu der die Apostel vom Herrn beauftragt waren.) Sie riefen niemanden dazu auf, „ihr Leben jetzt dem Herrn zu geben“; aber sie warteten darauf, dass Menschen vom Herrn berührt und von ihrer Sünde überführt würden, und diesen boten sie dann die Umkehr und die Erlösung in Jesus Christus an. – Eine Gemeinde, die Erlösung ohne Überführung von der Sünde und ohne radikale Umkehr anbietet, oder die die Menschen manipuliert, damit sie Mitglieder werden, ist nicht neutestamentliche Gemeinde.

Jeder Vers in Apostelgeschichte 2,36-47 betont dieselbe unangenehme Wahrheit: Was Evangelische/Evangelikale und Katholiken heute „Gemeinde“ oder „Kirche“ nennen, hat nichts gemeinsam mit dem Leben der ersten Christen. Heutige Kirchen nehmen als Mitglieder Menschen auf, die niemals ihr sündiges Leben hinter sich gelassen haben; und sie rechtfertigen diese Praxis mit dem Ausspruch: „Es gibt keine vollkommene Gemeinde.“ – Sie behaupten vielleicht in der Theorie, dass sie sich auf das Wort Gottes gründen; aber in der Praxis regiert das Wort des Pastors und die kirchliche Tradition – bei den Evangelikalen genauso wie bei den Katholiken. – Sie haben die koinonía in den Häusern ersetzt durch organisierte Veranstaltungen und Predigtversammlungen in institutionellen Gebäuden; und um die Verwirrung komplett zu machen, nennen sie solche Gebäude „Kirchen“. – Sie haben das Mahl des Herrn aus seinem ursprünglichen Lebenszusammenhang der familiären Mahlzeit herausgerissen und zu einem feierlichen institutionellen Ritual gemacht, das von einem „Priester“ oder „Pfarrer“ verwaltet wird. – Sie haben den Gehorsam dem Herrn gegenüber im täglichen Leben verlassen, sodass ihre Nächsten nicht mehr das Leben des Herrn in ihnen sehen können; und stattdessen versuchen sie mit Shows und Werbetricks neue Mitglieder für ihre Institutionen zu gewinnen.

Sie verharren auf diesen Abwegen, weil die meisten von ihnen die Apostelgeschichte als ein Märchen aus vergangenen Zeiten lesen, das uns heute nichts anginge. (Wenn sie sie überhaupt lesen.) Aber dieses Buch wurde geschrieben, um uns darüber zu informieren, wie die christliche Gemeinschaft in ihren Anfängen aussah, dem Plan Gottes gemäss; und damit wir uns heute anhand dieser Beschreibung prüfen.

So komme ich zu meinem letzten Punkt über Apostelgeschichte 2:

Die neutestamentliche Gemeinde ist ein übernatürliches Werk Gottes.

Angesichts der hier vorgestellten Kennzeichen einer wahren Gemeinschaft von Nachfolgern Jesu wird der eine oder andere Leser mich der Übertreibung bezichtigen: „Du bist zu radikal.“ – „Du hast eine zu idealistische Vorstellung.“ – „Es gibt keine vollkommene Gemeinde.“ – „Es ist unmöglich, diese Kriterien zu erfüllen.“ – „Wir können die Apostelgeschichte heute nicht mehr wörtlich nehmen.“

Und warum nicht? Wir wissen, dass die Jerusalemer Urgemeinde tatsächlich existierte mit all den beschriebenen Eigenschaften. Und in meiner Bibel gibt es keinen Vers, der sagte, Gott hätte seither seine Massstäbe geändert.

Tatsächlich verraten alle die genannten kritischen Kommentare Unglauben: „Sollte Gott wirklich gesagt haben …?“ – Ja, Gott hat all das gesagt, was ich bisher aus seinem Wort zitiert habe; und so er will, werde ich in zukünftigen Betrachtungen noch mehr zitieren. Was ist unser Wahrheitskriterium: was Gott gesagt hat, oder was wir als menschenmöglich ansehen?

Ja, ich gebe es zu, ich verlange Unmögliches. Denn Unmöglichkeit ist das Markenzeichen eines jeden echten Wirkens Gottes. Wo Menschenmögliches, Machbares als ein Werk Gottes ausgegeben wird, da handelt es sich um eine Fälschung.
Neutestamentliche Gemeinde ist niemals „machbar“ oder „menschenmöglich“. Tatsächlich ist es völlig unmöglich, mit menschlichen Methoden neutestamentliche Gemeinde zu bauen. Wo „Gemeinde geschieht“, da handelt es sich immer um ein übernatürliches Werk Gottes.

Statt also auf die Unmöglichkeiten hinzuweisen, wäre es eine angemessenere Reaktion, uns zu fragen: Warum haben wir dieses übernatürliche Werk Gottes verloren? Und wie können wir wieder dahin zurückkehren? – Und dann sollten wir zu Gott umkehren, uns vor ihm demütigen und ihn ernsthaft suchen.
„Wenn mein Volk, das nach meinem Namen genannt ist, sich demütigt, und betet und mein Angesicht sucht und von seinen bösen Wegen umkehrt, dann werde ich es vom Himmel her erhören und seine Sünde vergeben und sein Land heilen.“ (2. Chronik 7,14)
Diese Verheissung gilt auch dem neutestamentlichen Gottesvolk.

Kennzeichen der Urgemeinde in Apostelgeschichte 2 (6.Teil)

18. August 2017

Der Herr tat neue Gläubige hinzu.

„Und der Herr tat täglich zur Versammlung hinzu, die gerettet wurden.“ (Apostelgeschichte 2,47). – Das ist ein starker Kontrast zu der Art, wie die meisten heutigen Kirchen wachsen (wenn sie überhaupt wachsen). Wenn heute eine Kirche wächst, dann ist es fast immer deshalb, weil sie selber „Aussenstehende“ zu ihren Versammlungen einladen, weil sie selber evangelisieren, weil sie selber irgendeine „Gemeindewachstumsstrategie“ anwenden. Aber von der neutestamentlichen Gemeinde heisst es, dass „der Herr hinzutat“. Sehen wir das Wachstum der Gemeinde als ein menschliches oder ein göttliches Werk an?

Die neutestamentliche Gemeinde unternahm keine evangelistischen Anstrengungen, die spezifisch auf Gemeindewachstum ausgerichtet waren. – Ich möchte in diesem Punkt nicht missverstanden werden. Ich sage nicht, die neutestamentliche Gemeinde hätte nicht evangelisiert. Natürlich taten sie das. Die Apostel verkündeten jeden Tag öffentlich das Evangelium. Und sicher bezeugte jeder Christ den Herrn in seinem täglichen Leben, in seinen alltäglichen Begegnungen mit Nachbarn, Verwandten, Arbeitskollegen, Kunden … Was ich aber sage, ist: Die ersten Christen taten dies nicht zu dem spezifischen Zweck, „zum Gemeindewachstum beizutragen“. Vielmehr taten sie es aus einfachem Gehorsam gegenüber dem Gebot des Herrn, „das Evangelium zu verkünden“ und „Jünger zu machen“. Wir müssen uns also eine weitere Frage stellen: Sehen wir Gemeindewachstum als einen Selbstzweck an, oder sehen wir es als etwas, was der Herr „hinzutut“, wenn wir einen höheren Zweck verfolgen, nämlich dem Herrn zu gehorchen und seine Ehre zu vergrössern?

Ein besonderes Detail finden wir in Apostelgeschichte 5,13: „Und von den übrigen wagte es niemand, sich ihnen anzuschliessen; aber das Volk pries sie hoch.“ – Insbesondere kamen also keine Aussenstehenden zu den Versammlungen, wo Christen sich unter sich trafen.
In fast allen heutigen Kirchen, die „Wachstumsziele“ haben, sind ihre wichtigsten Anlässe die wöchentlichen Versammlungen, die sie „Gottesdienst“ nennen, und die „halb-öffentlich“ sind: Es sind Versammlungen der „Gemeinde“, aber gleichzeitig versuchen sie, Personen anzuziehen, die nicht zur Gemeinde gehören. So kann man keine echte koinonía unter Christen leben, aber ebensowenig kann man einen grossen öffentlichen Effekt erzielen.
– Die neutestamentliche Gemeinde kannte keine solchen „halb-öffentlichen“ Versammlungen. Ihre Versammlungen waren entweder ganz öffentlich (so wie die Lehre der Apostel auf dem heiligen Platz), oder dann waren es wirkliche Gemeinde-Versammlungen (so wie die Gemeinschaft der Christen unter sich in ihren Häusern). Und in letzteren wagte niemand einzutreten, der kein Christ war.
Warum nicht? – Der Grund muss derselbe gewesen sein wie der Grund, warum „das Volk sie hoch pries“: Unter den ersten Christen herrschte eine derartige Atmosphäre von Reinheit und Heiligkeit, dass ein Aussenstehender sich dort äusserst unwohl fühlen musste. Wer nicht wiedergeboren war, musste sich dort so fühlen wie Petrus vor dem Herrn anlässlich des wunderbaren Fischfangs: „Geh weg von mir, Herr, denn ich bin ein sündiger Mensch! – Denn er war voll Schrecken …“ (Lukas 5,8-9)

Und gleich darauf heisst es wiederum: „Und Gott tat mehr [Menschen] hinzu, die auf den Herrn vertrauten, eine Menge von Männern und Frauen…“ (Apostelgeschichte 5,14). Wie wurden denn diese Menschen „hinzugetan“, wenn kein Unbekehrter in die Versammlungen der Christen kam?
Die offensichtlichste Antwort ist jene, die der Text selber gibt: Gott brachte sie. Es ist Gott selber, der durch seinen Heiligen Geist „Überführung von Sünde, von Gerechtigkeit und vom Gericht“ wirkt (Johannes 16,8). Es ist Gott selber, der „seinen Sohn offenbart“ in jenen, die er retten will (Galater 1,15-16). Es ist Gott selber, der die Wiedergeburt schenkt. Anerkennen wir zuerst und vor allem, dass die neutestamentliche Gemeinde kein menschliches Unternehmen war. Es war Gott, der souverän in ihr wirkte.
Das kann unsere ganze Sicht von der Gemeinde verändern. Wenn wir Gott als den Eigentümer und Urheber der Erlösung anerkennen, dann werden wir ihn auch als Herrn und Eigentümer der „Gemeindeglieder“ anerkennen. Sie sind nicht „unsere Mitglieder“; sie sind nicht Mitglieder einer bestimmten Kirche; sie sind Gottes Eigentum. Wenn eine Gruppe von „Gemeindewachstum“ spricht und damit sagen will: „die Vergrösserung unserer eigenen Versammlung“, dann folgt sie nicht den Wegen des Neuen Testamentes.
Aber natürlich benützt Gott irdische, menschliche Werkzeuge. Wie schon erwähnt, verkündeten die Apostel öffentlich das Evangelium, und jeder Christ bezeugte den Herrn in seinem Alltagsleben. Somit hatten die „Aussenstehenden“ genügend Gelegenheiten, das Evangelium zu hören, ohne dazu in eine Versammlung von Christen gehen zu müssen.

Ein anderer bemerkenswerter Unterschied zu heute besteht darin, dass wir in der ganzen Apostelgeschichte keinen „Bekehrungsaufruf“ finden im Stil von: „Komm nach vorne, sprich mir dieses Gebet nach, tritt einer Kirche bei …“ (usw.) – Wir haben bereits gesehen, dass Petrus‘ Worte in Apg.2,38, „Kehrt um und lasst euch taufen …“, sich nur an jene Personen richteten, die bereits „in ihren Herzen schmerzhaft durchbohrt“ worden waren, und die von sich aus bereits gefragt hatten: „Was sollen wir tun?“ – Ja, die Verkünder des Evangeliums sagten ihren Zuhörern, dass sie weit entfernt waren von Gott und zu ihm zurückkehren mussten. Aber wenn dadurch jemand von Gott berührt und von seiner Sünde überführt wurde, dann wurde erwartet, dass diese Person von sich aus kommen und einen Christen suchen würde, um ihre Bekehrung zu bezeugen und sich taufen zu lassen. Und so geschah es auch.
So war auch die Praxis der Evangelisten und Erweckungsprediger durch die ganze Kirchengeschichte hindurch, mindestens bis zur ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts. Die „Bekehrungsaufrufe“, wie sie heute in den meisten evangelikalen Kirchen praktiziert werden, sind eine recht neue Erfindung. Deshalb bringen heutige „Evangelisationen“ mehrheitlich oberflächliche und Scheinbekehrungen hervor, während in der neutestamentlichen Gemeinde die allermeisten Bekehrungen echt waren.

Die Korruption, die auf uns zukommt

6. August 2017

Können Sie sich vorstellen, was es bedeutet, in einem Land zu leben, das von Korruption geprägt ist? Hier ein paar Beispiele, was gewöhnliche Bürger in Perú so erleben können:

Sie müssen auf einem Amt oder auf der Polizei irgendeinen Papierkram erledigen: z.B. einen Geburtsschein, ein Leumundszeugnis, eine Wohnsitzbescheinigung, o.ä. ausstellen lassen … aber Ihr Antrag wird jedesmal abgelehnt, weil der zuständige Beamte immer wieder einen neuen Formfehler findet, oder noch ein zusätzliches Belegdokument verlangt, das nicht in der ursprünglichen Liste aufgeführt war. Oder Sie kommen überhaupt nicht an die Reihe: „Wir haben jetzt gleich eine Sitzung. Kommen Sie morgen wieder.“ – Das ist die Art des Beamten, Ihnen mitzuteilen, dass er ohne Schmiergeld Ihren Antrag nicht bearbeiten wird.

Oder Sie stehen vor dem Universitätsabschluss und haben eine wichtige Prüfung knapp bestanden, während Ihre Kollegen durchgefallen sind. Doch als die offiziellen Noten veröffentlicht werden, stellen Sie fest, dass alle Ihre Kommilitonen plötzlich bessere Noten haben als Sie. Warum? – Einfach. Ihre Kollegen haben den Professor bestochen, damit er ihre Noten aufbessert.

Oder Sie sind Opfer eines massiven Betrugs geworden und haben eine Strafanzeige eingereicht. Einige Zeit später erhalten Sie unerwartet Besuch von der Polizei mit einem Hausdurchsuchungsbefehl. Dabei wird in Ihrem Haus ein Drogenpaket „gefunden“. Nun stehen Sie vor Gericht. Auf Umwegen erfahren Sie, dass jene Polizisten von der Betrügerbande angeheuert worden waren, die Sie damals angezeigt hatten. Aber das können Sie vor Gericht natürlich nicht beweisen.

Hier als weitere Illustration einige Ausschnitte und Zusammenfassungen von Zeitungsmeldungen der letzten Jahre:

Vor den bevorstehenden Regional- und Kommunalwahlen 2014 wurde bekannt, dass 2131 Kandidaten zuvor Gefängnisstrafen wegen verschiedenen Delikten abgesessen hatten. Mindestens dreizehn von ihnen waren wegen Drogenhandels verurteilt worden; fünf wegen Terrorismus.

In der Stadt Arequipa werden für eine Baubewilligung bis zu 1500 Soles verlangt (mehr als ein gewöhnlicher Monatslohn). Und bis man die Bewilligung erhält, muss man über sechs Monate lang warten. 16’000 geplante Wohnhäuser können deswegen nicht gebaut werden. Dabei fehlen in der Stadt mindestens hunderttausend Wohnungen.

129 Erpresserbanden im Baugewerbe in Lima
Allein in Lima gibt es 129 Bauarbeitergewerkschaften, die in Wirklichkeit als Deckmantel für Mafiabanden funktionieren, welche von den Baufirmen Schutzgelder erpressen. In einem einzigen Bezirk haben diese Banden während der letzten zwei Monate fünfzehn Personen ermordet. Sie fordern von den Baufirmen auch 30% der Arbeitsstellen, die sie dann gegen eine Gebühr von 300 Soles an interessierte Arbeiter „weiterverkaufen“.

Polizisten als Drogen- und Waffenhändler
Polizisten stahlen Drogenhändlern regelmässig deren „Ware“, um sie an andere Händlerringe zu verkaufen. Durch das Abhören von Gesprächen konnten drei Polizisten überführt und festgenommen werden; aber es wird angenommen, dass viele weitere involviert sind, auch höhere Funktionäre.
Ein anderer, ebenso gelagerter Fall im selben Monat betraf den Handel mit Waffen, die festgenommenen Kriminellen abgenommen worden waren.

Straffreiheit für Grossbetrug
“Eine kriminelle Organisation benutzt die legalen Möglichkeiten der Stadtverwaltungen zu Betreibungsverfahren, um den Staat um Millionenbeträge zu betrügen. Diese Woche will diese Bande 7,8 Millionen Soles von der Stadtverwaltung von Tacna, bzw. von deren Bank kassieren. Die Funktionäre der Bank argwöhnen zwar den Betrug, sehen sich aber rechtlich ausserstande, ihn zu verhindern.
(…) Diese Organisation operiert seit 2008 und hat sich bisher über 100 Millionen Soles angeeignet mittels tausenden von Betreibungsverfahren für fiktive oder überhöhte Bussen.
(…) Die Staatsanwaltschaft hat 200 Fälle solcher Betreibungsverfahren entdeckt, die nach demselben Schema abliefen und wo dieselben Namen auftauchen, was darauf schliessen lässt, dass ein einziger Drahtzieher im Hintergrund agiert. Am 26.Dezember 2014 erhob die Staatsanwaltschaft Anklage gegen 47 Personen, darunter Bürgermeister, städtische Funktionäre, Betreibungsbeamte und Anwälte, die dieser Organisation angehören. Die Richter haben die Anklage in ihrer Gewalt, aber der Prozess beginnt bis heute nicht.”

Staatsanwälte entlassen, nachdem sie Hausdurchsuchung durchführten
Vier Staatsanwälte, die mit der Bekämpfung der Korruption beauftragt waren, erhielten Anzeigen über die Existenz einer Spionagezentrale, von wo aus im Auftrag des Regionalpräsidenten César Álvarez Telefongespräche abgehört wurden. Sie ordneten eine Hausdurchsuchung an; aber das entsprechende Gesuch geriet am Gericht zuerst in die Hände einer Beamtin, die Komplizin des Regionalpräsidenten war. Dadurch erhielten die Beteiligten zum voraus Kenntnis von der Hausdurchsuchung und hatten deshalb Zeit, belastendes Material wegzuschaffen. Am Morgen vor der Hausdurchsuchung wurden die vier Staatsanwälte ins Büro des Oberstaatsanwaltes zitiert und gewarnt, diese nicht durchzuführen, unter Androhung von Folgen. Die Durchsuchung wurde dennoch durchgeführt. Ein derselben Bande zugehöriger Kongressabgeordneter erwirkte sieben Tage später die Entlassung der vier Staatsanwälte; und der Fall, den diese untersucht hatten, kam nie vor Gericht.

Es ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel, dass den Mafia-Banden jeweils eine beträchtliche Anzahl von Anwälten, Richtern, hohen Polizeibeamten und Regierungsfunktionären angehört, welche als Gegenleistung für ihren Anteil am “Kuchen” für die juristische Immunität der Täter sorgen. Tatsächlich ist es inzwischen so weit, dass an vielen Orten nicht mehr zwischen Regierung und Mafia unterschieden werden kann.

Mit dem jüngsten und gigantischsten Korruptionsfall, dem „Fall Odebrecht“, ist es spätestens seit diesem Jahr jedermann klar, dass die Korruption die höchsten Regierungsebenen durchdringt. Es handelt sich um ein brasilianisches Grossunternehmen, das Regierungen mehrerer lateinamerikanischer Länder mit Millionenbeträgen geschmiert hat, um dafür Bauaufträge im Milliardenbereich zu ergattern. Viele hohe Regierungsfunktionäre sind in den Fall involviert, sowie sämtliche ehemaligen peruanischen Staatspräsidenten seit 2002. Einer von ihnen sitzt bereits im Gefängnis; gegen einen anderen läuft ein Auslieferungsantrag an die USA, wohin er sich geflüchtet hat; gegen einen dritten und gegen den gegenwärtigen Präsidenten wird noch ermittelt. Alle diese Präsidenten haben bei ihrem Amtsantritt hoch und heilig versprochen, alles daran zu setzen, die Korruption zu bekämpfen.

Noch drei Punkte, die das Bild abrunden:

1. Jahrzehntelang haben Soziologen, Journalisten und Politiker die These vertreten, dass „Armut Kriminalität erzeugt“. Aber inzwischen mussten sogar die Vereinten Nationen einsehen, dass dies nicht zutrifft. So im regionalen Entwicklungsbericht 2013-2014 des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP) für Lateinamerika mit dem spanischen Titel „Seguridad ciudadana con rostro humano“ („Innere Sicherheit mit menschlichem Antlitz“). Dort heisst es:

„Im letzten Jahrzehnt erlebte Lateinamerika ein grosses Wachstum in zwei Bereichen: in der Wirtschaft und in der Kriminalität. Die Region hat insgesamt ein beachtliches wirtschaftliches Wachstum erzielt, sowie eine Verringerung der sozialen Ungleichheit, der Armut und der Arbeitslosigkeit. Trotzdem (sic) haben die Kriminalität und die Gewalt zugenommen.“

Weiter wird ausgeführt:

„In den letzten Jahren hat Lateinamerika ein grösseres Wirtschaftswachstum erreicht als die USA und die wichtigsten Volkswirtschaften Europas. (…) 70 Millionen Menschen überwanden die Armut. (…) Die Arbeitslosigkeit hat seit 2002 kontinuierlich abgenommen und erreichte 2012 den Tiefstand von 6,4%. (…) Aber die Verbrechen und Morde haben zugenommen.“

Hier in Perú kann man das sogar anhand regionaler Unterschiede beobachten: Das Problem der bewaffneten Erpresserbanden konzentriert sich vorwiegend auf die Hauptstadt Lima und die reichen Küstenstädte im Norden des Landes. Im „armen Hochland“ dagegen hat die Kriminalität noch längst nicht diese bedrohlichen Ausmasse angenommen.
Die Logik des Verbrechens ist also offenbar nicht: „Wer arm ist, stiehlt“, sondern vielmehr: „Wo es mehr zu holen gibt, da wird mehr gestohlen“ (und betrogen, erpresst und gemordet). Oder auch: „Wer mehr Mittel hat, kann seine verbrecherischen Neigungen intensiver ausleben.“ Das Verbrechen wird nicht von den Umweltbedingungen erzeugt, sondern kommt aus der angeborenen Bosheit des menschlichen Herzens.

2. Wie die angeführten Beispiele illustrieren, ist Korruption nicht ein isoliertes Problem bestimmter Politiker und Funktionäre, sondern zieht die gesamte Bevölkerung in Mitleidenschaft. Probleme wie Wohnungsnot, Arbeitslosigkeit, Unterentwicklung, mangelnde Bildung, Armut, usw. werden zu einem grossen Teil von der Korruption und Kriminalität verursacht oder zumindest verschärft.
Ich war dieses Jahr in zwei der erwähnten nördlichen Küstenstädte. Diese Städte sehen viel verwahrloster aus als die „armen“ Städte im Hochland; und überall liegt auf den Strassen Müll herum. Im April waren diese Gegenden von verheerenden Überschwemmungen heimgesucht worden; die Strassen sind überall voller Löcher oder überhaupt ohne Belag zurückgeblieben. Aber nirgends sah ich Wiederherstellungsarbeiten im Gange. Man erklärte mir, das liege an der mangelnden Organisationsfähigkeit der Stadtregierungen, und eben an der Korruption: Mittel, die zur Behebung von Unwetterschäden zur Verfügung gestellt werden, verschwinden meistens in den Taschen korrupter Funktionäre.

3. Derartige Ausmasse an Korruption können nur mit dem „Einverständnis“ der Bevölkerung entstehen. Hier eine weitere Zeitungsmeldung:

„Gemäss den Meinungsumfragen sind regelmässig 75% der Bevölkerung der Korruption gegenüber gleichgültig. Diese Gleichgültigkeit äussert sich z.B. darin, dass über korrupte Regierungsmitglieder gesagt wird: ‚Er stiehlt zwar, aber er baut uns Strassen, Schulen, Spitäler …‘
Die Kontrollmechanismen funktionieren nicht, weil alle diese Institutionen infiltriert sind. Richter, Staatsanwälte und Polizisten gehören kriminellen Organisationen an.“

Als Gegenmassnahme wird jeweils „mehr Kontrolle“ gefordert, also mehr Überwachung durch den Staat. Aber diese Kontrollmassnahmen führen gerade wieder zu mehr Korruption: Für alles und jedes braucht man eine Bewilligung – ob man seinen Hausrat an einen neuen Wohnort transportieren will, oder mit Minderjährigen eine Reise unternehmen will, oder chemische Produkte wie Ammoniak oder Zitronensäure kaufen will. Und die Beamten, die diese Bewilligungen ausstellen, sind natürlich ihrerseits korrupt, sodass kriminelle Banden über die Kontrollen lachen, während ehrliche Bürger das Nachsehen haben.
Es gehört in diesen Zusammenhang – ob als Ursache oder als Folge -, dass der Durchschnittsperuaner keinen Respekt vor dem Gesetz hat. Der Funktionär oder Politiker respektiert das Gesetz nicht, weil er sich als „Herr“ über das Gesetz sieht, das er nach Belieben umbiegen oder abändern kann. Und der einfache Bürger respektiert es nicht, weil er weiss, dass das Gesetz nicht zu seinem Schutz da ist, sondern als Instrument in den Händen korrupter Machthaber dient. Viele Vergehen, die in Europa gesetzlich geahndet werden, werden deshalb in Perú noch nicht einmal als Unrecht wahrgenommen. Dazu gehören z.B. Haftpflichtfälle; Fundunterschlagung; Sachbeschädigung; Verlangen von Gebühren für Dienstleistungen, die von Gesetzes wegen gratis sein sollten; u.v.a.m.

* * *

Ich habe weit ausgeholt, weil es für westeuropäische Leser schwierig sein dürfte, sich die ganze Lebenswirklichkeit vorzustellen, die sich hinter Schlagworten wie „Korruption“ und „Kriminalität“ verbirgt. Aber nun komme ich erst zu meinem eigentlichen Anliegen. Warum schreibe ich all dies in einem deutschsprachigen Blog? Nicht etwa, um über die hiesigen Zustände zu jammern. Sondern vielmehr weil ich sehe, dass all dies in näherer Zukunft auf Europa zukommt.

Korruption, Kriminalität und Gesetzlosigkeit sind weltweit gesehen keine Ausnahmeerscheinungen. Sie sind vielmehr der vorherrschende Lebensmodus in allen Ländern und allen Zeiten, die nicht tiefgreifend vom Wort Gottes geprägt und umgestaltet worden sind. (Hört man z.B. Schilderungen von Venezolanern, die vor kurzem aus ihrem Land ausgewandert bzw. geflüchtet sind, dann nehmen sich die peruanischen Zustände dagegen noch direkt paradiesisch aus.) Die Frage ist also nicht: „Warum ist Perú so ein korruptes Land?“ Perú ist keine Ausnahme. Die Frage ist vielmehr: „Warum hatten Westeuropäer und Nordamerikaner das unbeschreibliche Vorrecht, während einigen Jahrhunderten auf einer relativ korruptions- und verbrechensfreien Insel zu leben?“

Die Antwort liegt darin, dass das biblische Christentum diesem Kontinent eine Weltanschauung und ein Wertesystem gegeben hat, das sich radikal von den Werten der übrigen Welt unterscheidet. Einige Säulen dieses Wertesystems sind z.B:

Die Regierung steht nicht über dem Gesetz, sondern darunter. Das war bereits für das alttestamentliche Israel festgeschrieben: „Und wenn (der König) sich auf den Thron seines Reiches setzt, dann soll er für sich in einem Buch eine Abschrift dieses Gesetzes schreiben (…) und soll alle Tage seines Lebens darin lesen, damit er lerne, den Herrn seinen Gott zu fürchten, und alle Worte dieses Gesetzes zu halten (…), damit sich sein Herz nicht über seine Brüder erhebe, noch rechts oder links vom Gebot abweiche …“ (5.Mose 17,18-20)
Darin inbegriffen ist das Prinzip des Rechtsstaates und der Gewaltentrennung: Das Gesetz beschränkt die Willkür der Regierung, und selbst der König muss zur Rechenschaft gezogen werden, wenn er das Gesetz übertritt.

Die Regierung und das Gesetz eines Staates unterstehen der Regierung und dem Gesetz Gottes. Auch das ist in der zitierten Stelle inbegriffen, sowie z.B. in Römer 13,3-4, wo es heisst, dass die Regierung dazu da ist, gute Taten zu loben und böse Taten zu bestrafen. (Dabei ist natürlich vorausgesetzt, dass Gott, nicht der Mensch, bestimmt, was gut und was böse ist.) – Man vergleiche auch Jesaja 33,22: Gott vereinigt in sich die drei Regierungsgewalten (Legislative, Exekutive und Judikative). Höchst interessant ist, dass hier, mehrere Jahrhunderte vor Christus, diese drei Gewalten, die oft als eine „neuzeitliche Erfindung“ angesehen werden, bereits ausdrücklich genannt werden.
Dieses Prinzip schliesst ein, dass es auch da, wo die Gewaltentrennung nicht funktioniert, immer noch eine letzte Instanz gibt, die gegen eine korrupte Regierung angerufen werden kann; nämlich Gott selber.

– Bei Gott gibt es kein Ansehen der Person. Das bedeutet: Vor Gott und vor dem Gesetz sind alle Menschen gleich. Auch dies ein wichtiges rechtsstaatliches Prinzip, das in Kulturen, die dem Wort Gottes fremd sind, regelmässig verletzt wird.

Gott regiert über alles; nicht nur über einen „religiösen Bereich“. Biblische Werte wie Ehrlichkeit, Einhalten von Verpflichtungen, Reinheit, Nächstenliebe, Barmherzigkeit, Verantwortung, usw, gelten insbesondere für das Alltagsleben, die Familie, den Arbeitsplatz, die Gesellschaft und die Politik. Wenn eine Mehrheit der Gesellschaft diese Werte anerkannte und nach ihnen lebte, dann hatte das ganz andere Auswirkungen, als wenn eine Regierung versuchte, solche Werte mit Gesetz und Strafe durchzusetzen.

Solange die römisch-katholische Kirche die Vorherrschaft innehatte, konnten sich diese Werte noch nicht wirklich durchsetzen, weil die kirchliche Hierarchie dem Volk das Wort Gottes vorenthielt und es als Machtinstrument in ihrer eigenen Hand missbrauchte, statt die Kraft dieses Wortes zur Ermächtigung jedes Einzelnen freizusetzen. Hierin liegt auch die Antwort auf die Frage, warum Lateinamerika, obwohl mehrheitlich katholisch, nie wirklich von christlichen Werten beeinflusst wurde.
Aber ein bis zwei Jahrhunderte nach der Reformation hatte dieses Wort viele Länder so weit durchdrungen, dass es zu tiefgreifenden und in der ganzen Weltgeschichte einzigartigen Reformen in Gesellschaft und Staat kam. Manchmal wurden diese Reformen von Menschen durchgesetzt, die selber keine bekennenden Christen waren; aber sie waren dennoch von biblischen Werten geprägt worden und lebten inmitten einer Gesellschaft, die von diesen Werten geprägt worden war.

Wer nie für längere Zeit aus dem Kulturkreis der ehemaligen Reformationsländer herausgekommen ist, der kann wahrscheinlich gar nicht ermessen, was für ein enormer Segen das christliche Erbe dieser Länder sogar heute noch ist. Schon Immanuel Kant erlag dem Trugschluss, das moralische, sittliche und rechtliche Empfinden seiner angestammten Kultur sei ein allgemeingültiger, allgemein menschlicher “moralischer Imperativ”, während es sich in Wirklichkeit um die Auswirkung des christlichen Erbes handelte. Kant kam nie zu jenen Stämmen Papua-Neuguineas, wo der Verrat als höchste Tugend galt (Don Richardson, “Friedenskind”). Er kam nie zu den korrupten Richtern und Politikern in Perú. Er konnte nicht ermessen, wie radikal seine eigene Kultur in den Jahrhunderten vor ihm umgestaltet worden war, um dieses allgemeine rechtliche und moralische Empfinden hervorzubringen, in dessen Einflussbereich er lebte.

Nun aber ist Europa eifrigst damit beschäftigt, die letzten Reste seiner christlichen Vergangenheit zu demontieren. Man meint, dieselben (oder zumindest ähnliche) Werte auf der Grundlage eines atheistischen Humanismus aufrechterhalten zu können. Doch wenn ich Nachrichten und Kommentare aus Europa lese – auch aus kirchlichen Kreisen –, dann stelle ich fest, dass man schon heute in Europa gar nicht mehr weiss, was diese grundlegenden Werte eigentlich sind. Um es in einem Bild auszudrücken: Die Europäer zehren gegenwärtig von den letzten übriggebliebenen Früchten eines Baumes, den sie schon längst umgehauen und von seiner Wurzel abgetrennt haben. Wenn Europa (und Nordamerika) nicht sehr bald zu seinen christlichen Wurzeln zurückkehrt und eine geistliche Erweckung erlebt, dann wird dieser “Vorrat” demnächst aufgebraucht sein. Dann werden auch in Europa “peruanische Verhältnisse” herrschen, was Korruption und Kriminalität betrifft.

John Adams, einer der ersten Präsidenten der USA und Unterzeichner der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung (und soviel ich weiss, selber kein wiedergeborener Christ), hat das schon 1798 vorausgesehen, als er schrieb:

“Aber sollte das amerikanische Volk einmal zu jener hinterhältigen Verstellung gegeneinander und gegen fremde Länder fähig sein, die die Sprache der Gerechtigkeit und Mässigung annimmt, während sie Gesetzlosigkeit und Extravaganz praktiziert, (…) dann wird dieses Land zur erbärmlichsten Wohnstätte der Welt werden. Denn unsere Regierung ist nicht mit der Macht ausgestattet, menschliche Leidenschaften zu bekämpfen, die nicht von der Moral und der Religion gezügelt würden. Habsucht, Ehrgeiz, Rachsucht oder Wollust würden die stärksten Bande unserer Verfassung sprengen, so wie ein Wal ein Fischnetz zerreisst. Unsere Verfassung wurde nur für ein moralisches und religiöses Volk geschaffen. Sie ist völlig ungeeignet zur Regierung irgendeines anderen Volkes.”

In Europa dürfte dieser Punkt bald erreicht sein, wo Regierungen nicht mehr aufgrund der überkommenen, auf christlichen Grundlagen basierenden Staatsverfassungen regieren können und das auch nicht mehr wollen.

Vishal Mangalwadi bringt es in seinem lesenswerten Werk “Das Buch der Mitte” folgendermassen auf den Punkt:

“Wenn die Bibel die Kraft war, die in Europa und Amerika die Korruption niedrig hielt, führt eine Ablehnung der Bibel zwangsläufig zu einer erneuten Zunahme der Korruption – und das kann das werteorientierte Klima zerstören, das Männer wie McCormick für ihren Erfolg brauchen. (McCormick war der amerikanische Erfinder der Mähmaschine, der damit die Nahrungsmittelproduktion seines Landes im 19.Jh. um ein Vielfaches erhöhte.)
Integrität ist nicht etwas, das Menschen von Natur aus und aufgrund ihres eigenen Verdienstes zu eigen ist. Eine Wirtschaft, die auf Vertrauen beruht, bricht zusammen, wenn ihr die geistlichen Ressourcen fehlen, die einst Grundlage dieses Vertrauens waren.”

Mangalwadi ist einer der führenden christlichen Theologen Indiens. Er hat von daher den Vorteil, die westliche Kultur “von aussen” zu betrachten und sie mit seiner angestammten indischen Kultur vergleichen zu können. Manches, was er über Wertvorstellungen, Korruption und Armut in Indien berichtet, kommt mir von meiner Umgebung her sehr bekannt vor, obwohl der religiöse Hintergrund hier in Perú ganz anders ist. Kulturen, die nie vom biblischen Christentum geprägt wurden, unterscheiden sich in dieser Hinsicht offenbar kaum voneinander.

Wenn die westliche Welt auf ihrem bisherigen Kurs weiterfährt, wird sie bald auch wieder zu einer solchen nichtchristlichen Kultur werden. Wenn Sie also wieder einmal Berichte aus sogenannten “Drittweltländern” lesen oder hören über Korruption, Kriminalität, Verantwortungslosigkeit, Misswirtschaft, Mangel an Barmherzigkeit gegenüber Notleidenden, usw, dann bitte ich Sie daran zu denken: Solche Berichte sind zugleich Illustrationen dessen, was auch auf Europa zukommt, wenn Europa nicht umkehrt zu Gott und seinem Wort.

Kennzeichen der Urgemeinde in Apostelgeschichte 2 (5.Teil)

31. Juli 2017

Sie blieben im Brotbrechen und gemeinsamem Essen.

Das „Brotbrechen“ war ein so wichtiger Aspekt der christlichen Gemeinschaft, dass es in unserem kurzen Abschnitt (Apg.2,42-47) gleich zweimal erwähnt wird. Der Text sagt es hier nicht ausdrücklich, aber vom Gesamtzusammenhang des Neuen Testamentes her können wir mit ziemlicher Sicherheit annehmen, dass dieses „Brotbrechen“ gemäss der Anweisung des Herrn „zu seiner Erinnerung“ geschah (Lukas 22,19; 1.Korinther 11,24-25). D.h. es handelt sich um das, was Paulus auch „das Mahl des Herrn“ nennt (1.Korinther 11,20). Wir stellen aber fest, dass die Urgemeinde dies auf ganz andere Weise tat als die meisten heutigen Kirchen.

Erstens einmal lesen wir hier von keinem „Ritual“ und von keiner formellen Zusammenkunft. Das „Brotbrechen“ war gleichbedeutend mit „zusammen essen“. Die Christen kamen zusammen, um ihr Essen miteinander zu teilen, und im Rahmen dieses Essens erinnerten sie sich auch an den Tod und die Auferstehung des Herrn, so wie er es ihnen geboten hatte. Das „Mahl des Herrn“ war also eine wirkliche Mahlzeit, nicht ein Ritual mit einem kleinen symbolischen Stück Keks.

Wir stellen auch fest, dass dieses Brotbrechen in der Privatsphäre des eigenen Heims geschah. Es war ein normaler Teil der koinonía und der familiären Gemeinschaft in den Häusern, wie in den vorhergehenden Artikeln beschrieben.

Jesus setzte dieses Mahl im Zusammenhang mit dem jüdischen Passahfest ein (Lukas 22,7-20 und Parallelen). D.h. das Mahl des Herrn ist die natürliche Fortsetzung des Passah. Nun ist auch das Passah eine sehr familiäre Feier. Es versammeln sich eine, zwei, oder vielleicht drei Familien; gerade die Anzahl Personen, die gemeinsam ein Lamm aufessen können (2.Mose 12,3-4). Sie versammeln sich zuhause, und der Familienvater leitet die Feier, im Gespräch mit seinen Kindern (2.Mose 12,25-27). Kein Priester, Rabbiner, oder sonst eine „besondere Person“ muss dabei zugegen sein.

Infolgedessen feierte auch die neutestamentliche Gemeinde das Mahl des Herrn in den Häusern, in einem familiären Rahmen, und ohne irgendeinen „Pfarrer“, „Pastor“ oder „Priester“. Solche Ämter gab es in der neutestamentlichen Gemeinde gar nicht. Die Jerusalemer Gemeinde wurde zuerst von den Aposteln geleitet, und später lesen wir auch von Ältesten (Apg.11,30; 15,2). Aber bei der grossen Anzahl der Jünger war es ganz unmöglich, dass jedes Mal ein Apostel zugegen gewesen wäre. Da die ersten Christen alle Juden waren, ist die natürliche Schlussfolgerung, dass es auch bei ihnen die Familienväter waren, die bei diesem gemeinsamen Essen Verantwortung übernahmen, wo es nötig war.

Stellen wie 1.Korinther 11,17-22 und Judas 12 weisen darauf hin, dass nach der ursprünglichen Idee dieses gemeinsame Essen auch zur Unterstützung der Bedürftigen diente: Wer viel besass, brachte viel Essen mit und teilte mit jenen, die wenig oder nichts hatten. Judas nennt diese Mahlzeiten „agapes“ (das griechische Wort für „Liebe“).
Aber die genannten Bibelstellen zeigen auch, dass schon in der apostolischen Zeit die fleischliche und eigensüchtige Gesinnung einiger Teilnehmer Probleme verursachte, zumindest an einigen Orten. Deshalb rät Paulus den Korinthern für den Fall, dass diese Probleme weiterbestünden, dass besser jeder zuhause für sich essen solle – oder zumindest jene, die eigensüchtigerweise in der Versammlung assen, ohne mit den Bedürftigen zu teilen.
Es scheint, dass dieser Brauch der „agape“-Mahlzeiten wie eine sehr zarte Blume ist, die nur unter ganz bestimmten vorteilhaften Bedingungen wachsen kann. In der ursprünglichen Gemeinde waren diese Voraussetzungen von Reinheit, Heiligkeit und Bruderliebe erfüllt; aber in den folgenden Jahrzehnten begannen sie bereits abzunehmen. Es überrascht deshalb nicht besonders, dass schon gegen Ende des ersten Jahrhunderts die meisten Gemeinden die „agape“-Mahlzeiten ganz aufgegeben hatten. Aber das war ein grosser Verlust, denn von da an begann das Mahl des Herrn zu dem sterilen Ritual zu werden, das es bis heute in fast allen Kirchen ist.

Zusammengefasst: Die ersten Christen assen täglich gemeinsam in den Häusern, und anlässlich dieser Mahlzeiten feierten sie auch die Erinnerung an den Tod und die Auferstehung des Herrn. Das waren familiäre Zusammenkünfte; es gab keine „Pfarrer“, „Pastoren“ oder „Priester“. Wenn jemand Verantwortung übernehmen musste für den guten Verlauf einer Zusammenkunft, dann taten das die Ältesten oder Familienväter, gemäss dem jüdischen Vorbild. Eine Kirche, die lehrt, die Feier des Herrenmahls hänge irgendwie von einem Priester- oder Pfarramt ab, ist vom neutestamentlichen Vorbild abgewichen.
Das gemeinsame Teilen des Essens (agape) ist nicht ausdrücklich vorgeschrieben, ist aber implizit enthalten in der Form, wie Jesus selber das Mahl des Herrn einsetzte. Wenn es einer christlichen Gruppe schwerfällt oder gar unmöglich ist, öfters zu „agapes“ zusammenzukommen, dann sollte sie dringend vor Gott ihr geistliches Leben überprüfen.

Kennzeichen der Urgemeinde in Apostelgeschichte 2 (4.Teil)

20. Juli 2017

Sie waren täglich in den Häusern zusammen.

„Und sie blieben ausdauernd täglich auf dem heiligen Platz und im Brotbrechen von Haus zu Haus, und assen zusammen mit Freude und einfachem Herzen …“
(Apostelgeschichte 2,46)

„Auf dem heiligen Platz“ waren sie, um an der Lehre der Apostel teilzuhaben, wie in einer früheren Betrachtung schon erklärt. Aber sie waren auch „von Haus zu Haus“ zusammen. Das war der Ort, um koinonía und gegenseitige geistliche Auferbauung und Ermutigung zu praktizieren. Die Gemeinschaft in den Häusern war die Versammlungsform, die weiterbestand, als es nicht mehr möglich war, öffentlich auf dem heiligen Platz zu lehren; und es war die einzige regelmässige Versammlungsform ausserhalb von Jerusalem. (Ab dem 7.Kapitel der Apostelgeschichte, als in Jerusalem eine Verfolgung begann, lesen wir nichts mehr vom Lehren auf dem heiligen Platz.) Erinnern wir uns noch einmal daran, dass die neutestamentlichen Christen keinerlei synagogen-ähnliche Strukturen organisierten. Sie bauten auch keine Versammlungslokale.

Die Apostelgeschichte erwähnt an verschiedenen Stellen das „Haus“ als den Ort, wo sich die Gemeinden trafen: 2,2; 5,42; 8,3; 11,11-15; 12,12; 16,31-34; 16,40. In den Apostelbriefen lesen wir u.a. von der „Gemeinde im Haus von Priszilla und Aquilas“ (1.Korinther 16,19), von der „Gemeinde im Haus von Nymphas“ (Kolosser 4,15), von der „Gemeinde im Haus von Philemon“ (Philemon 2). Gayus wird „mein Gastgeber und der ganzen Gemeinde“ genannt (Römer 16,23). Johannes schreibt, wir sollen einen falschen Lehrer nicht „ins Haus“ aufnehmen (2.Johannes 10). – An keiner Stelle wird diese Gemeinschaft in den Häusern als eine Art von „Zellen“ oder „Hauskreisen“ beschrieben, die von einer grösseren „Gemeinde“ abhängig wären. Es handelt sich immer um vollgültige, unabhängige Gemeinden. Die Gemeinschaft in den Häusern war im Neuen Testament die normale Form, „Gemeinde zu leben“.

Das ist nicht einfach eine Frage des Versammlungsortes. In den biblischen Ursprachen ist „Haus“ gleichbedeutend mit „Familie“. Die Gemeinschaft der Urgemeinde geschah im Rahmen von familiären Beziehungen. Es handelte sich nicht um formelle Anlässe einer „Institution“.
Wir können sogar annehmen, dass die meisten Gemeinden jener Zeit mit einer Familie begannen, die sich als ganze zu Jesus bekehrt hatte. Bekehrungen ganzer Familien werden u.a. in Apg.10,24-28; 16,31-34, und 1.Korinther 16,15 beschrieben.
Infolgedessen waren in der Urgemeinde die Familien als ganze zusammen. Sie versammelten nicht Kinder gesondert oder Jugendliche gesondert; sie trennten auch nicht die Frauen von den Männern; sie schlossen auch die Sklaven nicht aus. Wir können das aus den apostolischen Briefen schliessen, die geschrieben wurden, um allen vorgelesen zu werden, die im Haus anwesend waren. Diese Briefe enthalten Stellen, die sich sowohl an Väter wie an Mütter richten, an Ehemänner und Ehefrauen, an Sklaven und Herren, und auch an Jugendliche und Kinder. (Z.B. Epheser 5,21-6,9; Kolosser 3,18-4,1; 1.Johannes 2,12-14.)

In der damaligen jüdischen Kultur war das das Normalste von der Welt; denn die ganze jüdische Gesellschaftsstruktur war auf den Familien aufgebaut. Das ganze Volk Israel hatte seinen Ursprung in Jakobs Familie. Die Leiter des Volkes (die Ältesten) waren die weisesten Väter der Familien, Sippen und Stämme.
Wenn eine Gemeinde diese Familienstruktur verliert und sich „institutionalisiert“, dann verliert sie ein wesentliches Element des neutestamentlichen Christentums. Es ist tragisch, dass die meisten heutigen Kirchen nicht einmal wissen, dass in die Urgemeinde diese Familienstruktur existierte; und so ist ihnen auch nicht bewusst, was sie im Lauf ihrer Geschichte verloren haben.

Ein anderer Aspekt der Gemeinschaft in den Häusern bestand darin, dass sich dort nicht zu viele Personen aufs Mal versammeln konnten. Das ist wichtig, um koinonía praktizieren zu können. Wenn mehr als zwanzig bis fünfundzwanzig Personen beisammen sind, dann wird es schwierig, zu jedem eine persönliche Beziehung aufzubauen; und es bekommt nicht mehr jeder Gelegenheit, zur gemeinsamen Auferbauung beizutragen. Aber damit koinonía funktioniert, kann es keine „Passivmitglieder“ geben. Wie Paulus sagt: „Wenn ihr zusammenkommt, dann hat jeder von euch ein Lied, hat eine Lehre, hat etwas, was Gott ihm gezeigt hat, hat eine [Botschaft in einer] Sprache, hat eine Auslegung …“ (1.Korinther 14,26). Diese Gemeinschaft war nicht wie die Versammlungen so vieler heutiger Kirchen, wo eine einzige Person „leitet“ oder lehrt, und die übrigen hören passiv zu. In der neutestamentlichen Gemeinde trugen alle Mitglieder etwas bei mit den Gaben, die Gott ihnen gegeben hatte. Das ist natürlich in einer Versammlung von mehreren hundert Personen nicht mehr möglich.

Diese koinonía in der Familie und mit mehreren Familien ist wesentlich zum geistlichen Wachstum. Insbesondere ist es wichtig, dass jedes Mitglied lernt, aktiv zur geistlichen Auferbauung der anderen beizutragen. Eine Gruppe, die ihre Mitglieder zu passiven Zuhörern theologischer Lehrvorträge macht, verhindert ihre Reifung im Glauben. Die neutestamentliche Gemeinde ermutigt alle ihre Mitglieder und fordert sie heraus, ihren Glauben in die Praxis umzusetzen.
Die neutestamentliche Gemeinde respektiert und verteidigt auch die Familienstruktur. Sie trennt ihre Mitglieder nicht nach Alter oder anderen Kriterien. Stattdessen fördert sie die Einheit und Gemeinschaft der Familienmitglieder unter sich: die Ehebeziehung; die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern; die Verantwortung der Eltern, selber ihre Kinder zu erziehen (statt diese Aufgabe mehrheitlich Vertretern von Schulen und Kirchen zu überlassen).

– Wir können uns fragen, warum die ersten Christen täglich beisammen waren. In den späteren Kapiteln der Apostelgeschichte und in den Briefen finden wir keinen Hinweis mehr auf die Häufigkeit des Zusammenseins, und erst recht kein „Gesetz“, täglich zusammenzukommen. Aber die ersten Christen liebten den Herrn und einander so sehr, dass sie jeden Tag zusammen sein wollten. Wenn diese innige Gemeinschaft mit dem Herrn abnimmt, dann nimmt auch das Verlangen ab, mit anderen Glaubensgeschwistern zusammenzusein.
Eine christliche Gruppe kann also ihr geistliches Leben nicht dadurch aufbessern, dass sie einfach zu häufigeren Versammlungen aufruft. Im Gegenteil, es zeugt von geistlicher Verarmung, wenn ein Leiter denkt, er müsse seine Geschwister ermahnen: „Ihr müsst an allen Versammlungen teilnehmen!“ Wenn das Verlangen, zusammen zu sein, nicht auf natürliche Weise aus den Herzen der Geschwister fliesst, dann zeigt das an, dass verschiedene Dinge nicht in Ordnung sind in ihrem geistlichen Leben, oder in der Art, wie die Gemeinde funktioniert. Es wäre in diesem Fall besser, wenn jeder (und ganz besonders die Leiter!) den Herrn suchte und sich selber prüfte: Was fehlt mir, um ein „neutestamentlicher Mensch“ zu sein? Und was fehlt unserer Gemeinde, um neutestamentliche Gemeinde zu sein?

Auf dem Weg zur Koinonía

13. Juli 2017

Dies ist ein persönlicher Nachtrag zur letzten Betrachtung über neutestamentliche Gemeinde. Gerne hätte ich als Titel geschrieben: „Wie Koinonía bei uns funktioniert.“ Doch es funktioniert noch nicht immer. Wir haben erste Schritte getan; weitere müssen folgen. Ich hoffe und wünsche, dass auch so unsere ersten Schritte dem einen oder anderen Leser als Ermutigung dienen mögen, einen ähnlichen Weg zu begehen und darauf w.m. weiter fortzuschreiten, als wir gekommen sind.

Gemeinsame Mahlzeiten

Am Anfang stand eine ganz informelle Gemeinschaft mit einer zum Glauben gekommenen Nachbarin. Ab und zu luden wir sie spontan zu uns zum Essen ein, und mit der Zeit lud auch sie uns manchmal zu sich nach Hause ein. Dann stiess eine dritte Familie dazu, und wir beschlossen, mindestens einmal in der Woche gemeinsam zu Mittag zu essen. Doch da war es schon nicht mehr so einfach, eine geeignete Form zu finden. Wir begannen damit, dass jede Familie einige Lebensmittel mitbrachte und wir gemeinsam kochten. Jeder tat, was es gerade zu tun gab. Meistens ergab es sich so, dass die Frauen in der Küche kochten und miteinander plauderten, während wir Männer uns mit den Kindern abgaben. (Meistens sind wir nur zwei Männer, da in einer der Familien der Vater nicht gläubig ist und deshalb selten an diesen gemeinsamen Zeiten teilnimmt.) Nach dem Mittagessen hatten wir dann eine gemeinsame Zeit zum Austauschen, Bibellesen, Gebet, Singen, oder was sich gerade ergab. Aber so etwa nach einer Stunde schliefen meistens die kleineren Kinder ein. Ihre Eltern befanden sich dann in einem Dilemma: Sollten sie ihre Kinder bei uns auf einer Matratze betten (was dann manchmal zu einem kleinen Drama führte, wenn die Kinder zum Nachhausegehen aufgeweckt werden mussten)? Oder sollten sie nach Hause gehen, bevor die Kinder einschliefen, damit sie zuhause ruhig einschlafen konnten? – Wir merkten auch, dass die Zeit nach dem Mittagessen für ernsthafte Gespräche nicht ideal war, wie die Volksweisheit sagt: „Voller Bauch studiert nicht gern.“ Aber vor dem Essen war einfach keine Gelegenheit dazu, denn peruanische Küche ist arbeitsintensiv, das dauert seine zwei bis drei Stunden.
Dann hatte einmal jemand die Idee, wir könnten doch jeder ein fertig gekochtes Essen mitbringen. Dann könnten wir die Zeit vor dem Mittagessen zum gemeinsamen Gespräch und Gebet nutzen. Das ging eine Zeitlang gut; und es war jeweils ein interessanter Überraschungseffekt zu sehen, was da für Kombinationen von Menüs zusammenkamen… Doch allmählich wurde die Zeit vor dem Essen immer kürzer, weil der Morgen manchmal den Hausfrauen zu kurz war, und dann trafen sie erst gegen Mittag ein.
Es wurde dann der Vorschlag gemacht, wir könnten doch statt zum gemeinsamen Essen zum gemeinsamen Fasten zusammenkommen. Doch niemand konnte sich so richtig dafür erwärmen, und so wurde dieser Vorschlag fallengelassen. (Und für die Kinder hätte ja trotzdem jemand kochen müssen.)
So kehrten wir nach einiger Zeit wieder zum gemeinsamen Kochen zurück. Alle bemühten sich, etwas früher zu kommen, sodass zwischen Kochen und Mittagessen noch etwas Zeit blieb für Gemeinschaft mit allen. Und die Kinder waren mittlerweile etwas grösser und schliefen nicht mehr so oft nach dem Essen ein, sodass auch das Zusammensein nach dem Essen einfacher wurde.
Wir haben daraus gelernt, dass der einfache Vorsatz, „zusammen zu essen und Gemeinschaft zu haben“, nicht genügt. Wir mussten uns konstant darum bemühen, geeignete äussere Bedingungen dafür zu schaffen. Wie diese genau aussehen, dafür gibt es wohl kein Allgemeinrezept; das kann von Gruppe zu Gruppe und von Familie zu Familie ganz unterschiedlich sein, und es kann sich auch in ein und derselben Gruppe mit der Zeit ändern.

Und die Kinder?

Ältere Kinder können gut in eine informelle Zeit der Gemeinschaft einbezogen werden und können selber auch dazu beitragen. Mit Kleinkindern ist es schwieriger, da ihre Aufmerksamkeitsspanne kürzer ist und sie manches noch nicht verstehen können. Wir haben ein Zimmer neben dem Wohnzimmer als Spielzimmer für die Kinder eingerichtet, und eine andere Familie hat es bei sich zuhause ebenso gemacht. So können wir als Erwachsene Gespräche führen und gleichzeitig sehen, was die Kinder machen; und die Kinder können problemlos zu uns kommen, wenn sie an unserer Gemeinschaft teilhaben wollen oder wenn sie Hilfe brauchen. Manchmal geht auch ein Erwachsener ins Spielzimmer und spielt mit den Kindern oder erzählt ihnen eine biblische Geschichte. Beim Singen sind die Kinder gerne dabei, und die Fünfjährige trägt seit kurzem auch gerne aktiv zum gemeinsamen Gebet bei.
Manchmal wollen Kleinkinder gerne bei ihren Eltern auf dem Schoss sitzen. Auch das geht meistens gut, solange sie lernen können, leise zu sprechen, wenn sie ihren Eltern etwas sagen wollen.
Zur gegenseitigen Auferbauung gibt es keine Altersgrenze. Einmal war eine Familie bei uns, die aus einer anderen Gegend kam und noch kaum jemanden am Ort kannte. Sie hatten ein sechsjähriges Mädchen. Dieses vermisste offenbar ihre Freundinnen vom alten Wohnort. Während die Kinder zusammen spielten, begann sie plötzlich zu weinen, rannte nach draussen, und wollte nicht mehr hereinkommen. Schliesslich erklärte sie schluchzend: „Ich habe keine Freundinnen hier, und wenn mich die Kinder hier weinen sehen, dann wollen sie sicher erst recht nicht meine Freunde sein, und darum möchte ich lieber draussen bleiben.“ Meine Frau und ich versuchten ihr zuzureden; dann kam auch das fünfjährige Mädchen aus unserer Gruppe zu ihr und begann sie zu trösten: „Doch, ich habe dich lieb und möchte deine Freundin sein, und Gott hat dich auch lieb, und es macht nichts, wenn du weinst, ich muss auch manchmal weinen und Gott versteht das …“ und so weiter, bis sich das andere Mädchen beruhigen liess, und wir beteten dann auch gemeinsam für sie.

Das Leben miteinander teilen

Das ist der Aspekt, den man am wenigsten planen oder schematisieren kann. Wir sind noch am Lernen, was das in der Praxis bedeutet. Z.B. bereit zu sein, ohne vorherige Abmachung die Kinder einer anderen Familie oder das Haus einer anderen Familie zu hüten, wenn es nötig ist. Oder beim Essen plötzich zwei oder drei unangemeldete Gäste am Tisch zu haben. Oder plötzlich gerufen zu werden, um für einen Kranken zu beten oder in einem Ehestreit zu vermitteln. (Ich weiss, ein „Pfarrer“ muss diese Bereitschaft haben. Aber was bedeutet es dann, dass wir als Christen alle Priester sind?) Oder aber auch unvorhergesehenerweise zu einer Geburtstagsfeier „entführt“ zu werden…
Ich wusste, dass manches von dem Genannten ein Teil dessen ist, was traditionellerweise „Hirtendienst“ oder „vollzeitlicher Dienst“ genannt wird. Aber als normalen Bestandteil des Lebens von „gewöhnlichen Gläubigen“ habe ich das in den institutionellen Kirchen nie kennengelernt. Ich bin deshalb in dieser Hinsicht immer noch in einem Prozess des Umdenkens und „Um-Lebens“.
Wir sind selber auch froh und dankbar, einige Glaubensgeschwister zu kennen, die wir mit unseren Nöten behelligen dürfen. Das war insbesondere der Fall, als meine Frau einmal nachts notfallmässig in ein drei Stunden entferntes Spital gebracht werden musste, weil sie woanders nicht behandelt werden konnte. Dafür kann man hier keinen Krankenwagen bekommen! Aber ein Bruder in Christus war bereit, uns hinzufahren, und begleitete uns, bis wir alle notwendigen Formalitäten erledigt hatten und sicher sein konnten, dass meine Frau die benötigte Behandlung erhielt.

Geistliche Gaben miteinander teilen

Das Neue Testament nennt unter den Gaben des Heiligen Geistes nicht nur „Wort-Gaben“ zur gegenseitigen Auferbauung, sondern auch praktische Dinge wie Barmherzigkeit, Gastfreundschaft, usw. Mit letzteren hat uns Gott ziemlich reich gesegnet, wie oben berichtet. Wir tragen einander auch gegenseitig im Gebet und erleben ab und zu Antworten Gottes. Doch was die „Wort-Gaben“ betrifft, würde ich dieses Thema am liebsten übergehen, denn dieser Bereich funktioniert noch nicht zu meiner Zufriedenheit … und ich weiss nicht, ob das daran liegt, dass uns als Gruppe etwas fehlt – oder vielleicht daran, dass ich selber aus einer kirchlichen Tradition komme, wo diese Art von Gaben in einer ganz bestimmten Weise ausgeübt wurden, und ich noch nicht imstande bin zu erkennen, wenn Gott diese Gaben in anderen Formen geben will?
Z.B. habe ich manchmal den Eindruck, dass sich unsere Gespräche – selbst wenn es um biblische Inhalte geht – zu oft auf der Ebene rein menschlicher Meinungen oder Eindrücke bewegen. Ich bin dann manchmal versucht zu fragen: „Sind das deine eigenen Gedanken, oder sagt Gott dir das?“ Doch dann habe ich den Eindruck, dass Gott mich zurückhält und mir sagt: „Entmutige sie nicht!“ Es könnte ja auch sein, dass Gott seine Worte und Weisungen gerade unter dieser Gestalt „menschlicher“, „alltäglicher“ Bemerkungen in unsere Mitte geben will? – Und dann gibt es diese seltenen Momente wie die oben berichteten Trostworte des fünfjährigen Mädchens, die sicher von Gott gewirkt waren.
Selbst von meiner eigenen Gabe, der Lehrgabe, habe ich noch nicht herausgefunden, wie Gott möchte, dass ich sie in dieser Umgebung anwende. Ich habe mich von der kirchlichen Tradition abgewandt, „Lehrveranstaltungen“ durchzuführen; aber ich muss erst noch herausfinden, wie es stattdessen funktionieren soll. Manchmal fragt mich meine Frau: „Hast du nicht eine Lehre für uns?“ Ich habe zwar viele biblische und theologische Themen im Kopf, aber wenn mir dann das eine oder andere Thema in den Sinn kommt, habe ich (fast) immer den Eindruck, es passe nicht zu den Anwesenden, oder jedenfalls nicht im gegenwärtigen Moment. So beschränkt sich meine Ausübung dieser Gabe z.Z. auf die Beantwortung von zielgerichteten Fragen, die dann und wann im Gespräch auftauchen. Manchmal denke ich aber auch, Gott erlaubt mir vorerst nicht mehr zu sagen, damit die übrigen Teilnehmer herausgefordert sind, selber mehr beizutragen und in der Bibel zu forschen. Also, ich kann in dieser Hinsicht noch nicht sagen, worauf dieser Prozess hinauslaufen wird; ich möchte einfach darauf vertrauen, dass Gott alles in seiner Hand hat.
Meine Frau hat es in dieser Hinsicht einfacher: ihre hauptsächliche Gabe ist Seelsorge und persönliche Beratung, und unsere Gespräche drehen sich oft um persönliche Anliegen.

Sündenbekenntnis

Ein wichtiger Bestandteil neutestamentlicher Gemeinschaft ist Jakobus 5,16: „Bekennt einander die Sünden und betet füreinander, damit ihr gesund werdet!“ Das ist eine grosse Herausforderung an die Transparenz jedes Einzelnen. Wir erleben diese Herausforderung vor allem dann, wenn es zwischenmenschliche Spannungen gibt. Diese können nicht gelöst werden, ohne dass die Beteiligten ihre jeweiligen Fehler und Sünden in dieser Sache eingestehen. Bis jetzt durfte das mit Gottes Hilfe jeweils geschehen, und wir sind dankbar dafür.
Wir hatten auch einige Fälle, wo jemand uns aufsuchte, um eine wirklich ernste Sünde zu bekennen. Da war dann das „Betet füreinander, damit ihr gesund werdet“, eine gewichtige Angelegenheit, die nicht mit einem einzigen Treffen erledigt war.
Bei mir selber – und auch bei anderen – habe ich festgestellt, dass es manchmal schwerer fällt, „kleine“ Sünden zu bekennen als grosse: Undankbarkeit Gott gegenüber; eifersüchtige Gedanken; unnützes Reden; mangelndes Mitgefühl; mangelndes Vertrauen auf Gott … Man denkt dann manchmal: „Das ist ja nicht der Rede wert“, oder: „Dadurch ist ja niemand zu Schaden gekommen“. Und bei Sünden, die sich allein gegen Gott richten und nicht gegen Mitmenschen, oder die sich auf Gedanken beschränken, da ist es ja auch möglich, diese allein vor Gott zu bekennen und seine Vergebung zu erhalten. Aber manchmal bleibt dann trotzdem eine Last auf dem Gewissen, und das ist dann ein Zeichen, dass ich auch vor einem Bruder bekennen sollte.
Was Gott uns deutlich klargemacht hat: Niemand soll zu einem Sündenbekenntnis gedrängt oder gar gezwungen werden. Überführung von Sünde ist ein Werk des Heiligen Geistes (Joh.16,8-11), und niemand von uns darf die Stelle des Heiligen Geistes einnehmen wollen. Wo Überführung geschieht, da wird der Betreffende selber eine Gelegenheit zum Bekenntnis suchen. Wo nicht, da kann ich ihn zwar darauf hinweisen, dass er meiner Ansicht nach gesündigt hat; aber wenn er mein Wort nicht annimmt, dann sollte ich in erster Linie darum beten, dass Gott selber ihn überführt.
(Anders liegt der Fall natürlich bei groben, offensichtlichen und gewohnheitsmässigen Sünden, wie in 1.Kor.5,11 beschrieben; aber ich beziehe mich hier nicht auf solche Fälle.)

Dienst und Zeugnis nach aussen

Bisher hatten wir nie den Eindruck, dass wir als Gemeinschaft irgendeinen „organisierten“ Dienst nach aussen wahrnehmen sollten. Eine Mutter sagte einmal: „Ich weiss, dass Gottes Auftrag an mich gegenwärtig darin besteht, meine Kinder zu erziehen.“ Möglich, dass sich das einmal ändern wird; wir wollen immer für Gottes Leitung offen sein. Jeder von uns hat aber seine Begegnungen mit Bekannten, Verwandten, Nachbarn, Arbeitskollegen, usw. Die meisten dieser Menschen wissen natürlich um unser Christsein, denn das lässt sich kaum verbergen, wenn man im täglichen Leben nach Gottes Grundsätzen lebt. So ergeben sich immer wieder Gelegenheiten zu Glaubensgesprächen. Wenn wir zusammenkommen, beten wir oft gemeinsam für diese Menschen, denen jeder von uns begegnet ist. Mehrere von ihnen sind schon ins Fragen gekommen und interessieren sich für Jesus. Aber von da bis zu einer echten Bekehrung und Wiedergeburt ist es noch ein weiter Weg.
Manche von uns haben auch Bekannte, die wissen, dass wir unser Christsein auf unkonventionelle und unkirchliche Weise leben, und uns deswegen Vorwürfe machen. Da steht man manchmal in Versuchung, zuerst die Kirchen zu kritisieren (und es gibt ja wahrhaftig viel Grund dazu). Aber wir wollen stattdessen in erster Linie auf Jesus hinweisen, der die Mitte unseres Lebens ist.

Kennzeichen der Urgemeinde in Apostelgeschichte 2 (3.Teil)

30. Juni 2017

Sie blieben ausdauernd in der Gemeinschaft miteinander.

Das griechische Wort für „Gemeinschaft“ ist „koinonía“; und das ist ein sehr gewichtiges Wort. Unter anderem schliesst es die folgenden Aspekte ein:

Eine persönliche Beziehung tiefen gegenseitigen Verständnisses und Identifikation. – Zwischen zwei echten Christen ist ein gegenseitiges tiefes geistliches Verständnis möglich, weil es derselbe Heilige Geist ist, der in beiden lebt. Sie können sich gegenseitig in ihrem geistlichen Leben ermutigen, und einander helfen, die Dinge Gottes besser zu verstehen. Diese gegenseitige „Auferbauung“ ist keineswegs auf „religiöse Versammlungen“ beschränkt. Sie geschieht spontan, wo immer sich zwei echte Christen begegnen, sei es auf der Strasse, am Arbeitsplatz, oder wo auch immer.
Der Heilige Geist befähigt auch dazu, sich mit den Freuden, Problemen und Leiden anderer Christen zu identifizieren: „Und wenn ein Glied leidet, dann leiden alle Glieder mit ihm; und wenn ein Glied Ehre empfängt, dann freuen sich alle Glieder mit ihm.“ (1.Korinther 12,26). „Freut euch mit den Fröhlichen, und weint mit den Weinenden.“ (Römer 12,15).
Diese Art von Gemeinschaft erfordert Transparenz und Ehrlichkeit: „Aber wenn wir im Licht leben, wie er im Licht ist, haben wir Gemeinschaft miteinander …“ (1.Johannes 1,7). So heisst es auch von den ersten Christen, dass ihre Gemeinschaft „mit einfachen Herzen“ geschah (Apg.2,46). D.h. sie verstellten sich nicht in ihren Beziehungen untereinander. Sie dachten nicht etwas und sagten etwas anderes. Sie gaben nicht vor, etwas zu sein, was sie nicht waren.
Kennst du die Freuden, die Sehnsüchte, die Lebensziele, die Anstrengungen, die persönlichen Schwierigkeiten der Christen, mit denen du zusammenkommst? Und kennen sie dich auf diese Weise? Nimmst du Anteil am Leben deiner Glaubensgeschwister, um sie zu ermutigen, aufzubauen, für sie zu beten, ihnen zu helfen, ihnen Rat zu geben? Nehmen deine Glaubensgeschwister in derselben Weise an deinem Leben teil?
Wenn wir das geistliche Leben einer christlichen Gruppe messen wollen, dann ist die Qualität ihrer persönlichen Beziehungen untereinander eines der aufschlussreichsten Merkmale. Herrscht da diese transparente und aufrichtige Gemeinschaft, diese echte Identifikation mit dem Leben der Geschwister, diese gegenseitige geistliche Auferbauung? Oder herrschen die „institutionellen“ Beziehungen vor, die nur dazu da sind, die Zusammenarbeit für die Zwecke der religiösen Institution sicherzustellen, ohne dass eine echte Bruderliebe vorhanden wäre? (Siehe dazu auch: „Institution Kirche, Institution Schule – dieselben Probleme“, sowie „Das Tier, das Milgram-Experiment und die Kirchen“.)
– In manchen heutigen Kirchen reden die Mitglieder einander als „Geschwister“ an; aber in Wirklichkeit haben sie längst nicht dasselbe Vertrauen unter „Geschwistern“ wie unter den Mitgliedern ihrer natürlichen Familie. Sie sind Mitglieder derselben religiösen Institution, aber sie können nicht miteinander transparent kommunizieren, weil sie nicht wirklich Geschwister im Geist sind. Wo das der Fall ist, da ist es Heuchelei, die Bezeichnungen „Bruder“ und „Schwester“ zu verwenden, weil gar keine Wirklichkeit dahintersteht, und weil wahrscheinlich ein grosser Teil der Mitglieder dieser Kirchen gar nicht wiedergeboren sind.

Sie entspringt einer Beziehung derselben Qualität mit dem Herrn Jesus selber. – Jede geistliche koinonía unter Christen fliesst aus der persönlichen Beziehung, die jeder von ihnen mit Jesus hat. Ein Christ kann seinen Bruder lieben, weil der Herr ihn liebt (1.Johannes 4,10-11), und weil er den Herrn liebt, der in seinem Bruder lebt. Er kann seinen Bruder trösten, weil der Herr ihn bereits getröstet hat (2.Korinther 1,3-6). Er kann seinen Bruder geistlich auferbauen mit den Gaben, die der Herr ihm gegeben hat (1.Petrus 4,10-11).
Die Beziehung, die der Herr mit uns haben möchte, ist so tiefgehend, dass Paulus schreiben kann: „… (ich wünsche) ihn kennenzulernen, und die Kraft seiner Auferstehung, und die koinonía seiner Leiden, indem ich ihm ähnlich werde in seinem Tod, ob ich irgendwie zur Auferstehung aus den Toten gelangen möge.“ (Philipper 3,10-11). Paulus schreibt hier nicht davon, einfach etwas über die Leiden Jesu zu „wissen“, oder sich seine Leiden „vorzustellen“. Er spricht von seinen eigenen Leiden um Christi willen! Vergessen wir nicht, dass Paulus diesen Brief aus dem Gefängnis schrieb, wo er leiden musste, weil er das Evangelium verkündigt hatte. So schreibt er an die Philipper auch: „Denn euch wurde um Christi willen die Gnade gegeben, nicht nur an ihn zu glauben, sondern auch für ihn zu leiden, da ihr denselben Kampf habt, wie ihr ihn an mir gesehen habt…“ (Philipper 1,29-30). Die Identifikation mit Christus kann unser eigenes Leiden für ihn einschliessen. Und das war die Art von Identifikation, die auch die ersten Christen untereinander hatten. Hier ein weiteres Beispiel: „Grüsst Priszilla und Aquila, … die für mich ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben …“ (Römer 16,3-4).
Wie weit geht deine koinonía mit Christus und mit deinen Glaubensgeschwistern?

Geistliche Gaben miteinander teilen, die jeder vom Herrn empfangen hat. – Wir haben schon die gegenseitige geistliche Auferbauung als einen wichtigen Aspekt der koinonía erwähnt. Darüber lesen wir z.B. in 1.Korinther 14,26, Epheser 5,18-19, Kolosser 3,16, 1.Petrus 4,10-11. Die Zusammenkünfte der ersten Christen bestanden nicht darin, passiv einer „Predigt“ zuzuhören. Im Gegenteil, ihre Zusammenkünfte lebten von den geistlichen Beiträgen aller Anwesenden.

Sie schliesst auch das Teilen des täglichen Lebens und materieller Güter mit ein. – Kehren wir zu Apostelgeschichte 2 zurück. Im Vers 46 lesen wir, dass die ersten Christen täglich in ihren Häusern zusammen waren und gemeinsam assen. Sie hatten also keine besonderen Versammlungen an einem besonders diesem Zweck gewidmeten Ort. Sie hatten Gemeinschaft inmitten ihres Alltagslebens, und sie teilten ihren Alltag miteinander. Auch das ist ein Ausdruck der transparenten Beziehungen, die die ersten Christen miteinander hatten. Wenn ich zu meinem Bruder eine Vertrauensbeziehung habe, dann brauche ich nicht vor ihm zu verstecken, wie ich zuhause mein Alltagsleben lebe.
In einer institutionalisierten Kirche, die sich zu besonderen Zeiten an einem besonderen Ort versammelt, ist es allzu einfach, eine Geistlichkeit vorzutäuschen, die in Wirklichkeit nicht da ist. Die Mitglieder lernen das Leben ihrer Geschwister nicht wirklich kennen. Insbesondere die Leiter können sich gut hinter einem „Kanzel-Image“ verstecken. So ist es allzu einfach für einen Heuchler, einen Lügner, einen Ehebrecher, einen Dieb, einen Betrüger, einen Ungläubigen, eine Leiterschaftsposition einzunehmen – und das ist es, was tatsächlich in vielen Kirchen geschieht. Eine Gruppe von Menschen, die in ihrem Alltagsleben keine koinonía haben untereinander und unter ihren Familien (inbegriffen die Familien der Leiter), wird bald sehr weit vom neutestamentlichen Weg abkommen.

Beachten wir den feinen Unterschied zwischen „Gemeinschaft haben“ und „Versammlungen haben“. Tatsächlich kommt das Wort „Versammlung“ in Apostelgeschichte 2 gar nicht vor! Wenn wir von „Versammlungen“ sprechen, betonen wir den „Anlass“, also etwas Abstraktes. Aber wenn wir von „Gemeinschaft“ sprechen, betonen wir die Menschen: „Ich möchte zu Soundso nach Hause gehen, um Gemeinschaft mit ihm zu haben!“ Wenn wir zur neutestamentlichen Gemeinde zurückkehren wollen, dann müssen wir diese ganze institutionelle Mentalität von „Versammlungen haben“ ändern, und stattdessen in den Begriffen von „Gemeinschaft“ denken.

Wir lesen ausserdem, dass sie „alles gemeinsam hatten, und verkauften ihren Besitz und ihre Güter und verteilten sie an alle, gemäss dem, was jeder nötig hatte.“ (Apg.2,44-45).
In den Apostelbriefen wird nichts mehr davon erwähnt, dass sie „alles gemeinsam hatten“; das scheint eine Besonderheit der Jerusalemer Urgemeinde gewesen zu sein. Aber in allen Gemeinden wurde die gegenseitige Hilfe wichtig genommen, die Grosszügigkeit, die Gastfreundschaft, und die Unterstützung der Armen in ihrer Mitte:

„An den Bedürfnissen der Heiligen nehmt Anteil (habt koinonía), pflegt die Gastfreundschaft.“ (Römer 12,13)
„Nur dass wir an die Armen denken sollen; was ich auch fleissig tat.“ (Galater 2,10)
„So wie wir Gelegenheit haben, lasst uns allen Gutes tun, und besonders den Gliedern der Familie des Glaubens.“ (Galater 6,10).
„Wer stahl, soll nicht mehr stehlen, sondern arbeiten und mit seinen Händen Gutes tun, damit er etwas zu teilen hat mit dem, der Not leidet.“ (Epheser 4,28)
„Nehmt einander gastfreundlich auf ohne Murren.“ (1.Petrus 4,9)
„Wer aber die Güter der Welt hat und sieht seinen Bruder Not leiden, und verschliesst sein Herz vor ihm, wie kann die Liebe Gottes in ihm bleiben?“ (1.Johannes 3,17)

Das waren keine institutionalisierten „Sozialhilfeprogramme“. Die ersten Christen waren nicht von einer Art „humanitären Verpflichtung“ oder von „Entwicklungshilfe“ motiviert. Ihre Motivation war das Bewusstsein, dass sie alle eine erweiterte Familie bildeten. Deshalb spricht Galater 6,10 von der „Familie des Glaubens“. In einer Familie ist es nur natürlich, dass die Mitglieder einander aushelfen, wo Not herrscht. Und in jenen Zeiten, als die Familien noch gesünder waren als heute, schloss diese gegenseitige Hilfe auch die erweiterte Familie mit ein (Grosseltern, Onkel und Tanten, Vettern und Basen, usw.) Wenn die ersten Christen einander „Brüder“ nannten, dann war das nicht einfach ein „Titel“ oder eine Höflichkeitsformel; es war Wirklichkeit. Diese Wirklichkeit drückte sich auch in der gegenseitigen materiellen Hilfe aus.
Wenn diese gegenseitige Hilfe als „Sozialhilfe“ institutionalisiert wird, dann geht dieser beziehungsmässige und familiäre Aspekt verloren, der die Stärke der Urgemeinde war. Es ist nicht dasselbe, ob ich meinen Bruder Soundso unterstütze, den ich persönlich kenne, oder ob ich eine „Spende“ an eine unpersönliche Institution gebe, damit diese damit (hoffentlich) einige mir fremde Menschen unterstützt.

Die Qualität einer aufrichtigen und transparenten „koinonia“ ist ein Mass dafür, wie viel oder wie wenig eine Gruppe von Christen mit der neutestamentlichen Gemeinde gemeinsam hat.