Homeschooling ist ein Menschenrecht! – USA gewährt Deutschen politisches Asyl

5. Februar 2010 von NovumTestamentum

Der Fall machte kürzlich Schlagzeilen: Ein amerikanisches Gericht hat der deutschen Familie Romeike politisches Asyl gewährt, weil sie in Deutschland verfolgt wurden wegen ihrer Entscheidung, ihre Kinder selber zu erziehen. Damit ist jetzt offiziell festgestellt worden, dass die deutsche Regierung (mehrmals auch von EU-Instanzen gedeckt) mit ihrem Vorgehen gegen “Homeschooler” grundlegende Menschenrechte massiv verletzt.

Ich habe mir ein paar Pressestimmen und Kommentare dazu angesehen. Grösstenteils traurig, was dazu geschrieben und gedacht wird (zumindest im deutschen Sprachraum):

Da wird gedankenlos die Argumentation deutscher Regierungsstellen und Lehrerverbände wiederholt, Eltern könnten ihren Kindern keine angemessene Bildung vermitteln, und deshalb müsse die Schulpflicht mit Gewalt durchgesetzt werden. Dabei ist schon längst durch die Forschung gezeigt worden, dass genau das Gegenteil der Fall ist: Zuhause ausgebildete Kinder sind generell den Schulkindern überlegen, nicht nur intellektuell, sondern auch psychologisch und sozial. (In einem späteren Artikel gedenke ich konkrete Daten dazu zu veröffentlichen.)

Ein zweites häufiges “Totschlag-Argument” in den deutschen Kommentaren war, die Romeikes seien religiöse Fundamentalisten und deshalb habe der Staat das Recht, ihnen ihre Überzeugungen zu verbieten. Da muss man sich wirklich fragen, auf welcher Seite die Intoleranz liegt: auf der Seite einer Familie, die einfach ihren Überzeugungen nachleben will, ohne andere Menschen zu belästigen; oder auf der Seite eines Staates, der solche Überzeugungen unter Gewaltanwendung verfolgt? – Ich erlaube mir hier die neue Wortschöpfung “Staatsfundamentalisten”: für alle jene, die glauben, der Staat hätte das Recht, seinen Bürgern eine bestimmte Ideologie aufzuzwingen und Andersgläubige zu verfolgen.

Und ein dritter Punkt, wo ich mich beklommen frage, was für ein gesellschaftliches Klima zur Zeit in deutschen Landen herrscht (ich wohne ja zum Glück weit weg…): Kaum ein Kommentator zeigte irgendwelches Mitgefühl mit dem unsäglichen Leiden, das die Familie Romeike auf sich nehmen musste: Unverhältnismässige Geldbussen und Enteignungen, als sie die Bussen nicht mehr bezahlen konnten; monatelange Gerichtsstreitigkeiten; Drohungen mit Gefängnis und Kindesentzug; zweimal drang die Polizei in ihr Haus ein, um die Kinder gewaltsam zur Schule zu schleppen. Das alles wird offenbar in Deutschland heute als normal empfunden?! – Kommentatoren behaupteten, die Familie Romeike schade mit ihrer Erziehung ihren eigenen Kindern. Aber kaum jemand fragte danach, was für Schädigungen diese Kinder durch das brutale Vorgehen der deutschen Behörden erlitten haben.

Es handelt sich ja nicht um einen Einzelfall. Wer im deutschsprachigen Bereich des Internets nach “Homeschooling”, “Bildungsfreiheit” usw. sucht, wird bald auf weitere ähnliche Horrorgeschichten stossen. Eltern, die in Deutschland ihre Kinder selber erziehen, müssen damit rechnen, dass sie ihr Hab und Gut verlieren, ins Gefängnis gesperrt werden, ihre Kinder in Heime oder psychiatrische Kliniken zwangsinterniert werden, und dass sie sogar im Ausland noch von deutschen Behörden weiter verfolgt werden.

Dass es sich hier tatsächlich um politische Verfolgung handelt, ist jetzt im amerikanischen Asylverfahren klar festgestellt worden. Im Blog “Freie Bildung” wurde die Urteilsbegründung detailliert dargestellt und kommentiert. Ebenso wurde herausgestellt, dass der “religiöse Fundamentalismus” nur ganz am Rande etwas mit der Sache zu tun hat (deshalb der Titel des Blog-Artikels: “Der Religionskrieg lebt”), sondern dass es um die Grundüberzeugung geht, Kindererziehung gehöre in die Familie.

Da die Zitate in dem erwähnten Blog-Artikel auf Englisch sind, habe ich hier einige davon übersetzt:

Verfolgung

(…) Herr Romeike und seine Frau und Kinder erlitten ständige Verfolgung, weil sie ihre Kinder zuhause ausbildeten. Nachstehend eine nicht vollständige Liste der Verfolgung, die sie erlitten:

Bedrohung:
(Es werden acht Vorfälle innerhalb von drei Monaten aufgeführt, wo der Familie von Behörden und Polizei konkret Bussen, Polizeigewalt und andere Zwangsmassnahmen angedroht wurden.)

Körperliche Schädigungen:
Am 20.10.2006, um ca. 7.30 Uhr, betraten bewaffnete und uniformierte Polizeibeamte das Heim der Romeikes. Ohne einen schriftlichen Befehl zu haben, führten die Beamten die Kinder gewaltsam ab und fuhren die weinenden, traumatisierten Kinder zu der staatlichen Schule.
Am 23.10.2006, um ca. 8.30 Uhr, kamen wiederum bewaffnete und uniformierte Polizeibeamte zum Heim der Romeikes, um die Kinder gewaltsam wegzuführen. Sie hätten damit Erfolg gehabt, wenn nicht eine Gruppe deutscher Bürger vor dem Heim der Romeikes protestiert hätte.

Einschüchterung und Verachtung:
Im November 2006 wurden Herr und Frau Romeike von Dr.Klein konfrontiert, der zu dem Treffen unangekündigt einen Beamten des Jugendamts mitbrachte (welches das Recht hat, den Eltern ihre Kinder wegzunehmen).
Die deutschen Behörden dispensierten die Kinder Romeike vorübergehend vom Schulbesuch, begründet mit einem Arztzeugnis vom 13.November 2006, wonach ein zwangsweiser Schulbesuch den Kindern unangemessenen Stress mit psychosomatischen Konsequenzen bereiten würde. (…) Diese Begründung alarmierte Herrn und Frau Romeike, weil solche Gründe in anderen Fällen in Deutschland dazu benützt worden waren, zuhause ausgebildete Kinder zwangsweise in eine psychiatrische Klinik einzuweisen und sie den Eltern wegzunehmen.
Die deutschen Behörden, inbegriffen Zivilrichter, lehnten ständig die Argumente der Romeikes ab betreffend ihr Gewissen, elterliche Rechte, und die Freiheit in der Wahl der Bildung.

Geldbussen und Enteignung:
(Es werden sieben Fälle aufgeführt, wo die Romeikes gebüsst wurden, insgesamt mit einem fünfstelligen Betrag, und der Androhung einer Zwangsenteignung. Das Enteignungsverfahren war bereits eingeleitet worden, als die Familie in die USA floh.)

Im weiteren wird begründet, dass die Verfolgung von “Homeschoolern” in Deutschland eindeutig auf ihrer Zugehörigkeit zu einer definierten sozialen Gruppe mit bestimmten Überzeugungen beruht:

Homeschooler, als Mitglieder einer besonderen und sichtbaren sozialen Bewegung, können ihrem Gewissen in jedem grösseren westlichen Land folgen, mit Ausnahme von Deutschland. Die deutsche Regierung, unterstützt von den höchsten Gerichten, hat stattdessen eine Position der offiziellen Intoleranz gegen diese besondere soziale Gruppe eingenommen. Das deutsche Bundesverfassungsgericht stellte fest, dass die deutsche Regierung ein berechtigtes Interesse daran hat, auf individuelle Homeschooler abzuzielen, mit dem eigentlichen Zweck, die Homeschool-Bewegung zu unterdrücken und diese besondere soziale Gruppe an ihrer Ausbreitung zu hindern.

(…) Die besondere soziale Gruppe, zu der Herr Romeike gehört, besteht aus jenen Eltern, die aus religiösen, politischen, sozialen, akademischen oder Gewissensgründen ihre Kinder nicht in staatlich genehmigte Schulen schicken, sondern sie zuhause erziehen. (…) Ihre religiösen und Gewissensüberzeugungen sind so grundlegend für ihre Identität, dass sie nicht gezwungen werden sollten, diese zu ändern. Homeschooler in Deutschland sind ohne Frage eine besondere soziale Gruppe.

(Anm: Das wird herausgehoben, weil Verfolgung aufgrund der Zugehörigkeit zu einer besonderen sozialen Gruppe ein Grund für politisches Asyl ist.)

(Die Verfolgung dieser Gruppe) wird bewiesen durch das Zeugnis der zahlreichen Familien, die diesem Gericht eidesstattliche Erklärungen vorgelegt haben. Der deutsche Staat betrachtet Homeschooler als eine soziale Gruppe und hat ministerielle Erklärungen über Homeschooling abgegeben, sowohl auf Bundes- wie auf Länderebene. Bezeichnend ist hierzu das Urteil des deutschen Bundesverfassungsgerichts, wonach die Regierung berechtigt sei, Homeschooler zu unterdrücken, “um der Entwicklung religiös oder philosophisch motivierter Parallelgesellschaften entgegenzuwirken”.
(…) Eltern, die ihr Menschenrecht auf die Ausbildung und Erziehung ihrer Kinder in der Form von Homeschooling ausüben, haben gemeinsame Merkmale, die sie zu einer erkennbaren Gruppe machen und sie von der allgemeinen deutschen Gesellschaft unterscheiden. Somit ist der deutsche Staat motiviert, Herrn Romeike zu verfolgen, weil er ein Homeschooler ist.
(…) Der deutsche Staat nimmt Homeschooler aufs Korn, nicht wegen der individuellen bildungsmässigen Folgen für jedes Kind, sondern wegen der mutmasslichen weiteren Folgen für die Gesellschaft. Deutsche Beamte gehen gegen Homeschooler härter vor als gegen Eltern von Kindern, die einfach die Schule schwänzen und keinerlei Bildung erhalten, weder in der Schule noch zuhause.
Anscheinend mit dem Segen des Verfassungsgerichts in Konrad, bewirkt das harte Vorgehen gegen Homeschooler einen Terroreffekt, um andere Mitglieder derselben sozialen Gruppe abzuschrecken, sowie Menschen aus der allgemeinen Bevölkerung, die gerne dieser Gruppe beitreten würden. Das harte und gezielte Vorgehen der deutschen Regierung gegen Homeschooler trägt dazu bei, diese besondere soziale Gruppe zu definieren, beweist deren Existenz, und zeigt den Zusammenhang zwischen der Schädigung und dem geschützten Grund für die Gewährung von Asyl.

(…) Im vorliegenden Fall würden andere westliche Staaten kein Verbrechen sehen, da sie Homeschooling erlauben. Die Schwere der Bestrafung, der Herr Romeike unterzogen wurde (…), ist völlig unverhältnismässig im Vergleich zu dem geringen Vergehen. Seine politische Ansicht, dass es ihm erlaubt sein solle, seine Kinder zuhause auszubilden, ist motiviert durch seine religiöse Sicht von seiner Rolle als Vater. In diesem Fall besteht die “Natur der Tat” darin, seinen Kindern eine gute Erziehung zu geben; aber der deutsche Staat hat dies als irrelevant angesehen. (…) Es ist klar, dass die gerichtliche Verfolgung gegen Herrn Romeike sich auf seine politische Ansicht gründet, seine Kinder zuhause ausbilden zu sollen (…). Dass der Staat überhaupt nicht um die Qualität der Ausbildung der Kinder besorgt war, zeigt, dass die Verfolgung politisch ist, nicht einfach bildungsmässig.
(…) Auch die Beweise, dass die Bestrafung für eine politische motivierte Tat unverhältnismässig ist, können auf Verfolgung aufgrund politischer Ansichten hinweisen, statt rechtmässiger gerichtlicher Verfolgung. Wie oben behandelt, ist die Bestrafung für die politische Tat des Homeschooling unverhältnismässig. Das beweist nicht nur, dass es sich wirklich um Verfolgung handelt (…); es beweist auch, dass die Verfolgung wegen Herrn Romeikes politischer Ansicht geschieht.

Wie das amerikanische Gericht festgestellt hat, ist also der einzige “religiöse” Konfliktpunkt in dieser Auseinandersetzung Herrn Romeikes Überzeugung über seine Aufgabe als Vater – eine Überzeugung, die er durchaus auch mit nichtreligiösen oder “anders religiösen” Menschen teilt. Der Kern der Auseinandersetzung ist politisch: wer hat das Recht, Kinder zu erziehen, die Eltern oder der Staat?

Nun möchte ich auch noch positiv einen Medienkommentar erwähnen, wo offenbar jemand gemerkt hat, worum es geht. Unter dem Titel “Deutschland muss noch viel lernen” sagt ein Kommentator des WDR u.a.

Wenn hier einer spinnt, dann ist es Deutschland mit seiner obrigkeitsstaatlichen Tradition, die für Länder, die aus Freiheitswillen entstanden, unbegreiflich, ja geradezu abstoßend ist. Die USA sind geboren als eine Nation gegen die damals in Europa herrschende Unfreiheit und Unterdrückung. Grundlegend ist die Überzeugung, dass die Menschen nicht dem Staat gehören, sondern sich selber, und dass der Staat nur eine dienende Funktion hat (…)
Durch die Bank führt aber der Hausunterricht nicht zu schlechteren Ergebnissen, ganz im Gegenteil: durchweg sind sie besser als die der staatlichen Schulen.
Wenn es nicht nur im großen Wissenschaftsland USA und in mehr als einem Dutzend renommierter Staaten Mitteleuropas ohne Schulzwang geht, dann stimmt doch was mit Deutschland nicht. Und so ist es: Es hat ein Bildungsdefizit in punkto Freiheit. Es muss noch viel lernen.

Experiment: Ein Wasserstoffballon

30. Januar 2010 von NovumTestamentum

Beim Auflösen von Metallen in einer Säure entsteht Wasserstoffgas. Dieses Gas ist leichter als Luft. Unsere Kinder fragten deshalb, ob man damit einen Ballon füllen und fliegen lassen könnte. So probierten wir es aus.
Anfänglich hatten wir einige Schwierigkeiten mit diesem Experiment; aber mit der Zeit fanden wir heraus, worauf man achten muss, dass es funktioniert. Die untenstehenden Hinweise sind die Frucht von einigen Stunden des Ausprobierens.
Es ist auch nicht ganz ungefährlich: Wenn sich Wasserstoff mit Sauerstoff vermischt, entsteht Knallgas, das mit dem kleinsten Funken explodieren kann. Es empfiehlt sich daher, diesen Versuch im Freien durchzuführen, und den Ballon nicht Kindern unbeaufsichtigt als Spielzeug zu überlassen.

Bei unserem Versuch benutzten wir Aluminiumfolie und Salzsäure. Salzsäure ist die einzige starke Säure, die für uns erhältlich ist. Aluminium hat den Vorteil, dass es immer von einer dünnen Schicht Oxid überzogen ist. Diese Schicht muss von der Säure zuerst aufgelöst werden, wobei noch kein Wasserstoff entsteht; erst danach beginnt die eigentliche Reaktion mit dem Aluminium. Diese Verzögerung gibt uns Zeit, den Ballon richtig zu befestigen. Den Rest des Beitrags lesen »

“Sie sehnen sich nach Familie” – nicht nach Institution! Ein Nachtrag.

21. Januar 2010 von NovumTestamentum

Vor einigen Wochen schrieb ich einen Bericht über unsere gegenwärtige Tätigkeit unter dem Titel “Sie sehnen sich nach Familie” (http://christlicheraussteiger.wordpress.com/2009/12/12/sie-sehnen-sich-nach-familie/).

Ein – im übrigen wohlmeinender – Verfechter des institutionalisierten Christentums schrieb mir, als Argument für die Eingliederung in eine “institutionelle” Gemeinde: “Wie schön und wichtig für diese gute Arbeit wäre ein Netzwerk von Mitarbeiter mit weitern Gaben, die auch helfen könnten, dass diese punktuelle Arbeit eine Fortsetzung und Weiterführung finden würde!”
Ja, das wäre eigentlich schön und gut. Im Grunde habe ich nichts dagegen, wenn Freunde oder Mitarbeiter im institutionellen Kirchentum involviert sind – solange sie ihrerseits uns zugestehen, unseren Weg zu gehen. Und weitere Mitarbeiter zu haben, die diese Arbeit mittragen, wäre auch nicht schlecht. Aber persönlich würde ich es vorziehen, Mitarbeiter zu haben, die wie wir dazu bereit sind, unabhängig vom institutionellen Kirchensystem zu arbeiten. Ich habe genügend Zeit in diesem System verbracht – etwa zwei Jahrzehnte -, um mir vorstellen zu können, was geschähe bei dem Versuch, unsere gegenwärtige Tätigkeit im Rahmen einer solchen Institution auszuüben.

Wäre ich noch Mitglied der Missionsgesellschaft, mit der ich erstmals nach Perú kam, dann hätte ich nicht einmal die Frau heiraten dürfen, mit der ich inzwischen viele glückliche Ehejahre verbracht habe. Ich hätte also höchstwahrscheinlich bis heute nicht einmal eine Familie. Aber das ist wieder eine andere Geschichte…

Bevor ich anfangen könnte, den Nachbarskindern zu helfen, müsste ich der Leiterschaft “meiner” Institution eine möglichst überzeugende Projektbeschreibung vorlegen. In meinem Arbeitszimmer habe ich mehrere dicke Umschläge mit vergangenen Projekten, Grundsatzerklärungen, Visions- und Missionsbeschreibungen, Anforderungsprofilen für Mitarbeiter, usw. usw. – lauter wertloses Papier, weil die darin enthaltenen Vorschläge vor Jahren inmitten der Unmöglichkeiten institutioneller Bürokratien versickert sind.

Es würde also eine lange Reihe von Kommissionssitzungen, Abklärungsgesprächen, Korrespondenzen, usw. beginnen.

Dann würde die Institution – falls ich wirklich ihr Wohlwollen für mein Projekt gewinnen könnte – mit 99%iger Sicherheit darauf bestehen, für dessen Durchführung eine Räumlichkeit zu kaufen oder zu mieten, weil eine solche Unternehmung in unserer eigenen Wohnung zu sehr den Anstrich einer eigenwilligen Privatinitiative hätte (oder was auch immer als Grund angegeben würde). Dieser Schritt würde aber unweigerlich zu einer langen Diskussion über Budgetfragen, Mittelbeschaffung usw. führen.

Dann käme bestimmt irgendein schlauer Kopf auf die Idee, wenn wir schon so etwas machten, dann sollten wir es doch gleich “richtig” machen, d.h. als staatlich anerkannte “Akademie” usw. Das würde uns viel mehr Türen öffnen und den Einfluss unserer Arbeit ausweiten. (Trifft nach den Massstäben dieser Welt sicherlich zu.) – Somit würde ein Bewilligungsverfahren beim Erziehungsministerium eingeleitet. Auf den Unterlagen dafür könnten wir aber nicht als Verantwortliche figurieren, da weder meine Frau noch ich ein gültiges Lehrerdiplom haben. Es müsste also zuerst ein “Alibi-Lehrer” gesucht werden, der für uns unterschreiben würde. Das wiederum würde zu einem Kompetenzenkonflikt zwischen diesem Lehrer und uns führen, was von Anfang an den Erfolg des Projektes in Frage stellen würde.

Über diesen mehrfachen Bewilligungsverfahren (zuerst bei unserer eigenen Institution, dann bei den staatlichen Instanzen) wäre der grösste Teil des Schuljahres bereits verstrichen. Aber angenommen, diese Verfahren hätten Erfolg und wir könnten wirklich beginnen: auch dann wäre unsere Arbeit noch nicht sicher. Wir müssten jederzeit damit rechnen, dass die Institutionsleitung willkürlich unsere besten Mitarbeiter in andere Arbeitszweige versetzen würde und uns (wenn überhaupt) andere, unerfahrene und ungeeignete Mitarbeiter zuteilen würde. (Ich schreibe aus Erfahrung. Die meisten meiner vergangenen – institutionellen – Projekte sind genau aus diesem Grund eingegangen.)

Jetzt komme ich erst zum Hauptpunkt: Schon ziemlich am Anfang dieses institutionellen Hürdenlaufs wäre das Wesentliche verlorengegangen, das für die meisten Kinder der eigentliche Grund ist, überhaupt zu uns zu kommen und nicht zu einem anderen existierenden Hilfsangebot: nämlich dass wir eine Familie sind und eben nicht eine Institution. Genau jene Kinder, die gegenwärtig am meisten unsere Hilfe nötig haben und davon profitieren, wären gar nicht erst zu uns gekommen.

Ganz zu schweigen davon, dass viele Eltern ihre Kinder nicht zur Hausaufgabenhilfe einer “Sekte” senden würden. Wir haben herausgefunden, dass viele unserer Nachbarn religiösen Organisationen gegenüber misstrauisch sind – und die meisten von ihnen haben gute Gründe zum Misstrauen. (Etwa ein Drittel von ihnen sind ehemalige Mitglieder evangelischer Gemeinden.) Gerade der Umstand, dass wir keiner solchen Organisation angehören, ermöglicht unbefangene Glaubensgespräche. Wir hoffen, dass so einige von den Gemeinden enttäuschte Menschen dennoch wieder einen Zugang zu Jesus finden können, unabhängig von vergangenen schlechten Erfahrungen und ohne den Druck, “Mitglied” einer “Organisation” werden zu müssen. Viele von ihnen sind nicht grundsätzlich dem Glauben abgeneigt; sie stossen sich nur an dessen verzerrter Form, der sie in den Gemeinden begegnet sind. – Ein gemeindlich-institutionalisiertes Hilfsprogramm wird dagegen – mit wenigen Ausnahmen – nur solche Menschen anziehen, die sich bereits im Dunstkreis evangelischer Tradition bewegen, und die gerade deshalb “Glauben an Jesus” mit “Mitgliedschaft in einer Organisation” verwechseln.

Die Kinder, die zu uns kommen, sind noch weit davon entfernt, das Evangelium von Jesus Christus zu verstehen. Aber ihre “Sehnsucht nach Familie” zielt in die richtige Richtung – im Gegensatz zur “Sehnsucht nach Institution” oder zur “Sehnsucht nach religiöser Betätigung”, die ich in einigen anderen Menschen beobachte. Christliche Gemeinde ist in erster Linie Familie, nicht Institution. Wenn ein Attribut Gottes es verdient, besonders hervorgehoben zu werden, dann ist es: “VATER”. Nicht nur der Vater von Jesus, sondern auch der Vater einer Familie, zu der jeder wahrhaft Gläubige gehört.

Hierzu ein beachtenswerter Denkanstoss von Wolfgang Simson:

“Die Art von Gemeinde, die wir hier auf Erden haben, hängt stark davon ab, wie wir uns Gott im Himmel vorstellen. Wenn wir glauben, wir hätten einen ‘Lehrer im Himmel’, dann wird die Gemeinde zu einem Schulzimmer, wo wir uns Notizen machen und sie gleich anschliessend vergessen. Wenn wir glauben, Gott sei ein Richter, dann sieht die Gemeinde wie eine Polizeistation aus. Wenn wir glauben, Gott sei ein Arzt, dann wird die Gemeinde wie ein Spital, wo wir einander die Wunden verbinden und dann einander wieder von neuem verletzen. Wenn wir glauben, Gott sei ein General, dann wird die Gemeinde zu einer Armee. Aber wenn wir verstehen, dass Gott in erster Linie ein Vater ist, dann wird die Gemeinde wie eine Familie sein.”

Deshalb glaube ich, ein Kind, das nach einer echten Familie sucht, hat die besten Voraussetzungen dafür, den Vater im Himmel zu finden und kennenzulernen.

Was Europa Perú verdankt

16. Januar 2010 von NovumTestamentum

(bzw. Südamerika)

Kartoffeln

Das typische Schweizer Gericht “Rösti” ist eigentlich gar nicht schweizerisch, denn Kartoffeln waren in Europa vor der Entdeckung Amerikas unbekannt. Auch Pommes Frites, Kartoffelstock, usw. kannten unsere Vorfahren vor gut 500 Jahren noch nicht. Es wird gesagt, dass dank der Einführung der Kartoffel am Anbruch der Neuzeit in Europa eine Hungerkatastrophe vermieden wurde. Aber nicht jedermann wusste mit dem fremdländischen Gewächs umzugehen: Manche versuchten zuerst die grünen, runden Früchtchen oder die Blätter zu essen, bis sie merkten, dass die ins Feuer geworfenen Wurzeln einen unerwarteten Wohlgeruch ausströmten.

Im peruanischen Hochland, dem Herkunftsgebiet der Kartoffel, gibt es heute noch Dutzende von Kartoffelsorten und ähnlichen Knollengewächsen, die in Europa unbekannt sind.  In der Stadt Cajamarca ist z.Z. ein Kartoffelmuseum im Bau.

(Oben: Mashua)

Mais

Auch der Mais stammt aus dem peruanischen Hochland. In der Umgebung von Cusco, im “Heiligen Tal” der Inkas, gedeihen die grössten Maiskörner der Welt. Auf dem Stadtplatz von Urubamba, dem Hauptort jener Region, ist dem Maiskolben ein Denkmal errichtet worden.

In Europa scheint der Mais nicht so schnell als Nahrungsmittel akzeptiert worden zu sein. In einem Buch von 1921, “Creative Chemistry”, schreibt der amerikanische Autor Edwin E.Slosson:

“Die Ernährungsgewohnheiten ändern sich nur schwer, und die Mehrheit der Einwohner der Alten Welt ignorieren immer noch die Köstlichkeiten des indianischen Puddings, des Maiskuchens, des süssen Maiskolbens und des Popcorn. Ich erinnere mich, wie ich vor dreissig Jahren in London an einem Marktstand einen Haufen verschmähten Popcorns sah, mit einer Anschrift: “Neue amerikanische Süssigkeit. Bitte probieren Sie eines.” Aber ich war der einzige, der dieser kläglichen Bitte nachgab.
Jedesmal, wenn um Hilfe gebeten wurde bei einer Hungersnot in Armenien, Russland, Irland, Indien oder Österreich, antworteten die Vereinigten Staaten mit einer Schiffsladung Mais; aber ihre Grosszügigkeit kühlte sich ab, als sie entdeckten, dass ihre Gabe als Beleidigung angesehen wurde, oder sogar als Versuch, die verarmte Bevölkerung zu vergiften. Die Leute sagten, sie würden lieber sterben, als so etwas zu essen – und einige starben wirklich.
Das Landwirtschaftsministerium der USA sandte “Maismissionare” nach Europa, erfahrene Agronomen und Müller und Köche, um Maispudding und Maiskuchen zu verschenken. Aber ihre Werbung machte wenig Eindruck, und heute sagt man den Amerikanern, sie sollten mehr von ihrem eigenen Mais essen, denn die kriegsgeschädigten Europäer würden ihn nicht anrühren. Auf ähnliche Weise rebellierten die Münchner Bettler gegen die Kartoffelsuppe, als der Ernährungspionier Rumford diese transatlantische Mahlzeit einzuführen versuchte.”

Der Autor fährt dann fort mit einer Aufzählung, was in der amerikanischen Industrie alles hergestellt wird aus Mais (bereits vor einem knappen Jahrhundert!): Öl – und aus diesem wiederum Margarine, Seife, Glyzerin, u.a; Gummi; Stärke; Zucker; Klebstoff; Sprengstoff; Alkohol.

Tomaten

Ja, auch die Tomaten stammen aus Südamerika und waren in Europa unbekannt. Keine Pizza, kein Ketchup… Wie die Kartoffeln, so wurden auch die Tomaten in Europa zuerst für nicht essbar und sogar giftig gehalten.

Schokolade

Schokolade ist keine Erfindung von Schweizer Konditoren. Sie stammt ebenfalls aus Amerika. Allerdings nicht aus Perú, sondern aus Mexiko. So steht es in einem Buch über Entdeckungen und Erfindungen:

“Als die Spanier nach Amerika kamen, fanden sie, dass die Azteken ein Getränk tranken, das sie in ihrem Dialekt “Chocolatl” nannten. Es bestand aus Kakaobohnen, Mais, Honig, Vanille und Gewürzen. Kolumbus nahm 1502 einige Kakaobohnen nach Spanien mit, wo das Rezept des Aztekengetränks verbessert wurde, indem Zucker hinzugefügt wurde. So wurde es zum Modegetränk des europäischen Adels.”

Erdnüsse

Diese werden ja auch heute noch aus Amerika eingeführt. “Spanische Nüssli” werden sie in der Schweiz genannt; aber natürlich kommen sie nicht aus Spanien, sondern wurden von den Spaniern aus Amerika mitgebracht. Ihr französischer Name, “Cacahuètes”, kommt vom ursprünglichen mexikanischen Namen “Cacahuates”.

Truthühner

Zu Weihnachten wird hier in den meisten Häusern der traditionelle “Pavo” (Truthahn) serviert. Tatsächlich stammt auch dieses Tier aus Perú und war den Europäern des Mittelalters unbekannt. Es ist ein so peruanisches Tier, dass es (nach Auskunft einer Brasilianerin) in Brasilien “Perú” genannt wird.

Meerschweinchen

Schon ihr Name besagt, dass diese niedlichen Tiere nicht in Europa heimisch sind: “Schweinchen, die über das Meer kamen”. In ihrer Heimat, dem peruanischen Hochland, dienen sie nicht als Spieltierchen, sondern zur Bereicherung des Speisezettels. In Spezialitätenrestaurants werden gebratene Meerschweinchen als teure Delikatesse serviert. Die meisten Familien halten aber ihre eigenen Meerschweinchen, die jeweils an Geburtstagen und anderen Familienfesten geschlachtet werden.
In manchen Gegenden des Hochlandes gibt es immer noch wilde Meerschweinchen. Diese sind ganz schwarz und werden normalerweise nicht gegessen, da ihr Fleisch nicht so wohlschmeckend ist wie jenes der domestizierten Variante. Dafür werden ihnen von Medizinmännern Heilkräfte nachgesagt.

- In Europa noch nicht wirklich “entdeckt” worden sind:

Quinua, Kiwicha (auch Amaranth genannt) und Kañiwa

Diese drei unter sich sehr ähnlichen Getreidesorten mit rötlicher Schale gehörten zur traditionellen Ernährung der Inkas. Heute werden sie etwas weniger häufig angebaut, da ihre Ernte und Verarbeitung sehr arbeitsintensiv sind. Sie werden aber von Ernährungswissenschaftern sehr empfohlen, da sie an Proteinen und anderen Nährstoffen reicher sind als andere Getreidearten. Ein Hersteller von Kiwicha-Produkten macht damit Werbung, dass dieses Korn von der NASA als eines der Nahrungsmittel für Astronauten auf Raumflügen ausgesucht wurde.

Quinua wächst auch in unserem Garten.

Kañiwa-Körner

- Nun soll nicht verschwiegen werden, dass auch die amerikanische Ernährung durch europäische Tier- und Pflanzenarten bereichert worden ist. Dazu gehören einige Getreide- und Gemüsearten, und dann insbesondere Kühe und Schafe. Tatsächlich kannten die peruanischen Ureinwohner keine Milch! Das ist schon dadurch belegt, dass es in der Quechua-Sprache keine Wörter für “Milch” und “Käse” gibt. (Muttermilch wird “Ñujñu” genannt, das ist dasselbe Wort wie für “Brust” und kann nicht auf Tiermilch angewendet werden.) – Und gemäss dem Bericht eines spanischen Chronisten gab es im Hochland von Cusco vor der Ankunft der Eroberer auch keine Fliegen…

Der Freizeitchemiker vierter Streich: Zwei unserer Experimente

23. Dezember 2009 von NovumTestamentum

In früheren Artikeln berichtete ich über unseren Start als Freizeitchemiker, im Rahmen des “homeschooling”-Programms (in Ermangelung eines besseren Ausdrucks) unserer Kinder. Nun möchte ich ab und zu einige unserer Experimente vorstellen.

Gase reagieren miteinander

Sowohl Salzsäure wie Ammoniak sind als wässrige Lösungen bekannt; im reinen Zustand sind sie aber bei Raumtemperatur gasförmig und reagieren sichtbar miteinander:

HCl + NH3 -> NH4Cl

Das Reaktionsprodukt, Ammoniumchlorid, ist ein weisses Pulver, das als feiner Rauch oder Ablagerung sichtbar wird.

Vorsicht: Beide Substanzen können die Haut angreifen. Gummihandschuhe tragen!

Wir haben die Reaktion auf zwei Arten sichtbar gemacht:


1. Man befeuchtet ein Stück Watte mit Salzsäure und ein zweites Stück Watte mit Ammoniaklösung. Ein verschliessbares Glasrohr wird waagrecht gehalten; man stösst den einen Wattebausch mit Hilfe eines Bleistifts o.ä. ganz hinein und den anderen nur gerade bis unter den Deckel, dann verschliesst man das Rohr und lässt es eine Zeitlang liegen.

Schon bald beobachtet man einen feinen weissen Nebel im Rohr (oben). Einige Zeit später bildet sich ein weisser Ring an einer Stelle der Wand des Rohres (unten).

(Eigentlich sollte sich dieser Ring in der Mitte des Rohres befinden. In unserem Experiment hat sich aber anscheinend das Ammoniakgas viel stärker ausgedeht als das Salzsäuregas, sodass der Ring ganz auf der Seite del Salzsäure entstand.)


2. Man legt zwei kleine Plastikbehälter (Flaschendeckel o.ä) nebeneinander und gibt in den einen einige Tropfen Salzsäure, in den anderen einige Tropfen Ammoniaklösung. Über den Gefässen bildet sich ein feiner weisser Rauch.

Die Flüssigkeiten müssen separat gehalten werden, da bei Vermischung die Reaktion innerhalb der Flüssigkeit stattfindet und nicht sichtbar wird.


Magnesiumblitz

Kann man mit Wasser ein Feuer anzünden? Ja, und zwar ein ziemlich heftiges, wenn man die geeigneten Substanzen dazu hat. (Dies war das Experiment, das unseren Kindern bis jetzt von allen am meisten gefiel.)

Man mischt 50 mg (MILLIgramm!!) Magnesiumpulver mit 125 mg pulverisiertem Silbernitrat und formt ein kleines Häufchen aus der Mischung. (Silbernitrat ist in der Apotheke erhältlich. Das Magnesiumpulver machten wir aus dem Gehäuse eines metallenen Bleistiftspitzers, das wir mit Metallschleifpapier abschliffen. Diese Spitzer bestehen meistens aus Magnesium, was die Klinge vor dem Rosten schützt.) Es ist wichtig, die Substanzen auf einer völlig trockenen, feuerfesten Unterlage und mit einem völlig trockenen Werkzeug zu mischen. Auf keinen Fall grössere Mengen als die angegebenen benutzen!

Man befeuchtet einen langen Glasstab oder Draht, sodass am Ende ein kleiner Wassertropfen hängenbleibt. Diesen lässt man vorsichtig (Abstand halten!) auf die Mischung fallen. Das Ergebnis ist explosiv…

Erklärung: Magnesium ist viel reaktiver als Silber. Es wird deshalb von den Silber-Ionen sofort oxidiert, was Wärme produziert. Bei höheren Temperaturen zersetzen sich die Nitrat-Ionen (NO3-), wobei Sauerstoff frei wird, der die Verbrennung des Magnesiums zusätzlich beschleunigt. Diese Reaktion kann in trockenem Zustand nicht stattfinden, weil es zuwenig Berührungspunkte gibt zwischen dem Silbernitrat und dem Magnesium. Das Wasser löst das Silbernitrat auf und bringt es so in Berührung mit dem Magnesium.

Wegen der intensiven Flamme wurde in den Anfangszeiten der Photographie Magnesium verwendet, um einen Blitz zu erzeugen. (Aber wohl kaum mit Silbernitrat, das wäre zu teuer gewesen…)

Quelle für dieses Experiment (auf Englisch): http://woelen.com

Sie sehnen sich nach Familie…

12. Dezember 2009 von NovumTestamentum

Ich denke, es ist an der Zeit, unserer gegenwärtigen Tätigkeit einen Artikel zu widmen. Seit mehreren Monaten besteht unsere Hauptbeschäftigung darin, Kindern aus der Nachbarschaft bei den Hausaufgaben zu helfen und/oder sie in Abwesenheit ihrer Eltern zu hüten.

Wir haben diese Arbeit nicht eigentlich “geplant”. Sie ist eher die vorläufige Antwort auf unsere Frage an Gott: “Was möchtest Du, was wir tun?”, und auf unsere Bereitschaft, “nach unseren Kräften zu tun, was uns vor die Hände kommt”, wie in Prediger 9,10 steht.

Vor gut einem halben Jahr fielen uns zwei kleine Mädchen auf, die öfters in der Nähe unseres Hauses spielten. Sie sahen ziemlich verwahrlost und schmutzig aus. Zudem hatten sie die Angewohnheit, sich mit ihren Puppen und Zubehör an den Rand einer Strasse zu setzen – oder manchmal auch mitten auf die Strasse -, wo immer wieder Motorräder und Autos vorbeifahren. Als “Spielplatz” ein ziemlich ungeeigneter und gefährlicher Ort. So luden wir die beiden eines Tages zu uns nach Hause ein. Von da an kamen sie öfters, und da die ältere der beiden zur Schule geht, halfen wir ihr auch ab und zu bei den Hausaufgaben. Manchmal assen sie auch bei uns zu Mittag oder zu Abend.

Zugleich erfuhren wir mehr über ihre Familiensituation. Sie wohnen zusammen mit ihrer Mutter und zwei weiteren (älteren) Geschwistern in einem einzigen Zimmer mit zwei Betten. Eine bessere Wohnung können sie sich nicht leisten. Ihre Mutter arbeitet den grösseren Teil des Tages auswärts. Manchmal kümmert sich ihre vierzehnjährige Schwester um sie, aber manchmal sind sie auch ganz sich selber überlassen. Ihr Vater war schon monatelang nicht nach Hause gekommen. Er arbeitete in einer weit entfernten Stadt, und es wurde gemunkelt, dass er dort eine andere Frau hätte. Einmal hatte er ihnen ein wenig Geld geschickt; aber meistens schickte er keines, weil er es vertrank. Ihre Mutter ist ein wenig unberechenbar. Manchmal sagt sie, es sei gut, dass ihre Kinder zu uns kommen könnten; dann wieder verbietet sie es ihnen aus unerfindlichen Gründen. Ab und zu kommt auch sie betrunken nach Hause.

Der zehnjährige Bruder kam manchmal auch zu uns, aber nur selten. Es war auch nicht so einfach, etwas anzufangen mit ihm: er hatte sich schon zu sehr daran gewöhnt, seine Tage ohne Aufsicht auf der Strasse spielend zu verbringen. (In den letzten Wochen kam er aber wieder öfter und brachte ein paarmal sogar seine Hausaufgaben mit.)

Eines Tages fragte uns die ältere der beiden Mädchen: “Darf ich morgen eine Freundin mitbringen?” – Ihre Freundin ist zehn Jahre alt. Sie wohnt bei ihrer Grossmutter, die nur Quechua spricht und ihr deshalb bei den Aufgaben nicht helfen kann. Ihre Mutter sieht sie nur an den Wochenenden und ihren Vater noch seltener. Einmal erzählte sie uns, dass sie als Kleinkind überfallen und entführt worden war.

Nach einiger Zeit kamen zwei weitere Kinder dazu. Auch sie sehen ihre Eltern höchstens an den Wochenenden; unter der Woche sind sie allein mit ihrer fünfzehnjährigen Schwester, die für sie kocht und den Haushalt besorgt.

Dann kamen zwei Buben mit ihrer Mutter: “Wir haben gehört, dass es hier eine Akademie gibt; können wir auch teilnehmen?” (“Akademie” nennen sich hierzulande die bezahlten ausserschulischen Förderungsangebote, von denen es viele gibt. Manche Lehrer machen anscheinend ein gutes Geschäft damit: Die Kinder lernen in der Schule in der Regel nicht allzuviel, und die Eltern lassen sich leicht davon überzeugen, dass sie mit “mehr vom Gleichen” mehr lernen würden. Aus meiner Sicht ein Trugschluss: meistens bewirkt es nur Übermüdung und Überforderung.)
Wir erklärten ihnen, nein, wir seien eigentlich keine “Akademie”; aber wenn sie mit unserer informellen Arbeitsweise zufrieden seien, könnten wir ihnen schon helfen. Seither kommen sie fast jeden Tag.

Offenbar begann es sich unter den Kindern im Quartier herumzusprechen: “Hier ist das Haus, wo sie dir helfen.” Inzwischen sind es rund zwanzig Kinder, die mehr oder weniger häufig zu uns kommen. Das Hauptmotiv ist jetzt Aufgabenhilfe und Nachhilfeunterricht. Aber wenn wir mit unserem “Programm” fertig sind, wollen die meisten gar nicht nach Hause gehen. Wenn wir sie fragen, um welche Zeit sie zuhause sein müssen, bekommen wir oft Antworten wie: “Ich darf so lange fortbleiben, wie ich will.” – “Meine Eltern sagen nichts, sie sind gar nicht zuhause.” – Das einzige, was anscheinend viele Eltern interessiert, sind die Schulnoten. Es gab schon Eltern, die ihre Kinder nicht mehr zu uns kommen lassen wollten, weil sich ihre Schulnoten nicht verbessert hatten.

Die Kinder interessiert aber offenbar etwas anderes. Nachhilfeunterricht könnten sie ja auch woanders bekommen. Aber es scheint, dass sie nirgendwo sonst eine Familienatmosphäre gefunden haben. Sie kommen mit der Idee, in eine “Schule” zu gehen, und überrascht finden sie etwas vor, von dem sie gar nicht wussten, dass es existiert: eine Familie. Eine Schülerin brachte dies auf rührende Weise in einem Brief zum Ausdruck, als sie einige Tage nicht kommen konnte: “Ich bitte Gott meinen Vater, dass ich Euch bald wiedersehen kann. Ich liebe Euch wie meine Eltern, denn Ihr habt mir elterliche Liebe gegeben, und ich danke Euch vielmals für alles, was Ihr mich gelehrt habt.” – Auch jene, die nicht so vernachlässigt sind wie die eingangs beschriebenen Kinder, erleben anscheinend zuhause viel Konflikte, Willkür und Gleichgültigkeit. Nur schon dass man sich zum Essen zusammen an einen Tisch setzt, kommt in den meisten Familien kaum noch vor. Dass Eltern sich Zeit nehmen, ihren Kindern zuzuhören oder mit ihnen etwas zu unternehmen, ist noch seltener. Aber das ist das Ideal dieser Zeit: die Eltern “emanzipieren” sich, und die Kindererziehung wird vom Staat übernommen. Dass die Kinder darunter leiden, scheint nicht viele zu interessieren…

Unsere Arbeit ist da natürlich nur ein Tropfen auf den heissen Stein. Aber es ist das, was Gott uns zur Zeit “vor die Hände gelegt hat”. Und so wollen wir den Kindern auch nahebringen, wer Gott als Vater ist. Er ist das “Urmodell” aller Elternschaft: “Deshalb beuge ich meine Kniee vor dem Vater unseres Herrn Jesus Christus, von dem jede Familie (wörtlich: Vaterschaft) im Himmel und auf der Erde ihren Namen hat…” (Epheser 3,14-15) Er ist ein Vater, der immer Zeit hat für seine Kinder. Ein Vater, der immer guten Rat weiss. Ein Vater, der alle seine Kinder gerecht behandelt. “Ein Vater der Vaterlosen und Beschützer der Witwen ist Gott in seiner heiligen Wohnung. Gott lässt die Verlassenen in einer Familie wohnen…” (Psalm 68,5-6) Und deshalb hat Gott uns Menschen von Anfang an nicht in eine Schule, eine Institution oder einen Wirtschaftsbetrieb gestellt, sondern in eine Familie.

Manchmal bleiben einige der Kinder auch zum Abendessen bei uns, weil ihre Eltern spät nach Hause kommen.

Wir können ja nicht wirklich “Ersatzeltern” sein für alle diese Kinder; und wir wollen auch nicht den Platz ihrer leiblichen Eltern einnehmen. Aber wir können sie auf Gott, den himmlischen Vater, hinweisen, und sie ermutigen, vor ihm ihr Herz auszuschütten und bei ihm Hilfe zu suchen. Wenn die Kinder bei uns etwas finden, was (vorübergehend) ihre Sehnsucht stillt, dann kommt das ja nicht aus uns selber. Was wir ihnen an “Elternschaft” geben können, ist höchstens ein Abglanz der Vaterschaft Gottes. Deshalb wünschen wir uns, dass sie zum Ursprung dieser Elternschaft finden können: zum Vaterherz Gottes. Nur dort wird ihre tiefste Sehnsucht wirklich gestillt werden.

Zusätzlich haben wir angefangen, ab und zu Elternabende anzubieten. So hoffen wir, mit der Zeit auch die Eltern auf ihre Aufgabe und Verantwortung anzusprechen. Das ist nicht einfach: viele von ihnen haben ja ihrerseits auch kein elterliches Vorbild gehabt. Und jahrzehntealte Vorstellungen und Gewohnheiten ändern sich nicht leicht. Wir werden sehen, was daraus wird…

Anscheinend ist wirkliche “Familie” tatsächlich nur da möglich, wo die Kultur von der Offenbarung Gottes erleuchtet wird. Alfred Edersheim, ein grosser Kenner der Antike und des antiken Judentums, schreibt (in “Sketches of Jewish Social Life”):

“Aber wenn wir die Beziehungen zwischen Mann und Frau, zwischen Kindern und Eltern, zwischen Jungen und Alten betrachten, dann erscheint der riesige Unterschied zwischen Judentum und Heidentum am auffälligsten. Sogar die Beziehung, in der Gott selber sich seinem Volk vorstellte, als ihr Vater, verlieh den Banden zwischen irdischen Eltern und ihrem Nachwuchs eine besondere Stärke und Heiligkeit.”
(Kap.6)

Und etwas weiter unten:

“So ungewöhnlich es auch klingt: Ausserhalb der Grenzen Israels konnte man kaum von einem wirklichen Familienleben sprechen; nicht einmal von Familie wie wir sie verstehen. Es ist bedeutungsvoll, dass der römische Geschichtsschreiber Tacitus es als etwas Aussergewöhnliches unter den Juden hervorhebt – ein Merkmal, das sie einzig mit den alten barbarischen Germanen gemeinsam hatten -, dass sie es als ein Verbrechen betrachteten, ihren Nachwuchs zu töten!
Es ist hier nicht Raum, das Aussetzen von Kindern zu beschreiben, oder die verschiedenen Verbrechen, mit denen die alten Griechen und Römer auf dem Höhepunkt ihrer Kultur versuchten, die aus ihrer Sicht überflüssige Bevölkerung loszuwerden. Wenige, die gelernt haben, die klassische Antike zu bewundern, haben wirklich eine Ahnung von ihrem sozialen Leben – weder über die Stellung der Frau, noch über die Beziehungen zwischen den Geschlechtern, noch über die Sklaverei, die Kindererziehung, die Beziehung der Kinder zu den Eltern, oder den Zustand der öffentlichen Moral. (…) Und all das nicht nur als die Zustände unter den niederen Bevölkerungsschichten, sondern völlig zu eigen gemacht und gutgeheissen von jenen, deren Namen zu allen Zeiten bewundert wurden als Denker, Weise, Dichter, Historiker und Staatsmänner. Paulus’ Beschreibung der alten Welt im ersten und zweiten Kapitel des Römerbriefs muss jenen, die wirklich dort lebten, noch als zart und mitleidsvoll erschienen sein; das vollständige Bild ans helle Licht zu bringen, wäre unerträglich gewesen. Für eine solche Welt gab es nur die Alternative: entweder das Gericht von Sodom, oder das Erbarmen des Evangeliums und die Heilung durch das Kreuz.”
(Kap.8)

Das wurde übrigens vor mehr als hundert Jahren geschrieben. Was würde Edersheim heute sagen, angesichts der Tatsache, dass die westliche Kultur inzwischen den Zuständen des alten Rom bedenklich nahe gekommen ist?

Der Freizeitchemiker dritter Streich: Der erste Laborzwischenfall

21. November 2009 von NovumTestamentum

Dies geschah bei einem unserer ersten Chemie-Experimente. Es ging darum, den Siedepunkt verschiedener Flüssigkeiten zu bestimmen. Mein Sohn heizte über einer Flamme ein Reagenzglas mit ein wenig Flüssigkeit und einem Thermometer. Ich hatte ihm soeben beigebracht, wie er das Reagenzglas halten musste: etwas schräg, vom Gesicht und von anderen Leuten weg, und den Reagenzglashalter am Ende anfassen, nicht zu nahe am Glas.

Eine der zu bestimmenden Flüssigkeiten war Alkohol. Anscheinend hatte Unterchemiker Josias den Siedepunkt verpasst und heizte weiter, denn plötzlich spritzte halb gasförmiger Alkohol aus dem Glas, lief dem Glas entlang nach unten und entzündete sich über der Flamme. Reagenzglas und Thermometer standen einige Sekunden lang in hohen Flammen, bis der verspritzte Alkohol verbraucht war. Nun war mein Sohn heilfroh, dass er das Reagenzglas richtig gehalten hatte, denn so war niemandem etwas passiert!

Man könnte jetzt sagen, dieses Experimentieren sei zu gefährlich. Ich bin aber nicht dieser Meinung. Ich bin sogar froh, dass dieser Zwischenfall ziemlich am Anfang passiert ist. Unsere Kinder wissen jetzt, wozu die Sicherheitsvorkehrungen dienen, und halten sich daran. Seither haben wir eine Menge Experimente gemacht (auch gefährlichere), und es gab keinen einzigen Zwischenfall mehr. Ausser dass einmal ein Reagenzglas beim Reinigen zu Bruch ging.

Das folgende Zitat scheint mir in dieser Hinsicht erwähnenswert. Ein Lehrer machte eine Umfrage über “experimentelle Erlebnisse” in der Kindheit, und schreibt folgendes:

“Es stellte sich heraus, dass früher (gemeint sind die Jahre vor 68!) ganz andere Experimente möglich waren. Die Kinder wuchsen damals freier – im Sinne von unbeaufsichtigt – auf. Weniger Einengung, weniger Vorschriften, aber auch weniger Sicherheitsdenken ermöglichten Experimente, die aus heutiger Sicht grausamer (mit Tieren) oder gefährlicher (Wald, Material) wären. Eindrucksvoll zeigt dies der folgende Text:
… Als Kinder sassen wir in Autos ohne Sicherheitsgurten und ohne Airbags. Unsere Bettchen waren angemalt in strahlenden Farben voller Blei und Cadmium. Die Fläschchen aus der Apotheke konnten wir ohne Schwierigkeiten öffnen genauso wie die Flasche mit Bleichmittel. Türen und Schränke waren eine ständige Bedrohung für unsere Fingerchen. Auf dem Fahrrad trugen wir nie einen Helm. Wir tranken Wasser aus Wasserhahnen und aus Brunnen. Wir bauten Wagen aus Seifenkisten und entdeckten während der ersten Fahrt den Hang hinunter, dass wir die Bremsen vergessen hatten. Damit kamen wir nach einigen Unfällen klar. Wir verliessen morgens das Haus zum Spielen. Wir blieben den ganzen Tag weg und mussten erst zu Hause sein, wenn die Strassenlaternen angingen. Niemand wusste, wo wir waren, und wir hatten nicht einmal ein Handy dabei. Wir haben uns geschnitten, brachen Knochen und Zähne, und niemand wurde deswegen verklagt. Es waren eben Unfälle. Niemand hatte Schuld ausser wir selbst. Keiner fragte nach “Aufsichtspflicht”. Wir kämpften und schlugen einander manchmal bunt und blau. Damit mussten wir leben, denn es interessierte die Erwachsenen nicht. Wir assen Kekse, Brot dick mit Butter beschmiert und gingen trotzdem nicht “auseinander”. Wir tranken mit unseren Freunden aus einer Flasche, und niemand starb an den Folgen. Wir hatten weder Playstation, Videospiele, 164 Fernsehkanäle, eigene Fernseher, Computer noch Internet mit Chat-Rooms. Wir hatten nur Freunde. Wir gingen einfach raus und trafen sie auf der Strasse. Oder wir marschierten zu denen heim und klingelten. Manchmal brauchten wir gar nicht klingeln, wir gingen einfach hinein. Ohne Termin und ohne Wissen unserer Eltern. Keiner brachte uns, und keiner holte uns. Wir dachten uns Spiele aus mit Holzstöcken und Steinen. Ausserdem assen wir Würmer. Und die Prophezeiungen trafen nicht ein: Die Würmer lebten nicht in unseren Mägen für immer weiter (…) Manche Schüler waren nicht so schlau wie andere. Sie rasselten durch Prüfungen und wiederholten Klassen. Das führte nicht zu emotionalen Elternabenden oder gar zur Änderung der Leistungsbewertung. Unsere Taten hatten manchmal Konsequenzen. Das war klar und keiner konnte sich verstecken. Wenn einer von uns gegen das Gesetz verstossen hatte, hauten ihn die Eltern nicht aus dem Schlamassel heraus. Ganz im Gegenteil. Sie waren der gleichen Meinung wie die Polizei. Wir hatten Freiheit, Misserfolg, Erfolg und Verantwortung. Mit alldem wussten wir umzugehen. Du gehörst auch dazu! Herzlichen Glückwunsch!

(Aus: Gerd Oberdorfer, “Die Forscherkiste”)

Kein weiterer Kommentar dazu. Nur noch eine Anmerkung zum Experiment mit dem Siedepunkt. Eine weitere interessante Lernerfahrung fand statt, als unsere Kinder feststellten, dass einige ihrer gemessenen Werte nicht mit den Daten im Lehrbuch übereinstimmten: Wasser 88ºC (statt 100º), Alkohol 66º (statt 78º). Hatten sie falsch gemessen? War das Thermometer nicht richtig geeicht? Oder war das Lehrbuch im Unrecht (kommt manchmal auch vor)? – Nichts von alldem. Wir wohnen im peruanischen Hochland auf 3500 Metern über Meer, und da sieden Flüssigkeiten eben bei niedrigeren Temperaturen als auf Meereshöhe. Das selber nachzumessen, ist natürlich viel eindrücklicher als es einfach theoretisch gelehrt zu bekommen.

Die Suche nach dem Berg des Herrn

14. November 2009 von NovumTestamentum

Ein Gleichnis

Vor wenigen Tagen war ich durch die Enge Pforte eingetreten. Jetzt befand ich mich auf dem Weg zum Berg Zion. Ein dichter Nebel begann die Landschaft einzuhüllen. Da ich nie zuvor diesen Weg gegangen war, freute ich mich, als mir ein Bergführer seine Dienste anbot. Er versicherte mir, dass er mich auf dem besten Weg zum Gipfel führen würde, und ich bezahlte den vereinbarten Preis. Der Führer begann ein dickes Seil zu entrollen und erklärte mir, wie ich mich daran anbinden sollte.
- “Wozu?”, fragte ich.
- “Zu deiner Sicherheit. Es gibt einige gefährliche Abgründe nahe am Weg.”
Ich band mich also am Seil an, und der Führer band sich das andere Ende um.

So gingen wir, und bald begann der Weg anzusteigen. Man konnte nicht viel sehen wegen des Nebels. Diese Seite des Berges war tatsächlich ziemlich steil. Aber der Weg war gut, sicher und bequem zu gehen, sodass ich mich fragte, warum das Seil nötig sein sollte.

Plötzlich sah ich, wie mein Führer, der vorausging, ausrutschte und neben dem Weg hinunterfiel, wo ich ihn nicht mehr sehen konnte. Aber sogleich begann das Seil, an dem ich angebunden war, auch mich gegen den Abgrund zu ziehen. Wir beide rutschten über Steine und Felsen, bis uns einige Sträucher aufhielten. Mit grosser Mühe konnten wir den rutschigen Abhang hinaufsteigen, bis wir wieder auf den Weg gelangten.

“Ich hoffe, du wirst keinen Fehltritt mehr tun”, sagte der Führer. “Es hat mich viel Mühe gekostet, dich auf den Weg zurückzubringen.”
- “Ich habe keinen Fehltritt getan”, antwortete ich.
- “Doch, natürlich”, sagte er, “du hast nicht auf den Weg aufgepasst, sonst wären wir nicht hinuntergefallen.”
Es schien unnütz, mit ihm zu diskutieren.

Wir gingen weiter, und der Nebel begann sich ein wenig zu lichten. Man konnte sogar die Sonne sehen, aber sie schien nicht mit ihrer vollen Kraft. Wir kamen auf ein Hochplateau mit mehreren Häusern. Einige Leute spazierten in dem freien Platz zwischen den Häusern umher. Der Führer hiess mich in eines der Häuser eintreten und sagte: “Willkommen im Haus Gottes.”

Dieser Ausspruch befremdete mich ein wenig, aber ich sagte nichts. Viele andere Leute waren in dem Haus. Alle standen, obwohl es mehrere Sitzbänke gab. Alle schauten in dieselbe Richtung, obwohl es dort nichts zu sehen gab. Der Führer ging nach vorne, dorthin, wohin die Leute schauten. Dies zwang mich, ihm zu folgen, da ich immer noch am Seil angebunden war.

“Ihr könnt Platz nehmen”, sagte der Führer. Wir setzten uns alle in die Bänke. Der Führer begann über das Bergsteigen zu sprechen, und wie wichtig es sei, immer am Seil angebunden zu sein und keinen Fehltritt zu tun.

Als der Führer fast eine Stunde lang gesprochen hatte, wagte ich zu sagen:
- “Entschuldigen Sie, aber ich bin auf diesen Berg gekommen, um dem Herrn zu begegnen und um die Aussicht zu sehen, die man von hier hat.”
- “Unterbrich nicht”, sagte der Führer, “dies ist das Haus Gottes.”

Ich musste eine weitere Stunde warten, bis der Führer seine Rede beendet hatte. Dann begab er sich zur Tür des Hauses, und die Leute begannen hinauszugehen. Als ich an ihm vorbeikam, sagte er zu mir: “Jetzt kannst du hier ein wenig spazierengehen.” – Ich konnte aber nicht weit gehen, denn ich war ja am Seil angebunden, und er entfernte sich nicht von der Tür des Hauses.

In einem Moment schien es mir, als sähe ich im Nebel einen hohen Gipfel, wenige Kilometer entfernt. Ich sah genauer hin, und da war tatsächlich ein hoher Berg, glänzend im Sonnenlicht, welches auf jener Höhe intensiver sein musste. Dies überraschte mich, und ich wandte mich an meinen Führer:
- “Sie sagten, der Berg Zion sei der höchste Berg in dieser Gegend.”
- “Das ist richtig.”
- “Was ist denn jener viel höhere Gipfel dort?”
- “Was für ein Gipfel?”
- “Dort”, sagte ich, und zeigte mit dem Finger die Richtung.
- “Dort ist nichts”, sagte der Führer.
- “Aber ich sehe einen Gipfel dort, sehen Sie gut hin.”
- “Nein, ich sehe nichts. Du siehst sicher eine Luftspiegelung.”

In diesem Moment durchbrach die Sonne den Nebel mit einigen stärkeren Strahlen, und die glänzenden Umrisse des hohen Gipfels zeichneten sich klar ab vor dem Himmel, der jetzt fast blau war.
- “Sehen Sie”, sagte ich, “jetzt sieht man ihn deutlich.”
- “Gut, es kann sein, dass da etwas ist, aber ich versichere dir, dass ich nie zuvor einen Berg dort gesehen habe.”
- “Dann haben Sie mich betrogen. Ich habe Sie angestellt, um mich zum Berg Zion zu führen, dem höchsten Berg dieser ganzen Region. Sie haben mich zum falschen Ort gebracht.”
- “Wie kannst du so etwas sagen? Dies ist der Berg Zion, und es ist meine Arbeit, die Menschen hierherzubringen, und das habe ich getan. Ich habe auf dem ganzen Weg auf dich aufgepasst und habe dich sicher hierhergebracht. Ohne meine Hilfe wärst du in den Abgrund gestürzt.”
- “Was auch immer dieser Ort sein mag, ich sehe dort einen höheren Gipfel und möchte dorthin gehen.”
- “Auch wenn dort tatsächlich etwas wäre”, sagte der Führer, “dann wäre es mit Sicherheit unmöglich, dorthin zu gelangen.”
- “Dann bitte ich Sie, mich zur Engen Pforte zurückzubringen.”
- “Tut mir leid, aber das steht nicht im Vertrag. Ich führe die Leute nur auf dem Aufstieg.”
- “Dann werde ich allein gehen.”
- “Wie kannst du so etwas tun? Du hast gesehen, wie gefährlich der Weg ist. Ohne meine Hilfe wärst du völlig verloren.”
- “Ich weiss wohin ich gehen will, und wenn Sie mich nicht führen wollen, dann muss ich allein gehen. Bitte lösen Sie mich von diesem Seil.”

Erst in diesem Moment fiel mir auf, wie lächerlich es war, an einem Seil an einen anderen Menschen angebunden zu gehen, auf einem völlig ebenen Platz, und sogar während wir im Haus drin waren. Aber der Führer antwortete: “Nein, das kann ich auf keinen Fall tun, das wäre völlig unverantwortlich. Hast du meine Predigt nicht verstanden? Niemand kann ohne Führer und ohne Seil in den Bergen umhergehen. Wenn du nicht an diesem Ort und in der Nähe dieses Hauses bleibst, wirst du verlorengehen.”

Somit begann ich, mich selber loszubinden, aber die Knoten hatten sich auf dem Weg derart zugezogen, dass ich sie nicht öffnen konnte. Ich versuchte einige andere Leute in der Nähe um Hilfe zu bitten, da mir der Führer auf keinen Fall helfen wollte. Zuerst schien es, als hätte mich niemand gehört. Nach vielen Versuchen fand ich schliesslich jemanden, der bereit war, mir ein Messer zu leihen. Mit diesem schnitt ich die Knoten durch.

Aber da wurde der Führer wütend: “Du hast mein Seil kaputtgemacht! Weisst du, wieviel ein solches Seil kostet? Das musst du mir jetzt gleich bezahlen!”
Viele Leute begannen sich um uns zu scharen, und es war offensichtlich, dass sie mich nicht gehen lassen würden, ohne dass ich das Seil bezahlte. Der Führer verlangte alles Geld, das mir geblieben war, bis auf den letzten Cent.

Dann suchte ich den Rückweg. Aber zu meiner Überraschung war jene Seite des Hochplateaus jetzt mit einer hohen Mauer abgeriegelt. Es gab keinen Durchgang zum Weg, auf dem ich gekommen war. Der einzige Ausweg war auf der gegenüberliegenden Seite, in der Richtung, wo ich den hohen Gipfel gesehen hatte. Der Nebel war wieder dichter geworden, und der Gipfel war nicht mehr zu sehen; aber ich erinnerte mich noch an die Richtung. Um dorthin zu gelangen, musste ich wieder an dem Haus vorbeigehen, wo der Führer war. Ich konnte hören, wie er die Leute ringsum davor warnte, mir zu folgen; und er wies sie an, jeden Kontakt mit mir zu vermeiden.

Ich überquerte das Hochplateau, das grösser war, als ich gedacht hatte. Ich sah viele verschiedene Häuser, aber in allen schienen sich ähnliche Szenen abzuspielen wie jene, die ich am Anfang erlebt hatte. Und öfters konnte ich Führer sehen, die eine oder mehrere Personen an einem Seil angebunden hinter sich her führten. Sie gaben ihnen ähnliche Anweisungen wie ich sie gehört hatte. Einige Führer warnten die Leute sogar davor, sich irgendeinem anderen Haus zu nähern, da die anderen Häuser, ausgenommen das seine, gefährlich seien. Ich versuchte mit einigen Leuten zu sprechen, aber sie konnten mich anscheinend nicht einmal sehen. Sie folgten nur ihren Führern.

Schliesslich gelangte ich an den Anfang des Abstiegs. Diese Seite des Berges war ebenso steil wie die andere; aber es gab keinen Weg, sodass der Abstieg schwierig war. Einige Male rutschte ich aus, und ich begann mich zu fragen, ob ich doch dem Führer hätte gehorchen sollen. Vielleicht war es wirklich gefährlich, hier zu gehen. Aber dann erinnerte ich mich, wie der Führer ausgerutscht war und dann mir die Schuld gegeben hatte. Ich folgerte, dass es sicherer war, ohne Führer zu gehen.

Auf einmal fiel mir das seltsame Aussehen der Felsen auf. An der Erde, den losen Steinen und dem Sand war nichts Aussergewöhnliches; aber der Fels, der an einigen Stellen zum Vorschein kam, glich keinem bekannten Gestein. Neugierig geworden, begann ich mit einem Stein gegen einen Felsen zu schlagen, um ihn zu untersuchen. Als ein Stück davon abbrach, erkannte ich, was es war: Zement!

Ich stieg weiter hinunter, und überall beobachtete ich dasselbe. Dieser Berg bestand nicht aus natürlichem Fels. Es war ein vollkommen künstlicher Berg, sicherlich mit riesigem Arbeitsaufwand erbaut, aus Zement und einigen natürlichen Bestandteilen.

Schliesslich kam ich an den Fuss des Berges. Wohin jetzt? Hier unten war der Nebel so dicht, dass man nicht einmal die Stellung der Sonne erraten konnte. Ich hatte keinen Kompass. Wie sollte ich die richtige Richtung finden? Wieder begann ich an meiner Entscheidung zu zweifeln, mich an diesen unbekannten Ort zu wagen, ohne Führer, ohne Sicherheit, und jetzt auch ohne Geld. Ich setzte mich auf einen umgestürzten Baumstamm und rief aus:
“O Herr, ich möchte nur Dich finden! Aber es scheint, dass ich mich hier verirrt habe.”

Ich weiss nicht, wie lange ich an diesem Ort geblieben war, als ich plötzlich durch den Nebel wieder jenen leuchtenden Gipfel erscheinen sah, den ich zuvor gesehen hatte. Ja, dort war er, jetzt konnte man ihn besser sehen. Nur sah er von hier viel höher und ferner aus. Wie seltsam, dass dieser Gipfel durch den Nebel hindurch sichtbar war, obwohl man nicht einmal die Sonne sehen konnte!

Ich begann, in die Richtung des Berges zu gehen. Ich musste ein verwildertes Dickicht voller Dornen durchqueren, dann einen Sumpf, mehrere Flüsse und Bäche, und unzählige andere Hindernisse. Aber immer wenn ich daran dachte aufzugeben, erschien von neuem der leuchtende Gipfel. Nach langer Wanderung kam ich zu etwas, was wie ein Weg aussah. Er war sehr schmal, voll von Steinen, und an einigen Stellen von hohem Gras und Kräutern überwachsen, als ob während vielen Jahren niemand hier entlanggegangen wäre. Er konnte sich überhaupt nicht mit dem sicheren und gut unterhaltenen Weg vergleichen, der auf den Zementberg führte. Aber zweifellos war es ein Weg, und er führte in Richtung des Gipfels.

Ich fragte mich, ob dieser Weg von der Engen Pforte herkam; und falls es so war, warum ich ihn nicht gesehen hatte. Aber dann erinnerte ich mich, dass ich dem Führer gefolgt war, sobald der Nebel aufgekommen war; und von da an hatte ich auf keinen anderen Weg mehr geachtet. Wieder fühlte ich Ärger gegen den Führer und seinen Betrug. Aber da war es, als ob eine Stimme mit den Worten des Meisters zu mir spräche:
“Ich bin der gute Hirte. Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir.”

Wie konnte ich es vergessen? Der Meister hatte mir gesagt, ich solle ihm folgen. Nicht einem Menschen, nicht einem Führer, sondern ihm. Es war meine eigene Schuld, dass ich jenem Führer gefolgt war. Deshalb war es klar, dass ich den Herrn nicht finden konnte an dem Ort, wohin mich der Führer gebracht hatte. Mir kam auch der Gedanke, dass der Führer, obwohl er nicht ganz ehrlich war, vielleicht doch die Leute nicht bewusst irreführte. Vielleicht glaubte er aufrichtig, jener Berg sei der wirkliche Berg Zion.

Ich kniete nieder wo ich war, auf dem steinigen Weg, und bereute meinen Fehler und bat den Meister um Vergebung, weil ich nicht auf seine Stimme gehört hatte.

Sofort fühlte ich eine grosse Sicherheit, dass ich mich auf dem richtigen Weg befand. Und ich bemerkte, dass der Weg schon seit längerer Zeit aufwärts geführt hatte, und dass die Sonnenstrahlen wieder durch den Nebel drangen. Ich ging weiter aufwärts. Dieser Berg war noch steiler als der andere, und der Weg schmaler und schwieriger, aber dennoch hatte ich keine Angst mehr, hinunterzufallen.

Einige Minuten später verschwand der Nebel ganz. Vor mir befand sich der hohe leuchtende Gipfel. Er glänzte in der Sonne, und seine majestätischen Umrisse hoben sich scharf gegen den blauen Himmel ab. Noch stand mir ein langer Aufstieg bevor, aber der Weg war jetzt angenehmer im vollen Sonnenlicht.

Wenig später holte ich einen anderen Wanderer ein, der denselben Weg hochstieg. Er war schon älter und sah ein wenig müde aus.
- “Wo gehen Sie hin?”, fragte ich.
- “Zum Berg Zion.”
- “Dann ist dies der echte Berg Zion?”
- “Natürlich, wie kannst du daran zweifeln? Wenn du hier bist, dann ist es, weil der Meister dich hierher brachte. Es gibt keine andere Möglichkeit, diesen Weg zu finden. Aber du bist sicher mit dem falschen Berg betrogen worden.”
- “Ja, und auch von einem falschen Führer, wegen meiner Unvorsichtigkeit. Weisst du davon?”
- “Ja, ich habe mich auch einmal dorthin verirrt.”
- “Und hast du auch diese ganze wilde Gegend zwischen den zwei Bergen durchquert?”
- “Schlimmer, mein Bruder, noch schlimmer. Als ich verstand, dass ich den Herrn auf dem falschen Berg nicht finden konnte, entschied ich, dass alles, was ich über den Berg Zion gehört hatte, lauter Märchen und Betrug waren. Ich stieg vom Berg hinunter, suchte die Enge Pforte und ging durch sie hinaus.”
- “Aber dann bist du ganz verlorengegangen!”

- “So schien es. Ich befand mich sofort in der dunkelsten Finsternis, die du dir vorstellen kannst. Ich begann alles zu vergessen, was mir der Meister einmal gesagt hatte. Aber ob du es glaubst oder nicht, sogar dort fühlte ich mich freier als auf dem falschen Berg. So lebte ich viele Jahre in dieser Finsternis.
Eines Tages besuchte mich ein entfernter Verwandter, der weit gereist war. Er begann mir vom Berg Zion zu erzählen. Ich unterbrach ihn sogleich: ‘Sprich mir nicht davon. Ich bin dort gewesen, und ich habe gesehen, dass das alles ein riesiger Betrug ist.’ Aber er bat mich, ihm von meinen Erfahrungen zu erzählen. So erzählte ich ihm alles, was mir geschehen war an jenem Ort, wo man mit Seilen angebunden wird. Er antwortete mir: ‘Das ist nicht der Berg Zion. Ich bin auf dem echten Berg gewesen, und ich versichere dir, die Liebe des Herrn ist Wirklichkeit dort.’ Ich wollte ihm nicht glauben, aber es war etwas an seiner Person, was mich das Gespräch nicht vergessen liess. Seine letzten Worte an mich waren: ‘Falls du dich einmal entschliessen solltest, zum echten Berg zu gehen, dann suche den Meister. Ich kann dich nicht führen, aber der Meister weist niemanden zurück, der ihn von ganzem Herzen sucht.’”

- “Dann gingst du also diesen Weg suchen?”

- “Ich schob die Entscheidung viele Monate hinaus. Erst als mir eines Tages die Finsternis unerträglich wurde, nahm ich den Weg unter die Füsse. Und da erhob sich ein wahrer Krieg gegen mich. Ich habe einige Freunde, die auf dem falschen Berg leben und sich dort sehr gut fühlen, und sie bestanden darauf, mich wieder dorthin zu führen. Einige wollten mich sogar mit Gewalt hinschleppen. Andere sagten mir: ‘Du hast den Meister verleugnet, du hast ihn verlassen, jetzt wirst du nie mehr durch die Pforte hineingehen können. Er wird dich nicht mehr aufnehmen.’”

- “Und, Bruder”, fragte ich, “wie konntest du dann diesen Weg finden?”

- Der alte Mann lächelte: “Ich tat, was mir mein Verwandter geraten hatte: Ich suchte den Meister. Und er machte mir klar, dass ich nicht ihn abgelehnt hatte, da ich ihn ja gar nie wirklich kennengelernt hatte. Was ich abgelehnt hatte, war lediglich eine Fälschung seines heiligen Berges. Sobald ich dies verstand, war es kein Problem für mich, wieder zur Engen Pforte einzutreten und diesen Weg zu finden. Er hat mich nicht zurückgewiesen, genau wie er es versprochen hat.”

Dann wurde sein Gesichtsausdruck ernst. “Aber es gibt viele andere, die auf dieselbe Weise betrogen und enttäuscht wurden, und die immer noch in derselben Finsternis leben wie ich damals, und nichts mehr vom Meister wissen wollen. Oh, wenn sie doch nur diesen wunderbaren Ort sehen könnten!”

Ohne es zu bemerken, waren wir während unseres angeregten Gesprächs dem Gipfel schon sehr nahe gekommen. Die Sonne war nahe am Untergehen, aber der Berggipfel leuchtete immer noch mit demselben Glanz, und es schien mir, als ob wir selber ebenfalls leuchteten. Auf dem Gipfel konnte ich andere leuchtende Wesen erkennen, vereint in einer glücklichen Harmonie. Und da, vor uns, stand der Herr, bereit uns aufzunehmen in seiner unaussprechlichen Liebe.

Wie wir Freizeitchemiker unsere Chemikalien fanden

7. November 2009 von NovumTestamentum

Ich werde nicht gerne politisch, aber leider beeinflusst die Politik heutzutage sogar unsere Hobbies. Die USA nehmen ihren “Krieg gegen Drogen und Terror” zum Anlass (oder Vorwand?), den Verkauf der meisten Chemikalien zu verbieten, da sie zur Herstellung von Drogen oder Sprengstoff verwendet werden könnten. (Privatpersonen können heute in den USA nicht einmal mehr Jodtinktur oder Zitronensäure kaufen, ohne sich einer komplizierten Befragung und Registrierung zu unterziehen!) Da Perú mit den USA auf gutem Fuss stehen möchte, ist diese Tendenz auch hierzulande spürbar. Jodtinktur können wir zwar noch kaufen, aber um Ammoniaklösung oder Natronlauge zu bekommen, müssten wir ein registriertes Unternehmen eröffnen… Meine Frau ist darauf hingewiesen worden, dass auch der Verkauf von Salzsäure demnächst verboten wird (dabei tragen wir alle in unseren eigenen Mägen Salzsäure mit uns herum). – Soweit ich informiert bin, geschieht in Europa Ähnliches.

Ich erlaube mir hier meine Meinung kundzutun, dass diese ganze Registrierung und Kontrolle ein Witz ist (oder ein schlauer Schachzug von “Big Brother”?). Wer die Gesetze umgehen will, findet immer einen Weg, das zu tun. Der Geschädigte ist der Normalbürger, der in seinem redlichen Bemühen gehindert wird, nützliche Produkte zu erwerben. Um etwas theologisch zu werden: Das Gesetz bewirkt (vielleicht) Erkenntnis der eigenen Bosheit (Sünde), aber es befreit nicht davon (frei nach Römer 3,20).

Und was die Gefährlichkeit von Chemikalien betrifft, gibt es einen zusätzlichen Witz: Als “Lejía” (was eigentlich Natronlauge heisst) wird hier in jedem Laden Bleich- oder Javelwasser (Natriumhypochlorit) verkauft. Dieses setzt im Kontakt mit Säuren (z.B. Essig) giftiges Chlorgas frei, was Natronlauge nicht tut. – Ausserdem können selbst “ungefährliche” Substanzen, die in fast jedem Haushalt anzutreffen sind, unter bestimmten Voraussetzungen explosiv werden. (Details dazu werde ich nicht verraten, da vielleicht meine Buben oder andere Unbefugte mitlesen…)

Wir haben inzwischen unser Ammoniak mit Hilfe von gelöschtem Kalk und Kunstdünger selber hergestellt (jedes Ammoniumsalz dient dazu). Auch Chlorgas haben wir gemacht (siehe oben), unter kontrollierten Bedingungen natürlich.

Meine Frau brachte einen Tag damit zu, Chemikalien zu suchen. Frei erhältlich waren nur Natriumbikarbonat (Backsoda), Salzsäure (z.Z. noch), Silbernitrat, gelöschter Kalk und verschiedene Kunstdünger; das war schon fast alles. Schliesslich fand sie immerhin noch Schwefel und Kupfersulfat – das gab es in keinem Laden und in keiner Apotheke, aber am Marktstand eines obskuren Medizinmannes. Es scheint, dass wir allmählich zum Mittelalter zurückkehren, als Chemie die esoterische Kunst einiger weniger eingeweihter Alchemisten war…

Schwefelsäure ist verboten; aber wenn wir welche bräuchten, könnten wir natürlich eine alte Autobatterie öffnen.

Metalle: Perú ist ein grosser Produzent von Kupfer, Eisen, Silber und Gold. Bleidrähte werden als elektrische Sicherungen verwendet. Andere Metalle sind hingegen schwierig zu finden. Erst seit ganz kurzer Zeit kann man im Supermarkt Aluminiumfolie kaufen. In allen grösseren Eisenwarenhandlungen und Elektrogeschäften suchte ich vergebens nach Magnesium und Zink. Dann las ich, dass metallene Bleistiftspitzer meistens ein Gehäuse aus Magnesium haben (um die Klinge vor dem Rosten zu schützen); mit ein wenig Glück konnten wir einen solchen finden.

Jetzt haben wir also einige Chemikalien, mit denen man interessante Experimente machen kann. Ein andermal mehr darüber…

Meine zweite Bekehrung (Teil 2)

1. November 2009 von NovumTestamentum

Die “zweite Bekehrung”, um die es hier geht, war hauptsächlich eine Bekehrung zu einer neutestamentlichen Sicht von christlicher Gemeinde. Im ersten Teil dieses Artikels habe ich einige Erlebnisse erwähnt, die mich zu dieser zweiten Bekehrung führten.

Es gab in diesem Prozess manche Parallelen zu meiner “ersten Bekehrung” (http://christlicheraussteiger.wordpress.com/2009/05/21/wie-jesus-mich-fand/ ) (d.h. meiner Hinwendung zu Jesus Christus):

Viele biblische Wahrheiten hatte ich schon Jahre vor meiner Bekehrung verstandesmässig begriffen und akzeptiert, und davon gesprochen. Was den Anstoss gab zu meiner Bekehrung, war dass Gott mir aufzeigte, wie weit mein eigenes Leben von diesen Wahrheiten entfernt war, und wie sehr ich deshalb Ihn selber nötig hatte.
Etwas ganz Ähnliches ist jetzt inbezug auf meine Vorstellung von der Gemeinde geschehen. Vieles von dem, was ich beschrieben habe und noch beschreiben werde, wusste ich schon seit Jahren. (Schon während meines Theologiestudiums hatte ich mich gewundert, wie es möglich war, dass bewanderte Bibelforscher wie selbstverständlich annahmen, die neutestamentliche Gemeinde hätte etwa so funktioniert wie eine heutige Landes- oder Freikirche; und wie diese Bibelgelehrten dann die Strukturen ihrer eigenen Konfession bzw. Denomination in die neutestamentlichen Texte hineinlasen – wo doch die Urgemeinde so offensichtlich anders war als heutige Gemeinden.) Aber während der vergangenen Jahre war es, als ob Gott ganz deutlich die Gewissensfrage an mich richtete: “Wenn du schon verstanden hast, dass die heutigen Gemeinden nicht auf neutestamentliche Weise aufgebaut sind, warum hilfst du dann trotzdem mit, diese Strukturen aufrechtzuerhalten und zu festigen?” – Und wieder musste ich feststellen, dass mein Leben und meine Praxis bei weitem nicht mit dem übereinstimmten, was ich aus der Bibel weiss.

Ich musste also für mich selber eine klare Grenze ziehen: hier herkömmliche Gemeinde, da neutestamentliche christliche Gemeinde. Genau wie bei meiner ersten Bekehrung: hier traditionelle Namenschristen, da wiedergeborene Nachfolger Jesu. Und als ich anfing, diese Grenzziehung vorzunehmen, gab es jede Menge Leute, die mich miss- oder gar nicht verstanden, über mich erbost waren, und alle möglichen hässlichen Dinge sagten und taten. Bei meiner ersten Bekehrung waren das hauptsächlich Mitglieder der Landeskirche, die nicht nachvollziehen konnten, dass es so etwas wie eine Bekehrung überhaupt gibt (und erst recht nicht, dass dies zum Christsein notwendig sein soll). Bei meiner zweiten Bekehrung ärgerten sich vor allem Leiter und Mitarbeiter von Freikirchen. Sie fühlten sich in ihrem (falschen) Frieden gestört und angegriffen, als ich anfing zu behaupten, neutestamentliche Gemeinde sei etwas anderes als was ihr jeweiliger Gemeindeverband vorschreibt und vorlebt. Aber ich muss auch hier sagen: Seit ich mit dem Echten in Berührung gekommen bin, kann ich mich nicht mehr mit einer billigen Nachahmung zufriedengeben. Genauso wie das traditionelle Namenschristentum eine billige Nachahmung von wirklichem Christsein ist, so ist das traditionelle Gemeindetum (sei es landes- oder freikirchlich) nur eine billige Nachahmung von echter christlicher Gemeinde.

Im folgenden möchte ich einige Prinzipien anführen, die ich neu ernstnehmen musste oder zum ersten Mal überhaupt begriffen habe:

1.- Wirkliche “Gemeinde” basiert nicht auf institutionellen Strukturen, sondern auf persönlichen Beziehungen.

Als ich von meinem ersten Jahr in Perú zurückkehrte, unter falschen Anschuldigungen ausgeschlossen von der Missionsgesellschaft, mit der ich gearbeitet hatte, da musste ich feststellen, dass ich ausgerechnet in der Gemeinde, die mich ausgesandt hatte, kaum einen echten Freund hatte. (Ob jemand ein echter Freund ist, erkennst du erst, wenn du in Not bist!)
Aber in den heutigen Gemeinden dominieren anscheinend “institutionelle” Überlegungen: ob Personalbedarf herrscht; ob jemand von der Denomination “anerkannt” ist; ob ein Pastor “ordnungsgemäss ordiniert” ist; usw.
In der Urgemeinde gab es keine Diplome oder Ausweise, die jemanden als Prediger oder Mitarbeiter “anerkannten”; aber die Christen kannten einander persönlich. Ein Leiter konnte seine wahre Persönlichkeit nicht hinter einem Kanzelauftritt oder einem Büroschreibtisch verstecken; denn bei der intensiv gepflegten Gastfreundschaft kam er nicht darum herum, sein wahres Privat- und Familienleben vor seinen Glaubensgeschwistern zu offenbaren. Dadurch wurde der Gemeinde ziemlich bald klar, wer wirklich nahe bei Jesus war. In einer solchen Umgebung konnte nicht so schnell geschehen, was in heutigen Gemeinden schon fast die Regel ist: dass Machtmenschen und rückgratlose Politiker in der Leiterschaft dominieren.

Zudem ist es erstaunlich, in welch hohem Grade es möglich ist, “Kirche zu spielen”, ohne dass echtes geistliches Leben da ist. Wie oft habe ich Lobpreiszeiten erlebt, wo die Teilnehmer dazu gedrängt (soll ich sagen manipuliert?) wurden, alle möglichen äusserlichen Dinge zu tun, um einen “glücklichen Eindruck” zu erwecken: “Wie kannst du ein trauriges Gesicht machen, wenn Gott da ist? Schaut einander an und lächelt!” – “…Und jetzt singen wir es noch einmal, aber doppelt so laut, damit die Mächte der Finsternis zittern!” – usw. – Wie oft sehe ich, dass “Treue im Glauben” einzig daran gemessen wird, wie häufig jemand die Gemeindeveranstaltungen besucht! – Wie oft höre ich Gebete, in denen der Beter trotz ellenlanger frommer Formulierungen nicht klar ausdrücken kann, was er eigentlich von Gott nötig hat, möchte oder erwartet! Hauptsache, er betet, wenn er an der Reihe ist. – Institutionelle Formen und Programme entwickeln leider ein Eigenleben, das noch lange weiterbesteht, wenn das echte geistliche Leben längst daraus verschwunden ist.

“Und lasst uns darauf achten, einander zur Liebe und zu guten Werken anzuspornen, und unsere Versammlung nicht verlassen, wie es bei etlichen Sitte ist, sondern vielmehr ermahnen…” (Hebräer 10,24-25)

Diese Verse werden oft dazu benutzt, Gemeindemitgliedern ein schlechtes Gewissen zu machen, wenn sie nicht jeden Gottesdienst besuchen. Aber steht hier wirklich etwas von “Gottesdienstbesuch”? – Das Schwergewicht der Aussage liegt eindeutig auf “einander zur Liebe und zu guten Werken anzuspornen”. Ein Gottesdienst, in dem dies nicht geschieht, qualifiziert also nicht als “Versammlung” im Sinne dieser Bibelstelle. Man beachte, dass hier steht “einander” – es heisst nicht “eine Predigt über Liebe und gute Werke zu hören”. Erst wenn wir anfangen, eine Gemeinschaft zu pflegen, wo wir einander im Sinne Gottes anspornen und ermutigen (das mit “ermahnen” übersetzte Wort bedeutet vor allem “ermutigen”, “aufmuntern”, “trösten”), mit aktiver Beteiligung aller, erst dann dürfen wir auch wieder diese Verse anwenden.

Das biblische Bild für die Gemeinde ist nicht die Institution, das Unternehmen oder die Veranstaltung; sondern die Familie, der Leib, die Braut – also etwas Organisches, nicht etwas Organisiertes; etwas, was lebt, nicht etwas, was “funktioniert”.


2.- Wo Leiterschaft das geistliche Leben hindert statt fördert, handelt es sich nicht wirklich um geistliche Leiterschaft.

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