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Gott dienen ohne Namen, ohne „Dienst“, ohne Anerkennung

15. September 2012

Dies ist ein ziemlich persönlicher Artikel. Ich schreibe ihn nach sieben Jahren „Gemeindelosigkeit“, d.h. sieben Jahre ausserhalb der traditionellen Institutionen, die gewöhnlich mit dem „Christentum“ verbunden werden; sieben Jahre in der „Wüste“.

Mein Ausstieg aus den institutionellen Kirchen war nicht vorgeplant. Er begann mit einer Notsituation: Wir mussten entdecken, dass die Sicherheit unserer damals noch kleinen Kinder nicht mehr gewährleistet war an der evangelikalen Institution, wo wir damals als Familie lebten und arbeiteten; und die Leiter der Institution und der Denomination hatten keinerlei Interesse daran, uns in dieser Situation zu helfen oder zu schützen oder auch nur eine Untersuchung in die Wege zu leiten. Deshalb mussten wir jenen Ort fluchtartig verlassen, ohne zu wissen, wohin wir gehen würden, was wir arbeiten würden oder wovon wir leben würden.

Während einer Fastenretraite als Familie zeigte der Herr uns klar, dass nicht nur unsere Zeit an jener Institution zu Ende ging, sondern unsere Zeit im traditionellen evangelikalen Kirchensystem überhaupt. Nicht nur aufgrund der Geschehnisse in jener Institution, die uns schliesslich zum Ausstieg nötigten, sondern auch weil wir schon zuvor verschiedene Unvereinbarkeiten zwischen dem gegenwärtigen Kirchensystem und dem neutestamentlichen Christentum beobachtet hatten. (Verschiedene Artikel in diesem Blog behandeln dieses Thema.)

Es war gar nicht einfach, dieses Wort zu akzeptieren. Wir fühlten uns keineswegs als „Revolutionäre, die alles umstürzen wollen, um ihr eigenes System aufzurichten“ (wie wir von einigen Kirchenleitern dargestellt wurden). Im Gegenteil, wir fühlten uns wie Waisenkinder, die soeben am selben Tag Vater und Mutter verloren hatten. Dieses Gemeindesystem, das während so vielen Jahren unser Arbeitsort, unsere geistliche Familie und unsere gesellschaftliche Umgebung gewesen war, bot uns kein geistliches Leben mehr. Fast von einem Tag auf den anderen erwies sich dieses System als unfruchtbar, leer, feindlich gesinnt – tot. Während manchen Monaten trugen wir einfach nur Trauer um diese toten Kirchen. Damit begann unsere Wüstenwanderung.

Während der ersten Jahre hatten wir noch recht viele Kontakte zu Freunden innerhalb der Kirchen, und besuchten verschiedene Kirchen – einige, weil sich Freunde von uns dort versammelten; andere, weil sie uns noch einluden zu lehren, trotz all der bösen Dinge, die die Leiter über uns verbreiteten. Während dieser Kirchenbesuche hegten wir jedesmal insgeheim die Hoffnung, vielleicht einige Geschwister zu finden, die den Wunsch nach echter persönlicher geistlicher Gemeinschaft hätten, oder nach einer echten Erweckung und geistlichem Leben. Aber unsere Hoffnungen wurden jedesmal enttäuscht. Regelmässig gingen wir deprimiert und mit einem leeren Gefühl von diesen Anlässen nach Hause: routinemässige Programme; lächelnde, aber leere Gesichter; die Erfüllung einer institutionellen Pflicht – damit scheint sich der Durchschnittschrist zufriedenzugeben.

So hörten wir auf, Kirchen zu besuchen. Es blieben einige wenige Kontakte zu Glaubensgeschwistern, die sich auf einer ähnlichen Wüstenwanderung befanden wie wir selbst. Einige von ihnen besuchten weiterhin eine institutionelle Gemeinde, aber sie waren sich bewusst, dass ihr geistliches Leben nicht dort angesiedelt war, sondern in ihrer persönlichen Gemeinschaft mit Gott im stillen Kämmerlein, und vielleicht in einem unscheinbaren Dienst, den sie aus persönlicher Hingabe an den Willen Gottes erfüllten, ohne jede Unterstützung oder „Abdeckung“ durch die Gemeinde.

Wir sind dankbar für diese wenigen Kontakte, die Gott uns gab, und für jene wenigen treuen Geschwister, die uns weiterhin unterstützten und unterstützen, auch nachdem alle Verbindungen zu den organisierten Kirchen zerrissen waren. Aber diese Kontakte waren (und sind) nur sporadisch; unser Weg war und ist weiterhin ein sehr einsamer Weg.

So reduzierte sich unser christliches Leben auf das Allerwesentlichste, und auf den kleinstmöglichen Kreis: unsere persönliche Gemeinschaft mit Gott im Gebet und Bibellesen; die Gemeinschaft zwischen uns als Ehepaar und Familie; und der Dienst für Gott in den kleinen Angelegenheiten des Alltags.

Und wir fanden, dass es tatsächlich diese kleinen Dinge sind, auf die das Neue Testament Gewicht legt: Da lesen wir wenig oder nichts davon, Institutionen und Anlässe zu organisieren, ein „effizientes Management“ zu haben, oder die neusten „evangelistischen Strategien“ einzusetzen. Aber wir lesen viel über unsere Gemeinschaft mit Gott und untereinander, und darüber, Gott treu zu sein im täglichen Leben.

Ich kannte einen Pfarrer, der mir sagte: „Ich ziehe es vor, dass die jungen Leute meiner Kirche nicht zuviel Zeit bei mir zuhause verbringen. Sie könnten da einige Dinge sehen, die sie schockieren, und sie haben noch nicht die nötige Reife, damit umzugehen.“ – Jener Pfarrer nahm sein öffentliches Image sehr wichtig und träumte von mächtigen Institutionen, die grosse evangelistische, soziale und politische Wirksamkeit hätten (obwohl sich sehr wenig davon verwirklichte). Aber er fühlte sich unwohl angesichts der Möglichkeit, dass ihn einige „gewöhnliche Gemeindeglieder“ allzu nahe kennenlernen könnten, in seinem eigenen Heim und im Kreis seiner eigenen Familie.

Ich glaube, da liegt genau der Kern dessen, was schiefgeht im institutionellen und pfarrerzentrierten System der traditionellen Kirchen. Organisation, Leiterschaft, Anlässe und Image werden betont; aber die persönliche Echtheit geht verloren. Damit befindet sich dieses System auf dem Weg in Richtung dessen, was Jesus von den Schriftgelehrten und Pharisäern sagt: „… denn ihr reinigt das Äussere des Bechers und des Tellers, aber inwendig seid ihr voll von Raub und Ungerechtigkeit.“ (Matth.23,25)

Persönlich haben meine Frau und ich immer gespürt, dass unser Leben bereichert wurde durch die Menschen, die über kürzere oder längere Zeit mit uns zusammenlebten – von einigen Tagen bis zu mehreren Jahren. Und es waren auch diese Personen, in denen wir das meiste geistliche Wachstum gesehen haben. Tatsächlich glaube ich, dass dies die einzige wirksame Form des „Betreuens“ bzw. der „Jüngerschaft“ ist: das Leben miteinander zu teilen. Die anderen Dinge, die normalerweise als „pastorale Betreuung“ angesehen werden – eine kirchliche Organisation verwalten, predigen oder Bibelunterricht geben, Befehle erteilen, Seelsorgegespräche führen ohne nähere persönliche Beziehung – sind sehr künstlich und bringen wenig geistliches Wachstum hervor; und ausserdem ermöglichen sie es dem Pfarrer, seine wirkliche Persönlichkeit hinter einer professionellen Maske versteckt zu halten.

Das Leben miteinander zu teilen, ist natürlich eine grosse Herausforderung. Man reibt sich aneinander; wir können den Anschein des „professionellen Christen“ nicht aufrechterhalten; die Menschen sehen uns nicht immer lächelnd, sondern auch manchmal erschöpft, schlechtgelaunt, unkontrolliert… und so können wir die fiktive „Hirte-Schafe-Beziehung“ nicht aufrechterhalten. Wir (als Leiter) erkennen, dass wir selber auch geistliches Wachstum nötig haben. Wir müssen gezwungenermassen anerkennen: „Einer ist euer Meister, der Christus; und ihr alle seid Geschwister“ (Matth.23,8). Im Herrn gibt es nicht „Hirten“ („Pastoren“) und „Schafe“: es gibt einen einzigen Hirten (Jesus), und wir Christen sind alle seine Schafe. Einige Geschwister sind reifer als andere und verdienen es deshalb ernster genommen zu werden; aber wir alle (soweit wir zu Christus gehören) sind Geschwister, die einander gegenseitig helfen zu wachsen. In der neutestamentlichen Gemeinde gibt es nicht „Geistliche“ einerseits und „Laien“ andererseits.

(Eine Anmerkung hier: Ich habe früher auch in christlichen Wohngemeinschaften junger Erwachsener gewohnt, da kann man ähnliche Erfahrungen machen. Aus meiner Erfahrung würde ich aber von solchen Wohngemeinschaften eher abraten: es fehlt dort der tragende „Kern“, der aus einer Familie bzw. einem Ehepaar reifer Christen besteht. Nach Gottes Willen ist die Familie der Kern, aus dem die weiterreichende Gemeinschaft herauswächst. Auch die biblische Ältestenschaft wächst aus der Familiengemeinschaft heraus; siehe 1 Tim.3,4-5.)

Deshalb haben wir als Familie in den letzten sieben Jahren davon abgesehen, uns einen „Namen“ zu geben, einen „Dienst“ zu gründen oder ein „Amt“ einzunehmen. Wir entschieden uns, täglich Gott zu suchen und die kleinen Dinge zu tun, die er uns zeigen würde. Eines Tages stach uns dieser kleine Vers in die Augen:

„Alles was dir vor die Hände kommt, das tu nach deiner Kraft…“
(Prediger 9,10)

Diese Worte sind seither unser Leitvers gewesen. Wir sahen die Kinder einer Nachbarfamilie allein, ohne dass jemand zu ihnen sah: so anerboten wir uns, sie zu hüten. Wir erfuhren, dass ein armer Nachbar krank war: so besuchten wir ihn, beteten für ihn und besorgten Medizin für ihn. Die Grossmutter von Nachbarskindern war gestorben: so gingen wir die Kinder und ihre Eltern trösten, und sprachen zu ihnen von Gott, der ewiges Leben anbietet. Wir haben ein offenes Haus für alle, die uns kennen, und besonders für die Kinder.

Während dieser Zeit erlebten wir eine unerwartete Freiheit, mit ungläubigen Nachbarn und Verwandten über unseren Glauben zu sprechen. Erst da wurde mir bewusst, dass mein christliches Zeugnis vorher immer unter dem Gewicht einer „geheimen Agenda“ gelitten hatte: Ich muss Mitglieder für „meine“ Gemeinde gewinnen. Ich muss „Punkte gewinnen“ vor den Leuten, die mich bewundern und unterstützen, und vor meinen Leitern. Ich muss „Erfolg“ haben. – Jetzt muss ich für niemanden mehr Mitglieder gewinnen. Ich darf einfach ein Mitarbeiter des Herrn sein, bereit dazu, seiner Stimme zu folgen; aber die Ergebnisse sind seine Sache, nicht meine. Er ist es, der seine Gemeinde baut; nicht ich muss „meine“ Gemeinde bauen.

Auf diese Weise dauert es wohl länger, bis jemand sich bekehrt. Es ist nicht einfach, Geduld zu haben, bis der Herr mit seinem Heiligen Geist Überführung von der Sünde wirkt. Es ist viel einfacher, grosse Versammlungen zu organisieren mit viel Werbung und Manipulation, und hundert Menschen ein Übergabegebet nachsprechen zu lassen. Aber unter diesen hundert ist möglicherweise nicht einer, der sich wirklich und von Herzen bekehrt. Ich ziehe es vor, mit einigen wenigen echten Christen Gemeinschaft zu haben, als einer grossen Kirche voller Namenschristen vorzustehen.

Während all dieser Zeit stellten wir uns nie als „Pastoren“, „Lehrer“ o.ä. vor. Wenn jemand nach unserer Religion fragt, dann sagen wir, dass wir keiner Religion oder „Kirche“ (im Sinne einer religiösen Institution) angehören, aber dass wir Christen sind, Nachfolger von Jesus Christus. Wir glauben, dass echte geistliche Autorität darauf beruht, wer wir sind; nicht auf einem Titel oder einer Leiterschaftsstellung. Deshalb sagen wir: Wenn wir echte geistliche Autorität haben, dann werden die Menschen das von selber merken aufgrund dessen, was sie in uns sehen; und wenn sie nichts sehen in uns, dann wissen wir, dass wir keine Autorität haben und noch viel mehr Gott suchen müssen.

Unter den vielen kleinen Dingen, die wir tun, hat sich während der letzten Jahre als Haupttätigkeit die Hausaufgabenhilfe (und z.T. Familienberatung) für Kinder bzw. Familien der Nachbarschaft herauskristallisiert. Schon nach den ersten Nachmittagen, als wir einigen Kindern halfen, begannen sie uns „Lehrer“ bzw. „Lehrerin“ zu nennen und andere Kinder mitzubringen. Dann begannen auch Eltern zu kommen, die um Hilfe für ihre Kinder baten. So bestätigte sich, dass die Menschen uns tatsächlich als das anerkennen, was wir sind und was wir gut tun – in Kürze, für unsere „Früchte“ -, nicht für Titel oder Stellungen, die wir innehaben könnten. (Ein „Lehrer“ z.B. ist nicht der, der ein Lehrerdiplom hat, sondern der, der anderen tatsächlich etwas beibringt und sie in ihrem Verständnis weiterbringt.)

Alle diese Tätigkeiten waren immer integraler Bestandteil unseres Familienlebens. Auch als die Zahl der Kinder zunahm, versuchten wir unserer Arbeit so weit wie möglich keinerlei „schulische“ Strukturen aufzuerlegen (obwohl einige Kinder und Eltern uns „Akademie“ nennen, wie hierzulande solche ausserschulischen Bildungsangebote genannt werden). (Siehe dazu: „Sie sehnen sich nach Familie …“)
Wir haben zwar jeweils eine „Kreiszeit“ zusammen, während der wir z.B. einige Lieder singen, eine biblische Geschichte hören oder lesen, manchmal zusammen spielen, und manchmal Dinge besprechen, die mit allen besprochen werden müssen – aber das ist nicht so verschieden von der Art, wie wir schon immer unsere Familienandacht hielten. Im übrigen teilen wir unser Familienleben, unser Wohnzimmer, und oft auch unseren Mittagstisch mit den Kindern; und wir möchten ganz einfach authentisch sein. Alle schulische oder geistliche Hilfe, die wir ihnen bieten können, fliesst aus diesem Familienleben.

Wenn ich das jetzt mit dem Neuen Testament und mit der jüdischen Kultur vergleiche, dann glaube ich, dass wir tatsächlich ein wesentliches Element des Urchristentums wiederentdeckt haben: Alles geistliche Leben und alle Gemeinschaft konzentrierte sich auf das Heim und entsprang der Familie. Die ersten Christen hatten weder institutionelle Namen noch Organigramme; sie identifizierten sich einfach als „das Haus (=die Familie) von Soundso“, oder wenn ihre Zahl grösser wurde, „die Gemeinde im Haus von Soundso“. Das Volk Israel war immer nach Stämmen, Sippen und Familien organisiert; und das wichtigste jüdische Fest, das Passah (von dem das christliche Abendmahl herstammt), wird in den Familien gefeiert.

Wir hoffen, dass der Herr uns behüten möge, sodass wir auf diesem Weg bleiben, auch wenn diese Arbeit eines Tages grössere Ergebnisse zeitigen sollte. Die Wüste ist ein schwieriger Ort, aber der Erfolg und die Bekanntheit können noch grössere Versuchungen bergen.

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Noch ein Ausstieg

17. Oktober 2011

Hatte ich doch gedacht, ich sei jetzt so ziemlich aus allen äusseren Umständen ausgestiegen, die mich noch an Menschenwerk statt Gottes Werk festhalten. Irrtum! Da kam dieses Jahr ein Brief, der mich daran erinnerte, dass ich noch zu einer Institution gehörte, die ich nicht zu hinterfragen wagte. Ich spreche von der Schweizerischen AHV (Alters- und Hinterbliebenenversicherung). Für Nicht-Schweizer: Die AHV gilt in der Schweiz als grösste soziale Errungenschaft des 20.Jahrhunderts und ist inzwischen zu einer heiligen Kuh geworden. Ich muss also damit rechnen, dass dieser Artikel von einigen Lesern als Sakrileg aufgefasst wird.

Nun wurde ich also in besagtem Brief aufgefordert, „die genaue Rechtsform Ihres Unternehmens (AG, GmbH, etc.)“ bekanntzugeben, und die „Bilanz, Gewinn- und Verlustrechnung“ dieses (gar nicht existierenden) Unternehmens einzureichen, sowie „Einzelheiten über Ihre Arbeitsstunden“, eine „detaillierte Aufstellung der Einnahmen und Aufwendungen pro Monat“, „Belege des Bruttoeinkommens Ihrer/Ihres Ehepartners/-in“ (ganz im herrschenden Zeitgeist: Obwohl sie mich als „Herrn Soundso“ ansprechen, sind die sich anscheinend über das Geschlecht meiner Ehefrau im Unklaren), – und anderes mehr.

Dabei weiss der Funktionär der AHV genau, dass ich weder Unternehmer noch Angestellter bin, dass ich in bescheidenen Verhältnissen lebe und auf Unterstützung Dritter angewiesen bin, und dass ich unter diesen Umständen von Gesetzes wegen sowieso den Mindestbeitrag bezahle, egal wie viele Bücher voll Belege ich einreiche.

Nun ist das nicht das erste Mal, dass ich von der AHV ein unsinniges Schreiben erhalte. Dieses Mal aber empfand ich den Vorfall als enen „Stubs“ von Gott, grundsätzlich darüber nachzudenken, wie er die AHV beurteilt, und ob es richtig sei, weiterhin in dieser Institution zu verbleiben.

Fürsorge für Alte und Bedürftige ist natürlich etwas Gutes und Lobenswertes. Effektiv ist die AHV eine der Institutionen, die dazu beigetragen haben, dass es in der Schweiz während der letzten Jahrzehnte und bis heute so gut wie keine (finanzielle) Armut gibt. Und sie zeugt von Solidarität unter dem schweizerischen Volk.

Aber das ist nur die eine Seite der Medaille. Wenn wir dem Urgedanken solcher sozialer Einrichtungen nachforschen, stossen wir auf die biblischen Anweisungen, sich um die Armen, Witwen und Waisen zu kümmern. Diese Anweisungen richten sich aber nicht an staatliche Institutionen, sondern in erster Linie an die Familienangehörigen der Bedürftigen (1.Timotheus 5,8.16), und in zweiter Linie an deren Mitchristen, also die geistliche Familie (Galater 2,10, Römer 15,26-27, Jakobus 2,15-16). Das ist die Art und Weise, wie die Armen- und Altersfürsorge jahrhundertelang funktioniert hat und in Ländern wie Perú auch heute noch weitgehend funktioniert. So kommen wir als Familie z.B. zusammen mit zwei weiteren Geschwisterfamilien für den Lebensunterhalt meiner betagten Schwiegereltern auf. Die Existenz und Notwendigkeit einer AHV ist also nicht nur ein Zeugnis für die Solidarität des Schweizervolkes. Sie ist ebenso ein Zeugnis dafür, dass die Einrichtungen, die traditionellerweise und biblischerweise für die Altersvorsorge zuständig waren, nämlich die natürliche und die geistliche Familie, nicht mehr funktionieren und in Auflösung begriffen sind oder sich bereits aufgelöst haben.

In dieser Situation ist es zwar besser, eine staatliche Altersvorsorge zu haben als gar keine. Aber ein wichtiges Element geht dabei verloren, nämlich die mitmenschliche Fürsorge. Es ist nicht dasselbe, ob ich meine Schwiegereltern unterstütze, denen ich persönlich nahestehe und mit deren Verhältnissen ich vertraut bin, oder ob ich Geld an eine anonyme Institution einzahle, deren Funktionäre mich nicht einmal kennen und mir nur ab und zu einen mehr oder weniger absurden Brief schreiben. In einem früheren Artikel habe ich ausführlicher über die Gefahren dieser Ver-Institutionalisierung der mitmenschlichen Hilfe geschrieben. In ähnlichem Sinn schreibt auch Randy Alcorn in „Geld, Besitz und Ewigkeit“:

„Früher mussten die Menschen auf Gott vertrauen, dass er die Mittel für die Arztrechnungen zur Verfügung stellte, wenn sie krank wurden. Wenn sie krank blieben, waren sie und ihre Familien von Gott, der Familie und der christlichen Gemeinschaft abhängig, was die materielle und persönliche Unterstützung anging. Eine Person, die verletzt war und nicht mehr arbeiten konnte, wurde von ihrer Familie, der Kirche, den Nachbarn und der Gemeinschaft versorgt. Ihre „Versicherung“ bestand in ihrer eigenen Beteiligung an dieser Gemeinschaft. Die Menschen sorgten füreinander, halfen einander und beteten füreinander. Gott wirkte durch diese persönlichen Beziehungen, um nicht nur materielle, sondern auch emotionale und geistliche Bedürfnisse zu decken. Wenn jemand starb, traten andere an seine Stelle, um bei der Versorgung der Familie zu helfen. Mit den Versicherungen wurde all das anders. Aber hat es sich zum Besseren gewandelt?
Vor hundert Jahren versammelten sich die Nachbarn und Gemeindemitglieder, wenn ein Haus abbrannte, gaben aus ihrem Vermögen an Zeit und Geld und halfen beim Wiederaufbau. (Das haben Sie doch sicher schon im Film gesehen, bei den Amish oder in „Unsere kleine Farm“!) Aber heute hat das die Versicherungsgesellschaft übernommen. Freunde, Nachbarn und Gemeindeglieder sind dann vielleicht kurz traurig und bieten kurzfristig emotionale Unterstützung an, aber dann kehren sie wieder in ihr eigenes Leben zurück, über ihren leidenden Nachbarn kaum betroffen und minimal an ihrem Unglück Anteil nehmend.
(…)
Um diese beiden Quellen der Fürsorge zu unterscheiden, nennen wir die vertraglich geregelte Versicherung durch eine Versicherungsgesellschaft „formelle Versicherung“ und die spontane Versorgung durch eine geographische oder geistliche Gemeinschaft „informelle Versicherung“. Die Geschichte hat gezeigt, dass mit der breiten Einführung der formellen Versicherungen die Rolle der informellen Versicherung durch die Gemeinschaft minimiert und letztendlich fast abgeschafft worden ist. Wenn eine Person ausreichend formell versichert ist, dann gibt es wenig oder gar keinen sichtbaren Bedarf an informeller Versicherung.
Der Tod der informellen Versicherung durch die Gemeinschaft ist nicht nur für die formelle Versicherung, sondern auch für die endlose Zahl an staatlichen Programmen ein Problem, die Geld austeilen, ohne die ganzheitliche Versorgung zu bieten, die ganz natürlich in einem Netzwerk gewachsener Beziehungen geschieht. Der Fehler liegt nicht nur beim Staat oder bei den Anbietern formeller Versicherungen, sondern auch bei den Mitgliedern der Gemeinschaft, die nicht erkennen, dass diese informellen Versicherungen nach wie vor nötig sind. Versicherungen treiben Menschen nicht nur aus unterstützenden Beziehungen heraus, sondern sie treten auch in die Lücke, die Menschen reißen, die sich aus Beziehungen verabschieden.
Ungeachtet dessen, wer daran schuld ist, hat aber eine tragische Erosion der Gemeinschaft, der kirchlichen Beziehungen und des Engagements stattgefunden. Die natürlichen Ereignisse im Leben, die einst die Leute zusammengebracht haben, tun das nicht mehr. Weil für alles vorgesorgt ist, beteiligen sich die Menschen nur noch selten sinnvoll am Leben ihrer Mitmenschen.“

– Ein anderes Detail ist mir erst jetzt aufgefallen: Warum nennt sich die AHV überhaupt „Versicherung“? Ist nicht bei jeder anderen Versicherung der Kunde frei, jenen Beitrags- und Leistungsplan auszuwählen, der ihm am besten entspricht? Oder hat man je von einer Versicherung gehört, die alljährliche Bescheinigungen über Vermögen und Einkommen ihrer Kunden anfordert und demgemäss deren Beiträge bemisst? Das sollte korrekterweise nicht „Versicherungsbeitrag“ heissen, sondern „Steuer“, bzw. „Staatliche Umverteilung von Reichtum und Armut nach kommunistischem Muster“.

Nun gehöre ich ja zu jenen, die von dieser Umverteilung profitieren (d.h. falls ich das Rentenalter erreiche), da ich die meiste Zeit meines Lebens nahe am Existenzminimum gelebt habe und deshalb weder ein guter Steuerzahler noch ein guter Konsument war. Ich bin aber zum Schluss gekommen, dass es mit meinem Vertrauen auf Gott als meinen Versorger unvereinbar ist, mich weiterhin in so hohem Mass von solcher staatlicher Umverteilung abhängig zu machen. In letzter Konsequenz ist die staatliche Fürsorge eine antichristliche Fälschung der christlichen Nächstenliebe. Auf diese Art Fürsorge zu vertrauen statt auf die Versorgung Gottes, ist in letzter Konsequenz Götzendienst.

Nun könnte jemand fragen, ob ich damit nicht „Ungehorsam gegen die Obrigkeit“ predige, entgegen Römer 13. Aber für Auslandschweizer ist die AHV freiwillig. Ich bin also durchaus berechtigt, auszutreten.
Ausserdem sollte genau gelesen werden, was nach Römer 13 die Aufgabe der Obrigkeit ist: „Tue das Gute, und du wirst Lob von ihr haben; denn Gottes Dienerin ist sie für dich zum Guten. (…) eine Rächerin zum Zorngericht für den, der das Böse verübt.“ – Ebenso auch 1.Petrus 2,14: „…um die Übeltäter zu bestrafen und die zu beloben, die das Rechte tun.“ Das „Untertan-Sein“ bezieht sich also einzig darauf, sich der staatlichen Rechtsprechung zu fügen, insofern diese die guten Taten lobt und die bösen bestraft. Es steht hier aber nichts davon, dass der Staat Kranke pflegen, Alte und Arme versorgen, Kinder erziehen oder Reichtum und Armut umverteilen solle – geschweige denn, dass der Bürger unter einen Zwang gestellt werden solle, von solchen staatlichen Tätigkeiten Gebrauch zu machen. Das alles gehört, wie bereits erwähnt, in den Zuständigkeitsbereich der Familie – in erster Linie der natürlichen und in zweiter Linie der geistlichen. Beim Nachdenken über dieses Thema ist mir wieder neu bewusst geworden, wie wichtig es ist, gerade im Dienst am Nächsten – d.h. an den Menschen in meiner unmittelbaren Umgebung – einen Schwerpunkt zu setzen und damit die „informelle Versicherung“ zu stärken.

Jemand anders wird vielleicht sagen: „Wie kannst du nur so leichtsinnig deine Altersvorsorge aufs Spiel setzen? Wir leben nun einmal in dieser Welt und können nicht einfach so zu den Zuständen der familiären, gemeindlichen oder nachbarschaftlichen Altersvorsorge zurückkehren.“ – Ich weiss. Ich fordere ja nicht, die AHV abzuschaffen und gesamtgesellschaftlich zur familiären und christlichen Sozialhilfe zurückzukehren. Obwohl das aus biblischer Sicht und für eine christlich geprägte Gesellschaft das Richtige wäre – für die gegenwärtige gottferne Gesellschaft wäre es vollkommen unrealistisch und unmöglich. Aber ich bin überzeugt, dass ich als Christ dazu berufen bin, mit meinem Leben in dieser Welt Zeichen zu setzen, nicht für das, was realistischerweise ist, sondern für das, was nach Gottes Willen sein soll. Auch wenn es riskiert ist und etwas kostet. Auch wenn ich damit zum Vertreter einer Lebensform werde, die es in weitem Umkreis nicht mehr gibt und nicht verstanden wird. Der christlichen Berufung gerecht zu werden, ist mir wichtiger als die Frage, ob ich mein Alter in Reichtum oder in Armut verbringen werde. Deshalb bin ich – einmal mehr – ein „christlicher Aussteiger“.

Auf der Suche nach dem neutestamentlichen Christentum

1. März 2010

Der folgende Artikel ist schon einige Jahre alt, aber immer noch aktuell. Ich möchte ihn hier hineinstellen als logische Folge des Artikels „Meine zweite Bekehrung“ – d.h. er stellt den darauffolgenden Schritt in meiner Lebensgeschichte dar. Ursprünglich schrieb ich ihn zur Gebetsinformation für Personen, die mich damals via eine Organisation unterstützten. Leider stiess der Artikel auf wenig Gegenliebe: Die Organisation, die ihn damals zur Veröffentlichung angefordert hatte, strich (ohne Rücksprache mit mir) die wesentlichen Abschnitte weg. Er erscheint deshalb hier in der Kategorie „Zensurierte Artikel“.


Gerne würde ich Euch mit diesem Bericht den Beginn einer neuen Etappe in unserem Dienst ankündigen; aber Gottes Zeit ist anscheinend noch nicht gekommen. Eine Etappe ist zu Ende gegangen; den Neuanfang suchen wir noch.

In den vergangenen Jahren haben wir viele Sonntagschulmitarbeiter ausgebildet, Teenager gelehrt, und evangelistische Kinderlager durchgeführt. An diesen Anlässen sahen wir manche Teilnehmer Glaubensschritte tun, Dinge in ihrem Leben in Ordnung bringen, oder zum ersten Mal überhaupt ihr Leben in Gottes Hand legen.

Leider war aber die langfristige „Frucht“ nicht dementsprechend. Nachdem sie der „Obhut“ ihrer Gemeinden überlassen wurden, haben die meisten Sonntagsschullehrer ihren Dienst aufgegeben, sind die meisten Teenager im Glauben zurückgefallen, und sind die Lagerkinder in ihrem Glauben nicht weitergeführt worden.

Es tut weh, dies zu sehen. Ich musste meinen eigenen Dienst, und die Realität der Gemeinden, neu überdenken:

  • Bisher nahm ich an, meine Lehrangebote seien eine Ergänzung zu den bestehenden Gemeindeprogrammen, und die Gemeinden täten das übrige. Leider ist das nicht (mehr) so. Insbesondere werden junge Christen in den Gemeinden nicht in ihrem Glaubensleben weitergeführt.
  • Ich habe das Evangelium zuwenig klar verkündigt. Die meisten Gemeinden verstehen unter „Sünde bereuen“ einfach: „ein Gebet sprechen“, und unter „Jesus nachfolgen“ verstehen sie „sich einer Gemeinde anschliessen und deren Tradition folgen“. Solange ich solche Ausdrücke ohne klare Erklärung verwendete, wurden sie in diesem Kontext verstanden, und das führte zu mehr Scheinbekehrungen als echten Bekehrungen. Nur eine Minderheit der evangelischen Gemeindeglieder ist wirklich wiedergeboren. Sie brauchen eine viel deutlichere Erklärung des Evangeliums.
  • Viele Gemeinden haben sich vom neutestamentlichen Christentum entfernt. Drei Symptome möchte ich nennen:
    1. Autoritäre Strömungen machen die Mitglieder von menschlichen Leitern abhängig statt von Gott. An einigen Orten wird gelehrt, man dürfe den Pastor nie in Frage stellen, selbst wenn er in Sünde lebt oder Irrlehren verkündigt. Das führt zu einer Art „Papsttum in evangelischem Gewand“. Nur wenige Christen lesen selber in der Bibel, und noch weniger prüfen die Lehre ihrer Leiter anhand der Bibel.
    2. Bibelkritische Theologie ist in fast alle Denominationen eingedrungen. Und selbst manche „bibeltreue“ Leiter nehmen in der Praxis die neutestamentlichen Berichte und Anweisungen über das Gemeindeleben nicht ernst. Deshalb werden Entscheidungen immer mehr nach menschlich-politischen Erwägungen, statt nach biblischen Kriterien getroffen.
    3. „Organisation“, „Tradition“ und „Routine“ sind im praktischen Gemeindeleben wichtiger geworden als die persönliche Herzensbeziehung zum Herrn. Z.B. wird die „richtige“ Durchführung des Gottesdienstprogramms wichtiger genommen als die geistliche Auferbauung und Gemeinschaft der Mitglieder.

Nachdem ich all dies gesehen hatte, fragte ich mich: Wo sind Christen, die ernsthaft ein biblisches Christentum leben wollen?

Mit einer Gruppe von jugendlichen Mitarbeitern konnte ich einige Wochen lang im Hochland „von Haus zu Haus“ „Gemeinschaft und Brotbrechen“ praktizieren (Apg.2,42), wo jeder etwas beiträgt zur Auferbauung der anderen (1.Kor.14,26). – Auch konnte ich in einigen Gemeinden und Gruppen über Bekehrung und Wiedergeburt lehren, und über die zeitlose Gültigkeit des Wortes Gottes. Aber das waren seltene Ausnahmen. Besonders als ich das Thema der Bibelkritik ansprach, wurde ich von Vertretern der (theologisch liberalen) Bibelgesellschaften heftig angegriffen.

Deshalb bin ich weiterhin auf der Suche, bis Gott irgendwo, irgendwie eine Türe öffnet. Wir sind dankbar, wenn Ihr dieses Anliegen in Euren Gebeten mittragt. – Bis es so weit ist, reduziert sich unser Kinderdienst auf die Nachbarskinder, die uns besuchen für Spiele, Aufgabenhilfe oder improvisierte Kinderstunden.


Aktuelle Nachbemerkung: Die erwähnten Gruppen jugendlicher Mitarbeiter existieren nicht mehr, weil die Gemeinden ihren Jugendlichen die Teilnahme verboten. Dafür haben die zuletzt erwähnten Aktivitäten mit den Nachbarskindern im letzten Jahr zugenommen, wie ich im Artikel „Sie sehnen sich nach Familie“ berichtete.

Meine zweite Bekehrung (Teil 2)

1. November 2009

Die „zweite Bekehrung“, um die es hier geht, war hauptsächlich eine Bekehrung zu einer neutestamentlichen Sicht von christlicher Gemeinde. Im ersten Teil dieses Artikels habe ich einige Erlebnisse erwähnt, die mich zu dieser zweiten Bekehrung führten.

Es gab in diesem Prozess manche Parallelen zu meiner „ersten Bekehrung“ (https://christlicheraussteiger.wordpress.com/2009/05/21/wie-jesus-mich-fand/ ) (d.h. meiner Hinwendung zu Jesus Christus):

Viele biblische Wahrheiten hatte ich schon Jahre vor meiner Bekehrung verstandesmässig begriffen und akzeptiert, und davon gesprochen. Was den Anstoss gab zu meiner Bekehrung, war dass Gott mir aufzeigte, wie weit mein eigenes Leben von diesen Wahrheiten entfernt war, und wie sehr ich deshalb Ihn selber nötig hatte.
Etwas ganz Ähnliches ist jetzt inbezug auf meine Vorstellung von der Gemeinde geschehen. Vieles von dem, was ich beschrieben habe und noch beschreiben werde, wusste ich schon seit Jahren. (Schon während meines Theologiestudiums hatte ich mich gewundert, wie es möglich war, dass bewanderte Bibelforscher wie selbstverständlich annahmen, die neutestamentliche Gemeinde hätte etwa so funktioniert wie eine heutige Landes- oder Freikirche; und wie diese Bibelgelehrten dann die Strukturen ihrer eigenen Konfession bzw. Denomination in die neutestamentlichen Texte hineinlasen – wo doch die Urgemeinde so offensichtlich anders war als heutige Gemeinden.) Aber während der vergangenen Jahre war es, als ob Gott ganz deutlich die Gewissensfrage an mich richtete: „Wenn du schon verstanden hast, dass die heutigen Gemeinden nicht auf neutestamentliche Weise aufgebaut sind, warum hilfst du dann trotzdem mit, diese Strukturen aufrechtzuerhalten und zu festigen?“ – Und wieder musste ich feststellen, dass mein Leben und meine Praxis bei weitem nicht mit dem übereinstimmten, was ich aus der Bibel weiss.

Ich musste also für mich selber eine klare Grenze ziehen: hier herkömmliche Gemeinde, da neutestamentliche christliche Gemeinde. Genau wie bei meiner ersten Bekehrung: hier traditionelle Namenschristen, da wiedergeborene Nachfolger Jesu. Und als ich anfing, diese Grenzziehung vorzunehmen, gab es jede Menge Leute, die mich miss- oder gar nicht verstanden, über mich erbost waren, und alle möglichen hässlichen Dinge sagten und taten. Bei meiner ersten Bekehrung waren das hauptsächlich Mitglieder der Landeskirche, die nicht nachvollziehen konnten, dass es so etwas wie eine Bekehrung überhaupt gibt (und erst recht nicht, dass dies zum Christsein notwendig sein soll). Bei meiner zweiten Bekehrung ärgerten sich vor allem Leiter und Mitarbeiter von Freikirchen. Sie fühlten sich in ihrem (falschen) Frieden gestört und angegriffen, als ich anfing zu behaupten, neutestamentliche Gemeinde sei etwas anderes als was ihr jeweiliger Gemeindeverband vorschreibt und vorlebt. Aber ich muss auch hier sagen: Seit ich mit dem Echten in Berührung gekommen bin, kann ich mich nicht mehr mit einer billigen Nachahmung zufriedengeben. Genauso wie das traditionelle Namenschristentum eine billige Nachahmung von wirklichem Christsein ist, so ist das traditionelle Gemeindetum (sei es landes- oder freikirchlich) nur eine billige Nachahmung von echter christlicher Gemeinde.

Im folgenden möchte ich einige Prinzipien anführen, die ich neu ernstnehmen musste oder zum ersten Mal überhaupt begriffen habe:

1.- Wirkliche „Gemeinde“ basiert nicht auf institutionellen Strukturen, sondern auf persönlichen Beziehungen.

Als ich von meinem ersten Jahr in Perú zurückkehrte, unter falschen Anschuldigungen ausgeschlossen von der Missionsgesellschaft, mit der ich gearbeitet hatte, da musste ich feststellen, dass ich ausgerechnet in der Gemeinde, die mich ausgesandt hatte, kaum einen echten Freund hatte. (Ob jemand ein echter Freund ist, erkennst du erst, wenn du in Not bist!)
Aber in den heutigen Gemeinden dominieren anscheinend „institutionelle“ Überlegungen: ob Personalbedarf herrscht; ob jemand von der Denomination „anerkannt“ ist; ob ein Pastor „ordnungsgemäss ordiniert“ ist; usw.
In der Urgemeinde gab es keine Diplome oder Ausweise, die jemanden als Prediger oder Mitarbeiter „anerkannten“; aber die Christen kannten einander persönlich. Ein Leiter konnte seine wahre Persönlichkeit nicht hinter einem Kanzelauftritt oder einem Büroschreibtisch verstecken; denn bei der intensiv gepflegten Gastfreundschaft kam er nicht darum herum, sein wahres Privat- und Familienleben vor seinen Glaubensgeschwistern zu offenbaren. Dadurch wurde der Gemeinde ziemlich bald klar, wer wirklich nahe bei Jesus war. In einer solchen Umgebung konnte nicht so schnell geschehen, was in heutigen Gemeinden schon fast die Regel ist: dass Machtmenschen und rückgratlose Politiker in der Leiterschaft dominieren.

Zudem ist es erstaunlich, in welch hohem Grade es möglich ist, „Kirche zu spielen“, ohne dass echtes geistliches Leben da ist. Wie oft habe ich Lobpreiszeiten erlebt, wo die Teilnehmer dazu gedrängt (soll ich sagen manipuliert?) wurden, alle möglichen äusserlichen Dinge zu tun, um einen „glücklichen Eindruck“ zu erwecken: „Wie kannst du ein trauriges Gesicht machen, wenn Gott da ist? Schaut einander an und lächelt!“ – „…Und jetzt singen wir es noch einmal, aber doppelt so laut, damit die Mächte der Finsternis zittern!“ – usw. – Wie oft sehe ich, dass „Treue im Glauben“ einzig daran gemessen wird, wie häufig jemand die Gemeindeveranstaltungen besucht! – Wie oft höre ich Gebete, in denen der Beter trotz ellenlanger frommer Formulierungen nicht klar ausdrücken kann, was er eigentlich von Gott nötig hat, möchte oder erwartet! Hauptsache, er betet, wenn er an der Reihe ist. – Institutionelle Formen und Programme entwickeln leider ein Eigenleben, das noch lange weiterbesteht, wenn das echte geistliche Leben längst daraus verschwunden ist.

„Und lasst uns darauf achten, einander zur Liebe und zu guten Werken anzuspornen, und unsere Versammlung nicht verlassen, wie es bei etlichen Sitte ist, sondern vielmehr ermahnen…“ (Hebräer 10,24-25)

Diese Verse werden oft dazu benutzt, Gemeindemitgliedern ein schlechtes Gewissen zu machen, wenn sie nicht jeden Gottesdienst besuchen. Aber steht hier wirklich etwas von „Gottesdienstbesuch“? – Das Schwergewicht der Aussage liegt eindeutig auf „einander zur Liebe und zu guten Werken anzuspornen“. Ein Gottesdienst, in dem dies nicht geschieht, qualifiziert also nicht als „Versammlung“ im Sinne dieser Bibelstelle. Man beachte, dass hier steht „einander“ – es heisst nicht „eine Predigt über Liebe und gute Werke zu hören“. Erst wenn wir anfangen, eine Gemeinschaft zu pflegen, wo wir einander im Sinne Gottes anspornen und ermutigen (das mit „ermahnen“ übersetzte Wort bedeutet vor allem „ermutigen“, „aufmuntern“, „trösten“), mit aktiver Beteiligung aller, erst dann dürfen wir auch wieder diese Verse anwenden.

Das biblische Bild für die Gemeinde ist nicht die Institution, das Unternehmen oder die Veranstaltung; sondern die Familie, der Leib, die Braut – also etwas Organisches, nicht etwas Organisiertes; etwas, was lebt, nicht etwas, was „funktioniert“.


2.- Wo Leiterschaft das geistliche Leben hindert statt fördert, handelt es sich nicht wirklich um geistliche Leiterschaft.

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Meine zweite Bekehrung (Teil 1)

20. Oktober 2009

Während der letzten Jahre habe ich so etwas ähnliches wie eine „zweite Bekehrung“ durchgemacht. Es ging dabei zwar nicht direkt um meine persönliche Beziehung zu Gott; aber im Rückblick sehe ich doch einen so tiefgreifenden Wandel in mir, dass der Vergleich angebracht ist. Es handelt sich, einfach gesagt, um meine Sicht von der christlichen Gemeinde und meine Beziehung zu ihr.

Schon vor vielen Jahren war ich Opfer von „geistlichem Missbrauch“ geworden – d.h. des Missbrauchs von Macht, die religiöse Leiter haben aufgrund ihrer „besonderen Stellung vor Gott“ und des daraus resultierenden Abhängigkeitsverhältnisses anderer Menschen von ihnen. (Es ist hier nicht Platz, dieses ganze Thema aufzurollen. Wer sich dafür interessiert, kann mit einer Internet-Suche nach „Geistlicher Missbrauch“ diesbezügliche Informationen finden.)

Ich dachte damals, bei den beteiligten Organisationen und Leitern handelte es sich um einige wenige „schwarze Schafe“. Einige der betreffenden Leiter hatten sich auch einige Jahre später bei mir für gewisses Fehlverhalten entschuldigt und mich in gewisser Weise vor ihrer Organisation „rehabilitiert“. Mir kamen deshalb damals noch keine grundsätzlichen Bedenken inbezug auf die gegenwärtigen Gemeinde- und Leiterschaftsstrukturen. – Einige Jahre später musste ich jedoch bei Gesprächen feststellen, dass sich die grundsätzliche Haltung der Leiterschaft jener Organisationen, inbezug auf den Gebrauch und Missbrauch von Macht, kaum geändert hat.

Dann machte ich auch einige merkwürdige Beobachtungen bei Kursen und Einsätzen in peruanischen Gemeinden. Wer hinderte die Jugendlichen an der Teilnahme? Wer war überhaupt nicht daran interessiert, dass das Evangelium verkündet würde? Wer gab mit seinem Lebensstil der Gemeinde ein schlechtes Beispiel? Wer waren die gleichgültigsten Kursteilnehmer? – Sehr oft die Gemeindeleiter.
Ich möchte hier gleich anfügen, dass es natürlich auch Ausnahmen gibt. Aber schon die Tatsache, dass gute Leiter „Ausnahmen“ sind und nicht die Regel, spricht Bände. Die fleissigsten, hingegebensten, lerneifrigsten Mitarbeiter waren meistens nicht diejenigen, die offizielle Verantwortung innehatten – und die auch nicht Aussicht hatten, demnächst in Verantwortung berufen zu werden. (Auch wieder mit Ausnahmen.)

Pastoren aus dem deutschen Sprachraum, die dies lesen, werden diese Zeilen (und das, was folgt) möglicherweise als den endgültigen Beweis ansehen, dass ich tatsächlich ein „Rebell“ sei. (Das war ihr Hauptvorwurf an mich gewesen, als ich es gewagt hatte, Gottes Richtlinien zu folgen statt den von Menschen aufgestellten.) Nun, falls dies ihre Vorstellung von einem Rebellen sein sollte, nehme ich den Titel gerne an; denn dann waren die Apostel auch Rebellen, als sie zu den religiösen Leitern sagten: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apostelgeschichte 5,29).

Schlussfolgerung so weit: Etwas ist grundsätzlich nicht in Ordnung in den Gemeinden – und zwischen Südamerika und Europa besteht in dieser Hinsicht kein grosser Unterschied, nur die kulturellen Schattierungen sind anders. Christliche Gemeinden, und deren Leiter, sind ihren Mitgliedern oftmals keine Hilfe, sondern sogar ein Hindernis davor, Gott näherzukommen.

Dann kam mir eine Statistik aus den USA in die Hände, die meine Beobachtungen bestätigte und weiterführte. Rund 12 Millionen evangelikale Christen in jenem Land besuchen keine Gemeinde – nicht weil sie vom Glauben abgefallen wären, sondern im Gegenteil, weil die Gemeinde ihnen zum Anstoss und Hindernis geworden war in ihrem Glaubensleben. Dasselbe Phänomen wird anscheinend in vielen anderen Ländern (vorwiegend den englischsprachigen) beobachtet.
Weiter: diese Ausgetretenen „um des Glaubens willen“ sind anscheinend nicht irgendwelche Mitglieder. 94% von ihnen hatten in ihrer Gemeinde eine Leiterschaftsstellung inne, und 40% waren vollzeitliche Mitarbeiter in der Gemeinde!
(Veröffentlicht bei: http://www.livenet.ch/www/index.php/D/article/108/16786/  )

Weitere Erinnerungen aus früherer Zeit vervollständigten das Bild. An meiner Bekehrung, meinem geistlichen Wachstum und meiner Ausbildung zum christlichen Dienst waren fast ausschliesslich Menschen und Gruppen von über- bzw. aussergemeindlichen Organisationen beteiligt; denominationelle Ortsgemeinden spielten kaum eine Rolle dabei.
Ich erinnerte mich auch an mein seinerzeitiges Gemeindepraktikum als Theologiestudent. Meine Zeit war weitgehend ausgefüllt mit Büroarbeiten, Sitzungen, Pflichtbesuch von Veranstaltungen, und ab und zu Ausarbeitung von Lehrunterlagen für den Pastor (etwa einmal im Monat auch für eine Lehre, die ich selber zu halten hatte). Zu „geistlichem Dienst“ hatte ich nicht mehr Gelegenheiten als in meinen vorherigen Freizeit-Verantwortungen.

Am Ende meines letzten Semesters als Bibelschullehrer (ich wusste damals noch nicht, dass es das letzte sein sollte), fragte ich die Schüler des ersten Jahrgangs nach ihrem geistlichen Leben. Alle(!) sagten, sie seien während des Semesters in ihrem geistlichen Leben zurückgegangen und hätten an Eifer für den Herrn abgenommen.

Schon an mindestens fünf verschiedenen Orten habe ich dieselbe Geschichte gehört: „Ja, früher, da war unsere Kirche voll, fast das ganze Dorf ist zu uns in den Gottesdienst gekommen. Aber sie sind alle zurückgefallen, heute sind wir, wenn es gut geht, noch etwa zehn Personen.“ (Wobei „früher“ sich jeweils auf eine Zeit vor zehn bis zwanzig Jahren bezieht; manchmal noch weniger.) – Wenn ich Gelegenheit dazu hatte, dann stellte ich jeweils zwei Fragen: „Haben sich diese Gottesdienstbesucher denn auch bekehrt? – Und habt ihr auch eure Kinder das Evangelium gelehrt und evangelisiert?“ – Die Antworten waren ungefähr: „Nun, sie sind zur Gemeinde gekommen, sie haben ein Übergabegebet gesprochen, sie haben sich taufen lassen…“ (Ist irgendetwas davon ein Beweis für eine echte Bekehrung?) – „Manchmal hatten wir Sonntagschule, aber manchmal war auch niemand da, der die Kinder unterrichten wollte…“ (d.h. die Kinder sind nicht so wichtig – oder würde man die Erwachsenengottesdienste auch ausfallen lassen, weil vielleicht gerade „niemand da ist, der den Gottesdienst leiten will“? Und ist „Sonntagschule haben“ schon gleichbedeutend mit „das Evangelium lehren und evangelisieren“?)
Dann sehe ich diejenigen Gemeinden an, die zur Zeit florieren (meistens sind es solche, die erst in jüngerer Zeit, etwa vor fünf bis zehn Jahren, gegründet wurden), und frage mich: Was für ein Fundament haben diese Gemeinden? Werden sie in ein paar Jahren dasselbe sagen müssen wie die anderen? Wieviele ihrer Mitglieder (und Leiter) gehören tatsächlich zu Jesus? Wird hier vielleicht auch einfach eine Art Luftballon aufgeblasen, der eines Tages platzt?

So wurde die Frage immer drängender: Was ist falsch mit der Gemeinde? Und wie wäre es denn „richtig“?

Dann fand ich ein Buch, das es gedruckt gar nicht gibt, aber es ist auf Englisch im Internet veröffentlicht: „The Secrets of the Early Church“ (Die Geheimnisse der Urgemeinde), von Andrew Strom (http://www.revivalschool.com ). Dieses Buch drückt vieles aus, was ich so oder ähnlich auch schon gedacht und geschrieben hatte; aber der Autor stellt es so in einen Zusammenhang, dass sich für mich ein viel klareres Bild ergab. – Gleichzeitig ist es so provokativ, dass Eure Pastoren Euch wahrscheinlich warnen werden, es nicht zu lesen. Sollte dies geschehen, dann habt Ihr eine Bestätigung, dass diese Botschaft wirklich wichtig ist.

Das Buch stellt „neun Lügen“ bloss, die in den heutigen Gemeinden sehr verbreitet sind und oft sogar als „biblische Wahrheit“ gelehrt werden, obwohl sie in Wirklichkeit der Bibel entgegengesetzt sind. Demgegenüber stellt der Autor das Bild der Urgemeinde, wie sie v.a. in der Apostelgeschichte beschrieben wird. Seine Grundthese ist: Die Berichte der Apostelgeschichte (zusammen mit den Anweisungen in den Briefen) sind nicht nur als Berichte über eine vergangene Epoche aufzufassen, sondern als normative Richtlinien für die Gemeinde heute. Die heutigen Formen der evangelikalen Gemeinden (und erst recht der liberalen Landeskirchen) sind meilenweit von diesen Richtlinien entfernt. Zeiten der Reformation und Erweckung bestehen darin, dass die Gemeinde vorübergehend diesem Urbild wieder ein wenig näherkommt; aber selbst die historisch bezeugten Erweckungen blieben noch weit entfernt davon.

Eine „theoretische Grundlage“ hatte ich also, zumindest der Spur nach. (Auch wenn meine offene Fragen mir noch Stoff geben für viele Wochen des Bibelstudiums.) Viel wichtiger, und schwieriger, war aber die nächste Frage: Wie können wir praktisch dem Standard der Apostelgeschichte wieder näherkommen?

Eine ebenso naheliegende wie abgegriffene Antwort war: „Beten und den Herrn suchen“. Das habe ich in den vergangenen Jahren auch ausgiebig getan; meistens allein, ab und zu auch mit meiner Frau und (seltener) mit anderen Christen. Aber es musste einfach noch etwas mehr geschehen. Ich hatte (und habe) mittlerweile ein so starkes Verlangen nach „wirklicher Gemeinde“, dass ich mich nicht einfach damit zufriedengeben konnte und kann, in den bestehenden Strukturen weiterzugehen und zu warten, bis irgendwann einmal Gott etwas verändert.

Unsere Erfahrungen an der Bibelschule brachten mich zu einer ziemlich radikalen Schlussfolgerung. Ich musste dort eine derartige Häufung von Fällen von krasser Unehrlichkeit und Unmoral mitansehen – öfters ohne jegliche Folgen für die Schuldigen -, dass der Schluss naheliegend war, manche Bibelschüler, und auch Lehrer, seien in Wirklichkeit gar keine Christen. (Es geht ja nicht darum, dass ein Christ „perfekt“ sein soll; aber dass er Sünde klar bekennen und hinter sich lassen kann, statt zu versuchen, sie zu vertuschen.)
Zudem macht es die Struktur einer Bibelschule, mit ihrem Schwergewicht auf verstandesmässigem Wissen und Reglamentsgehorsam, sehr schwierig, solche Fälle wirklich auf persönlicher Ebene aufzuarbeiten. Und von den Gemeinden (ich habe oben die Situation ein wenig beschrieben) kann dies erst recht nicht erwartet werden. Diejenigen Aktivitäten, wo wirkliche geistliche Ergebnisse zu sehen waren, waren jene, die abseits der bestehenden „Gefässe“ von Bibelschule und Gemeinden stattfanden! (Z.B. eine unoffizielle sogenannte „Teenager-Bibelschule“, die wir eine Zeitlang führen konnten, bis die Leiter sie wieder auflösten.) – Eine ähnliche Erfahrung machten Bibelschüler, die in ihren Gemeindepraktika versuchten, z.B. Teenager geistlich weiterzuführen: Anfangs sehen sie oft Anzeichen von Erneuerung und Erweckung, aber dann kommen die Leiter und „bremsen“.

Fazit: Es ist nicht möglich, geistliche Erneuerung innerhalb der bereits bestehenden organisierten Strukturen zu verwirklichen.

Zu dieser – auf den ersten Blick übertrieben klingenden – Einsicht sind in Wirklichkeit fast alle Reformatoren und Erweckungsprediger der Vergangenheit früher oder später gekommen!
Bei einem kurzen Überflug der Kirchen- und Erweckungsgeschichte fiel mir bald eine eigenartige Gesetzmässigkeit auf: Die meisten Reformatoren und Erweckungsprediger begannen ihren Dienst innerhalb einer Kirche oder Bewegung, die aus einer vorhergegangenen Erweckung hervorgegangen war. Aber irgendwann kam ein Punkt, wo sie ihrer Kirche zu radikal wurden und es zu einem Bruch kam.
Martin Luther war ein katholischer Mönch und Priester. Zumindest am Anfang der Reformation dachte er nicht im Entferntesten daran, eine andere Kirche zu gründen; er wollte die katholische Kirche als solche reformieren. Aber je mehr er die Gedanken der Reformation verbreitete, desto „untragbarer“ wurde er für die Kirche, bis er schliesslich exkommuniziert wurde. So begann etwas Neues: die reformierten Kirchen.
John Wesley begann seinen Dienst in der anglikanischen Kirche; also einer Kirche, die aus der Reformation hervorgegangen war. Aber auch er musste bald feststellen, dass die Kirche seinen Erneuerungsversuchen nicht wohlgesinnt war. Wiederum entstand etwas Neues: die methodistische Bewegung (die mit der Zeit dann auch zu einer „Kirche“ wurde).
William Booth war ein methodistischer Prediger. Aber die Methodisten seiner Tage (Wesley war längst tot) konnten seine Vision nicht teilen, das Evangelium auf die Strasse hinaus und zu den Bedürftigen zu tragen. So brauchte auch hier der „neue Wein“ wieder ein „neues Gefäss“, und die Heilsarmee entstand.
Aus der Heilsarmee wiederum ging z.B. Smith Wigglesworth hervor, der aber nicht als Heilsarmist, sondern als Prediger der Pfingstbewegung bekannt wurde. – Und wenn ich jetzt Männer Gottes nennen würde, die sich von den heutigen Pfingstgemeinden trennen mussten, weil es dort zu eng war, dann würden sich meine pfingstlichen Freunde vermutlich ärgern…

Wir sehen also, dass die Träger fast jeder neuen Erweckung abgelehnt und oft sogar vefolgt wurden von den Trägern genau jener vergangenen Erweckung, aus deren Schoss sie selber hervorgegangen waren.

(Fortsetzung folgt)

Wie Jesus mich fand

21. Mai 2009

Eigentlich suchte ich nicht Jesus. Ich suchte lediglich Hilfe in einer tiefen seelischen Not und Einsamkeit, und ich kannte niemanden, den ich um Hilfe hätte bitten können. Da ich damit rechnete, dass Gott mit ziemlich grosser Wahrscheinlichkeit existierte, begann ich zu ihm um Hilfe zu rufen. Und er antwortete, indem er mir Menschen über den Weg schickte, die mir tatsächlich in gewisser Weise helfen konnten. Zuerst einen Religionslehrer, der nicht einfach seinen „Stoff“ durchnahm, sondern uns Schüler als Menschen ernstnahm und Verständnis zeigte. Später eine Schulkameradin, die mich zu einem Treffen christlicher Schüler einlud.

So erhielt ich persönlich Hilfe, aber damit bin ich nicht schon Christ geworden. Ich nahm zwar an christlichen Veranstaltungen teil, las in der Bibel und betete ab und zu, und versuchte ein gutes Leben zu führen. Deshalb dachte ich, ich sei ein ziemlich guter Christ und Gott könne einigermassen zufrieden sein mit mir.

Leider funktionierte das aber nicht. Es gab Zeiten, da interessierten mich all die geistlichen Dinge überhaupt nicht, und ich blieb den christlichen Treffen fern. Dann machte ich mir wieder Vorwürfe, weil ich so „lau“ war, und versuchte „verbindlicher“ zu sein. Aber ich entdeckte immer schlimmere Fehler in mir selber, und stiess Leute vor den Kopf, die ich eigentlich als meine Freunde betrachtete, und verstand selbst nicht, warum ich das tat. Es ging mir wie Martin Luther, der als junger Mönch versuchte sich von seinen Sünden zu reinigen, und entmutigt ausrief: „Je mehr man versucht sich die Hände zu waschen, desto schmutziger werden sie!“

Einige Worte von Jesus trafen mich besonders. So z.B. in der Bergpredigt:

„Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt wurde: ‚Du sollst nicht töten.‘ … Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder zürnt, ist vor dem Gericht schuldig …

Ihr habt gehört, dass gesagt wurde: ‚Du sollst nicht ehebrechen.‘ Ich aber sage euch: Jeder, der eine Frau ansieht, um sie zu begehren, hat in seinem Herzen schon mit ihr Ehebruch begangen. …

Und ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt wurde: ‚Du sollst nicht falsch schwören, sondern dem Herrn deine Schwüre halten.‘ Ich aber sage euch: Ihr sollt überhaupt nicht schwören … sondern euer Ja sei Ja, und euer Nein Nein; denn was darüber hinausgeht, kommt vom Bösen.“

(aus Matthäus Kapitel 5)

Wenn ich mein eigenes Herz und meine Gedanken ehrlich untersuchte, begann ich mich zu fragen, ob ich wirklich ein Christ war.

An einem grossen christlichen Schülertreffen wurde gefragt: „Wer von euch möchte Jesus dienen?“ – Ich dachte: Natürlich, wer möchte das denn nicht?, und erhob die Hand. Später kam einer der Leiter auf mich zu, sprach mit mir und betete mit mir. Meine christlichen Kameraden werden gedacht haben, ich hätte mich damals „bekehrt“. Aber in Wirklichkeit hatte ich noch gar nicht verstanden, worum es bei einer Beziehung zu Jesus geht.

In jener Zeit hatte ich einen Traum, der mir später zu einer grossen Verständnishilfe wurde, wie ich von neuem geboren werden konnte. Ich habe diesen Traum in diesem Artikel beschrieben:
https://christlicheraussteiger.wordpress.com/2009/06/22/der-weg-zum-anderen-ufer/

Schliesslich kam ich in eine so grosse Krise (die ich jetzt nicht im Einzelnen beschreiben möchte), dass ich mir sagen musste: „Mein Leben bringt Jesus solche Unehre, dass er ganz recht hätte, wenn er mich jetzt in die Hölle schicken würde. Und dass ich dabei sage, ich sei Christ, macht das Ganze nur noch schlimmer. Ich verdiene überhaupt nicht mehr zu leben.“ – Mir kam aber noch jemand in den Sinn, den ich um Rat fragen konnte; eine Person, von der ich wusste, dass sie Jesus liebte. Diese Person stellte mir eine wichtige Frage: „Als du so schreckliche Dinge getan hast – glaubst du, dass Jesus auch in jenen Momenten bei dir war, und dass er am Kreuz gestorben ist, um dir genau diese Dinge zu vergeben?“

Nein, das konnte ich nicht glauben. Ich hatte Jesus derart beleidigt – und er würde mir einfach so vergeben? Solange ich dachte, mein Leben sei in Ordnung, war es einfach gewesen zu sagen: „Ja, ich glaube, dass Jesus für meine Sünden gestorben ist.“ Aber in diesem Moment, wo ich von konkreten Sünden überführt war, stellte ich fest, dass ich im Grunde meines Herzens nicht auf Jesus vertraute.

Jesus sagte, der Heilige Geist werde kommen, um die Welt von der Sünde zu überführen, „dass sie nicht an mich glauben“ (Johannes 16,8-9). Genau das tat der Heilige Geist mit mir in jenem Moment.

Es folgten mehrere Monate geistlichen Ringens: ich wollte glauben, aber ich konnte es nicht. Ein weiser Seelsorger half mir, schliesslich zum Durchbruch zu kommen, sodass ich mein ganzes Leben mit all seinen Fehlern und Sünden in die Hände von Jesus legen konnte und ihm sagen konnte: „Mache damit, was du selber willst.“

Damit änderte sich mein Leben nicht schlagartig. Aber ich lernte nach und nach, mein Leben im Vertrauen auf Jesus zu leben, statt aus eigener Kraft zu versuchen, mich selbst zu verbessern. Damit wurden die Dinge tatsächlich besser. Und ich bekam die Gewissheit, dass Gott mich wirklich als sein Kind „adoptiert“ hat.

Lange Zeit erzählte ich diese Geschichte niemandem. Im evangelikalen Raum ist es heute üblich, dass man an einer Evangelisationsveranstaltung ein „Übergabegebet“ spricht und sich damit auf einfachste Weise „bekehrt“ und von heute auf morgen ein „Christ“ wird. Ich beobachtete andere, die das taten, und fragte mich: Warum ist es bei mir nicht so einfach gegangen? War ich wohl ein besonders schwieriger Fall für Jesus? Und ich schämte mich, weil ich kein so handliches, einfaches „Zeugnis“ zu erzählen hatte.

Inzwischen fand ich aber heraus, dass viele grosse Gottesmänner der Vergangenheit auf eine Weise zu Jesus fanden, die eher meiner Geschichte gleicht als den heutigen Evangelisationsveranstaltungen. Martin Luther, John Bunyan, John Wesley, Charles Finney, und viele andere, gingen durch eine lange, schwierige Zeit der Überführung von der Sünde und des Ringens um den Glauben, bevor Jesus sie zum Durchbruch brachte. Die heutigen Evangelisationsveranstaltungen und Instant-Bekehrungsaufrufe sind dagegen eine Neuerung der letzten hundert Jahre.

Ich will damit nicht sagen, dieser Bekehrungsprozess müsse immer lang sein. Gott kann einen Menschen auch augenblicklich zum Glauben bringen, wie Saulus auf dem Weg nach Damaskus. Aber wenn das Element der tiefen Überführung von der eigenen Sündhaftigkeit und Unfähigkeit nicht dabei ist, dann zweifle ich, ob es sich um eine echte Bekehrung handelt.

Aber das wäre ein Thema für einen anderen Artikel…